Beiträge von Iunia Serrana

    Auf Gadatas' Meldung hin hatte Serrana ihre Tochter automatisch noch ein wenig fester umklammert, als bestünde die realistische Gefahr, dass sich die kleine Laevina ebenso in Luft auflösen könnte wie ihre große Schwester. Nachdem sie sich ein paar Sekunden vergeblich im Atrium nach dem Kindermädchen ihrer Stieftochter umgesehen hatte, wandte sie sich schließlich zunehmend nervös an ihre eigene Leibsklavin.


    "Adula, geh bitte und bring Bia her. Und mach schnell, wir wollen bei der Suche keine Zeit verlieren." Ein kleines Mädchen ohne den Hauch einer Aufsicht und mutterseelenallein mitten in Rom, du liebe Güte...


    Adula nickte und machte sich ohne weitere Kommentare oder Nachfragen auf die Suche, auf dem Arm weiterhin den kleinen Victorius, der erfreut aufjuchzte, als die riesige Sklavin sich so plötzlich in Bewegung setzte.

    "Passt bloß mit den Körben und den Amphoren auf, nicht, dass irgendetwas davon auf den Boden fällt..." sagte Serrana zum gefühlten zehnten Mal an Adula und die beiden anderen Sklaven gewandt, die Sedulus und sie an diesem Tag zum Tempel der Iuno Lucina begleitet hatten. Serranas Leibsklavin blieb, wie fast immer, auf diese Anmerkung stumm, doch von einem der anderen beiden vollbepackten Sklaven kaum ein leises aber kaum zu überhörendes Seufzen.
    Immerhin trugen sie die Unmengen an Blumen, Früchten und Kuchen jetzt schon seit geraumer Zeit durch die Gegend, dabei stets von den Argusaugen der Herrin überwacht und ihren wohlmeinenden Ratschlägen und Ermanungen begleitet, was die anstrengende Schlepperei nicht wirklich angenehmer gemacht hatte.
    Während Serrana am Eingang des Tempels aus ihren Sandalen schlüpfte und sich am steinernen Becken für das anstehnende Opfer sorgsam reinigte, nutzten die beiden männlichen Sklaven die Gelegenheit, ihre Last für einen Moment abzustellen und die Glieder ein wenig auszustrecken. Nur Adula blieb unbweglich mit ihrem Teil der Opfergaben auf den Armen stehen und fixierte scheinbar vollkommen unbeeindruckt irgendeinen Punkt im Innern der Anlage.
    Von all dem bekam Serrana rein gar nichts mit, sie war viel zu aufgeregt, dass sie jetzt endlich, endlich wieder opfern und auch an den sonstigen religiösen Handlungen teilnehmen konnte, die ihr während ihrer Schwangerschaft verwehrt gewesen waren.


    "Ist es nicht wundervoll? Ich hatte fast vergessen, wie wundervoll es doch ist..." sagte sie leise, sog geniesserisch den Duft des Weihrauchs ein, der überall im Tempel in der Luft lag und konnte es sich nur mit Mühe verkneifen, sich wie ein kleines Mädchen mit ausgebreiteten Armen um die eigene Achse zu drehen. Einen kleinen Augenblck wollte sie diese besondere Stimmung noch genießen, bevor sie vor dem Kultbild der Göttin mit ihrem Dankopfer begann.

    Serrana blieb der Mund offen stehen, während sie Sabinas Abgang beobachtete. Und ihr anschließender Blick auf ihren offenbar deutlich weniger geschockten Ehemann trug nicht gerade dazu bei, ihre augenblickliche Fassungslosigkeit zu mildern.


    "Wie....? Was....? Oh, nein....nein, ganz sicher nicht. Ich glaub, ich wäre als Kind ganz oft lieber freiwillig zu den Barbaren gegangen, wenn ich Großmutter dadurch hätte entkommen können. " murmelte sie etwas abwesend und sah dann noch einmal von Sedulus zur Tür und wieder zurück. "Lässt du Sabina jetzt einfach so gehen? Sie war doch furchtbar frech und respektlos, so hab ich sie ja noch nie erlebt."

    Nur wenige Sekunden nach Aculeo betrat auch Serrana ein wenig abgehetzt das Triclinium. Im Zimmer der Zwillinge herrschten im Augenblick kriegsähnliche Zustände, nachdem sich die Amme lautstark über die ständige Anwesenheit von Adula aufgeregt hatte. Adula hatte das Gezeter stillschweigend über sich ergehen lassen, dann aber mit den Schultern gezuckt und das Cubiculum verlassen, woraufhin Victorius zu schreien angefangen und seine Schwester schließlich in ebenso beeindruckender Weise mit eingestimmt hatte. Minutenlang hatte Serrana in dem Krach ausgehalten, dann jedoch entnervt aufgegeben und die Amme ihrem Schicksal überlassen. Inzwischen dröhnte ihr der Kopf und die Sehnsucht nach Stille war schier übermächtig, aber die Aussicht auf einen gemeinsamen Abend mit ihrer Freundin und deren Mann sorgte dann doch dafür, dass Serrana sich am Riemen riss.
    Und der Anblick ihrer versammelten Familie trug dann auch recht schnell dazu bei, dass sich ihre Laune wieder erheblich steigerte.


    "Salvete, wie ich sehe, sind schon alle versammelt." sagte sie mit einem erfreuten Lächeln in die Runde und nickte zum Schluss der alten Germanica zu. "Großmutter, danke, dass du dich um diese Cena gekümmert hast."

    "Oh, ihr Götter, ich hoffe so sehr, dass die Götter und vor allem Diana sich wieder besänftigen lassen. Es wird sicher gut gehen, was meinst du?" wisperte Serrana ihrer Freundin zu und wippte wie diese ebenfalls auf den Fußspitzen auf und ab, allerdings mehr aus Nervsosität denn aus Neugier.
    Und dennoch, aller Nervosität und Aufregung zum Trotz, genoss sie es unglaublich, endlich wieder ein Teil des Cultus Deorum und in diesem Moment im Priesterinnnenornat an diesem Ort zu sein, an dem diese für das weitere Wohlergehen Roms so wichtige Zeremonie stattfinden würde.
    Als der Rex Sacrorum schließlich seine Stimme erhob, hing Serrana daher förmlich an seinen Lippen, nickte automatisch das eine oder andere Mal und sah dann anschließend neugierig und abwartend zu den Iudices hinüber.

    Für Prisca schien es wirklich traurig zu sein, dass ihre Cousine nicht in ihrer Nähe lebte, zumindest erweckte sie bei Serrana diesen Eindruck. Was für eine Ironie, denn deren Cousine lebte durchaus in Rom, dennoch hatte Serrana sich seit ihrer Rückkehr höchst erfolgreich vor einem erneuten Treffen mit Axilla gedrückt. Dabei wäre es eigentlich das Selbstverständlichste auf der Welt, in der Casa Iunia vorbeizugehen, sich nach Axillas und Senecas Befinden zu erkundigen und die beiden über die Geburt ihrer Kinder zu informieren. Serrana schob diesen Gedanken kurzentschlossen so gut es ging wieder beiseite, was dank Romanas Ankunft auch recht problemlos gelang und strahlte noch ein bisschen mehr, als diese ihre Namenswahl lobte. Nicht auszudenken, wenn der Claudia die Namen der Babys nicht gefallen hätten...Nur einen kurzen Augenblick später wich das breite Strahlen jedoch Verwirrung.


    "Du musst direkt schon wieder gehen? Oh, wie schade....ich hatte gehofft, wir könnten noch ein bisschen....aber deine Pflichten als Vestalin gehen natürlich vor." Zumindest bei Serrana hatte die Claudia mit ihrem Hinweis auf ihre priesterlichen Pflichten auf den richtigen Knopf gedrückt, sie war zwar mehr als enttäuscht, bemühte sich aber, so gut es ging, sich nicht allzu viel von ihrer Entäuschung anmerken zu lassen.

    Sie hatte keine LUST dazu? Die Fassungslosigkeit, mit der Serrana ihre Stieftochter nun betrachtete war so groß, dass sie sogar den aufkeimenden Ärger wegen der pampigen Reaktion Sabinas überlagerte. Allein die Vorstellung, sie selbst hätte als Kind derart auf eine Anweisung ihres Großvaters oder ihrer Großmutter reagiert ,war schon abschreckend, Serrana sah förmlich die Hand der alten Germanica aus dem Nichts auf sich zurasen und mit einem höchst schmerzhaften Klatschen auf ihrer Wange landen. In dieser Hinsicht war Sabina bislang offenbar durch eine wesentlich angenehmere Schule gegangen, sonst hätte sie garantiert nicht derart dreist reagiert. "Ob du Lust darauf hast oder nicht, ist in diesem Fall überhaupt nicht wichtig." sagte sie dann schon deutlich weniger milde gestimmt. "Wir haben alle unsere Pflichten zu erfüllen, da machst du keine Ausnahme, auch wenn du noch ein Kind bist. Und wenn du eine derart großzügige Geste von deinem Onkel erwartest, dann gehört es sich doch wohl, dass du auch etwas dazu beiträgst, meinst du nicht auch?."

    "Großmutter ist der Meinung, dass sie die Casa Germanica davor bewahren muss, im absoluten Chaos zu versinken, jetzt, wo wir alle wieder daheim sind." Serrana zuckte ein wenig entschuldigend mit den Schultern. " Daher ist sie daheim geblieben und will alles wieder auf Vordermann bringen. Ich störe sie dabei wohl eher als ich behilflich bin, zumindest hab ich sie so verstanden. Naja, soll mir recht sein..." Serranas Stimme war immer noch ein wenig Unmut anzumerken, doch mit der hilflosen Wut früherer Tage hatte das nichts mehr zu tun. Die erfolgreich überstandene Geburt der Zwillinge hatte Serranas Selbstbewusstsein einen unerwarteten Aufschwung und wesentlich mehr Gelassenheit verpasst, und das wirkte sich endlich auch im Zusammenleben mit ihrer kritikfreudigen Großmutter aus. "Oh, da fällt mir ein, Großmutter hat mich auch gebeten, Valerian und dich zu einer Cena in die Casa Germanica einzuladen. Sie würde es natürlich nie zugeben, aber ich bin mir sicher, dass sie neugierig auf euren Sohn ist. Dann kannst du dir den Höflichkeitsbesuch bei ihr vielleicht sparen, es sei denn, du möchtest unbedingt..." Serrana kicherte erneut und knuffte die Freundin scherzhaft in die Seite.
    "Deine Cousine heißt auch Laevina? Lebt sie auch hier in Rom?" fragte sie Prisca dann aufrichtig überrascht, denn vor der Geburt ihrer Tochter hatte sie diesen Namen ausschließlich mit rabiaten älteren Damen in Verbindung gebracht. "Dann passt es sicher auch am besten, wenn Vina einen Moment zu dir kommt." Serrana fuhr ihrer Tochter noch einmal sanft durch den immer dichter werdenden dunklen Haarflaum und legte sie dann vorsichtig Prisca in den Arm, nur um Sekunden später herumzufahren.


    "Romana, bei den Göttern, wie wundervoll!" Selig ließ sich Serrana die Küsschen der Vestalin gefallen, hätte sich jedoch eigentlich am liebsten mit Inbrunst an den weißen Stoff ihres Ornats gedrückt, wie seinerzeit im Atrium Vestae, als sie Romana unter Stocken und Stammeln von ihrer Schwangerschaft und ihren diesbezüglichen Ängsten berichtet hatte. Schon damals hatte die Vestalin in den Augen der frommen Serrana aufgrund ihrer Berufung einen besonderen Stellenwert besessen, doch das war kein Vergleich zu der Begeisterung und unverstellten Schwärmerei und Verehrung, die der Claudia in diesem Moment von Seiten der Iunia entgegen schwappten. Romana hatte erkannt, dass die Götter Serrana nicht wohlgesonnen waren, hatte die richtigen Maßnahmen erkannt, um das unsterbliche Wohlwollen wieder herzustellen und dann auch noch unermüdlich bei der Umsetzung geholfen. Die Götter hatten schließlich ein Einsehen gehabt, und Serrana gegen ihren ursprünglichen Willen am Leben gelassen, und das war ausschließlich Romanas Verdienst, zumindest sah die glücklich Verschonte das so. "Die kleine Dame auf Priscas Arm ist Laevina, und da drüben ist Victorius." erklärte sie dann stolz, Romana weiterhin wie eine göttliche Manifestation anstrahlend.

    Serrana hatte rein instinktiv sofort den Mund geöffnet, um ihrem Mann einen Vortrag darüber zu halten, dass, zumindest in ihren Augen, alle Götter wichtig waren, hielt dann jedoch in letzter Sekunde inne und beschränkte sich auf ein Nicken. Vor ein paar Stunden hatte sie noch nicht einmal damit gerechnet, mit Sedulus auch nur einen gemeinsamen Tempel-Besuch zu machen, und diese Gelegenheit wollte sie lieber nicht durch Sturheit gefährden. Ganz abgesehen davon, dass sie vor ein paar Stunden auch alles andere als sicher gewesen war, dass sie jemals wieder die Gelegenheit für ein Opfer bekommen würde.


    "Wir können das Opfer sicher so legen, dass es mit deinen übrigenTerminen keine Probleme gibt." sagte sie nach kurzem Nachdenken. "Natürlich könnten wir auch versuchen, hier in der Nähe ein passendes Heiligtum zu finden, aber ich würde es lieber in Rom tun, die Tempel dort sind viel schöner und größer...Bald kann ich endlich wieder mein Priesterinnen-Gewand anziehen, ich kann es kaum glauben." Serrana stieß ein wohliges und freudiges Seufzen aus und wandte ihre Aufmerksamkeit dann wieder Sabina und deren noch nicht erworbenen Fohlen zu.


    "Ein richtiger selbstgeschriebener Brief? Meinst du denn, du würdest das schaffen, Sabina? Dein Onkel Avarus würde sich sicher darüber freuen, da bin ich mir sicher." Bei dieser Gelegenheit fiel Serrana ein, dass sie auch ihrer Großmutter nun endlich mal würde schreiben müssen, und ihr nächstes Seufzen fiel schon deutlich weniger wohlig aus. Ein Weilchen würde die Schonfrist nach der Geburt noch weitergehen, doch der Tag an dem die nun etwas angewachsene kleine Familie nach Rom und damit in die Höhle des Löwen (oder besser gesagt, der Löwin) zurückkehren würde, rückte immer näher.

    "Rufus...ein schöner Name, er passt irgendwie zu dem kleinen Mann." Ich finde, er sieht dir auch ziemlich ähnlich." Serrana strich Calvenas Sohn leicht mit der Hand über die Wange und lächelte ihm hinterher, als er sich auf dem Arm eines Sklavenjungen ein bisschen von ihnen entfernte. "Großmutter und sich freuen? Ich glaub, die weiß gar nicht, wie das geht..." antwortete sie dann mit einem kleinen Seufzer. "Überrascht war sie auf jeden Fall, ich kann mich nicht erinnern, sie vorher schonmal derartig sprachlos gesehen zu haben. Allein dafür hat es sich schon gelohnt." Der Seufzer ging in ein leises Kichern über und dieses wiederum in einen unterdrückten Schmerzenslaut als ihre Tochter mit erstaunlicher Zielsicherheit nach einem von Serranas langen Ohringen griff und freudig daran zog. Gerade als sie es geschafft hatte, ihren Schmuck aus der energischen Babyhand zu befreien, erklang plötzlich eine weitere bekannte Stimme im Tablinum. "Prisca, wie schön, dich endlich wiederzusehen." Serrana erhob sich von ihrem Sessel und erwiderte die Umarmung der Aurelia so gut es ging. Deren Kompliment ging ihr runter wie Öl, denn Serrana hatte in den letzten Monaten zunehmend unter ihrem auffallend dicken Babybauch und den chronisch angeschwollenen Gliedmaßen gelitten und sich von Tag zu Tag plumper und hässlicher gefühlt.
    Mittlerweile hatte ihr Körper erfreulicherweise einen Großteil seiner ursprünglichen Zierlichkeit zurückgewonnen, auch wenn ihre Gliedmaßen ein wenig rundlicher und nicht mehr ganz so mädchenhaft wirkten. "Du musst uns unbedingt alles von deiner Hochzeit erzählen, ich wäre so gern dabei gewesen. Und von deinem Ehemann natürlich..." Reifer oder nicht, an dieser Stelle fing Serrana erneut an zu kichern und zwinkerte Prisca zu, bevor sie sich daran machte, der Aurelia ihre Kinder zu präsentieren. "Vielleicht hat Calvena dir ja schon erzählt, dass ich Zwillinge bekommen habe. Das hier ist meine Tochter, ihr Name ist Laevina. Und mein Sohn Victorius ist dort drüben bei meiner Leibsklavin Adula. Vielleicht erinnerst du dich noch von den Ludi an sie, Prisca. Sie hat damals zusammen mit Calvenas Leibwächter den wildgewordenen Bären festgehalten."

    "Oh, wie wundervoll! Am besten fange ich direkt an, mir eine geeignete Reihenfolge zu überlegen, damit sich keine der Gottheiten versehentlich übergangen fühlt..." Serrana war von der Aussicht, ihren nur mässig frommen Ehemann mit zu einer ausgedehnten Opferprozedur zu nehmen, derart entzückt und elektrisiert, dass sie sich nur mit Mühe wieder auf das andere Thema konzentrieren konnte. Sedulus hatte natürlich recht, aber das war vermutlich kein Argument, das ein Mädchen ihres Alters überzeugen konnte, das sich schon seit geraumer Zeit auf etwas bestimmtes freute.


    "Weißt du denn genaueres, wann dein Onkel Avarus nach Rom zurückkehren wird? Falls er noch länger fortbleiben sollte, könnten wir ihm doch vielleicht einen Brief schreiben, dass er kein Fohlen mehr mitbringen muss. Vielleicht gibt es hier auf dem Landgut ja auch gar kein Jungtier, das in Frage kommt, aber nachschauen schadet schließlich nicht." Serranas Blick ging von Sedulus hinunter zu ihrer Stieftochter.
    "Was meinst du, Sabina? Ich denke auch, dass ein Fohlen mehr als genug ist, aber möchtest du lieber auf deinen Großonkel Avarus warten oder dich hier bei Septima umschauen?"

    "Adula ist kein Trampel, und sie ist genauso gesund wie wir alle!" fauchte Serrana, der jetzt schließlich doch der Kragen platzte und die sich nur deshalb noch halbwegs am Riemen riss, weil ihre Freundin Septima jeden Augenblick das Atrium betreten konnte und diese vor familärem Gekeife, wie es im Umgang mit Laevina schier unvermeidlich war, nach Möglichkeit verschont werden sollte. Aber immerhin bot sich auf diese Weise auch eine Möglichkeit, das Gesprächsthema wieder in neutrale Gewässer zurück zu steuern.
    "Hast du für Tiberia Septima und ihren Sohn Gästeräume vorbereiten lassen? Die beiden sind nach der Reise sicher müde, und werden sich ausruhen wollen. Für die aurelischen Sklaven müsste in unseren Sklavenquartieren ja Platz genug sein."

    "Wir? Heisst das, du kommst mit in den Tempel und wir opfern gemeinsam? Oh...." Hätte Serrana nicht in jedem Arm einen Säugling gehalten, dann hätte sie in diesem Moment vermutlich voller Entzücken in die Hände geklatscht. Für einen Großteil ihrer römischen Geschlechtsgenossinnen gab es vermutlich nicht schöneres, als mit ihrem Ehemann an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen oder mit seinem Geld einzukaufen. Serrana dagegen liebte es, zusammen mit Sedulus einen oder besser noch gleich mehrere Tempel zu besuchen, vermutlich weil dieser sich nach Möglichkeit davor drückte und die entsprechenden Gelegenheiten mehr als rar gesät waren.
    "Ich möchte auch gern wieder nach Rom zurück." sagte sie dann wahrheitsgemäß. "Es war schön in Mantua, bis diese schreckliche Krankheit ausgebrochen ist, aber Rom ist doch was anderes, und Sabina ist nicht die einzige, die ihre Freundinnen vermisst..." Serrana zwinkerte ihrer Stieftochter kurz zu, dann fiel ihr plötzlich ein Versprechen ein, das sie dieser vor einigen Tagen gegeben hatte.
    "Quintus, du erinnerst dich doch sicher noch daran, dass dein Onkel und du Sabina in Germanien ein Fohlen aussuchen wolltet. Könnten wir das nicht hier erledigen, bevor wir wieder nach Rom zurückkehren? Septima soll ganz wundervolle Pferde hier auf ihrem Landgut haben, vielleicht ist ja was passendes dabei."

    Und wieder fiel es Serrana recht schwer, sich nichts von ihren augenblicklichen Gefühlen anmerken zu lassen, auch wenn es diesmal Erleichterung und damit etwas positives war.
    "Ja, das bin ich auch. Hauptsache, die beiden sind gesund und munter." reagierte sie daher schnell auf Sedulus' Bemerkung, bevor Sabina es sich noch einmal anders überlegen konnte. Noch während sie die letzten Worte aussprach, spürte Serrana, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen und blinzelte in dem vergeblichen Versuch diese zurückzudrängen. "Oh, Quintus, ich bin den Göttern so dankbar, dass sie bei der Geburt die Hand schützend über die Kinder und mich gehalten haben. Dabei war ich all die Monate so sicher, dass ich ...." Ein Blick auf Sabina und Serrana hielt mit einem kleinen Schniefen inne und schüttelte dann betont munter den Kopf. "Und es wird schon alles gut gehen auf der Reise, jetzt können wir es ja langsam angehen lassen und müssen nicht mehr so hetzen wie auf dem Weg von Mantua hierher..."

    "Calvena!" juchzte Serrana ein wenig undamenhaft laut, als sie die wohlbekannte Stimme erkannte und flog dieser dann entgegen. Da sie maximal eine Hand erübrigen konnte, streichelte sie in Ermangelung einer Umarmung den freien Oberarm der Freundin und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Endlich wieder ein Moment, in dem sie einfach nur das junge Mädchen sein konnte, das sie nach wie vor noch war, und keine ehrwürdige und respektable Ehefrau und Mutter. "Ich freu mich auch unglaublich, meine Güte, hab ich lange auf diesen Augenblick gewartet. Gut siehst du aus." Serranas Blick blieb einen Moment lang anerkennend auf Gestalt und Gesicht ihrer Freundin liegen dann wanderte er zu dem kleinen Jungen auf Calvenas Arm hinunter und das Lächeln wurde noch ein bisschen breiter. "Götter, dein Sohn ist ja schon richtig groß. Wie habt ihr denn genannt?" Serranas Hand glitt von dem Arm der Freundin zum kurzen Haarflaum von dessen Sohn, durch den sie sanft mit den Fingern fuhr, während sie für einen Moment wieder ernst wurde. "Wenn ich ehrlich bin, hab ich nie damit gerechnet, dass wir irgendwann so beieinander stehen würden. Gehofft ja, aber nicht wirklich daran geglaubt. Umso dankbarer bin ich den Göttern natürlich..." Serrana ließ ein kleines Seufzen hören, dann räusperte sie sich verlegen. "Oh, und ich hab dir doch damals in einem Brief versprochen, dass ich dir jemanden vorstellen werde, wenn wir uns wiedersehen werden. Also, der kleine Mann dahinten auf Adulas Arm, ist dein Cousin Victorius, und das hier ist Vina". Serrana gab ihrer Tochter einen kleinen Kuss und drehte sich dann so, dass ihre Freundin sie besser sehen konnte. "Naja, eigentlich LAE...vina, aber Sabina hat sich diesen Kosenamen für ihre Schwester einfallen lassen, und mir persönlich gefällt er auch noch ein bisschen besser."

    "Tust du das? Oh..." Absichtlich oder nicht, Sabina hatte bei ihrer Stiefmutter genau den richtigen Knopf gedrückt, denn Serrana bekam sofort ein schlechtes Gewissen, obwohl sie ursprünglich gar nichts mit dem Versprechen ihres Mannes an seine Tochter zu tun gehabt hatte. Da sie jedoch immer besorgt war, Sabina unter Umständen weniger Aufmerksamkeit zu schenken als einem leiblichen Kind, neigte sie dazu bei dieser im Zweifel eher nachgiebig zu reagieren.
    "Ja, ich werde mit deinem Vater sprechen, versprochen. Aber du musst mir dann auch versprechen, dass du zum Üben nur auf Ponys steigst. Machst du das? Mich würde es überhaupt nicht stören, dass die ein bisschen kugelig sind, vermutlich weil ich im Moment selbst so aussehe." Serrana kicherte leise vor sich hin und fragte sich insgeheim, wann sie wohl jemals wieder im Stehen ihre Füße würde sehen können.

    Du liebe Güte, war sie aufgeregt! Ungefähr ein Jahr war es her, da hatte sie ihre beste Freundin vor deren Abreise nach Germanien in diesem Haus zum letzten mal gesehen, und jetzt würden sie endlich wieder aufeinandertreffen. Die kleine Laevina auf dem Arm und gefolgt von Adula und der Amme, war Serrana in der Casa Quintilia eingetroffen und völlig hibbelig hinter dem Ianitor durch die Gänge des Hauses gelaufen. Die Amme schmollte im Gegensatz zur bestgelaunten Iunia, denn wieder einmal hatte Victorius so lange geschrien, bis Adula ihn hochgenommen und den ganzen Weg lang gehalten hatte. Victorius dagegen war jetzt ganz entspannt und sah sich von seinem hochgelegenen Beobachtungsposten neugierig um.
    Endlich im Tablinum angekommen drehte Serrana sich ein paar mal um die eigene Achse und hielt Ausschau nach Calvena, was bei ihrer Tochter ein kleines Glucksen auslöste.

    "Wir haben ja noch einige Tage Zeit, bis wir uns endgültig entscheiden müssen." räumte Serrana, froh darüber, dass Sedulus ihren Vorschlag nicht von vornherein abgelehnt hatte, ein. Ein zweiter Sedulus wäre natürlich auch nicht schlecht, aber irgendwie verband Serrana mit diesem Namen so sehr ihren Mann, dass sie es sich nur schwer vorstellen konnte auch ihren Sohn so zu nennen.
    Mit einem zufriedenen Lächeln gab sie dem noch namenlosen kleinen Germanicus einen Kuss auf die Nase und wollte das gleiche gerade bei ihrer Tochter wiederholen, als sie mitten in der Bewegung erstarrte.
    Paulina? Ausgerechnet? Natürlich war das ein durchaus schöner Name, und ebenso natürlich lag es für Sabina nahe, an ihn zu denken. Das änderte allerdings nichts daran, dass Serrana alles andere als begeistert über diese Idee war und sich sehr bemühen musste, sich nichts davon anmerken zu lassen. Germanica Paulina war ganz ohne Zweifel ein guter Mensch und eine vorbildliche Mutter gewesen und verdiente es, dass man ihren Namen in ehrenvollem Gedächtnis behielt. Aber sie, Serrana, wollte einfach nicht jeden Tag daran erinnert werden, dass vor ihr schon eine andere den Platz als Sedulus' Ehefrau innegehabt hatte, auch wenn das vielleicht kleinlich war. Ihr Blick ging ein paar Mal zwischen ihrem Mann, ihrer Stieftochter und dem kleinen Mädchen in ihrem Arm hin und her, dann fiel ihr endlich etwas ein, das hoffentlich weder Sedulus noch Sabina verärgern würde.


    "Paulina ist ein sehr schöner Name, Sabina. Aber da es der Name deiner Mutter und deshalb etwas ganz besonderes für dich ist, denke ich, dass du ihn vielleicht für deine eigene Tochter aufsparen solltest, findest du nicht?"

    Natürlich war Laevinas Reaktion recht wenig damit zu tun, wie ein x-beliebiger Mitbürger aufrichtige Freude ausdrücken würde, doch Serrana war trotzdem damit zufrieden, denn sie zeigte doch recht deutlich, dass ihre Großmutter unter all der so offen zur Schau gestellten Beherrschtheit und Kälte doch noch das eine oder andere Gefühl verbarg. Für einen Moment rang sie mit sich, ob sie der alten Germanica ihre kleine Namensvetterin einfach in die Arme legen sollte, entschied sich dann aber doch dagegen. Laevina hatte, ihrer unübersehbaren Überraschung zum Trotz, von sich aus immer noch keinerlei Anstalten unternommen, näher an die beiden Kinder heranzutreten, und Serrana zwang sich dazu, diese aufrechterhaltene Distanz zu akzeptieren. Sie selbst hatte dieses Verhalten zwar noch nie verstehen können, aber Laevina war nun einmal Laevina, Gefühls- oder gar Sympathiebekundungen hatten noch nie zu deren Wesen gehört, zumindest nicht, seit Serrana alt genug war, um dieses bewusst wahrzunehmen.
    Als Sedulus die Namen der beiden Kinder erwähnte, hatte sie nur kurz genickt und ihm ein dankbares Lächeln zugeworfen, weil er die Vorstellung übernommen hatte. Das Nicken auf die Frage ihrer Großmutter fiel noch etwas energischer aus, denn sie hatte sofort das Gefühl, ihre Kinder gegen einen unausgesprochenen Vorwurf oder Verdacht verteidigen zu müssen.


    "Oja, allerdings. Den beiden geht es hervorragend. Sie waren bei der Geburt ein wenig klein, aber die Amme sagt, dass der Unterschied zu anderen Babys ihres Alters kaum noch zu sehen ist. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen."