Beiträge von Claudia Aureliana Deandra

    Die Verblüffung musste mir anzusehen sein. Eine Aurelia und sie gehörte nicht zu meiner Familie. Tja, was tun? Ignorieren und weitergehen?
    Zögerlich entschloss ich mich zu bleiben. Vielleicht sollte ich mich ebenfalls vorstellen.


    „Mein Name ist Aurelia Deandra. Eigentlich müsste ich dich kennen …“


    Ich kam ins Stocken. Was sollte ich auch sagen? Kurz fragte ich mich, ob mein Verhalten richtig war. In Sophs Augen sicher nicht. Trotzdem blieb ich und wartete ab.

    Zurück aus Achaia wollte ich die unangenehmen Dinge möglichst schnell hinter mich bringen. Ungern war ich Überbringer schlechter Nachrichten. Deswegen war mein Klopfen sehr leise. Ich hoffte, es wurde überhaupt gehört.


    Keine Gegenwehr wegen des Begrüßungskusses. ;) Ich grinste über das ganze Gesicht.


    „Hey, ich habe dich sehr vermisst und bin froh, wieder hier zu sein. Natürlich war es bei Macer toll, keine Frage, aber leben könnte ich dort nicht. Da gibt es Leute und Tiere und Wald, so was hast du hier noch nie gesehen.“


    Bei dem Wort „Leute“ verzog ich mein Gesicht zu einer Grimasse, bei dem Wort „Tiere“ streckte ich meine Arme nach oben und umschreib einen Kreis, der das Tier nicht annähernd beschreiben konnte, was ich dort getroffen hatte, und bei dem Wort „Wald“ schaute ich gequält, denn der wollte in Germanien kein Ende nehmen.


    „Erzähl, wie ist es dir ergangen? Sind die Mädchen in Misenum vor dir sicher?“


    Ich lachte meinen Bruder an. Er hatte mir wirklich sehr gefehlt.

    Mit leerem Blick schaute ich Catus hinterher. Wieder jemand, der einen Teil meiner Kraft mit sich nahm. Wie weit würde sie noch reichen? Wo gab es Halt?


    Mit einer müden Bewegung strich ich über die schmerzende Stirn. Ich zitterte, fühlte mich leer. Längst nicht so aufrecht wie sonst ging ich der Reisekutsche entgegen. Ich spürte Sehnsucht nach Reinheit, nach Geborgenheit, nach einer unversehrten Welt. Sofort nach dem Besuch der Flavier würde ich nach Mantua reisen. Der einzige Ort im gesamten Reich, der mir das bieten konnte. Warum wurde ich nicht 500 Jahre früher geboren?!

    Nichts ist schlimmer, als sich hilflos zu fühlen. Dieses Gefühl entzieht uns die Kraft, es nimmt uns das Licht und das Lachen, reißt abgrundtiefe Löcher in unseren Weg oder baut unüberwindbare Mauern auf.


    Ich hatte gelernt, die Entscheidungen von Männern zu akzeptieren. Sie hatten ihren eigenen Kopf, auch wenn ich ihre Denkweise oft nicht verstand. Und doch … ich konnte nicht anders.


    „Catus?“ Ich schluckte. „Gibt es wirklich gar nichts, was dich aufhalten kann?“ Mir war klar, ich machte dadurch alles nur noch schlimmer. Für mich, für ihn, für diesen Augenblick … Es sollte mein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeidliche sein.

    Als ob die Tränen darauf hören würden, wenn jemand sagt, sie sollen versiegen. Im Gegenteil, meist fließen sie dann noch mehr. Mein Blick folgte seinem Hinweis, aber ich nahm die weiße Bergkuppe des Olymps nicht wahr. Der Kopf war unfähig, auch nur einen Teil seiner Worte aufzunehmen, geschweige denn zu verstehen. Ich verstand mich selbst im Moment nicht mehr.


    Wieso traf mich sein Entschluss so hart? Es musste daran liegen, weil im zurückliegenden Jahr etliche Menschen und ebenso viele Hoffnungen gestorben waren ... Antoninus, Vibullius, mein Briefkontakt Caesarion, nun Catus … Das Zittern um Sophus’ Verbleib auf dieser Seite des Styx hatte mich reichlich Nerven gekostet. So viele, dass mich selbst Macers Umzug nach Germania von den Beinen gerissen hatte. Alles in allem sehr viel für eine stark erscheinende, aber im Grunde schwache Frau. Weitere, mir nicht näher bekannte Persönlichkeiten, zogen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Es waren allesamt Streiter für ein besseres, ein römischeres Rom.


    Wen außer mir kümmerten diese Verluste? Niemanden. Sie wurden dem Willen der breiten verkommenen Masse untergeordnet. Geopfert auf einem Altar den Gelüsten neumodischer Römer, die Sitten und Anstand mit Füßen traten. Und wieder ging ein edler Römer von uns …


    Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als sich Catus umdrehte.


    „Kein Grund zum Trauern?“, wiederholte ich ungläubig. Mein Lachen klang bitter.


    Nachdem Catus seine Bitte geäußert hatte, holte ich tief Luft. Etwas konnte ich noch für ihn tun.


    „Zu Messalina und Felix werde ich gehen und das ausrichten, was du wünschst.“


    Wieder traten Tränen in meine Augen.


    „Richte Crassus, wenn du ihn triffst, einen lieben Gruß von mir aus und ebenso meinem Bruder. Sag ihnen, auch ich werde eines Tages bei ihnen weilen. Allerdings, auch wenn ich schwach bin, wird meine Kraft ausreichen, meine Füße noch sehr weit zu tragen. Fast scheint mir, als wäre ich belastbarer als manch stattlicher Mann.“

    Abrupt brach die Erkenntnis in mir durch, dass seine scheinbare Gesundung nicht gleichzeitig sein Weiterleben bedeutete. Ich war wie gelähmt, dabei hätte ich es ahnen können. Bereits meinen Bruder Titus Aurelius Antoninus verlor ich auf gleiche Art. Schreckgeweitet waren meine Augen, als ich mir den Freitod meines Bruders in Erinnerung rief. Würde Catus etwa dieselbe Hilfestellung erwarten? Warum waren Männer so gefühllos? Sollten sie nicht vielmehr Halt für uns Frauen sein?


    Keines Wortes fähig ließ ich mich am Arm nehmen und fortführen. Ohne Catus hätte ich mich keinen Digitus von der Stelle gerührt. Mechanisch setzte ich einen Fuß vor den anderen.
    Beim Barbier angelangt nahm Catus sofort Platz. Ich verlor die Stütze und ließ mich auf den erstbesten Hocker fallen. Bei seiner Frage nach den Neuigkeiten schüttelte ich den Kopf.


    „Warum sollte ich dir dein Bild vom alten Rom zerstören?“, fragte ich leise. „Wenn du dies deinen und meinen Vorfahren berichtest, sie würden für immer ihre Ruhe verlieren. Es ist eine Schande für jeden noch lebenden Römer, was aus unserem Erbe geworden ist - dass wir zugelassen haben, was daraus geworden ist.“

    Mit Freude bemerkte ich Catus’ Wandlung. „Bei den Göttern...“ Erstaunt blickte ich zwischen meiner Lilie und dem geschäftig hantierenden Mann hin und her. Es musste sich um eine ganz besondere Unterart dieses Knollengewächses handeln. Glücklich stellte ich fest, dass sich in meinem Atrium noch weitere Exemplare befanden. Warum bin ich nicht schon früher darauf gekommen, die mir wichtigen Menschen auf diese Weise ...


    Unfassbar! Ich strahlte über das ganze Gesicht, meine Tränen versiegten.


    „Täuscht mich der Anblick oder kehrst du eventuell zu deiner alten Stammeinheit zurück“, fragte ich ungläubig, als er die Ausrüstung der Cohortes Urbanae anlegte. „Wahrlich, der Tag ist heute ein besonders guter!“


    Alles ging kreuz und quer in meinem Kopf. Zunächst erhob ich mich, um nicht weiterhin wie festgenagelt Catus anzustarren.


    „Natürlich begleite ich dich hier zu einem Barbier...“ Obwohl Rom über einen ganz besonderen Meister verfügte, den Catus wohl noch nicht kannte. „... und gern würde ich gemeinsam mit dir die Heimreise antreten.


    Neues aus Rom? Oje! Catus, bist du stabil genug, dass ich dir die Wahrheit sagen kann?“


    Besorgt lag mein Blick aus dem blassen schweißgebadeten Mann.

    Groß wurden meine Augen, als ich seine Stimme hörte und erneut gaben sie den Weg für eine Tränensturzflut frei. Mein Schritt stockte, ich hielt den Atem an. Mit allem hatte ich gerechnet, damit nicht. Verstohlen wischte ich die Tränenspur von meiner Wange, bevor ich mich umdrehte.


    „Sei gegrüßt, Catus. Es ist wunderbar, deine Stimme zu hören.“ Leise kamen die Worte, doch ich war sicher, er hatte sie gehört. Mein dem Anflug eines Lächelns, näherte ich mich seinem Krankenlager, betrachtete ihn kurz und setzte mich erneut.


    „Es sei dir verziehen, dass du mich nicht anmessen begrüßt hast. Niemals habe ich Zweifel an deiner guten Erziehung gehegt.“ Ich lächelte warm. „Ich verbreite Licht und Freude? Oft höre ich das, dabei empfinde ich selbst oft Trauer. Du wirst verstehen, was ich meine.“ Nachdenklich wiegte ich den Kopf. „Vielleicht liegt es daran, weil ich mich nie mit den gegebenen Umständen abfinden möchte, weil ich für meine Ideale eintrete, weil ich bereit bin, meine Kraft anderen anzubieten - dann, wenn sie diese nötig haben. Du fragst, was mich nach Achaea geführt hat? Ist es so undenkbar, dass es dein Krankenlager war?“


    Ganz waren die Tränen nicht versiegt. Die Augen schimmerten verdächtig, aber ich lächelte tapfer.

    Die Kunde drang zu mir, schnell war mein Entschluss gefasst. Ich begab mich auf eine Reise nach Epidaurus.


    Die kalte Wintersonne beleuchtete den idyllischen Ort und er hätte mir gefallen, wenn nicht der Grund meines Besuches ein wenig amüsanter wäre. Leise betrat ich in Begleitung meines Sklaven die Tempelstätte. Ich ließ mich von irgendjemanden, der mir als erstes über den Weg lief, an das Krankenbett führen und gab durch einen Wink zu verstehen, dass ich ungestört sein wollte. Mein Sklave stellte mir einen der spartanischen Stühle neben das Krankenlager und ich nahm Platz. Minutenlang saß ich schweigend, betrachtete den Mann vor mir und schweifte in vergangene und zukünftige Zeiten ab.


    In vergangen Zeiten sah ich einen stolzen und klugen Mann, der hohe Ämter bekleidete. Vor etwa einem Jahr musste es gewesen sein, als ich erstmals erfuhr, dass seine Ideale sich nicht mehr mit denen der Gesellschaft deckten. Damals wusste ich nicht, dass er kein Einzelfall war. Damals war ich jung und unbekümmert. Politik interessierte mich nicht. Heute war ich noch immer jung, aber die Unbekümmertheit war fort - zu Grabe getragen von neumodischen Strömungen, die mehr und mehr Einzug in das Leben hielten - zu Grabe getragen vom Verfall der Sitten, der Tugenden und der Religion.


    Vor meinem geistigen Auge blickte ich in die Zukunft und sah den Untergang des römischen Reiches. Nichts würde ihn aufhalten können. Die Stimmen der Männer, die es vermocht hätten, das Ruder herumzureißen, wurden nicht gehört. Der traditionsbewusste und von Tugenden gekennzeichnete Römer, die Patrizier, sie starben aus. Einen nach dem anderen hatte ich gehen sehen. Männer, die das Reich, die der Senat gebraucht hätte. Übrig blieb eine Welt voll Dekadenz, die diejenigen, die nicht durch die Götter gerufen wurden, selbst zur Aufgabe ihres Lebens nötigte.


    Meine Gedanken fanden in die Wirklichkeit, die traurige Gegenwart zurück. Ein Lidschlag löste den Schleier vor meinen Augen. Langsam rollten die Tränen hinab. Es war nicht der Mann an sich - wir hatten uns oft nicht verstanden - es war das greifbare Aussterben der wahren Römer, was mich bestürzte. Die Welt hatte sich gewandelt und für uns Patrizier gab es hier keinen Platz.


    „Mögen die Götter mit dir sein, Flavius Catus. Vielleicht gehst du in eine bessere Welt. Viele sind dir vorausgegangen, nicht mehr viele sind übrig, um dir zu folgen. Doch vielleicht weisen dich die Götter zu diesem Zeitpunkt noch zurück. Wenn dem so ist, dann gehe dorthin, wo du gebraucht wirst. Trete ein in den Senat und kämpfe für unser Recht.“


    Letztmalig atmete ich den Zitronenduft der mitgebrachten Lilie ein, bevor ich sie vorsichtig auf den Körper des Kranken legte. Ich hatte eine rote gewählt, als Sinnbild für Kraft und Leben. Es war Hoffnung, die mich noch am Leben hielt. Hoffnung auf irgendeine unvermutete Wende, Hoffnung auf ein Zeichen der Götter, Hoffnung auf ein Licht inmitten all der Dunkelheit.


    Lautlos erhob ich mich und winkte meinem Sklaven. Ich wollte gehen.

    Die Neugierde ließ mir keine Ruhe ... „Was heißt für dich „ewige Zeiten nicht sehen lassen“?“ So als Vergleich wäre das höchst interessant. Allerdings war ich mir sicher, dass mich niemand überbieten konnte. Manchmal bedauerte ich mich selbst, aber nur manchmal.


    „Britannia ...“ Ich musste schmunzeln. "Hinterherziehen wäre für mich überhaupt kein Problem. Na ja, ich habe eben andere." War eben doch nicht bis ins letzte Detail vergleichbar.


    „Aelia, ich fürchte, ich werde langsam aufbrechen müssen. Es ist nicht zu glauben, aber auch ohne berufliche Tätigkeit habe ich niemals Zeit. Eigentlich wollte ich ja noch die Absolventen der Militärakademie sprechen, aber ich fürchte, selbst das lässt sich nicht mehr umsetzen. Ich muss nach Mantua und Misenum reisen. Tut mir leid.“


    Bedauernd zuckte ich mit den Schultern und ein ebensolcher Ausdruck lag auf meinem Gesicht.


    „Ich verspreche hoch und heilig, dass ich dich wieder besuchen komme – wenn nicht hier, dann in Germania.“

    Bei einem Bummel über den Markt entdeckte ich Agrippina. Wir hatten uns seit Monaten nicht gesehen. Um genau zu sein, seit dem Factiowechsel meiner Gens. Ich ging ihr entgegen.


    „Salve, Agrippina. Dich beim Einkaufen zu treffen, ist ungewöhnlich. Na ja, ich selbst bin ja auch höchst selten hier.“


    Schließlich entdeckte ich die junge Frau an ihrer Seite. Ich nickte ihr freundlich zu. Sie war Patrizierin wie Agrippina und ich, das hatte ich sofort erkannt. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, ich wusste nur nicht woher.

    Schuldbewusst blickte ich zum Eingang des Atriums. Ich hatte meinen Onkel einfach zurückgelassen. Um es wieder gutzumachen, stellte ich ihn zunächst einmal vor. Mutter und Vater dürften ihn kennen, doch Maxentius und Minervina mit Sicherheit nicht.

    „Schaut einmal, wen ich mitgebracht habe. Onkel ...“
    Beinahe hätte ich Manius gesagt, aber in Minervinas Beisein schickte sich das nicht. „... Eugenius ist wieder zurückgekehrt.“
    Während der allgemeinen Begrüßung wendete ich mich an Minervina.


    „Na, so eine Überraschung. Seit Monaten sind wir uns nicht über den Weg gelaufen und nun treffe ich dich hier. Was machst du denn jetzt so Schönes? Du warst viel länger als ich in Ostia.“

    Ich nickte Eugenius zu und betrat die Villa. Meine Palla reichte ich an Leone weiter. Voller Freude lief ich ins Atrium, von dort hörte ich Stimmen, ich erkannte die meines Vaters.


    „Salvete, ich habe euch alle so vermisst!“ Nach meinem Besuch Germaniens hatte ich keinen von ihnen bisher getroffen. Ich flog meinem Vater um den Hals. Wir waren unter uns, da durfte ich das. Mutter drückte ich einen Kuss auf die Wange und umarmte sie ebenfalls. Schließlich war Maxentius an der Reihe, den Begrüßungskuss abzubekommen. Ich wusste ja, dass er sich das von Mädels in passendem Alter gefallen ließ.


    Huch, und dann entdeckte ich Minervina. Für den Moment war ich überrascht. Ich hatte mich ganz ungezwungen bei der Wiedersehensfreude gegeben.
    „Salve, Minervina. Wir haben uns lange nicht gesehen“, sagte ich etwas verlegen. Ich wusste nicht, wie die anderen meine überschwängliche Begrüßung in Anwesenheit eines Gastes sahen.

    Nach einer mehrtägigen Reise kam ich in Begleitung meines Onkels in Misenum an. Ohne Umschweife fuhr die Kutsche zur Villa der Aurelier und hielt in der Zufahrt. Froh endlich angelangt zu sein, entsieg ich dem Gefährt. Während ein Sklave, der uns begleitet hatte, bereits zum Eingang ging und an der Tür klopfte, rekelte ich meine vom Sitzen sich steif anfühlenden Glieder. Etwas Bewegung könnte gut tun. Ich freute mich bereits auf Vater, Mutter und Maxentius.

    „Du meinst, Corvus ist wirklich mit Sophus vergleichbar?“


    Erstaunt über diese Tatsache zog ich die Brauen nach oben. Hm, dabei dachte ich bislang, ich hätte ein Einzelstück und zudem ein ganz ausgefallenes erwischt.


    „Hm, es klingt tröstlich, wenn du sagst, es gibt noch weitere dieser überkorrekten, in ihrer Aufgabe aufgehenden Männer. Manchmal habe ich mich schon gefragt, womit ich es eigentlich verdient habe, dass mich die Götter derart bestraften. Es gibt genug Männer, die oft bei ihren Familien sind. Nun, ich möchte keine Klette als Mann, aber irgendetwas dazwischen fände ich schön.“


    Immer noch ungläubig beugte ich mich nach vorn.


    „Er ist tatsächlich ähnlich pflichtbesessen?“ Von Pflichtbewusstsein konnte man in dem Fall nicht mehr sprechen. Kopfschüttelnd lehnte ich mich zurück.


    „Langsam finde ich es höchst merkwürdig, wie viele Parallelen wir zwei aufweisen. Wir selbst sind ähnlich, unser Schicksal war ähnlich und wir erwischen beide solche Männer. Ziemlich viele Zufälle, findest du nicht? Da fällt mir gleich eine neue Theorie ein. Frauen, wie wir, ziehen Männer wie Corvus und Sophus an und umgedreht.
    Auf jeden Fall hast du Recht. Sie haben uns eigentlich nicht verdient und ja, loskommen wir von ihnen nicht. Vermutlich wissen sie das und reizen uns bis an unsere Grenzen aus.


    Wo wäre dabei deine Grenze?“
    Ich überlegte, wo meine war. Schwer zu sagen.

    „Bis Corvus pensioniert ist?“ Ich prustete los. „Etwas alt für Kinder, findest du nicht? Obwohl … bei deinem Tatendrang bewerkstelligst du das sicherlich auch noch dann.“


    Einmal in der Lachphase drin, kam ich so schnell nicht wieder heraus. Nicht mal als die Rede auf Sophus kam. Auf Aelias Frage, ob es zwischen Sophus und mir ähnlich wie bei ihr war, erwiderte ich lachend:
    „Schlimmer, Aelia. Es ist schlimmer.“


    Eigentlich gar kein Grund zum Lachen, aber ich hatte mich inzwischen mit allem arrangiert. Mein Leben war aufregend und abwechslungsreich. Ich musste länger zurückrechnen, bis ich das letzte Treffen datieren konnte.

    „Zuletzt gesehen habe ich ihn vor fünf Monaten, das letzte Mal bestätigt bekommen, dass wir noch eine Beziehung haben, in einem Brief vor vier Monaten. Er hat einfach keine Zeit. Tja, so ist das eben. Er verlässt sich wohl darauf, dass ich ewig auf ihn warte. Ach, und wenn ich Geld so reichlich wie seine Versprechungen hätte, wäre ich die wohlhabendste Frau im gesamten Imperium.“
    :D


    Es dauerte, bis ich ernster wurde.
    „Ich gebe zu, manchmal habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, einem anderen nachzugeben. Ich erhalte viel Post, Liebesgedichte, echt schöne Sachen darunter. Sophus weiß das und nur, weil er so ein Ausnahmemann und zudem ein Aurelier ist, habe ich ihn bis jetzt noch nicht abgeschossen. Nach wie vor … er ist etwas Besonderes. Ich habe noch keinen getroffen, der an ihn herankommt. Gut, natürlich kenne ich nicht alle so genau .“ 'Und wenn ich sie kennen lernen will, stehe ich postwendend in der Acta', fügte ich in Gedanken hinzu.


    Ich zuckte mit der Schulter. Da gab es noch jemanden, der entsprach lange nicht meinem Stand. Trotzdem hatte er mich tief beeindruckt. Tja, und ohne, dass mich jemand beeindruckt … Nein, da verblieb ich lieber in meinem bisherigen Leben.

    "Sei mir nicht bös, Aelia, aber du bist eine der Letzten, die ich mir in diesem Amt verstellen kann."


    Schon wieder lachte ich bei der Vorstellung. Du meine Güte, viel Lachen soll schneller zu Fältchen führen. Das hatte mir meine Oma einmal erzählt. Ich bemühte mich um Ernsthaftigkeit, was nur leidlich gelang.


    "Lässt du dir hin und wieder römischen Besuch kommen oder reist selbst zeitweise an den Nabel der Welt, sollte man größtmöglich dieser furchtbaren Erkrankung vorbeugen können. Vielleicht sollte ich dies besagtem Scriba auch einmal empfehlen."


    Nun machte ich mir Vorwürfe, weil ich es damals versäumt hatte. Womöglich verlief die Krankheit tödlich und den armen Mann hatte es bis zu meinem nächsten Besuch dahingerafft.


    "Hm, es könnte sich jemand der in den Norden verschlagenen Römer annehmen und ihnen Zerstreuung bringen. Du wärst genau die Richtige dafür. Aber mal im Ernst, ich bin wirklich gespannt, wie du mit dem Umfeld dort zurecht kommst. Ist vielleicht nur eine Gewöhnungssache. Vermutlich wird viel davon abhängen, ob dir Corvus dabei hilft."


    Ich nickte Aelia aufmunternd zu und eine weitere Olive verschwand in meinem Mund.

    Nachdem ich langsam wieder Luft bekam - die Vorstellung einer Lehmhütte trieb mir vor Lachen Tränen in die Augen - wischte ich mir selbige vorsichtig mit einem seidenen Tuch fort. Zu dumm, wenn die dunkle Schminke deswegen verlaufen würde.


    „Aelia, jetzt merke ich erst, wie ich deine Sprüche vermisst habe. Oh, ich habe dort putzige Unterkünfte gesehen.“
    Ein erneuter Lachanfall unterbrach mich in der Rede. „Zunächst hielt ich sie ja für Stallungen, musste mich aber eines besseren belehren lassen. Glasscheiben kennt man nicht, ebenso wenig Bauten aus Stein. Lehm und Stroh, dazu ein bisschen weiße Farbe, wenn man gut situiert ist. Eins steht fest - meine Pferde sind luxuriöser untergebracht.“
    Bei diesem Gedanken angelangt, wurde ich ernster. „Die römischen Bürger haben sich richtige Häuser hinsetzen lassen. Notfalls könnt ihr ja ein neues bauen.“


    Mein Blick fiel auf Assindius. Nachdenklich betrachtete ich ihn.


    „Es ist ein armes Volk, Aelia, aber von ihrem Charakter her sind sie edel. Zumindest diejenigen, die ich kenne. Jener Scriba war kein Germane, sondern ein Römer, der offenbar von der Germanitis befallen war. Jener Krankheit, die gesunde und fröhliche Römer befällt, wenn sie zu lange der Heimat fern bleiben.“