Dies waren Momente, in denen es immer wieder schwer fiel, Comitas zu wahren. Natürlich musste Pegasus nun mit einem milden Lächeln höflich darum bitten, das Gespräch auf einer normalen Ebene zu führen, aber genau in dieser Sekunde war ihm diese Tugend gleichgültig. Er konnte seine gesamte Erziehung, den größten Teil seiner Kindheit hinter sich lassen, für einen Augenblick. Er hatte vor, den pater familias in seinem eigenen Haus zu beleidigen? Wenn er es so auffasste, bitte, nur war die Wortwahl der "Familienstütze" auch nicht die beste. Bettler, Betrüger und nun auch noch Bastard? Solche Dinge musste man im Hause der Aurelier über sich ergehen lassen, als Familienmitglied, wohlgemerkt!
Paullus hob ein weiteres und vorerst letztes Mal den Kelch und leerte ihn mit einem schnellen Zug. Sofort spürte er das kühle Nass seinen Rachen hinunterlaufen, denn nicht mehr war es. Kein Wein, kein Wasser, auch kein Gemisch aus beiden. Ein Mittel, um bei Sinnen zu bleiben, um die Gedanken wieder auf eine gerade Bahn zu lenken. Unüberlegte Worte waren fehl am Platz. Vielleicht konnte man die allgemeine Situation ändern, wenn Pegasus damit anfing ... wenn er damit anfing. Ein Problem, welches bewältigt werden musste. Der Aurelier stellte das Glasgefäß ab, fasste sich an die Schläfe und schloss die Augen. Nur kurz, es reichte.
Beweise wollte er? Er sollte über seinen Vater, über Iustus erzählen? Nicht gut ... ganz und gar nicht gut. An seinen Vater konnte er sich nur bruchstückhaft erinnern, alles Wissen, was er über ihn hatte stammte aus zu Wort gekommenen Erinnerungen seiner Mutter. Was sollte er sagen? Er hat gehört , was sein Vater so gemacht hat? Da könnte er auch schlicht Kehrt machen und die Villa ohne Anstand verlassen, so würde es nämlich dann hinauslaufen. Pegasus schien verzweifelt, er hatte nur dieses eine Stück, die einzige Möglichkeit zu beweisen, wer er war und was er war. Diese unangebrachte Skepsis hatte er im Traum nicht erwartet, er hatte sich das komplett anders vorgestellt...
“Ich soll dir von Aurelius Iustus erzählen? Könnte das ein geschickter Betrüger nicht auch machen? Ich frage dich, weil ich es nicht weiß ... das kommt eventuell davon, dass ich kein geschickter, ja nicht einmal ein ungeschickter Betrüger bin! Stattdessen kann ich dir etwas zeigen, es wird genug über das Verhältnis zwischen Iustus und mir erzählen!“
Der Aurelier pausierte. Zögernd hob er seine rechte Hand; Zwei goldene Ringe zierten sie. Auf den ersten Blick sahen sie recht gewöhnlich aus. Patrizierschmuck, gut geeignet für Prahlerei und um seine Eitelkeit zu befriedigen, schaute man sich aber zumindest den einen Ring etwas genauer an, so konnte man den Kopf eines Löwen erkennen, darunter spiegelverkehrt die Initialen eines bekannten Namen.
Wortlos offenbarte Paullus den Siegelring seines Vaters – wie lange er wohl vermisst wurde?