Langsam wand sich die Straße vorwärts, an den Dörfern entlang, durch kleinere und größere Städte, immer weiter Richtung Norden. Axilla war schon sehr lange nicht mehr geritten und am ersten Abend hatte sie das Gefühl, in der Mitte durchbrechen zu müssen. Dennoch hatte sie sich nicht einen Moment beschwert. Überhaupt hatte sie nicht viel gesagt. Sie war nur stumm der Straße gefolgt, immer ein Stück vor den anderen herreitend, nur ab und zu einen Blick über die Schulter werfend, wie es wohl Levi erging. Ihr junger Sklave litt da weitaus mehr und stieg bisweilen vom Pferd, um nebenher zu gehen, wenn er meinte, nicht mehr sitzen zu können. Axilla machte sich richtig Vorwürfe deswegen, aber sie wollte auch nicht nur deshalb umkehren. Archias wollte sie seinen Eltern vorstellen, so zumindest hatte sie es verstanden. Das war wichtig.
Die meiste Zeit saß sie schweigend auf ihrem Pferd, einem stämmigen, kleinen Braunen mit Zottelmähne. Er sah nicht besonders hübsch und edel aus, war nicht besonders groß, sein Fell wirkte irgendwie fleckig und war struppig. Alles in allem das perfekte Reittier, auf das Axilla ohne Hilfe hochkam und sich festhalten konnte. Axilla lenkte ihn gerade um ein kleines Loch auf der Wiese herum, als Archias auf einen Vogel deutete und irgendwas von Abendessen redete. Axilla schaute kurz auf und dem Vogel mit dem Fisch hinterher. “Ja, ganz hübsch“, meinte sie eher, um überhaupt was zu sagen, und ließ das Pferd weiter trotten.
Der Morgen wurde zum Mittag, und sie rasteten. Levi mühte sich wie immer, nicht zu sehr zu jammern, und wie immer ging Axilla zu ihm hinüber und redete mit ihm leise, ob es denn noch ginge, ob noch alles in Ordnung sei. Und wie immer biss er die Zähne zusammen und tat so, als wäre nichts weiter.
Sie stiegen wieder auf und es ging weiter. Ihr Pferd trottete los, und Axilla seufzte einmal. Sie blickte vor sich zu diesen weiten Feldern. Bald würden sie wieder auf die Straße stoßen, auf der es viel schneller voran ging. Warum Archias überhaupt hatte querfeldein reiten wollen, erschloss sich ihr nicht ganz. Sie kamen ja doch nicht schneller voran. Sie stuppste ihrem Pferd leicht in die Flanken, und diesmal zuckelte es nicht einfach nur los, sondern fiel in einen ganz leichten Galopp. Axilla ließ es. Sie ließ dem Tier seinen Willen, ließ es das tun, wozu es geboren war: laufen. Sie merkte, dass ihre so lästige Wache aufschloss, während die Packtiere und Sklaven zurückblieben, doch diesmal wollte Axilla nicht. Sie wollte schlicht und ergreifend nicht. Sie presste die Schenkel dicht an, gab dem Tier mit Druck zu verstehen, es solle weiter laufen, beugte sich im Sattel vor, weit über den Pferdehals.
Das kleine Pferd verstand, und schon bald wurden die Schritte immer ausholender, der Galopp immer fliegender. Axilla hörte noch das Rufen der Wache hinter sich, die so schwer und groß, wie sie waren, nicht in diesem Tempo ihre Tiere antreiben konnten. Und sie ließ ihr Tier laufen. Der Wind pfiff ihr durch die Haare, Staub wirbelte hinter ihr auf, wo die Hufe die sommertrockene Erde aufwirbelten. Sie sah nicht, wohin sie ritten, es interessierte sie auch nicht. Sie genoss nur das Spiel der Muskeln zwischen ihren Schenkeln, das Vibrieren des Pferdeatems, wenn das Tier geräuschvoll Luft holte, um sie schnaubend wieder auszustoßen. Sie ließ es laufen, immer schneller, wie sie selbst laufen wollte. Einfach nur weg, einfach nur einmal einen Moment von allem weg. Es brauchte kein Ziel, das Ziel hieß 'nicht hier', das Ziel war 'weit weg'. Sie ließ es laufen, bis sie nur noch seinen Atem hörte, nur noch das rhythmische Aufsetzen auf dem Boden fühlte, das im selben Takt wie ihr Herz ging, bis die Zeit sich zu verlangsamen schien.
Irgendwann lief das Pferd langsam aus und Axilla blickte sich zum ersten Mal um. Sie war auf einem kleinen Hügel um sie herum nichts als grüne Wiese, über ihr nur saphirblauer Himmel. Sie blickte zurück und sah nur ganz entfernt die Pferde der anderen, die ihr zu folgen versuchten. Aber noch hatte sie einen Moment für sich. Sie richtete sich im Sattel gerade aus und streckte sich einmal. Hier oben ging ein ganz leichter Wind, der die Grashalme verbog. Das Tier unter ihr zitterte leicht darin, aber es bestand noch keine Gefahr für das Tier. Sie hatte es hart angetrieben, aber es hatte noch keinen Schaum. Sie würde jetzt langsam tun müssen, und alles war gut.
Aber diesen einen kurzen Augenblick, den war sie frei. Dieser eine Augenblick, ohne dass jemand um sie war, um sie zu tadeln, ohne dass sie sich sorgen machen musste, ohne dass sie reden, dass sie denken musste, den war sie einfach nur frei. Seit sehr langer Zeit wieder. Und das ließ sie sich für die wenigen Augenblicke nicht nehmen.
Sie blieb einfach sitzen, bis sie das Trommeln der Hufe auf dem Boden hörte. Erst da drehte sie sich leicht um, ließ das Pferd sich mit umdrehen. “Da sind sie...“, meinte sie nur leise und tätschelte dem Pferd beruhigend den Hals. Ganz leicht stieß es ihm die Fersen in die Flanken und ließ es auf ihre Verfolger zutrotten. Sie hatte keine Ahnung, wie weit sie durch diesen kleinen Ausbruch vom Weg abgekommen waren, aber das war ihr auch egal. Als wäre nichts weiter gewesen, ritt sie ihnen einfach langsam entgegen, sich schon auf die Vorwürfe gefasst machend – und diese wohl ignorierend – und wieder mit Gleichgültigkeit bewaffnet. Der Moment der Freiheit war vorbei.