Beiträge von Lucius Aelius Quarto

    “Der gute Lysias war Grieche. Ich glaube, er stammte aus Athenae. Ein freier Mann, kein Sklave.
    Meine jungen Jahre habe ich in Griechenland verbracht, musst du wissen. Das hatte politische Gründe. Politische, aber auch persönliche, wobei man sagen kann, dass die persönlichen Interessen eines Thronfolgers immer auch Politik sind.“


    Ein schmerzhafter Schatten legte sich auf sein Gesicht, als er an das erlittene Unrecht und das folgende Exil dachte.


    “Nun ja. Auf jeden Fall waren ich und meine Brüder in Griechenland. Unser Vater stellte einen gebildeten Mann ein, der unser Lehrer wurde und uns in den Sieben freien Künsten, den septem artes liberales unterrichten sollte. Das war Lysias.
    Das heißt, der Jüngste war noch recht klein . Und der mittlere – ach, dass sollte ich nicht sagen – aber der mittlere Bruder war als Kind ein wilder Bursche, der nicht lange ruhig sitzen bleiben konnte. Ihn trieb es immer zu den Leibwächtern meines Vaters, die ihn den Umgang mit dem Gladius und andere soldatische Dinge lehren. Aber mich hat Lysias einiges gelehrt. Zu wenig, natürlich, als das ich damit prahlen könnte. Doch habe ich ihm einiges zu verdanken.
    Später, nachdem ich wieder in Rom war, hat er in meinem Haus gelebt. Aber da war er schon sehr alt und krank. Er ist dann gestorben, unter meinem Dach. Ach, dass ist nun auch schon einige Jahre her. Ich habe ihn gleich neben dem Grabmal meiner Familie beisetzen lassen.“

    “Wer sind meine clienten? Ach, es sind viele. Aber die wichtigsten sind Senator Quintus Germanicus Sedulus, der procurator a libellis der Kaiserlichen Kanzlei Tiberius Prudentius Balbus, der praefectus Alexandriae et Aegypti Decius Germanicus Corvus, der curator kalendarii von Italia Titus Decimus Verus, Marcus Decimus Flavus, der zurzeit als Tribun bei den cohortis urbanae dient und, ja, natürlich, noch ein Iulier: Marcus Iulius Proximus! Kennst du ihn? Er ist duumvir im campanischen Misenum.
    Ich erwarte aber nicht, dass mich meine clienten täglich aufsuchen, auch nicht von denen, die hier in Rom leben. Es ist schließlich auch nicht ganz einfach, bis zu mir vorzudringen. Aber wenn du ein Anliegen hast, dann kannst du jederzeit zu mir kommen.“

    “Sieh dich vor und bedenke gut, mit wem du darüber sprichst und was du sagst. Vergiss niemals: Salinator ist praefectus urbi weil der Imperator Caesar Augustus es so will und seine weitreichenden Befugnisse hat er, weil Valerianus ihm vertraut. Ich fürchte, der Tag wird kommen, da dieser Mann das Vertrauten meines Bruders missbraucht. Aber ohne etwas in der Hand zu haben, kommt offener Widerstand gegen den praefectus urbi einem Akt des Hochverrats gefährlich nah. Du und ich, wir wissen, dass wir keine Verräter sind. Aber das schützt nicht vor Verleumdung.“

    “Nein, nein, dass darf man nicht verallgemeinern. Natürlich belastet die unter Ulpius Iulianus eingeführte Ungleichbehandlung bei den Steuern nach wie vor das Verhältnis. Es gibt auch einzelne plebejische Senatoren, die den Patriziern grundsätzlich ablehnend gegenüber stehen. Aber von einem generellen Zerwürfnis zwischen den patrizischen und den plebejischen Senatoren kann man nicht sprechen.
    Was du zurzeit im Senat an Auseinandersetzungen siehst, dass sind meiner Meinung nach vor allem persönliche Differenzen und individuelle Feindschaften. Aber es gibt momentan kein politisches Thema von großem Gewicht, das den Senat spalten würde. Das allerdings wäre gefährlich.“


    Quarto machte eine kurze Pause.
    Dann fügte er hinzu: “Allerdings kann man nie ganz ausschließen, dass der persönliche Ehrgeiz eines Einzelnen, oder die Feindschaft zwischen einflussreichen Männern ebenfalls zu einer Krise des Senats oder sogar des Staates führt.“

    “Du könntest einem alten Philosophen Konkurrenz machen, mein lieber Verus.“, sagte Aelius Quarto lächelnd, nachdem er die Worte seines Gegenüber einen Augenblick lang hatte verklingen lassen.
    “Wie schade, dass mein alter Lehrer Lysias nicht mehr lebt. In ihm hättest du einen ebenbürtigen und bereichernden Gesprächspartner gefunden.
    Ich hingegen, ich bin nur ein einfacher Mann, der von dem lebt, was auf seinem Land wächst und der mit seinen bescheidenen Möglichkeiten versucht, seiner geliebten Heimat Rom loyal zu dienen. Ein Philosoph und ein Gelehrter, nein, dass bin ich nicht.“

    Nachdenklich fuhr sich Quarto durch den Bart. Das war eine für ihn sehr typische Geste, aber nicht immer wirkte er dabei wie ein altes Raubtier, dass eine viel versprechende Beute entdeckt hatte.


    “Denken noch andere so wie ihr? Ich bin mir sicher, dass sich Salinator hier in Rom einige Feinde gemacht hat. Doch wie weit werden sie gehen? Wem kann man vertrauen? Und wem nicht? Wie lauten die Namen seiner Freunde?
    Wir reden hier immerhin von einer heiklen Angelegenheit und auch wenn wir es in guter und selbstloser Absicht tun, bewegen wir uns mit diesen offen ausgesprochenen Gedanken auf dünnem Eis.“

    “Ja, ich werde ihm schreiben. Wie die Erfolgsaussichten sind? Nun, dass werden wir abwarten müssen.
    Ich möchte keinesfalls unbescheiden wirken. Aber in der Vergangenheit haben meine Worte beim Imperator Caesar Augustus bisweilen ein offenes Ohr gefunden.“


    Quarto lächelte.


    “Tatsächlich hilft es, sich bei den wichtigen Senatoren bekannt zu machen. Ich rate immer dazu, sie persönlich aufzusuchen, um ihre Unterstützung zu gewinnen. Aber dazu ist es jetzt noch zu früh. Der richtige Zeitpunkt dafür ist vor der Wahl und nachdem du deine Kandidatur erklärt hast und sie durch den consul angenommen wurde. Bis dahin ist noch Zeit.“

    “Er ist zusammen mit seiner Mutter beim Kaiser in Misenum. Livilla hat ihn bisher weitgehend von der Öffentlichkeit fern gehalten, wie sie sich selbst auch kaum öffentlich zeigt und sehr zurückgezogen lebt. Valerianus hat sie noch nicht einmal zur Augusta erhoben. Diesen Titel trägt, wie du sicherlich weißt, nach wie vor einzig seine Adoptivmutter Drusilla.
    Der junge Maioranus – ich habe ihn das letzte mal gesehen, da war er noch ein Säugling. Aber schlechtes habe ich nicht über ihn gehört und er hat keine Makel, wie einen Klumpfuß oder einen hässlichen Buckel.
    Ja, sicher, mit den richtigen Beratern, denen das Wohl Roms am Herzen liegt, wäre er ganz bestimmt ein realistischer Nachfolger, wenn der schlimmste Fall eintritt. Besser wäre es natürlich, er hätte Zeit zum Manne zu reifen. Auch muss er beizeiten in die Öffentlichkeit treten. Aber allemal wäre das die bessere Lösung, als ein Mann wie Salinator auf dem Kaiserthron.
    Darum“
    – und hier sah Quarto seinem Gegenüber ganz fest und eindringlich in die Augen – “wäre es keineswegs das Beste, der Kaiser würde Salinator zum Caesar ernennen. Das Beste wäre es, er würde seinen Sohn zum Caesar und damit auch offiziell zu seinem designierten Nachfolger erklären. Aber auch wenn er das nicht tut, würde Maioranus nach den Buchstaben des Gesetzes auf seinen Vater folgen. Allerdings würde ihm die offizielle Ernennung eines anderen Nachfolgers dieses Erbe verwehren. Darum sage ich: besser keinen Caesar als den Falschen!“

    Nachdem er getrunken hatte, stellte Aelius Quarto den Becher ab.


    Etwas zögerlich sagte er: “Du hast mich nach der Lage hier in Rom gefragt.“


    Er zuckte mit den Schultern.


    “Aber das Wichtigste hast du selbst gesagt: der Imperator Caesar Augustus ist in Campania, wo du ihn ja schließlich auch getroffen hast, und hier in Rom hat sein nomineller Vertreter die Geschäfte übernommen, eben der praefectus urbi. Hast du ihn bereits kennen gelernt, den praefectus urbi Vescularius Salinator?“

    “Wenn du den cursus honorum beschreiten willst, dann steht dir dieser Weg nur offen, wenn du dich mit Fug und Recht als dem ordo senatorius angehörig bezeichnen kannst. Leider glaube ich nicht, dass einer deiner direkten Vorfahren die Senatorenwürde erlangt hat. Darum hast du diese Zugehörigkeit nicht geerbt. Bevor wir also weitere Pläne schmieden können, muss dich der Imperator Caesar Augustus zunächst erheben. Sonst sind alle weiteren Überlegungen nutzlos.
    Ich könnte ihm schreiben und für dich bitten.“

    Aelius Quarto schüttelte entschieden den Kopf. Fast konnte man so etwas wie Abscheu in seinem Gesicht lesen.


    “Erlaube mir ein offenes Wort: Potitus Vescularius Salinator ist ungeeignet! Er kann Rom nicht führen! Du hast recht, man kann ihm zutrauen, dass er auf illegalem Wege versuchen könnte, die Macht an sich zu reißen. Schon das man ihm dies zutraut, sprich gegen ihn.
    Aber woher kommt der Mann überhaupt? Seine Herkunft? Fragwürdig!
    Die Vescularii sind bedeutungslos! Wer kennt seine Ahnen? Niemand mehr! Im Dunkel des Vergessens sind sie entschwunden.
    Und dann der Mann selbst! Kein Gespür für die feinen Verflechtungen römischer Politik. Keine Ehrfurcht vor unseren Traditionen und gewachsenen Strukturen. Unter einem Kaiser Salinator würde der Senat vollkommen bedeutungslos werden. Die Menschen würden nicht mehr wissen, wo ihr Platz in unserer Gesellschaft ist. Willkür würde berechenbares Handeln und Regieren vor dem Hintergrund unserer bewährten Errungenschaften ersetzen.
    Und unter einem Pontifex Maximus Salinator würden die Götter sich von Rom abwenden. Denn glaubt dieser Mann? Ehrt er die Götter? Zeigt er Demut?
    Nein, Salinator ist vollkommen ausgeschlossen! Ich weiß wirklich nicht, was der Kaiser an ihm finden kann. Ich sehe nur Schlechtes!
    Ich fürchte das was du fürchtest: würde sich der praefectus urbi zum Kaiser aufschwingen, dann hätte das Aufruhr und vielleicht sogar einen Bürgerkrieg zur Folge.
    Das muss auf jeden Fall verhindert werden!“


    Quarto machte eine Pause. Dann sagte er plötzlich, fast so, als wäre ihm das erst jetzt eingefallen, was aber natürlich kaum sein konnte: “Valerianus hat ein Kind.“


    “Er hat ein Kind, ein leibliches, rechtmäßiges Kind und, dafür müssen wir den Göttern danken, es ist ein Sohn: Publius Ulpius Maioranus. Leider ist er noch ein Knabe. Aber er ist von seinem Blut.“

    “Oh ja, mögen es die Götter verhüten! Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich diesen Gedanken nur ungern bis zur letzten Konsequenz zuende denke.“


    Quarto faltete die Hände und blickte Balbus sorgenvoll an.


    “Wir wollen nicht daran denken – doch müssen wir es. Denn uns liegt Rom am Herzen und auch wenn sich unser Inneres dagegen sträubt, so müssen wir doch auf das Undenkbare vorbereitet sein. Was geschieht, wenn mein Bru... ähm... wenn der Imperator Caesar Augustus von seiner Krankheit gepeinigt noch mehr als jetzt schon, seine Handlungsfähigkeit verliert? Was, wenn er praktisch nicht mehr regieren kann? Und wenn er gar stirbt, was wird dann sein?“

    “Ich danke dir für das Übermitteln seiner Grüße. Ja, seine Gesundheit macht ihm etwas zu schaffen. Lass uns darauf trinken: auf die Hoffnung, ihm möge es bald besser gehen.“


    Mit diesen Worten ergriff er seinen Becher und prostete seinem Gegenüber zu.


    “Auf die Gesundheit des Kaisers und das die Götter ihm Kraft und Genesung schenken!“

    “Oh nein, dass ist natürlich keine Voraussetzung, nein, nein, dass ganz gewiss nicht. Ich nehme dich sehr gerne als Klienten und ich werde dir als Patron mit großer Freude bei deinen künftigen Vorhaben zur Seite stehen. Wenn das also dein Wunsch ist, dann bin ich einverstanden.“

    Als Prudentius Balbus davon sprach, wie sehr er dem praetor vertraute und das er ihm gesagt hatte, er müsse Stillschweigen bewahren, da nickte Aelius Quarto beruhigt.
    “Das war sehr umsichtig von dir. Sehr gut.“, murmelte er, in Gedanken aber wohl noch immer bei seinem Bruder in Campania.


    Doch dann schnitt Balbus ein neues Thema an und Quarto sah hoch und hörte zu.
    “Ein anderer wichtiger Punkt?“

    “Ja, natürlich, gewiss. Aber das Fliegen? Nein, nein, dass ist unmöglich. Du kennst die alte griechische Sage von Ikarus? Er stürzte ab, weil die Götter es nicht wollen. Wir Menschen können uns mühen und wir können großes erschaffen. Aber das können wir nur mit ihrem Segen und zu ihrem Wohlgefallen. Doch nichts wird gelingen, was gegen ihren Willen ist.“

    “Das sind schlechte Neuigkeiten.“, sagte Quarto bedrückt und runzelte sorgenvoll die Stirn.
    “Du vertraust Senator Decimus? Ja, warum sollte er auch etwas berichten, dass nicht wahr ist. Aber er ist sich hoffentlich auch bewusst, dass dies kein geeigneter Gesprächsstoff für die Gassen und Foren Roms ist. Das wirkliche Ausmaß der Schwäche des Kaisers muss geheim bleiben. Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass seine Krankheit zu einer Erkrankung des Staates führt. Du verstehst was ich meine?“