Ich fühlte mich wie ein Seiltänzer, stets des Abgrunds bewusst, an welchem ich mich entlang hangelte. Während Siv mich wohl am liebsten mit ihren Blicken aufgespießt hätte, schien Celerina sich komplett gegensätzlich zu verhalten. Da war es natürlich keine Frage, wem ich in diesem Moment meine Aufmerksamkeit lieber schenkte, zumal die Flavierin derzeit nicht nur die eindeutig besseren Karten parat hielt, sondern auch Möglichkeiten barg, mit denen Siv einfach nicht aufwarten konnte. Ich gab mir die allergrößte Mühe, nicht weiter auf Sivs Verhalten einzugehen, und es gelang mir auch. Dennoch war ich erleichtert, als sie sich abrupt abwandte, um das zu tun, was ich ihr aufgetragen hatte. Zumindest für eine Weile konnte ich mich nun gänzlich meiner Besucherin widmen, und dies tat ich wirklich gern.
Sie schien förmlich zu sprühen vor Freude, was mich in nicht geringem Maße erstaunte, mochten die meisten Frauen es doch viel lieber, Geschenke zu erhalten statt sie zu verteilen. Allerdings, die Lieferung, die eigentlich schon längst in Rom hätte ankommen müssen, würde sicher in den nächsten Tagen eintreffen. Und auch, wenn Celerina dann denken musste, dass ich ihr es nur zukommen ließ, um es ihr gleich zu tun und nicht mit leeren Händen vor ihr stehen zu müssen, so schienen wir auch diese Eigenschaft zu teilen: auch ich machte anderen gern Geschenke. Bedauerlicherweise würde ich nicht dabei sein, wenn sie den Korb öffnete…
Auf ihre Bemerkung hin, wie selten man gutes Personal erstehen konnte, erwiderte ich nichts weiter, sondern nickte nur zustimmend. Ohnehin blieb nicht viel Zeit für eine Reaktion, denn Celerina machte gleich mehrere Anspielungen, bei denen ich meine ganze Konzentration darauf verwenden musste, nicht allzu überrumpelt auszusehen. Ihr Geschenk kam von Herzen? Sie dankte den Göttern, dass sie uns zueinander geführt hatten? Eindeutiger hätte sie ihre Worte wohl kaum formulieren können, und mich erwischte sie damit ein wenig auf falschem Fuß. Diese Worte, gepaart mit ihrem unmissverständlichen Lächeln, ließen mich schlagartig alle Dinge vergessen, die ich eben noch im Sinn gehabt hatte. Wie leer gefegt saß ich in meinem Sessel. Und sie setzte mir damit sozusagen den Speer an die Brust. Die Möglichkeit wäre allerdings wahrhaftig vertan, wenn ich diesen Moment nun ungenutzt verstreichen ließ. Doch wie sollte ich es formulieren? Und war es jetzt schon überhaupt angebracht? “Eine bescheidene Einladung neben diesem prächtigen Oleander ist wohl kaum vergleichbar. Dennoch… Ich bin mir sicher, dass die Zukunft auch die ein oder andere Überraschung für dich bereit hält“, erwiderte ich vorerst recht harmlos. Es passte einfach nicht, sie jetzt gleich zu fragen, was ich zu fragen gedachte. Zu meiner Erleichterung glitt das Gespräch nun wieder in weniger prekäre Gefilde. Celerina schien großen Wert auf Einzigartigkeit zu legen, stellte ich fest. Und dieser Gedankenblitz wollte sogleich genutzt werden. Dass das Kompliment ein wenig zu schmeichlerisch sein konnte, fiel mir weder auf, noch machte ich mir Gedanken darüber. „Dann macht sie die Trägerin mit ihrer Einzigartigkeit umso einzigartiger.“ Verwundert darüber, dass mir solche Schmeicheleien, die ich bei anderen stets kritisch betrachtete, derart leicht über die Zunge rollten, betrachtete ich Celerina, bis sie mich nach Minervina fragte. „Sie ist wohlauf. Ihr Bruder ist inzwischen wohlbehalten wieder nach Hause gekehrt. Er war für ein Jahr in Germanien, um dort sein Tribunat zu absolvieren. Vielleicht hast du von ihm gehört, Titus Ursus“, erwiderte ich. Und da war er, der passende Moment. „Leben deine Verwandten eigentlich alle in Rom?“ fragte ich mit der Absicht, in Erfahrung zu bringen, wo ihr Vater lebte. Auch, wenn sie frei war und ihm nicht mehr unterstand, so gebot es doch die Höflichkeit, ihn oder ihren nächsten Verwandten über meine Absichten in Kenntnis zu setzen – und jene Absichten hatten sich in den letzten Tagen mehr als manifestiert.