Beiträge von Iunia Serrana

    Das mit dem aufmerksamen Sklaven war allerdings ein Argument, Serrana kannte ihre Großmutter gar nicht anders als mit einem Netz aus willigen Informanten bestückt. Wie sie diese dazu gebracht hatte, willig zu sein, war eine Frage, über die die Enkelin lieber nicht allzu gern nachdachte.
    Daher nickte sie nur und schob erneut den Vorhang der Sänfte zur Seite um hinauszusehen, konnte sich aufgrund der Dunkelheit jedoch nur mit Mühe orientieren.


    "Hast du eine Ahnung, wie weit wir noch von daheim entfernt sind?" fragte sie schließlich.

    Serrana schlug das Herz immer noch bis zum Hals, aber diese eiskalte erbarmungslose Angst, die vor wenigen Minuten über ihr zusammengeschlagen war, hatte ein etwas nachgelassen und damit Raum für ein wenig Zuversicht gemacht. Wirklich gute Neuigkeiten waren es immer noch nicht, aber sie waren echt, konkret, und keine nebulösen Vermutungen mehr wie in den Tagen nach der Leberschau. Und das wichtigste war: sie war damit nicht mehr allein. Romana war jetzt da und hatte ihr deutlich signalisiert, dass sie auch weiterhin an ihrer Seite bleiben würde. Serrana spürte eine heisse Welle der Zuneigung und Dankbarkeit, aber noch waren Unruhe und Angst in ihr zu groß, um das wirklich deutlich zu machen.


    "Sind es wirklich so viele?" fragte sie mit wackliger Stimme und biss sich auf die Lippen. "Das ist schrecklich, Romana, was hab ich denn nur getan, um all diese Götter gegen mich aufzubringen?" Kurz kam ihr das letzte Gespräch mit Axilla in den Sinn, doch Serrana wischte diesen Gedanken schnell beiseite, um nicht in einer Woge aus schlechtem Gewissen zu versinken, bevor sie nicht alles gehört hatte. "Und du meinst wirklich, dass ein Opfer helfen könnte? Wann....wann können wir das machen und wo? Es....es muss ja alles perfekt sein...." Serrana war so in ihrer fieberhaften Hektik gefangen, dass es ihr erst nach einer Weile auffiel, wie elend ihre Freundin aussah und sie diesmal gleich beide Hände der Vestalin ergriff.


    "Unverzeihbar? Aber nein, das stimmt doch nicht, Romana. Du hast doch diese Leberschau nur durchgeführt, um mir zu helfen, und dafür werde ich dir immer dankbar sein. Und ich mache dir auch keine Vorwürfe, weil du mir nicht die Wahrheit gesagt hast. Wenn du es mir damals schon gesagt hättest, dann hätte ich es nicht ertragen, verstehst du? Ich hab nur so lange durchhalten können, weil du mir diese Hoffnung gegeben hast." In ihrem Bemühen, Romana wieder etwas aufzubauen, streichelte Serrana deren Hände und nickte immer und immer wieder.

    Mit leisem Bedauern zog Serrana ihren Fuß zurück und ließ sich mit einem kleinen Seufzer zurück auf ihr Kissen sinken. "Vielleicht hast du Recht, und wir sollten den Sklaven das Tragen der Sänfte nicht allzu schwer machen. Dann lasse ich mich einfach mal überraschen, was du dir daheim für mich einfallen lässt"
    Der seidige Stoff der Kissen auf ihrer Haut und das Schaukeln der Sänfte lullten sie allmählich ein, doch da Germanica Laevina nicht gerade das beste Thema war, um gemütlich in den Schlaf zu kommen, blieb sie mit einem Ohr wach.


    "Etwas unüberlegtes? Was meinst du denn damit?"

    Sim-Off:

    Familienwertkarte bitte


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    Germanica Calvena
    Casa Quintilia
    Mogontiacum
    Provincia Germania


    Liebe Calvena,


    du wirst dich sicherlich gefragt haben, warum ich schon wieder so lange gebraucht habe, um dir zu antworten, und ich schäme mich auch ganz furchtbar dafür. Als meine einzige Entschuldigung mag vielleicht gelten, dass in der letzten Zeit so viele Dinge passiert sind, dass ich kaum wusste, wo mir der Kopf stand.
    Vielleicht hast du ja schon davon gehört, der Zorn der Götter ist über ganz Rom gekommen, und die Menschen in der Stadt sprechen zur Zeit über nichts anderes. Stell dir nur vor, an den Nemoralia ist es zu einem Frevel im Heiligen Hain gekommen, und seitdem sind alle Priester in heller Aufregung, um die Pax Deorum endlich wieder herzustellen. Niemand weiß genau, was am Lagus Nemi wirklich passiert ist, aber die Straßen sind voller Gerüchte, und es ist auch schon zu einigen Unruhen gekommen. Fest steht nur, dass eine Frau den Frevel begangen hat, aber niemand kennt ihren wirklichen Namen. Es gibt natürlich jede Menge Klatsch, und einige behaupten sogar, es sei eine Patrizierin gewesen, aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
    Die nächste Neuigkeit ist nicht minder schrecklich: kannst du dich noch an Aelius Archias erinnern, den meine Cousine Axilla bei diesem Wagenrennen geheiratet hat? Der hat sich vor einigen Wochen urplötzlich vom Tarpeischen Felsen in den Tod gestürzt. Niemand weiß, warum er das getan hat, und es tut mir so furchtbar leid für Axilla. Sie hat ja nur wenige Tage vor uns geheiratet, und jetzt ist sie mit gerade mal achtzehn Jahren Witwe! Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es mir an ihrer Stelle gehen würde...
    Sedulus und Sabina geht es den Göttern sei Dank gut, doch auch über meinem Leben hängt eine dunkle Wolke. Erinnerst du dich an die Leberschau, von der ich dir in meinem letzten Brief erzählt habe, und die Romana durchgeführt hat? Da gibt es etwas, was ich dir damals verschwiegen habe, vielleicht weil ich es selbst nicht wahrhaben wollte. Ich hatte von Anfang an ein furchtbar schlechtes Gefühl bei dieser Haruspizin, obwohl Romana mir versichert hat, dass alles gut gehen würde. Und vor einigen Tagen war sie jetzt hier bei mir in der Casa Germanica und hat mir gestanden, dass sie mich angelogen hat. Calvena, ich hatte ohnehin schon furchtbare Angst, aber dieser Moment war so entsetzlich, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Für einige Sekunden war ich mir sicher, dass mein Leben nun verwirkt ist, aber dann hat Romana mir gesagt, dass eine Leberschau nicht die Zukunft voraus sagt sondern nur die Stimmung der Götter zeigt. Es ist schon eine ganz schön schlimme Vorstellung, dass ich mir den Unwillen so vieler Götter zugezogen habe, und ich frage mich die ganze Zeit, was ich nur getan haben könnte, um sie derart zu verärgern. Aber Romana hat mir versichert, dass man sie mit einem guten Opfer vielleicht wieder hinbiegen könnte, und daran hängt jetzt meine ganze Hoffnung. Oh Calvena, ich hoffe so sehr, dass dieses Opfer gut gehen wird, damit ich mich endlich richtig auf mein Kind freuen kann! Ob du es glaubst oder nicht, mein Bauch ist jetzt schon ganz schön rund, und manchmal kann ich spüren wie es sich bewegt, das ist einfach wunderschön.
    Und eine weitere schöne Neuigkeit ist, dass Septima wieder hier in Rom ist. Zwar nur zu Besuch, aber es hat unendlich gut getan, sie mal wiederzusehen und mit ihr zu sprechen. Dass sie auch schwanger ist, hat sie dir sicher schon selbst geschrieben, wenn alles gut geht, dann wird ihr Kind etwa einen Monat vor meinem geboren werden.
    So, jetzt muss ich aber mal aufhören, meine Hand schmerzt schon vom vielen Schreiben, und dabei gibt es noch soviel, was ich dir gern erzählen würde. Ich wünsche dir alles Gute, liebste Freundin, und bitte schließe Rom in deine Gebete ein, damit uns bald wieder die Gunst der Unsterblichen sicher ist.


    mögen diese ewig über dich wachen,


    deine Freundin Serrana

    Irgendwie war es Serrana mittlerweile eine liebgewonnene Angewohnheit geworden, sich zum Lesen und Beantworten ihrer Briefe in Calvenas ehemaliges Zimmer zurück zu ziehen. Niemand vermutete sie hier, und so hatte sie genügend Zeit und Ruhe, um sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Nachdenklich starrte sie eine Weile einfach nur vor sich hin und überlegte, wie und womit sie den längst überfälligen Brief an ihre liebste Freundin beginnen konnte.


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    Germanica Calvena
    Casa Quintilia
    Mogontiacum
    Provincia Germania


    Liebe Calvena,


    du wirst dich sicherlich gefragt haben, warum ich schon wieder so lange gebraucht habe, um dir zu antworten, und ich schäme mich auch ganz furchtbar dafür. Als meine einzige Entschuldigung mag vielleicht gelten, dass in der letzten Zeit so viele Dinge passiert sind, dass ich kaum wusste, wo mir der Kopf stand.
    Vielleicht hast du ja schon davon gehört, der Zorn der Götter ist über ganz Rom gekommen, und die Menschen in der Stadt sprechen zur Zeit über nichts anderes. Stell dir nur vor, an den Nemoralia ist es zu einem Frevel im Heiligen Hain gekommen, und seitdem sind alle Priester in heller Aufregung, um die Pax Deorum endlich wieder herzustellen. Niemand weiß genau, was am Lagus Nemi wirklich passiert ist, aber die Straßen sind voller Gerüchte, und es ist auch schon zu einigen Unruhen gekommen. Fest steht nur, dass eine Frau den Frevel begangen hat, aber niemand kennt ihren wirklichen Namen. Es gibt natürlich jede Menge Klatsch, und einige behaupten sogar, es sei eine Patrizierin gewesen, aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
    Die nächste Neuigkeit ist nicht minder schrecklich: kannst du dich noch an Aelius Archias erinnern, den meine Cousine Axilla bei diesem Wagenrennen geheiratet hat? Der hat sich vor einigen Wochen urplötzlich vom Tarpeischen Felsen in den Tod gestürzt. Niemand weiß, warum er das getan hat, und es tut mir so furchtbar leid für Axilla. Sie hat ja nur wenige Tage vor uns geheiratet, und jetzt ist sie mit gerade mal achtzehn Jahren Witwe! Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es mir an ihrer Stelle gehen würde...
    Sedulus und Sabina geht es den Göttern sei Dank gut, doch auch über meinem Leben hängt eine dunkle Wolke. Erinnerst du dich an die Leberschau, von der ich dir in meinem letzten Brief erzählt habe, und die Romana durchgeführt hat? Da gibt es etwas, was ich dir damals verschwiegen habe, vielleicht weil ich es selbst nicht wahrhaben wollte. Ich hatte von Anfang an ein furchtbar schlechtes Gefühl bei dieser Haruspizin, obwohl Romana mir versichert hat, dass alles gut gehen würde. Und vor einigen Tagen war sie jetzt hier bei mir in der Casa Germanica und hat mir gestanden, dass sie mich angelogen hat. Calvena, ich hatte ohnehin schon furchtbare Angst, aber dieser Moment war so entsetzlich, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Für einige Sekunden war ich mir sicher, dass mein Leben nun verwirkt ist, aber dann hat Romana mir gesagt, dass eine Leberschau nicht die Zukunft voraus sagt sondern nur die Stimmung der Götter zeigt. Es ist schon eine ganz schön schlimme Vorstellung, dass ich mir den Unwillen so vieler Götter zugezogen habe, und ich frage mich die ganze Zeit, was ich nur getan haben könnte, um sie derart zu verärgern. Aber Romana hat mir versichert, dass man sie mit einem guten Opfer vielleicht wieder hinbiegen könnte, und daran hängt jetzt meine ganze Hoffnung. Oh Calvena, ich hoffe so sehr, dass dieses Opfer gut gehen wird, damit ich mich endlich richtig auf mein Kind freuen kann! Ob du es glaubst oder nicht, mein Bauch ist jetzt schon ganz schön rund, und manchmal kann ich spüren wie es sich bewegt, das ist einfach wunderschön.
    Und eine weitere schöne Neuigkeit ist, dass Septima wieder hier in Rom ist. Zwar nur zu Besuch, aber es hat unendlich gut getan, sie mal wiederzusehen und mit ihr zu sprechen. Dass sie auch schwanger ist, hat sie dir sicher schon selbst geschrieben, wenn alles gut geht, dann wird ihr Kind etwa einen Monat vor meinem geboren werden.
    So, jetzt muss ich aber mal aufhören, meine Hand schmerzt schon vom vielen Schreiben, und dabei gibt es noch soviel, was ich dir gern erzählen würde. Ich wünsche dir alles Gute, liebste Freundin, und bitte schließe Rom in deine Gebete ein, damit uns bald wieder die Gunst der Unsterblichen sicher ist.


    mögen diese ewig über dich wachen,


    deine Freundin Serrana


    Es dauerte eine ganze Weile, bis Serrana endlich den Federkiel aus der Hand legte und den Brief zusammen rollte, damit Adula sich damit so schnell wie möglich auf den Weg machen konnte.

    Serrana spürte, dass ihr schon wieder eine scharfe Entgegnung auf den Lippen lag, wie immer, wenn es um ihr Lieblingsthema Götterdienst ging. Aber da sie den gerade mühsam eingedämmten Streit nicht von neuem entfachen wollte, verkniff sie sich diese und konzentrierte sich stattdessen auf ihren Zeh und dessen Forschungsgelände.


    "Nun, das kommt darauf an, wie sehr dich diese Cena erschöpft hat, würde ich sagen." antwortete sie dann mit einem Lächeln, ohne mit ihren Bewegungen aufzuhören. "Aber wenn es dir lieber ist, dann können wir natürlich auch ein Nickerchen machen, bis wir daheim sind. Dann wissen wr auch besser, wie es in 30 Jahren sein wird."


    Bei der letzten Bemerkung ihres Mannes lachte sie kurz auf, schüttelte dann jedoch den Kopf. "Unterschätz Großmutter mal lieber nicht. Wer weiß, zu was die noch fähig ist, wenn sie mal auf jemanden trifft, der sich nicht sofort von ihr einschüchtern lässt:"

    Und Serrana war durchaus zufrieden, schließlich hatte sie ja keinen stundenlangen Vortrag erwartet, sondern sicher gehen wollen, dass ihr junger Schüler bereits über einen guten Überblick über den Aufbau des Cultus Deorum verfügte. Und das tat er ganz offensichtlich, denn die Antworten des Flaviers waren zwar kurz, enthielten aber alle wichtigen Punkte, auf die es ankam.


    "Ich sehe schon, dass wir viele grundlegende Dinge gar nicht mehr durchgehen müssen." sagte sie mit einem Lächeln. "Bei der nächsten Frage erwarte ich keine bestimmte Antwort von dir, aber mich würde doch sehr interessieren, ob du dir vorstellen könntest, einem dieser von dir aufgezählten Kollegien in Zukunft beizutreten. Und warum du dich gerade für dieses entscheiden würdest."

    "Was heisst denn da vom Cultus Deorum abgesehen? Das reicht doch schon, oder nicht?" hakte Serrana nach und bemühte sich um einen ihrem Amte angemessen würdevollen Gesichtsausdruck, der jedoch nicht so wirklich zu ihrem bequem auf den Kissen ausgestrecken Körper zu passen schien. Während seiner Wanderung nach oben hielt ihr Fuß derweil immer wieder inne, um dem großen Zeh die Gelegenheit zu geben, manche Stellen ein wenig genauer zu erkunden und zu umkreisen.


    "Nein, auch Großmutter war mal jung." Serrana nickte bekräftigend, obwohl sie manchmal Schwierigkeiten hatte, sich eine jugendliche Laevina wirklich vorzustellen. "Soweit ich weiß, war sie bei ihrer ersten Hochzeit achtzehn und bei der zweiten fünfundzwanzig. Also gar nicht mal sooo alt."

    Serrana zuckte leicht zusammen, als Axilla sie plötzlich so anfunkelte. Was hatte sie denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Sie hatte ihr im Grunde doch nur zugestimmt, oder etwa nicht? Zögernd machte sie einen Schritt auf ihre Cousine zu und hielt dieser wortlos eines der beiden Tücher hin, die sie seit Beginn ihrer Weinattacken am heutigen Tage mit sich herumtrug. Dieses war noch sauber, zumindest fast, denn ausser ein paar Tränen hatte es nichts abbekommen, und Axilla schien es mindestens ebenso nötig zu haben wie sie selbst.
    Als Axilla von dem Brief sprach, den sie von Archias erhalten hatte erhellte sich Serranas Gesichts kurz, nur um dann wieder einen Ausdruck völlliger Verwirrung und Ratlosigkeit anzunehmen. Eine Sandburg? Und Menschen, die etwas kaputt machten? Ob das die Lösung sein konnte? Dass Aelius Archias, aus welchem Grund auch immer, schlichtweg nicht zurechnungsfähig gewesen war, als er von diesem Felsen gesprungen war? Bei den ihren wenigen Zusammentreffen hatte sie, Serrana, keine besonderen Auffälligkeiten an ihm beobachten können, aber das musste ja nichts bedeuten. Schließlich wäre er nicht das erste Mitglied einer kaiserlichen Familie gewesen, das Probleme mit seinem Gemütszustand hatte.


    "Das....das hört sich irgendwie...ziemlich seltsam an. Als hätte er selbst nicht gewusst, was er da schreibt." sagte sie schließlich und runzelte die Stirn. "Meinst du, man könnte etwas finden, was man den Leuten erzählen kann? Damit sie dich in Ruhe lassen, meine ich." Man muss den Wölfen etwas zu fressen hinwerfen, das so verführerisch ist, dass es sie von deiner Vorratskammer und deinen Schafen ablenkt. So oder so ähnlich lautete doch eine von Großmutters vielzitierten Weisheiten, deren tieferen Sinn Serrana erst heute wirklich verstand.

    "Wann denn? Also wirklich, du machst du alle Nase lang Bemerkungen, von denen du weißt, dass du mich damit auf die Palme bringen kannst. Über den Cultus Deorum zum Beispiel." Eigentlich war Serranas Ärger wegen des Zwischenfalls bei der Cena längst verraucht, trotzdem wollte sie nicht einfach so klein beigeben. Als sie Sedulus Gesichtsausdruck bei der Erwähnung ihrer Großmutter sah, konnte sie ein erneutes Kichern nicht unterdrücken und machte es sich wieder auf ihrem Kissen gemütlich. Ihr Fuß hatte derweil seine Erkundungsreise entlang der Aussenseite von Sedulus Bein abgeschlossen und schlüpfte nun zwischen seine Knöchel, um sich dann ganz langsam wieder nach oben zu bewegen.


    "Naja, irgendwann muss es auch Großmutter mal gemacht haben, immerhin hat sie ja drei Kinder von zwei verschiedenen Männern gehabt."

    "Ja, vermutlich hast du Recht." Noch vor einer halben Stunde hätte sich Serrana maßlos über Axillas heftige Bemerkung geärgert und sich mal wieder wie ein dummes gemaßregeltes Kind gefühlt. Das tat sie jetzt auch, allerdings mit dem Unterschied, dass es ihr durchaus gerechtfertigt schien. Was hatte sie auch schon groß zu sagen? Sehr häufig sprach sie aus Angst sich zu blamieren gar nicht erst aus, was sie dachte oder beließ es bei unverfänglichen Dingen. Und wenn sie es dann doch mal für ihre Meinung einstand, dann führte das meistens zu Streitereien oder, wie in Archias Fall, sogar zu Schlimmerem. Unglücklich ließ sie den Kopf wieder sinken und starrte auf die Wölbung ihres Bauches, als Axilla davon sprach, sie hätte ihr Kind nicht haben wollen, und das half ihr, sich wieder am Riemen zu reissen und sich auf das zu konzentrieren, was ihre Cousine erzählte. Axilla und Archias hatten etwa zur selben Zeit geheiratet wie Sedulus und sie selbst, und trotzdem hörte sich alles so deprimierend an und hatte nichts von der fast spielerischen Unbeschwertheit ihrer ersten Wochen in der Casa Germanica.
    Und so nickte Serrana hin und wieder oder schüttelte ungläubig den Kopf, ohne jedoch Axillas Worte in Zweifel zu ziehen, denn warum sollte diese sie in Bezug auf das Verhalten ihres Ehemannes auch anlügen. Sie selbst war sicher nicht annähernd so unabhängig und freiheitsliebend wie ihre Cousine, und dennoch konnte sie deren Ärger und Enttäuschung nachvollziehen. Vor allem in Bezug auf den fehlenden Respekt, denn Serrana besaß nach wie vor herzlich wenig Selbstbewusstsein und reagierte daher immer besonders empfindlich auf scheinbare Kränkungen vor allem von Seiten ihres deutlich lebenserfahrerenen Ehemannes. Als Axilla wieder zu weinen begann und ihre Stimme immer wackliger wurde, stand Serrana, einen Arm nach wie vor um ihren Leib geschlungen auf, blieb jedoch neben der Bank stehen und sah ein wenig unschlüssig zu ihrer Cousine hinüber.


    "Das hat Quintus auch gesagt." sagte sie schließlich, und erst ein paar Sekunden später fiel ihr auf, dass Axilla mit diesem Satz herzlich wenig würde anfangen können. "Dass Archias das seiner Familie nicht hätte antun dürfen, sich auf so schreckliche Weise umzubringen, meine ich." Bei dem Gedanken an Sedulus und ihren ersten wirklichen Streit vor wenigen Stunden wurden auch Serranas Augen wieder feucht, aber sie schaffte es irgendwie, die Tränen weg zu blinzeln.


    "Hat er denn gar nichts hinterlassen?" fragte sie dann vorsichtig, um ihre Cousine nicht noch mehr aufzubringen. "Eine Nachricht, oder so etwas? Vielleicht war er ja krank, oder er steckte in irgendwelchen Schwierigkeiten. Und ist es denn völlig sicher, dass er es wirklich selbst getan hat und...nicht vielleicht ein anderer?" Nicht, dass die Vorstellung am tarpeischen Felsen ermordet zu werden, besonders reizvoll war, aber sie war zumindest weniger grausam als ein Selbstmord an einem derart abscheulichen Ort.

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    Artanes


    Dame? Er nannte dieses frevlerische Weibstück tatsächlich Dame? Artanes war ausgesprochen überrascht über diese Wortwahl des Pontifex, doch ließ er sich vorsorglich nichts davon anmerken und zuckte innerlich mit den Schultern. Rex Nemorensis hin oder her, er würde niemals zur sogenannten guten Gesellschaft gehören, also war es vielleicht auch besser, wenn er deren seltsame Ansichten und Gepflogenheiten nicht verstand. Dankbar nahm er den Becher mit verdünntem Wein entgegen und trank einen großen Schluck, bevor er dem Pontifex antwortete. "Nun, diese drei da...." mit diesen Worten wies er auf die jungen Männer, die dicht bei der ohnmächtigen Frau standen,".... sind mit ihr dort gewesen, ihre Sklaven oder Leibwächter, vermute ich mal. Und die vier hinter mir sind meine Gehilfen aus dem Heiligtum. Oder besser gesagt, die, die noch übrig sind."

    "Doch, das hat es allerdings und tut es immer noch. Und das, obwohl du mich ständig ärgerst." Eher unbewusst machte sich Serranas immer noch unbeschuhter Fuß wieder auf den Weg und strich leicht die Beine ihres Mannes entlang. "Im Moment kann ich mir noch nicht vorstellen, irgendwann zu alt dafür zu sein, aber wer weiß das schon. Meinst du, Großmutter macht solche Dinge auch noch?"
    Zur Zeit hatte Serrana durch die Ausbildung des jungen Flaviers und ihre sonstige Arbeit derartig viele Termine um die Ohren, dass sie eine Weile nachdenken musste, um dann doch noch zu einer Lösung zu kommen.


    "Hm...wie wäre es mit übermorgen? Da hab ich keinen Unterricht und hätte schon ab Mittags Zeit. Oder vielleicht doch lieber an einem anderen Tag?"

    Der Hitze auf ihren Wangen nach zu urteilen, war ihr Gesicht vermutlich immer noch puterrot, und Serrana zupfte leicht fahrig an einer imaginären Knitterfalte an ihrem Kleid herum, während sie darauf wartete, dass man ihr von ihrer Verlegenheit endlich nichts mehr ansah. Während Umbricius weitersprach, nickte sie eher automatisch, riss dann jedoch überrascht die Augen auf.
    "Ein Taugenichts? Aber nein, das ist doch Unsinn!" sagte sie im Brustton der Überzeugung und schüttelte energisch den Kopf. "So darfst du nicht reden, Umbricius, du hast sicher nur noch nicht das Richtige für dich gefunden. Hast du dich schonmal bei der Schola umgehört? Dort werden doch ständig die unterschiedlichsten Kurse angeboten, vielleicht ist ja etwas für dich dabei. Und so ein Kurs ist auch unverbindlicher als der Eintritt in die Armee. Zumindest zwingen sie dich nicht, zwanzig Jahre dort zu bleiben, wenn es dir nicht gefällt." Vermutlich kam dieser kleine Scherz reichlich kläglich bei ihrem Gegenüber an, aber Serrana war schon froh, dass sie es tatsächlich schaffte, die Unterhaltung am Laufen zu halten und nicht in verschrecktes Schweigen zu verfallen.

    Sich etwas vorzunehmen, war eine Sache. Diese Sache dann auch abzuschließen, eine ganz andere. Diese Erfahrung machte Serrana, während sie sich unter Axillas skeptischem Blick noch ein wenig zusammen zog und ein paar Mal den Mund öffnete, um es endlich hinter sich zu bringen und den entscheidenen Satz auszuprechen. "Ich...ähm...ich hab..Archias..." Eine erneute Welle der Übelkeit fegte über Serrana hinweg, und diesmal war der Würgreflex so stark, dass sie ihn nicht mehr unterdrücken konnte und sich mit gegen den Mund gepresster Faust auf der Steinbank zusammen krümmte. Doch was immer in ihrem Körper diesen Brechreiz auslöste, wollte offenbar genauso wenig aus ihm heraus wie das Geständnis, das sie ihrer Cousine immer noch schuldig war, und das sie jetzt doch nicht über die Lippen brachte. Die Hand immer noch gegen die Lippen gedrückt, sah Serrana zu der abwartend da stehenden Axilla hinauf und wusste plötzlich, dass sie es nicht über sich bringen würde, ihr die Wahrheit zu sagen. Eine innere Stimme sagte ihr, dass ihre Cousine ihr diese vermutlich niemals verzeihen würde, zumindest nicht, wenn sie sie ausgerechnet heute damit konfrontierte. Ein anderes Mal vielleicht, wenn Axilla sich vom ersten Schock erholt hatte und es ihr selbst nicht mehr so schlecht war, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Ja, das war eine gute Idee, vielleicht kurz bevor das Kind kam, und sie selbst vermutlich ohnehin sterben würde.... Auf diese Weise verschaffte Serrana sich für den Moment eine kleine Atempause, dem ungesagten Satz jedoch im Gegenzug die Möglichkeit, sich in ihrem Bewusstsein und Gewissen in aller Ruhe fest zu beissen, um sich später genüsslich tief und tiefer hineinzufressen. Es vergingen ein paar Sekunden, dann löste Serrana die Hand wieder von ihrem Mund und wischte sich mit dem Handrücken den kalten Schweiss von der Stirn, bevor sie ihre Cousine erneut ansah.


    "Entschuldige bitte, mir geht es heut nicht besonders gut, ich weiß auch nicht, woher das auf einmal kommt. Was ich sagen wollte, ist dass ich Archias nicht besonders gut gekannt habe, wie du weißt. Aber ich glaube, dass er eigentlich alles richtig machen wollte für dich und....euer Kind, und dass dann ganz furchtbar viel irgendwie schief gelaufen ist. Und das tut mir wirklich sehr leid." Komisch, dass in diesem Augenblick ausgerechnet dieses unförmige Kinderbett vor Serranas innerem Auge auftauchte, an dem Aelius Archias am Tag ihres Besuchs im kaiserlichen Palast mit solcher Begeisterung herumgebastelt und es mit jeder Handbewegung noch ein wenig unkenntlicher gemacht hatte.

    Serrana runzelte bei der Bemerkung ihres Mannes tatsächlich kurz die Stirn, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar, da es ihr immer noch peinlich war, zu Beginn des Hauptganges einfach aus dem Oecus gerannt zu sein, auch wenn sie dafür einen triftigen Grund gehabt hatte. Nein, wenn es irgendetwas gab, was Serrana nach Möglichkeit zu vermeiden suchte, dann war das, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So beschränkte sie sich jetzt auch darauf, Sedulus tadelnd anzufunkeln und griff dann, dankbar für die Ablenkung, nach de Obst und zog sich ein paar Trauben heraus.


    "Du wirst sicher schon bald etwas finden, dass deinen Begabungen und bisherigen Verdiensten Rechnung trägt, da bin ich ganz sicher." nickte sie dem Decimer aufmunternd zu und warf dann einen leicht irritierten Blick hinüber zu Umbricius. Konnte es sein, dass der junge Germanicus sie gerade schon wieder angesehen hatte? Nein, da hatte sie sich vermutlich geirrt, warum sollte er das auch tun?

    "Eine Tour durch das Haus?" Serranas Gesichtsausdruck war einen Augenblick lang aufrichtig verwirrt, dann stellte sich mit der plötzlichen Erkenntnis auch ein rosigen Leuchten an ihren Ohren ein. Schnell schlüpfte sie mit dem Fuß aus seiner Sandale und stuppste ihren Mann damit leicht in die Seite. "Auf was für Ideen du nur kommst, du frecher Kerl." sagte sie und bemühte sich tapfer um einen ernsthaften Gesichtsausdruck. "Glaubst du wirklich, dass wir sowas noch machen, wenn ich fast 50 bin und du über 60? Dann kommen wir ja vielleicht gar nicht mehr allein aus dem Wasserbecken raus." Bei dieser Vorstellung war es mit Serranas Selbstbeherrschung jetzt doch vorbei und sie kicherte leise vor sich hin. Was für ein Übergang zu einem Gespräch über Grabstellen!


    "Ich...hm...ich weiß nicht. Ich richte mich da ganz nach dir, schließlich ist es die Grabstelle deines Vaters. Und irgendwie werde ich es schon mit meinen Terminen im Tempel und bei der Ausbildung vereinbart bekommen."

    Und obwohl auf der Bühne die Schauspieler weiterhin ihr Bestes gaben, ging jetzt ein Großteil davon an Serrana vorbei, denn es geschahen zu viele Dinge nebenbei, die ihre Aufmerksamkeit immer wieder von dem Stück ablenkten.


    "Salve, Germanicus Aculeo. Ja, du hast Recht, wir haben uns wirklich schon lange nicht mehr gesehen. Ich hoffe, es ist dir seit der Hochzeit gut ergangen." begrüßte sie mit einem Lächeln Sedulus jungen Verwandten und stellte dann fest, dass Sabina und die junge Begleiterin von Decimus Verus bereits miteinander ins Gespräch gekommen waren.


    "Octavia Varena, es freut mich, dich kennenzulernen." griff nun auch sie in die Unterhaltung der beiden ein. "Meine Stieftochter war ja schon so nett, mich vorzustellen. Ich bin Iunia Serrana, und das hier neben mir ist mein Mann, Senator Germanicus Sedulus."

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    Artanes


    "Als wir uns auf den Weg gemacht haben, war sie es auf jeden Fall noch nicht." antwortete Artanes, ebenfalls mit einem Blick auf die verhüllte Gestalt auf den Armen des Sklaven. Ein besonders mitfühlender Mensch war er ohnehin noch nie gewesen und hatte während der Jahre in den Minen und nicht zuletzt in der vergangenen Nacht derartiges Elend gesehen, dass ihn das elende Befinden seiner Gefangenen herzllch wenig rührte. Im Grunde war er nur froh, dass es ihm gelungen war, sie beim Pontifex abzuladen, und dass sich von nun an dieser Gedanken um das weitere Vorgehen würde machen müssen.

    "Hoffentlich wird das bei uns niemals so sein." sagte Serrana leise, obwohl sie sich ein derartiges, von gegenseitiger Gleichgültigkeit geprägtes Szenario in Sedulus' und ihrem Fall beim besten Willen nicht vorstellen konnte und wollte. Nein, dann lieber die eine oder andere Meinungsverschiedenheit von Zeit zu Zeit.
    Sie beäugte ihren Mann jetzt noch einmal etwas genauer, versuchte, ihn sich mit zerknittertem Gesicht und weißen Haaren vorzustellen und kicherte leise vor sich hin, bevor sie auf seinen Vorschlag hin nickte. "Oja, das können wir sehr gern machen. Vielleicht kannst du mir bei der Gelegenheit noch ein bisschen mehr über deine Familie erzählen, ich weiß nach wie vor noch viel zu wenig darüber. Dass Sedulus der Meinung war, sie, Serrana, würde sich ganz gut gegen ihn behaupten, freute sie mehr, als sie eigentlich vermutet hätte, und so tauchte auch auf ihrem Gesicht nun ein zufriedenes Lächeln auf. Schließlich hatte sie bis vor gut einem Jahr so gut nie den Mund aufgemacht, und wenn, dann sicher nicht, um ihre eigene Meinung einem anderen Menschen gegenüber zu vertreten. Serrana war zwar immer noch weit davon entfernt, eine selbstbewusste Frau zu sein, aber auch so fühlte es sich schon deutlich besser an als jemals zuvor.


    "Fein, dann kann ich ja guten Gewissens so weiter machen."