• Eleusis liegt direkt am Hadrasee, einem kleinen Süßwassersee in der Nähe Alexandrias. Der Ort existierte wohl schon in vorgriechischer Zeit, aber erst die Ptolemäer nannten ihn Eleusis in Anlehnung auf jene Ortschaft bei Athen, welche für die wichtigen und großen Eleusischen Mysterien der Demeter, Kore und Persephone bekannt ist.


    Als die Ptolemäer die Herrschaft über Ägypten übernahmen, gestalteten sie diesen Ort nämnlich im Zeichen des attischen Mysterienkultes zu einem religiösen Zentrum für die in Ägypten lebenden Griechen um. Jedes Jahr findet auch hier ein großes Initiationsfest für die Demeter-Triade statt, eines der größten religiösen Feste Alexandrias, an dem Griechen und Ägypter aus der gesamten Region und darüber hinaus gleichermaßen teilnehmen.


    Der alexandrinische Eleusiskult unterscheidet sich jedoch fundamental vom attischen Eleusiskult. Die Einweihung in das Mysterium der Dreieinigkeit Demeter-Kore-Persephone spielt hier eine untergeordnete Rolle. Der Kult ist nämlich vor allem den Mysterien des Dyonisos-Serapis gewidmet und besitzt zahlreiche ägyptische Einflüsse.


    Auch um den Kult in Eleusis hat sich ein regelrechtes Vergnügungszentrum entwickelt, was viele Fremde bereits zu der Feststellung gebracht hat, Eleusis sei die Vorstufe zu den Ausschweifungen in Kanobos.


    Die Mysterien werden jährlich von einem großen Volksfest mit Wettbewerben und berühmten Theateraufführungen begleitet.

  • Der Subpraefectus schwitzte wie ein Schwein, als er so auf seinem Pferd mitten auf freiem Feld in der prallen Sonne stand - wobei es genau genommen kein ganz freies Feld war, denn er und die regelmäßig aufgestellten Posten standen an der schnurgeraden Straße zwischen Eleusis und Alexandria. Dort war seit Tagen ein religiöses Fest im Gange, das Lucius fast noch weniger verstand als das komische Duckmäusertum der Ägypter vor ihren Göttern. Man nannte es Eleusinische Mysterien, obwohl Eleusis eigentlich in Achaia lag und diese Mysterien auch theoretisch nur dort gefeiert werden konnten - wohl weil der gefeierte Dionysos irgendwie besonders gern an diesem Ort war. Irgendein Pharao hatte sich aber wohl gedacht, dass die Feier ganz nett wäre und in der Nähe von Alexandria ein eigenes Eleusis gegründet und seine eigenen Mysterien gleich dazu.
    Alles in allem klang das also nach einer ziemlich irrationalen Sache:
    1. Es war die Kopie eines Festes, das eigentlich an einen bestimmten Ort gebunden war.
    2. Man hatte die Riten verändert und ägyptische Elemente eingebaut, ja sogar den Fokus von den eigentlich gefeierten Göttern auf Serapis verschoben - nach allem, was Lucius wusste, mochten die Götter so etwas gar nicht!
    3. Es hatte viel mit einer Einweihung von Jünglingen zu tun, denen irgendwelche Gegenstände gezeigt wurden, darüber aber mit niemandem reden durften - der eigentliche Kern der Sache war also nur einem Kreis von Auserwählten zugänglich.


    Trotzdem war diese Veranstaltung irgendwie ein Erfolg, denn Tausende pilgerten jedes Jahr nach Alexandria, um bei den Riten dabei zu sein oder sich gar einweihen zu lassen. Das Fest dauerte neun Tage und weil die Pilger nicht ruhig in ihren Gasthäusern - die Wirte und Hoteliers der Stadt verdienten sich dabei eine goldene Nase - blieben, sondern zu den Riten gingen und das große Freizeitprogramm an diesen Tagen nutzten, musste jemand für Ordnung sorgen: die Classis! Das war auch der Grund, warum der Praefectus, der natürlich auch selbst teilnahm, ihn dazu abgestellt hatte, die Prozession zu überwachen, die immer am 19. Hathyr stattfand. Wenn er es richtig mitbekommen hatte - natürlich war der junge Petronier nicht zu den Riten gegangen - sollten damit irgendwelche heiligen Gegenstände zurück in das Heiligtum von Eleusis gebracht werden. Dort lagerten sie dann den Rest des Jahres, um am ersten Tag der Teletai für ein paar Tage einen Ausflug nach Alexandria zu machen - zum Sarapeion, wenn er sich nicht täuschte. Dort war in diesen Tagen zumindest der größte Auflauf gewesen...


    Und diese Menschenmassen wollten heute alle nach Eleusis, wo für die nächsten Tage ein richtiger Vergnügungspark eingerichtet worden war - Theater, Wettkämpfe, Wein in Strömen und so weiter. Und das ganze als Prozession - normales Marschieren wäre ja auch zu einfach gewesen, außerdem mussten ja die heiligen Gegenstände, die neu eingeweihten Mysten und so weiter mit!
    Damit das alles in geordneten Bahnen verlief, musste die Classis den Zug überwachen. Nach einigem Überlegen hatte Lucius vorgeschlagen, an mehreren Stationen kleine Trupps von Marine-Infanteristen und Seeleuten aufzustellen, die in brenzligen Situationen eingreifen konnten. Und so standen jetzt im Abstand von je einer Meile zahlreiche Häufchen Soldaten in der prallen Sonne und warteten, dass der Zug endlich losging. Als Verantwortlicher teilte Lucius dieses Schicksal, allerdings hoch zu Ross, um zwischen den Stationen auf- und abreiten zu können - außerdem bekam er, wenn er sein Pferd etwas antrieb, zumindest ein klein wenig Wind ins Gesicht, was bei der stehenden Hitze sehr angenehm war.

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  • Lucius blickte hinauf zur Sonne, die unbeirrt herunterstrahlte, dann zum Schatten einer der Lanzen - irgendwo hatte er einmal gehört, dass die Länge des Schattens Rückschlüsse auf die Uhrzeit erlaubte. Blöderweise hatte er sich aber nicht informiert, insofern konnte er nicht sagen, wie lange sie jetzt schon in der Hitze standen.


    Dann endlich hörten sie Geräusche - der Klang von Trommeln und Trompeten.
    "Na endlich!"
    bemerkte der Subpraefectus und setzte sich auf. Dann stülpte er sich den Helm mit dem wallenden Federbusch über und band das Lederband unter dem Kinn zusammen. Als er wieder aufblickte, war die Musik schon deutlich erkennbar und kurz darauf konnte man durch das Tor den Kopf der Prozession sehen. Vorneweg gingen Priester mit Weihrauch-Pfannen und Fahnenträger.
    "Mann, die könnten aber 'n bisschen zügiger prozessieren!"
    kommentierte er, als er feststellte, wie langsam sich die Menschenmasse näherte. Der Centurio sah nur schweigend zu ihm hinauf, dann wieder zu seinen Männern. Anstatt seinen Vorgesetzten zu kommentieren, machte er wohl lieber seine Arbeit:
    "Milites in aciem venite! State!"
    Für den junge Petronier erschien es sinnlos, einem fremden Gott Respekt zu erweisen, der dazu noch den eigenen römischen Göttern unterlegen war - wenn man nicht wusste, dass weder der eine, noch die anderen wirklich existierten. Aber das war wohl wieder einer dieser Respekterweise vor der lokalen Kultur, die der Praefectus sich so sehr wünschte.


    Dann kamen die Priester endlich durch das Tor. Hinter den Fahnen und Weihrauchträgern kamen Priester, die die sogenannten Tafeln des Dionysos trugen, dann folgten die Musiker. Auch dieser Punkt war natürlich irgendwie unlogisch - wozu trug man die Tafeln vorneweg, wenn die Gläubigen alle hinterher gingen? Oder waren die Priester zuerst durch die ganze Menschenmenge durchgegangen, sodass alle am Anfang Gelegenheit hatten, sie zu sehen? Wobei die meisten der Gläubigen - neben der griechischen Elite war j a eine ganze Menge ägyptischer Pöbel dabei - sowieso nicht lesen konnte. Für sie waren wohl auch die ägyptischen Elemente, beispielsweise die Götterstatuen von Serapis, Demeter und Persephone oder die rasselntragenden Tänzerinnen in ihren durchsichtigen Gewändern. Das war zumindest ein Part, der auch Lucius gefiel...

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  • Nach den Götterstatuen war irgendwann der Hierophant von Alexandria an der Reihe, dem die Mysten folgten, die Bakchoi - Zweige - in den Händen hielten. Lucius betrachtete die jungen Männer und Frauen argwöhnisch - er fand es suspekt, dass dieses Grüppchen heute in Dinge eingeführt wurde, über die sie bei Todesstrafe kein Wort verlieren durften. Im Grunde konnten sie in ihrem Tempel alles mögliche erleben - wer wusste schon, ob sie sich einfach betranken, irgendwelche albernen Tänze tanzten und dabei ein paar Reliquien verehrten, oder irgendwelche dubiosen Bünde schlossen?
    Aber irgendwie machte ihn diese Sache auch ein bisschen neugierig...
    "Da kann jeder mitmachen?"
    fragte Lucius den Centurio, als die jungen Mysten gerade an ihnen vorbeigingen.
    "Na, theoretisch jeder, der ordentlich Griechisch spricht."
    Nicht, dass der Subpräfekt ernsthaft überlegte, diesen Unsinn mitzumachen - diese Spinner würden heute die Nacht durchmachen müssen und morgen den ganzen Tag über keinen Bissen Nahrung zu sich nehmen! So lohnenswert konnte das Geheimnis nicht sein...
    "Und praktisch?"
    Der Centurio grinste.
    "Musst du die richtigen Leute kennen, den Hierophanten zum Beispiel!"
    Er deutete auf den Hohepriester, der schon ein Stück weiter gegangen war, durch seine auffällige Kleidung aber noch immer erkennbar war.
    "Und die heiligen Gegenstände haben sie jetzt vor ein paar Tagen in die Stadt geschafft und jetzt gehen sie wieder zurück, um sie dort anzuschauen?"
    Der Centurio nickte. Dann sah er wieder zu der Prozession, wo nun ein bekränzter Jugendlicher mit einer Fackel in der Hand herumtänzelte.
    "Und was ist das für'n Vogel?"
    Wieder sah der Centurio ein bisschen irritiert aus.
    "Das ist der Iacchus, ein Darsteller für Dionysos. Das göttliche Kind."
    Der Optio mischte sich ein.
    "Nene, das is' der Herold des göttlichen Kindes."
    "In Achaia vielleicht!"
    Der junge Petronier sah zwischen den beiden Offizieren hin und her - offensichtlich wussten nicht einmal diejenigen, die sich für dieses Brimborium interessierten, worum es eigentlich ging. Das war es auch, was dieses ganze Mysterien-Zeugs so absurd war - auf der einen Seite musste jede Bewegung genau befolgt werden, auf der anderen Seite wusste scheinbar keiner so genau, was es bedeutete!

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  • Lucius folgte dem Beginn der Prozession abseits der Straße auf seinem Pferd, um alles gut unter Kontrolle zu haben. Immer wieder hielt die Prozession an - einmal bemerkte der Subpräfekt es so spät, dass er sein Pferd wenden musste. An diesen Punkten, die durch eine Art Meilensteine bezeichnet waren, sprachen die Priester irgendein Gebet, das Lucius allerdings nicht verstand. Es ging wohl um irgendwelche sogenannte "Bakchoi" - aber was das war, wusste er auch nicht.


    Als allerdings plötzlich hinter ihm jemand lauthals
    "Hurenbock!"
    brüllte, war er sofort alarmiert - ein Aufstand! Warum sonst sollte man ihn auf offener Straße beleidigen? Panisch sah sich der Subpräfekt um, doch der nächste Straßenposten war ein Stück entfernt und schien nichts bemerkt zu haben.
    "Lieben's deine Eltern von hinten? Du siehst so beschissen aus!"
    flog auch schon die nächste Beleidigung, dann ein seltsamer Schlachtruf, der von vielen aufgegriffen wurde:
    "Iakch' o Iakche!"
    Lucius trieb sein Pferd an - er musste zugeben, dass er Angst vor der Menschenmenge hatte, die ihn selbst dann würde vom Pferd reißen können, wenn er so tapfer um sich stach wie noch nie. Was nützte es, wenn er tot war?


    Erst in sicherer Entfernung drehte er sich um - um festzsutellen, dass der Pöbel ihm keineswegs hinterherjagte. Vielmehr schienen die, die seine Flucht bemerkt hatten, lauthals zu lachen.
    "Schlampe!"
    "Hundesohn!"
    "Ich habe sieben Hobbys: Sex und Saufen!"
    brüllten die Prozessionsteilnehmer durcheinander. Dazwischen immer wieder
    "Iakch' o Iakche!"
    Aus der Tatsache, dass der Zug angehalten hatte und die Priester ruhig dastanden, leitete der junge Petronier schließlich ab, dass keine Gefahr im Verzug war. Langsam führte er sein Pferd wieder zum Straßenrand, wo einige Ägypter ihn schon lachend erwarteten.
    "Na, Angst gekommen? Nur Salut für Iambe!"
    Lucius lief rot an - er wusste zwar nicht, wer Iambe war, aber sie stand offensichtlich ziemlich auf Beleidigungen oder so. Warum hatte ihn niemand gewarnt? Jetzt wurde er von ein paar Bauerntrampeln ausgelacht, die normalerweise sicher aus Angst vor ihm mit den Zähnen klappern würden - und wenn nicht, würde er dafür sorgen, denn seine Scham schlug bereits in Wut um und er griff intuitiv nach Pythagoras, seinem Schwert.
    Er hatte es schon zu einem Viertel aus der Klinge gezogen, als sich die Vernunft in ihm zu Wort meldete - es war absolut irrational, wenn nicht halsbrecherisch, mitten während einer religiösen Zeremonie anzufangen, unbewaffnete Ägypter umzuschneiden! Erstens würde es womöglich zu einer Massenpanik führen, die sich gegen ihn richten konnte. Zweitens würde der Praefectus Aegypti ihn wahrscheinlich lebend häuten lassen, wenn er dem Mob entkam.
    Also biss Lucius die Zähne zusammen und atmete einige Male heftig ein und aus. Erst dann hatte er sich beruhigt, schickte den nun doch ein bisschen eingeschüchtert wirkenden Ägyptern einen vernichtenden Blick zu und ließ die Waffe zurück in die Scheide gleiten. Diesmal würden sie ungeschoren davon kommen - aber wehe, wenn er sie einmal in einer weniger vorteilhaften Situation erwischte!

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