Beiträge von Iunia Serrana

    Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass sie sich nicht auch schon in Träumen über die Zukunft ihrer Kinder ergangen hätte, aber dass ihre Großmutter wie selbstverständlich ihren Sohn in ihre Planungen einbezog, ärgerte Serrana trotzdem.


    "Großmutter, Victorius ist gerade mal ein paar Wochen alt, was hältst du davon, wenn du ihn erst einmal in Ruhe aufwachsen lässt, bevor du ihn und sein Leben verplanst?" Vermutlich eine rein rhetorische Frage, denn das Einmischen in die Lebensplanung anderer war Laevina derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie es vermutlich ohnehin nicht würde abstellen können. Die Namen der bei den kommenden Wahlen vertretenen Gentes lenkten Serrana dann jedoch erstmal wieder von diesem unerfreulichen Thema ab.
    "Hm...der einzige Tiberius, den ich kenne, ist Tiberius Durus, der Pontifex. Aber der war schließlich schon Consul, also wird er sich wohl kaum erneut zur Wahl stellen. Und ein Aurelius,....schade, dass Flora nicht hier ist, sie könnte uns sicher was über ihn erzählen. Aurelia Flora ist eine Verwandte von Ursus und war mit uns und Septima in Mantua, müsst ihr wissen." erklärte sie dann an Calvena und ihren Mann gewandt. "Und stellt euch vor, sie wurde mit Tiberius Durus verlobt, die Hochzeit wird jetzt sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen. Und ja, die Duccii haben germanische Wurzeln, ich habe vor ewigen Zeiten mal Duccia Venusia kennengelernt, die hat mir viel über ihre Heimat erzählt. Und der Tribunus Laticlavius von Aurelius Ursus gehört auch zu dieser Gens."

    Da ihr alles, was mit der Arbeit im Tempel zu tun hatte, mittlerweile in Fleisch und Blut uebergegangen war, stellte es fuer Serrana immer wieder eine Ueberraschung dar, dass es bei anderen Menschen in dieser Hinsicht durchaus Unterschiede gab. Noch ganz in ihr Gebet versunken, sah sie auf die gefluesterte Frage ihres Mannes ueberrascht hoch und nickte dann.


    "Naja, muessen ist das falsche Wort. Ich hab das Opfer ja schon dargebracht, aber vielleicht koenntest du dich noch kurz in deinen eigenen Worten bedanken. Der aufrichtige Dank ist der Goettin sicher wichtiger als die dazugehoerenden Gebetsformeln."

    "Findest du wirklich?" Serranas unuebersehbar zweifelnder Blick ging von ihrem Bauch zu Sedulus und dann wieder zurueck, dann jedoch beschloss sie, ihrem Mann einfach zu glauben, das war deutlich besser fuer ihren Seelenfrieden und befreite sie auch ein Stueck weit von der Sorge, er koenne sie von jetzt an vielleicht nicht mehr so attraktiv finden wie noch vor einem dreiviertel Jahr, als sie den zierlichen Maedchenkoerper einer Sechzehnjaehrigen besessen hatte. "Wer weiss, vielleicht passt mir das eine oder andere ja schon wieder, wenn wir nach Rom zurueckkommen, bis dahin werden ja sicher noch ein oder zwei Wochen vergehen..." Ein kleiner Seufzer, dann legte Serrana ihre Eitelkeit fuers erste wieder ad acta, schliesslich gab es in diesem Moment wesentlich wichtigere Themen, genauer gesagt zwei, und die waren nach ihren kurzen Ausfluegen in die Arme ihres Vaters mittlerweile wieder selig eingeschlummert. "Ja. das finde ich wirklich, schau, diese winzigen Loeckchen, genau wie die in deinem Nacken." Serrana haette Sedulus in diesem Moment am liebsten an sich herangezogen, aber leider hatte sie dafuer nicht mal eine Hand frei. "Wenn die beiden groesser werden, werden wir sicher noch mehr Aehnlichkeiten zu einem von uns beiden entdecken, oder vielleicht auch zu Sabina, sie ist ja immerhin ihre grosse Schwester..."Als Sedulus die Acta erwaehnte, sah Serrana ueberrascht hoch. "Oh, das kann ich mir nicht vorstellen. Die Frau von Iulius Centho hat auch Zwillinge bekommen, und sie wurden nicht erwáehnt. Und was meinst du mit 'mag sein'? Das klingt ja nicht besonders beeindruckt..." Obwohl Serrana mittlerweile schon einige Beweise dafuer bekommen hatte, dass sich ihr Mann nicht allzu schnell von "ueberirdischen" Phaenomenen beeindrucken liess, war sie immer wieder von neuem aufrichtig ueberrascht. "Ueberleg doch mal, allein die Vorstellung, die Goetter koennten bei der Entstehung unserer Kinder irgendwie Einfluss genommen haben, ist doch unfassbar spannend...Ich muss unbedingt Romana danach fragen, wenn ich ihr schreibe..."

    Serrana beobachtete das Glitzern in den Augen ihrer Großmutter und fühlte für einen Moment lang nichts als Erleichterung, dass es nicht ihrer eigenen Person galt. Dann erst nahm sie auch wieder andere, zum Teil höchst unterschiedliche Gefühle an sich wahr: Erleichterung darüber, dass die rätselhafte Krankheit Roxanes ihren Kindern nun nicht mehr gefährlich werden konnte, nach wie vor Überraschung über den Auftritt der Peregrina, die sie im Vorfeld doch eigentlich als sehr angenehme und sympathische Person und Gesprächspartnerin kennengelernt hatte aber auch widerwilligen Respekt ihrer Großmutter bzw deren Haltung angesichts dieser doch so offensichtlich eskalierten Situation gegenüber. "Ich verstehe das einfach nicht, als ich damals vor unserer Abreise mit ihr gesprochen habe, war sie ganz anders, nicht so...so radikal." sagte sie leise und mit einem ungläubigen Kopfschütteln,nahm jedoch von weiteren Äusserungen Abstand, da die "Geschädigte" selbst offenbar keinerlei Anstalten machte, diesen ungeheuer skandalösen Vorfall erneut aufzugreifen. Auf die Frage nach den Seeigeln glitt Serranas Blick auf die opulent gedeckte Tafel und entdeckte besagte Meeresbewohner auf einer Platte in unmittelbarer Nähe des Quintiliers.


    "Valerian, würdest du bitte?" fragte sie dann überflüssigerweise, da Calvenas Ehemann zweifellos selbst bemerkt hatte, dass ihm dieses Gericht am nächsten stand. Aber was für eine Erleichterung, nach den verbalen Spannungen und Dramen der letzten Minuten endlich wieder etwas völlig unverfängliches von sich geben zu können...

    Serrana, die beim Betreten des Tempels sorgfältig darauf geachtet hatte, dass auch Sedulus seine Arme und Hände reinigte, warf einen letzten Blick zu den Opfergaben und den wartenden Sklaven und nickte dann. Aus dem einem der kleineren Körbe nahm sie vorsichtig ein wenig Benzoe-Harz heraus und streute es in die am Kultbild der Göttin bereitstehenden Weihrauchschalen, bevor sie sich mit nach erhobenen Armen und nach oben gedrehten Handflächen vor dem Altar postierte.


    "O Iuno Lucina , höchste Göttin, Schützerin der Ehe, Familie und Mütter, sei deinen Dienern Germanicus Sedulus und Iunia Serrana gnädig, wenn wir dir heute ein Opfer darbringen, das dir zusteht." sagte sie dann, während sich wohlriechende Weihrauchschwaden aus den Kohlebecken emporkringelten und im Tempel verbreiteten.


    Auf einen Wink hin wurden Serrana nacheinander die Gefäße mit den einzelnen Opfergaben angereicht, die sie vorsichtig am Altar platzierte: Blumen, Früchte und Kuchen, alles in doppelter Ausführung und genau aufgeteilt.


    "O Iuno Lucina, bitte nimm diesen Dank dafür an, dass du uns mit gleich zwei wundervollen Kindern gesegnet und bei der Niederkunft deine schützende Hand über sie und mich gehalten hast."


    Serrana wartete einen kleinen Moment und stellte dann eine stilisierte silberne Figur zwischen die Körbe und Schalen, eine Mutter mit gleich zwei Kindern in den Armen. Dann machte sie sachte eine Drehung nach rechts, ließ die Arme wieder sinken und stellte sich wieder neben ihren Mann.

    Nachdem sie den Wortwechsel zwischen Sedulus und Laevina auf der einen und den Sklaven auf der anderen Seite eine Weile lang schweigend verfolgt hatte, meldete sich nun auch Serrana wieder zu Wort. "Glaubst du, es reicht, wenn wir das in die Hände der Sklaven geben?" fragte sie an ihren Mann gewandt und sah ein wenig unschlüssig zwischen ihm und der Tür, aus der ebendiese verschwunden waren, hin und her. "Ich mach mir immer noch ziemliche Sorgen, aber ich würde mir auch gern das Zimmer anschauen, das Großmutter für die Zwillinge hat herrichten lassen. Und ein Bad wäre auch schön, mir tun alle Knochen weh..."

    Was für ein Geschenk des Augenblicks dieses Pferd doch war... So sehr es Serrana auch mit Unbehagen und Unsicherheit erfüllte, ausgerechnet auf Duccius Vala getroffen zu sein, so sehr war sie für die Anwesenheit seines Pferdes dankbar, auf das sie jetzt ihre gesamte Aufmerksamkeit richtete, um seinen Besitzer nicht mehr ständig anstarren zu müssen. Serranas Blick glitt über den Kopf des Pferdes, seine Mähne, seinen Rücken und Schweif, die Beine hinunter zu den Hufen und wieder hinauf, während sie sich immer wieder sagte, dass der Mann vor ihr ein Mann wie jeder andere war, der keinerlei Ahnung davon hatte, dass er seit Monaten ein dunkler Punkt in ihrem Gewissen war und dafür darüber hinaus auch nicht das Geringste konnte.
    Vielleicht wäre ihr die ganze Situation leichter gefallen, wenn Duccius Vala sich auf den belanglosen SmallTalk eingelassen hätte, den Serrana so hoffnungsvoll eröffnet hatte, um sich nach ein paar Sätzen einfach wieder verabschieden und aus dem Stall flüchten zu können. Aber leider tat er das nicht. Serrana, die in keinster Weise damit gerechnet hatte, dass auf die Frage nach seinem Befinden eine andere Antwort kommen würde als "ja, danke, alles in Ordnung", riss ihren Blick von dem Pferd los und sah verwirrt den Duccius an. Schlagfertig war sie in ihrem Leben noch nie gewesen, und da das Standard-Gesprächsmuster für einen solchen Fall herzlich wenig hergab, öffnete und schloss sich Serranas Mund erst einige Male, bevor dann so etwas wie eine Antwort herauskam. "Nicht....oh, das....das tut mir leid. Warum.....?" Das erste Wort der Frage war kaum heraus, da biss sich Serrana bereits auf die Lippe und spürte, wie sie seit langer Zeit wieder einmal rot anlief. Erschrocken über ihre eigene Distanzlosigkeit und Neugier, zumindest ging sie davon aus, dass man aus ihrer Frage nichts anderes herauslesen konnte, starrte sie erneut eine Sekunden lang das Pferd an. Doch dann, oh Wunder, schaffte es eine weitere Bemerkung Duccius Valas, Serrana wieder in sicheres Terrain zurück zu bringen. Ihr Blick ging vom Pferd zu ihm und dann hinunter zu ihrem unübersehbaren Bauch, auf den sie instinktiv eine Hand legte, bevor sie den Germanen endlich offen ansah und dabei sogar lächelte. "Ja, das bin ich, vielen Dank für deine Wünsche, Duccius Vala. Allzu lange wird es nicht mehr dauern, ein paar Wochen vielleicht noch..." Nicht, dass man angesichts ihres ungeheuren Umfangs überhaupt daran hätte zweifeln können, dass diese Schwangerschaft ihrem baldigen Ende zuging, aber Serrana war viel zu froh darüber, zumindest einige Sätze lang mal nicht über jedes Wort nachdenken zu müssen und rang sich sogar noch eine weitere Frage ab, die angesichts des Themenwechsels halbwegs nahelag. "Hast du eigentlich auch Kinder?" Möglich war es immerhin, zu der Zeit, als Axilla ihr so viel von Duccius Vala erzählt hatte, war von Kindern zwar nie die Rede gewesen, aber das war auch schon eine ganze Weile her, und bekanntlich wurden Ehen schnell geschlossen und Kinder noch schneller gezeugt.

    "Das weiß ich, und ich bin dir sehr dankbar, dass du mit hier hierher gekommen bist." Serrana drückte die Hand ihres Mannes leicht, und ließ sie dann los, um ein letztes Mal die Opfergaben zu überprüfen, die von den Sklaven mittlerweile auf dem Boden des Tempels abgestellt worden waren. Wie es nicht anders zu erwarten gewesen war, war damit nach wie vor alles in Ordnung, die unterschiedlichen Gaben fein säuberlich in jeweils zwei gleich große Behältnisse aufgeteilt, die Früchte ohne Druckstellen und alle Blumen frisch und ohne verwelkte Blätter. Mit einem Seufzer der Erleichterung richtete Serrana sich wieder auf und lächelte Sedulus an. "Bist du soweit? Wollen wir beginnen?"

    "Ich hoffe wirklich, dass du recht hast." Serrana seufzte erneut, erwiderte dann jedoch das Lächeln ihres Mannes. "Ich glaube, ich werde mich schon darüber freuen, wenn ich endlich im Stehen mal wieder meine Füße sehen kann, aber meine schönen Kleider fehlen mir doch sehr. Und wenn ich dann irgendwann wieder halbwegs normal aussehe, dann gehen wir gemeinsam aus, ja? Ins Theater vielleicht..." Serranas Blick nahm einen sehnsüchtigen Ausdruck an. Seit Monaten hatte sie sich wegen ihrer ständigen Angst, im Kindbett zu sterben, alle über die Schwangerschaft hinausgehenden Pläne bewusst versagt, doch jetzt allmählich kamen endlich die alten Lebensgeister und der Tatendrang zurück. Jetzt hielt Sedulus seine Tochter in die Höhe, und Serrana lächelte, als sie die beiden Haarschopfe so nah beieinander sah. "Die Kleine scheint deine dunklen Haare geerbt zu haben, meine sind viel heller, so wie die von Victorius." Eigentlich war der Name für den kleinen Germanicus ja noch gar nicht offiziell entschieden worden, aber in Serranas Ohren hörte sich Victorius gut an, passend irgendwie.


    "Wer zuerst kam? Oh, das war sie, sie war einige Minuten früher auf der Welt." Serrana wartete, bis ihr Mann ihr die gemeinsame Tochter wieder zurück in den Arm legte, und gab der Kleinen dann einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. "Stell dir vor, in der Acta war ein Artikel darüber, dass in letzter Zeit soviele Zwillingsgeburten stattgefunden haben, und es wurde sogar über göttliche Einflussnahme spekuliert. Ist das nicht aufregend?"

    Serrana seufzte leise auf, als der unerfreuliche Wortwechsel zwischen Aculeo und ihrer Großmutter auch weiterhin nicht zum erliegen kam, und ihre und Valerians Bemühungen um ein unverfänglicheres Thema unverrichteter Dinge ins Leere liefen. Großmutter Laevina blüte, wie immer, wenn man ihr die richtigen Vorlagen lieferte, gerade erst zu Hochform auf und schoss eine bitterböse Salve nach der anderen auf Aculeo ab, der seinerseits derart in die Auseinandersetzung einstieg, dass er die berechtigten Fragen seines Verwandten und Patrons komplett ignorierte und sich scheinbar nur noch auf die alte Germanica konzentrierte.
    Gerade wollte Serrana einen erneuten Vorstoß wagen, um den Frieden am Essenstisch wenigstens halbwegs wieder herzustellen, da schnappte sie das Wörtchen "krank" auf und richtete sich sofort alarmiert auf ihrer Kline auf. Unter normalen Umständen hätte sie sich vielleicht nicht ganz so viele Sorgen gemacht, aber nach dem fluchtartigen Aufbruch aus dem seuchengeplagten Mantua reagierte sie auf dieses Thema schon wesentlich empfindlicher. "Was für eine Krankheit hat sie denn nun, Aculeo? Nun sag doch endlich...." drängte sie in einer Mischung aus Ungeduld und aufkommender Angst. Und dann, als Serrana gerade ernsthaft darüber nachdachte, hinauf ins Cubiculum ihrer Kinder zu gehen, um dort nach dem Rechten zu sehen, betrat plötzlich und ohne Ankündigung Roxane das Triclinium, und Serrana blieb bei diesem Auftritt bereits nach wenigen Worten der Mund offen stehen.
    Sie selbst hatte die junge Frau bereits vor Monaten als höfliche und nette Gesprächspartnerin kennengelernt, aber davon war in diesem Moment nichts zu spüren. Roxane betrat einfach unaufgefordert den Raum und begann ebenso unaufgefordert zu sprechen, was in Anbetracht ihres gesellschaftlichen Standes nahezu unfassbar war. Und was sie Großmutter Laevina alles an den Kopf warf....Ja, Laevina war ein altes Biest, und ja, viele ihrer Anschuldigungen waren vermutlich übertrieben und wie üblich alles andere als diplomatisch formuliert. Sich darüber zu ärgern, war eine Sache, eine gesellschaftlich höherstehende Frau mit derart drastischen Worten vor den Augen ihrer eigenen Familie derart zu beleidigen jedoch eine ganz andere, zumal Aculeo Roxane noch vor wenigen Minuten auch noch als Gast des Hauses bezeichnet hatte. Um den Seelenfrieden ihrer Großmutter machte sie sich dabei noch die geringsten Sorgen, da Laevinas robustes Naturell und Selbstbewusstsein wohl auch dadurch kaum Schaden nehmen würde, aber dennoch...Serrana starrte der jungen Frau einige Sekunden fassungslos hinterher und wandte sich dann mit leicht zittriger Stimme zunächst an Valerian und Calvena. Letztere war zwar nach wie vor eine Germanica, gehörte mittlerweile jedoch durch ihre Hochzeit mit dem Quintilius in erster Linie zu dessen Familie.


    "Das....das ist mir entsetzlich peinlich. Entschuldigt bitte diesen Auftritt, ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll."

    "Ich würde Adula niemals für eine solche Veranstaltung hergeben." sagte Serrana kopfschüttelnd. "Vielleicht hätte sie mit ihren Riesenkräften sogar eine Chance, wenn man sie vorher richtig ausbilden würde, aber trotzdem, nein, niemals..." Ein paar Augenblicke war sie noch ganz in der unerfreulichen Vorstellung einer vor tausenden von Menschen kämpfenden Adula gefangen, dann wurde ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Tischgespräch gelenkt. Der Aurelius bat Flora, in Anbetracht der Umstände auf einen Besuch bei Flavius Flaccus zu verzichten, was Serrana voll und ganz nachvollziehen konnte. Und Flora...ging darüber einfach hinweg und kündigte stattdessen an, sich um Prisca als Anstandsdame zu kümmern. Serrana riss überrascht die Augen auf und sah dann neugierig zwischen den beiden Männern und Flora hin und her, ausgesprochen gespannt vor allem auf die jeweilige Reaktion der ersteren beiden.

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    Adula



    Adulas Entspannung wich einer leichten Verwirrung und ließ sie ihre Stirn runzeln. "Auch?" "So allgemein?" Bisher hatte ihr die Unterhaltung mit Baldemar eigentlich recht gut gefallen, obwohl sie nicht allzu gern mehr als notwendigste sprach. Wenn sie es jedoch mal tat, dann eigentlich nur, wenn sich Fragen und damit auch die entsprechenden Antorten in einem bestimmten abgegrenzten und überschaubaren Rahmen bewegten, denn Adula schätzte weder unendliche Themenvielfalt noch unerwartete Wendungen im Rahmen eines Gesprächs besonders. "So allgemein" war da eine der denkbar undankbarsten Formulierungen, mit der man sie konfrontieren konnte. "Der Wein schmeckt gut," brummte sie schließlich, runzelte die Stirn noch ein wenig mehr und zuckte dann mit den Schultern. "Weiß nicht, denke schon." Adula hatte sich noch nie in ihrem Leben bewusst die Frage gestellt, ob sie mit ebendiesem zufrieden war oder nicht. Wozu auch, das hätte ohnehin nichts geändert. Sicher, es gab Momente, in denen sie sich entspannter, besser gelaunt oder im ungünstigen Fall ärgerlicher oder aggressiver fühlte als in anderen, aber das nahm sie nur am Rande und nicht wirklich bewusst wahr, geschweige denn, dass sich darüber Gedanken machte. Adula lebte ganz und gar in der Gegenwart, deren Herausforderungen sie sich einfach jeden Tag aufs neue stellte, Vergangenheit und Zukunft dagegen besaßen in ihrem täglichen Denken und Fühlen nur einen minimalen Stellenwert. Die große Sklavin beschloss, dass es an der Zeit war, den Germanen auf andere Gedanken zu bringen, bevor seine eigenen zu sehr ins Philosophische abglitten, leerte ihren Becher bis auf den letzten Tropfen und wies mit dem Kopf dann auf den Krug in seiner Hand. "Wollen wir neuen holen? In der Stadt?" Adula verfügte als Sklavin natürlich über keine Reichtümer, aber die Iunia steckte ihr immer wieder mal ein paar Münzen zu, die für einen neuen Krug Wein allemal reichen würden.

    Serrana warf einen zweifelnden Blick auf das von ihrem Bauch immer noch deutlich gewölbte Laken und seufzte dann. "Ehrlich gesagt bin ich doch sehr froh, dass sie jetzt nicht mehr in mir drin sind, ich konnte mich am Schluss ja kaum noch bewegen. Hoffentlich geht das alles irgendwann auch wieder weg, ich möchte endlich wieder schöne Kleider tragen und mich nicht mehr fühlen wie ein Mehlsack..." Diese kurz aber heftig aufgeflammte Eitelkeit wich jedoch bald einer warmen Welle von Zuneigung und Stolz, als sie Sedulus dabei betrachtete, wie er Victorius hielt. Ein großer Germanicus und ein ganz kleiner, und trotzdem schienen sie perfekt zueinander zu passen...
    Serrana wartete, bis der kleine Junge wieder in ihrem Arm lag und hob dann den anderen Arm mit ihrer Tochter leicht an. "Quintus, ich glaube, die kleine Dame hier möchte ihren Vater auch gern kennenlernen."

    "Das mag ja sein, aber sicher ist nun mal sicher." antwortete Serrana prompt, das Grinsen ihres Ehemanns geflissentlich übersehend. "Ich hab der Göttin viel zu verdanken, daher möchte ich, dass alles so perfekt wie möglich ist.." Auf Sedulus' Frage hin sah sie ihn einen Moment lang leicht verwirrt an, nickte dann jedoch.


    "Natürlich meine ich den Tempel, alle Tempel natürlich, wir haben ja schließlich gerade erst angefangen. Selbstverständlich freue ich mich auch sehr, wieder hier in Rom zu sein, aber das hier, das ist doch schließlich etwas ganz besonderes, findest du nicht? Diese ganze Atmossphäre, die Gläubigen, der Weihrauch, die Gebete, hach, das hat mir so gefehlt..." Mit einem Lächeln ergriff sie die Hand ihres Mannes und hielt diese fest. "Quintus, ich weiß, dass das bei dir nicht so ist, und das ist auch in Ordnung so. Wichtig ist nur, dass wir gemeinsam hier sind, um uns bei der großen Göttin für die Geburt unserer Kinder zu bedanken."

    "Nun, ich hätte auf jeden Fall nichts dagegen." entgegnete Serrana und musste automatisch mitlächeln, so sehr strahlte ihr Gegenüber in diesem Moment. Ob Aculeos Gefühle für seine Scriba wohl über reine Sympathie hinausgingen? Wundern würde sie das angesichts seines Verhaltens auf jeden Fall nicht. Serrana bekam keine weitere Gelegenheit, über diese Frage nachzudenken, denn über der Kline ihrer Großmutter schien sich plötzlich in Windeseile eine riesige schwarze Wolke zusammenzuballen um sich dann über dem jungen Germanicus zu entladen. Bei den ersten Sätzen bemühte Serrana sich noch, ein möglichst unbeteiligtes Gesicht aufzusetzen und nicht auf das Gesagte zu achten, aber spätestens bei den Worten "küssen" "halbnackt" und "beglücken" klappte das beim besten Willen nicht mehr. Hingerissen zwischen Faszination, Mitleid, peinlicher Berührtheit und schlichter Neugier sah sie eine ganze Weile zwischen Aculeo und ihrer Großmutter hin und her, bis sie sich endlich wieder ihrer Pflichten als Gastgeberin bewusst wurde und ein vernehmliches Räuspern hören ließ.


    "Ähem, vielleicht sollten wir jetzt mal mit dem Essen beginnen, was meint ihr?" sagte sie dann mit betont munterem Unterton und wandte sich dann Calvena zu, der sie einen hilfesuchenden Blick zuwarf. "So viel Schnee? Wirklich? Ich kann mir das gar nicht vorstellen, werden denn dann die Häuser überhaupt richtig warm?"

    Auch Serrana starrte der davoneilenden Romana mit einer Mischung aus Verwirrung und Enttäuschung hinterher, bevor sie sich wieder Prisca zuwandte und den Kopf schüttelte. Die Vestalin strahlte sonst immer so eine unglaubliche Ruhe und Souveränität aus, und dieses hektische Verhalten schien so gar nicht zu ihr zu passen. "Ich weiß auch nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas mit dir zu tun hat, Prisca. Vielleicht hat sie einfach nur viel zu viel zu tun..." Ein letzter bedauernder Blick zum Ausgang hin, dann war Serrana gebührend damit abgelenkt, ihre kleine Tochter wieder in Empfang zu nehmen. "Danke, dass du das sagst." Ich finde sie auch wundervoll, aber tut wohl jede Mutter. Und warte nur ab, Prisca, nächstes Jahr um diese Zeit hast du sicher auch ein Baby im Arm, um das dich jeder beneiden wird." Serrana zwinkerte der Aurelia zu und beugte sich dann ein Stückchen ihrer kleinen Tochter entgegen, deren Aufmerksamkeit jedoch offenbar von etwas anderem abgelenkt wurde, und die kleine gutgelaunte Gluckser von sich gab.


    "Na, hast du dich bei Prisca auch benommen, Vina?" wisperte sie leise und streichelte sanft die Wange des Babys, als ihr plötzlich etwas glitzerndes in dessen winziger Faust auffiel. Den wütenden Protestschrei ihrer Tochter ignorierend zog sie daran und hielt Sekunden später einen goldenen Adler an einer ebenso goldenen Kette in der Hand, den Prisca vor nicht allzu langer Zeit noch um den Hals getragen hatte. "Oje, Prisca, das ist aber unangenehm, ich hoffe, Vina hat die Kette nicht kaputt gemacht. Sie hat nämlich mehr Kraft, als man ihr auf den ersten Blick zutraut." Ganz wie die Urgroßmutter, wenn sie so darüber nachdachte, hoffentlich galt das alte Sprichwort "nomen est omen" im Falle der beiden Laevinas nicht auch in anderen Bereichen...

    Serrana seufzte leise und nickte dann. "Ja, vermutlich hast du recht. Dieser Augenblick ist viel zu schön, um ihn mit Streitereien zu verbringen. Am liebsten würde ich ewig hier liegenbleiben und mir die beiden Kleinen anschauen...." Ihr Blick ging zum vermutlich hundersten Mal zwischen den beiden Köpfchen hin und her, dann schüttelte sie langsam den Kopf. "Weisst du, Quintus, irgendwie kann ich immer noch nicht ganz begreifen, dass ich jetzt zwei Kinder habe. Gleich zwei Stück auf einmal...Und weisst du, was das Seltsamste ist? All die Monate seit unserer Hochzeit hab ich so furchtbare Angst vor dieser Geburt gehabt, und heute bin ich überhaupt nicht dazu gekommen, Angst zu bekommen, weil es so furchtbar weh getan hat. Kaum zu glauben, wo die Beiden doch so winzig und federleicht sind.."

    "Die Tugenden? Oh, von denen gibt es eine ganze Menge." entgegnete Serrana erfreut, dass Roxane sich ausgerechnet für diese interessierte und machte eine ausholende Handbewegung. "Also, viele dieser Virtutes sind persönlicher Natur, und jeder von uns sollte danach streben, sie in seinem täglichen Leben auszuleben. Geistige Stärke und Pflichtgefühl zum Beispiel, oder Ehrlichkeit und Mut. Und dann gibt es natürlich auch Tugenden, die für die ganze Gesellschaft, also die Gemeinschaft aller Römer gelten. Harmonie und Gerechtigkeit, aber natürlich auch Freiheit, Sicherheit und Friede. Und die meisten dieser öffentlichen Tugenden werden natürlich nur durch die Einhaltung der privaten ermöglich, daher sind wir alle, also ähm wir Römer dafür verantwortlich, dass die Gesellschaft so gut wie möglich funktioniert." Das war ja gerade nochmal gutgegangen, nicht dass Roxane jetzt vermutete, Serrana wollte ihr irgendwelche Verhaltensmuster vorschreiben. Lange über diesen Gedanken nachdenken konnte sie jedoch nicht, denn die nächsten Ausführungen der jungen Frau ihr gegenüber lenkten Serranas komplette Aufmerksamkeit auf sich.
    Monotheismus, ja der Gedanke, nur einen einzigen Gott anzubeten, war der Iunia bekannt, wenn auch in ihren Augen völlig abstrus. Aber das, was dann kam...
    "Wie meinst du das, jemand büßt für die Sünden eines anderen? Das macht doch gar keinen Sinn..." Serranas Stirnfalten vertieften sich. "Wenn ich etwas tue, was den Göttern missfällt, und sie zeigen mir das in irgendeiner Form, dann bringe ich ein Sühneopfer dar oder versuche, sie mir auf andere Weise wieder gewogen zu machen. Wie sollte das ein anderer für mich tun? Und wieso am Kreuz? Das ist eine Strafe für Sklaven, was für eine Macht sollte ein Sklave denn haben, irgendetwas zu ändern, selbst wenn er das wollte?" Nein, Serrana hatte keine wirkliche Ahnung von den Lehren der Christianer, und Roxanes Worte irritierten sie ungemein, fesselten sie aber dennoch oder auch gerade deshalb.

    "Oh, das wäre aber doch nicht nötig gewesen. Vielen Dank euch beiden." Serrana griff mit leuchtenden Augen nach dem Gürtel und fuhr vorsichtig mit den Fingern das geflochtene Muster nach."Ein wunderschönes Stück, jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wann und wozu ich es am besten tragen kann. Ob das Leder wohl zu meinem blauen Kleid passt? Das würde sicher schön aussehen...Ähm, zu dem dunkelblauen natürlich, nicht zu dem hellblauen, du weisst schon, Quintus." beeilte sie sich dann mit vor Verlegenheit schlagartig dunkelrot verfärbten Ohren zu sagen, obwohl mit Ausnahme ihres Ehemannes ohnehin niemand diese Bemerkung in irgendeiner Weise würde missverstehen können.


    Serrana ließ sich schnell an Sedulus' Seite nieder und griff dankbar den Themenwechsel auf. "Ähm ja, zumindest sind sie kurz davor, und dann werden sie sicher die nächsten Stunden verschlafen." griff Serrana zu einer besucher- und vor allem großmutterfreundlichen Notlüge und erwiderte das Lächeln ihres Mannes, bevor sie sich die Hände wusch und nach einem Kelch mit verdünntem Wein griff. Das augenblicklich im Kinderzimmer vorherrschende Gebrüll hatte vermutlich wenig mit erholsamen Schlaf gemein, aber schließlich hatte die Amme dieses Fiasko mit ihrer eifersüchtigen Meckerei selbst verschuldet, also sollte sie auch sehen, wie sie es wieder beendet bekam.


    "Ja, ich habe mit Roxane geredet, Aculeo, es war ein wirklich interessantes und spannendes Gespräch für uns beide." sagte sie dann an den Verwandten ihres Mannes gewandt. "Ich weiß nicht, ob ich wirklich all ihre Fragen zu ihrer Zufriedenheit beantworten konnte, aber wir haben uns in jedem Fall gut unterhalten und werden das sicher auch noch einmal bei Gelegenheit wiederholen." Dass es bei besagter Unterhaltung in der Bibliothek unter anderem auch um die Christianer und deren Sekte gegagen war, ließ Serrana lieber unter den Tisch fallen, denn auch auf dieses Thema reagierte ihre Großmutter erfahrungsgemäß recht unwirsch. Kein Wunder, denn wenn das weniger, das Serrana mittlerweile über diese Christianer wusste, stimmte, dann hatte die alte Germanica mit denen so viel gemein wie ein wilder Wolf mit einem friedlich mümmelnden Kaninchen.


    "Erzählt doch mal ein bisschen von Germanien, wie habt ihr dort denn gelebt, wenn Valerian bei seinen Soldaten war?"