Beiträge von Iunia Axilla

    “Du kennst Levi überhaupt nicht! Du hast keine Ahnung, was er kann und was er nicht kann!“ Soviel musste Axilla ihren Sklaven noch verteidigen, dass sie Archias da anfuhr. Levi gehörte zu den sehr wenigen Menschen, denen Axilla haltlos vertraute, und sicher, er wirkte schlacksig und unbeholfen, und er war auch jung, aber na und? Urgulania war von Psymmitychus beschützt worden, ein Schrank von einem Mann, und war trotzdem tot. Leander war auch nicht viel größer und breiter gewesen als Axilla, und dennoch hatte er sie erfolgreich beschützt und dabei sein Leben gelassen. Was sagte schon Erscheinung darüber aus? Levi konnte sehr wohl mit einem Dolch gut umgehen, nur dass Archias das nicht wissen konnte. Immerhin war es Sklaven in Rom auch verboten, Waffen mitzuführen.


    Dann aber kam das Gespräch auf den Teil, der Axilla schlicht zu viel war. Sie fühlte sich schwindelig und schlecht, als würde der Boden wanken. Auch wenn Archias zurückruderte und es nicht aussprach, sie wusste einfach, was er sagen wollte. Sie wusste, was er gemeint hatte. Auch wenn er danach fast schon resignierend klang und sie nichtmal direkt ansah, sie wusste, was er gemeint hatte.
    Er sagte etwas, von einem iunischen Leibwächter und von Silanus. Sie bekam es irgendwie gar nicht ganz bewusst mit. Ihr war gerade einfach nur schlecht. Das war alles zu viel. Viel zu viel. Weitaus mehr, als zu ertragen sie bereit war. “Geh jetzt bitte...“ Sie machte eine abwehrende Handbewegung, als wolle sie ihn vorsorglich auf Abstand halten. Das hier war einfach alles zu viel. Sie konnte jetzt nicht über irgendwelche Kompromisse nachdenken. Wollte sie auch gar nicht. Sie wollte grade nur ihren Magen in den Griff kriegen, der sich verkrampfte.

    Skeptisch betrachtete Axilla ihre Cousine, während die zu der Sitzgruppe hinüber ging und an sich herumnestelte. Sie zögerte noch einen Moment, ehe sie folgte und sich hinsetzte. Wer sie gut kannte - wobei das momentan wohl nur auf Levi zutreffen könnte – konnte schon an ihrer Körperhaltung erkennen, wie suspekt ihr das alles war und wie wenig gewillt sie eigentlich war, hier zu sein. Aber gut, jetzt war sie schonmal da, da konnte sie sich auch setzen und sich die Erklärung anhören. Aufspringen und rumschimpfen konnte sie ja immernoch.
    Als sie saß, fing Serrana dann auch an zu erklären. Wobei Axilla absolut nicht verstand, was das erklären sollte. Gut, war sie schwanger, na und? War ja zu erwarten gewesen. Das passierte üblicherweise nach Hochzeiten, wenn die beiden Ehepartner sich verstanden und nicht wie sie und Archias die ganze Zeit nur stritten und jeder schön in seinem Zimmer blieb. Und was das mit Serranas Verhalten zu tun hatte, verstand sie auch nicht. Sie sah da absolut keinen Zusammenhang mit der herablassenden Behandlung damals und der Schwangerschaft.
    Ihre Augenbrauen wanderten immer weiter zusammen, bis diese fast einen Strich auf ihrer Stirn bildeten, so sehr musste Axilla nachdenken, was Serrana ihr sagen wollte. Sie verstand nur Pferdewechselstation. Und genau so guckte sie auch drein und machte einfach nur “Aha“, da ihr absolut nichts einfiel, was sie dazu jetzt sagen sollte. Sie verstand es schlicht und ergreifend nicht, weder das zynische Lachen noch den Zusammenhang zu dem Gespräch damals. Wenn sie schwanger war, war doch alles prima.

    Von der Tür her, die zum Garten führte, hörte Axilla die wohlbekannte Stimme. Beinahe wünschte sie sich, die Sklaven hätten geantwortet, dass Serrana schon wieder weg wäre, aber dem war nicht so. Etwas unsicher drehte sie sich also herum und betrachtete Serrana, die zu ihr herüber kam.
    “Gut, alles gut“, log Axilla auf die Frage nach ihrem Befinden. In Wahrheit war gar nichts gut bei ihr. Sie und Archias zankten sich nur noch, weil er sich in ihren Augen total verrückt benahm und ihr jegliche Freiheit nehmen wollte. Sie war schon immer sehr selbständig gewesen und hatte das getan, was sie tun wollte, und jetzt auf einmal schien das ein Problem zu sein. Eines, an dem sie nichts ändern konnte. Aber sie würde Serrana da nicht ihr Herz ausschütten. Sie würde niemandem ihr Herz ausschütten, Axilla war sehr gut darin, ihren Kummer in sich hineinzufressen, bis er in einem Ausbruch von Tränen und Wut hervorplatzte und ein Trümmerfeld hinterließ.
    “Und warum wolltest du mich so dringend sprechen?“ Sicher, sie hätte sich erst auf ein wenig müßiges Palaver einlassen können und ablenken können, aber sie wollte wissen, was es denn so dringendes gab, was dieses Gespräch unausweichlich gemacht hatte. Vor allem, da ihr Verdacht, Archias könne damit zu tun haben, noch immer am drängendsten war.

    Man konnte nicht wirklich sagen, Axilla hätte sich beeilt, herzukommen. Im Grunde hatte sie sich ausführlich viel Zeit gelassen, sich fertig zu machen, als ihr Levi den Brief gebracht hatte. Natürlich war sie neugierig und fragte sich, was es denn so dringendes geben würde, dass Serrana sie zu sich bestellte. Noch dazu in die Casa Iunia, nicht Germanica. Aber Axilla war eben alles andere als erpicht darauf, häufiger als notwendig mit ihrer Cousine zusammenzutreffen und hatte daher erst in Ruhe ein Kleid gewählt und sich die Haare machen lassen, noch einmal die Abrechnungen ihrer Betriebe geprüft und erst, als es wirklich nichts mehr zu tun gab, sich auf den Weg gemacht.


    Und jetzt war sie hier, es waren bereits die frühen Abendstunden, und betrat das Haus ihrer Gens. Sie war sowieso jeden zweiten oder dritten Tag hier, auch ohne vorherige Einladung, aber dennoch fühlte sie sich heute reichlich seltsam. Es war, als hänge ein Damokles-Schwert über ihr, und sie wusste nicht einmal, wieso. Hatte sie irgendwas angestellt? Eigentlich konnte es nichts geben, es sei denn Archias hätte sich bei Serrana darüber ausgeheult, dass Axilla so streitlustig sei. Was sie ja auch ganz anders sah, aber das war noch das einzige, was sie sich vorstellen konnte.


    Sie betrat also das Atrium, wo ein paar Sklaven gerade damit beschäftigt waren, das Impluvium zu füllen. Vielleicht war wegen der sommerlichen Hitze etwas Wasser verdampft? Wobei es zwei Tage zuvor noch gut ausgesehen hatte.
    “Ist Serrana irgendwo?“ fragte Axilla, die einfach im Raum stehen geblieben war, mit etwas unsicherer Stimme. Sie konnte sich einfach keinen Reim darauf machen, was hier vorging.

    Ein Glück, er war noch da! Axilla fielen ganze Gebirgsketten mit den dazugehörigen Kontinentalplatten vom Herzen, und das lag nicht nur an der überaus schmeichelhaften Begrüßung. Sie strahlte den Mann also an, dass wohl selbst die mittägliche Sonne sich fragte, wie sie das so machte und versuchte, nicht wieder rot zu werden. Obwohl sie sich heute etwas besser gewappnet fühlte, und aufgrund der Tatsache, dass Vala nicht neben ihr stand, die Verlegenheit auch nicht gar so schlimm war. So konnte sie ja ein wenig zurückflirten, ohne dass irgendwer daran Anstoß nehmen konnte oder sie sich fragen musste, wer das in den falschen Hals bekommen könnte. Das war schon viel eher ihr Element.
    “Sagst du das zu jeder Frau, die vorbeikommt, oder hast du dich wirklich so sehr nach mir gesehnt?“ Axilla hatte zwar ein wenig keck sein wollen, aber die genaue Art ihrer Wortwahl war dann doch auch für sie etwas überraschend. Aber sie überspielte es mit einem Lächeln, das selbstsicherer war als sie sich eigentlich fühlte.
    “Wenn das so ist, muss ich mir nämlich nochmal überlegen, ob ich es wirklich riskieren kann, dich zu kaufen.“ Ihre Miene nahm einen unschuldigen und fragenden Blick an, als müsse sie das wirklich erst sehr gründlich abwägen. Gleichzeitig aber vertraute sie darauf, dass der Händler ganz sicher auf das kleine Wörtchen 'kaufen' prompt reagieren würde. Das war sowas wie das ultimative Wort, wenn man Aufmerksamkeit haben wollte. Mann konnte wohl auch Sätze mit 'blablabla kaufen blablabla viel Geld' bilden, und dennoch würde sich auf einem Markt irgendein Verkäufer sofort darauf anspringen.

    Es hatte einige Tage gedauert, bis Axilla zu einer Entscheidung gelangt war. Üblicherweise ging bei ihr so etwas sehr schnell vonstatten, traf sie die meisten Entscheidungen aus einem Gefühl heraus. Nur diese hier war etwas schwieriger gewesen, weil eben jene Gefühle sich heftig miteinander stritten. Da war zunächst einmal das Schuldgefühl. Das war sogar sehr immanent und penetrant. Schuld deshalb, weil sie Archias nichts von Vala erzählt hatte. Weil sie ganze genau wusste, dass ihr Mann ihn nicht leiden mochte - um es mal zu verharmlosen. Und weil sie dennoch darüber nachdachte, wie sie Vala glücklich machen konnte, anstatt dass sie nachdachte, wie sie die Löcher in ihrer doch recht bröckeligen Ehe kitten sollte.
    Dann war da eine Art Pflichtbewusstsein. Vala war ihr Freund. Einer der wenigen Freunde, die sie hatte. Sie wusste, wie wichtig ihm dieser Sklave war, auch wenn er es nicht gesagt hatte. Sie wusste, dass er ihn wollte. Sie hatte die Mittel, das zu ermöglichen. Sollte sie da nur tatenlos dastehen und nichts tun? Immerhin hatte er nein gesagt.
    Aber am stärksten schließlich war ihr eigenes Unwohlsein bei dem Gedanken, dass Vala wegen dieser Sache niedergeschlagen sein mochte. Dass er etwas haben wollte und nicht konnte. Und sie litt dabei wahrscheinlich sogar noch stärker als er, denn ihr bereitete die Vorstellung, dass es ihm nicht gut ging, ein Unbehagen, dass jegliches andere Unwohlsein überschritt und sie nachts unruhig im Bett herumwälzen ließ. Sie konnte es nicht einfach beiseiteschieben und so tun, als wisse sie von nichts.


    So war sie heute wieder zum Sklavenmarkt gegangen, in Begleitung von Levi, und hatte erst einmal gesucht. Hoffentlich war der Sklave überhaupt noch da. Immerhin hatte er neben seinem losen Mundwerk doch auch einiges an Bildung vorzuweisen gehabt.
    Und warum mussten die hier alles umstellen, wenn man mal drei Tage nicht da war? Ihr Orientierungssinn litt darunter doch erheblicher als gewöhnlich, und so dauerte es eine ganze Weile, bis sie den gesuchten Stand auch gefunden hatte.
    “Salve!“ rief sie dem Verkäufer zu und stellte sich etwas auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können, denn auf den ersten Blick sah sie den Sklaven, den Vala gewollt hatte, nicht. Und Unruhe und Sorge spiegelten sich allzu deutlich in ihrer ganzen Körperhaltung wieder, während sie den Hals reckte und nach dem Sklaven suchte. “Sag, erinnerst du dich an mich? Vor ein paar Tagen hat mein Begleiter sich für einen deiner Sklaven interessiert. Den charmanten Betrüger...?“

    Treudoof war wohl die passendste Bezeichnung für Axillas Blick, während sie Vala beobachtete, wie er sie mit offenem Mund anschaute und überlegte. Er wollte diesen Sklaven, das war ihr klar. Axilla verstand wirklich nicht viel. Die meiste Zeit verstand sie sogar gar nichts. Sie kannte sich weder mit Politik gut aus, noch mit den Philosophen -vaußer sie hatte den ein oder anderen Geistesblitz und erinnerte sich an ihre doch sehr umfassende Bildung. In Rom kannte sie gerademal eine Handvoll Menschen. Worin sie aber sehr gut war, was diese kleinen Schwingungen zu registrieren, die in der Luft lagen, wenn jemand sehnsüchtig nach etwas verlangte, was außerhalb seiner Reichweite lag. Traurigkeit konnte sie ausmachen wie ein Jagdhund ein waidwundes Tier. Und deshalb war ihr klar, dass Vala diesen Sklaven wirklich gern gehabt hätte.Und dass alles andere dagegen jetzt seine Farbe verlor.
    Und dennoch lehnte er ab. Natürlich lehnte er ab. Er konnte sich nicht einfach von ihr Geld leihen und damit in ihrer Schuld stehen. Axilla schob das zwar auf Gründe der Ehre und hatte damit ja gar nicht so sehr unrecht – wenngleich Vala ihr wohl heftig widersprochen hätte. Aber sie hätte es ihm wirklich gern gegeben. Das Geld tat ihr zwar auch weh, eintausend Sesterzen waren viel Geld. Aber mehr weh tat ihr die Vorstellung, ihm nicht helfen zu können. Sie hatte Vala gern, und sie mochte es nicht, wenn er betrübt war. Auch wenn er das eher als Wut nach außen trug.
    Aber sie konnte es ihm ja wohl schlecht aufschwatzen , auch wenn sie überlegte, das zu tun. Aber sein Blick war so bohrend und stechend, dass sie sich nicht traute, ihm witzig und charmant einfach zu widersprechen, als hätte sie gar nichts von der Ernsthaftigkeit seiner Stimme mitgekriegt, und so nickte sie nur und murmelte dabei etwas, von dem sie selbst nicht so ganz verstand, was sie sagte.


    Sie gingen noch ein wneig weiter über den Markt, aber nichts gefiel Vala mehr. Wie konnte es auch, hatte er doch schon gefunden, was er wollte, und konnte es nicht haben. Und Axilla konnte ihm nicht helfen, was sie selber immer betrübter war.
    “Wie spät ist es eigentlich?“ fragte sie irgendwo zwischen einem Stand mit breitgebauten Nubiern und wild aussehenden Parthern, als sie etwas beiläufig den stand der Sonne betrachtete. “Nicht, dass Levi sich noch die Füße in den Bauch steht...“


    Eigentlich wollte sie ja gar nicht weg und das hier beenden. Sie freute sich ja, ein wenig Zeit mit Vala verbringen zu dürfen. Aber seine Laune und ihre Unfähigkeit, daran etwas zu ändern, machten sie selbst verdrießlich, und das mochte sie nicht. Sie wollte doch einfach einmal wieder völlig unbeschwert sein, wie damals in Alexandria, als Urgulania und Leander noch lebten und die Welt so einfach ausgesehen hatte.

    So ganz geheuer war Axilla der Ausbruch an schönen Worten, die ihr galten, nicht. Sie bekam selten Komplimente, und wenn, dann kurz ein paar Worte. Von Vala vielleicht ein wenig mehr. Aber das hier, das war ein Meer an Aufmerksamkeit, und Axilla war nicht unbedingt ein geübter Schwimmer. Sie merkte, dass sie nur verlegen lächeln konnte und nicht zu einer kessen Antwort fähig war.
    Er nahm ihre Hand und hauchte einen so sanften Kuss auf ihre Finger, dass Axilla deutlich sichtbar Gänsehaut bekam. Und als er ihr dann näher kam, wich sie nur eine Winzigkeit zurück, nicht fähig, sich wirklich zu bewegen. Er fixierte sie mit ihren Augen, und sie sah wie hypnotisiert hinein. Sie fühlte seine Finger ganz leicht an ihrem Hals, wo sich ebenfalls eine wohlige Gänsehaut ausbreitete, seinen warmen Atem auf ihrem Ohr...


    Als der Sklavenverkäufer ihn schließlich zurück riss stand sie da, sich zutiefst ertappt fühlend, und nur wie ein Fisch auf dem Trockenen einmal den Mund aufreißend. Es geschah selten, dass Axilla vollkommen sprachlos war, aber im Moment konnte sie sich noch nicht einmal darüber richtig ärgern, dass der Kerl ihr einen von Urgulanias Ohrringen geklaut hatte. Von ihrem Ehering ganz zu schweigen.
    Sie nahm beides wieder zurück und fühlte sich kurz einmal mit der flachen Hand die Wangen. Die waren deutlich warm und vermutlich von einem sehr gesunden Rot im Moment. Ganz verlegen schaute sie zu Vala hinüber. Dass er hier direkt daneben stand und gesehen hatte, wie sie auf diese Komplimente reagiert hatte, das war noch das peinlichste von allem. Sie fühlte sich seltsam schuldig und sah ihn Verzeihung heischend an, aber er war nur mit dem Sklaven beschäftigt. Während sie also wieder den Ohrring an seinen Platz zurück friemelte, fing der Sklave schon wieder damit an, ihr Komplimente zu machen. Diesmal auf Attisch, und danach in einer Sprache, von der Axilla nur ein paar Worte verstand. Auf dem Fremdenmarkt in Alexandria hatte sie davon ein paar Phrasen aufgeschnappt, aber sie wusste nicht zu sagen, ob das nun parthisch oder indisch oder eine ganz andere Sprache war. “Du machst mich verlegen“, gab sie ihm lächelnd auf Attisch zurück, wohl wissend, dass Vala das wohl nicht verstand. Sie hatte ihm ja schonmal angeboten, es ihm beizubringen, aber damals war er sehr wütend auf sie gewesen und seitdem hatte sie es nicht wieder angeboten.


    Als sie fertig war, ging sie einen Schritt näher zu Vala, als wolle sie damit für den Sklaven klarstellen, dass er ihr solche Komplimente nicht machen dürfe. Auch wenn Vala das streng genommen auch nicht durfte. Dennoch war Axillas Schuldgefühl einfach da anderer Überzeugung und entschied, es sei sicher, sich in den Schutz des Germanen zu begeben.
    Und dann kam die Frage nach dem Preis, und der eben noch ausgelassene Ausdruck in Valas grauen Augen schwand. Er sah zu ihr, taxierte sie regelrecht. Axilla wusste nicht zu sagen, was in ihm vorging, dass er sie so anschaute. Aber mit einem Mal fühlte sie sich noch mehr schuldig. Und sie wollte irgendwas tun, damit er nicht mehr so streng und betrübt schaute.
    Und dann, ohne zu verhandeln oder weiter darauf einzugehen, sagte Vala, dass er sich das nicht leisten konnte. Tausend Sesterzen waren ja auch nicht mal eben ein Pappenstiel, und so fernab seiner Familie war Vala wohl auch nicht der wohlhabendste. Er wohnte ja auch bei einer befreundeten Gens und nicht mit eigenen Sklaven in einer eigenen Casa. Sie hingegen konnte sich das leisten, für sie sah die Sache anders aus. Aber noch ehe sie etwas sagen konnte, stapfte Vala auch schon missmutig weiter.


    Sie warf dem Mann und seinem Verkäufer noch einen zögernden und nachdenklichen Blick zu, blickte dann noch einmal auf ihren Ehering – der noch an ihrem Finger war – und eilte dann Vala hinterher.
    “Warte auf mich“, meinte sie schnell, endlich ihre Sprache wiederfindend, und schloss zu ihm auf. Ein wenig haderte sie mit sich, dann kratzte sie ihren Mut zusammen und fragte einfach. “Also, ich könnte dir das Geld leihen...“ Vorsichtig schaute sie zu ihm auf, da sie keine Ahnung hatte, wie er das aufnehmen würde.

    Und wieder wurde ein iunischer Sklave zur Post gehetzt, diesmal mit gleich zwei Schrieben. “Wertkarte Iunia, bitte“, meinte er nur und schob die beiden versiegelten Schreiben hinüber.



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    F. Decimus Serapio
    Tribunus Angusticlavius
    Legio XXII Deiotariana
    Nikopolis
    Aegyptus



    Salve Decimus,



    Ich muss sagen, ich habe lange überlegt, ob ich dir überhaupt zurückschreiben soll. Meine ersten beiden Briefe hierzu sind zerfetzt im Kohlebecken gelandet. Ich war nicht sehr erfreut über diese Fragen, aber dennoch will ich sie dir beantworten.


    Urgulania war nicht nur meine verwandte, sie war mir die beste Mentorin, die ich mir hätte wünschen mögen. Sie war eine wundervolle, starke Frau, die nie ihre Würde vergaß oder es nötig hatte, laut oder ausfallend zu werden. Sie war eine Matrone, wie man sie sich vorstellt, obwohl sie unverheiratet war.
    Feinde hatte sie nur einen einzigen, der gedroht hat, sie wie die gesamte alexandrinische Verwaltung ans Kreuz schlagen zu lassen, sofern sie nicht seinem Willen gefügig wären. Ich denke, es sollte dir nicht schwer fallen, herauszubekommen, wer das war. Auch wenn ich dir seinen Namen hier nicht schreiben kann und ich weiß, dass er für diesen Mord, den er meiner festen Überzeugung nach in Auftrag gegeben hat, nie belangt werden wird. Aber er war ihr einziger Feind in der ganzen Stadt, denn ansonsten war sie sehr beliebt. Sowohl als Gelehrte des Museions, als auch als Eutheniarche, als auch später als Exegete. Ganz Alexandria hat sie geliebt, sie hatte keine Feinde. Nicht einmal wütende Geschäftspartner.


    Die gesamte Honoratioren der Stadt zählte nicht nur zu ihrem Freundeskreis, sondern auch zu dem meinigen. Sowohl die Bantotaken, als auch die Keryken, als auch Cleonymus, der nun der Gymnasiarchos der Stadt ist. Und alle werden dir da dasselbe sagen: Urgulania hatte keine Feinde, bis auf den einen.


    Üblicherweise wurde sie von einem nubischen Custos Corporis begleitet. Psammytichus heißt er, aber soweit ich unterrichtet bin, ist auch er verschwunden. Ich kann dir nicht weiterhelfen und auch nicht sagen, was mit ihm passiert ist. Zu der Zeit war ich bereits in Rom.


    Von irgendwelchem besonderen schmuck wäre mir nie etwas aufgefallen. Natürlich trug sie welchen, aber keinen besonderen, soweit ich weiß. Geld verlieh sie selten, manchmal stundete sie Zahlungen für Produkte ihrer Schneiderei oder ähnliches, aber nur bei angesehenen Familien oder langjährigen Bekannten.
    Der Name des Persers sagt mir nichts. Wer ist das? Ein Geschäftspartner?


    Vale, Decimus


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    Decimus Livianus
    Legat Castra Legio II
    Mogontiacum
    Germania Superior



    Salve, Decimus Livianus,


    da ich nicht weiß, ob mein Vetter dir ebenfalls geschrieben hat, sehe ich es als meine Pflicht, dich mit diesem Schreiben zu informieren.
    Mein Vetter Iunius Silanus, der dein Klient ist, hat sich erkrankt aufs Land zurückgezogen. Zunächt in die Gegend um Mantua, allerdings wurde seine Krankheit dort nicht besser, so dass er nun nach Hispania gereist ist, in der vagen Hoffnung, dass die trockenere Luft seinen Lungen Erholung verschafft. Ich will dich weder ängstigen noch beschwichtigen, ich möchte nur, dass du Bescheid weißt. Ich weiß, dass er stets stolz darauf war, dein Klient zu sein, und nicht wünschen würde, dass du im Unklaren bleibst.
    Weiters hat er mich zur Verwalterin seiner Grundstücke gemacht, bis es ihm hoffentlich besser geht. Dazu hat er mir ein Grundstück vermacht. Da ich nicht weiß, ob er daher irgendwelche Verbindlichkeiten hat, und ich auch nicht weiß, ob ich ihn diesbezüglich fragen kann, wollte ich mich vertrauensvoll an dich wenden, ob dir vielleicht dahingehend etwas bekannt ist? Vielleicht hast du genauere Einblicke, welcher Art seine Pläne hier waren?


    Verzeih, wenn ich dich wegen so einer Kleinigkeit belästige.


    Ich hoffe auf deine baldige Antwort.


    Vale


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    Jetzt tat er auch noch so, als täte sie ihm damit etwas an, wenn sie sich nicht von seinen Leuten überwachen ließ! Und was hatte er denn jetzt auf einmal gegen Levi? “Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ich mir meine Wächter selbst aussuchen will? Und im Moment ist das Levi.“
    Kein einziges Zugeständnis... sie machte doch nur Zugeständnisse, seinetwegen! Sie wohnten hier, sie ertrug dieses ganze Brimborium, nur seinetwegen! Und er? Sie hatte ihr Heim verlassen für ihn. Und er? Was hatte er für sie aufgegeben? Nichts. Nun, vielleicht Seiana. Aber er hatte ja gesagt, er wollte lieber sie heiraten und nicht die Decima! Sie hatte ihm da nie auch nur eine Sekunde reingeredet! Sie hatte ja sogar noch ihn zu beschwichtigen versucht, als sie ihm ihre missglückte Abtreibung gebeichtet hatte. Man konnte ja fast sagen, sie hatte versucht, ihm Mut zu machen, die Beziehung zu Seiana zu retten.


    Aber dann eskalierte die Situation irgendwie. Während sie noch immer auf und ab lief, fing er auf einmal, ihr Vorwürfe zu machen. Axilla glaubte, sie hörte nicht richtig. Weil er paranoid war, war es ihre Schuld, dass er sich so aufführte? Als er Vala erwähnte, blieb Axilla abrupt stehen. Zum Glück mit dem Rücken zu ihr, sonst hätte er wohl kurz den ertappten Gesichtsausdruck in ihrem Gesicht gesehen. So aber stand sie nur da mit vor Zorn zitternden Fäusten, den Rücken ihm zugewandt, und vergaß den kurzen Schreck gleich wieder. Er wusste ja nichts von dem Treffen, welches ja auch ganz harmlos gewesen war. Vala war ein sehr ehrbarer Mensch, der nichts unehrenhaftes tun würde, davon war Axilla überzeugt.
    Sie drehte sich gerade auf dem Absatz herum, um ihm darauf eine Antwort entgegenzubellen, als er sie auf einmal doch perplex machte. Anlügen? “Anlügen?“ Was meinte er? “Was meinst du?“ Aber er redete auch schon weiter. Und dann kam es. Das oder. Axilla wurde mit einem Mal ganz weiß im Gesicht vor Schreck, und ihr Mund war ganz trocken. “Oder was?“ fragte sie erschreckt nach. Auch wenn sie schon wusste, was er sagen wollte.

    Das mit den Betrieben hatte er ihr schon einmal erzählt, erinnerte sich Axilla. Sie musste es wohl nur vergessen haben. Aber bei seiner Beschreibung, was er suchte, war sie doch recht hilflos. Sie wusste schon, was er suchte. Dieses gewisse Etwas. Es musste einfach im Kopf 'klick' machen, so dass man wusste, der andere passte zu einem. So wie es bei ihr mit Leander gewesen war. Dem hatte sie blind vertrauen können, alles erzählen können. Weil er eben genau das gewesen war, was sie gebraucht hatte. Nur Vala brauchte keinen Leander. Vala brauchte... Axilla hatte keine Ahnung.
    Was nicht hieß, dass sie nicht ihr Glück versuchte. Je länger sie über den Markt stiefelten, umso mehr zog Axilla Vala eigentlich mit sich. So waren sie auch schließlich zu einem Stand gekommen, wo auch ein paar ältere Sklaven dabei waren. Axilla zeigte auf einen Griechen, aber auch der gefiel Vala nicht. Und gerade, als sie weitergehen wollte, fiel ihm wohl jemand anderes ins Auge.
    Axilla verfolgte das kleine Gespräch interessiert. Auch wenn sie Vala nicht unbedingt raten würde, einen Fälscher und Betrüger zu nehmen. Der zog ihn am Ende über den Tisch, um einen eigenen Vorteil zu gewinnen. Aber andererseits klang das ganze schon sehr spannen.
    “Was hast du denn gestohlen?“ fragte Axilla neugierig und interessiert, ehe sie noch so wirklich darüber nachdenken konnte. Der Mann sah ja eigentlich ganz nett und sogar fast vornehm aus. Bisschen alt, und die Locken waren lustig. Aber vermutlich musste man so aussehen, wenn man Erfolg damit haben wollte, andere zu übervorteilen.
    Trotzdem fiel Axilla ihre eigene Neugier auf, als Vala sich so nachdenklich neben ihr das Kinn rieb, und ein wenig verlegen sah sie zu ihm auf. “Meinst du, du kannst ihm vertrauen?“ fragte sie Vala leise. Der Mann musste ja nicht mitbekommen, dass Axilla an seiner Glaubwürdigkeit Zweifel hatte. Auch wenn das ganze schon sehr spannend klang.

    Axilla lag schon auf der Zunge, dass sie ihm ja helfen könnte, aber sie traute sich dann doch nicht, es auszusprechen. Zum einen hätte sie kaum eine Erklärung für Archias finden können, wo sie so häufig hinging – und wenn sie für Vala arbeitete, dann würde sie wohl häufig zu ihm gehen – und zum anderen hatte sie ein wenig Befürchtungen, er könne sie dafür auslachen.
    So zog er sie mit über den Markt, und sie sahen sich die angebotenen Sklaven an. “Griechen sind meist recht gebildet“, fing sie etwas schüchtern an, aber der erste Grieche, den sie fanden und der etwas hermachte, gefiel ihm nicht. Auch einen Ägypter schlug er gleich aus, weil dieser einen etwas despektierlichen Blick zur Schau stellte.
    Sie wanderten also weiter über den Markt, und ein Teil der Unsicherheit verflog bei Axilla. Es war ja nicht für sie, es war, um Vala zu helfen. Sie kamen an einen Stand mit Frauen, aber sie blieben nichtmal richtig stehen, als Vala sie schon weiterzog. Axilla sah noch einmal zurück zu den Frauen. Die waren sehr hübsch gewesen, und um zu unterstreichen, wie gebildet sie waren, hatte der Händler ihnen Instrumente oder Schreibutensilien in die Hände gedrückt. Aber Vala hatte sie nichtmal näher angeschaut, sondern war gleich weiter gegangen. Ein merkwürdiges Gefühl der Erleichterung machte sich in Axilla breit, und als er ähnlich bei noch zwei weiteren Ständen reagierte, war sie überhaupt gar nicht mehr damit beschäftigt, ob sie sich wegen Leander nun noch schlecht fühlen sollte. Ihre Gedanken kreisten nur um die Frage, warum er keine Sklavin wollte, und um das warme Gefühl, das sein Verhalten bei ihr auslöste. Welches auch dazu führte, dass sie wieder anfing, zu plappern.
    “Was brauchst du eigentlich genau? Jemanden, der nur die Schreibarbeit übernimmt, oder jemanden, der auch ein bisschen mehr macht? Ich weiß ja nicht, ob du noch irgendwelche Geschäfte hast, um die man sich kümmern muss? Für meine Weberei beispielsweise habe ich einen Römer als Verwalter. Ich bin mir zwar sicher, dass er an den Zahlen ein bisschen zu seinen Gunsten manipuliert, aber nicht so sehr, dass es mir Schaden brächte. Soll der Sklave sowas auch können? Und du solltest vielleicht auch bedenken, wie lange du ihn brauchen wirst. Die Älteren leben sich meist schneller ein und sind selbständiger, aber sind halt eben auch älter. Wobei das ja nichts heißen muss.
    Lass uns mal da hinten schauen, hier sind fast nur Feldarbeiter. Oder sowas.“
    Axilla war nicht sicher, wofür die Sklaven, die hier grade zu sehen waren, wohl einzusetzen wären. Die sahen eher aus wie Kriegsbeute denn wie ausgebildete Sklaven. Und Vala wollte ja jemanden, der ihm half, und nicht jemandem, bei dem er Angst haben musste, ob der ihm nicht nachts im Schlaf die Kehle aufschnitt.

    Auch wenn Axilla nicht jeden Teil der Stadt kannte – und sich in den meisten wohl verlaufen würde – sie wusste ziemlich rasch, wo Vala mit ihr hinwollte. Als sie in die Straße einbogen, konnte sie schon über den Lärm der redenden Menschen, den einen oder anderen kläffenden Hund und die tausend anderen Geräusche einer großen Stadt das Rufen der Auktionatoren hören, wie sie ihre Ware anpriesen. Ein kaltes Gefühl bemächtigte sich der Iunia, die nicht wirklich dorthin gehen wollte. Ihr Schritt zögerte, aber Vala ging weiter. “Vala...?“ Als ihr Schritt immer zögerlicher und ihr Blick immer weniger ihre Gefühle verbergen konnte, nahm er sie sogar kurzerhand einmal beim Arm und zog sie weiter.
    Sicher, sie hätte sich losreißen und zetern können, aber sie wollte ihm ja keine Szene machen. Sie sagte sich, es war nur der Sklavenmarkt. Da war ja nichts falsches dran, den einmal zu besuchen. Sie musste nur aufhören, an Leander dabei zu denken. Sie wollte ja auch niemanden kaufen, sie begleitete nur Vala – und musste ihm notfalls ausreden, ihr einen Sklaven zu kaufen.


    Allerdings zerstreute er diesen Gedanken recht rasch, als er ihr ganz deutlich sagte, dass dafür ihr Ehemann zuständig war. Bei dem kleinen Seitenhieb wegen dem Beschützen sah sie kurz auf. Archias konnte ja nichts dafür, der war ja nicht dort gewesen. Und Leander war ihr als Begleitung auch viel lieber gewesen als die vier Leibwächter, die er ihr jetzt mitschicken wollte.
    Axilla schluckte einmal ihre Unsicherheit herunter und riss sich zusammen. Immerhin war sie hier in Sicherheit bei Vala, da gab es keinen Grund, so nervös zu sein. Und auch keinen Grund für ein schlechtes Gewissen. “Dann willst du jemanden kaufen? Oder einfach nur dich umsehen?“ Axilla versuchte, zu ihrem Lächeln zurückzufinden, aber es gelang nicht so ganz. Allerdings rückte sie stattdessen doch etwas näher zu ihm wie eben noch. Seine Nähe gab ihr zumindest soviel Sicherheit, dass sie ruhig wirken konnte und nicht völlig fahrig.

    Axilla merkte gar nicht wirklich, dass sie gemustert wurde. Sie war einfach nur aufgeregt und glücklich und wollte die ganze Welt umarmen. In just diesem Moment war Sermo für sie die netteste Person in ganz Italia. Da war es regelrecht schade, dass er sich auch gleich wieder auf den Weg machen musste, um weiter zu arbeiten.
    “Und wenn ich es nicht erlaube?“ fragte sie daher frech und strahlte ihn noch mehr an. Wenn er seinen Abschied schon so formulierte, konnte sie ihn ruhig ein bisschen ärgern. Axilla hatte das Gefühl, dass Sermo zu den Menschen gehörten, die sowas auch mal abkonnten, ohne sich angegriffen zu fühlen. Außerdem machte es Spaß, ein bisschen mit ihm zu flirten, auch wenn sie beide wussten, dass das nur Spiel war. Ja, es machte Spaß, eben WEIL sie beide das wussten.
    “Also, ich hab jede Menge Zeit“ setzte sie noch unschuldig und mit kindlichem Augenaufschlag hinzu, ehe ihr Grinsen doch wieder alles zunichte machte und sie kurz lachen musste. Sie könnte das Spielchen hier lange weiterführen, aber vermutlich hatte er recht, und sie sollte mal wieder ernst werden. Wenigstens ein kleines bisschen. Ein ganz winziges bisschen.


    Das breite Grinsen wurde zu einem etwas damenhafteren Lächeln, und sie atmete noch einmal ruhig durch, ehe sie nun ernster antwortete. “Nein, im Ernst, es war ein sehr schönes Essen. Das müssen wir bei Gelegenheit mal wiederholen. Aber vielleicht nicht wegen so einer Zollsache.“
    Sie stand also auf und wusste nicht so recht, was sie machen sollte. Abschiede waren nicht so ihr Ding, dabei fühlte sie sich immer etwas unbeholfen. Aber sie überspielte es einfach mit einem abwartenden Blick und einem leichten schmunzeln um die Mundwinkel. “Dann... vale, Quintilius Sermo.“

    Und plötzlich zog Archias zu sich auf den Schoß und hielt sie fest. Axilla musste sich beherrschen, sich nicht zu verkrampfen oder zu befreien. Wäre sie ein Igel, sie hätte sich wohl eingerollt und ihre Stacheln gezeigt, denn ihr Instinkt sagte ihr, dass genau das jetzt zu tun war. Da sagte sie gerade eben, er solle sie nicht einengen und erwachsen behandeln, und was machte er ? Zog sie wie eine Puppe auf seinen Schoß und hielt sie fest!
    Aber auch wenn alles dafür sprach, jetzt zu explodieren, blieb Axilla ruhig sitzen und ließ ihn an sich kuscheln und reden. Und während sie ihm zuhörte, wurde ihr eines klar: Er merkte nicht, wie er sie behandelte. Er merkte nicht, dass er sie wie eine Puppe herumzog und dirigierte. Er hatte es bei seinem Gastmal schon nicht gemerkt, und hier merkte er es auch nicht. Wahrscheinlich war er so und merkte es nicht einmal. Er meinte es ja nichtmal böse. Und vermutlich verstand er deshalb auch nicht, was Axilla daran nervte.
    “Ich will aber nicht Perisander mitnehmen, und auch nicht Firas. Levi ist genau richtig dafür.“ Sie ließ es endgültig klingen. Denn mit Perisander oder gar Firas im Schlepptau konnte sie eben nicht hingehen, wo sie wollte. Das waren Archias' Sklaven, und die würden ihm sagen, wo sie gewesen war. Und wenn sie sich noch einmal mit Vala treffen sollte, würde er so bestimmt davon erfahren. Levi hingegen würde nichts verraten, der war iunischer Sklave und nur dem Hause Iunia verpflichtet. Ihm vertraute sie. Archias Sklaven, so nett sie auch sein mochten, vertraute sie aber nicht.


    Dass er ihr helfen wollte, eine Arbeit zu finden war auch schon wieder etwas, wo sich Axillas imaginäre Stacheln aufrichteten. Das war es ja eben: Sie wollte keine Hilfe dabei haben! Zumindest nicht von ihm! Wie sollte sie sich denn gegen ihn da durchsetzen, wenn er ihr half? Dann konnte sie ja gleich weiter für ihn arbeiten. Und dass er Serrana als Negativbeispiel heranzog, war auch sehr, sehr unglücklich formuliert. Ja, Axilla hatte Streit mit ihr, ja, Axilla kam mit ihr nicht klar, ja, Axilla mochte sie noch nicht einmal besonders. Aber es war dennoch ihre Cousine. Das war so, wie wenn man den kleinen Bruder von jemandem beleidigte. Derjenige prügelte sich vielleicht jeden Tag mit dem Bruder, fand ihn doof und sagte das auch. Aber wehe, jemand anderes wollte den Bruder verprügeln oder sagte, der sei doof. Und so schaute Axilla auch kurz einmal mit hochgezogener Augenbraue zu ihm – zumindest so weit er das bei seinem Griff um sie zuließ.
    “Ich will nicht, dass du mir hilfst. Ich will das allein schaffen. Wenn ich mir helfen lassen würde, wär ich doch so, wie du sagst.“ Axilla verzichtete auf den Vergleich mit Serrana. Sie würde da nicht noch mit einfallen, egal, wie sehr sie sonst auf die Cousine auch schimpfen wollte. Da sprach ihr Stolz doch sehr dagegen.
    Doch als er dann Leander erwähnte, verfinsterte sich Axillas Miene doch wieder. “Es ist gemein, dass du ihn hier anführst“, meinte sie nur beleidigt und wand sich doch aus seinem Griff frei. In ihr kochte die Wut hoch, und das ließ sie herumlaufen wie ein Löwe im Käfig. “Das alles hier hat absolut nichts mit Leander zu tun. Absolut gar nichts. Nur du behandelst mich seit seinem Tod, als wäre ich verrückt und aus Glas und könnte keine eigenen Entscheidungen treffen. Und ich hab dir schon mehrmals gesagt, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen möchte und werde.“ Wahrscheinlich war es alles andere als produktiv, ja, wahrscheinlich sogar der Inbegriff des „kontraproduktiv“, aber Axilla war sauer. Mal wieder. Und da dachte sie nicht nach, ehe sie das folgende sagte. “Du bist ja nur wütend, weil du der völlig fixen Idee verfallen bist, Vala wollte mich umbringen. Und nur, weil du da vollkommen überreagierst, darf ich nun nichtmal mehr einen Freund sehen! Und stattdessen willst du mich auf jeden schritt und tritt bewachen lassen. Aber das will ich nicht! Ich brauch auch Luft zum Atmen! Und wenn ich nur mit Levi irgendwohin gehen will, dann werde ich das tun!“
    Eigentlich hatte Axilla nicht wieder streiten wollen, aber Leanders Tod zu erwähnen war für sie ein Schlag unter die Gürtellinie. Er wusste doch genau, wie sehr sie ihren Leibsklaven geliebt hatte! Und wie sehr es sie schmerzte, dass er ihretwegen nun tot war.

    Zitat

    Original von Lucius Iunius Silanus
    Ich bitte meine Grundstücke auf Iunia Axilla zu überschreiben. SIMON hat Silanus sie aufgrund seiner Krankheit an Axilla übertragen. Danke!


    Damit auch alles SimOn seine Richtigkeit hat, habe ich in Absprache mit dem Spieler das ganze hier auch nochmal verfasst.


    [SIZE=7]Wir sparen uns quasi nur das Aus-dem-Exil-melden, Brief-posten und Wieder-ins-Exil melden. Ich hoffe, das geht so?[/SIZE]

    Ein Brief war heute zu Axilla gebracht worden. Es dauerte lange, bis sie sich wirklich traute, das Siegel zu brechen und ihn zu öffnen. Das Zeichen im Siegel und die Tatsache, von wo er gekommen waren, sagten ihr schon, von wem er war, und Axilla hatte ein klein wenig Angst, ihn einfach zu öffnen. Es war der erste Brief, den sie nach ihrer Hochzeit von ihrem Cousin erhielt, und sie wusste nicht, was darin stehen würde. Zögerlich öffnete sie das Siegel und setzte sich in einen der bequemen Korbsessel, die hier und da standen, ehe sie zu lesen anfing.




    ANTE DIEM X KAL IUL DCCCLX A.U.C. (22.6.2010/107 n.Chr.)




    An
    Iunia Axilla
    Domus Aeliana
    Roma



    Liebe Axilla!


    Zu Beginn meines Briefes muss ich mich bei euch entschuldigen, dass ich so überstürzt aufgebrochen bin. Ich weiß, dass mein Weggang aus Rom für einigen Unmut gesorgt hat, aber es war nötig geworden.


    Meine Gesundheit erholt sich immer noch nicht, trotz der Landluft hier in Misenum. Der Medicus meinte, es liegt an der zu feuchten Luft, weswegen meine Lunge sich nicht erholen will. Daher habe ich beschlossen, wegen der trockeneren Luft nach Hispania zu gehen und dort erst einmal zu bleiben.


    Ich bitte dich, meine Grundstücke zu verwalten, die ich dir hiermit auch überschreibe.


    Vale bene




    Sie las es nochmal. Und nochmal. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit sowas. Es klang so... so... sachlich. Fast abweisend. Gut, er war ihr wieder aus dem Weg gegangen, aber dennoch. Axilla hätte gedacht, dass er vielleicht doch ein paar persönliche Worte an sie hätte. Dass er vielleicht sagte, was er von ihrer Ehe hielt. Ob er ihr noch immer böse war, weil sie ihn nicht hatte heiraten wollen. Ob er es verstand. Ob er sie noch liebte. Aber da war nichts.
    Auf der anderen Seite übertrug er ihr seine Grundstücke. Das hieß doch auch etwas, oder nicht? Vor allem, wenn es ihm wirklich so schlecht ging, wie es klang. Wenn er starb, hatte sie damit seine Grundstücke, ohne dass sie sie erben musste. Aber Axilla hoffte, dass er nicht SO krank war.


    Verwirrt lehnte sie sich zurück und schaute in den Himmel hoch. Sie wusste einfach nicht, was sie denken sollte, es war so verwirrend.

    Wieder war es ein Sklave, der einen versiegelten Brief abgab.
    “Wertkarte Iunia“ nuschelte er nur und schob das Schriftstück dem CP'ler zu.



    Ad
    Gymnasiarchos Cleonymus
    Kapeleion Archaon
    Brucheion
    Alexandria
    Aegyptus



    Chaire Cleonymus!


    Danke für die Glückwünsche, und noch viel größeren Dank für die schönen Geschenke! Weißt du, wie schwer es hier ist, hier in Rom so etwas zu bekommen? Die römische Mode ist gänzlich anders, viel geschlossener und verhüllender als in Alexandria. Da freut es mich gleich noch viel mehr, so ein schönes Kleid zu bekommen. Wenn hier auch der Sommer kommt, werd ich es wohl jeden Tag tragen.


    Aber du hast meine fragen gar nicht beantwortet. Was ist denn aus dem Brief geworden, den ich ans Pyrtaneion geschrieben habe? Wurde im Serapistempel ein Opfer entrichtet? Tut mir leid, wenn ich da so nachbohre, aber es interessiert mich wirklich.


    Ich hoffe, dass der Terentier auch weiterhin sein allzu hitziges Gemüt abkühlt. Ich hoffe, dass er den gerechten Lohn für seine Taten noch erhalten wird. Ich denke, du weißt, was ich meine.


    Was du allerdings über die Bantotaken schreibst, ist nicht gut. Ich hatte vor einiger Zeit einen Brief an Anthimos geschickt und ihn um einen Gefallen gebeten. Ich wunderte mich schon, warum er sich nicht gemeldet hat.
    Nun, es ist vielleicht etwas viel verlangt, aber kann ich dich vielleicht um den Gefallen bitten? Ich wollte gerne ein Bild von den Orchideen des Paneions. Vielleicht kannst du ja seinen Assistenten verpflichten oder einen anderen Maler in der Stadt, der es für mich malt? Selbstverständlich zahle ich das auch.
    Und eine zweite Sache: Könntest du mir ein paar dieser Orchideen schicken? Ich weiß, dass das vermutlich schwierig ist mit dem Cursus Publicus, aber solange eine Pflanze die Reise übersteht, wäre mir schon sehr geholfen. Würdest du das für mich tun? Selbstverständlich übernehme ich alle Kosten. Es wäre nur wichtig, da ich das jemand anderem versprochen habe, und ich will mein Wort gern halten.


    Chaire


    [Blockierte Grafik: http://img509.imageshack.us/img509/3392/axillaunterschrph0.gif]


    Axilla hatte eigentlich nichts davon gesagt, er würde sich schlecht benehmen. Nur, dass er jung war und eben manchmal Blödsinn anstellte. Wobei er im Vergleich mit seiner Herrin noch als harmlos gelten konnte. Von daher schaute Axilla kurz etwas fragend drein, als Serrana sie zu beschwichtigen versuchte. “Nein, das sicher nicht“, meinte sie nur leicht hin und zuckte mit den Schultern. So hatte sie das überhaupt nicht gemeint, wie die Cousine das offenbar aufgefasst hatte. Sie wollte eigentlich nur charmant und witzig sein, was aber wohl nach hinten losgegangen war.


    Aber egal, sie wollte ja ohnehin gehen. Daher lächelte sie nur leicht auf Serranas Worte und bemühte sich, möglichst aufrecht zerknirscht zu wirken. Sie wusste, es war nicht nett, aber Axilla fühlte sich einfach wie unter einer gewaltigen Lupe und alles andere als wohl. Sie hatte kein Bedürfnis, nach diesem Gespräch das hier alles noch sehr viel weiter zu vertiefen und sich noch mehr ihrer Fehler aufzeigen zu lassen.
    So also gab sie sich nur weiterhin leichtfertig und charmant und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie im Grunde erleichtert war. “Gut, danke. Es war schön, dich mal wieder zu sehen. Vale.“ Axilla winkte der Cousine noch einmal zu und folgte dann der großen Sklavin wieder nach draußen. Ein ganz klein bisschen war sie ja schon ehrlich traurig, dass Serrana offenbar wenig an Versöhnung lag. Dass diese ihr selbstzufriedenes Grinsen ganz anders gemeint hatte, konnte Axilla ja nicht wissen. Für sie war es ganz klar, dass Serrana nur auf eine Gelegenheit gelauert hatte, ihr die eigene Überlegenheit wieder unter die Nase zu reiben und Axilla zu demütigen. Und damit war ihr auch klar, dass eine Versöhnung gänzlich ausgeschlossen war, denn sie hatte sicher nicht vor, sich ewig Vorwürfe machen zu lassen. Daher war Axilla mehr als froh, als sich Levi ihr anschloss und sie die Casa Germanica schließlich verlassen hatte.

    Unterstützung im Cursus Honorum... Axilla überlegte, ob sie ihm da weiterhelfen konnte. Nun, sie könnte sich vielleicht bei Serrana einschleimen und dadurch an Sedulus gelangen, um ihn um einen Gefallen unter erweiterter Verwandtschaft zu bitten oder so. Und Archias kannte sicher auch den einen oder anderen. Aber sonst... Axilla wusste nicht, ob sie wirklich viel Unterstützung liefern konnte. Aber auf jeden Fall würde sie ihr möglichstes tun.
    Als Sermo dann weiterredete und ihr auch gleich die Strafe erließ, konnte Axilla ein kleines, jubilierendes Jauchzen nicht unterdrücken, und fast kindlich hibbelte sie kurz auf ihrem Stuhl herum, während sie den Quintilier anstrahlte, dass selbst die Sonne neidisch werden konnte. “Ja, natürlich. Danke, dankedankedanke.“ Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen vor Freude, aber das war hier in der Öffentlichkeit wohl nicht so angebracht. Ihre jetzige Reaktion war ja schon jenseits von jedem matronenhaften Benehmen, aber da konnte Axilla eben doch nicht aus ihrer Haut. “Du wirst es sicher nicht bereuen“ fügte sie noch strahlend an. Ja, wenn Sermo sie um einen Gefallen bat, würde sie wirklich alles tun, was sie konnte. Jetzt musste nur noch sein Patron ja sagen.