Beiträge von Iunia Axilla

    Irgendwie hatte Axilla gehofft, sich vielleicht doch unauffällig reinschleichen zu können. Natürlich wusste sie, dass das nicht klappen würde, natürlich wusste sie, dass sie im Mittelpunkt stehen würde. Nur, sie hatte eben doch gehofft, dass sie vielleicht niemand bemerken würde. Auch wenn dies wirklich ein winzig glimmender Funken Hoffnung war, aber sie hatte sich daran festgeklammert und sich Mut gemacht, als sie das Atrium betreten hatte. Nur natürlich war es nicht so gekommen und sie hatte sich von drei Augenpaaren angestarrt Gefühl, so dass sie am liebsten rückwärts wieder aus dem Raum getreten wäre. Niemand sagte irgendwas. Alle starrten sie nur so seltsam an. Axilla hielt den Blicken nur eine Sekunde stand, ehe sie den Blick wieder zu Boden richtete. Sie wusste, dass sie nicht unbedingt beeindruckend aussehen mochte, so völlig ohne Schmuck und alles, was eine Matrona eben so herrschaftlich aussehen ließ.


    Das Schweigen breitete sich bis zu dem Punkt aus, wo es unangenehm wurde. Das Bedürfnis, etwas zu sagen, selbst wenn es albern war, wurde übermenschlich. Axilla konnte sich nur nicht dazu durchringen, der vagen Hoffnung erlegen, vielleicht doch noch im Erdboden versinken zu können. Doch da erhob sich ganz plötzlich Archias Vater und meinte in freundlichstem Tonfall, er wolle ihr das Haus zeigen. Den Garten. Er kam auch gleich zu ihr herüber und bot ihr den Arm an, den Axilla erstmal ergriff, ehe sie auch nur darüber nachdenken konnte, was sie da eigentlich machte. “Ähm, ja, das.. wäre schön“, stotterte sie halblaut zusammen und konnte dann nur noch Archias nachsehen, der an ihr vorbei ging und ins Bad. Er sagte immer noch nichts zu ihr, schaute sie nur ganz komisch an, was Axilla nicht verstand. Worüber hatte er mit seinen Eltern geredet, während sie weg war? Er sah nicht glücklich aus, aber das sah er seit Wochen schon nicht mehr. Eigentlich nicht mehr, seit er Vala die Schüssel mit der Süßspeise über den Kopf gekippt hatte.
    Allerdings konnte sie ihm nicht die ganze Zeit nachschauen, bis sie ihren Hals hätte ausrenken müssen, und so blickte sie schnell wieder unsicher zwischen Calvaster und seiner Frau hin und her. Sie hatte keine Ahnung, wie sie mit den beiden umgehen sollte. Auch wenn der Vater ganz nett zu sein schien. Instinktiv trat sie einen kleinen schritt näher zu ihm, als wolle sie sich an seiner Seite etwas vor seiner Frau verstecken.

    “Ausgebildet worden?“, schnappte Axilla ungläubig und verdrehte die Augen. “Die ist dafür ausgebildet worden, im Tempel der Vesta auf ein Feuer aufzupassen und mola salsa zu mischen. Die ist kaum älter als wir beide! Wozu braucht man denn die ganzen Auguren, Haruspices, Fulguriatores, Orakel, Traumdeuter und Geistersprecher, wenn das jedes Mädchen kann, hm? Denk doch mal nach, Mensch!“
    Axilla wusste, dass Serrana abergläubisch war, aber das hier ging jetzt echt zu weit. Wie konnte man nur so verbissen daran glauben, dass man sterben würde, nur weil ein anderes Mädchen das gesagt hatte? Das war ja kein Fluch. Und Axilla hatte auch reichlich wenig Ahnung von genauer Zukunftsdeutung, aber dass sich irgendein Orakel mal zu einer exakten Aussage hätte hinreißen lassen, das wäre ihr neu. Die sagten IMMER irgendwas davon, welchem Gott man wieviel zu opfern hatte, um alles wieder ins Lot zu bringen. Die sagten NIE, dass es keinen Ausweg gab. Axilla vermutete dahinter bloße Geldgier, immerhin verleitete man so den Menschen dazu, den Göttern noch mehr Tand zu schenken, der diese vermutlich eh nicht interessierte. Aber wie dem auch sei, sie glaubte nicht an unabwendbare Schicksale. Aufzugeben war schlicht unrömisch! Und wenn, dann rammte man sich selbst einen Dolch in die Eingeweide und wartete nicht auf eine erboste Gottheit!


    “Das obliegt aber der Entscheidungsgewalt deines Ehemannes und nicht deiner!“ Axilla warf hilflos die Arme hoch, als Serrana auf einmal von iunischen Wurzeln sprach. Götter, warum nur verstand sie das denn nicht, dass das Kind nur dann überhaupt einen iunischen Ursprung hatte, wenn Sedulus zustimmte, dass es einen haben sollte? Bis zu dem Zeitpunkt waren weder Axilla noch Serrana rechtlich mit dem Kind in irgendeiner Weise verwandt. Nicht, wenn Sedulus es annehmen würde, wovon Axilla mal ausging. “Oder gar meiner! Außerdem wirst du nicht sterben, nur weil Romana vorhin komisch war, und auch nicht, weil deine Mutter daran gestorben ist!“ Das war doch zum Haare raufen!

    Es dauerte eine Weile, bis der Staub von der Haut herunter war. Die Sklavin half Axilla dabei und ging nicht gerade zimperlich dabei vor, bis sie bemerkte, dass ein Teil der Verfärbung daher rührte, dass Axillas Haut eben gebräunt war und nicht etwa dreckig. Aber der größte Posten waren die Haare, die so offen Axilla bis zur Hüfte reichten und sich in wilden Wellen gern verknoteten. Es dauerte, bis diese durchgewaschen und mit Öl gespült waren, bis diese dann im Wasser noch ausgekämmt und erneut gespült waren. Axilla ließ die Prozedur über sich ergehen. Sie überlegte sogar einen Augenblick, ob sie auch gleich darum ersuchen sollte, dass die Sklavin sie enthaarte, aber zum einen hatte sie das vor ihrer Abreise erst gemacht und daher war alles noch sehr im Rahmen, und zum anderen hätte das vielleicht doch zu viel Zeit in Anspruch genommen. Sie hatte es zwar bestimmt nicht eilig, zurück zu kommen, aber ganz so verzögern konnte sie das ganze doch nicht.


    Schließlich stieg sie aus dem Wasser und ließ sich auf einer nahen Marmorbank nieder. Die Sklavin reichte ihr ein großes Handtuch, in das sie sich wickelte, und machte sich dann daran, mit einem kleineren die iunische Haarpracht wieder trockenzurubbeln.
    Mit einem Mal wurde es laut vom Gang her. Axilla konnte nicht viel verstehen, aber sie hörte Archias, wie er brüllte. Er regte sich auf. Sehr. Sie versuchte, wegzuhören, aber es ging nicht ganz. Sie bekam zwar nur Bruchstücke mit, aber die reichten auch schon. Er schnauzte. Wegen ihr. Oder besser gesagt, er stritt mit seinen Eltern, wegen ihr.
    Die Sklavin hielt in ihrer Bewegung inne, und Axilla wendete kurz den Kopf, um diese aus ihrer erschreckten Starre zu holen, auch wenn sie selber doch auch reichlich erschreckt war. “Die.. die Haare sollten hochgesteckt werden. Kannst du das?“
    Die Sklavin fing sich wieder und bejahte, fing an, die Haare mit einem großen Kamm fein säuberlich zu kämmen und dann einzelne Strähnen, eine nach der anderen, leicht einzudrehen und hochzustecken, so dass nach und nach eine durchaus modische Frisur entstand.


    Levi kam herein, noch immer reichlich staubig, und brachte ein frisches Kleid mit. Axilla sah kurz auf den hellgrünen Stoff. Es war eines aus Ägypten, was sie sehr gern eigentlich trug. Aber vermutlich war das 'etwas' luftig für den Geschmack von Archias' Mutter.
    “Haben wir noch was mit, was ein bisschen geschlossener ist? Oh, und meine sandalae. Und dann solltest du auch noch baden. Wenn das geht?“ Die letzte Frage ging an die Sklavin, die nur nickte. Sie würde Levi später zeigen, wo er sich säubern konnte. Vorerst aber ging er los und suchte in der Reisekleidung irgendwas, was etwas mehr nach Matrona aussah.


    Im Gang war es jetzt wieder etwas ruhiger geworden. Axilla legte nun ein anderes Kleid an, mit einem nicht gar so großzügigen Ausschnitt, dafür aber auch aus nicht gar so feinem Stoff. Eigentlich wusste sie gar nicht, warum sie das Kleid mitgenommen hatte, sie mochte es nicht besonders. Es war blau und nicht grün – allerdings nicht DAS blaue Kleid, das Archias ihr geschenkt hatte. Aber es war weit züchtiger als der Rest ihrer Garderobe. Die Sklavin half ihr dabei, die hohen Schnüre ihrer Sandalae um die schlanken Waden zu binden. Dass sie vergessen hatte, schmuck mitzunehmen, fiel Axilla erst jetzt auf, aber den konnte sie sich kaum ausleihen. Nur Urgulanias Ohrringe hatte sie mit, und so waren die das einzig funkelnde an ihr. Insgesamt kam sie sich vor, als wäre sie jemand anderes, wenn sie in den Spiegel sah. Aber sie wollte doch nur einen guten Eindruck machen!
    Als es schließlich nichts mehr gab, was sie vorschieben konnte, erhob sie sich und machte sich wieder auf in die Höhle des Löwen.

    Archias Mutter konnte sie nicht leiden. Man musste kein Genie sein, um das zu merken. Selbst den Kommentar, den Axilla ja nur nett gemeint hatte, wies die Frau zurück und drehte es so, dass Axilla sich reichlich dumm vorkam. “Ja, aber das, was ich bisher gesehen habe, ist wirklich sehr hübsch“, versuchte sie es nochmal kleinlaut und zögerlicher, aber sie war nichtmal sicher, ob Caenis das gehört hatte.
    Und die anschließenden Vorwürfe waren noch schlimmer. Axilla konnte nur fragend zu Archias schauen, der sich aber auch nur halbherzig verteidigte. Und sie überhaupt nicht. Sie wusste doch nicht, dass es seinen Eltern wichtig gewesen wäre, die Hochzeit groß zu feiern. Und sie wusste auch nicht, dass Archias das alles so verschwiegen hatte. Gut, sie hatte nie gefragt, aber er hätte sie ja auch vorwarnen können. Als Caenis dann schließlich so rabiat betonte, dass sie in Seianas Zimmer schlafen würde, wollte Axilla am liebsten weglaufen. Es war nicht nur Seianas Zimmer, es war das Zimmer seiner Seiana. Die er wohl seinen Eltern vorgestellt hatte, bevor er sie geheiratet hatte. Für die er sich wohl nicht zu schämen hatte brauchen. Die die bessere Ehefrau gewesen wäre. Die von seiner Mutter wohl gemocht wurde.
    Axilla ließ Archias Hand los. Sie wollte nicht mehr hier sein. Die Situation überforderte sie jetzt schon. Am liebsten wollte sie sich wieder auf ihren Braunen schwingen und ihm wieder die Fersen in die Flanken drücken, so dass er lospreschte. Irgendwohin, nur weg hier. Ihr Mund fühlte sich ganz trocken an, und in ihrer Kehle saß ein Klos, so gewaltig, dass sie nicht sprechen konnte.


    Und dann wurde sie umarmt. Sie wusste nicht wieso oder was los war, aber sie wurde umarmt. Von Archias Vater. Und beinahe hätte sie in diesem Moment einfach geheult. Das war einfach zu viel, ihre Ehe, das Schweigen zwischen ihnen beiden, die Ablehnung seiner Mutter. Jetzt hier einfach gehalten zu werden von jemandem, den sie nichtmal kannte, das löste einfach etwas in ihr aus, was sie nur schwer kontrollieren konnte. Aber sie beherrschte sich.
    “Salve“, war das einzige, was ihr in den wirren Gedanken noch einfiel, auch wenn es kleinlaut und schüchtern klang. Sie betraten das Haus und ihr wurde ein Becher Wasser gereicht, den sie unsicher mit beiden Händen nahm, um das leichte Zittern zu verbergen. Sie trank einen kräftigen Schluck und gab den Becher dann mit einem bemühten Lächeln wieder zurück.


    Der Sklave wartete kurz, ehe er sie aufforderte, ihm zu folgen. Axilla blickte noch einmal kurz zu Archias, der wohl vorhatte, die Wohnung mit seinem Reisestaub einzudrecken, und dann zu Levi. Sie gab ihm ein kleines Handzeichen, und der Junge nickte nur einmal, als er verstand. Sie würde frische Kleidung brauchen, etwas herzeigbares, wenn sie im Bad fertig war. Zu Archias sagte sie nichts. Nicht, weil sie böse mit ihm war – höchstens ein bisschen, weil er sie so auflaufen hatte lassen – sondern weil sie dachte, er wollte mit seinem Vater ein Männergespräch führen, wo sie sowieso nichts zu suchen hatte. Auch wenn sie als Kind solchen Gesprächen im Haus ihres Vaters immer gern gelauscht hatte.
    Sie folgte dem Sklaven schließlich in das Bad und bedankte sich bei ihm kleinlaut, ehe sie ihn rausschickte. Es waren noch zwei Sklavinnen hier, die ihr helfen würden, das würde ihr reichen. Auch wenn Nicodemus ein Sklave war, Axilla wollte sich vor ihm nicht ausziehen.


    Im Bad war es ein wenig kühl, fand sie. Allerdings hatte sie bis eben noch in der prallen Sonne auf einem Pferd gesessen. Sie ließ sich aus den staubigen Kleidern helfen, die eine der Sklavinnen gleich fortbrachte. Axilla nahm an, sie wollte sie waschen – wobei sie Caenis auch zutraute, die Sachen zu verbrennen.
    Um das Badewasser nicht einzusauen wusch sich Axilla erst an einer Waschschüssel so gut es ging den gröbsten Dreck von der Haut und spülte vor allen Dingen einmal die langen Haare durch, die den Staub geradezu aufgesogen zu haben schienen. Erst dann stieg sie in das Becken mit dem klaren Wasser und ließ sich die Seife anreichen.

    Er ließ sie nicht wieder los. Axilla war sich unschlüssig, was sie davon halten sollte, aber sie kam nicht dazu, großartig darüber nachzugrübeln. Kaum, dass sie auch nur einen Schritt auf das Anwesen machten, flog die Tür auf und eine ältere Frau flog geradezu auf Archias zu, ehe sie in ihrem Schritt stockte und Axilla anstarrte. Was mit der Erklärung ihres Mannes auch nicht unbedingt besser wurde, eher... entsetzter. Axilla wusste ja, dass sie von oben bis unten voll mit Staub war, dass ihre Tunika nicht unbedingt alle Konventionen einer matronenhaften Gewandung erfüllte und sie selber grade ziemlich unspektakulär aussehen musste, aber dennoch hatte sie nicht mit so offensichtlichem Entsetzen gerechnet. Und sie hatte gedacht, dass Archias ihren Gensnamen bei der Vorstellung dazusagen würde, was er aber dann beim zweiten Anlauf gleich nachholte. Immerhin war sie ja doch nicht ganz irgendwer, wenigstens einen Namen hatte sie vorzuweisen, auch wenn der vielleicht dieser Tage nicht ganz so viel Gewicht hatte.


    Axilla mühte sich nur, möglichst würdevoll und gerade dazustehen und diese etwas merkwürdige Begrüßung über sich ergehen zu lassen. Sie hatte gedacht, Archias hätte seinen Eltern schon längst geschrieben, dass er mit ihr verheiratet war und war daher mit der Situation jetzt doch etwas überfordert. Sie hatte zwar nicht erwartet, mit Freudenstürmen empfangen zu werden, aber dass Archias' Eltern so gar nichts davon wussten, hatte sie nicht geahnt. Oder dass diese Überraschung gar so entsetzlich sein würde für seine Mutter. Sein Vater stand nur im Hintergrund und grinste vor sich hin, was wenigstens ein kleiner Lichtblick war. Humor war besser als Entsetzen.
    Archias Mutter fing sich auch gleich wieder und lud sie erstmal ins Haus ein, was Axilla auch nochmal eine Last nahm. Sie hatte schon befürchtet, sie dürfe wohl gar nicht reinkommen. Archias' Mutter sah nach wie vor nicht wirklich glücklich aus, und Axilla, die ohnehin schon immer ein Problem mit Frauen gehabt hatte, fühlte sich ganz und gar furchtbar hilflos.
    “Ein wirklich sehr schönes Anwesen“, gab sie sich einen Ruck und versuchte, nicht gar so verschreckt zu wirken. Vielleicht war der erste Eindruck ja noch irgendwie zu retten. “Aber vielleicht sollten wir uns erst einmal den Reisestaub abwaschen, sonst machen wir noch alles schmutzig?“ Und es würde Axilla die Gelegenheit geben, sich wenigstens ein bisschen herzurichten und wenigstens einen anständigen zweiten Eindruck zu machen. Auch wenn sie sich alles andere als sicher war, ob Archias' Mutter sie so schnell aus ihren Fängen lassen würde, eben um einen besseren Eindruck zu machen. Sie hatte eher das Gefühl, die Frau würde sich gleich mit Freuden auf ihren Aufzug stürzen und sie nach allen Regeln der Kunst niedermachen. Und so hatte Axilla ja nicht die geringste Handhabe dagegen.

    Wenn sie tot war... Es dauerte eine Weile, bevor die Worte zäh wie Honig in Axillas Bewusstsein gedrungen waren und ihr die ganze Tragweite aufging. So saß sie einen Augenblick noch immer verständnislos da, ehe sich ihre Augen plötzlich weiteten und sie dann aufgeregt aufsprang und erstmal nur mit den Händen gestikulieren konnte, weil ihr die Worte fehlten. Diese kamen dann aber doch rasch wieder und verließen hektisch und atemlos ihren Mund.
    “Das ist verrückt! Das ist vollkommen verrückt! Nur weil Romana da mit einer Leber rumgepanscht hat, heißt das noch lange nicht, dass du sterben musst. Ist sie richtiger Haruspex vom Collegium? Nein? Geht ja auch gar nicht, das sind nur Männer. Also, solange da niemand ganz explizit sagt, dass du sterben wirst, und es nichts gibt, was man dagegen tun kann, DANN kannst du dir über sowas Gedanken machen!“
    Axilla wusste ja, dass ihre Cousine abergläubisch war wie sonstnochwas, und sie selber hatte das bisher mit einem Augenverdrehen und einem Schulterzucken einfach abgetan. Zwar gefiel es ihr nicht, weil sie dachte, Serrana mache sich damit lächerlich, aber gut, es war ihre Sache. Aber das hier, das ging jetzt zu weit. Sie ließ sich doch nicht in so einen Aberglauben mit reinziehen, schon gar nicht, nur, weil Romana das gesagt hatte. Die war vestalische Jungfrau und hatte von Geburten und Schwangerschaften damit ja schonmal gar keine Ahnung. Axilla lief kopfschüttelnd ein wenig auf und ab, weil ihr Körper mit einem Mal von so viel Energie durchflutet war, dass sie nicht wusste, wohin damit.
    “Und, und, und, selbst falls es so sein sollte, dann, dann... dann haben die Germanicer sicher was dagegen, wenn da eine Iunia rumschwirrt, die nichtmal mit irgendwem verwandt ist. Und außerdem werden die doch wohl auch nach dem Kind gucken.“ Axilla wollte sich gar nicht näher damit befassen, ob Serrana sterben konnte oder nicht. Natürlich konnte sie das, aber sie stellte es als Gewissheit hin, und daran wollte Axilla so nicht denken.

    “Und du meinst wirklich, das ist eine gute Idee?“ Axilla stand nun schon seit gut 10 Minuten auf der anderen Straßenseite und blickte zu dem Eisentor hinüber. Levi stand neben ihr und versuchte, nicht an seiner Herrin zu verzweifeln.
    “Herrin, wenn du wirklich einen Leibwächter willst, musst du dir auch mal einen kaufen. Warum nicht so einen? Das ist modern!“
    “Ich weiß nicht recht...“ Axilla haderte noch mit sich.


    Eigentlich hatte sich die Idee vor zwei Tagen toll angehört. Gladiatoren konnten kämpfen, vermutlich sogar besser als alles, was sonst so zu haben war. Sie waren groß und kräftig. Ab einer gewissen Bekanntheit genügte ihre bloße Anwesenheit, um Strauchdiebe davon abzuhalten, anzugreifen. Und wie Levi schon sagte, es war durchaus angesehen in den gehobeneren Gesellschaftsschichten, wenn man einen eigenen Gladiator hatte, sei es als Leibwächter oder wirklich, um in der Arena zu kämpfen.
    Nur gab es da ein Problem. Nunja, eigentlich gab es mehrere. Zum einen waren Gladiatoren nicht ganz billig, vor allem die, die schon einen Namen hatten. Weiters gab es bei diesen Gladiatoren meist Gerede, wenn eine Frau so einen Gladiator kaufte. Immerhin gab es mehr als eine Matrone, die sich ihr Eheleben dadurch versüßte, ihr Bett dann und wann für ein paar Stunden mit solch einem Mann zu teilen. Wobei man sie dafür nicht zwangsläufig kaufen musste, sondern die meisten Verwalter der schulen ihre Männer durchaus auch mal 'vermieteten'. Und der dritte Grund schließlich war, dass es Axilla immernoch so vorkam, als würde sie Leander einfach ersetzen. Auch wenn dieser nun schon bald ein halbes Jahr tot war und bald jede noch so große Trauerzeit schon von Gesetz wegen zu enden hätte – wenngleich einem Sklaven wohl nicht 10 Monate Trauerzeit zugestanden hätten, egal in welchem Fall – Axilla hatte das Gefühl, sie würde ihn verraten, und daher zögerte sie.


    Levi wiederum war wenig angetan, hatte er doch alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass seine Herrin überhaupt diese Gladiatorenschule betreten konnte in der Absicht, jemanden zu kaufen. Die meisten verkauften nämlich äußerst ungern ihre Ware, war mit ihnen doch auch sehr viel Geld zu verdienen. Und die Ausbildung war auch nicht gerade billig, so dass es an Verschwendung grenzte, sie dann herzugeben, ohne dass sie ihren Zweck erfüllt hatten. Wobei es natürlich auch keinem Zweck – abgesehen von der Belustigung des Pöbels – diente, wenn ein Gladiator nach einem Kampf tot am Boden lag.
    “Herrin, wenn du den Mann versetzt, wirst du nicht noch einmal die Gelegenheit bekommen. Du musst ja keinen kaufen, du kannst ja erstmal nur schauen, was er überhaupt anzubieten hat.“ Der Blick, den der jüdische Junge seiner Herrin zuwarf, war nahe an der Verzweiflung.
    Axilla kaute ein wenig auf ihrer Unterlippe herum. Levi hatte recht, sie konnte ja einfach mal gucken. Sie musste weiter nichts tun oder machen. Es zwang sie ja niemand, tatsächlich zu kaufen. Und es war sicher interessant, den Männern beim Training zuzuschauen. Ihrem Vater hatte sie als Kind immer gern zugesehen, wenn er daheim ein wenig geübt hatte. Auch wenn das wohl nicht zu vergleichen war.
    “Gut. Aber nur schauen!“ Sie sah Levi kurz ein wenig unsicher an, als wolle sie sichergehen, dass wenigstens er ihr glaubte. Wenn sie selbst schon nicht ganz sicher war, ob sie sich glauben konnte.
    Der allerdings seufzte nur erleichtert und nickte dann. Bevor die Iunia es sich nochmal anders überlegte, führte er sie über die Straße zu dem Tor mit den Eisengittern und war froh, dass auf der anderen seite in Erwartung ihrer Ankunft schon jemand stand. “Meine Herrin Iunia Axilla hat einen Termin bei Potitus Catonius Quirinalis. Bitte lasst uns ein.“
    Und wenig später waren die beiden im Bauch der Bestie, die sich Gladiatorenschule nannte, verschwunden.

    Ravenna kam in Sicht, und Axilla spannte sich an. Bestimmt machte sie nach dieser Reise einen fürchterlichen ersten Eindruck, aber wenigstens den wollte sie hinbekommen. Wenn schon ihre Ehe im Moment eher das Gerüst einer solchen war, wollte sie wenigstens zeigen, dass sie nicht vollkommen unfähig war, und die Familia ihres Mannes angemessen begrüßen. Auch wenn das so wohl gerade etwas schwierig würde, mit Reisestaub am ganzen Körper und dem Geruch nach Pferd und Leder am Körper. An ihre Frisur wollte sie gar nicht denken, seit Tagen trug sie nur einen einfachen Zopf wie die Barbarinnen aus dem Norden. Aber wer hätte ihr hier schon die Haare frisieren können? Vor allem mit dem vielen Sommerstaub darin?


    Sie durchquerten die Stadt, und Axilla sah sich ein wenig um. Ravenna war kleiner als Rom oder Alexandria, aber sicher nicht klein an und für sich. Vom einem Theater kam aufgeregter Jubel her, der Lautstärke nach zu urteilen veranstalteten die hiesigen, durchaus berühmten Gladiatorenschulen gerade ein Spektakel. Axilla sah zwar in die Richtung, konnte aber natürlich nichts sehen.
    Sie überquerten das Forum und einen Markt, um auf der anderen Seite wieder aus der Stadt hinauszureiten. Das Land wurde wieder offener, aber nun sah man, dass hier mehr Anwesen verstreut lagen. Sie folgten einer Straße ein kurzes Stück, bis sie schließlich davon abbogen und auf eines dieser Häuser zuhielten. Ein Stück davon entfernt, aber schon in Sichtweite, blieb Archias unvermittelt stehen und stieg von seinem Pferd. Auch Katander war sofort herunter und nahm seinem Herrn den Zügel ab, ebenso wie Levi, der mit etwas watscheligem Gang zu ihr kam und ihren Braunen hielt. Sie wollte sich, wie sie es gelernt hatte, mit beiden Händen auf dem Pferderücken abstützen und mit Schwung beide Beine nach Hinten und schließlich über die Pferdekuppe führen. So vermied man, irgendwo hängen zu bleiben, so stieg man richtig ab. Aber da sah sie plötzlich die Hand ihres Mannes, der sie ihr hinhielt, um ihr zu helfen. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann ergriff sie sie. Statt rücklings, wie es üblich war, hob sie gelenkig ihr rechtes Bein vornüber über den Pferdehals und ließ sich dann an der Pferdeschulter entlang nach unten rutschen, sich leicht an der gereichten Hand abstützend. Ein kurzes, sehr unsicheres Lächeln erhielt Archias, ehe sie sich dem Haus wieder zuwandte.
    Ihr Herz schlug bis zum Hals, weil sie so aufgeregt war. Sie hatte keine Ahnung, wie Archias' Eltern überhaupt waren. Sie hatte ihn nie danach gefragt, um damit den Gesprächen über ihre eigenen Eltern aus dem Weg zu gehen. Aber was, wenn der erste Eindruck gleich so katastrophal wie befürchtet sein würde? Axilla hatte von sowas doch schlicht keine Ahnung. Nicht die geringste.
    “Sehr schön hier“, meinte Axilla mehr, um sich selbst abzulenken.

    Er sagte nichts. Gar nichts. Axilla hatte mit Vorwürfen gerechnet. Sie hatte mit Aufregung gerechnet. Aber Archias sagte nichts. Es war ihm gleichgültig. Ja, vielleicht war sogar sie ihm gleichgültig. Er trottete einfach an ihr vorbei weiter Richtung Ravenna, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Und irgendwie war das schlimmer, als wenn er getobt hätte.
    Axilla sah ihm einen Moment hinterher, wie er dahin trottete. In ihr wurde etwas hart, wie ein Baum, der gerade abstarb. Das war also der Preis, den sie zahlte für ihre Freiheit. Und zum ersten Mal realisierte sie den vollen Umfang des Käfigs, der sich Ehe nannte. Sie sah seine Stäbe im Blick der Wächter, sah das Schloss, als sie auf Archias Rücken kurz schaute, wie er sich nicht zu ihr herumdrehte und einfach tonlos weiter ritt.


    Axilla ließ ihr Pferd einfach da stehen und schaute ihrem Mann hinterher. Levi schloss zu ihr auf, lenkte sein Tier etwas unbeholfen neben ihres, berührte sie am Arm. “Herrin? Alles in Ordnung?“
    Axilla schaute ihn an, aber irgendwie sah sie auch durch ihn hindurch. Ihre Gedanken waren sehr weit weg, und es dauerte einen Moment, ehe sie sich wieder soweit gefangen hatte, um die Rolle, die sie spielte, wieder auszufüllen. Sie lächelte leicht, auch wenn es diesmal zu sehen war, wie wenig dieses Lächeln ihrem Herzen entsprang. “Ja, alles bestens. War doch ein schöner Ritt gerade?“
    Levi sah seine Herrin fragend an und runzelte kurz die Stirn. “Ja, Herrin, sehr wild...“ Er war klug genug, nicht darüber zu reden und lenkte stattdessen nur sein Pferd neben ihres, als sie sich doch wieder ihrer kleinen Reisekarawane anschloss und weiter dahintrottete, immer den anderen nach.

    Langsam wand sich die Straße vorwärts, an den Dörfern entlang, durch kleinere und größere Städte, immer weiter Richtung Norden. Axilla war schon sehr lange nicht mehr geritten und am ersten Abend hatte sie das Gefühl, in der Mitte durchbrechen zu müssen. Dennoch hatte sie sich nicht einen Moment beschwert. Überhaupt hatte sie nicht viel gesagt. Sie war nur stumm der Straße gefolgt, immer ein Stück vor den anderen herreitend, nur ab und zu einen Blick über die Schulter werfend, wie es wohl Levi erging. Ihr junger Sklave litt da weitaus mehr und stieg bisweilen vom Pferd, um nebenher zu gehen, wenn er meinte, nicht mehr sitzen zu können. Axilla machte sich richtig Vorwürfe deswegen, aber sie wollte auch nicht nur deshalb umkehren. Archias wollte sie seinen Eltern vorstellen, so zumindest hatte sie es verstanden. Das war wichtig.


    Die meiste Zeit saß sie schweigend auf ihrem Pferd, einem stämmigen, kleinen Braunen mit Zottelmähne. Er sah nicht besonders hübsch und edel aus, war nicht besonders groß, sein Fell wirkte irgendwie fleckig und war struppig. Alles in allem das perfekte Reittier, auf das Axilla ohne Hilfe hochkam und sich festhalten konnte. Axilla lenkte ihn gerade um ein kleines Loch auf der Wiese herum, als Archias auf einen Vogel deutete und irgendwas von Abendessen redete. Axilla schaute kurz auf und dem Vogel mit dem Fisch hinterher. “Ja, ganz hübsch“, meinte sie eher, um überhaupt was zu sagen, und ließ das Pferd weiter trotten.


    Der Morgen wurde zum Mittag, und sie rasteten. Levi mühte sich wie immer, nicht zu sehr zu jammern, und wie immer ging Axilla zu ihm hinüber und redete mit ihm leise, ob es denn noch ginge, ob noch alles in Ordnung sei. Und wie immer biss er die Zähne zusammen und tat so, als wäre nichts weiter.
    Sie stiegen wieder auf und es ging weiter. Ihr Pferd trottete los, und Axilla seufzte einmal. Sie blickte vor sich zu diesen weiten Feldern. Bald würden sie wieder auf die Straße stoßen, auf der es viel schneller voran ging. Warum Archias überhaupt hatte querfeldein reiten wollen, erschloss sich ihr nicht ganz. Sie kamen ja doch nicht schneller voran. Sie stuppste ihrem Pferd leicht in die Flanken, und diesmal zuckelte es nicht einfach nur los, sondern fiel in einen ganz leichten Galopp. Axilla ließ es. Sie ließ dem Tier seinen Willen, ließ es das tun, wozu es geboren war: laufen. Sie merkte, dass ihre so lästige Wache aufschloss, während die Packtiere und Sklaven zurückblieben, doch diesmal wollte Axilla nicht. Sie wollte schlicht und ergreifend nicht. Sie presste die Schenkel dicht an, gab dem Tier mit Druck zu verstehen, es solle weiter laufen, beugte sich im Sattel vor, weit über den Pferdehals.
    Das kleine Pferd verstand, und schon bald wurden die Schritte immer ausholender, der Galopp immer fliegender. Axilla hörte noch das Rufen der Wache hinter sich, die so schwer und groß, wie sie waren, nicht in diesem Tempo ihre Tiere antreiben konnten. Und sie ließ ihr Tier laufen. Der Wind pfiff ihr durch die Haare, Staub wirbelte hinter ihr auf, wo die Hufe die sommertrockene Erde aufwirbelten. Sie sah nicht, wohin sie ritten, es interessierte sie auch nicht. Sie genoss nur das Spiel der Muskeln zwischen ihren Schenkeln, das Vibrieren des Pferdeatems, wenn das Tier geräuschvoll Luft holte, um sie schnaubend wieder auszustoßen. Sie ließ es laufen, immer schneller, wie sie selbst laufen wollte. Einfach nur weg, einfach nur einmal einen Moment von allem weg. Es brauchte kein Ziel, das Ziel hieß 'nicht hier', das Ziel war 'weit weg'. Sie ließ es laufen, bis sie nur noch seinen Atem hörte, nur noch das rhythmische Aufsetzen auf dem Boden fühlte, das im selben Takt wie ihr Herz ging, bis die Zeit sich zu verlangsamen schien.


    Irgendwann lief das Pferd langsam aus und Axilla blickte sich zum ersten Mal um. Sie war auf einem kleinen Hügel um sie herum nichts als grüne Wiese, über ihr nur saphirblauer Himmel. Sie blickte zurück und sah nur ganz entfernt die Pferde der anderen, die ihr zu folgen versuchten. Aber noch hatte sie einen Moment für sich. Sie richtete sich im Sattel gerade aus und streckte sich einmal. Hier oben ging ein ganz leichter Wind, der die Grashalme verbog. Das Tier unter ihr zitterte leicht darin, aber es bestand noch keine Gefahr für das Tier. Sie hatte es hart angetrieben, aber es hatte noch keinen Schaum. Sie würde jetzt langsam tun müssen, und alles war gut.
    Aber diesen einen kurzen Augenblick, den war sie frei. Dieser eine Augenblick, ohne dass jemand um sie war, um sie zu tadeln, ohne dass sie sich sorgen machen musste, ohne dass sie reden, dass sie denken musste, den war sie einfach nur frei. Seit sehr langer Zeit wieder. Und das ließ sie sich für die wenigen Augenblicke nicht nehmen.
    Sie blieb einfach sitzen, bis sie das Trommeln der Hufe auf dem Boden hörte. Erst da drehte sie sich leicht um, ließ das Pferd sich mit umdrehen. “Da sind sie...“, meinte sie nur leise und tätschelte dem Pferd beruhigend den Hals. Ganz leicht stieß es ihm die Fersen in die Flanken und ließ es auf ihre Verfolger zutrotten. Sie hatte keine Ahnung, wie weit sie durch diesen kleinen Ausbruch vom Weg abgekommen waren, aber das war ihr auch egal. Als wäre nichts weiter gewesen, ritt sie ihnen einfach langsam entgegen, sich schon auf die Vorwürfe gefasst machend – und diese wohl ignorierend – und wieder mit Gleichgültigkeit bewaffnet. Der Moment der Freiheit war vorbei.

    So langsam verstand Axilla noch weniger als das, was sie zu verstehen geglaubt hatte. Wie wollte Serrana denn Kinder kriegen, ohne sie zu kriegen? Wenn sie Angst vor der Geburt hatte und sogar glaubte, sie würde sterben, wie wollte sie das denn dann machen? Sie konnte die ja nicht einfach so aus dem Nichts herbeizaubern.
    Gut, Sedulus wusste bescheid, damit fiel die Möglichkeit wohl weg, es einfach abzutreiben. Axilla dachte absolut nicht daran, dass Serrana da Angst haben könnte, weil sie bei Axilla mitbekommen hatte, was schieflaufen konnte. Sie überlegte nur immer mehr, was Serrana überhaupt von ihr nun wollen könnte, denn ganz offensichtlich gab es ja rein gar nichts, was sie tun konnte. Sie konnte Serrana nicht damit helfen, die nötigen Kräuter zu organisieren, denn Sedulus würde es wahrscheinlich nicht so gut aufnehmen, wenn sein Kind plötzlich weg wäre. Wenn er nichts davon gewusst hätte, dann... aber er wusste es ja. Und Serrana sagte ja auch, sie wollte Kinder. Ohne sie zu bekommen. Oder so.
    Sie rätselte also noch immer darüber nach, was Serrana wohl von ihr wollen könnte, als diese sie dann auch schon ansprach. Das Kind war ihr Grund. Und Axilla konnte nur fragend die Stirn runzeln. “Was ist denn damit?“


    Der Ludus Dacicus lag wie die meisten Gladiatorenschulen in der Nähe des Colloseums, allerdings nicht ganz so nah wie der Ludus Magnus, die größte Schule Roms. Etwas südlicher in der Nähe der Trajansthermen gelegen brauchte er sich hinter diesem aber dennoch nicht zu verstecken.
    Das Hauptgebäude bestand aus einem rechteckigen, dreistöckigen Bau, in dessen Innenhof ein kleines Amphitheater eingebaut war. Die ellipsenförmige Arena hatte einen Umlauf von knapp einem stadium Länge und war mit feinem Sand gestreut. Teils wurde dieser Wagenweise herbeigebracht, um den Boden wieder aufzufüllen und so den Gladiatoren die Möglichkeit zu geben, sich an die Bodenbeschaffenheiten später im Colloseum oder in anderen Arenen zu gewöhnen.Marmorverkleidete Sitzreihen boten einem kleinen Publikum Platz, sofern denn jemand beim Training überhaupt zusehen wollte. Meist nutzten die staatlichen Procuratores diesen Platz, um sich ihre Untergebenen einmal anzuschauen. Immerhin war man in staatlichem Besitz.
    Die Zugänge der Arena lagen auf der Längsachse, auf der Querachse befanden sich Ehrentribünen.


    Um den Innenhof herum befand sich oberhalb des Amphitheaters ein zweigechossiger Travertinportikus, der zu einer Vielzahl kleiner Räume führte, in denen die Gladiatoren lebten.


    Zugang zu der Anlage bot ein hohes Tor aus dunklen Eisenstäben. Unangemeldete Besucher mussten hier auf Einlass warten, Bewunderer der Kämpfer erhofften hier immer wieder einen Blick auf ihre Lieblinge zu erhaschen. Die Außenmauer war vollgekritzelt mit den verschiedensten Lobeshymnen auf den einen oder anderen Mann und wurde nur dann und wann wieder frisch überstrichen. Sie zu reinigen wäre ein nutzloses Unterfangen, kamen doch fast täglich neue Graffiti hinzu.


    Ausgebildet wurden hier vor allem Nahkämpfer. Den Namen erhielt die Anlage daher, da hier vor allem dakische Kriegsgefangene trainiert worden waren, ebenso wie hier hauptsächlich die Gladiatorengattungen unterrichtet wurden, die an Kämpfer der östlichen Eroberungsgebiete erinnerten. So rühmte sich die Schule, die besten Thraex und die besten Dimachari innerhalb Roms hervorzubringen, während der nahe Ludus Gallicus eher die westlichen Nationen repräsentierte und sich auf Murmillones und Holpomachi konzentrierte.

    Axilla war erst einige Schritte gegangen, als Archias noch sagte, dass er sie liebte. Ihr Schritt stockte, sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um. Sie konnte nicht. Sie konnte ihn nicht ansehen. Das war jetzt einfach zu viel. Zu viel Nähe, zu viel Schmerz, zu viel Erinnerung, zu viel Gedanken. Einfach zu viel. Und ihr wurde ganz übel davon.
    “Ich weiß...“, meinte sie nur in einem tonlosen Flüstern, aus Angst, jedes lautere Wort würde die Tränen doch hervorbrechen lassen. Und sie konnte ihm im Moment nicht sagen, sie würde ihn auch lieben. Es ging einfach nicht.
    Schnell, bevor doch noch diese Welt über ihr zusammenbrechen konnte, ging sie davon, immer schneller, bis sie schließlich durch die Gänge rannte. Auch wenn sie nur bis in ihr Zimmer rennen konnte und diese Freiheit, zu rennen, bis die Lungen brannten, ihr hier fehlte.

    Packpferde... das hieß, sie würden langsam reiten. Einfach die Straße entlang trotten, bis sie da waren. Axilla atmete einmal durch und blickte weiter in den Garten. Er sah so geordnet und richtig aus. Keine Pflanze wuchs irgendwie wild, wie sie nicht sollte. Alles hatte seinen Platz, und nur an diesem Platz durfte es sein. Selbst die Fische, die in dem kunstvollen, kleinen Teich schwammen, schienen sich in exakt vorherbestimmten Bahnen zu bewegen.
    “Gut, ich sag dann Levi bescheid, dass er alles für mich einpackt.“ Dem würde es gar nicht gefallen, zu reiten. Levi war noch nie auf einem Pferd gesessen. Die Reise würde also etwas länger dauern. Aber vielleicht konnten sie vorreiten und die anderen kamen mit dem Packzeug nach? Axilla sah einmal ganz kurz zu Archias, der in die Wolken starrte. Nein, vermutlich ging das nicht. Er würde nicht zulassen, dass sie nur zu zweit über die Lande preschten, die um einiges gefährlicher waren als Spaziergänge in der Stadt. Das kurz aufkeimende Gefühl der Hoffnung erlosch sofort wieder, und Axilla räusperte sich einmal, nahm die Füße von der Kline. “Ich werde dann einen Brief an Silanus Patron schreiben. Und alles vorbereiten.“
    Sie zögerte noch kurz, dann erhob sie sich, um zu gehen. Diese Nähe und diese Stimmung hier schienen sie sonst zu zerreißen.

    “Nein, klingt gut...“
    Axilla fühlte seine Hand in ihrer. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Zwei Seelen wohnten, ach, in ihrer Brust, und jede zerrte sie in eine andere Richtung. Axilla wollte Nähe. Axilla brauchte Nähe. Sie brauchte dieses Gefühl, sich fallen lassen zu können, und dennoch aufgefangen zu werden. Aber diese Nähe machte es gleichzeitig so unendlich schwer für sie. Wenn jemand nur nahe genug an sie heran kam, der sah, was mit ihr war. Dass sie bei weitem nicht so fröhlich und ausgelassen war, wie sie sich gab. Dann war es schwieriger, das alles zu verbergen. Schwieriger, diese Mauer um sie herum aufrecht zu halten, die den ganzen Schmerz und die Befürchtungen draußen ließ.
    Und im Moment war der Schmerz einfach größer als das Bedürfnis nach Nähe, und Axilla entzog ihm ganz langsam ihre Hand. Sie brauchte jetzt ein wenig Raum für sich, um mit sich selbst klarzukommen. Und Abstand, von dem allem hier. Da war es vielleicht wirklich gut, wenn sie aus der Stadt einmal hinauskämen.
    “Reiten klingt gut. Aber kriegen wir denn da alles nötige mit?“ Sie konnten ja nicht zu Archias Eltern kommen mit nichts als vom Reisestaub verdreckten Klamotten am Leib. Und auch, wenn ihre Geographiekenntnis etwas mangelhaft war, was genaue Entfernungen anging, sie meinte, Ravenna läge mehr als eine Tagesreise entfernt.

    Mit einem Mal fühlte sie eine Hand auf ihrer. Es fühlte sich seltsam heiß an, fast brennend, und Axilla senkte den Blick auf die Stelle, von wo das Gefühl her kam. Da lag Archias Hand, eine Pranke fast im Vergleich zu ihren Händen. Ihr fiel jetzt erst auf, dass sie noch immer braungebrannter war als er, obwohl sie nun schon ein halbes Jahr nicht mehr in Ägypten war. Und obwohl sie seitdem auch immer blasser geworden war.


    Er sprach von Ravenna und seinen Eltern. Axilla lag die Frage auf der Zunge, was mit seiner Arbeit war, aber sie sprach es nicht aus. Das letzte Mal war er deswegen furchtbar wütend geworden, auch wenn sie es ja gar nicht böse gemeint hatte. Sie blickte von der Hand wieder auf in Richtung der Säulen, die das Perystil ausmachten. “Und wann?“ fragte sie so also nur stattdessen.

    Wortlos reichte Axilla ihm den Brief, als er danach fragte. Es stand nichts persönliches darin, weshalb sie sich hätte weigern können. Im Gegenteil, der Brief war so unpersönlich, wie er nur hatte sein können. Da gab es nichts, weswegen sie sich daher Gedanken machen müsste. Sie hatte Archias ja davon erzählt, und auch, dass es lange vorbei war und Silanus sie deshalb mied.


    Eine ganze Weile sagten sie beide wieder nichts, und Axilla wurde es langsam müde, die Wolken anzustarren. Sie waren so unendlich weit weg, und so sehr sie sich dorthin sehnte, sie konnte sie nicht erreichen. Sie blieben dort oben und sie hier unten, gefangen in diesem Käfig aus Gold und Marmor. Sie atmete einmal tief und ruhig durch.
    Archias fragte schließlich etwas, und Axilla blinzelte einmal, ehe sie sich aufsetzte. Sie sah an ihm vorbei, aber jetzt saß sie da, die Knie wie so häufig leicht mit den Armen umschlungen, die nackten Füße auf die Sitzfläche aufgesetzt. Im Grunde sah sie nirgendwohin, nur eben auch nicht zu Archias.
    “Ich weiß es nicht. Ich muss das erst herausfinden. Und ich muss seinem Patron schreiben. Vielleicht weiß der ja auch mehr darüber.“ Axilla wusste nichtmal genau, wie viele Grundstücke das denn nun waren. Das würde sie alles erst herausfinden müssen. Mit der Verwaltung der Finanzen ihres Vetters hatte sie nie irgendwas zu tun gehabt.
    Den Vorschlag, dahin zu fahren und es sich anzuschauen, bekam sie gar nicht wirklich bewusst mit.

    Das Schweigen breitete sich wieder aus. Selbst die Vögel in den nahen Bäumen schienen nach und nach zu verstummen, bis schließlich ein lauter Flügelschlag verriet, dass sie fortgeflogen waren. Axilla sah nur weiter zu den Wolken hoch und versuchte, ihren Geist damit zu beschäftigen, wie diese wohl aussahen. War das da oben ein Pferd? Ein wenig sah es danach aus, auch wenn der Hals gerade immer länger wurde, und die Nase sich in Rauch auflöste. So sah es mehr aus wie eine Giraffe ohne Kopf...


    Archias fragte noch einmal nach Silanus, und Axilla zuckte leicht abwesend mit den Schultern. “Husten...“, antwortete sie tonlos. Ihre Mutter war an Husten gestorben. Erst war es nur ein trockener Husten gewesen, der sie von innen ausbrannte, doch später hatte sie Blut gehustet. Und schließlich war sie daran gestorben. Ob Silanus dasselbe plagte? Vielleicht lag es ja an ihr, dass er nun auch krank war? Vielleicht hatten die Götter sie wirklich verflucht...
    “Er vermacht mir seine Ländereien...“ Diese Information sollte wohl auch Archias sagen, dass es unwahrscheinlich war, dass Silanus lebend wieder zurückkehren würde. Warum sonst sollte er ihr sein Land vermachen?

    Axilla lag da und starrte die Wolken an. Als sie merkte, dass sich jemand näherte, blickte sie nur kurz danach. Sie erkannte ihren Mann und schaute wieder hoch an die Decke. Der Schmerz saß noch immer tief, und eigentlich hatte sie keine Lust, schon wieder zu streiten. Oder auch nur darüber zu reden. Ein Teil von ihr hoffte sogar, er würde einfach weiter gehen – auch wenn das den anderen Teil verletzt hätte, aber das war ersterem Teil egal. Aber Archias kam her, setzte sich zu ihr auf die Kline. Axilla zog ihre Beine leicht an, damit sie einander nicht berührten, und starrte weiterhin in den Himmel.
    Er entschuldigte sich. Es tat ihm leid. Ein Klos bildete sich in Axillas Hals, aber sie wollte ihn nicht zulassen. Sie wollte nicht einmal darüber nachdenken. Absolut gar nicht. Auch nicht über die Entschuldigung, die damit ja zusammen hing. Sie schaute nur weiter den Wolken zu, wie diese vertraute und verträumte Gebilde bildeten, während sie vorüber zogen. In ihr fühlte sich alles schwer und gleichzeitig leer an. Und das Schweigen zwischen ihnen beiden breitete sich aus, so dass es beinahe einen räumlichen Platz forderte.


    “Silanus Gesundheitszustand hat sich verschlechtert. Er ist nach Tarraco gereist.“ Themen zu wechseln konnte Axilla schon immer gut. Und über das andere Thema wollte sie nicht reden. Gar nicht. Nichtmal ansatzweise. Auch wenn ihrer Stimme durchaus anzuhören war, dass sie eben darüber nachgedacht hatte, denn unsicher, beinahe brüchig klang sie in diese greifbare Stille hinein.

    Irgendwie wurde das ganze eher wirrer als verständlicher. Sie wollte das Kind nicht? Aber eine Abtreibung wollte sie auch nicht? Und irgendwie hatte das mit ihrer Mutter zu tun, die bei einer Geburt gestorben war – was ja immer mal wieder vorkam. Und dann hatten sie hier im Atrium Haruspex gespielt und eine Lebenschau gemacht, und nun glaubte Serrana, sie müsse sterben. Oder so ähnlich. Axilla versuchte, den Schwall an Informationen irgendwie in eine verstehbare Bahn zu bekommen, aber irgendwo verhakte sich ein Gedanke andauernd wieder.
    Axilla kniff die Augen zusammen und machte mit der Hand eine Geste, die Serrana zum stoppen bringen sollte mit ihrem Redeschwall. Sie brauchte einen Moment, um das gesagte auch nur halbwegs wirklich zu verstehen. So gern sie selbst durcheinander redete und von einem Gedanken zum nächsten flog, das hier verstand sie nicht.
    “Moment. Also, du willst kein Kind, weil du Angst hast, dass du sterben wirst?“ Axilla dachte, dass das die Quintessenz aus dem ganzen sei. Soviel zumindest glaubte sie verstanden zu haben, wobei ihr die Zusammenhänge nach wie vor doch schleierhaft waren. Vor allem, warum sie damit ausgerechnet zu IHR kam, wo die beiden sich doch nicht unbedingt verstanden. “Und wegmachen willst du es auch nicht?“ Axilla dachte sich nichts bei dieser Frage. Dass sie selber dabei fast gestorben wäre, hieß ja nichts. Gut, Sedulus könnte etwas dagegen haben, aber er musste es ja auch nicht wissen. Außer, er wusste schon von der Schwangerschaft. “Weiß Sedulus es denn schon?“ Ihre Augen gingen wieder auf, nur um fragend dreinzuschauen.
    Dass Serrana glaubte, sie könne sterben, erregte schon Axillas Mitgefühl. Irgendwie zumindest. Aber sie konnte nicht verstehen, was Serrana da jetzt von ihr wollte. Sie konnte da ja auch nichts dafür oder dagegen machen. Und sie beiden waren einfach nicht vertraut genug miteinander, als dass sie sich das Herz ausschütten würden.