Beiträge von Herius Claudius Menecrates

    Die Frage umkehren? Menecrates drehte die Frage um, staunte kurz, aber ihm blieb keine Zeit, länger darüber nachzudenken, weil der Kaiser weitersprach. Wie eingangs vermutet, ging es also doch um die geleistete Amtszeit. Vielleicht weniger inhaltlich, aber worum dann? Im Grunde wusste Menecrates nicht, worauf der Kaiser hinaus wollte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als frei heraus und ohne Vorbereitung zu antworten.


    "Tja, mein Urteil." Es gab ein Urteil, er musste es nur noch in die richtigen Worte fassen. "Ich habe stets gewisse Ansprüche an mich selbst - hohe Ansprüche. Gemessen an meiner Amtszeit als Aedil war ich als Praetor weniger durchschlagend erfolgreich. Wobei mir bewusst ist, dass mein Aedilat kein Maßstab sein sollte. Ich habe da faktisch jeden Stein aufgehoben und umgedreht. Lasse ich diesen Vergleich unberücksichtigt, bin ich durchaus zufrieden mit meiner Leistung. Ich habe bei meiner Kandidatur keine Reformen angekündigt, weil ich mich nicht zu den Reformern zähle, weswegen ich annehme, trotz solider Leistung nicht in den Köpfen der Römer zu verbleiben." Er schmunzelte, diesen Antrieb besaß er auch nicht.
    "Inhaltlich hat mir diese Amtszeit - wie keine zuvor - zu denken gegeben. Ein Magistrat wurde seiner Immunität enthoben. Jemand klagt gegen ihn, scheinbar nur zum Vergnügen, denn ich konnte beim besten Willen keinen ihm entstandenen Schaden erkennen, der die Klage begründete. Mir selbst wurde Befangenheit und eine Form von Korruption unterstellt, sodass ich darüber nachdachte, gegen diese Unterstellung selbst zu klagen. Insgesamt fand ich das Vorgehen von Bürgern teils aggressiv und die Bürokratie manchmal hinderlich."
    Dem ohnehin subjektiven Fazit fügte er noch an: "Meines Wissens ist der letzte vertagte Fall noch nicht verhandelt worden, was mich unzufrieden macht. Unzufrieden auch deswegen, weil ich mit gebundenen Händen zusehen muss, wie sich Abwicklungen in die Länge ziehen. Da geht am Ende für alle Beteiligten der Bezug zur Tat verloren." Vielleicht sah auch nur er das so.


    "Ein letztes Resümee habe ich für mich gezogen, weiß jedoch nicht, ob es für dich von Belang ist. Aufgaben wirken wie eine Triebfeder auf mich. Ohne einen Weg vor mir, komme ich in Versuchung, mich dem Müßiggang hinzugeben."

    Offensichtlich wollte der Kaiser nicht die vergangene Legislatur auswerten. Das machte die Angelegenheit umso spannender. Zunächst wollte Menecrates aber Faustus' Situation klären.
    "Wenn mein Sekretär dich nicht stört, würde ich es begrüßen, wenn er bleiben kann. Er war mir während der Amtszeit nicht nur eine große Unterstützung, sondern ist in den letzten Monaten zu meinem engsten Berater geworden und da ich noch nicht weiß, was du mit mir erörtern willst, könnte er genau diese Funktion im Anschluss wahrnehmen."
    Er schaute kurz zu Faustus, um zu sehen, wie der sich fühlte. In seinem bescheidenen Auftreten zeigte er sich auch oft sehr beeindruckt, aber genau diese Art brachte ihm Sympathien ein.


    "Mein Kaiser", begann Menecrates, nachdem er sich wieder umwandte. "Wie kann ich behilflich sein?"

    Tage nach den Unruhen und Tage nach der Opferung traf ein Schreiben in der Villa Claudia ein, dass Menecrates zutiefst überraschte und in gleichem Maße freute. Ein Gefühl der Dankbarkeit, dass gute Taten weitere gute Taten nach sich zogen, erfasste ihn. Dabei gehörte die Opferung an Herkules zu den Aufgaben seines Amtes und stellte mehr oder weniger eine Pflichtleistung dar. Gut möglich, dass er dies ernster nahm als andere, so wie Menecrates stets alles in besonderem Maße ernst nahm, was er anfasste. Schon möglich, dass er ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Opfertiere hatte. Ganz gewiss möglich, dass der Zeitpunkt wie kaum ein anderer für eine Opferung gegeben war.


    Doch allzu lange sonnte sich Menecrates nicht in dem Gefühl der Dankbarkeit. Er fasste einen Entschluss - wohl wissend, dass Glück sich mehrte, wenn es geteilt wurde. Er gab gern, denn er besaß viel. Und obwohl er sein Eigentum liebte, es wertschätzte und sorgfältig verwaltete, gar oft geradezu sparsam mit allem umging, so freigiebig konnte er an anderer Stelle sein, wenn er glaubte, bei anderen wahrhaftige Freude auslösen zu können.


    Mit einem zufriedenen Lächeln stand er im Peristyl. In jeder Hand lag eine Schriftrolle, doch nicht sichtbar für die Ankommenden, weil er die Arme hinter dem Rücken versteckt hielt. Ein Geschenk zu erhalten, bereitete Freude, doch um ein Vielfaches größer empfand Menecrates gerade die Vorfreude auf das VERschenken. Er konnte kaum erwarten, bis Sisenna und Faustus eintrafen. Beide hatte er rufen lassen.

    Da Antoninus seinerseits weitgehend locker mit der Verletzung umging, entspannte sich Menecrates. Sein Bedürfnis nach einem Happen stieg und so landete ein weiterer in seinen Mund. Kauend folgte er der Schilderung.
    "Da waren die Götter offensichtlich mit dir", resümierte er, als Antoninus endete. "Aber sag mal, seid ihr den Aufständischen inzwischen Herr geworden? Wie ist die Lage? Haben wir Weiteres zu befürchten oder nimmt das übliche Leben seinen Fortgang?"
    Ob daraus Konsequenzen, die Sicherheit betreffend, erwachsen würden, stand auf einem anderen Blatt und gehörte in eine Erörterung im Senat. Menecrates ging es nur um die Einschätzung aus Sicht der Stadteinheiten.

    In der Familie der Claudia gab es wenige Frauen, die Eitelkeiten in den Hintergrund stellen würden. Dass Silana zu ihnen zählte, überraschte Menecrates. Er urteilte aber über keinen, denn er sah sich selbst nicht als Maßstab. Vielleicht waren fast alle Patrizier normaler als er. SEINE fehlende Eitelkeit rührte vermutlich aus dem langen Militärdienst. Er musste aber zugeben, dass er sich oft genug von der Dekadenz vieler Patrizier abgeschreckt sah. Offiziell würde er jedoch nichts auf seinen Stand kommen lassen.
    Eine Spur von Verständnis für Silanas Handeln offenbarte sich in einem kleinen Lächeln. Dennoch - die Sorge um ihre Sicherheit überwog, weswegen er erleichtert ihre Einsicht zur Kenntnis nahm. Ihr Versprechen nahm er ihr ab.
    Silanas Reaktion auf seine Frage nach dem Versagen überraschte ihn. Noch vor Wochen wäre er davon ausgegangen, eine Auflistung vieler Gründe zu hören, heute jedoch ereilte ihn eine Umarmung und ein fester Druck. Er wirkte für einen Atemzug hilflos, während ihm die Rührung einen feuchten Schimmer in die Augen trieb. Dann legte er seinerseits die Arme um die zarte Frau und streichelte ihr den Rücken.

    "Habe ich mich verändert? Die erste Zeit nach deiner Ankunft sah es für mich aus, als mache ich sehr viele Fehler." Er entließ Silana noch nicht aus der Umarmung, weil er sich der glänzenden Augen schämte. Stattdessen arbeite er daran, die Ergriffenheit zu bezwingen.

    Obwohl eine Narbe keinen Grund zum Schmunzeln darstellte, musste Menecrates genau dies tun. Es lag an der Formulierung. Antoninus erwähnte seine Zufriedenheit mit der neuen Aufgabe und die Narbe in einem Atemzug. Menecrates' Blick folgte der Handbewegung seines Klienten und blieb an der Wunde haften. Das Schmunzeln verschwand.

    "Das sieht nicht ungefährlich aus. Wie ist es denn dazu gekommen?“ Menecrates hörte auf zu kauen. Sein Appetit verringerte sich schlagartig.
    Nur auf die letzte Bemerkung wollte er noch kurz eingehen, bevor er interessiert zuhörte.
    "Die Verbesserung von Wohnverhältnissen ist sicherlich leichter zu ertragen als eine Verschlechterung. Aber ich will gerne glauben, dass jede Veränderung zunächst eine zeit der Gewöhnung zur Folge hat.
    Jetzt wüsste ich aber gern die näheren Umstände, wie es zur Verletzung kam.
    "

    Die Abwicklung an der Wache ging zügig und kurz darauf standen Menecrates und sein Sekretär in der Aula. Noch bevor der Claudier mit Faustus klären konnte, ob der lieber draußen warten wollte, traf der Kaiser ein.

    "Ave, mein Imperator"
    , grüßte Menecrates. "Du hast mich um eine Rücksprache gebeten, zu der ich, da ich nicht wusste, wie gefragt Unterlagen und Erinnerungen sind, meinen Sekretär mitgebracht habe. Er verfügt über ein unglaubliches Gedächtnis. Darf er bleiben oder soll er gehen?"

    Wegen dem aufkommenden mulmigen Gefühl in der Magengegend nahm Menecrates sicherheitshalber Platz. So bewahrte er sich vor einem eventuellen Versagen der Beine. Da sich seine Kehle verengt anfühlte, sparte er sich jedes weitere Wort und schaute Silana nur auffordernd an.

    Die Spannung stieg, weil seine Enkelin anfangs nur stammelte. Endlich kam ein klarer Satz, den Menecrates zunächst in seiner Bedeutung nicht verstand, weil er anderes erwartete. Entsprechend verdutzt schaute er. Als weitere Erklärungen zum Inhalt der Beichte folgten, kam ihm die Erleuchtung. Er schüttelte den Kopf, blickte zu Boden und musste schmunzeln. Der befürchtete Kelch war noch einmal an ihm vorbeigezogen. Er musste sich zur Ernsthaftigkeit zwingen, als er aufsah, damit seine Erleichterung nicht erkennbar wurde.

    "Seit wann besitzt du denn diese soziale Ader?", fragte er und befand sofort, dass dies nicht der richtige Einstieg war. Der Gedanke, dass Silana gegen seine Anordnung verstoßen hatte, half ihm, in der Folge überlegter zu reagieren.
    "Die Tatsache, dass du sofort zu mir kommst, honoriere ich. Mehr als Ungehorsam verabscheue ich Unehrlichkeit. Ich möchte meiner Familie vertrauen könne und zwar jedem." Das bedeutet auch, dass er Silana wegen ihrer Offenheit nun nicht rügen durfte. "Ich hoffe, du siehst ein, dass du dich in Gefahr gebracht hast." Er versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen, ob sie das einsah. "Und ich hoffe, dir ist bewusst, dass du daran arbeitest, deinen Großvater vorzeitig an den Styx zu bringen."
    Zugegeben, die größere Schockvorstellung stellte vorhin noch eine verfrühte Schwangerschaft dar, aber Silanas Ausflug - vorzeitig bemerkt - hätte ihn ebenfalls extrem gestresst.

    "Mach sowas nicht noch einmal, Silana. Sprich vorher mit mir." Er merkte, dass diese Lösung ihn nicht entlasten, sondern über längere Zeit besorgt sein lassen würde. Er seufzte. Wie er es drehte, in Erziehungsfragen versagte er immer wieder und oft vollends. Sein Blick ruhte auf den ebenmäßigen Zügen seiner Enkelin.

    "Was mache ich falsch?", fragte er, ohne nachzudenken. Der Gedanke entstand und rutschte ihm heraus.

    Sim-Off:

    So sorry, das habe ich heute nur durch Zufall entdeckt. 8o


    Menecrates zeigte sich erfreut, den Iulier zu sehen.
    "Salve Antoninus! Er freut mich, wenn du dich freust", erwiderte er freundlich. "Natürlich beweist mir dein Äußeres auch, dass die Mühen sich lohnen, beim Kaiser vorzusprechen. Einen Garat für das Gelingen gibt es ja nie, umso mehr freue ich mich, dass du dort angekommen bist, wo ich dich gerne sehen wollte. Und natürlich wirft deine Stellung in der Gesellschaft ein gutes Licht auf mich zurück."


    Er nickte zur Bestätigung, wies in Richtung eines Stehtisches und lud zu einem Happen zwischendurch ein.
    "Da du jetzt wieder in Rom stationiert bist, würde ich natürlich gerne auf deine Anwesenheit bei Prozessionen zurückgreifen. Ich lasse es dich stets wissen, wenn ich dich gern im Zug meiner Klienten ganz vorne sehen möchte."
    Er griff nach einem Stückchen Brot, das ihm den am heutigen Tag säuerlichen Geschmack aus der Magengegend mildern sollte. Im Laufe des Lebens kamen doch die einen oder anderen körperlichen Unleidlichkeiten hinzu, auch wenn er das offiziell weitgehend leugnen würde.


    "Aber erzähl, wie gefällt dir dein neuer Posten. Hast du dich schon gut in der privaten Casa und das Lagerleben eingelebt?"

    Er schmunzelte über die ungekünstelte Bescheidenheit seines Sekretärs, mit der er alles für ihn Neue und Beeindruckende annahm. Ein angenehmer Charakter, stellte Menecrates wiederholt fest, überging aber dieses Thema.
    "Ich bin nicht sicher", antwortete Menecrates. "Ich erwartet entweder einen privaten gehaltenen Rückblick auf die Amtszeit wegen der Klagen, deren Potential teils deutlich aggressiver als bislang ausfiel." Er wiegte den Kopf. Vielleicht folgte diesbezüglich sogar Kritik, aber diesen Gedanken schob er zunächst fort. "Oder aber der Kaiser hat Pläne mit mir, die er besprechen möchte."


    Sein Blick suchte den Wachmann, damit er nicht länger als nötig an der Palastwache verweilen musste.

    Menecrates' Aufmerksamkeit blieb bei seiner Enkelin, die - ungewöhnlich genug - zunächst kaum Worte fand. Er korrigierte sie auch nicht, weil sie seine Frage verkehrt aufgefasst hatte. Er fragte nach einem Verfolger, nicht ob sie selbst jemand verfolgte. Als sie von einer Beichte sprach, wurde er vollends hellhörig. Er beherrschte sich, die Augen vor Schreck ein wenig zu weiten und befürchtete schon, mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen zu haben.
    'Bei den Göttern, bloß keine Schwangerschaft', flehte er insgeheim, bevor er sich an seinen Sekretär wandte.


    "Faustus, wir führen unsere Unterhaltung ein anderes Mal weiter. Ich werde hier gebraucht." Dabei zweifelte er nicht am Verständnis seines Sekretärs für die Situation. Allerdings vergaß er auch, ihn Silana vorzustellen, weil ihm ein wenig der Schreck in den Gliedern saß.


    Er wartete, bis Faustus das Zimmer verlassen hatte, dann wandte er sich an Silana. Er kam ein paar Schritte auf sie zu und fragte: "Wir verschieben nichts Wichtiges auf später. Also, was ist nicht so schlimm, dass du es mir auch später hättest beichten wollen?" Die Leichtigkeit der Worte verhüllte nur bedingt die dahintersteckende Sorge.

    Auf dem Weg zum Palast gingen Menecrates verschiedene Gedanken durch den Kopf. Bislang wusste er immer, was ihn im Palast erwartete. Mal initiierte er die Vorsprachen selbst, mal wurde er für Beratungsaufgaben herbestellt. Heute jedoch wusste er nicht, was Thema der Audienz sein würde.
    Sein Sekretär Faustus begleitete ihn, ebenso einige Klienten und Wächter.


    Am Tor angekommen, schickte er seinen Leibsklaven vor, der den Wachmann begrüßte und die Einladung reichte.


    "Worum wird es wohl gehen?", fragte er beiläufig, bevor er Faustus anblickte.

    Insgesamt zeigte sich Menecrates zufrieden mit der Antwort. Er dachte in Teilen ähnlich.


    "Uns wurde demonstriert, dass scheinbar Unmögliches wahr gemacht werden kann. Ich denke auch, wir sollten den Norden im Auge behalten, denn Nachahmer finden sich immer, wenn sich Möglichkeiten bieten." Ob gerade Vala der geeignete Mann für diesen Zweck im Norden war, bezweifelte Menecrates zwar. Dessen Charakter war ihm suspekt.


    Fortan widmete sich Menecrates wieder dem Mahl. Er wollte nicht das Gespräch an sich reißen, denn im Mittelpunkt sollte nach wie vor Marcellus stehen.
    Für diejenigen unter den Gästen, die bereits auf den abschließenden Gang warteten, ließ der Hausherr süße Gerichte kredenzen - verschiedenste Backwaren und natürlich Obst. Er selbst griff zu den Nüssen, die ihm weitaus wohlschmeckender erschienen. Übertriebene Süße lehnte er ab.

    Menecrates nickte, denn auf Nachfrage würde er natürlich Einzelheiten preisgeben, auch wenn er dies lieber Scato selbst überlassen hätte.
    "Ich erläutere gern den Fall. Und keine Sorge, verheimlicht werden sollte hier nichts, denn dann hätte ich gänzlich schweigen müssen. Ich gehe vielmehr stark davon aus, dass der Betroffene in der eigenen Berichterstattung die Klage erwähnen wird."
    Menecrates blickte vom Kaiser zu Scato und wandte sich anschließend an die breite Zuhörerschaft.

    "Die von mir angesprochene Klage richtete sich gegen den Aedilis Curulis Caius Flavius Scato. Ihm wurde vorgeworfen, an das Volk verteilte Spenden anlässlich seiner erfolgreichen Wahl über einen gesetzwidrig langen Zeitraum zur Verfügung gestellt zu haben. Genau genommen bis nach seiner Vereidigung und in das erste Drittel seiner Amtszeit hinein.
    Zeitlich gesehen ist das Vergehen erheblich."
    Er machte eine Pause, weil er annahm, dass der eine oder andere nachrechnen und möglicherweise den folgenden Ausführungen dann nur abgelenkt folgen würde.


    "Aus meiner Sicht, und darauf ruht meine Entscheidung, ist es das aber weder inhaltlich - wir sprechen hier von einer wohltätigen Handlung - noch von den Umständen her. Flavius Scato erläuterte mir glaubwürdig, dass er die Waren schlicht vergessen hatte und diese nicht mit Vorsatz über die Frist hinaus anbot.
    Der Kläger, der mir keinen eigenen erlittenen Schaden benennen, geschweige nachweisen konnte, berief sich auf den § 112 Rechtsbeugung. Den Tatbestand habe ich nicht erfüllt gesehen, weil dazu ein Magistrat des Cursus Honorum innerhalb seines Amtes und aus einem Vorsatz heraus zugunsten oder zum Schaden einer Partei hätte handeln müssen. Flavius Scate stellte die Spenden jedoch noch als Privatmann zur Verfügung. Ich erachte auch das öffentliche Interesse an einer Untersuchung in diesem Fall für zu gering, um diesbezüglich eine Klage anzunehmen.
    Was ich allerdings gesehen habe, ist eine Rechtsverletzung der Lex Mercatus, weswegen ich die Angelegenheit nicht geschlossen, sondern in die Hände der Aedile abgegeben habe."


    Er blieb vorerst stehen, falls weitere Nachfragen kamen.

    Die Entschiedenheit, mit der Faustus eine eigene senatorische Laufbahn ausschloss, überraschte Menecrates zwar, aber er nahm sie hin, ohne sie in Frage zu stellen. Die Ziele der Bürger konnten nicht alle identisch sein, so viel stand fest. Klar wurde immerhin, dass Faustus gern in einem Angestelltenverhältnis stand und nicht so gern die Bürde eines hohen Amtes anstrebte. Mit einer Last und Belastung ging tatsächlich jedes Amt und jeder hohe Posten einher, aber auch mit Eigenverantwortung und der Möglichkeit mitzugestalten. Trotzdem besaß das Consulat eine erhöhte Hemmschwelle auch für Menecrates.


    "Was mich daran hindert?", wiederholte er lächelnd die Frage seines Sekretärs. "Manchmal kommt es mir vor, als lässt meine Aufmerksamkeit nach. Ich arbeite nicht mehr ganz so fehlerfrei und präzise wie vor Jahrzehnten. Der eine oder andere überflüssige Patzer ist mir in der letzten Zeit passiert. Nichts Gravierendes, trotzdem - das grämt mich und macht mich unzufrieden." Wie gesagt, er fühlte sich unschlüssig und folgte gern dem neuen Thema.
    Er ließ Faustus' Gedanken zu den Verleumdungen wirken, bevor er antwortete. Nicht in allem teilte er dessen Meinung, aber er schätzte sie. Warum er sie nicht teilte, mochte an seiner gutgläubigen Grundhaltung liegen, denn trotz vieler Querschläge hatte sich die im Laufe seines Lebens kaum geändert.
    "Wenn ich dich richtig verstehe, erwartest du, ganz gleich, was ich unternehme oder auch nicht unternehme, dass mir diese Angelegenheit wieder auf die Füße fällt." Er dachte kurz nach, dann fügte er an: “Vielleicht sollte ich den Rat der Sibylle einholen. Früher galt ihre Weissagung vielen etwas. Heute habe ich den Eindruck, keinen interessiert diese Seherin mehr, die Schicksale ergründen kann.“ Er reiste gedanklich in die Vergangenheit und blickte dabei aus dem Fenster.


    Plötzlich öffnete sich die Tür und Silana stand im Raum. Während Menecrates zurück in die Gegenwart fand, ruhte sein Blick auf seiner Enkelin. "Na, wer verfolgt dich denn?", fragte er schmunzelnd und auch etwas verwundert über die Aufmachung. Dann wurde ihm klar, wie geschmacklos seine Frage war in Anbetracht der Flucht vor Tagen. Trotzdem besaß die Situation auch etwas Komisches. Silana erinnerte ihn an die Kaiserin, die vor Monaten ähnlich zerzaust in eine Audienz platzte. Hoffentlich verkündete Silana nicht auch eine Schwangerschaft.

    Menecrates sah über die angespannte Haltung des Flaviers hinweg und musste sogar kurz auflachen über dessen Bemerkung zum anstehenden Bericht über die vergangene Amtszeit. "Jah! Zu beneiden bist du wahrlich nicht", kommentierte Menecrates. "Selbstverständlich kannst du bleiben", fügte er an, während Sassia bereits tätig wurde. Er leistete sich ihre Hilfestellung und lehnte sich erleichtert zurück. Alle außer ihm schienen weitgehend kraftvoll zu sein. Das konnte an seinem Alter liegen oder an der Tatsache, dass er nicht nur für sich, sondern für ihm Anvertraute Verantwortung trug und Entscheidungen unter Zeitdruck treffen musste. Nicht zuletzt die Ungewissheit und Sorge um Sassias Verbleib und Silanas Unfall zehrten ihn aus. Ob Flavius wohl darüber nachgedacht hatte, als er Sassia ohne Menecrates zu informieren von ihrer Familie abtrennte? Wie schwer Verantwortung trug, merkte man erst in Momenten wie diesen.

    Er nickte, als Sassia erwähnte, sie wollte sich später auch noch um Sisenna kümmern würde. Bei der nachfolgenden Ursachenforschung für die Katastrophe blieb Menecrates lange stumm, weswegen auch Fautus zuvor noch zu Wort kam. Sein Sekretär teilte Sassias Entrüstung und Auffassung, dass Fehler vorliegen müssten.

    Obwohl müde, zwang sich Menecrates zu einer Antwort. "Als du mir von deinen Beobachtungen berichtet hast, habe ich dem wenig Bedeutung beigemessen. Schließlich haben wir die Stadteinheiten, die uns den Rücken freihalten, während wir unserer Arbeit nachgehen." Er strich sich über das Kinn und anschließend über die Stirn. Niemand wusste, wie groß diese Angelegenheit noch Kreise zog. Jeden beschäftigte anderes. Wenn die Suche nach den Schuldigen die Kinder entlastete, dann hatten sie Menecrates Segen. Er widmete sich jedoch eher der Zukunft als der Vergangenheit. "Wir sollten unsere Vorräte kontrollieren."

    Solange Faustus über sich sprach, musste Menecrates nicht über seine Pläne nachdenken, was ihn in gewisser Weise entlastete. Er hörte gerne zu und lernte seinen Sekretär dabei besser einzuschätzen. Als Faustus seine Ausführungen beendete, trat ein Schmunzeln in Menecrates Züge.
    "Der Posten eines Curators ist für dich im Bereich der Möglichkeiten", erwiderte Menecrates, wiegte den Kopf und fügte an: "in ein paar Jahren. Um so ein Amt zu bekleiden, müsstest du zunächst die Senatorenlaufbahn beschreiten und Senator werden. Liegt dir daran, kann ich dich fördern." Er blickte mit erhobenen Augenbrauen, was ihm einen fragenden Gesichtsausdruck verlieh.


    "Was mich betrifft, ich könnte alternativ auch ein Consulat ins Auge fassen und mich darauf vorbereiten." Die Unschlüssigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben, da er sich nicht bemühte, in den eigenen vier Wänden und in Gesellschaft Vertrauter eine Maske zu tragen. "Wüsste ich, was ich tun soll, könnte ich sagen, welche Aufgaben dich bei mir erwarten." Er zuckte mit der rechten Schulter.
    "Ich weiß nicht, warum mich die Götter mit Unentschlossenheit strafen. Ich schiebe auch noch immer die Entscheidung vor mir her, ob ich gegen den Verleumder, diesen Advocatus, klagen soll. Erinnerst du dich?"

    Ich würde die Verlängerung der Amtszeiten und Auszeiten nicht begrüßen, obwohl ich sicherlich das Paradebeispiel dafür bin, dass teils Jahre zwischen zwei Amtszeiten liegen können. Das wäre auch nicht der ablehnende Grund. Mich persönlich würde die lange Zeit der Verpflichtung abschrecken, da ich den Anspruch an mich habe, die drei Monate Amtszeit täglich online und aktiv zu sein.
    Außerdem hätte ich die Befürchtung, dass Spieler, die anders als ich ticken, einfach ihre Gesamtaktivität unterm Strich auf die mehr Monate verteilen. Das ist, wenn ich es richtig verstanden habe, eure Intension, aber ich würde dann längere Wartezeiten für die jeweiligen Spielpartner befürchten, was das Spiel sicherlich nicht ankurbelt.


    Vier Monate fänd ich noch tragbar, sofern andere Spieler (die anders als ich ticken) dies als Entlastung empfinden, aber sechs Monate finde ich als Sprung arg viel.

    Als Sassia das Atrium betrat, stand die Freude in Menecrates‘ Gesicht geschrieben. Um sich zur Begrüßung zu erheben, fehlte dem alten Claudier aber die Kraft und zusätzlich die Zeit, denn Sassia kam auf ihn zugeflogen. Er breitete die Arme aus und fing sie auf.
    "Du hast mir noch zu meinem Glück gefehlt", murmelte er in ihr Haar, während er sie fest drückte. Da nun alles unter Kontrolle schien und sich jede ihm wichtige Person innerhalb dieser Mauern aufhielt, wollte mit der Erleichterung auch das letzte bisschen Kraft aus ihm weichen. Er spürte, wie seine Arme schlapp wurden, konnte aber nichts dagegen tun. Solange er funktionieren musste, trieb ihn ein innerer Motor. Der allerdings drohte, durch Sassias Eintreffen abgeschaltet zu werden. Die körperliche Erschöpfung hielt sich dabei in Grenzen. Ihm machte die emotionale Anspannung zu schaffen, unter der er seit Stunden stand.
    Sassias Frage fungierte wie neues Brennmaterial, denn schließlich wollte er ihr antworten.

    "Körperlich sind alle unversehrt", erwiderte er, um die größte Sorge zu nehmen. Dabei strich er ihr über den Kopf. "Sisenna und Silana haben aber offensichtlich sehr mit der Verarbeitung von Eindrücken zu tun. Sisenna habe ich ärztlich untersuchen und auf ihr Zimmer bringen lassen. Silana habe ich Sabinus' Fürsorge anvertraut, als ich mich hier hätte vierteilen müssen, um allen gerecht zu werden." Er blickte sich um, ob Silana mit Sabinus und Aurelia bereits in Richtung Garten aufgebrochen waren oder nicht. Dabei fiel sein Blick auf Scato.

    "Das waren mal Spiele der anderen Art", witzelte er, wenn auch schwach. Die Kraft fehlte, um Scato darauf hinzuweisen, dass er mit dessen Eigenmächtigkeit Sassia betreffend, nicht einverstanden war. "Deine Spiele werden als Novum gelten, weil sie die Zuschauer aktiv mit einbezogen haben."