Die Kunde drang zu mir, schnell war mein Entschluss gefasst. Ich begab mich auf eine Reise nach Epidaurus.
Die kalte Wintersonne beleuchtete den idyllischen Ort und er hätte mir gefallen, wenn nicht der Grund meines Besuches ein wenig amüsanter wäre. Leise betrat ich in Begleitung meines Sklaven die Tempelstätte. Ich ließ mich von irgendjemanden, der mir als erstes über den Weg lief, an das Krankenbett führen und gab durch einen Wink zu verstehen, dass ich ungestört sein wollte. Mein Sklave stellte mir einen der spartanischen Stühle neben das Krankenlager und ich nahm Platz. Minutenlang saß ich schweigend, betrachtete den Mann vor mir und schweifte in vergangene und zukünftige Zeiten ab.
In vergangen Zeiten sah ich einen stolzen und klugen Mann, der hohe Ämter bekleidete. Vor etwa einem Jahr musste es gewesen sein, als ich erstmals erfuhr, dass seine Ideale sich nicht mehr mit denen der Gesellschaft deckten. Damals wusste ich nicht, dass er kein Einzelfall war. Damals war ich jung und unbekümmert. Politik interessierte mich nicht. Heute war ich noch immer jung, aber die Unbekümmertheit war fort - zu Grabe getragen von neumodischen Strömungen, die mehr und mehr Einzug in das Leben hielten - zu Grabe getragen vom Verfall der Sitten, der Tugenden und der Religion.
Vor meinem geistigen Auge blickte ich in die Zukunft und sah den Untergang des römischen Reiches. Nichts würde ihn aufhalten können. Die Stimmen der Männer, die es vermocht hätten, das Ruder herumzureißen, wurden nicht gehört. Der traditionsbewusste und von Tugenden gekennzeichnete Römer, die Patrizier, sie starben aus. Einen nach dem anderen hatte ich gehen sehen. Männer, die das Reich, die der Senat gebraucht hätte. Übrig blieb eine Welt voll Dekadenz, die diejenigen, die nicht durch die Götter gerufen wurden, selbst zur Aufgabe ihres Lebens nötigte.
Meine Gedanken fanden in die Wirklichkeit, die traurige Gegenwart zurück. Ein Lidschlag löste den Schleier vor meinen Augen. Langsam rollten die Tränen hinab. Es war nicht der Mann an sich - wir hatten uns oft nicht verstanden - es war das greifbare Aussterben der wahren Römer, was mich bestürzte. Die Welt hatte sich gewandelt und für uns Patrizier gab es hier keinen Platz.
„Mögen die Götter mit dir sein, Flavius Catus. Vielleicht gehst du in eine bessere Welt. Viele sind dir vorausgegangen, nicht mehr viele sind übrig, um dir zu folgen. Doch vielleicht weisen dich die Götter zu diesem Zeitpunkt noch zurück. Wenn dem so ist, dann gehe dorthin, wo du gebraucht wirst. Trete ein in den Senat und kämpfe für unser Recht.“
Letztmalig atmete ich den Zitronenduft der mitgebrachten Lilie ein, bevor ich sie vorsichtig auf den Körper des Kranken legte. Ich hatte eine rote gewählt, als Sinnbild für Kraft und Leben. Es war Hoffnung, die mich noch am Leben hielt. Hoffnung auf irgendeine unvermutete Wende, Hoffnung auf ein Zeichen der Götter, Hoffnung auf ein Licht inmitten all der Dunkelheit.
Lautlos erhob ich mich und winkte meinem Sklaven. Ich wollte gehen.