• Aus einem zaghaften Lächeln wurde ein deutlich sichtbares und schließlich ein ganz großes, als nach der ersten Umarmung die Begrüßungsworte erklangen. Ich legte die Arme behutsam um meine Schwester, traute mich kaum zu drücken, tat es dann aber doch, und empfand dabei ein Gefühl innerer Wärme. Irgendwie folgte ich wie im Trance zu den Sesseln und ebenso unbewusst nahm ich Platz.


    Und wieder lächelte ich, als die Sprache auf die "große Schwester" kam. "Ich hoffe, ich bin in dieser Rolle nicht allzu ungeschickt, denn ich habe zum ersten Mal im Leben Schwestern. Für mich ist das ein großartiger Gewinn, denn auch wenn ich meine Brüder, auch ..." Ich fasste mich an die Stirn und senkte kurzzeitig den Kopf. "Ich vergesse noch oft, dass sie nicht mehr meine Brüder sind", erklärte ich recht verzagt, fuhr dann aber weiter fort: "Ich denke einfach, dass ich mit Schwestern andere Dinge teilen kann als mit Brüdern. Das wollte ich sagen."


    Trotz aller Freude und trotz des lieben Empfangs von wirklich jedem der bisher getroffenen Claudier, war mir anzusehen, dass die Wehmut über den Verlust der einstigen Familie noch in meinem Herzen saß.

  • Epicharis schmunzelte und meinte gehört zu haben, dass Deandra doch auch in der Aurelia Geschwister gehabt hatte. Doch ehe sie etwas entsprechendes erwidern konnte, sprach Deandra schon von ihren Brüdern. Sie konnte es nicht nachvollziehen, aber verstehen, dass ihre neue Schwester etwas wehmütig an ihre Brüder dachte. An die Brüder, die sie durch die Adoption nun verloren hatte. Die Trauer darüber, diese brüder nun verloren zu haben, stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, sodass Epicharis gar nicht anders konnte, als ihrer großen Schwester nun Trost zu spenden, indem sie ihr sachte eine Hand auf den Unterarm legte.


    "Liebe Schwester, ich kann nicht davon sprechen, dass ich wissen würde, wie es ist, aber ich kann dein Empfinden verstehen. Deine Brüder werden auch jetzt noch deine Brüder bleiben. Immerhin haben sie dich durch all deine Lebensjahre hindurch begleitet. So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber. Ich bin mir sicher, dass sie das genauso sehen werden. Pass auf, sie kommen dich ganz sicher oft besuchen. Wie viele Brüder hast du denn? Ich habe nur eine...nein halt, wir haben nur noch eine kleine Schwester, Prisca."

  • Als ich die Hand auf meinem Arm spürte, lächelte ich dankbar. Ich kam mir in meiner neuen Familie so verloren vor, weil ich ja kaum jemand kannte und die rechtlichen Beziehungen noch gänzlich ohne ein Gefühl der Zugehörigkeit waren. Zudem schmerzte der Verlust, den ich vermutlich konsequenter als nötig beurteilte.


    „Vor dem Gesetz habe ich keine Brüder mehr, aber vielleicht sollte ich diese Tatsache wirklich nicht überbewerten. Ich bin als ihre Schwester aufgewachsen und kein Gesetz der Welt kann das rückgängig machen. Bande dieser Art sind nicht auslöschbar, auch nicht durch einen so folgenschweren Schritt wie eine Adoption. Verliebe dich bloß nicht in einen Verwandten“, rutschte es mir heraus, ehe ich darüber nachdenken konnte, welche Konsequenzen diese Offenlegung mit sich bringen würde.


    „Ich habe eine ganze Reihe von Brüdern gehabt: Zwei sind allerdings nicht mehr diesseits des Flusses, ich habe ihre Bestattung ausgerichtet. Manche weilen außerhalb Italias, aber mein jüngerer Bruder Corvinus lebt in Mantua.“


    Ich lächelte bei dem Gedanken an ihn, denn wir hatten uns immer gut verstanden. Nur eben die letzte Begegnung war unerfreulich verlaufen.


    „Von Prisca habe ich schon gehört, aber ich kenne sie nicht. Inzwischen kommen aber immer mehr Familienmitglieder hinzu, die mir mehr als nur vom Namen her bekannt sind: Du, mein Vater und Onkel Arbiter kenne ich auch.“

  • "Ganz recht so", bestätigte Epicharis nickend und mit einem Lächeln auf den Zügen, als Deandra sagte, dass ihre Brüder stets ihre Brüder bleiben würden. Der letzte Satz allerdings ließ sie erstaunen, was sie einigermaßen gut verbarg. Sie nahm sich vor, nicht jetzt danach zu fragen, sondern noch etwas zu warten damit, bis ihre neue Schwester sich einigermaßen eingelebt hatte und Vertrauen aufbauen konnte. Wäre sie an Deandras Stelle gewesen, so hätte sie ihrer neuen Schwester auch nicht verraten, um wen es sich handelte. Dass dieser Jemand allerdings der Grund für die Adoption war, war nun wirklich nicht schwer zu erraten.


    Als Deandra weiter sprach, machte Epicharis ein mitfühlendes Gesicht.
    "Ich könnte mir nicht vorstellen, meine liebe kleine Schwester Prisca zu Grade zu tragen. Mir würde das Herz brechen. Du musst eine starke Frau sein, Deandra! Du hast Prisca noch nicht kennen gelern, aber sie wird sich ganz bestimmt freuen, nun nicht mehr nur unter mir leiden zu müssen", sagte Epicharis und zwinkerte ihr zu.


    "Deinen Bruder musst du mir unbedingt einmal vorstellen. Mache dir keine Gedanken, du wirst die Claudier auch alle kennen und schätzen lernen. Jeder hat eine besondere Art. Vater ist sehr engagiert in der Legio Prima, Prisca ist derzeit etwas unschlüssig, was ihre Zukunft anbelangt, Dolabella ist ein Wirbelwind, Marcellus ein sehr charismatischer Mensch - und ich selbst rede zu viel, wie mir gerade eben wieder auffällt..."


    Epicharis lächelte breit und musterte Deandra mit schräg gelegtem Kopf. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht besagte, dass sie das alles nur halb so ernst meinte, wie sie es sagte - und dass sie sich durchaus darüber freute, eine neue Schwester bekommen zu haben.


    "Du leitest das Gestüt, dass die Pferde der Aurata hervorbringt, nicht? Ich würde es gern einmal besuchen. Pferde sind wunderbare Wesen. ich verrate dir ein Geheimnis, aber du musst versprechen, es nicht Vater zu sagen..." begann Epicharis normal und endete in verschwörerischem Flüsterton, wobei auch die umschauenden Blicke und das Näherrücken an Deandra nicht fehlten, um dem Geheimnis die nötige Umgebung zu verschaffen.

  • „Ich weiß wirklich nicht, ob ich eine so starke Frau bin“, erwiderte ich auf Epicharis Feststellung hin. „Vor allem die erste Bestattung liegt mir noch stark in Erinnerung, denn sie hat meine heile Welt zum Einsturz gebracht. Es ist, als stirbt auch etwas in dir, man kann sich nie wieder vollständig davon erholen.“
    Für Momente drifteten meine Gedanken in die Vergangenheit ab. Damals war mehr als der Glaube an Gerechtigkeit, an Schutz und Wohlwollen der Götter und die unerschütterliche Sicherheit innerhalb der Familie gestorben.


    „Mit einem Schlag bin ich erwachsen geworden“, stellte ich aus diesen Gedanken heraus fest. „Lange war mein Lachen verschwunden und selbst jetzt … Ich kann behaupten, seither von einer Ernsthaftigkeit betroffen zu sein, die mich um Jahre älter erscheinen lässt als ich es eigentlich bin. Jede Bestattung danach gräbt die Wunden tiefer ein, auch wenn mich nichts mehr wie die erste erschüttern kann.“


    Unnötiger Weise betrachtete ich meine Hände, merkte es aber nicht einmal, weil das Thema so vollkommen ungeeignet war, mich von der an sich schon schwierigen Situation des Familienwechsels abzulenken – es verstärkte eher noch das Gefühl von Verlust und Hilflosigkeit. Bloß an was anderes denken … Epicharis hatte zum Glück auch bereits ein neues Thema zur Hand: Ihre Schwester Prisca. Natürlich musste ich schmunzeln, als sie erklärte, Prisca würde sich freuen, jetzt nicht mehr nur unter ihr leiden zu müssen. Ich würde mich also überraschen lassen, was Epicharis damit wohl gemeint haben könnte.
    Anschließend folgte ich den kurzen Beschreibungen einiger Claudier. Natürlich würde ich meiner neuen Schwester meinen Bruder einmal vorstellen, daher nickte ich eifrig.


    „Ich bin gespannt, wie ihr euch versteht. Aber du musst aufpassen, er ist ein rechter Eroberer: Egal wo du hinblickst, er scheint überall Frauen zu kennen. Selbst in Germanien habe ich eine getroffen.“


    Mit einem viel sagenden Blick nickte ich meiner Schwester zu.


    „Auch ein Besuch bei den Pferden lässt sich arrangieren. Und ja, es stimmt: Das Gestüt Aurelia …“ Ich stutzte kurz. Konnte der Name denn überhaupt so bleiben? „Ja, also, ich leite den Zucht- und Rennbetrieb, natürlich mit Unterstützung etlicher Angestellten. Die italischen Gespanne stammen aus unserem Betrieb.
    Ein Geheimnis?“


    Ich lächelte und rückte nun meinerseits näher. „Bist du etwa einmal unschicklich in der Öffentlichkeit geritten?“ Nun kicherte ich und gedachte zurückliegender Erinnerungen.

  • Da Epicharis ein solches Gefühl nicht kannte, zum Glück, sah sie Deandra nur von ehrlichem Mitleid erfüllt an und versuchte den Eindruck zu vermitteln, dass es ihr ehrlich leid um ihre Brüder tat, auch wenn sie sie nicht gekannt hatte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es sein musste, doch es gelang ihr nicht. So schwieg sie denn bedrückt und sagte nichts weiter dazu. Deandras Worte waren auch so schon einprägsam genug, ohne ihre eigenen unerfahrenen Bemerkungen zu diesem Thema. Glücklicherweise wechselten die Frauen bald das Thema und kamen auf Deandras Bruder zu sprechen.


    "So? Wenn er gut aussieht, scheint er damit auch Erfolg zu haben, oder?" stichelte Epicharis und schmunzelte.
    "Mach dir keine Gedanken, ich kann gut auf mich aufpassen. Vielleicht kann er mich auch gar nicht ausstehen, wer weiß?"


    Epicharis malte sich aus, dass Deandras Bruder ein großer, breitschultriger Mann war, der mit seinem Charme das bekam, was er wollte, und vermutlich auch ihre Knie vor Schwäche zittern ließ. Andererseits konnte er aber auch ein heimtückischer Kerl sein, der die Frauen entweder erkaufte oder aber belog, um das zu bekommen, was er gern hätte. Epicharis schmunzelte und entschloss sich dazu, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern sich überraschen zu lassen.


    "Das wäre wirklich prima. Ich mag Wagenrennen, weißt du? Zwar habe ich bisher nie einen Favoriten gehabt, aber wenn Zeit war, bin ich stets unter den Zuschauern zu finden gewesen."


    Epicharis nahm ihren Becher und trank einen Schluck, einerseits, um die Kehle zu benetzen, andererseits, um noch etwas mehr Spannung aufzubauen, ehe sie ihr Geheimnis verriet. Doch in diesem Moment äußerte Deandra eine Vermutung und nahm Epicharis damit den Wind aus den Segeln. Verblüfft sah sie ihre neue Schwester an.


    "Woher... Naja, sagen wir so: Wir hatten hier mal einen Sklaven, Joseph hieß er und er war schon alt. Der war für den Stall und die familieneigenen Pferde zuständig. Und weil ich als kleines Mädchen einiges an Überzeugungskraft einsetzen konnte, hat er mir heimlich das Reiten gelehrt, immer wenn Vater nicht da war. In meiner Zeit bei der Tante in Hispania habe ich wieder geritten, wenn auch nur auf ihrem Landgut. Natürlich schickt es sich nicht, aber es macht Spaß, so ab und an. Und wenn man es verbotenerweise tut, noch viel mehr!"


    Epicharis grinste und musste laut lachen.

  • Zu gern ließ ich mich auf das Thema „Corvinus“ ein, denn damit fühlte ich mich wie in früherer Zeit, als ich als Aurelia mit einer Freundin über die Familie sprechen konnte. Also lächelte ich, rückte mich bequem in meinem Korbsessel zurecht und ließ mir noch ein Getränk bringen. Derart gerüstet stand einer ausführlichen Erörterung nichts mehr im Wege.


    „Ja, es ist seine Art und sicherlich auch seine Erscheinung, die es ihm leicht macht, allerhand Mädchen und Frauen kennen zu lernen“, bestätigte ich mit einem bekräftigenden Nicken. „Vermutlich atmet er Lockstoffe aus, anders kann ich es mir nicht erklären.“ Ich schüttelte unwillig den Kopf. Das war ja noch nicht einmal alles, aber ich biss mir auf die Zunge, weil ich es versprochen hatte.


    „Was ich aber auch nicht verstehe …“ Mein Blick suchte Epicharis. „Offensichtlich sind wir, ich schließe dich jetzt einfach ein, altmodisch erzogen worden. Weißt du, was passiert wäre, wenn ich mir je einen solchen Ausrutscher geleistet hätte? Mein Vater … Sophus … vermutlich meine Brüder … nicht auszudenken.“ Da gab es einmal Andeutungen und die hätten alleine gereicht, mich von solchen Abenteuern abzubringen, was nicht nötig war, denn mich bekam man nicht geschenkt.


    „Eine Flavia stand sogar in der Klatschspalte der Acta. Überlege mal! Eine Flavia! Also, wäre ich ein Mann, würde ich so eine Frau ganz bestimmt nicht mehr anrühren. Gut, als Frau würde ich einen Mann, der herum steigt, auch nur unter Zwang nehmen.“


    Ich betrachtete Epicharis und versuchte mir vorzustellen, welche Einstellungen sie vertrat. Vermutlich war sie anständig, das erwartete ich einfach von Mädchen aus gutem Hause, aber vielleicht fand sie Männer im Lupanar oder auch privaten Betten völlig normal.


    „Ich weiß nicht, ob mein Bruder nur Herzen bricht oder sich mehr von den Mädchen nimmt“, räumte ich dann jedoch ein. „Ich würde ihn dir gerne vorstellen. Dann sehe ich ihn ja bei der Gelegenheit auch gleich wieder, denn derzeit ist das Heimweh doch recht groß. Hast du für morgen schon etwas vor?


    Naja, und was die Pferde betrifft … etwas Unrühmliches habe auch ich vorzuweisen: Ich bin nämlich schon zu Pferd gesehen worden.“ Ich lachte leise, denn dieses Vergehen fand ich nicht vergleichbar schlimm. Pferde gehörten zu meinem Leben und als Leiterin des Zuchtbetriebes lag es auf der Hand, dass ich nicht nur reiten konnte, sondern es auch liebte. Immerhin hatte ich mich aber in den letzten 20 Monaten nicht mehr auf einen Pferderücken gesetzt.

  • Prüfend hatte Epicharis den Kopf schräg gelegt und musterte Deandra, wie sie von ihrem Bruder erzählte. Er musste ja wahrhaftig ein junger Gott sein, wenn er derart viele Mädchen gehabt hatte oder noch immer hatte.


    "Wer weiß, vielleicht ist er ja wirklich interessant", sagte sie laut vor sich hin, was sie gerade dachte. Dann ert fiel ihr auf, was sie gesagt hatte, und sie schlug sich beschämt die Hand vor den Mund und sah Deandra erschrocken an.


    Sie nickte, als ihre Schwester auf die Erziehung zu sprechen kam.
    "Das ist wohl war. Nicht auszudenken, welche Schande man der Familie bereitet hätte, wenn man vor der Ehe... Und stell dir nur mal vor, man erwartete unverheirateter Weise ein Kind? Oh nein, das wäre grauenvoll. Aber zum Glück gibt es Mittel und Wege, ein solches Kind nicht austragen zu müssen, sofern man es rechtzeitig bemerkt."


    Nicht, dass sie jemals in eine Situation gekommen wäre oder jemals in eine solche kommen würde, in der sie dieses Wissen benötigen würde. Epicharis schüttelte nachdrücklich den Kopf. Bei Männern war es gewiss etwas anderes. Hatten sie ein Techtelmechtel, war es für sie ein Leichtes, es niemanden merken zu lassen. Ansehen konnte man es ihnen auch nicht, was manchmal ein Problem war. Ihr kam die Tiberierin in den Sinn.


    "Ich weiß nicht, Männer haben es in dieser Hinsicht leichter. Man sieht es nicht so eng, wenn sie sich mehr als eine nette Unterhaltung nehmen, und als Frau kann man sich auch niemals sicher sein, dass der Mann sich nicht durch andere Betten schläft. Eine Flavia stand in der Klatschspalte der Acta? Schlimm, sowas. Ich weiß bisher nur von den gerüchten, die sich um eine Tiberia ranken. Sie heiratete einen plebejischen Senator, dem man die Hurerei nachsagt, unter vorgehaltener Hand, versteht sich."


    Wieder schüttelte sie missbilligend den Kopf. Ihr Vater, dessen war sie sich sicher, würde sie wenn überhaupt niemals an einen Plebejer verheiraten. Dann fiel Epicharis etwa ein.


    "Aber ich bin mir sicher, dass dein Bruder trotz allem ein guter Mensch ist", beeilte sie sich zu versichern.
    "Morgen passt mir übrigens recht gut, wenn er also etwas Zeit erübrigen kann, können wir ihn gern hierher einladen, oder möchtest du ihn besuchen? Es wäre mit beides recht. Ach und Deandra, wenn das Heimweh dich einmal zu sehr plagen sollte, kannst du mich gern aufsuchen kommen."


    Epicharis lächelte ihrer Schwester zu und war ehrlich froh, dass sie hier war. Vielleicht verhielten sie sich nicht zänkisch, wie es Schwestern untereinander manchmal taten, sondern mehr wie Freundinnen, die sich liebgewonnen hatten, aber Epicharis machte das nichts im Geringsten aus.


    "Nein warte, man hat dich beim Reiten erwischt?" hakte sie mit großen Augen nach und kicherte.

  • Ich kam mir reichlich rückständig vor, weil ich bisher noch nicht einmal über die Entstehung von Kindern nachgedacht hatte, im Grunde gar nichts darüber wusste, und Epicharis sprach sogar schon von Tricks, unliebsame Kinder fort zu bekommen. Ich nickte wissend, obwohl ich gar nichts wusste.


    „Ja, Männer haben es leichter, aber ich mag es nicht, wenn sie freizügig leben“, ging ich dann bereitwillig auf das neue Thema ein. Hier ging es ja nur um Ansichten und nicht um Wissen. „Um ehrlich zu sein, verachte ich sie sogar. Jedes Mal, wenn ich zu den Hausgöttern bete, bitte ich gleichzeitig den Genius darum, mich nie an so einen Mann geraten zu lassen.“


    Bisher hatte ich mit noch niemandem darüber gesprochen, Epicharis war die Erste. Nur die Götter wussten von meiner Aversion gegen erlebnishungrige oder gar untreue Männer. Bevor ich Gefahr lief, einem solchen anvertraut zu werden, würde ich lieber alleine bleiben wollen, das stand schon mal fest. Wer von mir alles haben wollte, musste gleiches bieten, anders ging die Rechnung nicht auf.
    Ich beeilte mich, Epicharis’ Gedanken zu folgen, denn sie war bereits weitergewandert, während ich noch über das vorherige Thema nachgedacht hatte.


    „Natürlich ist mein Bruder ein guter Mensch“, bestätigte ich im Brustton der Überzeugung. „Er macht halt nur eine blöde Phase durch.“ Hoffte ich zumindest. „Ich denke, einladen wäre der bessere Weg“, antwortete ich auf ihre Frage nach dem geplanten Treffen mit ihm. „Dann kann er gleich mal sehen, wie mein neues Zuhause ist. Natürlich würde ich dich auch gerne einmal zu meiner ehemaligen Familie mitnehmen. Es bleibt bei morgen?“


    Das erste Treffen mit meiner neuen Schwester war wundervoll gelaufen. Wir verstanden uns gut, teilten viele Ansichten, waren fast im selben Alter, unser Leben verlief ähnlich, was wollte ich mehr? Ich sah der Zukunft zuversichtlich entgegen. Auf ihre letzte Frage ging ich nur noch mit einer kurzen Antwort ein, denn das war keineswegs eine Sache, auf die ich stolz war.


    „Ja, es stand sogar ebenfalls in der Acta.“ Ein zerknirschter Gesichtsausdruck sprach Bände.

  • Epicharis betrachtete Deeandra einen Moment engehend und rang sich schließlich zu folgender Feststellung durch:


    "Ich glaube kaum, dass es irgendeiner Frau gefällt, wenn ihr Mann sich anderweitig vergnügt. Stell dir nur vor, die Gewissheit, dass dein Ehemann just in diesem Moment bei einer anderen Frau liegt und das mit ihr teilt, was er nur mit dir teilen sollte...das muss schrecklich sein. Aber so ist es wohl bei den meisten arrangierten Ehen. Wir Frauen haben für den Erben und die Vermehrung der Blutlinie zu sorgen, das ist für viele Männer alles. Ich glaube nicht an die Liebe, weißt du. Zu viele Ehen werden zweckmäßig eingegangen, ich glaube nicht, dass die meine anders ablaufen wird. Mann kann sich nur fügen und seine Rolle gut spielen."


    Sie seufzte und lehnte sich etwas zurück. Das Reden hatte sie durstig gemacht, und so trank Epicharis einen tiefen Schluck des Saftes, der sich in ihrem Becher befand.


    "Eine blöde Phase?" fragte Epicharis und grinste.
    "Naja, ich werde es ja morgen sehen. Kümmerst du dich um die Einladung? Dann werde ich die Köche anweisen, eine anständige Cena vorzubereiten, es sei denn, du hast etwas anderes im Sinn?"


    Kurz darauf saß Epicharis Deandra mit großen Augen und einem entsetzten Ausdruck auf den Lippen gegenüber.
    "In der Acta?" fragte sie überflüssigerweise. Relativ schnell danach allerdings entspannte sich ihr Ausdruck wieder und Epicharis zuckte mir den Schultern.
    "Na was soll's, das ist sicherlich schon eine ganze Weile her. Man wird es schon vergessen haben - solange es sich nicht wiederholt, zumindest."

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