Beiträge von Iunia Axilla

    Ein bisschen überrascht war Axilla schon, Rufus so schnell wiederzusehen. Immerhin waren sie nur einen Tag vorher ausreiten, und sie hatte gedacht, dass er an der seltsamen Situation länger zu knapsen hatte. Sie selber fühlte sich jetzt noch ein wenig komisch, wenn sie ihn so ansah, und deshalb legte sie auch gleich das Buch weg und stellte sich vernünftig und wie es sich gehörte hin, um ihn zu begrüßen.


    “Salve, Rufus. Ähm, Ragin, mein ich.”
    Sie stand einen Augenblick nur unschlüssig da, ehe ihr seine Frage wieder in den Sinn kam, die sie ja gar nicht beantwortet hatte.
    “Oh, ja. Ich mag Homer gern. Und auf Latein versteht man alles, in ionisch ist das manchmal ein bisschen schwer.“
    Ihre Abschrift, die sie daheim gehabt hatte, war auf ionisch gewesen und Iason hatte sie damit gequält. Dafür war dann das Versmaß melodischer, allerdings war das bei so einer Geschichte ja nebensächlich. Sie war schließlich kein Dichter, der auf Kunstfertigkeit achtete, sondern mehr Genießerin, die auf Inhalt achtete.
    “Ähm, willst du was trinken?“ erinnerte sie sich an ihre Manieren.

    Seit Tagen brodelte es unterschwellig in Alexandria. Vor der Basileia waren die wütenden und ungeduldigen, die zornigen und wilden zerstreut worden, aber sie waren noch immer da. Der eine Römer war ein Anfang gewesen, aber nur durch einen kleinen Rückschlag war der Hass gegen die Obrigkeit nicht verschwunden. Die Leute schufteten auf den Feldern, um Rom mit Nahrung zu versorgen, und die Ärmsten der Armen nahmen das allein zum Grund, die Römer zu verabscheuen.
    So lag Gewalt in der Luft, aber bislang war es friedlich geblieben. Es hatte sich einfach nichts ergeben, was den Zorn der Masse aufs neue entfachen könnte. Und doch war die friedliche Zeit wohl vorbei.


    Die Batoidea lief in den Hafen von Alexandria ein. Ein römisches Schiff, unschwer zu erkennen für die, die am Hafen arbeiteten.
    “Seht euch das an! Da sind sie kaum im Hafen, und schon springt alles! Der Kreter da hinten wartet eine Stunde auf Arbeiter, die ihn beladen, und diese rhomäische Nussschale wird sofort mit Amphoren gefüllt. Karren um Karren. Seht sie euch an, wie die Ameisen immer hinein in den dunklen Bau!“
    Der alte Seemann, der auf einem Stapel Seil saß, war ganz offensichtlich betrunken, und doch hörten ihn die Leute rund herum. Einige zuckten nur mit den Schultern, aber unter den anderen brach Gemurmel aus. Ja, warum mussten die einen warten und die Römer nicht? Und den besten Anlegeplatz hatten sie auch bekommen, ganz sicher sogar.
    “Rhomäische Ratten, ich sag’s euch. Kommen nur her, um unsere Waren zu nehmen, und was geben sie uns? Nichts, nur Wüstenstaub!“
    Mehr Leute fingen an zu murmeln und zustimmend zu murren. Immer mehr Blicke gingen zu dem Schiff. Gewaltbereitschaft lag in der Luft.

    Leucos nickte und trat ein wenig beiseite, damit der junge Mann gleich eintreten konnte.
    “Ja, Herr. Ich werde sie gleich informieren. Darf ich dich bitten, mich ins Tablinum zu begleiten?“
    Leucos gab einem der jüngeren Sklaven mit schnelleren Beinen als er in seinem Alter einen Wink, er solle Herrin Axilla holen, und geleitete Ragin in sehr gemächlichem Tempo dann ins Tablinum.

    Er wollte sie WAS? Nun, Axilla konnte ihn wegen seiner Art auch nicht unbedingt leiden, aber das war nun doch etwas, was sie ihm nicht zugetraut hätte.
    “Aber, aber, aber… das geht doch nicht. Ich meine, du bist doch Exegetes! Und eine Frau! Und Römerin! Ich meine, weiß der denn nicht, wer die Iunier sind? Ich meine, das… das geht doch nicht!“
    Nicht einmal bei dem Vertreter ihrer gens, der wohl die traurigste Berühmtheit erlangt hatte, nicht einmal bei Brutus war auch nur darüber nachgedacht worden, ihn ans Kreuz zu nageln. Das machte man mit Sklaven und Ausländern vielleicht, vielleicht auch mal mit aufständischem Pöbel. Aber doch nicht mit Urgulania!
    Axilla war davon so perplex, dass sie erst eine Weile brauchte, ehe der Rest zu ihr wirklich durchgedrungen war. Sie überlegte kurz, immerhin musste sie ja arbeiten gehen – oder wollte es – und konnte nicht immer Leibwächter gebrauchen. Aber sie war nicht lebensmüde und würde wohl besser aufpassen.
    “Ähm… im Gymnasion sind ja immer Leibwächter um mich rum. Für den Weg wird ich dann jemanden mitnehmen. Ich bin vorsichtig.“
    Ans Kreuz nageln! Sie war immer noch ganz geschockt…

    Wie die meiste Zeit öffnete Leucos ergeben die Tür. Nachdem er sich das Zimmer direkt neben dem Hauseingang hatte einrichten lassen, ging das sogar sehr gut. Er musste immer nur kurz aufstehen, zur Tür gehen, und sich nach fünf Minuten wieder gemütlich hinlegen. Er hätte schon früher Ianitor werden sollen, das war eine einfache Arbeit und man konnte viel schlafen. In seinem Alter genau das richtige.
    Also öffnete er mal wieder die Tür und sah einem wohlbekannten Gesicht entgegen. Den Zwischenfall zwischen seiner Herrin Urgulania und dem jungen Duccier hatte er nicht mitbekommen oder schon wieder vergessen. In seinem Alter vergaß er gerne mal Dinge.
    “Ah, junger Herr, salve. Du möchtest sicher zu Herrin Axilla?“
    Die letzten beiden Male hatte Axilla ihn empfangen, warum sollte das heute anders sein? Dennoch wartete der Sklave die Antwort ab.

    Seine Worte waren wie ein kleiner Stich, obwohl Axilla es ja eigentlich besser wusste. Trotzdem hörte wohl auch eine Frau nicht lieber das obligatorische „Lass uns Freunde sein“, wenn in ihrem Kopf schon etwas anderes war. Dennoch ließ sie sich nichts anmerken und stieg hinter Rufus dann auch aufs Pferd, als es zu regnen aufgehört hatte.
    Einen langen Moment war sie unschlüssig, wie sie sich an ihm festhalten sollte. Da sie noch immer dank der Tunika nicht rittlings auf dem Pferd saß, sondern beide Beine nach links hatte, musste sie sich an Rufus irgendwie festhalten. Aber das ging nicht, ohne ihn zu berühren, und an ihr klebte noch immer alles, und der Matsch machte das nicht unbedingt besser. Auch wenn die Sonne schon wieder durch die Wolken brach und in einer halben Stunde wohl alles wieder getrocknet hatte, im Moment war es nicht besser als vor zehn Minuten, als es noch geregnet hatte.
    Allerdings wollte sie sich nichts anmerken lassen, und wenn sie noch länger zögerte, würde Rufus zweifelsfrei etwas merken. Also hielt sie sich an seiner Seite fest. Das war nicht so eng wie bei dem Ritt hierher und auch nicht mehr so vertraut, aber sie wollte jetzt nicht näher an ihn heranrücken. Sie hatte Angst, dass ihr Wille dann doch wanken könnte – oder seiner. Aber das wäre ganz falsch, und sie sollte da nicht einmal drüber nachdenken.
    “Ich glaube, ich mach das wirklich besser allein. Wenn Urgulania uns beide so sieht… nein, das wäre nicht gut. Sie hat ja schon gedacht, dass… ach, egal. Ich schaff das schon, und reicht ja, wenn einer von uns beiden Ärger bekommt.“
    Sie mussten ja nicht beide bestraft werden, sofern sie überhaupt erwischt wurden. Vor allem würde die strafe mit Rufus sicher höher ausfallen, weil sie dann keine Ausrede gebrauchen konnte, die Urgulania glauben würde.
    “Ich hoffe, wir sind wieder trocken, und dass die Wachen bei Basileia keine Petzen sind. Ich glaube, wir sehen wohl schon ziemlich ulkig so matschig aus.“

    Rufus war noch immer geknickt und machte es damit Axilla schwerer, unbekümmert zu wirken. Auch seine Fragen ließen es fast nicht zu, nicht traurig zu sein. Dabei wollte sie jetzt nicht betrübt sein, und sollte es eigentlich auch gar nicht. Es war ja schließlich so weitaus besser als jede andere Möglichkeit, und alles andere hätte sie ja auch nicht wirklich gewollt. Ein Teil von ihr, aber nicht der vernünftige Teil. Auch wenn der im Vergleich zum chaotischen Rest winzig war.
    Was er tun konnte, damit es ihr besser ging? Sie in den Arm nehmen? Ihr sagen, dass er nicht weggehen würde? Sie einfach mal halten, wie ihr Vater es getan hatte und ihr für fünf Minuten das Gefühl geben, dass egal wie schlimm alles andere war, egal wie sie aussah und was geschehen war, einfach alles gut werden würde? Nein, das konnte er nicht, er war ja selbst so unsicher wie sie.
    “Nein, ich glaub, wenn Urgulania sieht, dass wir zusammen unterwegs waren und sieht, wie wir aussehen, dann gibt es erst recht richtigen Ärger. Da muss ich allein durch. Aber vielleicht hab ich ja Glück und kann mich reinschleichen, oder Leander hat mich gut gedeckt, dass es nicht auffällt. Und zur Not werf ich ein, dass ja mein Geburtstag ist. Das wird schon.“
    Das andere war schon schwieriger zu beantworten. Wollte sie noch seine Freundin sein? Nahm sie es ihm übel, dass sie ihn erregt hatte? Nein, das nahm sie eher sich selbst übel. Dass er sich zurückgehalten hatte? Das sollte sie ihm auf keinen Fall übel nehmen, denn es war ja richtig gewesen. Wenn es also im Grunde ihre Schuld war, und auch nichts passiert war, was sie ihm hätte übel nehmen können oder sollen, warum sollte sie nicht seine Freundin weiter sein?
    Sie sah zu ihm rüber und lächelte aufmunternd, wieder ihr kleines, geübtes Lächeln. Weil du früher oder später doch mit ihm schlafen wollen wirst, nachdem du weißt, dass er dich will, schoss ihr als wahrer Grund durch den Kopf, doch sie wollte es nicht wahrhaben. “Natürlich sind wir noch Freunde. Was sollten wir sonst sein?“

    Ûrgulania hob die Hände und stoppte Axillas Redeschwall. Kurz zögerte Axilla. Ging es gar nicht ums Heiraten? Worum aber ging es dann, wenn der Terentier damit zu tun hatte und es sie offenbar etwas anging? In ihre Augen kam ein fragender Ausdruck, denn sie konnte sich absolut keinen Reim darauf machen, was ihre Cousine von ihr wollte.
    “Öhm, ja, gut. Was gibt es denn so wichtiges?“ fragte Axilla also, diesmal deutlich ruhiger und unsicherer.

    Da war es schon, er sagte es schon. Er würde wieder nach Mogontiacum gehen. Er sagte zwar, sie könnte mit, aber sie konnte nicht wirklich abhauen. Das ging einfach nicht. Das konnte sie ihrer Familie nicht antun, und wer würde dann das Andenken ihres Vaters wirklich ehren und bewahren, wenn sie sowas machte. Er würde weggehen. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber er würde weggehen. Alle gingen sie weg.
    Der Regen machte die kleinen Tränen, die sie kurz nicht unterdrücken konnte, gnädigerweise vollkommen unsichtbar. Alles war so nass und voller Tropfen, dass Axilla dankbar darum war, sich nicht eisern beherrschen zu müssen.
    Rufus griff nach ihrer Hand und fragte sie, was sie meinte. Was sollte sie sagen? Dass sie sich schrecklich einsam fühlte? Dass er ihr einziger, wirklicher Freund war? Dass sie seine Nähe sehr genoss? Dass sie wieder ganz allein und einsam sein würde, wenn er wegging? Dass sie verflucht war, dass jeder Mann, den sie auch nur annähernd liebte, weg ging, und je mehr sie ihn liebte, umso weiter ging er weg? Ihr Vater, der für sie alles gewesen war, war gestorben und damit so unerreichbar weit weg für sie, dass der bloße Gedanke daran schmerzte. Sollte sie ihm das sagen? An ihrem Geburtstag, mitten in einem Regenguss? Nein, sie wollte nicht darüber sprechen.
    Sanft entzog sie ihm ihre Hand und schaute kurz hoch zu den Wolken, die schon heller wurden. Bald war der Regenschauer vorüber.
    “Wir sollten weitergehen. Wir sind jetzt schon zu spät für die Cena und klitschnass, je mehr wir uns verspäten, umso schlimmer wird das Donnerwetter später.“
    Als wäre nichts gewesen, stand Axilla wackelig auf. Der Untergrund war immer noch schlüpfrig und matschig, und sie fühlte sich auch so ein wenig matt und angeschlagen. Allerdings wollte sie das nicht zeigen, also setzte sie ihr so oft geübtes Lächeln einfach auf, das so täuschend echt aussah.

    Rufus war irgendwie so ernst, als er antwortete, und er wehrte sich auch gar nicht mehr im Spiel, so dass Axilla etwas verunsichert war. Und als er dann immer weiter vor sich hinstammelte und Axilla langsam klar wurde, was er ihr sagen wollte, verschwand auch bei ihr das letzte bisschen Schalk aus den Augen. Beinahe erschrocken ließ sie Rufus los und ließ sich zurück sinken, rutschte ein wenig von ihm weg und sah ihn ganz unsicher an.
    Das war ihre Schuld! Ganz sicher! Venus machte sich einen Spaß daraus, sie auf Männer so wirken zu lassen, und Axilla damit zu quälen! Sobald sie auch nur einen Hauch von Gefühl entwickelte, ging jeder Mann doch wieder. Und sie wollte doch nicht, dass Rufus weg ging! Sie hatte ihn doch wirklich gern zum Freund! Es war doch nicht ihre Absicht gewesen, ihn zu verführen!
    “Ich, das… also… das ist meine Schuld, ich… hätte daran denken müssen und… es tut mir leid, wenn ich dich damit… in Verlegenheit… also….“
    Jetzt, wo Rufus es so direkt und offen angesprochen hatte, fingen auch ihre Gedanken an, darum zu kreisen. Zum ersten Mal sah sie Rufus richtig, nicht nur als Freund, sondern als Mann. Er war groß, aber nicht übermäßig, und er war schmal. Besonders stark sah er nicht aus, nicht wie ein Soldat. Überhaupt hatte er nichts soldatisches an sich. Er war irgendwie… sanfter, schüchterner. So sehr, dass sie ihn daher gar nicht so wirklich als Mann wahrgenommen hatte bis gerade eben.
    “Ich will nicht, dass du weg gehst…“, platzte es plötzlich aus ihr heraus. Sie hatte Angst, dass genau das passieren würde. Sie wollte gerne wieder näher zu ihm, sie wollte sich gerne an der Glut verbrennen. Es war so lange her, dass ein Mann sie auf diese Weise berührt hatte, und Axilla war auch nur ein Mensch mit allzu menschlichen Bedürfnissen.
    Aber dann würde der Fluch ganz sicher wieder zuschlagen, und Rufus würde weggehen oder sterben. Ganz sicher, sie wusste es. Und ihre Freundschaft… das war noch ein weiteres Thema. Axilla wollte die Freundschaft behalten. Sie genoss sie so sehr und hatte Angst, es kaputt zu machen. Wenn das nicht schon lange passiert war, denn sie war sich nicht sicher, wie sie jetzt miteinander in Zukunft umgehen sollten. Sie zitterte ein wenig und schob es auf den kalten Regen, der die ganzen Schlammspritzer von eben wegzuwaschen versuchte.

    Reflexartig hob Axilla den Arm vors Gesicht, als Rufus kurz mit dem Schlamm spritzte. Zwar hatte er gar nicht hoch genug gezielt und der Regen wusch ja sowieso alles gleich wieder ab, dennoch hatte sie gezuckt und ärgerte sich darüber, vor allem über sein Lachen. Na warte, dachte sie sich.
    “Das nennst du richtig versaut?“
    Mit einem diabolischen Grinsen wischte sie über die nächstliegende Pfütze und spritzte so schlammige Tropfen zurück auf seine Tunika, wo sie allerdings bei dem ganzen anderen Matsch nicht weiter auffielen. Die Retourkutsche kam postwendend, und mit einem Mädchenquietschen versuchte sie noch auszuweichen. Allerdings klebte sie selbst und ihre vollgesogene Tunika so am Grund, dass sie sich ja auch kaum bewegen konnte.
    Sie lachte. “Na warte!“ drohte sie lachend und spitzte noch mal zurück, begab sich in derselben Bewegung auf alle Viere, um gleich nachzusetzen und ihm näher zu kommen. Sie war nicht ganz schnell genug und wurde noch mal – begleitet von einem Quietschen ihrerseits – getroffen, was sie natürlich schnell beantworten musste und dann war sie nahe genug, um nach seiner Hand zu greifen, damit er nicht noch mal werfen konnte. Flink wie ein Eichhörnchen hatte sie seine Handgelenke gepackt und hielt sie fest. Rufus wand sich ein wenig, aber entweder war sie stärker als er – obwohl sie gar nicht so fest zupackte, sie wollte ihm ja nicht weh tun – oder er ließ sie gewinnen.
    “So, hab dich! Und was machst du jetzt?“ fragte sie ihn mit einem frechen Lächeln im Gesicht. Am liebsten hätte sie ihm jetzt zur Strafe ein wenig Schlamm in den Kragen gestopft, aber sie hatte ja auch keine Hand frei und war wohl so gefangen wie er. Aber das war egal, erstmal hatte sie ihn und war gespannt, wie er sich da freiwinden wollte.

    Neben ihr geriet Rufus plötzlich ins Stolpern und legte sich der Länge nach hin. Die schlammige Erde, die die Wassermassen gar nicht so schnell aufnehmen konnte, hatte überall tiefe Pfützen entstehen lassen und just so eine traf Rufus beim Fallen höchst spektakulär. Sein Gesicht und seine ganze Tunika waren mit Schlamm überzogen und er prustete und schnaubte, als er sich aufsetzte. Wahrscheinlich hatte er davon auch was geschluckt.
    Im ersten Moment musste Axilla ein Kichern unterdrücken. Es hatte aber auch zu komisch ausgesehen. Aber sie wollte ja nicht so gemein sein. Ein Grinsen konnte sie aber nicht ganz unterdrücken, als sie auf ihn zustakste und ihm die Hand entgegenstreckte, um ihm aufzuhelfen.
    “Der Boden hier ist ganz schön tückisch, man sieht kaum die Löch-huch!“
    Und gerade als Axilla so belehrend daherkam und mit einem Ruck ihn hochziehen wollte, rächte sich das Schicksal postwendend und ließ den Schlamm unter ihrer Sandale etwas nachgeben, so dass sie statt ihn hochzuziehen auch noch hinfiel. Sie schaffte es noch, soweit auszuweichen, dass sie Rufus nicht mit ihren Knien erwischte, aber ihr Kopf traf mit einem dumpfen Geräusch gegen seinen, als sie halb auf ihn drauffiel und sich an ihm festhielt.
    “Autsch! Du hast nen ganz schönen Dickschädel...“, jammerte sie und fasste sich an den Kopf und bemerkte dabei gar nicht, dass sie noch immer halb auf ihm draufsaß. Erst nach einer Sekunde, als ihr auffiel, wie nahe sie beide beieinander waren und ihr bewusst wurde, dass ihre Kleidung nach wie vor mehr zeigte als verhüllte, wurde sie ziemlich rot und rutschte schnell von ihm runter. “Tschuldige...“
    Ihre Tunika war wohl endgültig hinüber. Das Loch am Rücken von dem Angelhaken hätte man ja noch nähen können, und getrocknet wäre sie wohl auch wieder, aber die schicken Sprenkel vom Schlamm der Felder würden wohl lange Zeit erhalten bleiben. Urgulania würde sie erwürgen. Ganz sicher.

    Im ersten Moment war Axilla einfach nur perplex, als Urgulania den Namen erwähnte. Überrascht schaute sie zu ihrer Cousine mit offenem Mund und hoffte, dass sie sich irrte. Natürlich kannte sie ihn, Silanus hatte ihn damals ja zu dem Essen eingeladen. Und dass er über sie gesprochen hatte wie über eine Zuchtstute, das würde sie garantiert nie vergessen. Das nahm sie ihm heute noch krumm, obwohl Axilla sonst ja eigentlich alles sehr schnell verzieh.
    Sie hoffte, es ging nicht wieder darum, dass sie jemanden aus seiner Familie heiraten sollte. Aber was könnte es sonst sein? Wenn er damals daran Interesse angemeldet hatte, warum sollte sich das jetzt ändern? So lang war das ja auch nicht her. Sie lavierte sie sich da nur jetzt raus?
    “Ähm... ja?“ fing sie vorsichtig an, doch ihre Ungeduld war wohl doch überwiegend, denn anstatt einfach zu warten, plapperte sie wild drauf los. “Also, ich bin sicher, das ist eine ganz ehrenhafte Familie, und wenn Silanus ihn einläd, ist er bestimmt auch von Einfluss und er ist ja auch Präfekt der Legion hier und bestimmt ist sein Verwandter ein toller Mensch. Aber ich fühl mich da noch nicht bereit dazu, Urgulania. Ich meine, ich kenne gar niemanden aus seiner Familie. Ich dachte damals auf dem Essen, er wollte mich nur aufziehen, und ich meine... weißt du, ich hab's ja auch nicht so eilig damit. Da kann man doch sicher noch warten, oder?“
    Sie konnte ja nicht wissen, dass Urgulania wohl nicht vom heiraten sprach.

    Vorsichtig trat Axilla ins Atrium ein. Sie hatte keine Ahnung, worum es ging, und nach der Standpauke von Urgulania wegen Rufus’ Übernachtung in der Casa war sie da ein wenig zurückhaltend geworden. Natürlich hatte Urgulania ja recht gehabt, aber niemand gab gerne zu, falsch gehandelt zu haben. Vor allem, da Axilla immer noch fühlte, dass es richtig gewesen war, genau so zu handeln und alles andere noch viel falscher gewesen wäre.
    Schüchtern trat sie ins Atrium und schaute fragend zu ihrer Cousine. “Leander meinte, du möchtest mit mir reden?“ fing sie recht neutral an und hoffte, es war nicht wieder etwas, was sie so falsch gemacht hatte.

    “Naja, mir wär es lieber, trocken daheim anzukommen. Wenn ich so vor mich hintropfe glaubt mir sicher keiner, ich sei nur kurz auf dem Markt gewesen.“
    Axilla grinste etwas verlegen und schaute dann schnell zu Boden, als Rufus meinte, er wolle sich ausziehen. Sie war zwar nicht so verklemmt, aber trotzdem konnte sie ja kaum sagen, dass er das tun konnte. Was würde er dann von ihr denken? Und vor allem: Was wäre, wenn sie jemand sah? Der würde doch nie im Leben glauben, dass das nur wegen der Hitze war. Zumindest nicht der Hitze der Sonne.
    “Ähm, ja, wir laufen lieber zu Fuß. Bei dem Regen sieht man die Löcher im Boden schlecht, nicht dass sich Helios noch ein Bein bricht.“
    Bei Regen war jeder Boden tückisch, vor allem, wenn es so schüttete wie jetzt. Man sah ja kaum zehn Schritte weit durch die dichten Tropfen.


    Langsam sog sich ihre lange Tunika ganz voll und klebte ihr eng an der Haut. Axilla versuchte anfangs noch, durch ziehen den Stoff von sich zu halten, aber der Regen war einfach zu hartnäckig. Ihre Haare klebten in Strähnen an ihrer Stirn, ihrem Hals und ihrem Rücken, ihre Kleidung klebte ganz eng an ihrem Körper und überhaupt hatte sie das Gefühl, alles klebte und matschte nur noch. Jeder einzelne Schritt matschte beim Auftreten und wenn man die Sandale wieder aus dem Schlamm zog gleich noch mal. Sie würden aussehen wie die Ferkel, wenn sie in Alexandria ankamen.
    Einzig Amala schien es richtiggehend Spaß zu machen, auch wenn sie sich immer wieder schüttelte und Rufus und sie so noch zusätzlich von unten nass spritzte.
    “Ich hoffe, das hört bald auf. Sonst müssen wir den restlichen Weg noch heim schwimmen“, witzelte Axilla und sah grinsend zu Rufus hinüber. Ihm ging es mit seiner Kleidung nicht besser als ihr, und sie musste sich schon beherrschen, ihren Blick schnell wieder auf den Weg zu lenken und ihn nicht zu mustern.

    Axilla hoffte, dass der Himmel noch eine Weile halten würde. Sie war zwar nicht aus Zucker, allerdings wollte sie trotzdem nicht unbedingt klatschnass daheim auftauchen. Und Rufus hatte in seinen Wochen hier wohl nicht viele Regengüsse mitbekommen, sonst würde er sich wohl auch nicht so freuen. Sie würden klitschnass werden!
    Sie liefen schnell, um Helios einzuholen, und redeten deshalb auch nicht weiter miteinander. Axilla hatte keine Probleme, mit Rufus mitzuhalten, sie hätten auch noch etwas schneller sein können. Sie rannte ja eigentlich gerne, auch schnell. Nur auf lange Strecken ging ihr die Puste aus, aber so weit war das jetzt nicht gewesen, und auch nicht so schnell. Sie sahen Helios und überwanden noch das letzte Stück zu dem Pferd, die letzten paar hundert Schritte langsam, um das Tier nicht zu erschrecken. Der Himmel grummelte schon bedrohlich, und Axilla hatte die ungute Ahnung, dass sie zu spät dran waren.
    Rufus hatte grade den Zügel von Helios sicher gegriffen, als es auch schon anfing. Erst fiel ein dicker Tropfen in Axillas Nacken, so dass sie vor Schreck zusammenzuckte, dann ein zweiter neben ihr mit einem lauten Plopp auf die Erde, und dann, als hätte jemand den Wolken einen Befehl gegeben, fing es an wie aus Kübeln zu gießen. Axilla gab noch einen kurzen, hohen Laut des Erschreckens von sich, dann ließ sie resigniert den Kopf hängen. Urgulania würde sie ja sowas von erwürgen, wenn sie so nass heimkäme.
    “Und, ist es kühler?“ fragte sie spaßeshalber an Rufus gewandt, während sie mit einem Grinsen den Blick wieder hob. Jetzt war es ohnehin zu spät, um sich einen Unterschlupf zu suchen, da konnte sie es auch mit Humor nehmen.

    Vor allem käme wohl niemand auf die Idee, diese… wasauchimmer anzubeten, wenn man nichtmal wusste, was das sein sollte. Axilla überlegte, ob Rufus es ihr vielleicht schonmal erzählt hatte, aber wenn ja, hatte sie sich die Namen nicht gemerkt. Er war ja auch mit einer ganzen Ecke Namen dahergekommen, von denen sie nie etwas gehört hatte, und Axilla hatte schon immer ein Talent dafür, alles zu verwechseln. Sie war ja schon froh, dass sie sich gemerkt hatte, dass Rufus eigentlich Ragin hieß und sie ihn so nennen sollte.
    “Ja, hier freuen sich alle fast mehr auf den Winter, wenn es soviel regnet. Der Frühling bringt nur viel Schlamm mit dem Fluss. Das ist wohl irgendwie für die Felder wichtig oder so, auf jeden Fall freuen sich dann alle. Und das ist jetzt vor ein paar Wochen passiert, und es regnet jetzt immer seltener, bis es ganz aufhört. Aber wirklich blühen sehen hab ich hier nichts. Da vermiss ich schon Hispania, wenn dann auf den Feldern und Wiesen die ganzen Wiesen geblüht haben, und die ganzen Bäume erst! Vor allem die Olivenbäume haben immer schön und weiß geblüht, allerdings immer erst nach meinem Geburtstag…“
    Axilla wurde ein klein wenig wehmütig und blickte kurz zu Boden. Mit dem Arm schlenkerte sie leicht verträumt beim Gehen dabei, was sie weit weniger erwachsen aussehen ließ, als sie es eigentlich gerne hätte. Sie vermisste ihre Heimat, aber mehr noch vermisste sie das, was Heimat für sie bedeutet hatte. Sie fühlte sich noch immer so verloren hier in Ägypten und wusste nicht so recht, wo ihr Platz war.
    Ein Grummeln schreckte sie aus ihren Gedanken und sie sah fragend zu Rufus. Hatte sein Magen geknurrt?
    “Warst du das?“ fragte sie etwas verwirrt, als es ein erneutes Grummeln auch schon gab, diesmal lauter, und das helle Licht plötzlich trüber wurde, als die Wolken, die nur ganz diffus am Himmel gestanden hatten, sich mehr und mehr und vor allem verdammt schnell zusammenzuziehen begannen. Axilla hatte das ungute Gefühl, nicht trocken nach Hause zu kommen.
    “Ähm, ich glaube, wir sollten Helios schnell einholen, oder uns einen Unterstand suchen.“
    Denn wenn es in Ägypten mal regnete, dann aber so richtig.

    Eine Sekunde klappte Axilla der Mund auf, aber dann schloss sie ihn wieder. Dem Magister Officiorum hier anzufahren würde ihr wohl nichts einbringen außer ärger, und zum Präfekt durfte sie dann wohl erst recht nicht. Und das hier war jetzt zu wichtig, als dass sie ihn wie Marcus Achilleos damals beim Essen mit Urgulania einfach zusammenschreien durfte. Wenn auch die Versuchung wirklich groß war.
    “Gut, dann wart ich und hoffe, dass bis dahin niemand wichtiges gestorben ist“, grummelte sie den Prudentier an und suchte sich einen bequemen Stuhl, um sich dort fast schon schmollend niederzulassen. Hoffentlich ging es Nikolaos gut. Das war doch wirklich zum Mäuse melken! Da hatte man es eilig, wollte helfen, riskierte, dass der Präfekt wütend auf einen wurde, weil man unüberlegt gehandelt hatte, hatte nur die ehrbarsten Motive – und durfte nicht. Die Welt war ungerecht, vor allem zu jungen Mädchen.

    “Na, ich weiß nicht. Wusstest du, dass die Ägypter glauben, dass sie von einem Krokodil gefressen werden, wenn sie tot sind und im Leben böse waren?“
    Axilla hatte schon hunderte Geschichten hier mittlerweile aufgeschnappt, auch wenn sie sie allesamt fröhlich vermischte und verwechselte und manchmal nichtmal wusste, wo sie die Geschichte nun herhatte. “Dann müssen die das ja schon für sehr gefährlich halten. Aber die halten auch Katzen für Götter, von daher darf man das vielleicht auch nicht so ernst nehmen.“
    Axilla zuckte leichthin mit den Schultern und setzte sich mit Rufus in Bewegung, um Helios’ Spur zu folgen. Viele Ägypter kannte sie nicht. Eigentlich war Cleonymus der einzige, den sie von einem längeren Gespräch und nicht nur vom Markt her kannte, wenn man es genau nahm. Und der hatte noch nie zu einem Hund oder einer Katze gebetet. Zumindest nicht, wenn sie dabei war. Allerdings glaubte Axilla auch nicht, dass die ägyptischen Götter mehr machten als die römischen, von daher war es ihr im Grunde auch egal. Sie selbst betete und opferte ja auch nur zu sehr ausgewählten Anlässen, wie den Parentalia oder wie heute an ihrem Geburtstag. Als ihre Mutter krank wurde, hatte sie oft geopfert, und nichts war passiert. Warum also sollte sie dann nun den Göttern mehr opfern, wenn sie ja doch nicht halfen, wenn man mal wirklich etwas brauchte?


    Sie gingen nebeneinander her, der Spur des Pferdes folgend. Langsam wurde es wieder wärmer, und überall wuchs schon wieder der erste Weizen und kam grün durch den noch feuchten Schlamm der Überschwemmung hindurch. So sah das Land richtig fruchtbar aus, und doch vermisste Axilla die Blumen, die um diese Zeit in Hispania geblüht hatten.


    “Das mit der Cena wird schon. Zur Not wird Leander sich schon eine Ausrede für mich einfallen lassen. Er ist wirklich sehr treu und aufopfernd.“
    Sie mochte ihren Sklaven wirklich gern. Als sie ihre Worte aber hörte, fiel ihr wieder ein, dass es eigentlich unangebracht war, einen solchen so zu loben. Als Sklave hatte er ja schließlich treu, gehorsam und aufopfernd zu sein. Kurz sah sie deshalb fast erschrocken zu Rufus hinüber. “Ähm, ich meine, er ist wirklich ein vertrauenswürdiger Sklave.“
    Das klang jetzt vielleicht nicht viel besser, aber ein ganz klein wenig. Vielleicht sollte sie lieber das Thema wechseln.
    “Wie ist eigentlich der Frühling in Germania so? Blühen dann viele Blumen? Oder geht das gar nicht wegen dem vielen Wald?“
    Auf dunklem Waldboden, der im Schatten lag, blühte ja doch eher selten etwas. Und Axillas Vorstellung von Germania war eigentlich die eines einzigen, riesigen, großen, grünen Waldes. Wenn nicht grade mannshoher Schnee lag, versteht sich.

    “Nein, die schauen ganz anders aus! Die sehen aus, wie… wie… wie… also, ganz anders. Die sind viel größer, und dicker. Ein bisschen wie sehr dicke, nackte Pferde mit kurzem Hals. Aber die haben auch ein ganz riesiges Maul, und da ganz lange Zähne drin. So wie Wildschweinhauer, aber viel länger.“
    Ein Flusspferd zu beschreiben war wirklich nicht einfach. Vor allem, da Axilla selber erst einmal eines gesehen hatte und da nicht so nahe randurfte, wie sie gerne gewollt hätte.
    “Und die sind auch sehr gefährlich. Ich hab einmal eins gesehen, und durfte deshalb nicht näher rangehen. Aber ich weiß nicht, welches gefährlicher ist.“
    Ob es da wohl eine Abstufung gab? So eine Art Liste, auf der alle Tiere nach Gefährlichkeit aufgelistet waren? Vielleicht gab es sowas ja im Museion, da könnte man mal nachforschen. Wenn es so eine Schrift auf der Welt gab, dann ganz bestimmt im Museion. Die hatten zu allem Schriftstücke.
    Aber erst einmal mussten sie überhaupt da hinkommen.
    “Also, ich muss sagen, Helios kann ganz schön schnell laufen, wenn er sich erschreckt. Meinst du, er ist irgendwo stehengeblieben, oder müssen wir bis zur Stadt zurücklaufen?“
    Viele Pferde blieben erst wieder im heimischen Stall stehen, wenn sie sich vor etwas wirklich erschreckt hatten.