Beiträge von Numerius Duccius Marsus

    Witjon war schon den ganzen Tag lang von einer gewissen Hektik gezeichnet. Er hatte Lando hier und da die Vorbereitung von Kleinigkeiten abgenommen und die Herrichtung des Gartens organisiert, während Lando selbst sich herausputzen ließ. Nachdem nun das Wichtigste in geraden Bahnen verlief und Lando dann auch irgendwann wieder das Ruder in die Hand nahm, verschwand Witjon nach oben, um sich umzuziehen und fertig zu machen. Er war ganz aufgeregt, denn er würde heute zum ersten Mal vor vielen Bekannten zusammen mit seiner Verlobten auftreten und wollte sowohl für sie gut aussehen, als auch einen Souveränen Eindruck auf die Gäste machen. Da ein großer Teil von Rodewinis Sippe, etliche in Mogontiacum anässige Germanen und viele Edelleute der Umgebung eingeladen waren, und die Hochzeit im Allgemeinen nach germanischer Sitte abgehalten werden würde, wählte Witjon für heute eine komplett traditionelle Gewandung.
    Er trug ein grünes Leinenhemd, dessen Saum mit einem gelben Muster verziert war, sowie eine dazu passende Hose und die obligatorischen Bundschuhe. Die Hose wurde von einem schlichten Ledergürtel gehalten, dessen Schnalle aus Silber war und einen Wolfskopf zeigte, der in ein Blattmuster verschlungen war. Um unter den ganzen Germanen nicht so herauszustechen hatte Witjon sich außerdem seit einigen Tagen nicht mehr rasiert und trug so einen gepflegten, kurzen Vollbart. Seinen linken Oberarm zierte außerdem ein Bronzener Armreif, der jedoch teilweise vom kurzen Ärmel des Hemdes verdeckt wurde und nicht immer sichtbar war. Gewöhnlich trug er keinen Schmuck - von der unauffälligen Kette mit dem hölzernen Hammer des Donar unter seinem Hemd mal abgesehen - doch wollte Witjon heute besonders gut aussehen und den zerrütteten Eindruck, den er in Rodewinis Dorf gemacht hatte, revidieren.


    So trat er in den Garten hinaus und ließ seinen Blick über die versammelten Gäste schweifen. Er erblickte Albin, der hier und dort herumwuselte und seine Helfer herumscheuchte; dort drüben waren auch Lando und Phelan. Unruhig suchte er nach Callista, doch konnte er sie noch nirgends entdecken. Aufmerksamen Blickes stürzte er sich ins Getümmel und begrüßte hier und da einige Bekannte, tauschte kurz Neuigkeiten aus und wurschtelte sich durch die Menge. Irgendwann erblickte er endlich seine Verlobte. Ohne Umschweife ging er mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und begrüßte sie herzlich. "Callista, da bist du ja. Herzlich willkommen auf unserem bescheidenen Anwesen!" Er legte seine Hände auf ihre Oberarme und betrachtete die junge Prudentia kurz eingehend. "Du siehst umwerfend aus. Welch eine bezaubernde Verlobte ich doch habe!" Brachte er hervor und war um ein weiteres Mal überglücklich, sie hier zu haben. "Komm, ich führe dich ein wenig herum und stelle dich vor."

    Callistas betretene Miene ließ Witjon gutmütig lächeln. "Das macht ja nichts. So behälst du auf einer Feier wenigstens den Überblick. Aber keine Sorge, mit ein wenig Übung und den richtigen Kniffen überstehst du auch einen langen und liquiden Abend." Tja. Und dann war erst einmal Funkstille. Callista schien in Gedanken versunken und musterte ihn mit verträumtem Blick. Witjon tat es ihr derweil gleich und nutzte die wortlosen Augenblicke, um über ihre gemeinsame Zukunft zu sinnieren.


    Callista würde in Kürze seine Frau werden und ihn von da an bis zu ihrem Lebensende auf seinen Wegen begleiten. Der Gedanke erfüllte ihn mit Freude, doch auch mit unbändigem Stolz. Sein Vater hätte diese Verbindung gewiß gut geheißen und wäre sicherlich ebenso stolz gewesen wie Witjon selbst. Hinzu kam, dass Callista nicht nur ihrer Abstammung und des politischen Wertes dieser Verbindung wegen eine besonders gute Partie für Witjon und seine Sippe war. Nein, sie war auch noch absolut sein Typ! Nicht nur, dass sie wunderschön war mit ihren rotbraunen Haaren, ihren edlen und hinreißenden Gesichtszügen, ihrer zarten Figur und ihrer niedlichen Körpergröße, sondern auch ihre Art, wie sie mit ihm sprach, vor Schüchternheit seinem Blick auswich oder rot anzulaufen drohte, wenn er einen Scherz machte und sie nicht gleich wusste wie sie darauf reagieren sollte. Witjon verspürte ein seltsames Gefühl in seiner Magengegend, als er realisierte, dass er den Rest seines Lebens mit dieser Frau verbringen würde. Zum einen war da wieder diese unglaubliche Freude. Zum anderen war da aber auch eine immer größer werdende Aufregung, die ihn einmal schwer Schlucken ließ. Die Nornen hatten seinen Weg vorgezeichnet, er sollte diese Frau heiraten und keine andere. Die Götter mussten einen skurrilen Sinn für Humor haben, wenn sie ihm erst Aquilia nahmen und dafür Callista gaben, doch was konnte er schon tun? Er würde sich seinem Schicksal ergeben und das beste daraus machen: Callista heiraten, sie lieben, Söhne und Töchter zur Welt bringen und glücklich sein. So hoffte er zumindest...


    Dann durchbrach die Stimme seiner Verlobten die Stille endlich wieder. Witjon schaute ihr in die Augen und musste kurz seine Gedanken ordnen. "Morgends nehme ich ein knappes Frühstück ein. Das besteht gewöhnlich lediglich aus ein paar Oliven, Brot oder Hirsebrei und etwas Milch oder Dünnbier. Je nachdem wie früh es ist. Aber da ich täglich zur Salutatio meines Patrons Vinicius Lucianus erscheinen muss, stehe ich gewöhnlich kurz vor Sonnenaufgang auf und verlasse kurz darauf das Haus.
    Bis vor wenigen Tagen war ich auch noch in der Stadtverwaltung, ganz richtig. Ich habe das Amt des Duumvirs bekleidet, habe also die Geschäfte der Civitas geleitet, die niedere Rechtsprechung übernommen und auch den Vorsitz des Ordo Decurionum geführt. Ich hoffe du kannst mit all den Begriffen etwas anfangen. Wie groß ist dein Wissen über Politik überhaupt? Nicht, dass ich dir jetzt hier von bohemischen Vici* erzähle."
    Witjon schaute seine Verlobte fragend an. Er wollte sie nicht mit Informationen überschütten und sie damit völlig platt machen. Sie war in den letzten Wochen bestimmt schon von genügend Eindrücke überschwemmt worden, denn Germania war immerhin sehr unterschiedlich, verglichen mit Callistas Heimat.


    "Dann aber wurde der Legatus Augsti Pro Praetore abgelöst und es gab einige Änderungen in der Besetzung der Verwaltungsämter auf Provinzebene. Ich hatte Glück und habe mich im richtigen Moment für den Posten des Magister Officiorum beworben und mein Patron hat mich ohne Umschweife zu eben diesem ernannt. Jetzt bin ich also frühzeitig meines Amtes als Duumvir enthoben und zur rechten Hand des Statthalters Germaniens erhoben worden. Du heiratest also keinen allzu unbedeutenden Provinzbeamten." Witjon zwinkerte verschwörerisch und trank noch einen Schluck Met. Langsam wurde er sicherer, besonders da er von Dingen sprechen konnte, von denen er einiges verstand. Überdies fiel ihm auf, wie klein und zierlich Callistas Hände waren, als er seinen Becher wieder auf den Tisch stellte und vergleichen konnte. Wie groß und kräftig mussten ihr erst seine Hände erscheinen? Und das, obwohl er doch eigentlich Schreiberlingsfinger hatte verglichen mit Arbjons oder Landos vom harten Leben gezeichneten Pranken. Witjons Bruder war immerhin römischer Soldat und Lando seit jeher Bauer und Krieger in einem gewesen, was man ihm auch noch Jahre nach seiner Flucht ins Imperium und dem Wechsel in die freie Marktwirtschaft ansah. Na hoffentlich erweckte Witjon nicht den Eindruck eines absolut verrohten Barbaren, dafür hatte er sich immerhin seinen Bart abrasiert und eine genügsame Garderobe gewählt.



    *Böhmische Dörfer ;)

    Uh oh. Sie hatte sich verschluckt. Tz...Frauen, dachte sich Witjon und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Er hatte seine helle Freude daran Callista zu beobachten und ihre beinahe gelungene Souveränität in Sachen Met trinken machte sie noch ein Stück weit anziehender. Irgendwie ja schon ganz niedlich. Sein nächster Gedanke erschreckte Witjon, denn er musste urplötzlich an Aquilia denken. Sie hatte Met liebend gern getrunken und war überhaupt ganz anders gewesen als ihre Verwandte. Da fiel ihm auf, dass Callista vermutlich noch gar nichts von Aquilias Dahinscheiden wusste. Woher denn auch? Aber das konnte er im Leben nicht jetzt von sich geben. Er würde wohl noch etwas damit warten...ein oder zwei Tage, oder bis nach der Verlobungszeremonie oder, oder, oder. Und dann riss Callista ihn aus seinen Gedanken, indem sie ihn überraschte. Sie trank einfach weiter, nachdem sie den Husten überwunden hatte. Anerkennend Lächelnd beantwortete er ihre Frage. "Met ist eine Mischung aus Honig und Wasser, die gegoren wird. Zusätzlich kann man noch Gewürze hinzugeben und durch die Länge der Gärung die süße des Mets beeinflusst werden." Das war relativ einfach geschildert und sollte für sie erst einmal als Erklärung genügen. Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu: "Schmeckt es dir denn?"

    "Öh?" machte Witjon und sah dabei vermutlich nicht geradezu intelligent aus. Dann musste er lachen. "Nein, nein, das oh...ich Trottel. Natürlich essen wir Oliven oder Schafskäse oder Ziegenkäse. Also...wir würzen auch mit Ingwer oder anderen Kräutern. Und...also überhaupt wieso soll unsere Küche eigentlich fad sein?" Jetzt war Witjon völlig verwirrt. Er spielte an seinem Becher herum und registrierte dann Callistas Fragen. "Achja, Met. Also...hm?" Was für Vorstellungen hatte diese Frau eigentlich? Bei Donar, hatte sie nie richtig trinken gelernt? Merkwürdige römische Erziehung...
    "Also das ist ganz einfach. Becher anheben, zuprosten, Becher ansetzen, trinken." Er grinste (ja, immer noch bzw. schon wieder) schelmisch und tat genau wie er es beschrieben hatte. Er hob seinen Becher in Callistas Richtung, sagte feierlich "Auf uns beide" und trank dann einen großen Schluck. Ja, das tat wirklich gut. Als er den Becher wieder abgesetzt hatte, beobachtete Witjon seine Verlobte eingehend. Ihm fiel erneut auf wie schön sie war und schätzte sich glücklich, sie heiraten zu dürfen. Zudem war die junge Prudentia ihm wirklich sympathisch und noch kein bisschen nervtötend gewesen, wie zum Beispiel diese lästige Tochter des Procurator Aquarum. Wie hieß sie noch? Wie auch immer, erwartungsvoll studierte Witjon Callistas Gesichtszüge und war auf ihre Reaktion gespannt.

    Ein Glück, Callista war ihm nicht böse. Das erledigte offenbar ihre Sklavin schon ganz gut, denn diese erwies sich nicht gerade als die freundlichste Begleitung. Der Wirt kam und brachte zwei Becher des güldenen Getränks und Witjon zuckte nur mit den Schultern, um dann auf Callistas Frage einzugehen. "Eher fad? Öhm...das kommt wohl immer auf den Betrachter an. Du musst verstehen, dass nicht viele Leute hier sich eine Vielfalt an Gewürzen leisten können und deshalb viele einfache Speisen aus Rüben, Hirse, Roggen, Bohnen, Linsen, oder Ähnliches in Eintöpfen oder Brei verarbeiten. An Festtagen gibt es dann mal ein Hühnchen oder ein Lamm, je nachdem." Mit einem Zwinkern und breit grinsend fuhr er dann jedoch fort. "Aber du hast Glück. Meine Sippe ist betucht genug, sich regelmäßig auch Schinken, Würste oder einen ordentlichen Braten leisten zu können, ohne dafür gleich wochen- oder monatelang sparen zu müssen."

    Mit einem knappen "Danke" leistete Witjon der Aufforderung des Legaten Folge und nahm auch den Wein entgegen, von dem er einen Schluck probierte - und nebenbei feststellte, dass dieser römische Traubensaft gar nicht mal soo schlecht schmeckte - , bevor er zu berichten begann. "Nun, wo soll ich beginnen? Vielleicht mit den wichtigsten Ämterbesetzungen der Provinz? Wobei die sich dir ja gestern zum Großteil schon vorgestellt haben." Er legte die Ämterliste erst einmal zur Seite und überlegte kurz. "Womöglich ist dir ein Bericht zur Lage der Provinz erst einmal lieber als eine Aneinanderreihung von Namen und Ämtern. Ich gehe davon aus, dass dein Vorgänger bei der Amtsübergabe bereits einen kleinen Überblick dargeboten hat? Nunja...was möchtest du zuerst von mir hören?"

    Oh verfluchte Hacke! Wieso hatte ihm niemand gesagt, dass Callistas Mutter erst vor Kurzem in Hels Reich entschwunden war? Er hätte doch niemals auch nur das Thema Mantua angeschnitten, wenn er das gewusst hätte. Bestürzt sah Witjon mit an, wie die junge rothaarige Frau sich eine Träne wegwischte - auch wenn sie versuchte das zu verbergen. Ganz sachte berührte er sie am Oberarm, die ägyptische Sklavin völlig ignorierend. "Das tut mir leid, ich wusste nicht..." Da war er wieder. Der Kloß! Und diesmal hatte er praktisch gigantische Ausmaße angenommen, so dass Witjons Hals völlig unbrauchbar wurde. Sein Mund wurde trocken und die Knie schon wieder so weich wie bereits vor der Porta der Casa.


    "Sehr gut. Ich mag Frauen, die sich an Neue Dinge herantrauen!" Hatte er das gerade gesagt? Oh Mann, was war heute eigentlich los mit ihm? "Ähm, ja also aus der Gegend kommen auch lukanische Würste, die sehr gut sind und ähm...naja." Argh Witjon! Stell dich nicht so an! Da kam auch schon die Garküche in Sicht, die Witjon angestrebt hatte. Hier verbrachte er des öfteren seine Mittagspause. Er wies auf einen hölzernen Tisch mit zwei Bänken, auf denen insgesamt mindestens sechs Personen Platz hatten, doch momentan war nicht so viel los und so hatten sie den Tisch für sich. "Hier sind wir schon. Dies ist meine Stammküche, wo ich öfters hingehe. Ähm ja..." Der Wirt hatte die drei schon bemerkt und Witjon hob nur zwei Finger und meinte: "Met bitte...und für dich?" Die Frage war an Vodafonis gerichtet, die bestimmt keinen Alkohol trinken würde oder durfte.

    "Du stammst also ursprünglich aus Mantua, nicht aus Rom?" Das hatte Witjon gar nicht so genau gewusst. Viel ändern tat es zwar nicht, aber es war interessant zu wissen. "Das dort ist die Basilika, die Markthalle der Stadt. Dort werden Gerichts- und Markttage abgehalten und die Händler sind vor dem Regen geschützt. Aber was sage ich dir das, du kommst aus Rom. Dort wird es sicherlich auch Markthallen geben." Er schalt sich einen Idioten dafür, Callista so belehren zu wollen und setzte lieber schnell eine Frage nach, bevor er sich irgendwie verhaspelte oder etwas weiteres dummes sagte oder tat. "Ähm...ja, willst du vielleicht trotzdem hineingehen? Dort könnten wir dir auch gleich einen Becher Met holen." Er zwinkerte und überspielte die peinliche Situation mehr oder weniger gekonnt. So hinterließ er ja schonmal gar keinen arroganten Eindruck, indem er - der germanische Provinzler - sie - die römische Stadtfrau - über Markthallen aufklären wollte.

    Eine Horde spielender Kinder rannte an ihnen vorbei, während Callista von ihrer Reise erzählte. Interessiert hörte er seiner Verlobten zu und stellte sich ihre Erzählungen bildlich vor. Mit etwas Bedauern in der Stimme sagte er: "Nein, ich war noch nie in den Alpen. Ich bin um ehrlich zu sein noch nicht sonderlich weit herumgekommen. Die weiteste Reise, die ich bisher unternommen habe, dauerte etwas über zwei Wochen." Etwas wehmütig dachte er an die Reise nach Germania Magna zurück, doch auch diesen Gedanken schob er schnell beiseite, nur um zu sehen wie Callistas Züge ihr fröhliches Strahlen verloren und sie etwas traurig wirkte. Aber er kam nicht dazu, sie zu fragen. Statt dessen stellte sie ihm direkt die nächste Frage. "Balbus? Nein, den kenne ich nicht persönlich. Nur aus Erzählungen. Aber ich habe bisher auch nur Gutes von ihm gehört und es freut mich, dass er meinen Vetter schätzt und ihm seine Nichte als Schülerin anvertraut." Ein Stolzes Lächeln zeigte, dass er die Worte auch so meinte. Dann kam das Forum in Sicht. Heute war kein Markttag, dennoch waren viele kleinere Stände oder Bühnen aufgebaut und die Läden am Rand des großen Platzes hatten ebenfalls allesamt geöffnet. Es herrschte reges Treiben und Witjon hielt einen Moment inne. "Da wären wir. Das Forum Mogontiaci. Dort siehst du die Regia, hier drüben die Curia und dort die Thermen. Naja und den Tempelbezirk hast du ja schon gesehen." Witjon grinste schief und überlegte fieberhaft, was nun zu tun sei. Irgendwie wollte die Unsicherheit noch immer nicht ganz weichen, trotz des Weins und trotz des Fakts, dass dies seine zweite Heimat war, in der er sich gut auskannte.

    Nach kurzem Klopfen erschien der Magister auch, der ja das Officium direkt nebenan hatte und durch eine Verbindungstür direkt zum Legaten durchgehen konnte. Witjon hatte auf dem Empfang noch nicht viele Worte mit dem Vinicier gewechselt, war er dort doch von den höherrangigen Persönlichkeiten der Provinz in Beschlag genommen worden. So begrüßte der junge Duccier seinen neuen Vorgesetzten mit einem höflichen Nicken, schloß die Tür hinter sich und trat näher. Er hatte einige Akten dabei, die seinen Bericht über den aktuellen Stand der Provinz unterstützen würden. "Salve Legatus Vinicius. Dein Magister Officiorum Duccius Marsus meldet sich zum Dienst." Er lächelte leicht. "Du hast mich rufen lassen?"

    Und plötzlich war Callista total perplex. Was hatte er denn nun angestellt? Hatte er zu schnell geredet, oder gar unabsichtlich ins Germanische gewechselt? Nein, das konnte es nicht sein. Vielleicht hatte sie einen fetten, hässlichen Pickel in seinem Gesicht entdeckt! Aber nein, er hatte noch nie besonders schlimme Pickel gehabt, anders als andere Jungen. Vielleicht hing ihm auch irgendwas aus der Nase? Nein, seinen leichten Schnupfen hatte er schon vor ein paar Tagen überwunden gehabt und genießt hatte er doch auch nicht. Aber dann lächelte Callista wieder und fing ihrerseits an zu stottern. Nun gut, die Tempel kannte sie schon. Auch wenn Witjon sich wunderte, dass sie erst zu Phelan in die Ausbildung gegangen war, statt seinen Besuch abzuwarten. Er wischte den Gedanken mit dem merkwürdigen Beigeschmack schnell beiseite und setzte zu einer Antwort an. "Gut, ich schlage vor wir beginnen unseren Erkundungsgang schlichtweg auf dem Forum. Von dort kommt man praktisch überall hin. Hier entlang bitte." Mit einer galanten Geste wies Witjon Callista den Weg und schlenderte dann neben ihr her. Die Straße war nicht sonderlich stark frequentiert, so dass sie in Ruhe zum Forum spazieren konnten. Hier und da kamen sie an einer gut besuchten Garküche oder einem anderen Geschäft vorbei. Während sie so Fuß vor Fuß setzten, nahm Witjon etwas unbeholfen wieder das Gespräch auf. "Und...wie lange hat die Reise hierher gedauert?"

    Die beiden Verlobten traten aus der Casa Prudentia hinaus auf die Straße. Die Sonne schien und brachte eine angenehme Wärme in den Maitag, der gelegentlich von einer kühlen Brise erfrischt wurde. Witjon atmete einmal tief durch und warf Callista dann einen fragenden Blick zu. Einen Moment lang war er unschlüssig, dann haspelte er ein paar Worte hervor. "Nun, also...du...wohin wollen wir zuerst gehen?" Arghl! Jetzt hatte er sich ja doch eine Blöße gegeben und versuchte seine Verlegenheit durch schnelles Weiterreden zu überspielen. "Also, in der Richtung dort liegt das Forum, wo sich auch die meisten öffentlichen Gebäude liegen. Die Curia, die Regia, die Thermen..." Er verstummte, als er Vodafonis registrierte, die gerade die Tür hinter sich schloß, und erwartungsvoll zwischen ihm und Callista hin und her sah. Wie blöd er sich doch gerade vorkam. Sein Blick fiel wieder auf seine Verlobte, während er ein verlegenes Grinsen zu unterdrücken suchte.

    Callistas verwirrtes Mienenspiel amüsierte Witjon. "Nun, warum sitzen wir dann noch länger hier? Das Wetter ist gut und ein Stadtrundgang lohnt sich in jedem Fall." Er leerte seinen Becher und rutschte mit seinem Hinterteil auf die Kante der Kline. "...außer du würdest gern noch etwas hier bleiben," fügte er dann etwas vorsichtiger hinzu. "Ich möchte immerhin deine Gastfreundschaft nicht gering schätzen."

    Witjon erschien es merkwürdig, dass es in Rom, dem angeblichen Mittelpunkt der Erde, keinen Lehrer für seine Verlobte gegeben hätte. Doch er fragte nicht weiter danach, war ihm doch herzlich egal. Callista war hier und das zählte für ihn. Ein Glück, dass er keine Gedanken lesen konnte, denn mit Teig verglichen zu werden hätte ihm sicherlich einen ziemlich schwachsinnigen Gesichtsausdruck entlockt...oder einen Lachanfall. (:D)


    Ein vorsichtiges Grinsen zeigte sich dann auf Witjons Zügen, als Callista fortfuhr. "Nun, Arbjon...ähm Eburnus hat dir offensichtlich das wichtigste für einen gelungenen Start unter Germanen beigebracht. Aber es wundert mich, dass du noch keinen Met getrunken hast, wo du doch jetzt schon ganze zwei Tage in Mogontiacum weilst." Ein gewisser ironischer Unterton hatte sich in seine Stimme eingeschlichen und Witjon trank noch einen Schluck Wein, um ein dickes Grinsen zu verbergen. Mit etwas ernsterer Miene und viel Überzeugung fügte er hinzu: "Da du mich ja ohnehin zu einem Spaziergang durch die Stadt überreden wolltest, können wir die Gelegenheit direkt nutzen, um dir Met und einige andere kulinarische Vorzüge meines Landes näher zu bringen." Doch die ernste Maske hielt nicht lange und wich ziemlich schnell wieder einem fröhlichen Strahlen, während Witjon seine Verlobte betrachtete und sie so hübsch lächelte.

    Am Tag nach ihrem Gespräch im Arbeitszimmer der Casa Duccia hatte Witjon Rodrik mit ins Hafenviertel genommen und führte ihn nun zu seiner Goldschmiede. Als Brix seinen Geldgeber kommen sah, unterbrach er seine Arbeit und begrüßte die beiden Duccier. "Heilsa Witjon! Ein schöner Tag heute, nicht wahr?" Witjon grinste und schüttelte dem Kelten die Hand. "Heilsa. Wahrlich, das Wetter ist vorzüglich." Er deutete auf den jungen Mann an seiner Seite. "Darf ich dir meinen Vetter Rodrik vorstellen? Er möchte gerne bei dir in die Lehre gehen und ich dachte mir, dass du mit Sicherheit einen Schüler gebrauchen kannst. Was meinst du?" Brix wandte sich Rodrik zu und gab diesem ebenfalls die Hand zum Gruß. "Willkommen, Rodrik. Du möchtest also eine Ausbildung zum Goldschmied machen?" Der Mann musterte Witjons Vetter eingehend und nickte dann. "Nun, wir werden sehen. Was hast du denn bisher so gearbeitet?"

    "Das heißt du wirst das Handwerk des Goldschmieds von Grund auf lernen müssen. Nun, das klingt für mich nach einem ehrgeizigen, aber durchaus erreichbaren Ziel. Ich würde sagen, ich stelle dich gleich morgen dem guten alten Brix vor und dann kannst du direkt loslegen." Er grinste leicht und entschied, dass es damit genug sein sollte, also nahm er bereits seine Unterlagen wieder zur Hand und wartete noch einen Moment, ob Rodrik Fragen hatte.

    Witjon musste schmunzeln, als Callista etwas verlegen aussprach, weshalb sie beide hier überhaupt zusammen saßen. Sie würden heiraten, und zwar ziemlich bald. Leider blieb ihm nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn seine Verlobte sprach zügig weiter. Während sie so berichtete, was Eburnus - der für Witjon immer noch der große Bruder Arbjon war, denn mit dessen römischen Namen sprach er ihn für gewöhnlich nicht an - Callista für Eindrücke des Nordens vermittelt hatte, fragte Witjon sich insgeheim, ob und was sein Bruder womöglich auch über ihn erzählt hatte. Aber vermutlich war das nicht viel gewesen, denn sie hatte gerade erst gesagt, dass sie zu dem Zeitpunkt noch nichts von ihrer Heirat gewusst hatte. Der junge Duccier trank einen weitere Schluck Wein und musste dann über Callistas Jux lächeln. "Nun, die Winter hier können wahrhaft hart sein, doch ist es auch eine schöne Jahreszeit. Aber du hast vermutlich recht, es war nicht gerade unklug erst jetzt herzukommen, ist die Reise doch im Winter um einiges schwieriger und risikoreicher, als sie es ohnehin schon wäre." Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: "Aber du bist wohlbehalten hier angekommen und dafür danke ich den Göttern."
    Langsam begann Witjons Aufregung sich etwas zu verflüchtigen, denn das Gespräch lief gut und er fühlte sich sichtlich wohler. "Und wie ist dein erster Eindruck von meiner Heimat? Haben sich deine Erwartungen bisher bestätigt oder hat mein Bruder Dinge erzählt, die du so noch nicht bejahen kannst?" Immer schon die Unterhaltung am Laufen halten, Witjon. Keine unangenehmen Pausen! (:D)

    Verfluchte Hacke! Jetzt standen sie da und schweigten sich an. Wie peinlich! Witjon suchte nach den richtigen Worten, um das Gespräch nicht mit Hüsteln und Räuspern fortführen zu müssen, doch zu seinem großem Glück kam dann auch schon die alte Sklavin mit Wein herein und forderte die einander Versprochenen auf sich zu setzen. Callistas Annahme, dass Witjon keine Klinen zuhause habe, war falsch. Für den Fall, dass römischer Besuch daheim war, hatten die Duccier einige Klinen in einem Nebenraum des Kaminzimmers vorrätig, die zu entsprechenden Gelegenheiten hervorgeholt wurden. Ohnehin war Witjon die Nutzung von Klinen durch seine Arbeit in der Verwaltung gewöhnt, gab es doch ständig Klinken von einflussreichen Bürgern zu putzen oder politische Gespräche beim gemütlichen Abendessen zuhause zu führen. Der servierte Wein war unverdünnt und Witjon nahm einen ordentlichen Schluck, der ihm hoffentlich etwas Nervosität nehmen würde.
    "Du hast mit meinem Bruder gesprochen?" Verblüfft schaute Witjon sein Gegenüber an. "Was hat er dir denn alles von unserer schönen Heimat berichtet?" Ein leichtes Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. So wie er seinen Bruder kannte, hatte er Callista mit so vielen Informationen überhäuft, dass dieser ganz schwindlig geworden sein musste.

    Witjon erkannte Callista sofort. Und war baff. Landos Sticheleien hatten sich allesamt als unwahr erwiesen. Callista war von zierlicher Gestalt, schlank, aber nicht dünn. Ihre Haare waren rotbraun und hochgesteckt und zum verzierten Kleid trug sie an ihrem Hals die Kette, die aus Witjons Goldschmiede stammte. Sein Blick blieb an Callistas hinreißenden Gesichtszügen hängen, von denen besonders die Augen eine faszinierende Wirkung auf den jungen Duccier hatten. Den Göttern sei gedankt, seine zukünftige Ehefrau war bildhübsch! Mit einem schüchternen Lächeln nickte er ihr zu und erwiderte ihre begrüßung mit freundlichem Ton. "Heilsa Callista." Ihre Anrede war zum Glück nicht besonders förmlich gewesen und sie benutzte auch noch den germanischen Gruß, was Witjon zum einen überraschte und zum anderen fröhlich stimmte. Sie war seiner Kultur offenbar aufgeschlossen und hatte sich schon im vorhinein informiert. "Ich freue mich, dich in Germania begrüßen zu dürfen," war das erstbeste was Witjon nun einfiel und das er auch etwas unbeholfen von sich gab. Sein Magen krampfte sich urplötzlich zusammen und der verfluchte Kloß wollte in seinen Hals zurückkehren. Völlig in den Bann dieser Frau geschlagen stellte Witjon fest, dass ihre Wangen sich röteten, was ihn nur noch begeisterter werden ließ.

    Versammlung des Ordo Decurionum Mogontiaci


    Die nächste Sitzung des Ordo Decurionum Mogontiaci findet am PRIDIE NON MAI DCCCLIX A.U.C. (6.5.2009/106 n.Chr.) statt.
    Die Mitglieder des Ordo mögen sich zur hora nona im Sitzungssaal in der Curia Mogontiaci einfinden.



    Tagesordnung


      [*]Verlesung und Genehmigung der Tagesordnung
      [*]Neuaufnahmen
      [*]Tempelsanierungen
      [*]Statue zu Ehren des Kaisers
      [*]Duumviratsangelegenheiten


    Numerius Duccius Marsus - Duumvir Mogontiaci

    Vorsitzender des Ordo Decurionum Mogontiaci