Atrium - Der Junggesellinnenabschied

  • Der Ianitor führte die jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Damen ins Atrium, welches durch die Nachmittagssonne ausgeleuchtet wurde, vor allem ein Mosaik wurde dabei von den Strahlen geschmeichelt, auf welchem eine Szene von ländlicher Idylle gezeigt wurde, Weinbauern beim Lesen der Ernte. Hungi, der Hausherr, hatte auf dieses Bild bestanden, weil es ihn an seine Heimat erinnerte, seine Frau hingegen hatte damals nur den Kopf geschüttelt und wollte etwas mondäneres haben. Hungi hatte sich augenscheinlich durchgesetzt. Ansonsten war im Atrium wenig Betrieb, zwei Sklavinnen tratschten am Rande des Peristyls über die beste Düngezeit für verschiedene Blumen, ein kleiner Sklavenjunge, noch keine 6 Sommer alt, spielte mit dem Wasser im Impluvium, schaute dann aber die Frauenschar unverwandt an, die dem Ianitor folgte.


    Dieser wandte sich dann auch um und richtete folgende Worte an sie: Wenn die Damen kurz warten möchten... bevor er etwas verwirrt das Atrium gleich wieder verließ.

  • Wie ein schwarm junger Entlein folgen die jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Frauen dem Ianitor in das Atrium. Natürlich hören sie dabei nicht auf zu kichern und giggeln. Lucilla kann es noch immer nicht fassen, was um sie herum passiert. Natürlich hat auch sie schon reichlich Wein intus, aber Hungi... Vinicius Hungaricus ist ein Senator und zwar nicht irgend einer, so wie Hirtuleius bei dem sie vorher waren und der dazu ein guter Bekannter von Großtante Drusilla und damit allerlei Kokolores gewöhnt ist. Außerdem befürchtet Lucilla hier das Schlimmste und noch mehr befürchtet sie, dass ihre Freundinnen genau wissen, dass sie das befürchtet.


    Kichernd stehen die Damen herum und begaffen die Einrichtung, bis Peducaeana auf einmal einen quiekenden Laut ausstößt. "Bona Dea, Luci! Hast du nicht gesagt, der Vinicius wäre verheiratet?"
    "Ja, wieso? Mit Tiberia Livia, ich bitte dich, das weißt du doch!" Skandalös, so etwas nicht zu wissen, aber Peducaeana hat manchmal einfach ein Spatzenhirn.
    "Und wohnt sie hier? Schaut euch das Mosaik hier an." Sie kichert albern. "Soetwas würde doch keine Frau in ihrer Wohnung dulden! Ich sag euch, bei Scamander habe ich ersteinmal die ganze Casa von Grundauf erneuern lassen. Oh, Lucilein, das wird dir auch noch bevor stehen! Ich kenne da einen guten Mosaikleger, wenn du einen brauchst, zwar in Ostia, aber besseren Geschmack hat keiner!"
    "Du meinst doch nicht etwa Paripes?" wirft Epaphrodita leicht erschüttert ein. "Wäh, der Mensch ist so ein Widerling, von dem würde ich nichtmal meine Latrine pflastern lassen. Nein, nein, wenn Mosaike, dann nur von Villerocus und Bocus aus Gallia."
    "Papperlappap, diese billige Importware! Man könnte meinen, du musst sparen, Phrodi!"
    "Also ich weiß nicht was ihr habt, ich finde es nett. Es hat so etwas ... von Heimat an sich."
    "Ach, Lucilla, du altes Landei. Getreidefelder, Wälder und Weinanbau, sowas kann man sich in irgendein Hinterzimmer legen lassen, vielleicht noch in den Oecus, aber doch nicht in ein römisches Atrium! Ist der Vinicius etwa auch aus der Provinz? Ich dachte immer, das wäre ein Stadtrömer?"
    "Irgendwo aus dem Norden, glaub ich." Irgendwann wusste Lucilla das mal, aber mit dem Wein ist ihr Denkvermögen auch nicht mehr das beste.
    "Kein Wunder, dass du ihn so toll findest." Funisulanas Ausspruch folgt weiteres Gekicher.
    "Funi! Psst!" weist Lucilla ihre Freundin zurecht. Immerhin kann Hungi jeden Augenblick im Atrium stehen.

  • Der Hausherr hatte in der Zwischenzeit von den unerwarteten Gästen erfahren und auch vom Anlass dieses Besuches. Ihm war diese Sitte zwar neu, aber vielleicht war dies auch ein für Römer merkwürdig anmutender hispanischer Brauch. Aber da, wie sein Ianitor sagte, Lucilla in Begleitung mehrerer Damen war, konnten wohl die Sittenwächter kaum etwas anstößiges an einem solchen Besuch finden. Er ließ sich die synthesis anlegen, gab noch kurze Befehle an die Sklaven, sie mögen etwas zu Trinken und zum Knabbern herrichten, dann erschien er auch schon im Atrium... und hielt inne, weil er zum einen nicht soviel Rot auf einmal erwartet hatte (;)), zum anderen, weil er gerade die letzten Satzfetzen gehört und demnach sein Geschmack anscheinend jenen der jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Begleiterinnen so gar nicht traf. Aber wie hieß es so schön? De gustibus non est disputandum. Schmunzelnd räusperte er sich.


    Ich wuchs in Illyricum auf, kann aber versichern, daß meine Eltern Stadtrömer waren. machte er auf sich aufmerksam. Lucilla, du siehst wie immer bezaubernd aus. Lächelnd schritt er zu ihr und begrüßte sie. Wieso hast du mir nichts von eurem Besuch gesagt? Dann hätte ich etwas vorbereiten lassen. Dann blickte er auch die Begleiterinnen an. Meine Damen, willkommen in meinem Hause. Mit einer Hand wies er auf die Sitzgelegenheiten neben dem impluvium und begleitete seine Gäste dorthin, wich jedoch dem "Ehrengast" nicht von der Seite. Erst heute habe ich die Einladung erhalten, natürlich komme ich gerne zu deiner Hochzeit. In diesem Moment kamen zwei Sklaven herbei, die Wein, Wasser und Becher auf ihren Tabletts transportieren und die nächsten Augenblicke dafür verwendeten, in die Becher Wein und Wasser einzuschenken und eben jene Becher an die Gäste zu verteilen.

  • Wie ein Schwert durchschneidet das Räuspern das Gekicher und durchtrennt metaphorische Kehlen. Stille. Sieben Augenpaare richten sich in gespanntem Schweigen auf ihn - Marcus Vinicius Hungaricus, ehemals begehrtester Junggeselle Roms, Traum aller Frauen, Hoffnung aller unverheirateter Mädchen und Schwiegersohnwunsch jeder römischen Mutter (und Großtante Drusillas). So nahe sind sie ihm noch nie in ihrem Leben zu vor gewesen, außer Lucilla natürlich. Allerderings sind sie - außer Lucilla natürlich - ja eh schon alle verheiratet. Fabullas Augen sind groß und rund wie kleine Äpfel und kullern fast aus ihrem Kopf heraus. Euhemeras Mund steht ein Stück zu weit offen. Jocasta versucht dem Bild durch Blinzeln an Realität bei zu kommen. Und Peducaeana entscheidet in diesem Moment, dass Ehen keine Hindernisse sind, jeder kann sich schließlich scheiden lassen.


    "Hungi..." lächelt Lucilla "...garicus ... ähm ... Salve, Hungaricus." Es dauert ein bisschen länger bis sie errötet und vielleicht fällt es ihm gar nicht auf, weil ihr Kleid doch schon so rot ist und alles überstrahlt. "Das ähm ... sind meine Freundinnen. Jocasta, Euhemera, Fabulla, Peducaeana, Funisulana und Epaphrodita."
    Ein bisschen träge und steif folgen die jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Damen Hungi an das Impluvium. Jocasta klappt unauffällig Euhemeras Mund zu, während sich Peducaeana nach vorne drängelt und sich möglichst nahe zu Hungi setzt.
    "Es freut mich, dass du kommen wirst." versucht Lucilla das Gespräch in irgendwelche normalen Bahnen zu bekommen. "Ich konnte diesen Besuch leider nicht ankündigen, ich wusste selbst nichts davon und ..."
    "Es ist ein gallischer Brauch!" fällt ihr Peducaeana ins Wort.
    "Ich denke germanisch?" fragt Epaphrodita verunsichert nach.
    "Ist doch alles das selbe." Sie greift nach dem Becher und stellt vergnügt fest, dass der Wein gut gewässert ist. Dann beugt sie sich vor zu Hungi hin. "Es ist der Abschied vom Junggesellinendasein. Wo es Luci doch so lange hinausgezögert hat, muss sie heute noch einmal leiden." Dass Peducaeana ihre Lockerheit wieder erlangt hat, lässt auch die übrigen jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Frauen wieder kichern.
    "Ja, wir ziehen um die Häuser!" Vergnügt schlägt Fabulla die Hände zusammen. Es ist mehr als deutlich, dass sie schon mehr getrunken hat, als sie verträgt.
    "Und Lucillas Aufgabe ist es, uns verköstigen zu lassen. Vier Häuser haben wir schon hinter uns." gibt nun Jocasta fachkundig über diesen Brauch zum Besten.
    "Und damit sie auch weiß, warum sie so lange nicht geheiratet hat, darf sie die Verköstigung natürlich nicht erschnorren."


    Da Lucilla genau weiß, was nun kommt, wünscht sie sich ein bisschen im Boden zu versinken. Vinicius Hungaricus, Hungi, wie hat sie nur zulassen können, dass ihre Freundinnen hier sitzen!? Andererseits klopft ihr Herz fast bis zum Scheitel hinauf. Was, wenn er tatsächlich ... Sie will gar nicht daran denken, schon jetzt läuft es ihr heißkalt den Rücken runter.


    "Ja, sie muss dafür bezahlen!" kichert Fabulla vergnügt dazwischen.
    "Und dir, Senator Vi~ni~ci~us Hun~ga~ri~cus," Peducaeana verköstigt seinen Namen geradezu wie einen unglaublich leckeren Wein und erntet dafür von Lucilla einen Blick, der Blitze schleudern würde, wenn sie es könnte. "Dir kommt die Wahl der Bezahlung zu."
    "Wir hätten da Folgendes im Angebot. Entweder einen Tanz, etwas orientalisches vielleicht."
    "Das hatten wir allerdings bei Senator Hirtuleius und im Haus Tamisius schon, Luci hat sich ein bisschen ungelenk angestellt." wirft Euhemera ein und grinst breit.
    "Ich bin ja auch keine Sklavin!" zischt Lucilla ein bisschen beleidigt dazwischen.
    "Oder aber das Vortragen eines Gedichtes, es ist ja unglaublich, wieviele Liebesgedichte Lucilla kennt."
    Lucilla zuckt mit den Schultern und schaut Hungi entschuldigend an. "Die Erziehung Großtante Drusillas."
    "Allerdings mangelt es ihr an der entsprechenden Vortragsqualität, weder Marius noch Calvaster waren erotisiert, Marius hat eher mit dem Lachen nicht mehr aufhören können." Grinsend schlägt Jocasta die Hand vor den Mund, um ihr albernes Kichern dahinter zu verbergen.
    "Och, aber bei Hungi...garicus fällt ihr das sicher nicht schwer."
    "Fabu!" Fast hat Lucillas Gesichtsfarbe die ihres Kleides erreicht. "Sie hat bei Senator Hirtuleius ein bisschen zuviel Wein abbekommen." lächelt Lucilla ein bemüht beiläufig zu Hungi und weicht seinem Blick aus.
    "Was wir überhaupt an diesem Abend noch gar nicht hatten, das ist der Kuss."
    "Aber es muss schon ein richtiger sein! Mit Zunge!"
    "Es ist deine Wahl, Senator, auch, was du uns für Lucillas Bezahlung geben magst. Doch bedenke deine Wahl gut, keine fünf Tage und die Gelegenheiten sind für immer verstrichen."
    "Oh ja, der Senator Avarus soll ja eh so ein ganz eifersüchtiger sein. Den Gladiator hätte er fast umgebracht."
    "Quatsch, das war doch ihr Bruder, der Stier!"
    "Ach, deswegen das mit den Hörnern. Und ich hab das nie verstanden ..."
    "Nun seid doch mal still und lasst den Senator Vinicius wählen."


    Lucilla, sonst um kein Wort und kaum eine Tat verlegen, würde sich am liebsten in Luft auslösen. Hoffentlich ist Livia immer noch weit weg auf dem Land.

  • Zuerst waren die jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Damen ja noch recht handzahm, aber sobald sie ihre erste Schüchternheit abgelegt hatten, was ganz sicher auch am Wein lag, den sie gerade bekommen hatten, schnatterten und keppelten die Weiber, was das Zeug hielt. Hungi konnte da wenig dagegen ausrichten, das wußte er, genauso wie jeder Mann, der schon einmal in so einer Situation war und zumindest ein gewisses Maß an Höflichkeit zur Schau stellen wollte. Wenn eine Frau in Fahrt kommt, in rhetorischer Hinsicht, dann kann man sie eindämmen, bei zweien wirds schon ziemlich schwierig, aber spätestens ab drei Frauen ist es vergebliche Liebesmüh. Also ließ Hungi den Redeschwall, der wie ein Naturereignis über ihn hereinbrach, über sich ergehen, zuerst mit stoischer Gelassenheit, doch dann mit mehr und mehr Amusement. Was wohl ihr Bruder dazu sagen würde, wenn er wüsste, daß seine Schwester zotige Gedichte kennt und dem Tanzen frönt... Ein faszinierender Gedanke. Nur nicht am heutigen Abend.


    Ich wußte gar nicht, daß Lucilla solch verborgene Talente hat. schmunzelte er, was für sich schon eine Schwierigkeit war, denn eigentlich hielt ihn nur die Höflichkeit davon ab, enorm breit zu grinsen. In der Zwischenzeit waren Sklaven gekommen, die auf ihren Tabletts ein paar Kleinigkeiten zum Essen brachten. Im Prinzip das übliche: Feigen und Datteln für die Naschkatzen, daneben noch ein paar dulcia des Hauses, Ursus hatte sich anscheinend wieder ein wenig ausgetobt in der Küche, Oliven und Käse für jene, die eher Lust auf Pikantes hatten, dies alles hübsch in den Schüsseln und auf den Tellern drapiert. Dafür hatte der Hausherr jedoch kein Auge, sondern widmete sich weiter seinen Gästen. In der Tat faszinierend, dieser Brauch. Und diese Entlohnung der Verköstigung, übrigens eine kreative Idee, ... fuhr er fort, ... wird im vorhinein oder erst zum Schluß bezahlt?

  • Lucillas Gedanken schweifen in ganz andere Richtungen als die von Hungi. Ihr Bruder weiß eh, was sie für zotige Gedichte kennt, immerhin kennt er Großtante Drusilla selbst, und dass Lucilla auch ungezwungen dem Tanzen frönt - sie gleicht dabei mangelndes Talent mit um so mehr Enthusiasmus aus - braucht niemand zu wissen, denn das ist für eine Römerin gar nicht schicklich. Überhaupt verbieten sich die Römerinnen so manche Freude, die sich Lucilla trotzdem heimlich gönnt, denn manchmal ist sie halt doch mehr Landei als Städterin. Lucillas Gedanken sind aber ganz und gar bei Hungi in diesem Augenblick. Natürlich wäre es noch viel, viel unschicklicher, auch für Hungi, Lucilla einen Kuss abzuringen. Natürlich wissen das alle in diesem Raum, darum geht es ja gerade. Trotzdem kribbelt alles in Lucilla schon beim Gedanken daran. Ob es wohl besser wäre als mit Spartakuss? Sie weiß nicht genau, wovor sie mehr Panik hat, dass er einen Kuss will oder dass er keinen will.


    "Ich habe sehr viele ungeahnte Talente!" gibt Lucilla ein bisschen beleidigt von sich und versucht ihre Unsicherheit zu verbergen.
    "Oh ja," kichert Funisulana. "Aber die meisten davon bleiben auch besser ungeahnt!"
    Euhemera und Jocasta fallen in das alberne Gekicher ein, während Peducaeana schon die Platten mit Essen mustert.
    "Natürlich wird im Voraus bezahlt. Du sollst schließlich nicht zu etwas genötigt werden."
    Im Gegensatz zu Lucilla.
    Fabulla, die nicht unbedingt in Hungis direkter Sicht, sondern eher seitlich sitzt, formt unterdessen mit ihrem Mund das Wort 'Kuss' ohne es laut auszusprechen. Lucilla, die das ganz genau sieht, schaut sie mit einer Grimasse an, die verdeutlichen soll, dass sie damit aufhören soll. Euhemera will schon nach den köstlichen Süßspeisen greifen, doch Peducaeana klatscht ihr auf die Finger und raunt ihr ein "Natürlich wird im Voraus bezahlt ..." zu und rollt dabei mit den Augen.

  • Hungi konnte nur zu sehr ahnen, in welch peinlicher Situation Lucilla sich befand. Er selbst war auch ein wenig peinlich berührt, war es doch offensichtlich, auf was es hinauslaufen sollte. Und er wußte, egal wie er sich entschied, man könnte es ihm zum Nachteil auslegen. Wenn er jetzt einen Kuss forderte, dann könnte man ihm nachsagen, daß er ein Wüstling wäre, wenn nicht, daß er durch seine Heirat zaghaft wurde. Da wie dort ein grausamer Gedanke, denen er wirklich nicht nachgehen wollte.


    Aber bitte, nehmt doch. Mein Koch wäre ganz enttäuscht, wenn etwas über bleiben würde. sagte er, während er mit einer Hand zu den Speisen deutete. Und was die Bezahlung angeht... ich bin mir sicher, daß wir etwas finden werden, womit wir alle unsere Freude hätten. fügte er wieder grinsend hinzu. Es wäre doch jammerschade, wenn unsere Protagonistin diesen Abends zu einer Bezahlung genötigt wäre, die sie nicht wollen würde. Ich könnte es mir nicht verzeihen, schon alleine aufgrund unserer Freundschaft wegen. In gleichem Maße grinsend wie auffordernd blickte er Lucilla an. Für welche Zahlungsart du dich auch entscheiden magst, ich werde sie mit Freuden annehmen.

  • Zwei Mal aufgefordert ist endlich genug und Euhemera greift freudestrahlend zu einer dulcia. Ihr Glück ist dabei, dass Peducaeana von Lucilla abgelenkt ist.


    Lucilla liebt Hungi. Am liebsten würde sie ihn auf der Stelle umarmen! Er ist ja so ein Kavalier. Natürlich kann sie keinen Kuss anbieten. Leider. Aber ein Gedicht wird Lucilla leicht von den Lippen kommen, vielleicht wird sie sogar eines wählen, das Hungi umschmeichelt. Schon öffnet sie den Mund, um ihre Entscheidung kund zu tun ...
    "Nein, das geht ganz und gar nicht!" fällt Peducaeana Lucilla ins noch nicht ausgesprochene Wort. "Da wäre ja der ganze Brauch dahin! Soetwas erzürnt die Götter und führt zu Unglück!"
    "Oh ja, groooßes Unglück!" springt Fabulla ihr hilfreich zur Seite und unterstreicht ihre Aussage, indem sie Augen weit öffnet. "Vinicius Hungaricus, du willst doch nicht etwa zulassen, dass groooßes Unglück über Lucilla hereinbricht?" Sie versucht das überaus ernst zu sagen. Wie eine Schicksalsgöttin kommt sie sich schon vor, was nicht zuletzt am Wein liegt.
    "Grooooßes Unglück ... oh nein ..." reiht sich Jocasta perfekt in das Spiel.
    "Außerordentlich!" mampft Euhemera, doch es bleibt fraglich, ob sie vom drohenden Unglück spricht oder der leckeren Süßspeise zwischen ihren Backen.
    "Schrecklich, das wäre ja schrecklich!" Auch Epaphrodita ist ganz in ihrem Element. "Manches mal ist es schon eine Bürde mit diesen Bräuchen, aber die Überirdischen sollte man besser nicht erzürnen."
    "Und vor allem nicht die Unterirdischen!"
    "Nicht so kurz vor einer Hochzeit. Immerhin ist der Tag nicht weit, wenn das Loch der Unterwelt auf dem Palatin geöffnet wird und die wilden Geister durch die römischen Straßen streifen."


    Ohne einen Ton herauszubringen klappt Lucilla ihren Mund wieder zu. Alles was recht ist, aber mit Über- oder Unterirdischen will sie sich nicht anlegen. So ganz genau weiß sie zwar nicht, wo Peducaeana den Brauch ausgegraben hat, aber die dazugehörigen verärgerten Geister sollte man besser unter der Erde lassen.

  • Seinen Blick hatte er von ihr nicht abgewendet, innerlich gab er es zu, er war schon sehr neugierig darauf, was sie wohl zahlen mochte für ihn bzw besser gesagt für seine Verpflegung. Und gerade in jenem Moment, in welchem sie ihm das offenbaren mochte, da funkten wieder die jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Freundinnen in die Szenerie. Hungi seufzte unhörbar, als diese Peducaeana das Gespräch an sich riss. Und natürlich folgten die anderen Frauen auf dem Fuße, wer hätte es anders erwartet. Groooßes Unglück? wiederholte er die folgenschwersten Worte dieser Unterhaltung, genau in der Intonation, die auch die Damen um sich herum verwandten. Natürlich, es war doch immer so, immer wenn man nicht etwas genau so machte, wie der Brauch es verlangte, dann geschah großes Unglück. Oder "groooßes Unglück". Und in dem Moment, wo man den gesunden Menschenverstand einschalten wollte, tja dann kam man mit Über- oder Unterirdischen. Wenn nicht gleich gar mit den Göttern. Hungi hatte schon viel erreicht in seinem Leben, aber anlegen wollte er es sich auch nicht mit Geschöpfen, die nicht menschlich waren, egal ob göttlich, oder halb-menschlich oder sonst irgendwie. Das war ihm zu heikel, er wollte das Schicksal nicht herausfordern.


    Großes Unglück also. wiederholte er die Essenz der Warnungen der Frauen. Naja, das sollte man natürlich nicht herausfordern, nicht wahr? Er lächelte in die Runde, dann fiel sein Blick wieder auf Lucilla. In so einem Falle sollte man das Schicksal nicht versuchen. Noch immer lächelnd, jedoch weit weniger unschuldig als noch vorhin, blickte er Lucilla an. Unter dem Mantel des Brauches war es in der Tat sehr bequem, und hallo, es gab wahrhaftig schlimmeres, als eine hübsche Frau zu küssen. Wenn du erlaubst... ergriff er mit verschmitztem Gesichtsausdruck ihre Hand und führte diese zu seinem Mund, doch noch bevor seine Lippen ihren Handrücken berührten, es war nur ganz knapp davor, senkte er ihre Hand und blinzelte ihr zu.

  • So ein dummes Gerede, denkt sich Lucilla über das Geplapper ihrer Freundinnen. Obwohl man sie natürlich auch bei den tiefen Wurzeln der verborgenen Furcht vor dem Übernatürlichen packen kann ist sich Lucilla ganz sicher, dass dieser Brauch nichts mit Göttern oder sonstigen Geistern zu tun hat. Es sei denn, man rechnet ihre Freundinnen zu den Furien. Auf der anderen Seite ist Vorsicht immer besser als Nachsicht, weshalb sie nicht anfängt zu protestieren, wie sie es sonst vielleicht tun würde. Man weiß ja nie ...


    Und dann geht sowieso alles viel zu schnell, als dass Lucilla noch irgend etwas denken würde oder denken wollte. Auf einmal ist Hungi ganz nah, auf einmal hält er ihre Hand in seiner Hand. Heißt das nun ...? Schon spürt Lucilla das Bitzeln auf ihrem Handrücken, doch es kommt alles noch viel schlimmer. Plötzlich fühlt sie sich in die Landschaft versetzt, die auf dem ländlichen Mosaik dargestellt und doch ganz anders ist. Hungi und sie stehen im Weizenfeld, der Wind rauscht durch die Ähren und lässt sie sanft hin und her wiegen. Um sie herum zwitschern die Vögel, ein Schmetterling fliegt von links nach rechts durch die Szenerie und ein Karnickel hoppelt am Feldrand vorbei. Vor dem fernen Wald grast eine Rehfamilie, im Hintergrund leuchten die Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln, am blassblauen Himmel glänzen rosa Schäfchenwolken und Lucillas Freundinnen sind nur noch Schatten am Feldrand, freundlich im Wind wogende Vogelscheuchen vielleicht. Die goldene Sonne geht hinter Hungi unter, so dass er von einem heroischen Schein umgeben ist. Von irgendwoher spielt eine Melodie, die Lucilla mal bei einem Theaterstück aufgeschnappt hat, aus der Szene, wenn Paris von Troja die schöne Helena nach Hause führt und in einem umschlungenen Kuss die Szene beendet. Es ist eine sanfte Melodie, die die Liebenden hinfort trägt, ihre endlose Sehnsucht charakterisiert und doch gleichzeitig auf das düstere Ende der Geschichte weist.
    "Natürlich," haucht sie und bemerkt nicht, wie ihr eigener Mund dem von Hungi langsam entgegen strebt, sich in stillem Einvernehmen mit ihrem Wunsch langsam öffnet.


    Stille herrscht im Raum. Sechs Augenpaare sind starr auf den Freiraum zwischen Hungis und Lucillas Gesicht gerichtet. Zwei, drei Münder stehen erwartungsvoll leicht offen. Die Spannung könnte man mit einem Messer durchschneiden, sogar Euhemera hat aufgehört zu kauen.

  • Situation: Nachmittags, vinicisches Atrium, kurz vor dem Kuss. Situationspartnerin: Lucilla, rassige Hispanierin, etwas gespritzt drauf (wie man im Illyricum dazu sagen würde), schon lange befreundet. Publikum: 6 Freundinnen, allesamt unerwünscht, haben aber Situation erst herbeigeführt. Mission: merkwürdigen Brauch erfüllen. Zusätzliche Motivation zur Missionserfüllung nicht notwendig.


    Dies war der Sachverhalt, in dem Hungi sich befand. Zweifelsohne ein Novum in seiner doch langjährigen Erfahrung mit dem anderen Geschlecht. Sicher hatte er schon vor Publikum andere Frauen geküsst, wer noch nicht, aber damals waren es seine Saufkumpanen, die dabei johlend und gröhlend halb besoffen zugeschaut und ihn angefeuert haben und die Damen, die da involviert waren, waren wohl kaum der ehrbaren höheren Gesellschaft zuzuordnen. Es sei denn, man möchte Tavernenbesitzer und ihre Töchter oder Kellnerinnen als wirklich ehrbare Leute in der römischen Gesellschaft ansehen. Hier aber sahen Frauen zu, die zwar auch schon einen Stich hatten (eine zumindest brauchte nur mehr einen Becher, dann konnte man sie nach Hause tragen), und das Ambiente ist mit dem einer Taverne natürlich auch nicht vergleichbar. Die Geräuschkulisse fehlte, die verdreckten Möbel, der angekotzte Boden, der penetrante Geruch... eigentlich war es tatsächlich komplett anders, nur die Existenz eines Publikums, die ist gleich. Diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf, als sich ihre Körper langsam und ohne Hast annäherten, und der nächste folgte sogleich. Diese amourösen Erlebnisse in den Wirtshäusern führten des öfteren zu einer intensiveren Begegnung mit den besagten Damen. Für einen winzigen Moment dachte er an, daß es mit ihr ja auch soweit kommen könnte. Diesen Gedanken fand er ganz amüsant, weswegen seine Mundwinkel sich etwas verbogen, doch nur etwas, denn schon im nächsten Augenblick schloß er die Augen und löste die Spannung zwischen den beiden und tat das, worauf wohl alle in diesem Atrium schon warteten.


    Überraschend warm und weich waren ihre Lippen, das heißt, eigentlich weniger überraschend, er wußte ja, daß sie auf ein gepflegtes Äußeres achtete, wie eh so ziemlich jede Frau, die was auf sich hielt. Langsam fing er an, mußten doch beide sich erst an den jeweils anderen herantasten, dann steigerte er ein ganz klein wenig das Tempo und irgendwann - Hungi achtete ja wirklich auf die Zeit oder auf die Technik, sondern verließ sich da ganz auf sein Gefühl - kam auch die Zunge ins Spiel, nicht forsch, aber auch nicht zu scheu und schüchtern. Er wollte sie kosten, jetzt noch, solange er die Gelegenheit hatte und diese ihm quasi auf dem Silbertablett präsentiert und eigentlich auch aufgedrängt wurde, und ließ ihr Gelegenheit, dasselbe mit ihm zu tun.

  • So muss das wohl sein, wenn ein Stern explodiert. Erst heizt er sich auf, über Jahrtausende, bläht sich auf, wird immer größer und heißer, bis irgendwann die Spannung so gewaltig ist, dass er in einer gewaltigen Explosion auseinander berstet. Natürlich hat Lucilla keine Ahnung von Sternen - in ihrer Vorstellung sind das kleine Punkte, die irgendwer mit einer Nadel in die Himmelsdecke gepiekst hat, oder sowas in der Art, allzu genau hat sie über so einen Kinderkram nie nachgedacht - und sie hat auch keine Ahnung von großen Explosionen - den größten Krach hat sie miterlebt als in Tarraco ein Haus in sich zusammen gestürzt ist - aber wenn es etwas vergleichbares wie diesen Kuss von Hungi gibt, dann müsste das die Explosion eines Sternes sein, da ist sich Lucilla ganz sicher. Natürlich könnte man nun munkeln, dass Lucilla ja nicht viel Vergleichsmaterial hat, aber - und da liegt auch schon der springende Punkt - der erste Mann, der Lucilla hinter einen Busch gezogen und ihr einen unglaublichen Kuss aufgedrückt hat, das war der berühmte Gladiator Spartacus (natürlich nicht der Gladiator Spartacus, sondern der berühmte Gladiator Spartacus). Naiv wie Lucilla in diesen Dingen ist, hat sie nicht geglaubt, dass es jemals etwas geben könnte, was Spartacus Kuss übertreffen würde.


    Weit gefehlt. Hungi kann. Nicht verwunderlich, immerhin ist er ein Könner, aber so genau weiß Lucilla das ja auch nicht. Wusste es nicht, denn jetzt weiß sie es. Wenn sie überhaupt etwas weiß. Denn augenblicklich explodieren noch tausende kleine Sterne in ihrem Kopf, ihre Zunge entdeckt ein ganz zauberhaftes Spiel und es scheint nichts mehr zu existieren außer Hungi und ihr. Kann die Welt jemals wieder anders sein? Kann dieser Augenblick jemals wieder aufhören? Nein, er kann nicht, setzt Lucilla fest. Ohne aufdringlich zu werden spielt ihre Zunge mit der Hungis und erfreut sich an der Entdeckung, dass auch bei genauerem Hinsehen der ferne Heroe nicht in sich zusammen fällt.


    Lucillas Freundinnen sitzen währenddessen um sie herum und bestaunen mit offenen Mündern das Geschehen. Es ist ein magischer Augenblick, denn nicht nur, dass Lucilla gerade Hungaricus küsst und umgekehrt, in diesem Moment entsteht ein wundervolles Geheimnis. Denn allen beteiligten Damen ist natürlich klar, dass nichts von diesem Augenblick jemals aus dieser Casa herausdringen dürfte, nicht einmal aus diesem Atrium und der kleinen intimen Runde darin. Es ist ein neues Mysterium für die kleine, verschworene Gemeinschaft, die schon so manches Geheimnis teilt.

  • Es gab da eine winzig kleine Kleinigkeit, die ihn aber massivst störte, nämlich die Schreckschrauben von Freundinnen an der Seite, die da die beiden Protagonisten der Szene anstarrten wie zwei Jahrmarktsattraktionen in einer dakischen Kleinstadt. Genau aus diesem Grund fiel es Hungi extrem schwer, diesen Kuß zu genießen, was es eigentlich sollte, immerhin war seine Partnerin ja auch nicht von schlechten Eltern, und es sicher auch getan hätte, wenn eben besagte Freundinnen überall, nur bloß nicht hier gewesen wären. In diesem Moment wünschte er diese ganz weit weg, mindestens eine Meerenge sollte dazwischen sein, aber diesen Gefallen tat ihm in genau diesem Moment kein einziger Gott. Ob man jedoch auf andere Weise diese schnatternden Gänse loswerden konnte? Das wäre ein Gassenschlager, raus mit den Schabracken und allein sein mit Lucilla. Allein in diesem Atrium, nur sie und er und sonst niemand (außer natürlich die obligatorischen Sklaven und Sklavinnen, aber das war ohnehin klar). Allerdings natürlich mußte auch Lucilla ähnliche Gedanken haben, er konnte ja schlecht ihre Freundinnen rausschmeißen, wenn sie nicht den gleichen Wunsch wie er hätte. Auf der anderen Seite wäre es ihrem guten Ruf sehr abträglich, wenn sie mit einem Manne allein wäre, der in Bezug auf Frauen nicht gerade den respektabelsten Ruf genoss. In diesen wenigen Momenten, in dem er dies überschlagsmäßig bedachte, kam er zu dem Schluß, daß er wohl auf ein Zeichen warten mußte, wenn sich diesbezüglich etwas ergeben sollte. Nein sagen würde er gewiß nicht, er wär ja schön blöd.


    Alles hat jedoch ein Ende, nur die Wurst hat zwei, so mußte er sich - wenn auch widerwillig - von ihren Lippen lösen, was er auch langsam tat. Souveränität war alles, denn immerhin musste er sich zusammenreissen und den Schnattertrommeln da nicht das Gefühl geben, als würde er Lucilla gleich hier auf der Kline vor ihren Augen nehmen. Obwohls durchaus reizvoll gewesen wäre, letzteres, also ohne Publikum. Da dies natürlich aber im Moment ein Wunsch war, sah er nur in die Runde, amüsierte sich innerlich über deren Blicke und räusperte sich. Meine Damen, greift zu.

  • Lucilla blinzelt entzückt. Aber warum hat Hungi schon aufgehört? War es das etwa? Hat es ihm nicht gefallen? Ein verhaltenes Glucksen lässt Lucilla erkennen, warum. Natürlich, die jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Frauen um sie herum. Sofort nachdem sich Hungi von ihr löst, fangen ihre Freundinnen an zu kichern. Dann aber fallen sie über das Essen her, als hätten sie seit Tagen schon nichts mehr bekommen. Lucilla hat keinen Hunger. Sie hätte lieber Hungi.


    Lucilla kommt ein Gedanke, der sie schon die letzten Tage immer wieder beschäftigt hat. Natürlich ist sie da schon bei Hungi gelandet, aber so richtig durchringen können hat sie sich nicht. Ob er wohl wirklich so gut ist, wie man sagt? Auf der anderen Seite geht Probieren ja über Studieren und wenn er es nicht bringt, dann kann sie sich immer noch einen anderen suchen. Und selbst wenn er nur die Hälfte von dem hält, was er verspricht, würde es perfekt sein.


    Leise räuspert sie sich, um Hungis Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen. "Sag mal, nachdem die Raubtierfütterung jetzt in vollem Gang ist ... ich hätte da noch ein Anliegen mit dir zu besprechen. Es geht auch um meine Ehe, allerdings auf andere Art. Juristisch könnte man sagen, da bist du doch Experte, nicht?." Sie nickt mit fragendem Blick. "Das hier ist eh das letzte Haus des Junggesellinnenabschieds. Meinst du, du hättest vielleicht ein bisschen Zeit? Wäre es möglich, dass wir das irgendwo anders besprechen? Vielleicht in deinem Arbeitszimmer?"


    Peducaeana muss aufpassen, dass sie nicht laut losprustet. Ihre Aufmerksamkeit ist natürlich - wie die der anderen jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Frauen (außer die von Fabulla vielleicht) - ganz auf das Gespräch gerichtet, auch wenn sie vordergründig den Anschein erweckt sich am Essen zu erfreuen. Aber wie alle Frauen beherrschen Lucillas Freundinnen die Kunst der Vortäuschung der Interessenlosigkeit natürlich perfekt.

  • Ursus hätte seine Freude. Nichts mochte er mehr als wenn seine Arbeit durch Aufessen gewürdigt wird und nichts hasste er mehr als vornehme Zurückhaltung bei der Nahrungsaufnahme. Obwohl Hungi sich ganz sicher war, daß seine Sklavenschaft sicher keine Probleme hatte, die Reste zu vertilgen. Wie dem auch sei, er wurde ohnehin gerade in seinen Gedanken von Lucilla unterbrochen. Allerdings war das, was er hörte, nicht gerade das, was er erhoffte. Er hatte wirklich wenig Lust, sich jetzt mit der Ehe von ihr mit Avarus auseinanderzusetzen. Oder war das eine Finte? Ein Ablenkungsmanöver, damit diese merkwürdigen Freundinnen ruhig gestellt werden sollen? Wenn ja, dann... nicht schlecht. Wenn nein, dann ... naja, dann hatte er sich geirrt.


    Dann müssen wir tatsächlich in mein Arbeitszimmer gehen. Ich hatte in letzter Zeit nicht so oft mit dem Eherecht zu tun, eher mit solchen Dingen wie der Lex Mercatus, was mein Amt halt so mit sich bringt. Bona Dea, was schwafelte er so herum? Jedenfalls liegen meine Unterlagen dort. War da nicht noch etwas? Ahja genau. Es wäre aber äußerst unhöflich von mir, deine Freundinnen hier so ganz alleine zu lassen. Abwartend blickte Hungi diese in letzter Zeit sehr stillen Schnattergänse an.

  • Natürlich ist auch die Lex Mercatus eine rechtliche Angelegenheit, die Lucillas Ehe mehr betrifft als ihr dies lieb ist, aber heute liegt ihr der Gedanke daran fern. Obwohl sie sich natürlich jederzeit maßlos darüber aufregen könnte. Lucilla blickt zu ihren Freundinnen. "Wir waren ja eh schon im letzten Haus hier, nicht wahr? Ich finde doch, dass ich langsam genug verabschiedet habe. So schlimm ist eine Ehe ja dann doch auch nicht, dass man vorher so exzessiv nochmal zulangen müsste, oder?" Hilfesuchend blickt sie zu Hungi, aber Jocasta springt ihr schon bei.
    "Nein, eh nicht. Außerdem sollten wir Fabulla so langsam nach Hause bringen." Sie kichert albern. Sie selbst sollte auch bald nach Hause, bevor sie umkippt. "Wir sehen uns dann morgen, viel Spaß noch, Süße." Sie grinst anzüglich.
    "Hoffentlich werden dir die Rechtlichkeiten nicht zu öde." grinst auch Peducaeana anzüglich.
    "Hat sowas nicht bis morgen Zeit? Dieser ganze Iuristenkrams verdirbt dir doch noch den Abend!"
    "Du weißt doch, wie Lucilla auf Papierkram steht."
    "Ach ja?"
    "Ja, Euhemi, das weißt du doch. Papierkram und so." Sie hebt verschwörerisch die Lider.
    "Ach so! Papierkram! Ja!" Albernes Gekicher aus allen Mündern folgt. "Ja, dann, Lucilla, viel Spaß noch beim Papierkram."
    Endlich schiebt Peducaeana Euhemera in Richtung Ausgang. "Vielen Dank, Senator Hungaricus, für die Wahrung der Tradition."
    "Pass auf dich auf, Lucilla ... auf dem Nachhauseweg, später dann, meine ich."
    Kichern und Abgang der jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Damen folgt, dann kehrt endlich wieder Stille ein.


    Lucilla blickt ihren Freundinnen nach und seufzt dann hörbar auf. "Manchmal frage ich mich wirklich, was diese Mädels einwerfen, wenn ich nicht dabei bin."
    Lächelnd schaut sie zu Hungi und grinst hintergründig. "Nachdem sie eh fort sind können wir uns auch das Arbeitszimmer sparen, oder?" Sie greift nach den letzten Traubenresten auf der Platte und wirft eine runde Frucht in ihren Mund. "Ich brauche einen Patron wenn ich verheiratet bin. Und du wärst genau der Richtige."

  • Äußerst erfreut war Hungi, als die Freundinnen endlich von ihren Plätzen aufstanden und mit vielen unnötigen subtilen Sticheleien das Atrium und bald danach das Haus verließen. Einer seiner Sklaven half ihnen dabei auf dem Weg, sonst hätten diese sich wohl noch verlaufen, mutmaßte Hungi. Der Höflichkeit halber verabschiedete sich der Hausherr noch formvollendet von den Damen, doch als sie endlich alleine waren (außer den Sklaven natürlich), atmete Hungi befreit auf.


    Na endlich... stieß er tonlos aus und griff seinerseits zu einer Traube. Verzeih, aber deine Freundinnen sind im Rudel schon etwas anstrengend. Die Traube in der Hand verschwand in seinem Mund und für diesen Augenblick blitzte es in seinen Gedanken auf. In der Tat, der Weg zum Arbeitszimmer war nun obsolet geworden. Dieser und die darauf folgenden schmutzigen Gedanken fanden einen entsprechenden Widerschein in seinem Gesicht, genauer um seine Mundwinkel. Ah so nennt man das heutzutage? kommentierte er mit einem leichten Schmatzen aber nichts desto weniger grinsend ihr Anliegen.


    Aber irgendwas störte sein Gesamtbild. Es war nicht einmal unbedingt die Tatsache, daß sie immer noch saßen und sich nicht auf dem Boden oder auf den Sitzen wälzten oder sonst irgendwie aneinander klebten. Er schätzte sie ja auch nicht so draufgängerisch ein und er war auch schon aus seiner Sturm & Drang-Zeit herausgewachsen. Es war irgendwie ihr Tonfall, der ihn dann doch stutzig machte. Ach, du meintest das gerade ernst?

  • Lucilla zieht skeptisch die Augenbrauen zusammen. Das ist ja wieder typisch. Sie hat schon erwartet, dass sie sich vor jedem Mann rechtfertigen werden muss, weil sie als verheiratete Frau sich einen Patron sucht. Aber gerade Hungi hätte sie mehr Grips zugetraut. Sonst wäre sie mit diesem Anliegen ja auch gar nicht zu ihm gekommen.


    "Natürlich meine ich das ernst!" erwidert sie ein bisschen schnippisch und kommt überhaupt nicht auf die Gedanken, bei denen Hungi schon ist. "Gerade als verheiratete Frau muss ich mir meine Unabhängigkeit bewahren und das geht nur mit einem Patron." Ganz davon zu schweigen, dass es doppelte Macht und ein Stück Sicherheit bedeuten würde.
    "Schau, es ist doch so, Avarus ist nicht unbedingt unumstritten. Kannst du dich noch dran erinnern, wie das Volk seinen Kopf gefordert hat? Ich mag nicht eines Tages nach Hause kommen und ihn kopflos vorfinden. Du bist der mächtigste Mann im Senat. Wenn einer einen mäßigenden Einfluss haben kann, dann du. Versteh mich nicht falsch, ich will nicht, dass du ihn irgendwie schützt. Nur eben wenn es dicke kommt ihn aus der Schusslinie ziehst. Im Gegenzug dazu werde ich dir als deine Klientin ab und zu seine Stimme sichern können."


    Sie schaut Hungi prüfend an und wedelt mit ihren Händen vor sich in der Luft herum. "Dazu das übliche Patronats-Klientel-Verhältnis."
    il das Wort Verhältnis so merkwürdig im Raum nachklingt sieht sich Lucilla bemüßigt, die Vorteile genauer zu beschreiben. "Unterschätze nicht den Einfluss, den Frauen auf ihre Ehemänner haben. Jede der Damen aus meinem Rudel, die du heute Abend bewirtet hast, haben einen einflussreichen Eques hinter sich. Und nicht nur meine Freundinnen, andere Frauen haben andere Männer hinter sich. Die mögen die Klienten von anderen Männern sein, doch sie hören auch auf das, was ihre Frauen ihnen sagen, die einen mehr, die anderen weniger. Und was Frauen sagen, das lässt sich durchaus von der Meinung einer anderen Frau beeinflussen." Sie drückt ihren Rücken durch und rück sich in Pose. Jetzt fehlt nur noch der Sonnenstrahl, der von oben durch das compluvium auf Lucilla hinab fällt und sie in ein goldenes Licht taucht, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass sie diese andere Frau ist.

  • Da ging sie dahin, die Vorstellung eines amourösen Abenteuers mit Lucilla. Dabei hatte er sich das so schön ausgemalt... sie beide in sehr enger Umarmung, lauter unsittliche Sachen machend... statt dessen mußte er sich gerade fragen, ob entweder sein Charme nachgelassen hat oder er mittlerweile zu alt war ... Doch schüttelte er gleich innerlich den Kopf. Unsinn, er war im besten Alter, dachte er bei sich und folgte - wenn auch widerwillig - ihren Ausführungen.


    Und aus diesen Gründen runzelte er die Stirn und schnaubte ein ganz klein wenig. Du hast entweder enormes Vertrauen in mich oder du unterschätzt deinen Zukünftigen was seinen Sturkopf angeht. Seine Hand bewegte sich zu einer Dattel, die mitsamt ihrer klebrigen Hülle ihren vorigen Platz verließ und bald schon seinen letzten Weg antreten sollte. Ich bin mir durchaus der Macht bewußt, die manche Frauen über ihre Männer innehaben. Nur nicht seine eigene, erst recht nicht, wo sie so weit weg war, wie gerade im Moment. Leise knackte die an der Luft getrocknete süße Hülle der Dattel, als diese ihr vorläufiges Ende im Mund des Hausherrn fand. Diese kurze Zeit nutzte er, um über ihre Worte nachzudenken. Er wunderte sich ein wenig, daß sie tatsächlich zu ihm kam und fragte sich, ob ihr Bruder wohl davon wusste. Ob dieser seine Unterstützung wegen Avarus verweigert hatte? Wundern täte es ihn nicht. Oder ob sie raus aus ihrer Familie wollte? Auch das wäre irgendwie möglich. Und ich soll dir also deine Unabhängigkeit bewahren. wiederholte er ihr Gesagtes süffisant.

  • Lucilla schüttelt vorwurfsvoll den Kopf. "Mah, geh bitte, du bist dir wohl deiner eigenen Macht nicht bewusst? Ein Wort vom großen Senator Hungaricus und der halbe Senat springt vom Tarpeischen Felsen." Sie wiegt den Kopf hin und her. "Na gut, so schlimm vielleicht nicht, aber annähernd." Unterbewusst greift sich Lucilla auch eine Dattel und lässt ihr das gleiche Schicksal angedeihen wie Hungi. Ein bisschen viel Wein hat sie wohl doch schon getrunken und etwas feste Nahrung ist sicher nicht verkehrt.
    "Denk doch mal nach, eine Frau unter deinem Patronat, was kann der schon noch passieren?" Gut, da wüsste sie so einiges, aber das würde erstens ja eh unter positive Nebenwirkungen fallen, zweitens würde es keiner wissen und drittens ... na welche Frau würde sich da schon beschweren?


    "Außerdem brauche ich ein Gegengewicht zu Avarus, wie schon gesagt, um meine Unabhängigkeit zu bewahren. Meridius und Livianus kommen nicht in Frage, ich werde nicht zu meiner Familie zurück kriechen, wenn es nötig sein sollte. Ich bin schließlich eine Decima!" Ihr Name klingt durch die Luft, als würde er schon alles sagen. Und das tut er ja auch - stolz bis zur Dickköpfigkeit. "Zurück ins gemachte Nest zu kriechen wäre nur ein Zeichen von Schwäche. Natürlich würde niemand das so sagen, aber ich kann mir schon vorstellen, wie selbstgefällig sich die Tür zur Casa Decima öffnen würde. Nein, wenn ich mich in ein gemachtes Nest setze, dann in eines, für das ich selbst meine Gegenleistung erbracht habe - durch ein Klientelverhältnis." Ganz zu schweigen davon, dass sie auf Meridius und Livianus eh auch so immer zählen könnte, diesen Einfluss braucht sie sich nicht extra zu sichern.


    Den letzten Grund, den tatsächlich ausschlaggebenden für Hungi, verschweigt Lucilla. Für Hungi würde sie die Frauen Roms ausspionieren, Gerüchte und Neuigkeiten verbreiten, die sie hören sollten, ihnen Entscheidungen einflüstern, die durch ihre Münder in die Ohren ihrer Männer weiter ziehen würden - doch Hungi selbst wäre der Schlüssel zu allem. Sie würde tagtäglich in seinem Haus ein- und ausgehen können, und allein dafür, dass sie ihn täglich sehen könnte, würden die Frauen Roms ihr neiderfüllt überall hin folgen. Livia hat anscheinend kein Interesse an der ihr zur Verfügung stehenden Macht, oder aber patrizische Frauen sind doch einfach zu naiv, um diese Macht zu erkennen, doch Lucilla würde sie ganz genau zu nutzen wissen.


    "Außerdem weiß ich, dass ich auf dich zählen kann. Seit dieser Nacht in Rom ..." Sie lässt den Satz unvollendet. Damals hatte sie geglaubt, Rom zu kennen, doch Hungi hatte ihr ein ganz neues Rom gezeigt. :]

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