Zeit verrinnt bisweilen dem Tempo einer Schnecke gleich. So kam es Witjon vor, als er die Augen aufschlug. Sein Atem bildete Wölkchen in der kalten Luft. Beinah andächtig nahm er den Beutel zur Hand, den er hergebracht hatte und schnürte ihn auf. Eine Tonschale - fein bemalt in schillernden Farben - kam zum Vorschein. Sie platzierte Witjon vor sich, dem Felsen zugewandt. Als nächstes zog er die Opfergaben hervor, die er mit großer Sorgfalt ausgewählt hatte. Er legte sie in die Schale und griff erneut in den Beutel. Einen Trinkschlauch hatte er nämlich ebenfalls dabei, den er neben sich legte. Dann breitete er seine Arme aus und blickte gen Himmel, durch die fast blätterlosen Baumwipfel hindurch. Dann sprach er die Worte, die sein Gewissen beruhigen würden und die hoffentlich Anhörung finden würden bei der, an die sie gerichtet waren.
"Die Muttergöttin ruf' ich,
Frigg, Schutzherrin der Ehe und Mutterschaft,
Gemahlin des Wodan, Herrin von Fensal,
Weberin der Wolken droben,
und all Ihre Dienerinnen,
Gna und Fulla, Sygn und Vara,
Eira und Hlin, Lofn und auch Vjofn.
Ich trinke auf Euch, ihr hohen Wesen,
diesen Honigwein, der Euch zu Ehren gereichen soll."
Er schüttete großzügig Met auf die dargebrachten Opfergaben, dann nahm Witjon selbst einen tiefen Zug aus dem Schlauch. Diesen legte er neben die Opferschale, dann breitete er erneut seine Arme aus.
"Auf dass ihr gewährt meinem Weib
Gesundheit und Wohlsein und Kraft,
dass starke Erben sie mir schenke
durch deine schützende Hand,
höchste Göttin Frigg, die sie bewahre
vor frühzeitigem Scheiden gen Utgard.
Diese Gaben will ich Dir, Frigg, darbringen,
kostbare Früchte aus fernen Ländern,
fettes Fleisch aus den Ställen meiner Sippe,
feinste Gewürze aus dem tiefsten Süden
und wohlriechende Kräuter meiner Heimat.
Auf dass Deine Dienerin, die heilkundige Eira,
meinem Weib beistehe in dieser kalten Zeit,
dass Krankheit und Gebrechen sie nicht fürchten brauche,
und dass immer sie wohlauf bleibe,
den Gefahren des Gebärens trotze
und lange Jahre an meiner Seite weile.
All ihr Asen, die ihre Wohnstatt nennen,
das erhabene Fensal, die fruchtbaren Täler Asgards überragend,
schaut wohlwollend auf mein Weib und mich
und erleuchtet den Weg, auf dem wir wandern,
denn es ist der Weg meiner Ahnen."
Zuletzt legte er die Hände auf Opferschale und Trinkschlauch und neigte das Haupt gen Boden. Moosgeruch stieg ihm in die Nase, während er verharrte und seine ganze Konzentration auf seine Bitten richtete. Du Göttin Frigg, erhöre mich. Um Callistas Willen, betete er im Stillen. Irgendwann stellte er fest, dass seine Beine vor Kälte schmerzten und nach Bewegung schrien, denn er hatte eine gefühlte Ewigkeit auf dem frostigen Grund gehockt. Ächzend erhob er sich und ließ den Opferfelsen hinter sich, ohne zurückzuschauen. Den großen Beutel in der Hand tapste er zurück zu Skaga, die noch immer ohne Eile graste. An ihrem Sattel löste er eine dicke Wolldecke, in die er sich einwickelte. Müdigkeit umfing ihn und so ließ er sich nieder, den Rücken an einen starken Baumstamm gelehnt. Verträumt blickte er in die Ferne, wo er verschwommen die Umrisse von weiteren Wäldern, Wegen und Zäunen erkannte. Bald entschwand sein Geist in die weite Welt des Schlafs...