• Steophanos, der langjährige Verwalter des Hauses, öffnete auch hier nach einer Weile. Nachdem er wieder seinen Kopf durch den Spalt geschoben hatte und von dem Besucher auf einen Brief hingewiesen wurde, öffnete er nach einer erneuten kurzen Pause, in der er sich um die Echtheit des Schreibens vergewissert hatte, die Eingangspforte und bat den Besucher hinein. Dahinter fiel die schwere Tür wieder ins Schloss und Steophanos forderte jenen seltsam gewandeten Besucher auf, ihm zu folgen.


    Die Villa glich einer Oase, ein Ort wie aus tausend und einer Nacht, farbenträchtig und reich verziert. Säulen aus roten Marmor umgaben das Atrium. An den Wänden waren aufwändig gestaltete Malereien in den verschiedensten Farbtönen angebracht. In den Seitennischen standen kunstvolle Statuen und Büsten, eine Statue der Göttin Aphrodite war auch darunter, sowie eine Büste des tylusischen Königs. In der Mitte des Raumes, dort wo sich normalerweise das Impluvium befand, stand ein im Durchschnitt fünf Meter breiter Springbrunnen. In dem glasklaren Wasser spiegelte sich das durch die Dachöffnung einfallende Sonnenlicht.


    Steophanos bat den Besucher, hier zu warten. Der Hausherr werde ihn in Kürze empfangen.

  • Das Innere der Villa erinnerte mich an Parthien. Sehr schön eingerichtet, fast schon wie aus einem Traum. Ich ging zu dem Springbrunnen und betrachtete das Spiel der Wellen, wobei ich die Arme hinter meinem Rücken verschränkt hatte.

  • "Marcus Achilleos ?"


    Seine Stimme klang kräftig und tief. Er kam aus einer der Seitengänge, die zum erweiterten Trakt des Hauses gehörten. Er trug nur eine einfache, rote Chlamys, vollkommen konträr zur orientalischen Pracht des Hauses.

  • Zitat

    Original von Ioshua ben David
    Steophanos runzelte die Stirn. Er hatte keine Ahnung, wovon der Soldat sprach.


    "Gibt es ein Dekret ? Ein Siegel ? Ein Schreiben ?"


    Er wußte ja aus eigener Erfahrung, daß man nicht ohne weiteres in das Königsviertel hereingelassen wurde und der Soldat würde sicher nicht ohne eine schriftliche Order des Praefecten hier auftauchen.


    Scipio schaute den Mann etwas verdutzt an. Was wollte er denn von ihm. Der Praefect hatte gesagt er würde den Mann empfangen und damit war für ihn die Sache erledigt. Vermutlich hatte der Mann um eine Audienz gebeten, ansonsten hätte ihn der Praefect nicht hierher geschickt. Dennoch antwortete Scipio neutral:


    "Nein, keine Dekret, kein Siegel. Der Praefect hat mich zu diesem Haus geschickt um einem Ioshua ben David zu sagen das er ihn empfangen würde. Nicht mehr, nicht weniger."

  • Zitat

    Original von Marcus Achilleos
    Ich drehte mich um und betrachtete den Mann, der mich ansprach, kurz. Dann verbeugte ich mich kurz.


    "Der bin ich. Und du bist Ioshua Hraluch?"


    "Dies ist wahr."


    Er wartete einen Moment, so als ob er diesen Besucher von oben bis unten abschätzte. Einem Sklaven, der sich im Hintergrund hielt, deutete er an, bereit zu stehen. Dann setzte er in einem sanften, fragenden Tonfall fort


    "Warum begeben wir uns nicht in den Park ?"


    und machte dabei mit den Armen eine nach links von ihm einladene Geste, indem er den Oberkörper leicht drehte.

  • "Gerne," antwortete ich und verschränkte meine Arme wieder hinter meinem Rücken. Während ich neben Ioshua herging, überlegte ich mir kurz, ob ich direkt auf den Punkt kommen sollte oder lieber erst diplomatisches, aber belangloses, Gerede bevorzugen sollte.


    "Du hast eine wirklich schöne Villa. Sie erinnert mich ein wenig an Parthien. Ich habe da fast ein Jahr lang für einen Kaufmann in Seleucia gearbeitet, der hatte ein ähnlich eingerichtetes Domizil. Wobei deine Villa prachtvoller und nach meinem Geschmack auch schöner eingerichtet ist."

  • Er folgte seinem Gast und deutete dem Sklaven, der ein Tablett vor sich her trug, mit einem Fingerzeig, ihnen zu folgen. Die captatio benevolentiae, die ihm sein Gast, wie es sich gegenüber dem Gastgeber gebührte, entgegenbrachte, quittierte er abnickend. So sehr es ihm selbst nicht verlegen war, seine Anliegen durch wortreichen Gestus und das Überbieten von Schmeicheleien vorzutragen, so sehr mühte er sich damit, selbst dieser Aufmerksamkeit gerecht zu werden.


    "Ich hörte, Du leitest eine gutgehende Akademie in Rhakotis ?"

  • Ich schüttelte leicht den Kopf, obei ich verlegen lächelte.


    "Das ist wohl deutlich übertrieben. Ich habe eine kleine Schule für die Kinder der Nachbarschaft aufgebaut. Vielleicht wird daraus einmal eine Akademie, aber noch habe ich nicht einen einzigen Schüler, dem ich mein gesamtes Wissen beibringen könnte. Da ich sehr genau wählen werde, welche Menschen diese besondere Ehre erhalten, wird es auch so schnell keinen geben. Die Schule halte ich aber für wichtig. Ich gebe den Kindern die Chance auf ein besseres Leben. Gleichzeitig bringe ich ihnen bei, mit wenig zufrieden zu sein und sich in die irdische Ordnung einzufügen."

  • Ioshua hörte interessiert zu, während sie den Kiesweg im Park abschritten. Wie immer war er kein großer Schwätzer, kein Bibulus, wie die Römer zu sagen pflegten, was so auch so manche Vorteile genoss. 'si tacuisses, philosophus mansisses', dieser Satz bewahrheitete sich gerade hier in Alexandria jeden Tag aufs neue, zu tausenden.


    "Und was trieb dich ausgerechnet dazu, in Rhakotis eine Schule zu gründen ? Woher stammst Du ?"

  • "Ich stamme aus Athen, aber meine Heimat liegt inzwischen wohl eher irgendwo zwischen Indien und Ch'in. In Ch'in habe ich die Lehren der Meister Kong und Lao studiert. Beide beschäftigen sich mit der kosmischen Ordnung, nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Nach der Lehre des Meister Kong ist Bildung der Schlüssel. Durch Bildung wird der Mensch befähigt, die kosmische Ordnung zu erkennen und sich in sie einzufügen. Dadurch werden die Menschen in Harmonie gebracht. Sind die Menschen in Harmonie, sind es auch die Städte. Sind die Städte in Harmonie, sind es auch die Reiche. Sind die Reiche in Harmonie, so ist die ganze Erde in Harmonie. Ist die Erde in Harmonie, so kann auch die Harmonie zwischen Himmel und Erde wieder hergestellt werden. Ich werde das zwar nicht mehr erleben, aber ich kann meinen Beitrag als Jìnshì leisten. In Rhakotis kann ich am meisten erreichen, weil ich dort Menschen vorfinde, die keine Bildung haben. Es ist wie bei einer Pyramide: Das erste Zehntel der Höhe ist die Hälfte der Arbeit."


    Ich betrachtete den Park, während ich in meinem üblichen, ruhigen, fast emotionslosen Ton sprach. Dann sah ich Ioshua an.


    "Und woher stammst du? Ioshua... das ist ein iudäischer Name, oder? Und warum interessierst du dich für mich und für das, was ich tue?"

  • "Ich interessiere mich für vieles, was Menschen tun." gab Ioshua verschmitzt von sich.


    "Ich umgebe mich stets mit mir treuen Gefolgsleuten. Das ist in meiner Position und bei meinem Stand geradezu unerlässlich und es fahrlässig für jeden anderen in meiner Lage, nicht so zu handeln. Als ein solcher Gefolgsmann ist die Stelle als persönlicher Sekretär derzeit frei. Eine gute Stelle, vertrauensvoll und verantwortungsbewusst. Ich möchte sie Dir anbieten, wenn es Dein Gewissen Dir erlaubt. Entscheide Dich gut, ich werde sie Dir kein zweitesmal anbieten !


    Wenn du Fragen hast, so sei dazu aufgefordert, sie an mich zu richten."

  • Er hatte die Frage, woher er stammte, zwar nicht beantwortet, aber das war seine Sache und ich entschloss mich, nicht noch einmal nachzufragen.


    "Ich arbeite momentan in der Nacht für die Stadtwache. Den Auftrag habe ich angenommen, also werde ich ihn auch zu Ende führen. Vormittags unterrichte ich für gewöhnlich in meiner Akademie, wobei das nur wenige Stunden sind. Ich brauche nicht allzu viel Schlaf, also könnte ich etwa vier bis fünf Stunden täglich als dein Sekretär zur Verfügung stehen.


    Es sind also erst einmal drei Fragen, die ich habe: Was wären meine Aufgaben? Genügt die von mir genannte Zeit, um sie zu erfüllen? Und was würde ich verdienen?"

  • "Deine Aufgabe ist es mir zu dienen. Dein Salär sollen 400 Sz. im Monat betragen, Unterkunft inclusive. Deine Arbeiten an der Schule will ich Dir nicht abspenstig machen. Was deine nächtlichen Dienste in der Stadtwache angeht, so will ich dir helfen, sie schnell hinter dich zu bringen."

  • Ich musste kurz schlucken.


    "400 im Monat? Du meinst damit 100 pro Woche?"


    Ich murmelte etwas auf Chinesisch.


    "Da wäre dann nur noch die Frage, was du mit "dir dienen" meinst. Ich will es so ausdrücken. Ich bin noch immer ein Beamter des Kaisers von ganz Ch'in. Ich bin zwar auf eigenen Wunsch im Exil, aber an meinen Eid bin ich immer noch gebunden. Das bedeutet, dass ich mich an die Gesetze halten muss - sowohl die hiesigen als auch die in Ch'in. Ich darf nicht lügen und darf nichts tun, was das Reich Ch'in in schlechtem Licht erscheinen lässt. Dafür kann ich prinzipiell auch Urkunden ausstellen, beispielsweise eine Anlauferlaubnis für die Häfen von Ch'in oder eine Handelserlaubnis für Seide und Jade. Ich beherrsche Chinesisch, Indisch, Parthisch, Latein und natürlich Attisch in Wort und Schrift. Ich habe prinzipiell Interesse, so lange ich eben die Bedingungen meines Beamtenkodex erfülle. Ach ja, und wie willst du mir bei der Sache mit der Stadtwache helfen?"

  • "Dein Schwerpunkt liegt auf dem Führen von Korrespondenzen und dem Kontakt halten zu anderen wichtigen Personen, mit denen ich für gewöhnlich Kontakt halte.


    Deine Versiertheit in den verschiedenen Sprachen wird dir und mir da sicher sehr hilfreich sein."


    zuckte einmal kurz mit der linken Augenbraue als sein Gegenüber aufeinmal etwas auf chinesisch murmelte.


    "Das lass meine Sorge sein." antwortete Ioshua zuversichtlich auf die Frage und sah diesen wiederum erwartungsvoll an.

  • Ich nickte.


    "Gut. Wenn du das mit der Stadtwache geregelt hast, stehe ich dir zur Verfügung. Ich möchte schließlich nicht, dass der Strategos verärgert ist. Wenn du mir noch zwei oder drei Tage gibst, hätte ich bis dahin auch meine Einheit so weit ausgebildet, dass sie ohne mich klar kommt."


    Das wäre doch ein deutlicher Aufstieg. Zumal ich, bei aller Liebe zum Militärischen, letztlich doch Verwaltungsaufgaben bevorzugte.

  • Zitat

    Original von Nikolaos Kerykes
    Eines Morgens ließ sich der Gymnasiarchos auf seiner Sänfte zum Haus des Tylusiers bringen.


    Dort war man überrascht wegen der Ankunft eines städtischen Würdenträgers und bat den Gast sogleich herein...

  • [Blockierte Grafik: http://img152.imageshack.us/img152/4324/aureliasymbolxr8.gif]


    Ioshua Ben David

    Provincia Alexandria et Aegyptus
    ~~~~~
    Alexandria
    ~~~~~
    Villa Tylusica


    ____________________________________________


    Salve, Ioshua Ben David!


    Es ist eine traurige Angelegenheit, dir das Ableben Deines Verwandten Aulus Ferrius Theodores ins Gedächtnis rufen zu müssen. Obwohl ich weiß, dass ich Dir damit absolut keinen Trost zu spenden vermag, sei Dir bitte meines tiefsten Mitgefühls über diesen tragischen Verlust versichert. Meine Aufgabe als Decemvir litibus iucandis ist es, das Erbe Deines verstorbenen Verwandten an die rechtmäßigen Erben zu verteilen, so wie es das Gesetz fordert.


    Da Du als Erbe in Frage kommst, bitte ich Dich um eine kurze Mitteilung, ob Du Dein Erbe antreten möchtest.


    Ich weiß, dass es nicht leicht ist, sich in Zeiten der Trauer mit solchen Fragen auseinander setzen zu müssen. Trotzdem bitte ich Dich um eine schnelle Antwort, welche bitte bis zum ANTE DIEM III NON FEB DCCCLIX A.U.C. (3.2.2009/106 n.Chr.) bei mir eingehen sollte. Sollte keine Antwort mich ereilen, habe ich keine andere Wahl, als Deinen Erbteil der Staatskasse zuführen zu lassen.


    Mögen die Götter Deinen Verwandten sicher in Eylsio begleiten.



    Vale,


    Tiberius Aurelius Avianus



    [Blockierte Grafik: http://img152.imageshack.us/im…07/avianussignaturbc0.gif]




    Sim-Off:

    Antworten bitte an die Villa Aurelia in Rom oder den Thread "Bekanntgabe der Decemviri litibus iucandis"! :)


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