Beiträge von Iunia Serrana

    Als Sedulus sie wieder zu sich zurueck drehte, versteifte sich Serranas Koerper unwillkuerlich, aber sie liess es zu, vielleicht auch, weil sie irgendwo hoffte, dass seine Naehe und Waerme die Kaelte und das Entsetzen in ihrem Inneren ein wenig mildern konnten. Ein Teil von ihr sperrte sich dagegen, ihm die Wahrheit zu sagen, aus Angst, dass sich seine Besorgnis dann vielleicht in Ablehnung oder Verachtung verwandeln koennte, aber dann war der Drang, ihren Gedanken durch das laute Aussprechen zumindest einen Teil ihrer diffusen Bedrohlichkeit zu nehmen, doch zu gross.


    "Es ist passiert, als ich bei ihm im Palast war, um ihn zu unserer Hochzeit einzuladen." begann sie, nachdem sie sich fast ein wenig trotzig die Traenen aus dem Gesicht gerieben hatte. "Ich hab ihn zur Rede gestellt, weil er mit Axilla schon lange vor ihrer Heirat eine Affaire hatte, und das, obwohl sie angeblich nur Freunde waren. Es hat ihn gar nicht interessiert, weisst du, und weil ich mich so geaergert habe, hab ich ihm erzaehlt, dass Axilla im letzten Herbst in einen anderen verliebt war, und der sich viel moralischer verhalten hat als Archias." Serrana schniefte und wischte sich erneut ueber die Augen. "Das war so selbstgerecht und unnoetig,und ich hab mich aufgefuehrt wie ein kleines Kind, aber ich hab wirklich nicht gedacht, dass er derart eifersuechtig auf diesen Mann sein wuerde, das musst du mir einfach glauben." Ganz kurz warf sie einen Blick auf das Gesicht ihres Mannes, dann rollte Serrana sich wieder zusammen, als muesse sie sich vorab bereits gegen seine Reaktion wappnen.

    In Sedulus' erschrockenes Gesicht zu sehen, machte die Sache noch schlimmer, die langsam aber stetig anwachsenden Schuldgefühle noch quälender, als sie ohnehin längst waren. Instinktiv drehte Serrana ihrem Mann den Rücken zu, zog die Beine an den Körper und umfasste mit den Armen fest ihre Knie, so dass sie in der selben Position zu liegen kam wie das ungeborene Kind in ihrem Leib. Einige Augenblicke vergingen, dann kamen die ersten stockenden Worte aus ihr heraus.


    "Ich...ich weiß es nicht genau,...aber...es...es ist möglich. Axilla hat mir erzählt, dass ihr Mann furchtbar eifersüchtig war, und...ich..also ich hab ihm etwas erzählt,...was er vielleicht viel zu wichtig genommen hat. Oh gütige Minerva, ich schäme mich so, und es gibt nichts, was ich jetzt noch tun könnte, um es wieder gut zu machen..."


    Serrana presste ihr vom Weinen erneut verschwollenes Gesicht gegen das Laken auf dem Bett und starrte auf eine der Falten, die sich im Rhythmus ihrer hektischen und unregelmäßigen Atemzüge mit bewegte.

    "Vielen Dank, das ist wirklich sehr großzügig von dir. Du hast dir ohnehin schon soviel Mühe mit mir gemacht." antwortete Serrana, deren Stimme man die Erleichterung deutlich anhören konnte. Die Entschlossenheit, sich dem eigenen Leben endlich allein und möglichst unabhängig von fremder Hilfe zu stellen, wuchs in der Iunia von Minute zu Minute, dennoch beruhigte es sie ungemein, eine so starke Verbündete wie Romana im Hintergrund zu wissen. Eine Verbündete, die Serranas selbsteingenstandene Schwäche nicht aus falsch verstandener Freundlichkeit abstritt, sich auf der anderen Seite aber auch nicht darüber erhob, was in der gegebenen Situation sehr einfach gewesen wäre.


    "Ja, findest du?" Serrana war aufrichtig überrascht, als Romana ihre Haltung als stoisch bezeichnete, doch je länger sie darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr dieser Gedanke, und ihr Gesicht erhellte sich. "Dann gibt es ja vielleicht noch Hoffnug für mich. Es wäre wundervoll, irgendwann einmal den Dingen derart gelassen und ohne jegliche Angst ins Auge sehen zu können, wie es zum Beispiel Seneca getan hat. Wenn ich das schaffen sollte, dann muss ich mir auch keine Gedanken mehr darüber machen, ob mein Kind stolz auf mich stolz sein kann oder nicht." Serrana lächelte jetzt schon deutlich zuversichtlicher als noch vor wenigen Minuten, als ihr auf Romanas letzte Bemerkung hin plötzlich ein Gedanke durch den Kopf ging, und sie eine Weile hin und her überlegte,wie sie diesen am besten in Worte fassen konnte.


    "Romana, ich weiß, dass das nahezu unverschämt ist, nach alldem, was du schon für mich getan hast. Aber...könnte ich dich vielleicht noch um einen einzigen weiteren Gefallen bitte?"

    Serrana atmete erleichtert auf, als Umbricius so bereitwillig auf ihren Themenwechsel einstieg, doch nur wenige Sekunden später färbten sich ihre Wangen dank seiner so lässig hingeworfenen Bemerkung wieder rot und fühlten sich unendlich heiss an. Sie war es nicht gewohnt, von anderen Männern als dem eigenen Komplimente zu bekommen, die über das normale höfliche Maß hinausgingen, stellte jetzt aber zu ihrer Überraschung fest, dass es sich trotz aller Verlegenheit irgendwie gut anfühlte.


    "Ich bin nicht schön." murmelte sie mehr zu sich selbst als an den jungen Germanicus gerichtet und schob jetzt ein paar Haarsträhnen zurecht, nachdem der Faltenwurf ihrer Palla mittlerweile so rein gar nichts mehr zu wünschen übrig ließ. Ein kurzes Räuspern, dann konnte sie sich wieder halbwegs auf seine eigentliche Frage konzentrieren.


    "Oh, da gibt es furchtbar viele Dinge, die dir später mal nützlich sein könnten." sagte sie und legte nachdenklich die Stirn in Falten. "Es kommt ein bisschen darauf an, wofür du dich überhaupt interessierst. Rhetorik wäre sicher empfehlenswert und natürlich Rechtskunde. Oder aber Architektur. Zuerst müsstest du natürlich den allgemeinen Grundkurs machen, damit du später wählen kannst und dich auch zur Wahl stellen, falls du das anstreben solltest."

    Der Gesichtsausdruck des jungen Flaviers wirkte für einen kurzen Moment ein wenig maskenhaft, und auch wenn sein Tonfall eher unbewegt klang, hatte Serrana das Gefühl, dieses Thema lieber ruhen zu lassen und sich lieber auf den Inhalt des Unterrichts zu konzentrieren. Während Flaccus die möglichen Folgen aufzählte, die der gestörte Götterfriede mit sich bringen konnte, spürte sie, wie sich die kleinen Härchen in ihrem Nacken aufstellten und sich eine Gänsehaut auf ihren Armen bildete. Alles was er sagte, war zutreffend, und nichts davon war ihr neu, doch diesmal ging es nicht um theoretische und zum Teil auch abstrakte Unterrichtsinhalte sondern um ihrer aller Realität und Schicksal.


    "Ich wünschte, ich könnte dir widersprechen, aber leider liegen die Dinge genau so, wie du sagst." bestätigte sie mit einem Nicken und seufzte leise auf. "Der Unwillen der Götter kann sich auf vielfältigste Weise manifestieren, und ich fürchte, die Rinderherde, die im heiligen Hain so viele Gläubige getötet hat, war nur der Anfang. Soweit ich weiß, sind bereits einige Schritte von denen du gesprochen hast, in Gang gesetzt worden, und vielleicht werden auch wir beide einen kleinen Beitrag zur Wiederherstellung des Pax Deorum leisten können." Serrana räusperte sich kurz und straffte sich dann ein wenig, denn die bedrückenden Aussichten hatten sich kurzeitig auch in ihrer Körpersprache widergespiegelt.
    "Lass uns davon ausgehen, dass die zuständigen Pontifices und ihre Helfer bald eine Lösung finden, um die dunkle Wolke, die über ganz Italia schwebt, wieder zu vertreiben." fuhr sie fort. "Angenommen, die Götter sind wieder besänftigt, was können und müssen wir Gläubigen tun, damit die Pax Deorum auf lange Sicht erhalten bleibt?"

    Da ich von morgen an bis zum 23.10. erst beruflich und dann privat verreist bin, können in dieser Zeit die Posts von Serrana und ihren Neben-IDs etwas länger als sonst auf sich warten lassen.

    Axilla würde sie brauchen? Kaum vorstellbar eigentlich, auch wenn Serrana das Gefühl gehabt hatte, dass gegen Ende des Gesprächs mit ihrer Cousine zumindest ein kleiner Hebel umgelegt worden war. Vielleicht würden sie sich tatsächlich irgendwann etwas näher kommen, aber diese wage Hoffnung wurzelte im Grunde darauf, dass Serrana Axilla eine wichtige Information verschwiegen hatte, die vielleicht nicht ganz unwichtig für Archias Handlungen in den letzten Wochen und Tagen seines Lebens gewesen war. Allein bei dem Gedanken daran zogen sich ihre Eingeweide erneut schmerzhaft zusammen und eine neue Welle der Übelkeit zog über ihren Körper hinweg.


    "Mir?" fragte sie schließlich und drehte ihren Kopf, um Sedulus anzusehen. Die Berührung ihrer Haare tat gut, aber Serrana hatte das Gefühl, das irgendwie nicht zu verdienen. "Ich...ich fühle mich ganz furchtbar. Ich muss die ganze Zeit daran denken, dass ich vielleicht schuld daran bin, dass Axillas Mann sich umgebracht hat."

    Sie war derartig in ihre eigenen düsteren Gedanken versunken, dass sie erst bemerkte, dass Sedulus ins Zimmer gekommen war, als er sich neben ihr auf das Bett setzte und sich zu ihr hinunterbeugte.
    Der Klang seiner Stimme und das Kosewort, dass er trotz des noch nicht allzu lange vergangenen Streits benutzte, reichten bereits um ihr erneut die Tränen in die Augen zu treiben, aber Serrana machte sich nicht die Mühe, diese wegzuwischen, sondern ließ sie einfach fliessen, während sie ihren Blick weiterhin an die Decke heftete.


    "Es war furchtbar, Quintus. Axilla steht eindeutig unter Schock, so hab ich sie noch nie vorher gesehen. Oh Gott, sie ist erst achtzehn und schon Witwe, sowas dürfte doch nicht passieren."

    "Oh, nichts zu danken, ich freue mich immer, wenn ich in Begleitung in die Thermen gehen kann. Und langweilig wird es uns sicher auch nicht werden, es gibt so viele Dinge, die es dort zu sehen und über die man sich unterhalten kann." lächelte Serrana Faustina an und ging in Gedanken bereits möglich Tage durch, an denen sie genug Zeit haben würde, als Sedulus sein Rätsel auflöste, was bei ihr jedoch nicht wirklich einen Aha-Effekt auslöste.


    "Hödur? Ich fürchte, den kenne ich gar nicht. Vielleicht sollte ich mich wirklich mal ein bisschen mit der Mythologie der anderen Völker auseinandersetzen." sagte sie ein wenig beschämt und pickte sich dann noch ein paar Leckereien von ihrem Teller.

    Es dämmerte bereits, als Serrana schließlich von ihrem Besuch bei Axilla in die Casa Germanica zurückkehrte und sich sofort ins Balneum begab, wo sie lange Zeit starr im heissen Wasser saß, ohne dass ihre innere Anspannung spürbar nachgelassen hätte.
    Nach einer geraumen Weile gingen immerhin die permanete Übelkeit und die Kopfschmerzen, die sie bereits den ganzen Tag verfolgt hatten, ein wenig zurück, und Serrana verließ die Baderäume wieder, um in ihr Cubiculum hinaufzugehen. Vermutlich war es nicht mehr allzu lange hin bis zur Cena, aber ihr Magen fühlte sich an wie Blei, und eigentlich wollte sie nach der Streiterei am Vormittag und dem Gespräch mit ihrer Cousine nur noch allein sein, obwohl sie sich davor fürchtete, dass die quälenden Gedanken und wachsenden Schuldgefühle, die sie seitdem hatte, dann noch schlimmer werden würden.
    Sedulus war nicht da, wie sie mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und leiser Enttäuschung registrierte, und Serrana ließ sich, die Arme wie im iunischen Garten fest um den Bauch geschlungen, einfach rückwärts aufs Bett fallen und starrte an die Decke des Schlafzimmers, während wieder die Minuten vergingen.

    "So solltest du nicht reden, Quintus." sagte Serrana mit leicht gerunzelter Stirn und stuppste ihren Mann in die Seite. "Das hört sich ja an, als sei der Dienst der Götter etwas für Leute, die nichts anderes können. Und immerhin haben wir unter unseren besten Freunden Patrizier, oder hast du etwa Septima und Ursus vergessen?" Die Hand immer noch auf ihrem Bauch glättete sich Serranas Gesichtsausdruck jedoch schnell wieder und wurde weich, während sie in sich hineinlauschte. "Ich weiß nicht, manchmal scheint es wirklich zu schlafen, aber scheinbar ist ihm schnell langweilig. Und groß wird es vermutlich auch. Stell dir vor, mein Bauch ist schon genauso dick wie der von Septima, und dabei kommt deren Kind einen ganzen Monat früher als meins. Von mir hat es das wohl nicht..." Mit einem Seufzer ließ Serrana sich auf der nächstegelegenen Kline nieder und stellte wieder einmal fest, dass es mit größer werdendem Umfang immer schwieriger wurde eine bequeme Liegeposition zum Essen zu finden. Kaum hatte sie das halbwegs vernünftig hinbekommen, als kurz nacheinander ihr Hausgast Decimus Verus und Sedulus' Verwandter Aculeo das Triclinium betraten.


    "Salvete Decimus Verus und Aculeo. Wie schön, dass ihr gemeinsam mit uns zu Abend esst. Nehmt doch bitte Platz und macht es euch bequem."

    Konnte man tatsächlich in ein und dem selben Moment derartig unterschiedlich Dinge empfinden? Ratlosigkeit und Angst, Betroffenheit und Mitleid, Schuldgefühle und Gewissensbisse, Hoffnung und Zuversicht? Offenbar schon, denn Serrana erlebte in diesen Minuten im iunischen Hortus ein wahres Wechselbad der Gefühle, das sie in dieser Form noch nie erlebt hatte, und das dazu führte, dass sie wie angenagelt auf der Stelle stehen blieb und Axilla einfach nur anstarrte, weil sich einfach keine klaren Gedanken mehr einstellen wollten. Nach einigen Sekunden hob sie schließlich die Hand auf ihren Bauch, und diese Berührung schaffte es tatsächlich, sie wieder ein wenig zu erden. Ihre innere und äussere Anspannung ließ endlich nach, was jedoch auch dazu führte, dass der Schock über die Todesnachricht und die endlosen Weinkrämpfe nach dem ersten Ehestreit ihres Lebens endgültig ihren Tribut forderten, und sich Serrana plötzlich nur noch bleischwer und ausgebrannt fühlte.


    "Ja, das solltest du wirklich tun, und vielleicht nimmst du vorher ein langes heisses Bad." nickte sie daher auch recht bereitwillig und machte mit dem Kopf eine kaum wahrnehmbare Bewegung in Richtung Haus. "Die Sklaven werden sicher alles tun, damit es dir gut geht, oder wirst du jetzt sofort in den kaiserlichen Palast zurückkehren?" In Serranas Augen eine durchaus angebrachte Frage, schließlich war dieser in den Monaten seit der Hochzeit Axillas Zuhause gewesen. "Gibt es vielleicht irgendetwas, was ich dir abnehmen kann? Schriftverkehr vielleicht oder Gänge zu irgendwelchen Ämtern?" Besonders große Ahnung hatte sie davon auch nicht, aber notfalls würde sie einfach ihre Großmutter fragen. Wenn sich irgendjemand mit den praktischen Anforderungen von Todesfällen auskannte, dann Germanica Laevina, schließlich hatte die bereits zwei Ehemänner erfolgreich unter die Erde gebracht.

    Im Grunde hatte sie Romanas Worte ohnehin nicht angezweifelt, trotzdem musste Serrana schlucken, als diese ihr noch einmal bestätigte, wie lang die Liste der verärgerten Gottheiten war. Sol..., Aesculapius...,Mortus....,Ops..., Proserpina...und Veiovis. Die konnte man doch unmöglich alle besänftigen, oder doch? Für einen Moment drohte die Panik zurück zu kommen, doch dann machte die Vestalin einen Vorschlag, der schlagartig Serranas Lebensgeister zurückkehren und sie vehement den Kopf schütteln ließ. Noch eine Haruspizin? Niemals!


    "Ein Haruspex? Oh nein, ganz sicher nicht." sagte sie schnell, bevor Romana weiter darauf eingehen konnte. "Egal, was du sagst, ich vertraue dir und deinem Urteil. Ich wäre dir unendlich dankbar, wenn du mir bei dem Opfer helfen würdest, aber ich werde unter gar keinen Umständen einer weiteren Leberschau zustimmen." Auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut, wie immer, wenn sie an das blutige Schaf auf dem Atriumboden der Casa Iunia dachte, trotzdem spürte Serrana, wie mit den Worten zum ersten Mal so etwas wie Ruhe und innerer Friede über sie kamen. "Ich werde alles tun, um die Götter zu besänftigen, die du mir genannt hast und dann werde ich mich einfach ihrem Urteil stellen. Wenn sie wollen, dass ich sterbe, dann werde ich es ohnehin tun, ganz gleich, ob ich einen Haruspex zu Hilfe rufe oder nicht." Sie atmete einmal tief ein und aus, während ihre Finger nach wie vor gedankenverloren über Romanas Hände strichen, dann verdunkelte sich ihr Blick und Serrana schüttelte erneut den Kopf, langsam diesmal und kaum wahrnehmbar.


    "Nein, nicht lieb. Schwach." sagte sie leise und biss sich auf die Lippe, bevor sie weitersprechen konnte. "Das war ich immer schon, weißt du? Schwach und weder Willens noch in der Lage, mich allein gegen etwas oder jemanden zur Wehr zu setzen. Aber das wird jetzt aufhören. Wenn die Götter mir gnädig sein sollten und mich am Leben lassen, dann will ich nicht, dass mein Kind mich als verängstigtes Schaf kennenlernt. Und falls nicht....dann....dann will ich wenigstens würdevoll aus dem Leben gehen und nicht zitternd wie ein gefangenes Tier im Käfig."

    "Oh, das freut mich. Ich hab mich auch wirklich beeilt, pünktlich zur Cena hier zu sein." Serrana reckte sich automatisch ein Stückchen in die Höhe, um den Kuss ihres deutlich größeren Mannes zu erwidern, bevor sie auf beide Fragen hin leuchtende Augen bekam, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen.


    "Oh, es war schon eine ganz schöne Hetzerei, aber ich würde auf die Arbeit nicht verzichten wollen. Der junge Flavius, mein Schüler, ist wirklich begabt und unglaublich am Dienst der Götter interessiert, ich hätte gar nicht gedacht, dass Unterrichten so viel Spaß machen würde." Ein wenig ausser Atem sah sie sich suchend im Triclinium um und griff dann erleichtert nach einem Becher mit Wasser, den sie in einem Zug herunterstürzte. "Und unserem Kind geht es scheinbar hervorragend, es hat mich den ganzen Nachmittag ununterbrochen getreten." Serrana legte eine eine Hand prüfend auf ihren Bauch und lächelte dann. "Da, schon wieder. Wenn es ein Junge wird, dann wird er sicher mal Soldat."

    Nachdem sie von ihrem Unterricht in der Regia nach Hause gekommen war und sich ein bisschen frisch gemacht hatte, eilte Serrana hinunter ins Triclinium, wo bereits die Cena aufgetragen wurde. Ein würziger Fleischduft hing in der Luft und sie schnupperte kurz, konnte jedoch erfreulicherweise und zu ihrer nicht geringen Erleichterung keine Ähnlichkeit mit dem Hasenbraten vor mittlerweile etlichen Wochen feststellen.


    "Salve, Quintus." sagte sie mit einem Lächeln, als sie ihren Mann entdeckte, der offenbar bereits vor ihr eingetroffen war. "Wartest du schon lange?"

    Nach einer gefühlten Ewigkeit nahm Axilla ihr schließlich doch noch das Taschentuch von ihr an, und Serrana starrte ein wenig verlegen auf ihre Hände, während ihre Cousine sich die Tränen abwischte. Axilla hatte natürlich Recht, es würde verdammt schwierig werden, eine halbwegs glaubwürdige Begründung für diesen abstrusen Selbstmord ihres Mannes zu finden, ohne damit noch mehr Staub aufzuwirbeln, als es ohnehin schon gab.


    "Ja, diesen Ort wird niemand begreifen können." nickte sie schließlich und rieb sich kurz die Schläfen, in der Hoffnung, sich dadurch besser konzentrieren zu können. "Eine unheilbare Krankheit hätte ja ein ehrenhafter Grund sein können, ähm..also nichts, was seinen Geist angeht, meine ich..." unterbrach sie sich selbst schnell, bevor Axilla sie wieder einmal missverstehen und an die Decke gehen konnte. "Wenn doch das mit dem Felsen nicht bekannt geworden wäre..." Serrana hatte ohnehin leise gesprochen, doch ein Blick auf Axilla brachte sie dazu, endgültig zu verstummen und sich auf die Lippe zu beissen. "Du hast Recht, es ist schlimm, und es bringt nichts darüber nachzudenken, wie man es vielleicht verschleiern könnte." sagte sie dann und zwang sich, nicht länger auf ihre Hände zu starren, sondern ihre Cousine direkt anzusehen. "Es wird sicher eine Weile Gerede geben, aber zur Zeit haben die Leute ohnehin fast nur den Frevel bei den Nemoralia und den Zorn der Götter im Kopf. Dann ist der wenigstens für eine Sache gut." Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, da erschrak Serrana schon wieder über sich selbst. Die Unsterblichen zürnten der ganzen Stadt, und sie setzte einen Familienskandal auf die selbe Stufe, welche Anmaßung...Doch bevor ihr ohnehin schon mehr als angeschlagenes Gewissen noch schlechter werden konnte, als es ohnehin schon war, da weckte eine völlig unerwartete Bemerkung von Axilla Serranas Aufmerksamkeit. Hatte sie da gerade wirklich "wir" gesagt? Serrana starrte ihre Cousine ungläubig an, und so abstrus dies angesichts der Situation vielleicht auch sein mochte, für einen kurzen Moment empfand sie tatsächlich sowas wie Freude.
    "Ja, das sind wir." sagte sie schließlich mit einem zaghaften Lächeln, traute sich aber nach wie vor nicht näher an Axilla heran und hütete sich auch davor, in diesem Fall nochmal nachzufragen. "Und es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, für uns alle, meine ich." Trost und vielleicht einen neuen Ehemann für Axilla, Gesundheit für den angeschlagenen Silanus, eine erfolgreiche Ausbildung und Karriere für Seneca, und für sie selbst ein erfolgreich überstandenes Kindbett. Eine schöne Vorstellung, aber vermutlich zu schön, um wirklich wahr werden zu können.

    "Na schön, dann warten wir einfach mal ab, wie lange wir noch für den Weg brauchen. Sollte ich wirklich einnicken, dann weck mich bitte, wenn wir angekommen sind." antwortete Serrana, bevor sie sich an Sedulus' Seite ankuschelte und die Augen schloss. Und kaum waren sie wieder ein Stück vorangekommen, da hatte das sanfte Geschaukel der Sänfte sie bereits in einem angenehmen Schlummer versetzt.

    "Also war es der besondere Wunsch deines Vaters, dass du dem Cultus Deorum beitrittst?" fragte Serrana vorsichtig nach, in der Hoffnung keine allzu frische Trauer damit aufzurühren. Allzu vertraut war sie mit den flavischen Familienverhältnissen bislang nicht, aber sie war sich relativ sicher, dass neben Pontifex Flavius Gracchus auch noch andere Mitglieder dieser Gens im aktiven Dienst an den Göttern standen.
    Ganz im Gegensatz zu den Iuniern, die zumindest in den letzten Generationen keine Priester in ihren Reihen gehabt hatten, ebenso wenig wie die Familie ihres Mannes.
    "Nun, dein Ziel mag vom heutigen Standpunkt aus noch weit entfernt sein, doch sollte dich das nicht davon abhalten, es weiterhin zu verfolgen. Diese Ausbildung mag vielleicht nur der erste Schritt sein, aber sie wird dich ein gutes Stück weiter voranbringen." Serrana lächelte ihren Schüler erneut an, bevor sie kurz überlegte und dann entschied, zu einem etwas brisanteren aber leider zur Zeit sehr aktuellen Thema überzugehen.


    "Meine nächste Frage ist ein wenig ernster, aber es wäre albern, nicht über diese Angelegenheit zu sprechen, da sie schließlich uns alle im Cultus Deorum betrifft. Du hast sicher auch schon mitbekommen, dass zur Zeit die Pax Deorum hier in Rom empfindlich gestört ist, ausgelöst durch einen Frevel im heiligen Hain der Diana. Kannst du mir erkären, welche Auswirkungen das haben kann, und welche Maßnahmen den Kollegien, die du eben aufgezählt hast, zur Verfügung stehen um den Göttlichen Frieden wieder herzustellen?"