Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Das flaue Gefühl in meinem Magen nahm allmählich ab, mit jedem Schritt, den wir wieder zurück zur Terrasse gegangen waren. Celerina lud mich schließlich ein, durch den flavischen Garten lustzuwandeln. Ich kannte ihn zwar bereits, wollte diese Einladung jedoch nicht abschlagen. "Das würde mich sehr freuen", erwiderte ich, auch wenn sich allmählich das flaue Gefühl wieder einstellte. War ich zu sensibel, oder verbargen ihre Worte tatsächlich gleich zwei Anspielungen, die rein gar nichts mit Pflanzen zu tun hatten?


    Ich rettete mich mit einem Schluck aus dem Kelch, über dessen Rand hinweg ich Celerina ansah. Ein paar Fragen unverfänglicherer Natur fielen mir noch ein, wir unterhielten uns noch eine Weile recht angenehm, und dann wurde es allmählich Zeit für eine Verabschiedung.


    Wir standen bereits wieder im atrium, Celerinas Sklavin wartete an ihrer Seite, und ich verabschiedete mich. "Es war ein überaus angenehmer Nachmittag, Celerina. Ich hoffe, er hat dir ebenso gefallen wie mir", sagte ich höflich und neigte den Kopf. Leone wartete derweil darauf, dass die beiden sich dem Eingangsportal näherten, um ihnen fürsorglich die Tür zu öffnen.

    "Ja", entgegnete ich trocken. "Ich verstehe, was du meinst." Der Knabe hatte nicht nur rhetorischen Feinschliff nötig, sondern zunächst einmal einen Grundschliff. Ich fragte mich, ob Ursus dieser Sache gewachsen war und bezweifelte dies ehrlicherweise. Einen Moment lang musterte ich Louan, ganz so, als wollte ich herausfinden, was wirklich hinter seiner Stirn vorging.


    Über meine Bitte schein er überrascht zu sein, was ich ihm jetzt im Nachhinein nicht verübeln konnte. Andererseits kannte er meine Passion wohl noch nicht - was sich mit der Zeit allerdings ändern würde, wenn er weiterhin hier lebte. "Natürlich", erwiderte ich. "Mit welchen Utensilien kannst du am besten Zeichnen? Ich kann dir auch Farbe bringen lassen." Das war einer der Vorteile, wenn man Geld hatte, man konnte sich bei Kleinigkeiten schon etwas Luxus leisten. "Siv wird dir später die Pflanze zeigen. Es ist eine Orchidee, und sie hat vor ein paar Tagen ihre erste Blüte getrieben. Die Zeichnung soll ein Geschenk werden, Louan, und sie muss daher sehr authentisch wirken. Wenn du deine Sache gut machst, werden wir sehen, was es als Belohnung gibt." Das war hoffentlich ein Ansporn, der den Jungen genügend antrieb. Vermutlich hörte er schon die Münzen klingeln.

    "Handel?" echote ich verwundert und schüttelte dann schmunzelnd den Kopf. "Nein, Laevina. Unsere Wurzeln mögen im Handel liegen, aber es ist nicht üblich, dass Patrizier Handel betreiben. Wir besitzen zwar einiges an Gütern, beispielsweise einen Olivenhain und diverse Tierzuchten, doch kümmern sich Bedienstete um den Vertrieb und derlei. Ich lasse eine Zweimast corbita bauen. Sie wird nur der Vergnügung dienen."


    Ich verschränkte die Arme vor der Brust und musterte das Mädchen. Vor kurzem hatte ich eine Einladung von Tiberius Durus erhalten. Ob ich Laevina mitnehmen sollte? Nun, zuerst sollte ich vielleicht herausfinden, ob noch andere Frauen kommen würden, damit sie sich nicht langweilte. Es würde später noch Zeit sein, sie zu fragen. Kaum entschuldigte sie sich, da blitzte der Schalk in meinen Augen und ich musste lachen. Sie war eine Frau nach meinem Geschmack, und sie schien Humor zu haben. Eine sehr gute Voraussetzung, fand ich. Das würde einiges leichter machen, angefangen beim Zusammenwohnen und endend bei der Suche nach einem geeigneten Ehemann. "Rom ist groß. Du wirst es an einem Tag wohl kaum erkunden können, vielmehr wirst du Wochen brauchen, ehe du alles gesehen haben wirst. Aber Laevina", sagte ich und sah sie ernst an. "Tu mir bitte einen Gefallen und geh nicht allein hinaus. Ich möchte, dass dich stets einige Sklaven begleiten, wenn du das Haus verlässt. Wende dich einfach an Brix, er ist der maiordomus und wird dir weiterhelfen können bei der geeigneten Wahl." Ich fuhr mit mit der Hand über den Nacken. "Ich werde dir vermutlich nicht viel zeigen können, gerade derzeit habe ich sehr viel zu tun. Du könntest dich aber an Prisca wenden, meine Nichte. Sie ist schon eine ganze Weile hier und kennt sich gut aus in der Stadt. Oder du fragst Orestes. Ursus wird vermutlich zuviel zu tun haben, immerhin wurde er gerade zum quaestor gewählt. Minervina täte es auch gut, auf andere Gedanken zu kommen...wie wirkt mir in letzter Zeit sehr frustriert. Vielleicht tut euch beiden eine gemeinsame Erkundung ganz gut. Und dann wäre da noch Avianus, den du fragen könntest. Ansonsten steht dir natürlich die Möglichkeit offen, Rom auch allein zu erkunden."


    Leider schüttelte Laevina den Kopf, als ich sie nach etwas zu essen fragte. "Ah, schade, ich hätte dich sonst gefragt, ob du nicht mitkommen möchtest, ich habe mir nämlich ein wenig zu essen auf die Terrasse bestellt", erwiderte ich und zwinkerte ihr zu.

    Schon öffnete ich meinen Mund, um Louan zu verabschieden - ich war froh, dass er selbst darauf anspielte - als Orestes ihn einlud. So schloss ich den Mund wieder, räusperte mich und deutete wahllos nach vorn. "Die Apicia, denke ich", sprach ich, und schon liefen wir los. Vorbei an den Germanicern... "Nun ja, Avarus scheint mir bisweilen Wert darauf zu legen, ein Wort zu wechseln, wenn man ihm einen Sklaven wegschnappt. Zumindest bei den letzten beiden Malen." Ich grinste flüchtig. Dann hatten wir auch schon den Sklavenmarkt verlassen.

    Da waren wir also, die Taverne des Apicius. Schon beim Eintreten nahmen einen diverse köstliche Düfte gefangen und ließen zumindest mich überlegen, ob ich nicht auch etwas essen sollte, statt nur einen Becher Wein zu ordern. Ich fragte nach einem entsprechend großen Tisch, und eine dürre Brünette führte uns nach rechts, wo es einen freien runden Tisch gab. Daraufhin ließ sie uns erstmal allein. Ich setzte mich. "So, da wären wir also. Ich war schon eine Weile nicht mehr hier... Hat sich gar nicht veränderte, die Taverne." In der Tat sah sie immer noch so aus wie vor ein paar Jahren. Kurz darauf kam die Bedienung an den Tisch. Ich hatte mich inzwischen dafür entschieden, für uns alle eine kleine Platte zu bestellen, was ich - nebst einer großen Amphore Wein - auch tat. "Wollt ihr etwas anderes als Wein?" fragte ich in die Runde, denn der große Krug war sicherlich nicht für mich allein bestimmt.

    Die Diskussion schien mir etwas schwerfällig aufzukommen, doch angesteckt von den übrigen, meldeten sich bald auch die anderen pontifices zu Wort. Ich stellte ein wenig überrascht fest, dass sich diese Zusammenkunft im Grunde gar nicht von den Treffen der Siebenmänner unterschied. Hin und wieder warf ich einen kurzen Blick zum Kaiser hin, der auf mich schläfrig und desinteressiert wirkte, was ich nun gar nicht nachvollziehen konnte.


    "Mit Verlaub", erwiderte ich auf den Hinweis, die Priester in die Pflicht zu rufen. "Ich persönlich erachte es als unvorteilhaft, die Bürger zu zwingen, sich den Göttern zuzuwenden. Wie viele Opfer würden verdorben, wie viele Menschen fehlgeleitet werden, wenn derjenige, den man zur Priesterschaft gewzungen hat, nicht mit Leib und Seele und dem Herzen bei der Sache ist?" Ich schüttelte den Kopf. Das Ausmaß an Chaos mochte ich mir nicht vorstellen. "Wenn man jedoch einen größeren Anreiz bietet, dem cultus beizutreten, dann bleibt die Entscheidung den Bürgern überlassen. Sicherlich werden viele des Verdienstes wegen Priester werden wollen, doch steht dahinter die Absicht, die Familie besser zu ernähren, und ist dies nicht ein sinnvoller Ansporn? Reichtümer lassen sich wahrlich keine anhäufen mit dem Erlös aus der religiösen Arbeit. Trauriger Fakt ist, dass es zu wenige gibt, die rein wegen der Götter der Priesterschaft beitreten." Ein wenig Gemurmel entstand, ich blickte zum Kaiser hin.


    Der Einwand des Fabius Antistes machte mich wütend, doch konnte ich mich schlecht gehen lassen. Ich hatte lange überlegt, ob es sinvoll wäre, dem gesamten collegium oder nur dem Kaiser die schockierende Nachricht zu überbringen. Ich hatte mich entschieden und die Entscheidung verworfen, um wieder eine neue zu treffen. In diesem Augenblick wollte ich nur, dass es alle erfuhren. So dreist und unbescholten, wie er sich gab! Ich knirschte mit den Zähnen. "Und sollte nicht der rex sacrorum ein Vorbild für jeden Priester in unserem Reich sein?" fragte ich spitz zurück. Es war ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um die Bombe hochgehen zu lassen. Wir waren mir der Diskussion noch nicht soweit, dass ich das nächste Thema anschneiden konnte. Und auch wenn ich den Fabier bestraft sehen wollte, so war es von großer Wichtigkeit, dass die Diskussion über die schwindende Priesterschaft zuerst zu einem akzeptablen Ende fand, ehe ich auf Antistes zu sprechen kam. So beherrschte ich mich, mühsam, und schluckte den Ärger vorerst hinunter, auch wenn einige pontifices verwirrt in meine Richtung sahen - was angesichts meiner Bemerkung auch nicht weiter verwunderlich war. "Das collegium septemvirorum empfiehlt, die Einnahmen der Priesterschaft aus der Staatskasse aufzustocken, ja. Bedenkt, dass hier mehr Priester auch mehr Opfer bedeuten, und im Idealfall mehr Opferwillige, die Geld in die Kassen bringen." Erneut warf ich einen Blick zum Kaiser, dann zu Antistes. Ob der bereits Lunte gerochen hatte?

    "Das erging mir nicht anders während meiner Zeit als quaestor urbanus, Caius", erwiderte ich grinsend. "Danke für deine Glückwünsche." Ein wahres Durcheinander entstand darauf für einen kurzen Moment, hier wurde gegrüßt, dort Begrüßungsworte ausgetauscht. Ich war ernsthaft erleichtert, dass Celerina die Form wahrte und mich nicht vor aller Ohren Marcus nannte, ehe alles offiziell war, und darob war das Lächeln, welches ich ihr erwiderte, aufrichtig erfreut. Einige Sklaven liefen bereits mit Tabletts bewaffnet umher, und ich nahm mir einen Becher mit - so vermutete ich - verdünntem Wein.


    Kurz darauf kamen auch schon die ersten Soldaten in Sicht, ich selbst erkannte von den dort anwesenden Männern nur den Artorier wieder, denn mit er hatte damals am gleichen Kurs wie ich teilgenommen in der Akademie. Siv hielt sich derweil im Hintergrund, was ich zufrieden zur Kenntnis nahm. Allmählich lockerte sich das Grüppchen auf, der Bräutigam eilte seinen ehemaligen Kameraden entgegen, die junge Mutter einem mir unbekannten Mann, und Gracchus entschuldigte sich ebenfalls, sodass ich mich nunmehr bei Aquilius und Celerina stehend wiederfand, als gerade etwas Rotes durch die Blätter schimmerte und kurz darauf die Braut das Parkett betrat und grazil wie ein Schmetterling am Rande der Terrasse verharrte. Wie das Sonnenlicht auf ihren Schultern spielte und einer Korona gleich den roten Schleier umhüllte, wirkte sie mehr wie eine Nymphe denn wie ein sterbliches Wesen. Flüchtig blitzte etwas wie Neid in mir auf, doch mit einem kleinen Schluck Wein spülte ich ihn hinunter und betrachtete aus den Augenwinkeln Celerina. Sie würde doch sicher auch eine hübsche Braut abgeben, und das warme Strahlen der Mutterschaft, das Antonia innewohnte, würde auch sie erstrahlen lassen. Irgendwann. "Aristides ist wahrhaftig ein Glückspilz", sagte ich zu den beiden, mit Blick auf Epicharis.

    Ich meld mich auch schon mal ab. Dafür, dass die mich mal wieder mit Arbeit zuschütten, geh ich zum Ausgleich von Freitagnachmittag bis Samstagabend oder so zocken. Wann ich dann danach wieder zu gebrauchen bin oder ob zwischendurch mal schnell was tippe, weiß ich noch nicht, spätestens Montag sollte ich mich dann aber ausgeschlafen haben (alles andere wär schlecht :D).


    @ Aquilius: Viel Spaß im Regen wünsch ich euch, und bringt meine Korrekturleserin ohne Erkältung zurück, sonst musst du die Rechtschreibfehler der nächsten Ausgabe ausmerzen. :P

    Die Sänfte war bereits fortgebracht worden. Rotgold gewandete Sklaven dirigierten Siv und mich durch das Tor in den bunten, wohlduftenden Garten hinein. Siv war zur Feier des Tages eine neue tunica in tiefdunklem Blau verpasst worden. Sie brachte ihre Augen zur Geltung. "Ich weiß zwar nicht, warum von der üblichen Tradition abgewichen wird, aber die Idee mit der Gartenfeier gefällt mir", sagte ich zu Siv, die nach all der Zeit sicherlich wusste, dass man normalerweise im Hause der Braut feierte und mit dem Brautzug dann in deren neues Heim an der Seite des Mannes zog.


    Kies knirschte unter unseren Füßen, goldenes Sonnenlicht funkelte auf dem ebenso goldenen Senatorenring an meinem Finger. Gestern erst war ich in den Senat berufen worden, vermutlich wusste bisher niemand davon außer den anwesenden Senatoren. Ich trug die Abzeichen eines Senators mit Stolz, sie standen für mich dafür, dass es endlich wieder bergauf ging mit der Familie.


    Das weißrote Tuch der Braut konnte ich bisher nirgendwo entdecken, wohl aber fanden sich allerorts rote und goldene Farbtupfer, und inmitten der festlich geschmuckten Terrasse unter einem riesigen Sonnensegel stand bereits ein kleines Grüppchen. Ein flavisches, wie ich im Näherkommen bemerkte. Und Celerina befand sich bereits unter ihnen. Ich trat hinzu und grüßte die Anwesenden. "Salvete." Zu Aristides gewandt, der schließlich sozusagen der Gastgeber war, fuhr ich fort. "Ein herrlicher Tag und ein sehr angemessenes Ambiente für euer Vorhaben. Die Götter mussten mit Wohlwollen auf Epicharis und den Flavier hinabschauen, da sie ihnen ein solch herrliches Wetter präsentierten. Der Reihe nach begrüßte ich nun die anderen Anwesenden. "Celerina, du strahlst mit der Sonne um die Wette. Es ist schön, dich wiederzusehen. Und dich, Caius. Hast du die Amtszeit gut überstanden? Ah, und Claudia, wie ich sehe, ist es doch kein Gerücht. Meinen herzlichsten Glückwunsch, dir natürlich auch, Gracchus."



    [SIZE=4]edit: Fehlerteufel[/SIZE]

    Zu lange war es her, dass ein Mann aus meiner Familie vor den Senat getreten war und diese Worte geleistet hatte. Nicht nur deswegen erfüllte es mich mit Stolz, heute und hier den Amt zu leisten. Ich tat es als Marcus Aurelius Corvinus, doch vor allem leistete ich den Eid als Aurelier.


    Ein neuer Ring zierte nun meine Finger, der goldene Senatorenring, wie auch der breite purpurne Streifen meine toga zierte. Als letztes Abzeichen meines neuen Status innerhalb Roms Gesellschaft trug ich rote Schuhe. Der Eid war mir wohlbekannt, und so fiel es mir nicht weiter schwer, ihn nun hier vor dem Gremium zu leisten.


    "EGO, MARCUS AURELIUS CORVINUS, HAC RE IPSA DECUS IMPERII ROMANI
    ME DEFENSURUM, ET SEMPER PRO POPULO SENATUQUE
    IMPERATOREQUE IMPERII ROMANI ACTURUM ESSE
    SOLLEMNITER IURO.


    EGO, MARCUS AURELIUS CORVINUS, OFFICIO SENATORIS IMPERII ROMANI ACCEPTO,
    DEOS DEASQUE IMPERATOREMQUE ROMAE IN OMNIBUS MEAE VITAE
    PUBLICAE TEMPORIBUS ME CULTURUM, ET VIRTUTES ROMANAS
    PUBLICA PRIVATAQUE VITA ME PERSECUTURUM ESSE IURO.


    EGO, MARCUS AURELIUS CORVINUS, RELIGIONI ROMANAE ME FAUTURUM ET EAM
    DEFENSURUM, ET NUMQUAM CONTRA EIUS STATUM PUBLICUM ME
    ACTURUM ESSE, NE QUID DETRIMENTI CAPIAT IURO.


    EGO, MARCUS AURELIUS CORVINUS, OFFICIIS MUNERIS SENATORIS
    ME QUAM OPTIME FUNCTURUM ESSE PRAETEREA IURO.


    MEO CIVIS IMPERII ROMANI HONORE, CORAM DEIS DEABUSQUE
    POPULI ROMANI, ET VOLUNTATE FAVOREQUE EORUM, EGO
    MUNUS SENATORIS UNA CUM IURIBUS, PRIVILEGIIS, MUNERIBUS
    ET OFFICIIS COMITANTIBUS ACCIPIO."

    Alles tat ihr leid. Zitterte sie? Zumindest schwankte ihre Stimme. Ich runzelte ansatzweise die Stirn und betrachtete Siv, die soeben den Kopf senkte. Ob sie hier war, weil sie reden wollte, mich zum Reden zwingen wollte, und nicht weil Sofia wieder einmal etwas verbaselt hatte? Moment, die Küche? Und Mogontiacum tat ihr leid. Ich hob die Brauen, wollte schon wie automatisiert etwas entgegnen, als sie schneller war als ich und weitersprach. Ich unterbrach sie nicht. Die Trägheit schien auch meinen Geist mit Honig bestrichen zu haben.


    Lange Zeit betrachtete ich sie einfach nur, nachdem sie geendet hatte. Mir fielen diese seltsamen Träume wieder ein, die Wälder, das Dorf, der See... "Skradan", murmelte ich, blinzelte und schüttelte kurz den Kopf, um sogleich weiterzusprechen. "Und warum hast du dich wie toll gebärdet, als man diesen Ausflug für einen Fluchtversuch gehalten hat und dich festnehmen wollte?" fragte ich sie, nur um gleich darauf wieder den Kopf zu schütteln. Im Grunde wollte ich davon nichts mehr hören. Es war genug, und es hatte genug verursacht, als dass ich schon wieder darüber nachdenken wollte. Ein Teil von mir allerdings war seltsam erleichtert, dass es diese Aussprache nun endlich gab. Wenn man sie denn so nennen konnte.

    Sofia tratschte es herum? Wie... Ich runzelte irritiert die Stirn und setzte mich. Der Kelch fand mit einem leisen Tock zurück auf den Tisch, während mein Unverständnis noch mehr anwuchs. Sofia freute sich? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Celerina! Ich seufzte tief und winkte ab. "Ach das. Ja. Aber das meinte ich nicht. Nun, was liegt dir auf dem Herzen?" fragte ich, und Orestes erzählte. Meine Miene, zuvor schon ernst gewesen, wurde nun noch ernster. Schweigsam nickte ich, nun wieder mit dem Glas spielend.


    "Ich habe morgen eine Anhörung vor dem collegium pontificium, Manius. Selbst der Kaiser wird anwesend sein. Und ich fürchte, dass das, was ich dort vorzubringen habe, keinem Anwesenden gefallen wird. Fabius Antistes am allerwenigsten." Man hätte denken können, ich würde Orestes' Worte ignorieren. Es sei denn, man wusste, dass sie sich darauf bezogen, doch das war bei Orestes wohl kaum der Fall, wussten doch bisher nur drei Personen über den Fabier Bescheid. Ich stützte den Ellbogen auf die Lehne des Sessels und meinen Kopf in die Hand. Seit Tagen grämte ich mich deswegen und suchte nach passenden Worten, um sie dann doch nur wieder zu verwerfen. Und selbst jetzt wollten die Worte nicht leichtfällig über meine Lippen kommen. Was dieser Mann mit seiner Habgier angerichtet hatte, konnte letztendlich dem gesamten imperium schaden. Der pax deorum hatte es bereits geschadet, sogar Orestes hatte es bemerkt, und er war noch nicht lange im Amt.

    Eben noch ein Lächeln auf den Lippen, war ich im nächsten Moment irritiert darüber, dass sie mich fragte, wo ich denn so spät noch gewesen sei. Ich entschloss mich für die Ablenkungstaktik. "Amtsgeschäfte. Sie würden dich nur langweilen. Aber sag, du bist nicht gern auf See? Ich mag den Geruch des Meeres und das Wiegen der Wellen. Gerade vor ein paar Wochen habe ich den Bau eines eigenen Schiffes in Auftrag gegeben", sagte ich also, und mit dem ersten Teil hatte ich nicht einmal gelogen. Die halbe Nacht hatten wir im Büro des Aedilen verbracht und Akten gewälzt.


    Inzwischen grinste ich und stupste Laevina in die Seite. "So, dann wirst du jetzt also eine Weile hierbleiben. Ich freue mich darüber, wir haben uns ja bisher nicht recht kennenlernen können. Allerdings", und dabei sah ich sie möglichst ernst an, auch wenn ich das Grinsen nicht unterdrücken konnte, "müssen wir an deinen Aufstehgewohnheiten noch etwas feilen. Es ist nach Mittag. Für heute aber will ich nichts sagen, du musst dich schließlich von der Reise erholen." Ich zwinkerte ihr zu und erhob mich wieder. Laevinas Gepäck war noch nicht vollständig ausgepackt. "Wenn du etwas brauchst, kannst du dich an jeden wenden, der dir über den Weg läuft. Hast du schon ge... Nun gut, für Frühstück ist es vermutlich ohnehin zu spät, aber hast du heute schon etwas gegessen?" fragte ich sie.

    Orestes war bereits eingetreten und im Schließen der Tür inbegriffen, als ich dennoch verspätet auf seine Frage antwortete. "Ja." Eine kurze Pause entstand. "Es wird Herbst, Manius." Zweifelsohne ein Umstand, den auch er bereits bemerkt hatte. Überrascht wegen der Worte, die Orestes nun sprach, wandte ich mich um und sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. Etwas Dienstliches und eine Vermutung? Konnte es denn sein, dass er davon gehört hatte? Ich wies auf die kleine Sitzecke mit drei Stühlen. "Komm, setz dich." Selbst schenkte ich ihm Wein ein, mein eigener Becher stand noch halb gefüllt auf dem Tisch. "Wie hast du davon erfahren? Wir hatten versucht, es vorerst unter Verschluss zu halten" fragte ich ihn, den Becher schwenkend. Dass es um etwas anderes als die rex sacrorum Affäre gehen konnte, daran dachte ich nicht einmal in diesem Moment.

    Während ich mich noch fragte, was Siv hier eigentlich tat, und ob man wirklich ihren Namen mit dem Dinas verwechseln konnte oder ob Dina nur anderweitig beschäftigt schien, hielt Siv in ihren Bewegungen inne und starrte mich an. Ruhig und eintönig glitt mein Atem über die Haut, die Schulter hinab und sich dann verlierend. Ihr Blick war eine undefinierbare Mischung aus den verschiedensten Gefühlen, wirkte kurz gar weinerlich, dann wieder gepeinigt oder schamerfüllt. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, zumal das warme Bad ohnehin jedweden Gedanken aus meinem Kopf getilgt hatte. Ab und an blinzelte ich, den Augenkontakt nur für den Bruchteil eines Wimpernschlags unterbrechend, um sie danach wieder stumm anzusehen. Bis sie sich entschuldigte. Für...was eigentlich? Es gab so viele Dinge, für die es einer Entschuldigung bedurft hätte, dass ich auf Anhieb nicht wusste, wie ich darauf reagieren sollte. Also reagierte ich zunächst gar nicht, sondern sah Siv nach wie vor an.


    Es mussten beinahe zwei Minuten vergangen sein, ich war mir inzwischen mehr als deutlich bewusst, dass ich nackt vor ihr auf dem Bauch lag, den Kopf auf die Arme gebettet. Auf einer Anrichte neben der Tür musste noch ein Tuch liegen. Ich erhob mich langsam, ein Tropfen Öl perlte quälerisch kitzelnd an meiner Leiste hinab, und ging zur Tür, wo ich mir eines der säuberlich gefalteten Tücher nahm und mir um die Hüften schlag. Nicht, weil ich mich etwa geschämt hätte, sondern weil ich überlegte, was ich sagen sollte. Allerdings hatte ich auch nach dieser Tat keine Ahnung diesbezüglich. Ich ging zurück zu Siv und der Liege, zog mich rückwärts empor und saß dann vor ihr, ein wenig erhöht. Der Unterricht bei den Flaviern schien ihr gut zu tun, wie ich wieder einmal feststellte, und ihre Aussprache war weitaus angenehmer als noch vor einem Jahr. "Was tut dir leid, Siv?" fragte ich nun, sparte es mir allerdings, noch einmal aufzuzählen, was meiner Ansicht nach alles wert gewesen wäre, sich dafür zu entschuldigen.

    Sim-Off:

    Und ich find sie herrlich zu lesen :D


    Gerade noch so unterdrückte ich ein bedrücktes Zähneknirschen. Es war eine schlechte Idee gewesen - eine ausgesprochen schlechte Idee -, Siv nach ihrem Auftritt auf der Terrasse nochmals zu gestatten, uns zu begleiten. Bedauerlich war es außerdem, denn neben ihren schlechten Lateinsprachkenntnissen hatte ihr die germanische Störrischkeit versagt, in Celerina eine wissbegierige, floraliebende Person zu sehen. So zumindest glaubte ich. Aber, wie sich später wohl noch herausstellen sollte, hatte ich ja keine Ahnung. In jenem Moment jedenfalls fühlte ich mich seltsam, um nicht zu sagen undefinierbar. Die beiden schienen sich weder zu mögen noch das Vorhandensein des jeweils anderen so einfach dulden zu können. Doch statt den wirbelnden Gedanken nachzugeben und mich näher mit diesem Problem - denn zweifelsohne war es eines - zu beschäftigen, drängte ich sie bis zu einem späteren Zeitpunkt beiseite und widmete mich wieder ganz Celerina, die soeben ihre Hand auf die meine gelegt und mich wieder Marcus genannt hatte.


    Ein wenig ertappt sah ich auf die schmalen Frauenhände hinunter, lächelte schwächlich und fragte mich, was in Iuppiters Namen ich nun tun sollte. Meine Absichten kundzutun, ohne zuvor mit jemandem aus ihrer Familie geredet zu haben, selbst wenn sie doch sui iuris war, erschien mir unangemessen, ebenso wollte ich den damaligen Fehler der innigen Nähe vor diesem besagten Gespräch vermeiden. Doch Celerina...war sie nicht eben noch eine Spur weiter entfernt gewesen? Konnte es sein, dass sie sich Moment um Moment ein Stückchen weiter heranschob? Mein Herz schlug unangenehm hart gegen meinen Brustkorb. Wenn ich sie nicht... Jetzt nicht.. Sie würde mich gewiss für einen Feigling halten oder, noch schlimmer, jemanden, der nicht seine Absichten vertrat. Aber war es nicht ungeheuerlich, in so kurzer Zeit so viele Schritte nacheinander zu tätigen? Die braunen Augen blinzelten so erwartungsvoll. Bildete ich es mir nur ein? Was tun? Ich hob den Mundwinkel noch eine Spur mehr an - und führte ihren Handrücken an meine Lippen, um einen flüchtigen Kuss aufzuhauchen. War ich damit nun erreicht - oder nicht erreicht - hatte, konnte ich nun beim besten Willen nicht erahnen. Doch sie hier und jetzt zu küssen, direkt um ihre Hand anzuhalten, erschien mir übereilt und einfach unangemessen. Mit dieser Aktion musste sie ahnen, was ich bezüglich ihr und mir dachte, das sollte vorerst genügen. Hoffte ich.


    "Gehen wir weiter? Die Königin des Gartens hast du nun schon gesehen, aber weiter hinten habe ich einige seltene Exemplare einer schwer zu pflegenden Art aus Asia...." fuhr ich fort und deutete weiter hinein in das frische Grün des Gartens, mich gleichsam in Bewegung setzend. Natürlich versuchte ich, mir nicht anmerken zu lassen, dass die Gedanken aufgewühlt waren und wild durcheinander peitschten. Den geschlungenen Pfad entlang wandelten wir schlussendlich bis zur entlegendsten Ecke des Gartens, sahen herrliche Magnolien in den sattesten Farben, einen Pfirsichbaum, dessen Früchte bereits reif waren und von denen ich Celerina eine pflückte, und allerlei andere Pflanzen in den verschiedensten Formen und Farben. Einige Male kam es zu solch nahen Momenten wie zuvor an der Orchidee, doch ich achtete darauf, ihr nicht zu nahe zu treten. Das samtpfötige Geschenk, welches ich plante, würde gewiss seinen Effekt verlieren, wäre hier schon allzu deutlich, dass ich Celerina an meiner Seite wissen wollte. Schließlich führte ich sie zurück zur Terrasse, wo ich unsere beiden Becher mit einem Fruchtsaft-Wasser-Gemisch füllte. Der Spaziergang hatte durstig gemacht, zumindest mich, und die Sonne stand derweil in einem solch spitzen Winkel, dass sie durch Geäst und Zweige auf die Terrasse fiel, die inzwischen im goldenen Abendlicht lag. "Ich hoffe, die kleine Führung hat dir zugesagt", sagte ich und schmunzelte, als ich wieder saß.