
Esquilina
Gut, dass Licinus nichts davon bemerkte, worauf seine kleine Freundin achtete, während er sie kitzelte. Vermutlich hätte er sich andernfalls die Zunge abgebissen oder ähnliches getan, vor Ärger über sich selbst. Die Logik des Mädchens konnte er allerdings auch nicht erfassen. Wann hatte er sie denn getestet?
Esquilinas Lieblingsfarbe zu erraten war dann in der Tat nicht schwer, im Wesentlichen trug sie ja nur zu bestimmten Gelegenheiten kein blau, nämlich dann, wenn sie ihr Kettenhemdchen trug.
„Oh ja“, seufzte sie. „Oder wenn im Frühjahr die Obstbäume blühen. Aber sag mal, was meinst du mit ‚du spürst die Farbe‘? Wie kann man Farben spüren?“
„Hat Licinus gesagt“, erklärte Esquilina und Esther die Badesklavin ergänzte: „Das ist um den Schweiß abzuwaschen und euren Körper zu kühlen. Wir wollen ja, dass ihr gut riecht, wenn ihr hier fertig seid.“ Während sie sich also fertig machte, den beiden Mädchen zu helfen, zog Esquilina ganz langsam den zweiten Fuß hinterher, wobei sie die Lippen zwischen ihre Zähne zog und darauf biss, um sich von der Kälte abzulenken. Lange konnte sie das jedoch nicht tun denn Marei stellte ihr wieder eine Frage. Die Antwort kam dieses Mal etwas gepresst, da sie immer noch gegen das Kältegefühl in ihren Füßen ankämpfte.
„Nee, kann ich nicht. Das Becken in der villa rustica hat nämlich Stufen am Rand, da kann ich drauf stehen. Die Mitte geht dann aber auch den Erwachsenen bis zum Hals. Aber irgendwann lern ich das noch ganz bestimmt.“ Auch gelang es ihr, wenn sie sich an einem Ende abstieß bis zum anderen zu kommen, aber erstens war das Becken nicht sehr breit, zweitens wusste sie, dass das kein wirkliches Schwimmen war. Und drittens hatte ihr Battiacus strengstens verboten so was zu machen, wenn keiner der „großen“ dabei war.
Mit Staunen beobachteten die Mädchen wie schnell die junge Badesklavin sich in das Becken bewegte, Esquilina vergaß sogar sich auf die Lippen zu beißen und ließ den Mund ein klein wenig offen stehen. Aus dieser leichten Öffnung entwich Sekunden später ein schrillen „Ieehhk!“, als Esther die beiden ins Wasser zog und sich auf die Arme setzte. Esquilina dachte angestrengt an einen heißen Stein in ihrem Bett, wie Battiacus Frau ihn hinein tat, wenn es draußen kalt war, während die Badesklavin ihnen unbewusst eine Lektion in klassischer Physik und Auftriebslehre gab. Denn An Land wäre es ihr sicher nicht gelungen, sich beide Mädchen so zu halten. Das kleine Mädchen dachte aber nicht im Entferntesten an solcherlei, sie war, gleichsam ihrer Freundin, viel zu sehr darauf konzentriert ihre Zähne beisammen zu halten. Denn sonst würde sie sofort ein Klapperkonzert beginnen. Missmutig blickte sie daher auch auf das Becken zurück und antwortete mit kraus gezogener Nase und einem Schulterzucken, dafür aber ohne jeden Ansatz von Begeisterung:
„Muss wohl!“
Der Schrecken der Kälte war allerdings schnell vergessen, als die Skavin anfing ihre Schutzbefohlenen trocken zu rubbeln. So eingehüllt in die Badetücher zogen sie sich dann die Holzsandalen an, die im caldarium gegen Verbrennungen der Füße schützen sollten.
Gemeinsam klapperten die beiden Mädchen an der Seite ihrer Betreuerin auf einen Durchgang zu, aus dem ihnen erfreulich warme Dampfschwaden entgegen wabernden.