Beiträge von Titus Decimus Verus

    Verus nahm sich eine Traube. Er warf sie sich zackig in den Mund. Er kaute.


    "Du wirst dich daran gewöhnen. Ich selbst musste es blutig lernen. Die Entscheidungen für eine ganze Centurie zu treffen, ebenso über Leben und Tod zu entscheiden. Du solltest jedoch die Distanz zu den Mannschaften waren. Ich als Offizier, darf mich ihnen nicht anbiedern, dass führt zu falschen Hoffnungen unter ihnen und somit zu einer Schwächung meiner Autoritas."


    Er drehte den Tonbecher in seiner Hand.


    "Ich werde sicherlich, sobald ich Ritter bin, meinen ehrenhaften Abschied nehmen. Du musst wissen, ich bin nun ehrlich zu dir..." - Verus unterbrach kurz seine Ausführungen.
    "Ich kann seit einigen Tagen nicht mehr schlafen. Ich sehe jede Nacht tote Kameraden und manchmal bin ich einfach grundlos niedergeschlagen. Die Schlacht gegen die Piraten hat mehr hinterlassen als nur Narben auf der Haut. Ich brauche eine Auszeit. Zumal ich alt geworden bin..."


    Verus holte tief Luft.


    "Was ich von dir wissen wollte... - Wirst du meine Centurie übernehmen oder mit mir ein neues Leben aufbauen? Ich gedenke ein Haus zu bauen, eine villa rustica vor Rom. Ich könnte eine helfende Hand gebrauchen. Du als mein amicus, ich wüsste keinen Besseren."

    "Nein, Nein," sprach Verus nervös. "Mir geht es bestens."


    Er ging neben der Wache und schaute sich um. Hatte ihn sonst noch jemand gesehen? - Hoffentlich nicht.


    "Wir sollten uns beeilen! Ich möchte schnellstens ein heißes Bad nehmen, Soldat."

    Verus schaute auf als ihn ein seltsames Gefühl überkam. Er war urplötzlich nicht mehr von Zweifeln zerfressen und sah klar in die Zukunft."Ich finde meinen Weg," dachte er. "Zuerst sollte ich jedoch ein heißes Bad nehmen und nach die Liebe meines Lebens suchen."


    Der Regen ebte langsam ab. Das Unwetter schien weiterzuziehen. Verus raffte sich langsam auf als plötzlich eine Wache neben ihm stand. Sie schaute auf ihn herab. Verus war von der Situation peinlich berührt, jedoch war er sich seiner nun bewusst. Ihm war einiges klar geworden. Er hatte seine Seele wiedergefunden.


    "Es ist alles inordnung, Soldat." - sprach er mit einer ruhigen Stimme. Verus stand auf, klopfte sich den Sand ab und lächelte verlegen. Als römischer Mann und Offizier dürfte ihm so etwas eigentlich nicht passieren.


    "Ich bin ausgerutscht bei meinem Regenspaziergang."


    Verus schaute die Wache nun ernst an. "Könntest du mich zurück zum Flottenstützpunkt geleiten? - Achja, mein Name lautet Decimus Verus, ich bin Centurio des örtlichen Stützpunktes."

    "Präfekt, der Bericht wird in einigen Tagen auf deinem Tisch liegen." - sprach er mit einem trockenen Unterton. Die Schlacht und die komplexe Situation haben ihn innerlich ausgetrocknet.


    "Wenn du gestattest, würden ich und meine Männer nun gerne in unsere Quartiere einrücken?"

    Verus rollte sich zur Seite. Seine Hände bohrten sich erneut in den Sand. Es donnerte und blitzte am Horizont.


    Er zog sich einige Meter durch den Schlamm, der ihn nun umgab. Die Einsamkeit wurde ihm gerade erst bewusst und sie schmerzte.


    "Was ist meine Bestimmung," fragte er sich laut. Er schrie es förmlich in den Sand.


    Der Regen plätscherte weiter auf seine Haut und seine Tunika war bereits durchnässt. "Was ist meine Bestimmung..." - wiederholte er leise seine Worte.

    Verus hatte das Lager verlassen, um ein wenig für sich zu sein. Er hatte viel zu verarbeiten. Er ging durch die überfüllten Straßen von Misenum Richtung Meer. Er wollte zum Strand. Verus musste die Abgeschiedenheit dieses sandigen Abschnittes nutzen.


    Seine Schritte wogen schwer. Die Luft füllte seine Lungen. Die Einsamkeit umstellte Verus. All' diese Menschen beachteten ihn nicht und dieses unendliche Gefühl des Verlustes seiner Menschlichkeit wog noch schwerer als seine Schritte. Sein Herz war vertrocknet und er spürte es nicht mehr.


    Verus erreichte den Strand. Frische Meeresluft umspielte sein Gesicht.


    "Ich brauche ein Wunder...," murmelte Verus als er sich am Meer in den Sand kniete. Seine Hände griffen in den Sand. Sand floss aus seinen Handflächen.


    Sein Blick wanderte depressiv zum Himmel. Es begann zu regnen. Tropfen fielen vor ihm ins Wasser. Tropfen fielen auf Verus' Kopf. Er machte keine Anstalten aufzustehen.


    Die Erinnerungen an die Schlacht zwangen sich ihm unweigerlich auf. Er konnte all das Blut förmlich vor sich sehen. Er sah tote Soldaten im Meer vor sich treiben. - Diese waren natürlich nicht wirklich da, es war alles nur eine schreckliche Einbildung.


    Verus fiel nach hinten in den Sand und starrte in den grauen Himmel. Ein Tropfen fiel in sein Auge.


    Er zitterte.


    "Götter, hört mein Flehen," bettelte Verus, "befreit mich von diesen Gedanken und erlöst mich von dieser grausamen Einsamkeit..."


    Was war es, was Verus brauchte?
    Er brauchte Liebe. Eine Liebe, die ihn die Grausamkeit des Krieges und des Lebens vergessen ließ.


    Er brauchte Heilung.


    Tränen vermischten sich mit Regentropfen und flossen in den feuchten Sand um Verus. Verus weinte das Leid in den Regen.

    Verus wurde von einigen Erinnerungen an die Schlacht übermannt. Sein kleiner Finger begann nervös zu zittern. Er versteckte dies dezent.


    "Wir haben ein Schiff verloren. Ebenso die Ausrüstung auf diesem."


    Verus schaute kurz in den Himmel und dann wieder zum Präfekten. Er musste wieder mit den Gedanken an diesen Ort zurückkehren. - Weg von den Erinnerungen an das Gefecht.
    "Präfekt, ich hätte einen Wunsch. Einige Soldaten wären für ihren Mut auszuzeichnen. Sie sollten gewürdigt werden."

    "Setz' dich doch."


    Verus goss Labeo einen Becher mit Wein ein und schob ihm diesen zu.


    "Es ist nichts Ernstes, du brauchst dir keine Sorgen zu machen." - scherzte Verus und futterte genüsslich eine Traube, um die Situation ein wenig aufzulockern.
    "Ich wollte einfach ein wenig über unsere gemeinsame Zukunft reden. Wie steht es eigentlich um die Männer? - Nach dem Einsatz sind sie sicherlich erschöpft."

    Verus hatte es sich in seinem Quartier bequem gemacht. Er hatte eine Karaffe mit Wein auf den Holztisch gestellt und die dazugehörigen Tonbecher. Ebenso standen einige Trauben und Oliven bereit. Er wollte sich ein wenig mit Labeo unterhalten. Verus musste reden. Nun saß er auf seinem sedes und wartete auf seinen Gast.

    Verus schaute verlegen auf den Marmor am Boden. Sein Blick war so leer, wie das Meer auf dem er lange gesegelt war. Er fühlte sich so weit und leer, wie eben dieses.


    "Ich danke dir. Meine Männer werden sich sicherlich freuen."


    Er schaute auf. Ihre Hände fühlten sich angenehm warm an. Sie gaben ihm Halt im trostlosen Leben.


    "Leb' wohl....," sprach Verus leicht traurig und riss sich von ihrer Hand los. Er verließ das Haus mit gesenktem Haupt. Er hatte eine edle Frau gerettet, sich jedoch selbst dabei verloren.

    Verus räusperte sich.


    "Ich bin hier, um mit dir über meine Ritterschaft und meine baldige Entlassung zu sprechen."


    Er schaute sich im Zimmer um. Verus war es unangenehm über die Ritterschaft zu sprechen und den Präfekten so zu drängen aber es wurde langsam Zeit.


    "Ich habe immer noch keine Mitteilung vom Kaiserhof erhalten. Seit deiner Audienz sind ja bereits einige Monate vergangen. Ich würde gerne meine militärische Karriere als Ritter abschließen, wenn du verstehst. Der Ritterring würde einen alten Soldaten, wie mich, sehr glücklich machen."


    Er holte kurz Luft.


    "Darüberhinaus fasse ich meinen ehrenhaften Abschied ins Auge, mein Präfekt. Ich sehne mich nach einem ruhigen Lebensabend."