Auch wenn sie die Aktenarbeit zu schätzen wusste, irgendwann war genug damit - und in so manchem Augenblick beneidete sie ihren Scriba durchaus, dem nun eine Reise nach Mantua anstand. Eigentlich hätte sie diese Reise gern selbst gemacht, aber es hätte reichlich seltsam ausgesehen, hätte sie die Stadt in den Händen ihrer Untergebenen hinterlassen, um sich selbst dem Vergnügen einer Reise nach Mantua zu widmen. Zudem hätte sie dabei dem Duumvir Mantuas einen Besuch abstatten können, aber nun, das würde sich ein anderes Mal ereignen müssen - wenn sie die Zeit dazu hatte, in Ruhe zu reisen. Mantua hatte ihr gefallen und für ein oder zwei Wochen wäre es sicher kein schlechter Ort, um etwas zu entspannen.
Mit einem kleinen Leinenbündel in der linken Hand, in dem sich ihre Mahlzeit und ein Krug Wasser befanden, machte sie sich auf den Weg und schlenderte von der Curia Ostiae in die Richtung der Stadtmitte, ließ das Forum hinter sich und steuerte den langen Strand der Stadt an, an dem sich um diese Zeit gern die Bürger, aber auch Handwerker für ihr Mittagessen sammelten. An so manchem kam sie vorüber, nickte freundlich und erntete auch einige höfliche Grüße, denn inzwischen hatte sich herumgesprochen, dass diese Frau die Magistrata der Stadt war. Ab und an wurde sie auch von einem Bürger auf ihrem Weg zur Curia angehalten und etwas gefragt, aber heute behelligte sie niemand, anscheinend waren die meisten auch mit ihrem Mittagessen beschäftigt. Sie suchte sich einen freien Teil des Strandes aus, ein wenig Abstand zu den Bürgern einnehmend, und breitete die mitgebrachte, dünne Decke aus, auf der sie sich niederließ und das Meer betrachtete.
Die letzten Jahre hatte sie es nie so oft gesehen wie nun, und die Weite und Ferne des Horizontes hatte etwas sehr fesselndes für sie. Es gefiel ihr, die Gedanken schweifen zu lassen und dem Rauschen der Wellen lauschen zu können, als gäbe es nichts anderes auf der Welt als diese Weite, dieses ewige Hin und Her der Wellen, den beständigen Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Sie mochte das Meer, auch wenn sie auf Schiffen oft seekrank wurde, sobald es rauher zuging. Es roch so sehr nach einer Freiheit, die man nicht mit Worten fassen oder mit Händen greifen konnte ... manchmal beneidete sie die Seeleute sehr, die einfach fortfahren konnten, in ein Abenteuer, in eine fremde Welt, die sie erst entdecken konnten. Leise seufzend wickelte sie die Schale mit Bohnenbrei aus, die sie sich an eine Garküche gekauft hatte und betrachtete die breiige Masse wenig begeistert. Aber es machte satt und nach ihrer kleinen Pause würde sie noch viel Arbeit vor sich haben. Lächelnd folgte sie mit dem Blick einer über dem Meer tanzenden Möwe und wünschte sich für einen Moment lang, ebenso Flügel zu besitzen ...
wer mag, der darf