Hortus | Citius, altius, fortius

  • Wenngleich Asny jenes mahnend gen Himmel aufragende Holzkreuz auch durchaus kannte, so hatte sie bislang dessen eigentlicher Nutzung noch nicht beiwohnen dürfen. Ein Umstand, den sie, wann immer sie dieses Gerät passierte, ein wenig bedauerte. Es war weniger die sadistisch geweckte Absicht, jemand anderen leiden zu sehen und schreien zu hören - dies brächte ihr für gewöhnlich keinerlei Vorteil -, sondern die Beobachtung der körperlichen Reaktion, der Wirkung auf Haut und Muskeln und der Verlauf der Vernarbung. Dass man nun an ihr selbst eine solche Studie durchführte, war auf der einen Seite selbstredend sehr positiv und praktisch, doch besaß sie leider keine Augen am Hinterkopf, so dass es ihr unmöglich sein würde, die Anwendung und die Abheilung aus nächster Nähe beobachten zu können. Ein leiser Seufzer des Unmuts verließ ihre Lippen, während man sie an das Kreuz band. Anscheinend konnte man von Aristides doch nicht so ohne Weiteres verlangen, dass er von sich aus sinnvolle Entscheidungen fällte, die ihren Erwartungen entsprachen. Im Grunde blieb ihr auf diese Weise nur der Grad des Schmerzes und wie bereits bekannt war dieser Index überaus ungenau und trügerischer als eine Moorlandschaft. Eine Einteilung in gefühlte Schmerzen gerade am Rücken verlangte eine Konzentration und ein Bewusstsein, die sie erst noch beide würde entwickeln müssen. Andererseits kannte sie ihren Körper ausgezeichnet, wusste um seine Stärken und Grenzen, die sie auch gerne einmal zu überwinden versuchte. Er musste sich freilich stets dem Geist beugen, doch Asny verlangte nichts Nachlässiges oder Verrücktes von ihm. Gut funktionieren sollte er, gesund und trainiert sein. Schließlich war er ihr Körper und wie alles, was sie als ihr Eigentum deklarierte, musste er besonders sein. Im Gegensatz zu Aristides hatte er diese Besonderheit bereits hinlänglich bewiesen. Doch vermutlich sollte sie mit dem Flavier ein wenig geduldiger sein. Schließlich hatten sie sich gerade erst kennengelernt und wie es den Anschein hatte, war sein Geist eher schwächlich und ergab sich lächerlichen Sehnsüchten nach seiner Tochter. Wenn er ihr allerdings bei ihrem Training half, würde sie ihm umgekehrt auch diesen Gefallen tun, von dem sie am Ende selbst profitieren könnte. Natürlich durfte sie nicht aus den Augen verlieren, dass er niemals ihren Wert erreichen könnte, dafür war bereits die Basis zu angeschlagen und sein Optimum zu tief angesetzt. Doch man konnte nie wissen. Immerhin besaß er einen Teil ihres Interesses und dies hatte schon mehr aus einem Menschen heraus geholt, als dieser Mensch selbst von sich gedacht hätte.


    Ihren Atem zu gleichmäßigen Luftzügen zwingend starrte Asny auf die grobe Holzmaserung direkt vor ihrem Gesicht und prüfte mit einem kurzen Ruck und einer leichten Drehung der Handgelenke die Befestigung der Fesseln, die sie nicht unbedingt als notwendig erachtete. Wenn sie hinfiele, wäre es ihre eigene Schuld und ein Eingeständnis von Schwäche, welches sie von sich aus nach Kräften zu verhindern suchte. Doch vielleicht fiel dem Auspeitscher mithilfe des Kreuzes und der genauen Justierung des daran geschnürten Körpers das Zielen ein wenig einfacher.
    Am Rande ihres Bewusstseins bekam die Sklavin noch flüchtig mit, dass Aristides irgendeine dumme Rede hielt, die ihn selbst wohl am meisten aufbauen sollte, ehe sie sich der Außenwelt und ganz besonders einer bereits jetzt schluchzenden Asa verschloss, und sich auf ihren Körper und dessen Wahrnehmung fokussierte. Die raue Berührung der Fesseln an ihrer Haut, das von der Sonne aufgewärmte Holz vor ihr, eine leichte Brise, die sich in ihren Haaren verfing und ihren nackten Rücken streichelte, eine Vielzahl von Düften, die sie umgaben, ihr eigener Atem, den sie auf ihren Bauch konzentrierte und das leichte Pochen ihres Pulses in den Schläfen. Sie deklarierte diesen Punkt als 0, frei von Schmerz. Notgedrungen und bar einer anderen Erfahrung würde sie die Schmerzgrade erst einmal mit der Anzahl der Schläge gleichsetzen müssen, obgleich sie zweifelte, dass diese Gleichung so einfach aufgehen würde. Nicht jeder Schlag brächte den gleichen Anteil an Schmerz wie der andere. Anfänglich vielleicht, der erste Schlag wirkte womöglich wie der stärkste, doch einfach nur deshalb, weil er bei 0 ansetzte. Ob der achte Schlag noch dieselbe Wirkung besaß war fraglich.
    Andererseits befand sie sich aus genau jenem Grunde, ihrer Unwissenheit, an diesem Ort. Sie musste lernen, wie sie es immer tat. Und auch Aristides musste lernen. Endlich. Ein derart leichtgläubiger und labiler Herr war untragbar für sie. Allerdings würde es gewiss merklich schwerer werden, ihm etwas beizubringen als sich selbst. Immerhin wollte sie lernen. Um jeden Preis.


    Das Verhalten ihres Körpers unter Schmerzeinwirkung war überdies wirklich erstaunlich. Es schien, als wollte er sich dabei von der Herrschaft des Geistes befreien, ihn niederringen und übertreffen, wie ein kleines Kind, das aufbegehrte und sich von Mutters Hand loszureissen versuchte. Was umso unsinniger war, als dass gerade die Mutter ihm doch hätte helfen können. Doch in derartigen Ausnahmesituationen schienen gebräuchliche Herrschaftsverhältnisse ins Wanken zu geraten, ausgerechnet dann, wenn alles viel leichter würde, ließe man auch weiterhin den Verstand an der Macht. Asny wusste, dass ein paar Schläge sie nicht umbrächten sondern lehrreich wären, dennoch reagierte ihr Körper derart überzogen und albern, dass sie beinahe geneigt war, sich für ihn zu schämen. Die Haut zerriss, es floss Blut - ach, wie furchtbar. So ein armer Körper. Doch wenn sie all die auftretenden Merkmale nicht genau zur Kenntnis nahm, würde sie beim nächsten Mal nicht anders reagieren. Am Besten gewöhnte man sich an etwas, wenn man es oft und intensiv wiederholte. Und ihr Körper musste sich definitiv daran gewöhnen, wenn sie verhindern wollte, dass er sich ihrem Geist derart rücksichtslos in den Weg stellte. Dann würde sie auch daran arbeiten, die Auswirkungen des Schmerzes besser bekämpfen können. So hatte sie bemerkt, dass zwischen dem eigentlichen Schlag und dem bewussten Aufflammen der Auswirkungen einige Zeit verstrich, als bräuchte die Botschaft ein Weilchen, bis sie vom Rücken zu ihrem Verstand vorgedrungen war. Wie ein kleiner Bote, der ein wenig Zeit benötigte, um seine Nachricht zu verbreiten. Würde man ihn an der Auslieferung hindern, wäre es dann möglich, gar nichts mehr zu spüren? Sich ihm zu verschließen? Die Peitschenhiebe folgten zu rasch aufeinander, doch Asny legte diesen Gedanken sorgsam ab, ehe sie sich wiederum auf das Gegenwärtige konzentrierte und die Reaktionen ihres Körpers verfolgte. Ihre Atmung und ihr Herzschlag beschleunigten sich als wäre sie eine weite Strecke über Berg und Tal mit aller Macht gelaufen. Ihr Körper begann unkontrolliert zu zittern und Tränen schossen ihr in die Augen, obgleich sie überhaupt keinen Anlass dazu besaßen. Sie war nicht traurig und es mussten inzwischen schon viele Jahre vergangen sein, seit sie zuletzt geweint hatte. Es war kein Schmutz auf ihren Augapfel gelangt, der fortgespült werden müsste. Insofern bestand kein regulärer Grund für diese Tränen. Wollte ihr Körper etwa einen mitleidvollen Eindruck erwecken, damit die brennenden Qualen ein Ende fanden? Ein instinktiver Täuschungsversuch? Wahrscheinlich hätte er sogar versucht zu schreien, hätte sie ihm nicht die Stimme genommen. Ihr Atem ging zu panisch für einen entsprechenden Seufzer, doch Asny war mit dieser Entwicklung alles andere als zufrieden. Ihre Muskeln sollten ihr gehorchen und nicht irgendeinem Lederriemen. Der Verstand wusste, was geschah, selbst wenn die Augen es nicht sehen konnten. Es mochte für den normalen Begriff der Schönheit nicht hübsch anzusehen sein, wie ihr die Haut in Streifen vom Rücken gerissen wurde, aber es war auch kein Weltuntergang, keine Katastrophe. Viel schlimmer und nachhaltiger war der Aufstand, den ihr Körper deswegen machte. Dort liefen Vorgänge ab, zu unkontrolliert und schnell, die ihr um einiges mehr schadeten. Es war höchste Zeit daran zu arbeiten, bevor sie noch tatsächlich so armselig zu wimmern und zu flehen begann, wie die ganzen Sklaven, deren Bestrafung sie auf den Märkten manches Mal beigewohnt hatte. Diese waren tatsächlich Sklaven gewesen, Sklaven vor sich selbst.


    Nach dem zehnten Schlag gaukelte Asnys Leib ihr in seiner Blindheit ein pulsierendes Feuer vor, wie es nicht zu übertreffen sein konnte. Vollkommen unsinnigerweise, schließlich gab es immer noch eine Steigerung zu einem Gefühl. Peitschenhiebe auf den Rücken waren dahingehend nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ihr Herz schlug wild und schnell in heller Aufregung und ihre Atmung wollte sich nur sehr widerwillig dem von ihrem Verstand aufgezwungenen Muster unterwerfen. Doch hart biss sie die Kiefer aufeinander und starrte auf die verlaufenden Muster des Holzes vor ihr. Sie musste diesen zitternden Bann abwerfen. Es durfte nicht sein, dass sie sich von ein paar Schlägen so beeindrucken ließ. Knapp schüttelte sie den Kopf und blinzelte ungehalten gegen die alles verwaschenden Tränen an. Wirklich, eine solche Behandlung war mehr als überfällig gewesen. Sie musste abgehärtet werden, sonst würde sie bald ächzen und humpeln gleich dem alten Krüppel, den ein einfältiges Schicksal ihr als Herr zugespielt hatte.
    "Die Schläge waren.. vollkommen unregelmäßig.. Anfang und Ende waren... viel heftiger als die mittig gelegenen.. so ein Dilettantismus...", stieß Asny zunächst zwischen immer noch zusammengebissenen Zähnen hervor. Mit jedem unangemessen japsenden Atemzug wuchs die Wut auf sich selbst mehr an. Ihre zitternden Lippen formten ein grimmiges Lächeln, ehe sie mit einem trockenen Anflug unerbittlichen Zynismus' fortfuhr:
    "Aristides... was hat dir das hier gebracht? Kam deine Tochter strahlend angelaufen.. um dich von aller Schuld freizusprechen?" Sie hustete trocken und schüttelte neuerlich den Kopf. Nichts behinderte augenblicklich ihre Atemwege, was ein solch peinliches Röcheln begründen konnte. Natürlich durfte sie den Blutverlust nicht vergessen. Die Wärme des Tages würde die Gefäße nicht so rasch zusammenziehen, wie Kälte es vollbrächte, andererseits könnte sie die Wundverkrustung eher unterstützen. So ein Pech, dass sie ihre Wunden nicht zu sehen vermochte! Auf die Beschreibungen irgend eines anderen konnte sie sich auch nicht verlassen, kaum jemand in dieser Villa wäre in der Lage, sie ihr angemessen und objektiv genug zu beschreiben. Und die Menschen, welche dazu womöglich in der Lage wären, würden es nicht tun, aus welchen dummen Gründen auch immer. Wohl oder übel bliebe ihr nichts anderes übrig, als ihren alten Lehrmeister aufzusuchen. Dieser fahndete schließlich auch permanent nach Studienobjekten.

  • Panisch flatternd versuchte das graue Täubchen den scharfen Klauen des Mäusebussards zu entgehen, einem Hasen gleichend schlug es Haken in der Luft, wirbelte herum und floh in Richtung von einer dichten Maulbeerbaumkrone. Hastig verschwand der Vogel zwischen den dichten grünen Zweigen, deren Blätter sanft im warmen Sommerwind wogten. Noch ehe sich der Greifvogel versah und weiter nach seiner verkrochenen Beute stoßen konnten, stoben zwei Krähen aus dem Baum auf. Mit einem wilden Krächzen stürzten sich die beiden schwarzen Vögel auf den anderen Raubvogel, der sich mit schnellen Flügelschlägen in die Luft zu retten versuchte. Beharrlich stießen die Krähen hinter her, immer einer nach dem Anderen der beiden Vögel attakierten den Bussard, der jetzt selber Haken schlagend sich am blauen Himmel hin und her bewegte. Nach einigen Herzschlägen, in denen die Krähen nicht aufgaben, landeten alle drei Vögel in einiger Entfernung auf einem Torpfosten oder Mauerteil der villa Flavia. Schließlich erhob sich eine der Krähen und verschwand, nach einer Weile folgte auch die andere Krähe, die noch mal misstrauisch den Bussard beäugt hatte; der Raubvogel zog nach einer Atempause schnell von dannen. Fasziniert hatte Marcus die kleine Szenerie am Himmel beobachtet, seine Augenbrauen zogen in ihrer Mitte eine steile Falte als seine Gedanken das Gesehene ein zu ordnen versuchte; mit Sicherheit war das ein Omen, doch was konnte es bedeuten? Und warum gerade jetzt? Das würde er wohl doch seinen Vetter fragen müßen, in Göttersachen war Marcus nicht sonderlich versiert, und nach seinem Ausbruch vorhin, den er bereits wieder bitter bereute, bedeutete das Himmelsspiel der Vögel sicherlich etwas.


    Mit der gerunzelten Stirn und dem einigermaßen verwirrten Gesicht wandte sich Marcus wieder der Bestrafung zu, sein Zorn war mittlerweile wieder etwas verraucht, in den blauen Himmel aufgestiegen und somit bei weitem nicht mehr brodelnd, selbst wenn er die Bestrafung der Sklavin mit der Peitsche immer noch nicht gereute – und es auch in Zukunft wohl nicht tun würde, so sentimental war Marcus nicht, er sah darin hin und wieder einfach eine Notwendigkeit, um die alt bewährte Ordnung aufrecht zu erhalten, eine, die er in seinem Leben nie anders erfahren hatte. Er musterte die junge Sklavin und trat an die Seite des Holzkreuzes; erstaunt wölbte sich seine linke Augenbraue nach oben – eine unwillkürliche Reaktion! - denn das, was er sah und hörte, beziehungsweise nicht sah und nicht hörte, war für ihn im höchsten Maße erstaunlich; er hatte schon gestandenere Männer gesehen, die sich bei solchen Peitschenhieben nicht beherrschen konnten, die weit mehr hervor brachten als einige Tränen und ein Stöhnen, und bei einem Mädchen – mehr erschien sie in seinen Augen nicht zu sein, zumindest, seitdem sie keine göttliche Nymphe mehr in seinen Augen war – hätte er das wirklich nicht erwartet. Widerwilliger Respekt stieg in Marcus auf, als er das sah, sein rechter Mundwinkel zuckte einen Herzschlag lang, ehe er wieder zu seiner scheinbar gleichmütigen Miene zurück kehrte. Erwartungsvoll betrachtete er jedoch trotzdem Asny, darauf zählend, daß sie endlich zur Einsicht gekommen war, der Schmerzen wegen und der Vermeidung weiterer, und sich wie eine brave Sklavin benahm, einige demütige Wortfetzen hätten Marcus sehr wahrscheinlich gereicht, alles andere hätte er wohl auf später verschoben, doch mit der unverschämt, rotzfrechen Antwort der Sklavin rechnete er bei Weitem nicht.


    Sein Mund öffnete sich eine kleine Nuance, Zeichen seines Unglaubens, und er sah Asny für einen Moment stumm an – wobei ein Teil seiner Gedanken darüber nachdachte, was Asny den mit dem Wort Dilettantismus wohl meinen könnte, wieder so ein Wort, was ihm zu ominös war und daß er bestimmt bald wieder vergeßen hatte, somit nicht bei Gracchus erfragen konnte, aber der größte Anteil seiner Gedanken ignorierte den kleinsten Teil seiner Probleme mit der Sklavin! Aus der Reihe der versammelten Sklaven drang ein leises Kichern bis an das Ohr von Marcus, er sah finster in die Richtung, das Gelächter verstummte, ehe es wirklich weiter ausbrechen konnte, doch er sah noch in einige mühsam verzogene Gesichter, die ein Grinsen zu unterdrücken versuchte, während andere Mienen mehr betroffen und manch einer sogar ängstlich wirkte. Kopfschüttelnd wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Sklavin zu, die wirklich einen starken Willen besaß, außergewöhnlich für so eine junge Frau; in dem Augenblick wünschte sich Marcus sehnlichst, seine Mutter wäre hier; schon alleine ihre Präsenz konnte Sklaven zu Tode erschrecken und einige ihrer Worte würden wohl jeden Willen brechen, einer Göttin gleich war seine Mutter über allen Sklaven und das war sie in Marcus' Augen schließlich auch. Doch sie war leider nicht hier und Marcus sah sich gezwungen, sich mit der fremden und höchst aufmüpfigen Sklavin auseinander zu setzen, er konnte so ein Verhalten schließlich nicht dulden, zudem waren ihre Attacken äußerst wirkungsvoll, sie hatte innerhalb kürzester Zeit all seine Schwächen bloß gelegt, wie die Peitsche ihr Fleisch am Rücken offenbart hatte. Und mit jedem körperlichen Hieb, den er ihr verpassen konnte, revanchierte sie sich mit einer verbalen Attacke, die genauso tief ging; und das ärgerte Marcus, der sich mühsam beherrschte und immer wieder vor Augen rufen mußte, daß sie nur ein Mädchen war, eine Sklavin. Marcus hob seine Hand und griff nach dem Kinn der Sklavin, um es etwas in die Höhe zu drücken, kalt starrte er auf Asny.
    „Dafür, daß Du Dich so klug und überlegen gibst, puella, bist Du erstaunlich dumm mit Deinen Worten! Oder ist es einfach nur der Wunsch Deine Lebenszeit zu verkürzen?“
    Kopfschüttelnd ließ Marcus wieder ab von Asny und sah zu dem Sklaven mit der Peitsche, der selber wütend auf die Sklavin schaute und gleichzeitig besorgt zu Marcus.
    „Du hast sie gehört, etwas gleichmäßiger. Noch fünf weitere!“


    Mit vor der Brust verschränkten Armen trat Marcus vom Kreuz zurück, während der Sklave mit der Peitsche ausholte und wuchtig auf den Rücken der Sklavin peitschen ließ, dieses Mal deutlich härter als noch bei den ersten Schlägen, anscheinend hatte Asny den Mann wirklich gegen sich aufgebracht; Marcus winkte einen der umstehenden Sklaven an sich heran.
    „Was ist der dunkelste Carcer im Haus?“
    „Das Loch, Herr!“
    „Das Loch?“
    „Ja, Herr, das ist ein ganz winzige Kammer, man kann dort noch nicht mal stehen, mehr kauern. Es hat keine Fenster und ist den ganzen Tag zappenduster.“
    Marcus nickte, er war nun mal der Bruder seines Bruders Felix und zögerte in dem Augenblick nicht, Felix in dieser Hinsicht nachzueifern; selbst wenn er es nicht wußte und auch nicht ahnte, daß Felix dadurch wirklich effizient die Sklaven an der kurzen Leine gehalten hatte.
    „Gut, da kommt sie danach rein.“


    Schon sauste die Peitsche durch die Luft, doch auch die Worte waren den Umstehenden nicht verborgen geblieben. Die Sklaven drumherum wechselten einige Blicke, doch alle blieben dort, zumal Asny sich nicht viele Freunde unter den Sklaven bisher gemacht hatte – zumindest denen, die dort Anwesend waren – und sie andererseits der Beobachtung einer Bestrafung an einem anderen menschlichen Wesen nicht gänzlich abgeneigt waren. Der Sklave – Brandwig – ließ die Peitsche noch ein letztes Mal knallen, durchschnitt damit die Luftschichten und ließ sie auf den rot glänzenden Rücken der Sklavin sausen. Er zögerte und überlegte, ob er noch einige weitere Hiebe anschließen sollte, um sich an der Sklavin zu rächen, aber die Furcht, es würde dem Flavier gar nicht gefallen und er bald am Kreuz stehen, ließ ihn davon abkommen. Er ließ die Peitsche sinken, während der vorhin angesprochene Sklave an das Kreuz trat und damit begann, Asny vom Kreuz zu binden. Der zweite Sklave – ein schlanker und etwas älterer Grieche namens Ereusos– starrte Asny vollkommen mitleidlos mit seinen graugrünen Augen an, Ereusos diente schon lange in der villa und hatte einige Flavier miterlebt, weswegen ihn nicht mehr überraschte oder beeindruckte. Auch Brandwig griff mit zu und beide führten, trugen, zerrten, wie auch immer es notwendig war, in die villa hinein und in die schmucklosen Gänge. Ereusos öffnete die niedrige Tür zu dem Loch und Brandwig stieß Asny mit einem harten Stoß in den winzigen und dunklen Raum hinein. Einige Schritte von den Sklaven entfernt, blieb auch Marcus stehen, als ob er ein unbeteiligter Beobachter war; interessiert betrachtete er das Loch und fand es auf eine Weise recht abstoßend, ein weiterer Teil in ihm sträubte sich gegen die Vorstellung, darin jemanden einzusperren, aber der brodelnde und lodernde Anteil in ihm - der von der flavischen Linie vererbt war - beherrschte Marcus' Gedanken zu sehr.

  • Es war nicht gut, die Gedanken derart abschweifen zu lassen, doch Asnys Verstand hatte schon immer die große Gabe der Verselbständigung besessen und zumeist war diese Eigenart vorteilhaft gewesen. Aber zu diesem Zeitpunkt nicht. Nun galt es vordergründig die Reaktionen des Körpers zu beachten, gewiss würden sich später noch andere Gelegenheiten ergeben, die Arbeit ihres Kopfes unter solch erschwerten Bedingungen zu kontrollieren. Mit Sicherheit bliebe dies nicht der einzige armselige Versuch, sie mittels Gewalt in die beschränkte kleine Welt ihres werten Herrn zu pressen. Doch neue, unbekannte Werkzeuge benötigten immer ein Weilchen, bis man sich an den Umgang mit ihnen gewöhnt hatte und sie für präzise Arbeiten zu besserem Nutzen führen konnte. Dennoch würde aus einem Schmiedehammer keine Nähnadel werden können, und wenn man ihn noch so gut beherrschte. Es war in der Tat möglich, dass Aristides schlicht zu grobschlächtig war, um im erwünschten Maße dienlich sein zu können. Nicht einmal ihr Rücken lag augenblicklich dermaßen schutzlos und verletzlich da wie sein Seelenleben. Und er wusste, dass sie dies wusste. Denn sie machte keinen Hehl daraus, weder aus ihrem Wissen noch aus ihrer Absicht, dieses vollkommen schonungslos auszunutzen.
    Natürlich war es ebenfalls interessant zu verfolgen, wie lange der Flavier bis zu der Erkenntnis brauchen würde, dass er nichts würde tun können, um seine Ansprüche als angeblich höherstehende Persönlichkeit bei ihr durchzubringen. Zumal es einfach nicht die gewünschte Wirkung erzielte, wenn man anderen befahl, in seinem Namen eine gefesselte Person mit einer Peitsche zu schlagen. Die erwünschte Befriedigung würde ausbleiben. Es war zu seinem eigenen Besten, wenn sie es ihm nicht derart einfach machte, doch Asny bezweifelte, dass er eine solche Einsicht jemals aus eigenen Kräften würde erlangen können. Wo wäre er, hätte er aus eigenen Kräften und ohne die Grundvoraussetzung seiner reichen und einflussreichen Familie seinen Weg gehen müssen? Wäre er überhaupt noch am Leben? Hatte er jemals darüber nachgedacht? Nun, sein Verstand hätte ihm gewiss keinen steinigen Weg geebnet. Insofern hätte alle Verantwortung auf dem Körper geruht, den die blonde Sklavin sogar als recht brauchbar deklarierte, wenigstens vor der Beinverletzung und dem daraus resultierenden Humpeln. Früher, zu anderen Zeiten, mochte er eindrucksvoll gewesen und Mars zu Ehren große Kämpfe bestritten haben. Doch vielleicht bildete sie sich dies auch nur ein, um jenen Klotz an ihrem Knöchel nicht im Vorfeld bereits zu Grabe zu tragen und als absolut nichtswürdig zu betrachten. Dennoch sah die Zukunft düster aus. Sie würde ihn ordentlich triezen müssen, um ein brauchbares Ergebnis erwarten zu können.


    Als Aristides sie zwang, ihn anzublicken, wurde diese Meinung nurmehr bestätigt. Wenigstens ersparte ihr die Tränenflüssigkeit ein deutliches Bild seiner angeblich edlen Züge und auch seine Stimme besaß in ihren Ohren einen seltsamen Nachhall. Sie lächelte ihn an, nein, vielmehr belächelte sie ihn und seine Äußerungen, die doch nur seine Verständnisschwierigkeiten laut herausschrien. Asny hasste solche Menschen, welche auf eigenes Gutdünken und mit ihren beschränkten Horizonten versuchten, sie zu verstehen. Ein Vorhaben, das ihnen nicht gelingen konnte, weil sie schlicht nichts von ihr wussten. Warum wagte sich dieser Mann auf ungesichertes Terrain, auf welchem er zwangsläufig stürzen musste? Der flavische Stolz? Die Dummheit eines Kriegers? Warum nur war nicht Gracchus ihr Herr? Mit dem hätte sie wenigstens gute, lehrreiche Konversationen führen und sich die Lektionen, welche sie zweifellos halten musste, ersparen können. Kämpfe mit anderen Menschen waren so zäh und langwierig, von dem enormen Zeitaufwand ganz zu schweigen. Gerade wenn die Erfolgsaussichten sich derart in den tiefsten Katakomben tummelten wie bei Aristides. Wenn er sie zu Tode strafte, barg dies seine Niederlage. Diese Gleichung würde sie ihm sehr bald zukommen lassen.

    Die folgenden Schläge waren tatsächlich gleichmäßiger in ihrer wütend beißenden Härte. Menschen waren so leicht zu manipulieren. Wiederum schloss Asny die Augen und presste die Kiefer aufeinander, die sich am Liebsten erneut zu einem Schrei geöffnet hatten. Hier half nichts als eiserne Disziplin. Ihre Grenzen waren noch längst nicht erreicht, nicht aufgrund solch unspektakulärer Ereignisse. Schließlich war sie nicht irgendwer. Sie war besser als dieser komplette Haufen Pöbel, der dort stand und glotzte, zusammengenommen. Allesamt waren sie zu unbedeutend, als dass in ihr auch nur das Bedürfnis geweckt werden konnte, ihnen ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Es gab nur sie, ihren Körper, und den Schmerz, welchen sie annehmen und auskosten musste.
    Ihre Wahrnehmung begann zu verschwimmen. Unter einem unterdrückten Keuchen zwang Asny ihre Lider auf und merkte, dass ihr Sichtfeld unter dunklen Schatten zusammenschmolz, als fiele sie in einen nachtschwarzen Brunnen hinab. Ungehalten ob dieses schamlosen Fluchtversuches ihres Körpers biss sie die Zähne so fest aufeinander, dass sie leise knirschten und schlug ihre Stirn einmal kräftig gegen das dunkle Holz des Kreuzes. Sie würde hier garantiert nicht das Bewusstsein verlieren, sie nicht. Alles wäre umsonst gewesen, wenn sie möglicherweise für längere Zeit von ihrer Umgebung und besonders sich selbst nichts mitbekam und nichts beobachten konnte. Ihre Fingernägel krallten sich Halt suchend in die harte, faserige Oberfläche, während sie sich weiterhin dazu zwang, die Augen offen zu halten und um ein wenig freie Sicht zu blinzeln. Laut und schnell spürte sie ihren Herzschlag, den Blutfluss in ihrer Haut und mindestens fünf verschiedene Arten von Schmerz, die sich jedes Mal, wenn ihre Aufmerksamkeit nachzulassen drohte, zu einem einzigen, unkontrollierbaren Brüllen vereinten. Aber sie triumphierte. Sie war wach, sie spürte jeden Windhauch, der über ihre Haut kroch, und sie würde den Schmerz aushalten. Es gab nichts, das diese Menschen ihr antun und sie nicht ertragen könnte.


    Man hätte sie alleine zu diesem Loch gehen lassen sollen. Es wäre ihr gelungen, auch wenn sie womöglich ein wenig mehr Zeit dazu benötigt hätte. Diese kleine Kammer war genau das, was sie nun brauchte. Ohne die Beeinflussung der störenden Außenwelt existierte nur sie dort, und was gab es Erstrebenswerteres? Das Draußen hatte sie noch nie benötigt, es hatte sich ihr lediglich immer wieder aufgedrängt und sie hatte es benutzt und ausgeschlachtet, wie es ihr eben nützlich war. Dort drinnen in der engen Dunkelheit würde sie nichts von ihrem Körper und den Schmerzen ablenken, sie konnte sich ihnen ganz und gar hingeben und daran wachsen. Dass die Meute um sie herum dieses Loch als scheinbar höchste aller Strafen betrachteten, überzeugte nur einmal mehr von ihrer Beschränktheit. Glaubten sie tatsächlich, dass Asny ihre Welt zum Überleben benötigte, das sie wahnsinnig würde, wenn man ihr den Zutritt verwehrte? Wie vermessen, wie kurzsichtig. Und vor allem bemitleidenswert. Ohne es zu wollen oder zu ahnen brachten sie ihr Erleichterung. Und am Ende unterstützten sie sie nur, in dem sie ihre Wunden beispielsweise unbehandelt ließen. Ihr Körper musste selbst für eine Stoppung des Blutflusses sorgen, ohne Verbände, ohne Waschung oder Salben. Schließlich war er ihr Körper, der sich dem Geist anzupassen hatte. Wenn sie diese Prüfung überstand, würde sie stärker denn je sein. Und es herrschte kein Zweifel daran, dass sie diese Prüfung überstehen würde.


    Endlich umgab sie Dunkelheit und die Geräusche der Außenwelt verstummten wenigstens so weit, dass Asny sie über ihren leise keuchenden Atem nicht mehr zu hören vermochte. Mit langsamen, aber kontrollierten Bewegungen brachte sie sich in eine knieende Position, ohne auf die stützende Hilfe der Wände angewiesen zu sein. Kein halbtotes Liegen in einer Ecke für sie, kein Aufrechthalten nur mit der Hilfe einer dreckigen Mauer. Ihre Muskeln zuckten und zitterten und mehr als einmal drohte ihr Gleichgewichtssinn zu versagen, doch sie fing sich und brachte sich geduldig wieder in eine aufrechte Position. Ruhe, sie musste ruhiger werden, ihrem Körper die Panik nehmen. Nur die Panik, denn nicht einmal die Tränenspuren wischte sie von ihren Wangen. So wie es war musste es bleiben, bis sie sich wieder vollkommen unter Kontrolle wusste.
    Endlich schien ihre Position sicher genug, um wiederum die Augen zu schließen ohne Gefahr zu laufen, zur Seite zu fallen wie ein schwerer Sack Gerste. Locker legte sie die immer noch zitternden Hände auf ihren Oberschenkeln ineinander, senkte das Kinn auf die Brust und fokussierte sich auf ihr Inneres; eine tiefe, gleichmäßige Atmung und das fortwährende Aufbranden der glühenden Wunden. Nach einer Weile war sie dazu übergegangen, bei jedem Ausatmen einen dunklen, gleichmäßigen Ton aus ihrer Kehle entstehen zu lassen, dessen sachte Vibrationen jede Faser ihres Leibes zu berühren schien und sie daran hinderte, taub und starr zu werden. Es war immer dieselbe Tonlage, ähnlich einem langgezogenen Summen, von dem alles ausging und zu dem alles zurückströmte. Jeder Muskel, jeder Nerv, jeder kleine Hautfetzen sollte spüren, dass sie ihn bewusst wahrnahm, jene in Schmerz, doch auch jene, die nur die Kühle der Dunkelheit und die Härte des Steins spürten, die Schweißtröpfchen auf ihrer Stirn und ihren Atem auf der Haut. Sie stellte sich vor, wie sie ganz und gar in ihrem Körper versank, mit dem Blut zu ihrem Herzen floss, mit der Luft zu ihren Lungen und bis in die Finger- und Zehenspitzen hinein. Trotz aller körperlicher Ertüchtigung hatte sie ihre Physis noch nie derart wahrgenommen, wie sie es nun tat. Die Schmerzen blieben selbstredend, es war keine Verringerung fühlbar, dennoch schien sich ihr Organismus langsam zu beruhigen. Das raue Keuchen in ihrer Atmung ließ nach und die Muskeln lockerten sich nach und nach ein wenig aus ihrer Verbissenheit. Es war seltsam, nicht zu denken und dennoch so weit entfernt von allem anderen zu sein, doch zu Asnys eigener Verwunderung stieg eine undefinierbare, aber irgendwie doch angenehme Empfindung in ihr auf, je länger sie auf diese Weise atmete und summte. Beinahe fürchtete sie schon, zurückkehren zu müssen, weil sie im Begriff war, einzuschlafen durch diese gleichmäßige Monotonie oder doch wieder das Bewusstsein zu verlieren. Es war... anders. Nicht kontrolliert, aber auch nicht unberechenbar. Womöglich war sie gestorben und hatte es gar nicht mitbekommen. Doch dies hätte ihr Asa zweifelsohne sehr rasch und sehr deutlich mitgeteilt. Falls sie sich irgendwann noch einmal bei ihrer Schwester blicken ließe.

  • Die Schwärze verschlang den Körper der Sklavin und Marcus folgte ihrem Weg in das Loch noch mit seinen Augen, die von einem düsteren und grimmigen Ausdruck erfüllt waren, einem Zorn, der selten in ihm aufstieg und darum wohl umso unbändiger und zügelloser war, eben weil er ihn in diesem Ausmaß nicht gewohnt war und sich selten einem solchen hingab, als Kind freilich öfters, insbesondere wenn ein Freier bei seiner Mutter aufgetaucht war, die er alle gnadenlos und mit all den Winkelzügen verfolgt hatte, die ihm und Hannibal damals eingefallen sind; heute hatte der Zorn eine andere Qualität, nun, wo er mehr zu sagen hatte und die Sklavenschaft des Haushaltes jedem seiner Befehle zu gehorchen hatten, wobei es eigentlich insofern gut war, daß sich Marcus' Temperament mit den Jahren abgekühlt hatte, den bald vierzig Jahren. Nur heute nicht, dort, wo jede Blöße freigelegt war und gnadenlos darin herum gestochert wurde; grimmig war darum immer noch der Ausdruck als die Sklaven mit einem lauten Krachen die kleine Tür zu dem dunkeln Raum zufallen ließen und den Riegel davor schoben. Ein wenig Licht würde durch die Ritzen der Tür, die natürlich nicht ganz eben sein konnte, aber auch durch den oberen und unteren Rand in den Raum fallen, schmale und dünne gelbe Lichtquellen, die davon zeugen würden, daß es noch eine Welt jenseits der absoluten Dunkelheit gab; Marcus drehte sich abrupt auf seinem Absatz um und stapfte wütend schnaubend davon, weg von diesem schmucklosen Gang, hinfort von der aufmüpfigen und ihm geistig deutlich überlegenen Sklavin und all den düsteren Gedanken, die ihn seit ihren treffenden Worten plagten; leider wollten jene Gedanken wohl auch nicht zurück bleiben, sie verfolgten Marcus auf jeden Schritt, den er sich von Asny entfernte und setzten sich kauernd in seinen Nacken.


    Die Minuten zogen sich wie zähes Harz, schwere Wassertropfen wären es, die im Stundenglas herunter rannen; Marcus hatte sich in seine Räumlichkeiten begeben und sich erstmal einen Krug mit Wein organisiert und sich unverdünnten Wein eingegoßen; schweigend und brütend trank er einen Becher nach dem Anderen, verschloß vorsorglich die Tür zu seinem Zimmer ab und setzte sich in einen der Stühle, die dort am Fenster standen. Und nun saß er in dem Stuhl, während Wachstropfen der Zeit sich streckten, dehnten und vergingen; schweigend, grübelnd, finster und immer mehr von dem Wein in sich einflößend, die Sonne wanderte mit ihren Strahlen im Raum immer weiter, das goldene Licht glänzte noch auf dem Marmor, liebkoste den hölzernen Tisch, auf dem der bemalte Tonkrug mit dem rot schillernden Wein stand, und obließ es den Schatten, die Herrschaft über den Raum einzunehmen. Selbst im Dämmerlicht des Abends saß Marcus immer noch in diesem Stuhl und hatte sich seit Stunden nicht mehr gerührt, die Augen halb geschloßen, halb vom Wein benebelt, dann von den Gedanken gefangen, die ihn derart grübeln ließen, entgegen dem, daß es eigentlich wider seiner Natur war, ganz langsam zuckte sein Kinn auf die Brust, zwei Mal schnellte der Kopf wieder hoch, doch dann blieb er auf der Tunika ruhen, der Mund öffnete sich ein wenig und die Augen begannen unter den Lidern nach einigen Herzschlägen hin und her zu zucken.


    Mit einem Keuchen schlug Marcus abrupt die Augen auf; es war schon dunkel in seinem Raum geworden und kein Licht brannte in seinem Zimmer; schwer atmend und sich einige kleine Schweißtropfen von der Stirn wischend sah er sich um und hinaus aus dem noch weit offen stehendem Fenster: Nur wenige Sterne waren am Himmel zu sehen und der Mond war noch nicht in Sicht seines Zimmers, damit konnte es auch noch nicht allzu spät sein. Immer noch spürte er die Auswirkungen des Weines und einem ekelhaften Geschmack auf seiner etwas pelzigen Zunge, stöhnend erhob er sich und trat zu einer Öllampe; nicht gerade geschickt suchte er nach dem Zündzeug und es dauerte einige Minuten, bis endlich die Flamme aus der Lampe leckte, gelb breitete sich der Schein aus und fiel auch auf einen kleinen silbernen Spiegel, der an der Wand hing; er war kaum größer als seine Handfläche, dennoch spiegelte er sein Gesicht wieder, etwas verzerrt und wellig, wie das Silber nun mal reflektierte, doch Marcus sah den immer noch grimmigen Ausdruck und die dunklen Augenränder, die blaßen Wangen, dagegen die errötete Nase – vom Wein – und stutzte; schnell wandte er sich von dem Anblick ab und begann im Raum auf und ab zu gehen; der Traum, den er eben hatte und der Anblick hatte ihn doch ins Grübeln gebracht.
    „Sie ist nur ein Mädchen...“
    , murmelte er; weibliche Sklaven und überhaupt Frauen vermochten doch deutlich die Nachsicht bei Marcus zu schüren – prinzipiell; manche Frauen konnten ihm sogar hervor ragend auf der Nase herum tanzen, immer wieder marschierte er das Zimmer hoch und runter, dann drehte er sich um und verließ den Raum wieder.


    Einige Minuten und längere Augenblicke später - mitsamt eines Umweges über die Sklaventrakte – marschierte Marcus den Gang hinauf, der zu dem kleinen Loch führte, in dem er die Sklavin Asny zurück gelaßen hatte; die Gänge waren schwach von Öllampen erleuchtet, dennoch krochen überall die Schatten entlang und die Nacht hatte mehr von dem Gang eingenommen als das Licht verdrängen konnte; Marcus beugte sich etwas herunter und schob laut knirschend den Riegel zur Seite; er griff nach einer Lampe und leuchtete in die Dunkelheit, dabei die junge Frau mit nicht mehr wirklich wütender Miene musternd; er reichte ihr sogar eine Hand, um ihr heraus zu helfen.
    „Komm!“
    , sprach er dazu, erzog sie hinaus und stützte sie.
    „Kannst Du laufen, Asny?“

  • Sie konnte unmöglich sagen, wie viel Zeit vergangen war, seit man ihr diese beste Behandlung seit ihrer Ankunft hatte angedeihen lassen. Vielleicht herrschte draußen schon Nacht, vielleicht war auch bereits der nächste Morgen angebrochen. Ihr Zeitgefühl schien ebenso mit kühler Taubheit geschlagen wie die Muskeln ihres Körpers, und beide Aspekte fanden bei ihr das gleiche Desinteresse. Wen kümmerte schon das Draußen? In ihr gab es mehr zu erleben, zu entdecken, als alles jenseits ihrer Gedanken, ihres Daseins. Schon immer hatte sie dies gewusst oder zumindest geahnt, inzwischen war sie bei fester Gewissheit angekommen. Natürlich hatte ihr Körper gelitten und tat es immer noch, aber er würde es überleben. Er war stark, sie durfte es sich erlauben, ihn eine Weile sich selbst zu überlassen und sich auf ihren Geist zu fokussieren. Womöglich half sie ihrer Physis dadurch nicht weniger.
    Ihr Herzschlag war langsamer geworden, beinahe wie bei einer Schlafenden. Asny wusste, dass der Schmerz noch irgendwo lauerte und nur darauf wartete, sie erneut in Besitz zu nehmen, doch augenblicklich schien er nicht mehr als ein weit entferntes, leeres Gefühl. Nie hatte die Sklavin zu Leidenschaftlichkeiten geneigt, doch ein solch tiefer Punkt der Ruhe und Gelassenheit war ihr bislang verschlossen geblieben. Schließlich hatte sie selbst immer ausreichend dafür gesorgt, dass ihre Gedanken beschäftigt waren, griechische Vokabeln wiederholten oder irgendeinen anderen Stoff rezitierten, damit sie bloß nichts vergaß. Vergessen wäre die größte Katastrophe, die sie sich auszumalen vermochte. Der Tod war dagegen nichts, ein farbloser Geist, eine niedrige Schwelle. Lieber starb sie im Wissen um ihre Existenz, als ohne Gedächtnis, ohne ihre Brillanz weiterzuvegetieren wie ein Tier. Oder der Großteil der Menschen, die sie umgaben.
    Dass sie diese Stille in sich zuließ, war also neu und es fühlte sich ebenso fremd an. Dank ihrer körperlichen Schwäche war es ihr indes leichter gefallen, die wie üblich aufkeimenden Gedankenströme allesamt von sich fortzuschieben und Raum für etwas anderes zu schaffen.


    Doch irgendwann wurde die Welt dort draußen wieder auf sie aufmerksam. Es war so typisch. So leicht war es für sie, alles um sich herum auszublenden, dass sie kaum einmal von sich aus wieder nach Kontakt suchte. Immer wurde sie gestört. Dabei existierte dort doch eigentlich niemand mehr, der ihre Gegenwart vermissen könnte. Bei den Sklaven hatte sie ganze Arbeit geleistet, wovon sie sich kürzlich erst wunderbar überzeugen konnte. Aristides würde vielleicht irgendwann wissen wollen, ob seine ‚Strafe‘ die erhofften Früchte getragen hatte. ‚Strafe‘, als das sah er diesen Ort zweifellos. Dabei würde ihm ein längerer Aufenthalt hier unten auch gewiss nicht schaden. Wenngleich sie bezweifelte, dass er denselben Frieden wie sie hier finden könnte. Vielmehr würde er aufgrund der innerlich tobenden Dämonen schreien und sich die Fingernägel abbrechen bei dem Versuch, zu entkommen.


    Das Knirschen des Riegels glich einer ohrenbetäubenden Kakophonie. Unwillkürlich öffneten sich ihre Augen, nur um sich einen Herzschlag später wieder zu schließen angesichts der plötzlichen Helligkeit durch eine ansonsten doch so harmlose Lampe. Aristides, natürlich. Wem sonst lag so verzweifelt daran, sich bei ihr unbeliebt zu machen? Mit immer noch geschlossenen Augen atmete Asny ein paar Mal durch, um auf angemessenerem Wege ihre Rückkehr zu gestalten. Brachiale und strunzdumme Flavier besaßen dafür natürlich kein Verständnis. Als er anfing, an ihr zu zerren, musste zwangsläufig eine schnellere Lösung her, gleich alle Sinne auf einmal wieder aufzuwecken. Bevor also diese dicken Finger noch weiter nach ihr greifen konnte, stieß sie ihre angewinkelten Ellbogen mit einem harten Ruck nach hinten, um ihre Rückenpartie aus dem Tiefschlaf zu holen. Der folgende, sicherlich direkt aus dem Tartarus aufgestiegene Schmerz ließ sie atemlos keuchen, doch trotz einiger flirrender Punkte, die nun vor ihren Augen explodierten, spürte sie den Großteil der alten Lebendigkeit zurückkehren. Ebenso fühlte sie das Aufbrechen der gerade verschorften Wunden und erneuten Blutfluss über ihre Haut.
    Dank der neuen, etwas zweifelhaften Energie gelang es ihr nun mit zusammengebissenen Zähnen, die Hände ihres Herrn zurückzuschlagen, derart, dass das Metallgewicht an ihrem Handgelenk ihn traf. Für einen normalen Angriff besaß sie noch nicht genügend Präzision in ihren Bewegungen. Mit zusammengebissenen Zähnen und unter leisem Keuchen stieß sie hervor:
    „Hör auf damit! Wenn ich zu schwach bin, mich zu bewegen, ist das mein Problem!“ Ihre eigene Stimme erschien ihr seltsam entfernt und hätte sie sich in einem Spiegel betrachten können, wäre sie sich aufgrund der blassen Haut und dem verbissenen Gesichtsausdruck kaum bekannter erschienen.


    Dann, während einer ihrer immer noch unregelmäßigen Atemzüge, nahm sie etwas wahr, das selbst den Schmerz in den Hintergrund drängte. Weingeruch. Verärgerung kroch in ihr empor wie eine dank des Schmerzes noch stärker angepeitschte Schlange. Erstaunlicherweise senkte sich dies jedoch auf sie wie eine eisige Decke, erstickte das Keuchen, ließ ihren unruhigen Blick nahezu erstarren und das sonst allgegenwärtige, ruhige Lächeln auf ihre bläulich schimmernden Lippen zurückkehren. Im verzerrenden Lichterspiel der Lampe sah sie aus wie ein leibhaftiger Dämon, die heisere, leicht im Gang nachhallende Stimme tat ihr Übriges.
    „Musst du dich noch um die letzten, jämmerlichen Reste deines Verstandes saufen? Ich habe bereits mitbekommen, wie tief ich dich getroffen habe, du musst es mir nicht wieder und wieder beweisen.“ Da Asny zwangsläufig die Luft angehalten hatte um zu sprechen, füllte sie ihre Lungen nun mit einem tieferen Atemzug, entließ ihr Gegenüber jedoch nicht aus den Augen. Wenn er ihren Namen kannte, hatte er sich umgehört. Und wenn er sich umgehört hatte, wusste er gewiss auch schon die ganze Wahrheit. Wenigstens in diesem Punkt hatte er sich ausnahmsweise intelligent verhalten. Sie schluckte und unterdrückte damit den aufsteigenden Drang, zu husten. Als sie ihre kurz verschlossenen Augen wieder öffnete, lag ihnen ein fast fiebrig anmutender Glanz inne.
    „Ich lasse nicht zu, dass du dich weiterhin derart gehen lässt. Du bist mein Herr.“ Es war unglaublich, wie besitzergreifend diese Worte klingen konnten, die doch eigentlich das Gegenteil davon ausdrücken sollten. Man konnte sich aufgrund dieser heiser geflüsterten Silben entweder etwas einbilden oder richtiggehend Angst bekommen. Da ihr Blickfeld stetig kleiner zu werden drohte, intensivierte sich ihr Blick zu einer bohrenden, fast spürbaren Präsenz. Ein knapp gezischtes Wort auf Germanisch, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass sie es noch kannte, verließ ihre Lippen und ihre Faust schlug gegen die Steinwand rechts neben ihr, wo sie auch stützend verharrte. Sie würde nicht bewusstlos werden, ebenso wenig wie sie es am Kreuz geworden war. Ihre Augen hingen an den seinen fest als wären sie die einzige Verbindung zum Hier und Jetzt, der einzige Felsvorsprung über dem gähnend schwarzen Abgrund. Ihr Kreislauf war am Ende, so sehr er sich zuvor auch erholt haben mochte. Das plötzliche Aufwachen und der Schmerz vertrugen sich überhaupt nicht. Trotzdem gelang es ihr noch einmal, ein Lächeln zu retten und auch ihr langsam verschwimmender Blick behielt einen entschlossenen, fast bedrohlich anmutenden Ausdruck.

  • Irgendwo in dem nächtlichen Dunkel des Gartens krächzte eine Krähe, laut und kräftig, ehe sie mit schweren Flügelschlägen sich in den Himmel davon machte; dennoch war ihre rauhe Stimme bis in den Gang zu hören; dem Gang in dem Marcus sich herunter gebeugt hatte, um Asny aus dem Loch zu helfen, das Licht der Öllampe flackerte bei jedem Windzug, der aus den vielen Öffnungen kamen, die nur mit Fensterläden verschlossen waren, die Schatten tanzten über die Mauern und schlichen sich um Marcus' Füße herum, erschwerten auch seine Sicht in das Loch, immer mal wieder sah er das bleiche Gesicht von Asny auftauchen, konnte aber ihre ganze Gestalt nicht ausmachen; darum wurde er von ihrem Schlag mehr überrascht als es ihm wirklich weh tat, verdutzt zog er seine Hand zurück und hob ungläubig die Augenbrauen – mehr eine instinktive Reaktion als ein Wink mit dem Zaunpfahl, es war zu schattig für solche Subtilitäten. Selbst jetzt, nachdem sie schon ausgepeitscht worden war, nachdem sie Stunde um Stunde in dem Loch verharren mußte, selbst zu dem Zeitpunkt schien ihr Stolz und ihre für eine Sklavin schier wahnwitzige Arroganz ungebrochen zu sein, was ihre ersten Worte deutlich machten – für Marcus zumindest. Somit ließ er es, Asny weiter helfen zu wollen und trat einen Schritt zur Seite; es war ihm zudem, als ob er das Tor zur Unterwelt geöffnet hätte, als er die Tür zu dem Loch aufgestoßen hatte, denn es schien ein Geist zu sein, der sich in das Licht quälte, der Geist der Sklavin Asny, noch bleicher als ihr Naturell und mit Spuren von dem vergangenen Tag waren ihr deutlich anzusehen, auch, daß sie Schmerzen zu erdulden hatte – wobei sich Marcus einen Herzschlag lang fragte, ob Geister überhaupt noch Schmerzen ertragen mußten.


    Doch die Pein in dem Gesicht der Spukgestalt wandelte sich auf einer sehr subtile Art, so daß er nicht mehr ganz sicher sein konnte, ob er den Schmerz vorher überhaupt gesehen hatte, bevor sich die Verachtung zeigte. Was? Wie vom Donner gerührt starrte er die Sklavin an, sie schien wirklich ihres Lebens überdrüßig zu sein; dabei weilte sie – wie er von einem verschreckten Sklaven erfahren hatte – schon einige Wochen, wenn nicht sogar Monate hier in der villa; ja, hatte sie denn nicht erfahren, wie die Flavier waren? Oder war der Ruf der Flavier schon nicht mehr der, der er einst gewesen ist, wenn die Sklaven schon alleine bei der Nennung des Namen ihrer Herrn zu zittern begannen? Nun ja, es rumorte wieder in Marcus und der Zorn kämpfte mit den Seidenfeßeln, um entkommen zu können und die Herrschaft zu gewinnen. Sie ist nur ein Mädchen, dachte Marcus und versuchte sich verbißen daran zu erinnern, nur ein Mädchen; um den Impuls herunter zu würgen, ihr einen Schlag zu versetzen, denn er mochte diese gewalttätige Seite an ihm gar nicht in diesem Augenblick. Nur ein Mädchen...nur ein Mädchen; mit einem harten Ausdruck im Gesicht und um den Mund wandte sich Marcus von ihr ab und atmete tief durch, dabei die Dunkelheit im Gang betrachtend, die sich an den Stellen ausbreitete, in denen die Öllampen den Kampf mit der Nacht verloren hatten. Verflixt und zugenäht, herrje, warum machte ihm das Weib es nur so ungemein schwer? Gerade wollte er sich wieder zur ihr herum drehen und ihr eine scharfe Erwiderung geben – scharf in sofern, dass sie kalt und zornig wäre, aber nicht unbedingt schlagfertig, das war leider auch nicht gerade Marcus' Stärke, ebensowenig wie er sich in Bonmots erging, selbst wenn er es hin und wieder versuchte!


    Aber noch ehe er sich eine mögliche Antwort überlegen konnte, sie von seinem Geist zu den Zentren schicken, in denen die Worte für die Zunge transkribiert werden konnten und dann an seine Muskulatur geschickt wurden, noch ehe all diese unsäglich langen Prozesse – im Vergleich zu einem flavischen Gracchus oder flavischen Aquilius! - ihr Ende fanden, sprach Asny schon weiter. Und im selben Augenblick und nach dem Realisieren der Worte, änderte sich schlagartig etwas. Es war wie ein Sturm, der hinweg gefegt war und plötzlich zeigte sich die Sonne am Himmel, der Sturm schien schon fast vergeßen zu sein; denn nicht mehr Zorn beherrschte Marcus, sondern Belustigung, über jene vermeßenen und doch absurden Worte. Die Wut verschwand im selben Augenblick von seiner Miene und es bahnte sich hinauf, ohne daß Marcus etwas im Gringsten daran ändern konnte: Das Lachen. Es rollte über seine Zunge und brach aus ihm heraus, tief und kollernd; warum wollten bloß immer alle Frauen, die Marcus kannte, an ihm etwas ändern? Schon seine Mutter war nie mit ihm zufrieden gewesen, ganz zu schweigen von seiner ersten Frau, seine Tochter hatte auch immer wieder verzweifelte Versuche gemacht, ihn zu einem anderen Verhalten zu animieren, ebenso sah er das schon bei Epicharis kommen; nur Gracchus und Aquilius hatten ihn so genommen, wie er nun mal war; und scheinbar wollte sich die Sklavin in diese here Frauengesellschaft mit einreihen, was Marcus durchaus erheiterte; sein Gesicht hatte wieder eine gesündere Röte angenommen als er sich zu Asny umwandte und noch leise gluckste.
    „So ist das also! Warum hast Du das nicht früher gesagt, Asny?“
    , erwiderte er mit deutlich hörbarem Spott in seiner Stimme. Er taxierte sie einen Herzschlag lang, selbst wenn sie verbißen auf ihn wirkte, konnte er ihr Gehabe nicht mehr ernst nehmen, außerdem wirkte sie in dem Moment als ob sie jederzeit bewußtlos werden könnte; Marcus schüttelte leise seufzend den Kopf, trat einen Schritt auf sie zu und hob sie – natürlich ohne zu fragen! - einfach hoch, den ersten Impuls, sie einfach über seine Schulter zu werfen, hatte er im Angesicht ihrer Verletzung schnell wieder verworfen, darum trug er sie jetzt recht manierlich vorne auf den Armen, vorsichtig darauf achtend, nicht die Wunden zu berühren, die die Peitsche am Tag hinterlaßen hatte. Selbst wenn sie ihn schlagen würde, sich winden oder ihn kratzen, vielleicht sogar beißen; einen kleinen Vorteil hatte Marcus ihr gegenüber durchaus, er war ihr physisch einfach überlegen, selbst wenn sein Bein nicht mehr die Leistung von früher erbrachte, so war er durchaus noch aus seiner Zeit des Militärs und natürlich des Krieges fit genug für eine junge Frau wie Asny. Schweigend stapfte er durch die Gänge und zu einer Sklavenunterkunft, die er als nächstes fand, da er sich in diesem Teil der villa naturgemäß nicht sonderlich gut auskannte.


    Mit einigen herrischen Worten und dem Befehl eine Schüßel und Waßer zu bringen, scheuchte er ein Sklavenpaar hinaus, die wohl recht innig miteinander beschäftigt gewesen waren, ansonsten war die Unterkunft erst mal leer; Marcus suchte einen sauberen Schlafplatz, der recht verlaßen aussah, heraus und legte Asny auf das Bett ab, er selber zog sich einen jener unbequemen Schemel heran, die die Sklaven hier wohl zu nutzen schienen. Während er auf den Sklaven wartete, den er zum Holen der Gegenstände weg geschickt hatte, starrte er Asny prüfend an.
    „Warum machst Du das, Asny?“
    , fragte er schließlich.
    „Möchtest Du Deinem Leben eine recht kurze Spanne verleihen oder warum handelst Du so lebensmüde, hm?“
    Es war bestimmt nicht die Intention von Marcus, jetzt ein tiefgehendes, analytisches Gespräch mit Asny zu führen, das interessierte ihn eigentlich alles gar nicht, er wollte schlicht wißen, womit er es bei dieser Sklavin zu tun hatte und wie er weiter mit ihr verfahren sollte; denn ihre Antwort würde auch prägend für ihren weiteren Lebensweg sein – selbst wenn Marcus Nachsicht walten laßen würde, da die junge Frau recht geschwächt war!

  • Womöglich hätte sie ihm im Voraus mitteilen sollen, dass es ihr außerordentlich einerlei war, wie er sie behandelte. Ob er sie nun auspeitschen ließ oder sie relativ freundlich umsorgte, für Asny bestand da kein Unterschied. Schließlich war sie kein Tier, das auf Lob und Strafe reagierte und sich dadurch lenken ließ. Menschliche Einflüsse von außen, gleich welcher Art, berührten bei ihr lediglich die Oberfläche, bewegten jedoch rein gar nichts in ihrer Gefühlswelt. Für einen solchen Erfolg gestaltete sich deren Wert bei weitem zu gering. Es war schon tragisch genug, dass sie den Kontakt zu anderen Menschen zwangsläufig immer wieder herstellen musste. Da würde sie ihnen ganz gewiss nicht noch gestatten, irgend etwas in ihrem präzise aufgebauten Inneren mit unfähigen Fingern anzutatschen. Schließlich war es nicht so, als hätte ihre Familie nicht während der zunehmenden Entfremdung ihrer ältesten Tochter mit Liebe und Verständnis versucht, dagegen anzugehen. Sie hatte kein schlechtes Elternhaus gehabt, weder einen prügelnden Vater noch eine schwache Mutter. Mit zunehmendem Alter war Asny einfach nur deren Beschränktheit und Inkompetenz aufgefallen und dementsprechend hatte sie sie mehr und mehr behandelt. Seltsamerweise schienen diese es nicht erwartet zu haben, dass ihre Tochter das hübsch kaschierende Tuch der kindlichen Liebe von ihren Gesichtern zerrte und ihnen direkt mitteilte, wie sie über die beiden dachte, denen sie ihr Leben verdankte. Und obgleich es vollkommen natürlich und verständlich hätte sein müssen, dass sie solche minderwertigen Menschen fortan weitestgehend ignorierte oder bestenfalls überdeutlich auf deren Unzulänglichkeiten hinwies, überraschte dies jedes Mal aufs Neue die gesamte Runde. Als wären lapidare Zärtlichkeiten eine respektable Währung, als würde davon einer von ihnen auch nur im Geringsten intelligenter.
    Zum Glück entfernten sie sich zunehmend aus Asnys Blickfeld und hörten irgendwann mit der lästigen Angewohnheit auf, 'darüber sprechen zu wollen', obgleich sie es eigentlich gar nicht wollten. Wenn ihre Tochter dann tatsächlich mit ihnen plauschte, gab es doch nur wieder Gezetere und Geheule. Als sie anfing, ihnen tüchtig Angst einzujagen, wurde die Angelegenheit deutlich leichter.


    Ebenso sah es inzwischen auch mit diesem Flavier aus, dieser Verschwendung von Knochen und Fett. Sein Lachen barg keine neue Reaktion für Asny, ausgelacht hatte man sie bereits des Öfteren. Doch wenn man wusste, aus wessen Kehle dieses Gelächter herausquoll, erübrigte sich jedwede daraus folgende Konsequenz. Womöglich lag in seinem Gekollere aber dennoch ein wahrer Kern. Vielleicht stand er einfach viel zu weit unter ihr, als dass es sich lohnte, ihn als ihren Herrn anzuerkennen. Man konnte keinem Regenbogen die Fingernägel feilen. Wie viel Mühe, Arbeit und Nerven würde es kosten, diesen wandernden Hirnausfall auf eine in ihren Augen annehmbare Stufe zu erhöhen? Dadurch würde sie zweifelsohne Zeit verlieren, die sie mit ihrer eigenen Ausbildung zubringen sollte. Mochten die Moiren ihr das Ding, welches sich gerade zu ihr hinabbeugte, auch zugespielt haben, seit wann konnten solche Hirngespinste über ihr Leben bestimmen? Sie war auf ihren Wunsch hin hier gelandet, ebenso gut würde sie jederzeit woanders hingehen können. Wer sollte sie abhalten? Aristides Hinkefuß, der glaubte, gerade eine amüsante Bemerkung gemacht zu haben?
    Ja, Trottel waren lustig. Kein Wunder, dass jedes Dorf einen haben wollte.


    Sie hatte ihre Aufmerksamkeit längst wieder von ihm abgezogen, als er sie aus welchen albernen Gründen auch immer hochhob und fort brachte. Weswegen hätte sie sich dagegen wehren sollen, sie war schließlich keine kleine, verbohrte Göre. Solange er jetzt nicht Dankbarkeit oder etwas ähnlich Unterhaltsames erwartete. Hätte sie seine Tat nicht gebilligt, wäre er gar nicht erst dazu gekommen, sie anzurühren.
    Dann wurde es wirklich albern. Wie alt war dieser Mensch, zwölf, dreizehn? Oder einfach nur durchtränkt von weichbäuchigem Glauben an das Gute? Asny stützte sich mit den Händen auf dem Bett ab, um mit ihrem immer noch blutenden Rücken nicht dieses dämliche Lager zu berühren. Kurz presste sie die Lippen aufeinander und erstickte den aufsteigenden Fluch in ihrem Hals. Er sollte nicht ein einziges Keuchen mehr von ihr hören, dies würde ihre Selbstbeherrschung ausreichend schulen, so dass dieser 'Ausflug' zumindest einen geringen Sinn erhielt. Von den Sklaven hatte sie rein gar nichts mitbekommen und ihre Erinnerung über den Weg von ihrem erholsamen kleinen Loch zurück in das Elend der Gesellschaft wies ebenfalls einige mysteriöse Lücken auf. Wahrlich interessant. Ebenso wie die Frage, ob diese Unterbrechungen mit dem Heilungsprozess wieder geschlossen würden. Langsam schluckte sie einige Male, um ihren trockenen Hals ausreichend für eine angemessene Antwort zu befeuchten. Ihre Augen blieben zunächst halb geschlossen, doch das Lächeln weilte nach wie vor auf den blassen Lippen, während sie mit leiser, aber vernehmlicher Stimme erwiderte:
    "Lebensmüde? Nur weil ich gerade mein Blut anfeuere, doch noch etwas schneller aus meinem Körper zu schießen, damit mir die vernebelten Sinne vielleicht deinen blamablen Sermon ersparen?"
    Dann, in scheinbar plötzlicher Erkenntnis, öffneten sich ihre Lider etwas weiter und die blonden Augenbrauen hoben sich verblüfft. "Oh bei den Göttern, du hast recht! Ich bin lebensmüde! Da parliere ich unter höchstem Zeitaufwand mit intelligenten, weisen Menschen um mich herum, dabei hätte ich die ganze Zeit nur dich zu fragen brauchen!"
    Schmerz hatte durchaus sein Gutes, ihr Sarkasmus triumphierte selbst ohne jede körperliche Kraft nach wie vor, wenn nicht sogar noch etwas besser. Zudem beruhigte sie dieses Wissen auch im Hinblick auf ihre Todesstunde. Eine ihrer größten Sorgen war es gewesen, am Ende vielleicht doch noch rührselig und sentimental zu werden.

  • Der dreibeinige Stuhl ächzte und stöhnte unter Marcus' Gewicht, denn er war bei weitem kein Leichtgewicht mit seinen gut zwei Zentnern Schwere, die er auf eine Waage bringen würde; doch das Geräusch hörte Marcus nicht, er sah die junge Frau nur mit grenzenloser Verblüffung an als er ihre Worte vernahm – ein Teil seiner Gedanken beschäftigte sich mit dem Wort Sermon, das ihm völlig unbekannt war und er nicht im Mindesten verstand, was sie ihm damit sagen wollte – daß es jedoch kein Kompliment war, mit dem sie ihn bedachte, wurde ihm dennoch klar und deutlich; Marcus schüttelte resigniert den Kopf, er verstand die Frau wirklich nicht, anscheinend – so klug sie auch war – schien sie an ihrem Stursinn festhalten zu wollen und spielte gerne mit ihrem Leben, war sie vielleicht eine der germanischen Sklavinnen, die Familie und Glück durch römische Soldaten verloren hatte und keinen Sinn im Leben mehr sah, das Schicksal herausfordern wollte und den Tod suchte? Doch Marcus' heute sehr dürftiger Geduldschatz war zur Neige gegangen, er hatte in den letzten Jahren genug an aufmüpfigen und schwierigen Sklaven gehabt, sich immer wieder mit ihnen herum plagen müßen und war dennoch immer daran gescheitert; schwierige Sklaven wiederum hätte er noch ertragen, aber keine, die sich seinem Wort widersetzten und ihn so sehr beleidigten, wie kaum jemand in der letzten Zeit. Er wollte gerade zum Sprechen ansetzten als schon der Sklave mit der Waschschüßel und einigen Linnentüchern zurückkehrte; Marcus deutete ihm, die Dinge abzustellen und befahl ihm dann, draußen zu warten, ehe er sich wieder Asny zuwandte.


    „Deinen Spott kannst Du Dir sparen, Asny, und Deine scharfe Zunge sollte lieber ruhig bleiben, stattdeßen solltest Du wohl Deine Kräfte schonen.“
    Jeder Rest von eventueller Freundlichkeit war aus Marcus' Stimme verschwunden, auch als er weiter sprach; er war aber auch nicht zornig in dem Moment, jeglicher Zorn schien aus ihm von der immensen Wut des Mittags weggebrannt zu sein und zurück blieb nur noch ein einigermaßen - für Marcus' Verhältniße - ruhiger Verstand, der sich mit dem Problem und der Sklavin hier zu beschäftigen hatte; Marcus war lange genug Soldat gewesen, hatte genug Rekruten durch die Grundausbildung gescheucht, war einige Zeit auch Zenturio gewesen und hatte nicht umsonst hundertsechzig Mann kommandiert, um dann doch wiederum auch in der Lage zu sein, um mit einer ihm - zwar geistig überlegenen - Sklavin fertig zu werden, selbst wenn es immer einen schalen Nachgeschmack haben würde, es sei denn, sie würden doch noch zu einem Konsenz kommen.
    „Ich halte Dich für einigermaßen klug, selbst wenn Dein Dickschädel, den Du ganz offensichtlich hast, Deinem Scharfsinn sehr im Wege steht, in mancher Hinsicht hast Du wahrscheinlich Recht, was Du sagst, und vielleicht würdest Du mehr Freude darin finden, mit Menschen Dich zu unterhalten, die ähnlich veranlagt sind wie Du, aber Du läßt dabei die Realität außen vor und scheinst Dich zu sehr in Deinen Wünschen zu versteifen.“


    Marcus beugte sich etwas nach vorne und taxierte die junge Frau musternd.
    „Du bist meine Sklavin und ich bin Dein Herr, das ist wohl ein Faktum, das Du selber schon anerkannt hast, aber Du handelst nicht danach. Mir steht jedoch nicht der Sinn danach, eine arrogante, hochnäsige, besserwißerische und unverschämte junge Sklaven zu vertätscheln und zu verhätscheln, nur weil sie glaubt, klüger, brillanter und gebildeter zu sein. Es gibt einige Möglichkeiten, die ich anstreben kann und unter dieser Auswahl überlaße ich Dir sogar eine gewiße Entscheidungsfreiheit, Du kannst Dein weiteres Leben in den gleich von mir genannten Pfaden sogar selber bestimmen!“
    Die Hände verschränkt redete Marcus weiter.
    „Der einfachste Weg ist, daß Du Dich in Dein Schicksal fügst und eine gute Sklavin wirst, Du wirst mir den Respekt entgegen bringen, den ich als Herr verlange, Du wirst mir nicht widersprechen und Du wirst meinen Befehlen gehorchen, tust Du das, wirst Du durchaus in der villa ein paßables Leben führen können, Deinem Wißensdrang nachgehen können – den Du als kluger Mensch sicherlich hast – und vielleicht...vielleicht aber nur...eines Tages Dir Deine Freiheit verdienen. Das ist der erste Weg!“
    Natürlich war die Spannbreite recht breit, was eine gute Sklavin denn nun war und Marcus würde es durchaus hinnehmen, wenn er und Asny nicht immer einer Meinung war, vielleicht, wenn Marcus ihr anfangen würde zu vertrauen, auch mal von ihr das eine oder andere sich anhören würde, schließlich war Marcus meistens seinen Sklaven gegenüber recht großzügig - in einem gewißen Rahmen selbstverständlich - aber er wollte nicht gleich mit: Es könnte Ausnahmen geben, natürlich kannst Du auch jene und diese Freiheit bekommen, ganz so schlimm ist es auch wieder nicht und ähnliche Phrasen kommen.Er pausierte kurz, aber nicht lange genug, damit Asny zur Sprache kam.


    „Ein Klient meines Vetters besitzt einige Steinbruchmienen in Ägypten, irgendwo im Süden der Wüste, dort zu Arbeiten ist von harter Entbehrung gekennzeichnet und ein frühen Tod sehr wahrscheinlich; Freude, Bücher, Freizeit und Nachsicht wirst Du dort nicht finden. Das ist die zweite Möglichkeit, neben einer Aussicht, auf einer der Handelsgaleeren zu landen, wenn es mir eher danach ist. Ich könnte Dich natürlich auch verkaufen, wobei es nicht Deine Wahl wäre, an wen!“ *
    Natürlich könnte er auch einen guten Freund in Ägypten fragen, ob er nicht Verwendung für Asny in einer seiner Marmormienen hatte, aber wenn er einem Klienten von Gracchus und dieser ihm behilflich sein konnte, war es auch nicht verkehrt; wo die Minen lagen, wußte Marcus nicht, nur, daß es ein verdammt unangenehmer Ort war und dort auch viele Straftäter landeten, wahrscheinlich hatte Asny auch schon von solchen Minen genug gehört, um zu wißen, was auf sie zukommen würde - die Annehmlichkeiten des flavischen Anwesen sicherlich nicht. Und was den möglichen Verkauf anging; Marcus hatte auch keinen blaßen Schimmer, an wen, nur daß es kein Familienmitglied sein dürfte und jemand, der es ihm nicht nachtragen konnte, wenn Asny sich auch dort als Schwierig erwies.


    „Die letzte Möglichkeit ist die Löwung, mein Vetter Gracchus wird in absehbarer Zeit bestimmt Spiele abhalten, wenn Du mir weiterhin so lästig bist, werde ich Dich einfach ihm zur Ergötzung der Menge überlaßen, es wäre nicht das erste Mal, daß eine flavische Sklavin so endet.“


    Marcus hoffte, daß sich die junge Frau im Klaren war, daß er seine Entscheidungen ernst meinte und auch nicht mit sich verhandeln ließ, wie schon gesagt, seine Geduld hatte ein Ende erreicht und Asny würde sich entscheiden müßen, welche Zukunft sie haben wollte und ob überhaupt eine Zukunft für sie bestand, Marcus war aber nicht so verständnisvoll wie sein Vetter Aquilius, der sich von den Sklaven schier auf der Nase herum tanzen ließ, dafür war Marcus zu sehr Flavier.
    „Also, Asny, ich würde Dir auch einige Tage geben, in denen darüber nachdenken kannst. Möchtest Du das oder hast Du Dich schon entschieden?“
    , fragend hob Marcus seine Augenbrauen und sah Asny an.






    *SimOff: Bezüglich an wen: Die Spielerin Asny hätte natürlich die Wahl und nicht der Spieler hinter Aristides. ;)

  • Kannte der Wortschwall dieses Mannes denn gar kein Ende? Seine Stimme schien sich mit einem nervtötend brummenden Geräusch über die Schläfen gleich in ihr Gehirn zu bohren. Wie hielten es andere Menschen nur mit ihm aus? Wenn er so weiterschwadronierte, würde sie sich am Ende doch noch aus freiem Willen in die Arme einer angenehm dunklen und vor allem geräuschlosen Ohnmacht fallen lassen, nur um diesem ständig anschwellenden Dröhnen in ihrem Schädel zu entkommen. Hoffentlich wählte Aristides niemals den Pfad der Politik und musste lange, dröge Reden halten, so wie er es gerade tat. Stattdessen sollte er lieber ein priesterliches Amt ergreifen, jedes Opfer würde mit Freuden in den Opferdolch springen sobald er den Mund öffnete. Wie sie diesen Palaver anderer Menschen und deren Meinung über sie langweilte. Auch wenn sie es nicht laut aussprach, so bewegten sich ihre Lippen dennoch in einem stummen 'Warum sollte mich das interessieren?'. Doch ihr Geist war eisern auf das genaue Zuhören und Analysieren fixiert und kam dieser wichtigen Aufgabe sogar dann noch nach, wenn es eigentlich gegen ihren Willen geschah. Dabei hätte sie gerade am Allerliebsten so getan, als mache der enorme Blutverlust ein entsprechendes Verfolgen seiner großartigen Ansprache vollkommen untragbar. Auf diese Möglichkeit hätte er eigentlich auch von ganz alleine kommen können. Nun, vielleicht war er es einfach gewohnt, dass seinen Zuhörern langsam aber sicher die Augen zufielen, ihr Atem schwerer wurde, und sie allgemein ein eher blasses und kränkliches Aussehen an den Tag legten.
    Gut, ein gewisses Amüsement konnten seine Worte nicht verhehlen, weil er wiederum redete und wichtige Vorschläge machte, ohne sie wirklich zu kennen. Oder sich nur auf das berufend, was andere Sklaven ihm von ihr erzählt hatten. Und dass diese nichts Genaues von ihr wussten, dafür hatte sie höchstselbst gesorgt.


    Zusammen mit einem tiefen, aber lautlosen Seufzer gaben ihre Ellbogen das Abstützen auf und ihr Rücken sackte auf das Lager hinab, dessen Berührung sich anfühlte wie ein Berg der allerspitzesten Kieselsteine, die man auftreiben und aufschütten konnte. Ihre eisig blauen, glänzenden Augen öffneten sich etwas weiter, während sie die Decke über sich fokussierte und den Adrenalinschub, welcher mit dem aufpeitschenden Schmerz durch ihre Adern jagte, nach Möglichkeit auszukosten versuchte. Allzu oft würde sie diese Taktik nicht mehr ausführen können, doch zumindest gewöhnte sie sich langsam aber sicher an den Grad des Schmerzes. Er wurde nicht mehr wirklich stärker, es war lediglich ein Auf- und Abschwellen. Und es war auszuhalten.
    Vorsichtig sog sie die Luft etwas tiefer in ihre Lungen und bemühte sich, die zwischenzeitlich in die Laken verkrallten Finger nach und nach wieder zu lösen und zu bewegen. Nun mussten nur noch die Ränder ihres Sichtfeldes von den dort flackernden Schatten befreit werden und schon wäre alles wieder in Ordnung. Blinzelnd ließ sie ihren Blick über die Umgebung wandern. Oder waren diese Schatten echt und nur Ausgeburten der hereinbrechenden Nacht? Unter einem leisen, kehligen und eher freudlosen Lachen fand das nun dunkler wirkende Blau ihrer Augen zu Aristides' Gestalt zurück.
    "Hat dein ungleich intelligenterer Vetter Gracchus dir neben der Ausrichtung seiner berühmten Löwungen einmal erklärt, was man unter dem Begriff 'Misanthrop' versteht?" Das Lächeln verstärkte sich leicht, ansonsten blieb ihr blasses Gesicht wie gewohnt weitgehend unbewegt. Der Brustkorb hob und senkte sich beinahe schon zu gleichmäßig, so als halte sie ihre Atmung immer noch bewusst kontrolliert.


    "Ein Misanthrop ist jemand, der Menschen hasst. Nicht bestimmte, einfach... alle. In einem sehr gerechten Sinne. Er hegt keinen besonderen Groll gegen einzelne unter ihnen. Sie sind einfach nur Menschen. Das genügt bereits." Asny zuckte leicht mit einer Schulter und befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze, ehe sie ihre Rede leise wieder aufnahm.
    "Nachdem das geklärt wurde, werde ich deine 'Angebote' einmal systematisch und sorgsam durchgehen, wie es sich gehört. Ich benötige dafür keine Bedenkzeit, mein Verstand ist es gewohnt, schnell arbeiten und Entscheidungen treffen zu müssen. Egal unter welchen Bedingungen. Dank dir ist mir das gerade bewiesen worden." Ein leichtes Nicken in Aristides' Richtung folgte, das man entweder als dankbare Geste oder als neuerlichen Spott deuten konnte.
    "Was du über mich denkst interessiert mich nicht. Warum sollte es? Du kennst mich nicht einmal. Also werde ich das trockene Moos abdecken und mich nur auf das Wesentliche konzentrieren. Metaphorisch gesprochen. Es ist unglaublich human, dass du mir die Freiheit in Aussicht stellst als Belohnung für eine gute... 'Zusammenarbeit'. Nur komme ich gerade von dort. Ich habe meine Familie solange in den Wahnsinn getrieben, bis sie in ihrer Verzweiflung keinen anderen Weg mehr sahen, als mich einem Halsabschneider von Sklavenhändler zu überlassen. Zweifellos werden sie unter dieser Entscheidung für den Rest ihres kleinen, dummen Lebens leiden, aber das ist mir gleich. Ich wollte verkauft werden und es ist so geschehen. Du verstehst sicher, dass deswegen ein Rückgewinn der sogenannten 'Freiheit' keine akzeptable Option für mich ist. Den Steinbruch und die Löwung werte ich als dein Bemühen, mir einen gehörigen Schrecken einzujagen, damit es mir leichter fällt, die erste Alternative zu wählen. Was den Verkauf anbelangt - Herren sind austauschbar und im Grunde alle homogen, ob ich nun bei dir bin oder woanders läuft sehr wahrscheinlich auf sehr analoge Beziehungen hinaus. So bleibt also - oh Wunder - dein erstes Angebot."


    Ein kurzer und trockener Husten zwang Asny zu einer kleinen Pause, ehe sie weitersprechen und den Blickkontakt wiederaufnehmen konnte.
    "Du bist ein erwachsener, reifer und für römische Verhältnisse sogar gebildeter Mann. Wäre das nicht so, würde ich nicht mit dir sprechen. Auf meine Art respektiere ich dich durchaus. Doch gerade weil du ein erwachsener Mann bist musst du nicht mehr verhätschelt werden wie ein kleiner Junge, der Liebe und Anerkennung von allem, was ihn umgibt, spüren muss. Ich habe dich behandelt, wie ich behandelt werden möchte - und glaube mir, das ist eine wahre Auszeichnung. Ich will gefordert werden. In jeglicher Hinsicht. Du etwa nicht? Möchtest du behandelt werden wie ein alter Greis, beladen mit vergangenem Ruhm und der Ehre von gestern, der geachtet und respektiert wird, weil er etwas war? Oder ist es vielmehr dein Wunsch geehrt zu werden, weil du etwas bist? Und ich spreche nicht von dem Zufall, der dich in die Villa der Flavier gebracht hat. Weißt du, ich kann durchaus den leichten Weg gehen. Und dir einfach nur zu gehorchen wäre der leichteste Weg von allen. An jemandem wie dir mache ich nicht meinen Stolz fest. Ich bin keine heißblütige, impulsive, ungezähmte Sklavin, die ihren Kopf hochmütig und ungebrochen in den Nacken wirft und sich nicht unterwerfen will. So etwas empfinde ich als äußerst lächerlich. Aber ich suche nicht den leichtesten Weg. Du bist doch ein Krieger, nicht wahr? Was geschieht, wenn Muskeln nicht bewegt werden? Wenn Grenzen nicht überwunden werden? Man lässt nach. Lieber werde ich ausgepeitscht und lerne mit dem Schmerz umzugehen, als dass ich jeder kleinen Wunde aus dem Weg flüchte. Deine Bestrafung heute war das Intensivste, was mir bislang in dieser Villa zugestoßen ist, und es fühlte sich gut an. Es schmerzt wie die Ströme der Unterwelt, ohne Zweifel, aber es nützt mir sehr viel mehr als Streicheleinheiten. Genau wie es dir mehr nützt, auf deine Tochter angesprochen zu werden, als wenn man dir die Hand mitleidvoll tätschelt. Ganz einfach weil du dich damit beschäftigen musst, anstatt davor zu fliehen und dich in Wein zu ertränken. Ich werde keine gute Sklavin werden. 'Gut' ist genauso scheußlich wie 'nett'. Ich werde die beste Sklavin der gesamten Welt. Das gelingt mir aber nicht mit der Formel zur Erschaffung einer guten' Sklavin. Wenn du dich jedoch nicht würdig genug fühlst für die beste Sklavin der gesamten Welt, kannst du mich entweder verkaufen oder warten, bis du würdig genug bist. Allerdings verlange ich dann auch mehr als ein 'passables' Leben. So viele fürchterliche Ausdrücke! Ich benötige Zugriff zur Bibliothek sowie zu anderen Wissensquellen und ich wünsche von dir einen kompromisslosen, harten, strafenden und disziplinierenden Umgang mit mir. Du wirst nicht weich, du gibst nicht nach und du fängst nicht aus irgendwelchen sentimentalen Gründen plötzlich damit an, mich zu mögen. Das kommt ab und an schon mal vor, ich habe diesen entzückenden Augenaufschlag. Sollte ich merken, dass du nachlässt, muss ich dich zwangsläufig provozieren. Und wie du weißt, beherrsche ich dieses Handwerk in respektablen Zügen. Also - möchtest du darüber nachdenken oder hast du dich schon entschieden?"

  • Bar jeder Sympathie, keimte auch kein Mitleid in Marcus auf als er die Sklavin beobachtete und ihre Haltung, der man einer – zwar disziplinierten und nicht jammernden – leidenden Person zuordnen konnte, irgendwo am Eingang scharrte jemand wohl mit den Füßen, doch Marcus sah nicht dort hin, winkte jedoch ab, erwartend, daß betreffender Sklave sie auch sogleich wieder alleine ließ; er verschränkte die Arme vor seiner Brust und sah die junge Frau abweisend und recht kühl an, er kippte etwas mit dem Dreibeinstuhl nach hinten und ließ ein Hochschnellen seiner linken Augenbraue – natürlich in höchst flavischer Manier – zu, als Asny von dem ungleich intelligenteren Vetter sprach, etwas, was ihn nicht sonderlich aufregen konnte, denn ein Genie war doch immer ungleich klüger als gut neunundneunzig Komma neun Prozent der Bevölkerung, weswegen die Worte mehr ein müdes Zucken seiner Mundwinkel als eine weitere mimische Reaktion beschwor. Misanthrop? Nein, das Wort hatte Marcus noch nie in seinem Leben gehört, es klang aber schon ähnlich wie Misere und schien eindeutig ähnliches zu bedeuten als er Asnys Erklärung mit einem kurzen Aufblitzen von Unverständnis in seinem Gesicht lauschte; was für eine Misere man mit einem solchen Leben hatte und es erstaunte ihn, daß Asny es so freimütig zugab, obwohl Marcus ihr kein Wort glaubte, denn er konnte nicht nachvollziehen, ob es einen solchen Menschen überhaupt geben konnte. Hernach erstaunte ihn jedoch der folgende Redefluß der Sklavin enorm; konzentriert lauschte er ihr – eine steile Falte bildete sich zwischen seinen dunklen Augenbrauen, die er etwas zusammen gezogen hatte. Und das Gesagte erweckte in ihm maßloses Erstaunen – bezüglich ihrem Wunsch verkauft zu werden und ihrer Familie! -, Befremdung – daß es ihr offensichtlich egal war, wer ihr Herr war! -, Irritation – ob er geschmeichelt sein sollte, bezüglich ihrer Worte über ihn, oder ob darin nicht doch wieder ein subtile Beleidigung steckte, die er einfach nicht durchschaute! -, Konfusion – über Schmerz, Herausforderung, Verhätschelt werden! - und wieder die Mischung, die ihn noch auf den Gang erfaßt hatte, ein Kombination von betändigem Ärger und Belustigung, die immer mal wieder anschwoll, aber dann auch wieder versandete, wenn Marcus zu sehr ins Grübeln geworfen wurde.


    Dann als das letzte Wort und die erneut vielleicht provozierende Frage von Asny kam, lehnte er sich nach vorne und musterte sie taxierend, und dachte tatsächlich nach, es war viel, was sie ihm als Antwort gegeben hatte und Marcus war sich sicher, daß er schon einige Aspekte wieder vergeßen hatte, aber dennoch genug, was ihm auch über die junge Frau zu denken gegeben hatte. Warum jemand freiwillig den Weg als Sklavin wählte, war ihm einfach unverständlich, selbst wenn die Familie ein Graus war, aber Marcus war auch fern jeder Realität geboren worden, die viele Römer in den nicht gut betuchten Vierteln erlebten. Während sich das Grübeln in Marcus' Miene genau zeigte, denn Marcus war kein Mann, der seine Gefühlsregungen allzu deutlich verbergen konnte, dafür war er von je her einfach zu offenherzig in jeder Hinsicht, also, während er grübelte, zauderte er auch, denn er war ein Mensch, der sich nach Harmonie sehnte und den Streit und Konflikt zu Hause mehr scheute, denn diesen hatte er in seinem Leben und gerade als Soldat genug gehabt! Doch es war nicht zu leugnen, er konnte einen aufgeweckten Sklaven, einen gebildeten und sehr klugen Sklaven – egal, ob Mann oder Frau! - eben gut gebrauchen, zumal sich Hannibal als eine reine Katastrophe entpuppt hatte und Marcus auf ihn in keiner Weise mehr bauen konnte, geschweige denn ihm vertrauen würde; und sonst bekam man auf den Sklavenmärkten in letzter Zeit auch eher mangelhafte Ware, Sklaven, die aus ihrer Freiheit gerißen worden waren und nur darum bestrebt, dem Herrn Ärger zu machen, oder Sklaven, die schlicht zu dumm waren! Und daß Asny klug, wenn nicht sogar brillant war, hatte sie eindeutig und an vielen Stellen des Tages schon bewießen, und selbst wenn sie einen sturen Charakter besaß, so bewunderte Marcus sie auch für ihre Disziplin und ihren Willen, den er bei einer Frau in der Form noch nie erlebt hatte – außer bei seiner Mutter und die stand über jeden Maßstab, keine Frau konnte sich mit Flavia Agrippina nur im Ansatz meßen! Dauerte es Minuten? Oder dann doch kürzer, oder länger, bis sich Marcus entschieden hatte? Wobei es sicherlich nicht eine derart durchdachte und ausgeklügelte Entscheidung war, wie bei Asny, dafür machte der Bauchanteil bei Marcus auch einen zu großen Anteil aus, selbst wenn sich ein Teil von ihm dagegen sträubte.


    „Eine perfekte Sklavin wirst Du sein? Soso, dann wollen wir mal sehen, ob Du Deinen und aber auch meinen Ansprüchen in dieser Hinsicht gerecht werden wirst. Eine perfekte Sklavin kann mir sogar deutlich nützlicher sein als eine gute Sklavin, aber Du hast auf jeden Fall mein Bewertungsmaßstab deutlich in die Höhe gesetzt, Asny! Von einer pefekten Sklavin verlange ich endeutig mehr als von einer, die mir nicht lästig sein soll. Eine perfekte Sklavin ist ihrem Herrn bis zum Tod ergeben – und wenn es ihr möglich ist, darüber hinaus! -, eine perfekte Sklavin widerspricht ihrem Herrn nicht, sie befolgt bedinungslos jeden seiner Befehle und ahnt sogar schon im Voraus, was ihr Herr wünscht und möchtet, ehe er es auch selber weiß und im Ansatz wäre es zu denken, geschweige denn auszusprechen. Ob Du das erfüllen möchtest und kannst? Wir werden sehen!“
    Marcus löste seine verschänkten Arme und stützte sich mit beiden Händen auf den Oberschenkeln ab, um sich nach vorne zu beugen und nicht gleichzeitig von dem kleinen Hocker herunter zu fallen.
    „Du kannst Dir gewiß sein, Asny, daß ich Dich jetzt schon nicht mag und keinerlei Sympathie für Dich hege, selbst wenn ich eines Tages auf die sehr abwegige Idee kommen würde, Dich in mein Bett zu nehmen für meine Gelüste, so wird es bestimmt kein liebreizender Wimpernschlag, noch Süßholzgeraspel vermögen, diese Sympathie zu wecken.“
    Zumal Marcus eher auf dunkelhäutige Frauen stand, und blonden Frauen außer vom ästhetischen Aspekt wenig abgewinnen konnte, selbst wenn er ihre Schönheit erkannte, so regten sie bei ihm nichts.
    „In Ordnung, ich werde Dir die Gelgenheit geben, Dich zu beweisen, Asny, mir zu zeigen, daß Du so eine perfekte Sklavin sein kannst und ich Dich auch gebrauchen kann. Eines sei Dir gesagt: Eine Sklavin verdient sich ihre Privilegien und erhählt sie nicht, weil sie große Töne spucken kann und sehr eloquent ist, nein, wenn Du Zugang zur Bibliothek und weiteren Wißensquellen haben willst, wenn Du wie eine Favoritin in diesem Haushalt und unter den Sklaven sein und über allen anderen Sklaven stehen willst – da ich schließlich hier der Hausherr bin! - dann wirst Du Dir all das erst durch harte Arbeiten aufbauen müßen. Ich schenke Dir jetzt noch nichts und werde es Dir erst gewähren, wenn Du mich überzeugst.“
    Das übliche Hast Du mich verstanden? ließ er bei der Sklavin, denn er wußte, daß es einerseits nur auf Spott treffen würde, und andererseits auch unnötig, die Sklavin war klug genug, ihm zu folgen und es zu verstehen, was er meinte.
    „Dreh' Dich auf den Bauch, Asny!“

  • Es war nicht im Mindesten abzusehen, inwieweit Aristides diese große Menge an Worten und kaum getarnten Forderungen allesamt verstand. Asny war sich nicht einmal sicher, ob sein weinvernebeltes Hirn nun, einen Herzschlag nachdem sie geendet hatte, überhaupt zu allem eine Erinnerung angelegt hatte. Vermutlich waren nur wenige Schlagworte haften geblieben, der deutlich größere Rest wurde hinfortgeschwemmt vom Fluss der Ignoranz und der hoffnungslosen Beschränktheit, welcher im Kopf dieses Flaviers unter ständigem Hochwasser litt. Diese hohlen, leeren Fratzen, in die sie nach einer solchen deutlichen Rede immer blicken musste. Jeder verlauste Straßenhund besaß ausdrucksstärkere Züge. Manche versuchten wenigstens, eine halbwegs unbeeindruckte Maske aufrechtzuerhalten, auch wenn dahinter ein nicht weniger ernüchternder Abgrund geistiger Umnachtung herrschte. Wie leicht die Menschen doch aus ihren heimeligen Gefügen der Gewohnheit zu reißen waren. Anscheinend machte es ihnen merklich weniger aus, an Gestalten wie die Götter zu glauben, als dass jemand mitten unter ihnen sich von der gewöhnlichen Norm abweichende Taten und Worte leisten durfte, ohne dass ihre Welt Kopf stand. Dabei befanden sie sich doch innerhalb der hochherrlichen Mauern Roms, in denen man alles entdecken und alles sehen konnte, in denen es alles gab und noch mehr zu verlieren. Doch scheinbar bemühte man selbst an diesem haltlosen Ort befestigende Seile des Normalen, des Verständlichen und des Gewohnten. Wie nah 'gewohnt' und 'gewöhnlich' zusammenlagen, schienen sie dorthin gehend gerne zu ignorieren.
    Als wäre sie die erste Freie, die lieber den Weg einer Sklavin wählte. Ihre Familie hatte nicht hungern müssen und sich einen Wohlstand leisten können, den man beinahe als angenehm betiteln durfte, trotz der hohen Kinderzahl und mit großzügiger Unterstützung ihres ehemaligen Herrn. Dennoch wusste Asny ausgezeichnet um die weniger gut beleuchteten Ecken Roms, wo sich der breite Fuß dieses Flaviers garantiert noch nie hinverirrt hatte. Wenn man wenig zu essen und nur Fetzen zum Bedecken der schlimmsten Blöße besaß, klang ein Sklavendasein mit geregelter Nahrungsversorgung und tragbarer Kleidung gar nicht mal so schlecht. Was brachte es, in Freiheit zu verhungern? Wenn die Kinder zu viel Essen zum Sterben, doch zu wenig zum Leben bekamen? Zwar sah ihre eigene Vergangenheit nicht nach diesem Vorbild aus, doch auch für sie bedeutete der Sklavenstatus eine reichhaltige Fülle neuer Möglichkeiten. Zudem war die Aufteilung in den Herren- und Sklavenstand das Werk ihrer Mitmenschen - und was ihre Mitmenschen sagten, dachten oder taten interessierte sie nicht, wenn es für sie keinen Vorteil brachte. Was sollte es sie beeindrucken, wenn die Masse glaubte, Sklaventum wäre ein Abstieg und weniger wert? Asnys eigene Meinung war es, die hier zählte und nach der sie sich orientierte. Nicht nach der Einteilung und Titulierung der übrigen Welt.


    Aristides' Gesichtshaut schien so durchsichtig zu sein wie eine frische Frühlingsbö. Von seinen Zügen ließ sich bequem noch die kleinste Regung seines Innersten ablesen, ohne, dass es noch eines Kommentars oder einer Erläuterung bedurfte. Es war schon beinahe erheiternd, wenn es nicht so lästig in seiner Offensichtlichkeit gewesen wäre. Er ließ nicht den kleinsten Raum für eigene Überlegungen. Als erführe man von einer Geschichte als Erstes das Ende. Die Reaktion auf ihre Worte erfolgte derart unmittelbar und ausdrucksstark, dass die Sklavin sich an einigen Stellen beinahe schon wie eine Puppenspielerin fühlte, die jede Bewegung ihres Spielzeugs genau führen und bewirken konnte. Die Konfusion überragte weitestgehend alles übrige, wiederum so bedrückend wie vorhersehbar. Dieser Mann war doch ein Mitglied der gefürchteten Gens Flavia, oder war er doch nur ein adoptierter Bastard? Wollte er nicht einmal den Anschein von etwas machen, dem man zwar mühsam, aber immerhin ein wenig Respekt entgegenzubringen vermochte? Eine versteinerte Maske statt eines Gesichtes würde den Gesamteindruck gleich um einiges anheben. Doch er hier gab offen zu, dass seine Grenzen bereits vor einiger Zeit mühelos überwunden wurden und er irgendwo auf dem Weg zurückgeblieben war. Was würde er erst offenbaren, wenn er denn tatsächlich zu einer verbalen Antwort ansetzte und auch den letzten Rest gnädiger Schminke tollpatschig abwusch?


    Bei den Göttern, warum verlor sie nur nicht endlich das Bewusstsein?!


    Wurde sie etwa noch getrieben von der Hoffnung, in diesem fülligen Berg aus Sand einen Rubin heraussieben zu können? Natürlich war es schwer, von etwas in ihrem Besitz - und nicht anders sah sie diesen Flavier - als einen rettungslosen Fehlschlag der Götter zu denken. Natürlich hätte es sie auch weitaus schlimmer treffen können - vermutete sie. Immerhin blieb ihr die Villa, die Bibliothek, die damit einhergehenden Möglichkeiten. Es wäre ein Leichtes für sie, Aristides genügend Anreiz zu bieten, um sie möglichst in eine andere Ecke des Anwesens zu befehligen und damit so weit weg wie irgend möglich von seinem eigenen Aufenthaltsort. Wahrscheinlich verbot es sein Stolz, sich die Niederlage einer Überforderung durch sie einzugestehen und sie umgehend zu verkaufen, doch sie jeden Tag vor Augen zu haben ertrug er ebenso wenig. Möglicherweise dachte er genau darüber in den langen, stillen Momenten nach, in denen er es vorzog, sie einfach nur anzustarren und den lahmen Esel, der seine Gedankengänge durch die Gehirnwindungen zerrte, gemütlich anzupeitschen. So gelang es Asny, obgleich sie seinen Blick weiterhin mit dem leichten Schimmer eines Lächelns und einem ähnlichen Hauch Nebel über den Augen statuengleich erwiderte, sich wiederum eine kleine Zeit auf sich selbst und ihren Körper zu konzentrieren; vornehmlich nach wie vor auf die Atmung und das wütende Pochen in ihrem Rücken, welcher gerade das Laken ruinierte, bis sie sich wiederum langsam auf die Ellbogen schob und die Berührung minderte. Wer wusste schon zu sagen, was alles in diesen Tüchern darauf wartete, ihr eine nette Infektion oder Schlimmeres zu verursachen. Dies würde nur den Verlauf der Wundheilung beeinflussen und ihre Beobachtungen hinfällig machen.


    Dann schien Aristides doch zu irgendeinem Entschluss gekommen zu sein, gerade als sie den Sklaven am Rande ihres Sichtfeldes entdeckt und die Überlegung begonnen hatte, wie lange dieser Kerl wohl schon in ihrer Nähe herumlungerte und lauschte. Gegen die Vernunft blinzelte Asny um eine klarere Sicht, während Konzentration sich von selbst wiederum bei ihrem Gegenüber sammelte.
    Zumindest hielt sich ihr irritierendes Lächeln in der Gegenwart dieses Mannes erstaunlich gut, verstärkte sich meist sogar noch zu einem wahren Glanz aus missgedeuteter Belustigung. Immerhin schien er trotz des Weinkonsums noch halbwegs nüchtern. Ihm gelangen ganze Sätze, die in den Augen der meisten Menschen auch noch einen Sinn enthielten. Sie wich nicht zurück, als er sich vorlehnte und seine Körpersprache ihr damit entgegenschrie, dass er noch mehr Aufmerksamkeit von ihr verlangte gleich einem Säugling, der nach der Mutterbrust brüllte. Was er wohl täte, wenn sie ihn schlicht ignorierte? Dies war er mit Sicherheit nicht gewohnt. Doch gleich wie seine Worte und seine Bewegungen sich auch entwickelten, Asnys gewohnt freundlich-ausdruckslose Miene war so fest auf ihren jugendlichen Zügen verankert wie eh und je. Und wirkten dadurch noch befremdlicher, schließlich schien der Rahmen dieses unbewegten Bildes wie zu einer Kriegsüberlebenden gehörend. Sie blutete längst nicht nur auf dem Rücken, dank einiger Eigeninitiative war die Haut über ihren Fingerknöcheln der rechten Hand aufgeplatzt und auf ihrer Stirn entwickelte sich eine zwar nicht offene, aber dunkel verfärbte Schwellung, aus einem zu plötzlichen Kontakt mit dem Holzkreuz entstanden. Die Trainingsgewichte lagen nach wie vor um Hand- und Fußgelenke und der Carcer hatte sein Bestes gegeben, dem Ganzen noch eine schmutzig-verwahrloste Note zu verleihen, die sich dank willensstarker Disziplin aber hauptsächlich auf die Beine beschränkte. Vom Rücken sah man in ihrer derzeitigen Position nicht allzu viel und glücklicherweise war ihr Haar noch derart frisiert, dass es die meisten Wunden nicht berührte. Ihre Haut glänzte im schwachen Lichtschein von der vergangenen und gegenwärtigen Anstrengung, die halbgetrockneten Tränenspuren ließen sich gut über den Verlauf der ungesund blassen Wangen verfolgen und ein leichtes Zittern durchfuhr ab und an ihren Körper, als erführe dieser immer noch die Schläge einer Peitsche.
    Und dazu lächelte sie so verträumt und friedlich wie ein Kind, welches von seiner Mutter gerade zu Bett gebracht wurde.


    Vielleicht zu Aristides' Erstaunen gehorchte seine Sklavin überaus prompt dessen Befehl, sich auf den Bauch zu drehen und damit das blutige und offene Schlachtfeld zu enthüllen, das einmal ihr Rücken gewesen war. Durch das teils frische, teils schon getrocknete Blut wirkte dieses Panorama vermutlich noch weitaus schrecklicher, als es nach einer gründlichen Reinigung sein würde und ein abgehärteter Kriegsveteran wie Aristides hatte gewiss schon tausendmal Schlimmeres erblicken müssen. Asny allerdings war selbst bei der etwas mühsamen Bewegung des Umdrehens darum bemüht, weder zu stöhnen noch zu stutzen noch die Balance zu verlieren. Sie versuchte nach Kräften, diesen Prozess so fließend und gleichmäßig wie möglich zu halten, wenngleich sie, als sie endlich mit dem Bauch auf dem Lager lag und ihre Ellbogen wiederum den Oberkörper stützten, von einem übelkeiterregenden Schwindelgefühl heimgesucht wurde, das sie erst einmal niederkämpfen und den Boden wieder nach unten zerren musste, ehe sie es sich leisten konnte, erneut an den Flavier auf seinem kleinen Hocker zu denken.
    Die Begründung für ihre anscheinend so unerwartete Gefügigkeit war einfach. Er würde keinesfalls sanft mit ihr umspringen, doch sicherheitshalber spielte sie zusätzlich mit der Überlegung, das Feuer in ihm noch ein wenig anzufachen. Zudem war sie, wie sie unlängst erwähnt hatte, nicht um Halsstarrigkeit bis zur Einfalt bemüht. Ein kindischer Einwand wie 'Das kann ich selbst!' besaß in ihrer Welt keinen Sinn. Dennoch konnte sich Aristides auf einen Fortgang der 'Unterhaltung' einstellen, sobald ihre Lungen wieder ein wenig Luft bekämen, der Raum darin nachließe, wie eine irrwitzige Schaukel hin und her zu wirbeln und die Gallenflüssigkeit, welche sie bereits auf der Zunge zu schmecken glaubte, brav zurück nach unten wanderte, wo sie hingehörte. Sicherheitshalber hielt sie die Augen erst einmal geschlossen und sich somit in reizloser Dunkelheit, ehe sie sich räusperte und vielleicht mit etwas rau klingender, aber ansonsten gewohnt ruhiger Stimme den Disput wieder aufnahm.


    "Wurdest du kürzlich zum besten Herrn der Welt ernannt und ich habe es nicht mitbekommen? Das wäre bedauerlich, dann hätte ich nämlich meinen kompletten Wetteinsatz verloren." Es war wirklich erstaunlich, wie sehr ihr Sarkasmus erblühte, wenn sie eine solch üble Art von Schmerzen verspürte. Vermutlich war diese Entwicklung dem Gesprächsverlauf nicht zuträglich, der ironische Wink bezüglich ihres Augenaufschlags schien schließlich auch komplett an seinem Verständnis vorbei gelaufen zu sein.
    "Ernsthaft: deine vollkommene Zufriedenheit ist kein brauchbarer Indikator für meine Entwicklung zur 'perfekten Sklavin', wie du es ausdrückst. Ebensowenig wie deine genannten Erkennungsmerkmale. Wenn du sagst 'Ich reite jetzt im gestreckten Galopp in diese Richtung!" und ich widerspreche dir nicht, obgleich ich weiß, dass in dieser Richtung ein enorm tiefer, extrem spitzsteiniger und unerhört tödlicher Abgrund lauert, dann, mein Herr, bist du der Allererste, der seine Prinzipien über den Haufen wirft. Oder wenn ich sehe, wie jemand unbemerkt Gift in deinen Kelch gießt und du mir anschließend befiehlst, ihn dir zum Essen zu reichen, würdest du dir dann nicht auch wünschen, während deine Gliedmaßen sich versteifen, deine Innereien zu allen Körperöffnungen herausdrängen und man bereits nach Münzen für den Fährmann zu suchen beginnt, dass ich deinem Befehl nicht gehorcht hätte? Möchtest du, dass ich dieses Bild erfülle? Also fange gar nicht erst an mit ordinären Allerweltsregeln. Letzten Endes liegen die wirklich wichtigen Entscheidungen bei mir, also muss meine Sichtweise korrekt und adäquat sein. In dieser Villa lauern eine Menge zwielichtiger Gestalten und ich spreche ausnahmsweise nicht von deiner geschätzten Familie."
    Dies war ohnehin ein Punkt, die sie an den reichen Sklavenhaltern nie so ganz nachvollziehen konnte. Dieses gierige Umgeben mit Sklaven, also zumeist mit fremden, unzufriedenen, hasserfüllten, verrückten, unberechenbaren Gestalten, die ewig in unmittelbarer Nähe lauerten, sich um alles kümmerten, zu allem Zugriff besaßen und ohne die man in den meisten Fällen bitter aufgeschmissen wäre. Was war daran so erhaben? Es war dumm und gefährlich und irgendwann wäre ein sehr kritischer Punkt erreicht, schließlich befanden sich die Sklaven immer in der Überzahl. Aber war das ihr Problem? Nun, um ehrlich zu sein war sie sich diesbezüglich noch nicht völlig sicher.


    "Und was die von dir erstellte Aussicht auf eine großartige Belohnung meiner Dienste anbelangt, so ist es zwar sehr lieb und freundlich, dass du dem Elefanten das Ziel in Aussicht stellst, einmal über den Ameisen stehen zu können, aber weißt du - es zeigt so fürchte ich nicht die gewünschte Wirkung wenn du mir vor Augen führst, einen höheren Rang als die übrigen Sklaven innehalten zu können. Lass es mich so ausdrücken: falls du auf der Straße einmal die Bemerkung hörst: 'Bitte, führt mich zu einem Tempel, damit ich endlich mit meinesgleichen sprechen kann', so hat sich jemand dreisterweise an meinem Wortlaut bedient. Da meine Eltern jedoch nachdem ich diesen Satz zum ersten Mal habe verlauten lassen sämtliche Ersparnisse für Opfergaben verschiedener Götter ausgegeben haben, glaube ich eigentlich nicht, dass allzu viele Menschen ihn benutzen. Doch es ergibt sich dadurch ein schönes Bild von meiner 'Arroganz, die in ihrem Ausmaß bereits die Götterlästerung berührt', wie es meine Mutter in ähnlicher Weise ausdrückte. Ich muss nicht offiziell über die übrigen Sklaven erhoben sein um zu wissen, dass ich mich genau dort oben befinde. Derart diffizil und armselig bin ich nicht."
    Die anderen Sklaven mieden sie sicherlich nicht versehentlich, nach der Eingewöhnungsphase hatte sie rasch gemerkt, dass das Plaudern und Beobachten ihrer 'Kollegen' ihr nichts brachte abgesehen von einer grausamen Verschwendung der eng bemessenen Zeit. Inzwischen besaß sie den wohltuenden Außenseiterruf einer hochnäsigen, verrückten Einzelgängerin, die davon überzeugt war, etwas weitaus Besseres darzustellen als alle anderen. Endlich durfte sie sich wieder ohne störende Ablenkungen mit sich selbst beschäftigen.


    Sinnierend betrachtete Asny ihre in Mitleidenschaft gezogene Hand und stellte fest, dass diese neben dem Schmerz im Rücken überhaupt nicht zu spüren war.
    "Und du nimmst mich garantiert niemals in dein Bett. Erstens weil ich nicht deinem Bild einer anziehenden Frau entspreche. Zweitens weil du bald heiratest und es kein akzeptables Geschenk für deine Zukünftige wäre, wenn deine Sklavin gerade ein Kind von dir trägt. Drittens weil perfekte Sklavinnen ihren Herren keine Bastarde vor die Tür legen und viertens, weil du nicht möchtest, dass neben deinem Körper und deinem Verstand auch noch deine Manneskraft hinken muss. Und das würde sie alleine aufgrund eines bloßen Versuchs. Man möchte gar nicht meinen, wie viel bei diesem doch eigentlich physischen Vorgang einer Erektion auch von der Psyche abhängt. Ich habe ohnehin nie verstanden, weswegen sich Männer als das starke Geschlecht bezeichnen, wo sie doch ihre Geschlechtsteile derart offen und ungeschützt nach außen tragen."

  • Immerhin bewegte sich die Sklavin und kam seiner letzten Aufforderung nach, er hatte – angesichts der heutigen Ereignisse – schon kaum noch damit gerechnet und schon gar nicht, daß sie es ohne einen bißigen und ironischen Kommentar tat, scheinbar mußte und wollte die Sklavin zu allem ihren Senf geben und schien in jeder Situation ihre Überlegenheit aufzeigen zu wollen; Marcus rollte für einen Herzschlag lang mit den Augen und zog den Stuhl näher an das Sklavenbett heran, das nur eine hölzerne Kiste war, mit einem dicken Strohsack gefüllt, und wirklich nicht viel Komfort barg, aber doch mehr als es manch ein Sklave sonst im römischen Imperium gewohnt war, die lediglich auf einer alten und zerlumpten Decke auf dem bloßen Boden zu schlafen hatten, die Ausstattung der Sklaven in der villa schien dagegen luxuriös, vielleicht zu luxuriös, dachte sich Marcus, denn sie hatten eindeutig ein Sklavenproblem, Asny bewies es ihm mal wieder. Und zu Zeiten von Felix war das nicht in diesem eklatanten Maß vorgekommen, womöglich sollten sie wieder zu der Handhabung seines Bruders zurück kehren, und der ließ die Sklaven eben in dunklen Löchern schlafen, mit nichts als einer Decke und einer einzige Öllampe, zumindestens glaubte Marcus sich derart daran zu entsinnen; er würde beizeiten mal darüber nachdenken, ob sich das lohnte. Mit einem Fuß schob er die Wasserschüßel näher an sich heran und betrachtete das blutige Feld auf dem Rücken der Sklavin; gerade als sie sich wieder bequemte, ihren Mund aufzumachen und die Tirade der Unverschämtheiten fortzusetzen; Marcus griff nach dem Lappen aus grobem Leinen und dem Schwamm, der aus dem Meer stammte von einem wagemutigen Taucher, der bereits viel Nutzung erlebt hatte und nicht mehr sonderlich frisch war, dennoch saugte er gierig das Wasser des Schüßel auf und tropfte als Marcus ihn nur ein paar digiti von der Schüßel entfernte.


    Schon bei dem ersten Satz von Asny verschloß sich Marcus' Gesicht zur Gänze; denn die Sklavin hatte es schon wieder weit über jede Vernunftgrenze hinaus gewagt, und lehnte sich mal wieder viel zu weit aus dem Fenster hinaus. Kalt sah er auf ihren blutig-krustigen Rücken hinab, er griff nach den Resten der Tunika, die noch an ihrem Körper waren und rißen sie grob zur Seite, es war ihm egal, ob sie dabei Schmerzen hatte oder nicht. Langsam kam er zu einem neueren Schluß, zum einen mußte er die Tatsache überdenken, ob Asny wirklich so klug war, wie sie den Anschein machte, aber der Schein trügte bekanntlicherweise oft, und womöglich war das auch hier der Fall. Und zweitens gelangte er bei der Überlegung an, ob Asny nicht schlicht und einfach verrückt war; eine Störung des Geistes, die man wohl am ehesten einer schizoiden Persönlichkeitsstörung zuordnen könnte, wenn Marcus gewußt hätte, daß es überhaupt eine solche gab, er hielt sie jedoch schlicht und einfach für irre und verrückt, denn ein Mensch mit einem gesunden Menschenverstand besaß Selbsterhaltungstrieb, der Asny völlig fehlte, zudem schien sie unter einem ausgeprägten Größenwahn zu leiden, den Marcus selbst bei einem Vitamalacus oder sonstigen im Grunde kleingeistigen Größenwahnsinnigen nicht in diesem Ausmaß erlebt hatte; irgendetwas mußte bei der Frau schief gelaufen sein, als die Götter sich mit ihrem Verstand beschäftigt hatte, sie hatten wohl einerseits geglaubt, es mit der Intelligenz richtig gemacht zu haben, aber wahrscheinlich so viel hinein gepackt in ihren Kopf, daß für die anderen gesunden Anteile in ihrem Geist kein Platz mehr blieb; vielleicht sollte Marcus einfach einen medicus rufen, der sich gerade auf die Irren spezialisiert hatte, er hatte mal gehört, daß es half, wenn man den Kopf anbohrte – die Trepanation, aber den Begriff kannte Marcus natürlich ebenso wenig - und etwas von dem ungesunden Schleim heraus ließ, und das dunkle Blut war dem Geist wohl auch nicht zuträglich; das erschien Marcus als eine weitere Option, wenn Asny weiterhin diese irren Züge offenbarte.


    Als sie dann jedoch seine Familie beleidigte – etwas, was noch schlimmer wog, als wenn sie ihm die übelsten Beschimpfungen an den Kopf geworfen hätte – drückte er den Schwamm fest auf ihren Rücken, dabei seine Kiefer fest aufeinander preßend, so daß sich seine Wangenknochen deutlich unter seinem nicht mehr frisch rasierten Wangen abzeichneten, zudem pochte die Ader an seiner Schläge für einige Herzschläge lang stärker, dennoch schwieg er für den Moment, während sein Hand begann, die blutigen Krusten von ihrem Rücken zu waschen und zudem den Dreck und Staub von dem Loch, in dem sie für Stunden hatte ausharren müßen. Er wollte den Schaden selber begutachten, tat das weder aus Mitleid, noch aus einem Hilfsbedürfnis heraus, schließlich hatte er sich auch oft um seine gladius oder Dolch gekümmert, und die Waffen eigenhändig gepflegt, schließlich wollte er beide noch gebrauchen und bei Asny sah es ähnlich aus, er schmiß ungerne mehrere hundert – womöglich tausend – Sesterzen zum Fenster hinaus. Ihre Lektion in Sachen seiner Gelüste amüsierte Marcus wiederum, er zog seine Augenbraue in die Höhe und schnaubte spöttisch, insbesondere zu ihrer Bemerkung über das starke Geschlecht, anscheinend war die Frau auch noch naiv! Wasser tropfte über ihren Rücken, der Schwamm färbte sich rot und Marcus wusch ihn immer mal wieder in der Schüßel aus grobem Ton aus, langsam schälte sich die Verletzungen unter all dem Blut hervor, so daß Marcus einigermaßen erkennen konnte, wie schwer der Schaden an seinem Besitz war und ob damit zu rechnen war, inwiefern und überhaupt ein Fieber die Sklavin ergreifen könnte.


    „Es ist bedeutungslos, Asny, ob ich der beste oder der schlechteste Herr der Welt bin, es ist völlig gleichgültig, denn Deine Person steht auf dem Prüfstand. Du behauptest, dem Anspruch einer perfekten Sklavin gerecht werden zu können. Es ist jetzt schon deutlich, daß Du das niemals sein kannst, Asny, denn Dir fehlt eine Grundvoraussetzung, die eine perfekt Sklavin – wohlgemerkt Sklavin – besitzt, nämlich die Demut. Du hast nicht ein Quäntchen davon in Deinem kleinen, größenwahnsinnigen blonden Köpfchen. Natürlich, eine perfekte Sklavin würde es niemals zu laßen, daß ihrem Herrn Schaden zuteil kommen würde, sie würde sich eher in das Schwert stürzen, daß den Herrn bedroht, sie würde wahre Aufopferungsbereitschaft beweisen, in dem sie den Becher mit dem Gift selber leeren und trinken würde, aber sie würde niemals ihren Herrn in Frage stellen, denn eine perfekte Sklavin weiß, wo ihr Rang ist, für eine perfekte Sklavin ist der Herr einem Gott gleich und sie nicht mehr als eine unwürdige Sterbliche, die das Glück hat, ihm dienen zu dürfen.“
    Nein, Marcus sah sich nicht als Gott, aber Sklaven hatten zu wißen, wo ihr Platz war; und nicht zu glauben, die Hierarchie wäre genau umgekehrt.
    „Ein Soldat widerspricht seinem Befehlshaber auch nicht, der Befehlshaber hat immer Recht, egal, was er befiehlt und der Soldat folgt diesen Befehlen. Ein Sklave widerspricht ebensowenig seinem Herrn, egal wie Unrecht der Herr auch hat. Wenn es Leib und Leben angeht, darf der Sklave natürlich höflichst den Herrn über eine veränderte Sachlage informieren, dennoch stellt er seinen Herrn nicht in Frage. Er bewahrt seine Demut in jeder Lebenslage.“
    Marcus warf den Schwamm in die Schüßel und griff nach dem groben Leinen.
    „Solltest Du noch einmal etwas gegen meine Familie sagen, Asny, und einen meiner Familienangehörigen beleidigen, so schwöre ich Dir, laße ich ein Messer holen und schneide Dir eigenhändig die Zunge heraus!“
    Damit das klar war!


    Grob rieb er mit dem trockenen Tuch die Reste von dem rosafarbenem Wasser auf ihrem Rücken weg und betrachtete die Wunden, gut, manch ein Peitschenhieb war tief gegangen, aber so schlimm war es nicht, es würde sich jedoch zeigen, ob Asny zäh war oder eben nicht, in den nächsten Tagen zumindest.
    „Gut, somit scheinst Du als Göttin keine Privilegien zu brauchen, dann wirst Du auch keine bekommen, Asny! Angebetet wirst Du in dieser villa mit Sicherheit nicht!“
    Auch das nun rote Tuch folgte dem Weg des Schwammes, Marcus ließ seine Augen an dem Körper von Asny herunter wandern und er betrachtete sie eingehend, sie war wirklich nicht sein Typ, aber was nicht hieß, daß sie nicht hübsch anzusehen war, mal von den Spuren auf ihrem Rücken abgesehen und er grinste spöttisch, denn was Männer und ihre Lüste anging, schien sie wirklich wenig Ahnung zu haben.
    „So, ich würde Dich nicht in mein Bett nehmen?“
    Er lachte spöttisch, denn keines der Argumente zog bei ihm, daß sie anführte, und schon gar nicht seine Zukünftige, denn es stand für Marcus außer Frage, daß er sich auch weiterhin außerhalb des Ehebetts seinen Genuß gönnen würde, die Ehe diente schließlich ganz anderen Zwecken und mit Sklavenbastardkindern konnte er durchaus leben, wie es seine Frau auch mußte, sofern es dazu kam, Marcus gab Asny einen Klapps auf ihren Allerwertesten ehe er sich mitsamt seines Stuhls wieder zurück lehnte.
    „Wir werden sehen, Asny, wir werden sehen! Sobald Deine Wunden abgeheilt sind, wirst Du zeigen, ob Du bereit bist, die Demut zu lernen oder wenigstens zu heucheln, die ich verlange. Eine Möchtegerngöttin brauche ich nicht und werde ich eher in die Minen verkaufen als sie um mich herum zu behalten.“

  • Wenngleich die Gedankengänge und deren Umsetzung in auch für diesen Flavier verständliche Worte für ihre Verhältnisse noch einigermaßen brauchbar vonstatten gingen, so strengte das Sprechen, das pure Formen von Silben mit Lippen und Zunge, Asny doch inzwischen bedenklich an. Immer wieder musste sie gegen die unangenehme Trockenheit in Hals und Mundraum ankämpfen, um mehr als ein kränkliches Krächzen hervorzuwürgen und obendrein noch einen angemessenen Eindruck zu erwecken. Doch zum einen ließen sich Grenzen der Belastung nur dann ausweiten, wenn man sie bereits berührte, und zum anderen bot die gegenwärtige Situation sich schlicht zu sehr an, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. Aristides sollte in möglichst kurzer Zeit einen möglichst schlechten Eindruck von ihr bekommen, deswegen reihte sie munter und überdeutlich Standpunkt an Philosophie ohne sich groß Zeit dazwischen einzuräumen. Je rascher das Kapitel 'Kennenlernen' beendet werden konnte, umso baldiger würde sie wieder zu den wirklich ausschlaggebenden Dingen und Tätigkeiten zurückkehren können. Für nutzlose Plaudereien mit diesem Flavier war ihr ihre Zeit entschieden zu kostbar, also musste jedes beleidigende Wort, jede provozierende Bemerkung sitzen und bei ihm ein negatives Gefühl hervorrufen. Gleich ob Hass, Hohn, Kränkung oder verletzter Stolz, solange es nur nichts Positives zum Inhalt trug. Und Asny beherrschte diese Kunst. Für gewöhnlich ließ sie ihr 'Anderssein' nur langsam und in wohlportionierten Dosen ab, doch bei Aristides sollte direkt zu Beginn ihres Aufeinandertreffens ein wahres Feuerwerk an Tiefschlägen stehen, welches ihn weit fort vom Neutralen in die tiefste Grube der schlimmsten Aversionen schleuderte, zu denen er fähig war. Das würde ihr später viel Arbeit ersparen. Und da sie augenblicklich ohnehin nicht zu mehr in Selbständigkeit fähig war, als relativ nutzlos herumzuliegen, war die Gelegenheit günstig, zumindest in dieser Richtung gleich einmal die Fronten zu klären.
    Darüberhinaus waren seine allzu offenkundigen Reaktionen interessant zu verfolgen, wenngleich sie derzeit nicht seine Gesichtsmimik verfolgen konnte. Dennoch bekam sie dank seiner Waschung noch ausgezeichnet mit, an welchem Thema er sich besonders störte, dann nämlich, wenn er ihr förmlich die ohnehin beschwerlich eingesogene Luft aus den Lungen presste. Bei seiner Familie beispielsweise. Hätte Asny zu diesem Zeitpunkt nicht mit einem Schwarm schwärzlich flackernder Explosionen vor ihren Augen zu kämpfen gehabt, wäre ihr immerwährendes Lächeln zweifellos noch um eine Nuance stärker geworden. Von Selbstbeherrschung bei ihm keine Spur. Dabei hatte sie ihm doch gerade eben selbst offenbart, welche Taktik man in einer Flut derartiger Beleidigungen am Klügsten anwandte. Man ignorierte sie, weil das Gegenüber nicht einmal eine Reaktion wert war. Sobald man emotional reagierte, in welcher Weise auch immer, verlieh man dem anderen Macht über sich, und dies wollte Aristides doch gewiss vermeiden. Von einem langjährigen Soldaten wäre eigentlich etwas mehr Disziplin zu erwarten gewesen. Aber wahrscheinlich hatte er schon immer zu den Cholerikern gezählt, der lieber mit dem Kopf durch die Steinwand donnerte, anstatt die offene Tür gleich daneben zu benutzen. So machte er es seinen Mitmenschen nur noch einfacher, wenn man keine Furcht vor aufbrausendem Talent besaß.


    Asnys Kopf war inzwischen mit dem Wangenknochen voraus auf den Rücken der gesunden Hand gesunken. Die Augen waren zugefallen und hatten erneut zu tränen begonnen, ansonsten blieb sie nahezu regungslos. Wenigstens die Waschung gelang ihrem Herrn adäquat, doch schließlich hatte sie ihn zuvor auch ordentlich angetrieben wie einen lahmen Ackergaul. Vordergründig rief sie sich nun wieder den Schmerz statt seiner Worte in ihr Bewusstsein, wenngleich beides auf seine Art Qualen bereitete. Doch ihren Gehörnerv würde jener klobige Klotz noch oft genug strapazieren können, diese Verletzungen indes mussten völlig ausgekostet werden, so lange und so intensiv wie möglich. Eine Gänsehaut hatte sich auf ihren Armen gebildet und sie biss im Gegensatz zu ihrem fast entspannt wirkenden Äußeren die Zähne festaufeinander, um jede eventuelle Zuckung ihres Körpers, jedes Stöhnen und Ächzen bereits im Keim zu ersticken. Glaubte sie den Botschaften ihrer Nerven, so lag ihr kompletter Rücken vollkommen offen da, müsste Aristides ihr Herz durch die Rippen schlagen sehen, während er gerade mit einem stumpfen Messer das Mark aus ihrer Wirbelsäule schabte. Nerven waren amüsant, und so leicht zu beeindrucken. Andererseits waren es vielleicht auch nur Aristides' mangelnde Kenntnisse in der Medizin, die sie so leiden ließen. Natürlich würde der ganze Spaß jetzt wieder so stark bluten wie zu Anfang, so viel Wirkung würde das kalte Wasser nicht hervorgerufen haben, um irgendeine Wunde tatsächlich zusammenzuziehen.
    Doch eines nach dem anderen. Ihr Kreislauf benötigte momentan jedwede Hilfe, die sie ihm geben konnte. Um einen Rest an Körperspannung bemüht hob sie ihre Füße ein wenig über die Oberfläche des Lagers, wenngleich diese Aktion mit Unterstützung einer Unterlage wesentlich leichter gefallen wäre. Mit aller ihr zur Verfügung stehenden Konzentration kämpfte sie wiederum gegen Übelkeit und Schwärze an und versuchte, zumindest in geringem Maße etwas von dem zurückzuholen, was ihr im Carcer so geholfen hatte. Natürlich hatte da kein solcher Quasselkopf neben ihr gestanden und ihr die Haut vom Rücken geschrubbt. Andererseits war es natürlich vorteilhafter, wenn er die fransige Haut an den Rändern der Wunden abriss und damit glättete, so würde die Heilung vermutlich gründlicher und besser vonstatten gehen können. Ihr Körper könnte sich voll und ganz auf die Regeneration konzentrieren, ohne lästige Fremdkörper in Form längst abgestorbener Hautfetzen. Wäre also dieser unerwünschte Salbader - und dessen Echo - nicht gewesen, hätte sie ihrem werten Herrn durchaus ein Lob aussprechen können.


    Sie schwebte ein nicht näher einzuordnendes Weilchen in einer Art Zwischenwelt mit kühlendem Schatten auf der einen und quasselndem Licht auf der anderen Seite, bis die Sklavin spürte, dass der feindliche Körperkontakt auf ihrem Rücken aufgehört hatte - das Gerede zum Glück ebenfalls. Jetzt musste sie nur noch in ihren teils etwas wirren Erinnerungen wühlen und Wahrheit von Einbildung trennen, schon befände sie sich wieder auf dem neuesten Stand. Doch vielleicht sollte sie eines gleich zu Beginn klarstellen.
    "H'r..." Stumm seufzend hielt sie inne, schluckte und räusperte sich kurz hintereinander, befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze und hob erneut mit leiser Stimme an, die Augen noch geschlossen haltend:
    "Herr, der Raum hier dreht sich schon genug, ohne dass du und ich uns in der Argumentationskette zusätzlich noch in einem nicht enden wollenden Kreis verirren. Ich habe bereits verdeutlicht, dass deine Meinung bezüglich einer perfekten Sklavin für meine Ansprüche nicht ausreicht, denn deine Darstellung ist mir immer noch zu gewöhnlich. Eine tote Sklavin ist wertlos, und wenn sie noch so großartig für ihren Herrn gestorben ist. Damit hat sie das hart verdiente Geld ihres Herrn zum Fenster hinausgeworfen. Was ist an diesem Verhalten bitte so perfekt? Ich war zu teuer um dein Gift zu trinken. Und eine Sklavin, die ihren Herrn blind in sein Verderben laufen lässt, ist einfach nur nutzlos. Dafür brauchst du nicht die beste Sklavin der Welt, dafür genügt irgendein dummes Gör von der nächsten Straßenecke. Und davon gibt es in dieser villa schon mehr als genug." Gerade wenn der Herr so fehlerhaft war wie dieser hier.


    Langsam öffneten sich ihre nebelblauen Augen wieder und blinzelten einmal, um den Schleier, welcher über ihnen schwebte, zu zerreißen. Ebenso vorsichtig hob sie den Kopf, was zur Folge hatte, dass ihre Füße sich nun endgültig wieder senkten, und ihre Handflächen glitten langsam über den groben Stoff ihres Lagers nach außen. Hatte er noch irgendetwas von Soldaten erzählt? Von Soldaten, die ihre Zungen herausrissen? Schwach runzelte die Sklavin die Stirn. Da schien ein kleines oder auch größeres Loch in ihrer Decke aus Erinnerungen zu klaffen. Nun ja, womöglich füllte sich dieses zu einem späteren Zeitpunkt noch. Vielleicht war es erst einmal klüger, derart schwierige Rekonstruierungsprozesse zu beenden, denn schließlich versuchte sie gerade, sich zunächst wieder auf die Ellbogen und dann auf die Hände zu stützen, um irgendwann einmal auf dem Lager knien zu können. Sicherheitshalber hielt sie die Luft an, während sie den ungleich schwerer gewordenen Oberkörper hochstemmte und die Knie langsam anzog. Dieser dadurch entstehende Wölbungsbuckel gefiel ihrem Rücken überhaupt nicht. Und er war auch gar nicht zurückhaltend in dem Bemühen, seiner Besitzerin das mitzuteilen. Sogar ein halb unterdrücktes Stöhnen konnte er ihr in einem schwachen Moment entlocken, allerdings durfte er anschließend auch mit keiner Schonung mehr rechnen. Denn dann stieß sich Asny mit einem entschlossenen Ruck in die gewünschte Position, die zwar noch entfernt war von einer geraden Senkrechten, bei der man jedoch wenigstens nicht mehr von Liegen sprechen konnte. Ihre Hände krallten nach Halt suchend in den Strohsack unter ihr in dem Bemühen um eine ausreichende Stabilisierung der gesamten Konstruktion, und auch ihr Kopf hob sich nur äußerst mühsam. Doch immerhin verbargen die aus dem Griff des Bandes entkommenen, blonden Haarsträhnen ihre Gesichtszüge ausreichend, bis sie jene wieder vollkommen im Griff hatte und die zuvor in schwerem Atmen geöffneten Lippen sich erneut zu einem sanften Lächeln verschlossen.
    Dass sie aufgrund der durch die Wundbehandlung arg zerrissenen Tunika nun gerade bis zur Hüfte und abgesehen von ihren in Stoffbändern eingewickelten Gewichten an den Handgelenken nackt war, lockte nicht im Entferntesten ihr Interesse. Sie hatte bereits zu Hause kein Problem damit besessen, sich vor anderen Leuten umzuziehen - ganz im Gegensatz zu ihrer Familie. Doch da ihre Umgebung und die dort lebenden Menschen und deren Meinungen für sie absolut nicht von Belang waren, herrschte in ihrem Universum weder Raum für Scham noch für Privatsphäre, denn beides sah sie durch solch nichtswürdige Gestalten überhaupt nicht beeinträchtigt. Zwischen Männern und Frauen machte sie da keine Unterschiede, beide waren irgendwie neutrale, graue 'Dinge', die von ihr nicht beachtet wurden. Sollten sie denken, was sie wollten.


    "Mir ist bewusst, dass sich Männer, welche sich einer Frau in irgendeiner Weise unterlegen fühlen, eine solche Empfindung gerne dadurch zu kompensieren und zu nivellieren versuchen, indem sie sich bewusste Frau mittels des geschlechtlichen Aktes 'unterwerfen'. Aufgrund dessen fühlen sie sich in ihrem primitiv-männlichen Stolz wieder authentisiert. Dennoch bezweifle ich immer noch ernsthaft, dass du meine Nummer vier werden möchtest, Herr."
    Nach und nach nahm Asny die Spannung aus ihrem Körper und erlaubte sich einige tiefere, freiere Atemzüge, dem Protest in ihrem Rücken erst einmal keine Beachtung schenkend. Stattdessen wanderte ihr Augenmerk suchend durch den kleinen, zwielichtigen Raum um zu prüfen, ob in den dort herrschenden Schatten ein noch zu heftiges Schwindelgefühl lauerte. Allem Anschein nach war sie zufrieden mit dem, was sie wahrnahm, denn kurz danach erwiderte ihr im Lampenschein etwas unwirklich glänzender Blick wieder den ihres dominus.
    "Herr, erlaubst du mir zu meiner Unterkunft zurückzukehren, damit ich etwas Wasser zu mir nehmen kann?" Zugegeben, ihre Unterkunft lag nicht gerade rasch um die Ecke. Doch wenn es auch vielleicht ein wenig dauerte, so würde ihr Wille sie schon früher oder später zu ihrem Ziel führen. Asny war da durchaus optimistisch gestimmt. Trotz dessen der Körper gerade dem Willen vollkommen gegenläufig zu zittern begonnen hatte.

  • Abschätzend betrachtete Marcus den bloß gelegten Rücken der Sklavin, und selbst wenn das Licht in dieser Sklavenunterkunft mehr dürftig, und die Schatten zahlreicher als die Lichtpunkte auf der Schneeweißen Haut der Sklavin waren – in denen die Peitschenhiebe umso grober und wie eine blutige Bresche in strahlendem Schnee wirkte – so konnte er doch immerhin einigermaßen die Verletzungen abschätzen und er überlegte, ob er nicht doch den medicus des Hauses rufen sollte, damit dieser sich um den Rücken von Asny kümmerte, denn schließlich hatte sie ihn wirklich einiges an Sesterzen gekostet, selbst wenn Marcus die genaue Summe nicht kannte; aber erstmal würde sich dadurch auch ganz gut zeigen, aus was für einem Holz Asny wirklich geschnitzt war, auch wenn er keine große Hoffnung hegte, daß sie die Lehre aus dem Schmerz zog, die Marcus beabsichtigt hatte, seine normalen Disziplinarmaßnahmen schienen an Asny nicht nur zu scheitern, sondern in die völlige Gegenteiligkeit zu führen. Marcus rieb sich die Hände an einem Leinentuch trocken, hinterließ dabei auch rosafarbene Flecken von dem verdünnten Blut, das beim Waschen an seine Finger gelangt war, und wölbte seine Augenbrauen in die Höhe; Beharrlichkeit hatte Asny, und ganz unrecht hatte sie mit ihrer Argumentation ja auch wieder nicht, ein kopfloser Sklave war natürlich auch eher von geringerem Nutzen und nur für die plumpen Dinge des Alltags tauglich, also war Marcus auch bereit, ihre Antwort mit einem marginalem Neigen seines Kopfes zu quittieren und beschloß, damit die Disputatio über die Natur einer perfekten Sklavin zu beenden, er hatte seinen Standpunkt auch lang und breit ausgeweitet – sehr entgegen seines üblichen Redeverhaltens – und alles andere würde er der Zukunft überlaßen, und dann eben sehen, ob Asnys Vorstelllungen und die Seinigen konvergieren würden, oder ob es nicht eher vergebene Liebesmühe war und keine Zukunft hatte, doch das würden erst die nächsten Wochen, vielleicht sogar erst die Zukunft beweisen. Außerdem war es auch für Marcus offensichtlich, daß es Asny immer schlechter zu gehen schien, gleichwohl ihre Worte er von einer leichten Unbekümmertheit deuten sollten – sollten sie? - und wenig davon, daß sie gerade erst am Nachmittag ausgepeitscht worden war und danach Stunde um Stunde in dem Loch verbracht hatte, ein Ort, an dem schon viele Sklaven – insbesondere in der Zeit seines Bruders – verzweifelt und durchgedreht waren, aber nicht Asny, was Marcus sich merken würde und ihm viel über die junge Sklavin verraten hatte.


    Hinwieder runzelte er etwas verärgert die Stirn auf die letzten Worte der Sklavin hin, ein wenig fühlte er sich ertappt, aber nicht gänzlich schuldig, denn er hatte das noch nie so betrachtet oder derartige Intentionen gehabt, dennoch fühlte er, wie die Wärme sich an seinem Nacken ausbreitete, weil ihn eine gewiße Verlegenheit überkam, aber sie - die Verlegenheit - sollte sich nicht über seine Ohren auf das Gesicht ausbreiten, zumal er tief durchatmete und beschloß auch darauf hin keinen weiteren Disput anzufangen, er würde sowieso nur in der Argumentation unterlegen sein, da er durchaus das Diskussionspotential der Asny kennen gelernt hatte. Nur einen abschließenden Kommentar konnte er sich dazu nicht verkneifen:
    „Weißt Du, Asny, es wäre mir egal, ob Nummer vier, acht oder zwölf, Jungfrauen war noch nie mein Fall gewesen! Aber egal, Du hast wahrscheinlich Recht...“
    Womit er meinte, daß sie nicht in sein Beuteschema paßte, dafür wog sie einfach gut zwanzig Kilo zu wenig, war zu hellhäutig und die blonden Haare reizten Marcus auch nicht sonderlich; mit den Worten erhob er sich und betrachtete sie skeptisch, denn er glaubte nicht, daß sie es noch auf ihren eigenen Beinen aus dieser Unterkunft, geschweige denn in einen anderen Sklavenschlafraum schaffen würde, sie sah aus wie ein leibhaftiger Geist, der aus dem Tartaros gekrochen war, und die ätherische Essenz mit jedem Windhauch schon zerstört werden konnte. Marcus sah sich in dem Raum um, den er ursprünglich für ihre Unterkunft gehalten hatte, aber er kannte sich im Sklaventrakt doch einfach reichlich wenig aus und wußte kaum einen Raum von dem Anderen zu unterscheiden, er bemerkte eine Bewegung am Rande des Raumes, ein Schatten, der über die weniger schwarze Wand glitt, und sich zu ducken schien, um unerkannt zu bleiben, Marcus war er dennoch für einen Herzschlag aufgefallen, lange genug, um die Silhouette eines anderen Sklavens in und von der Dunkelheit diskriminieren zu können.


    „Natürlich kannst Du in Deine Unterkunft zurück kehren, aber laß Dir von dem Sklaven dort helfen; zudem muß Dein Rücken noch versorgt werden und Du bekommst die nächsten Tage Zeit, Deinen Rücken auszukurieren, eine defekte Sklavin nützt mir herzlich wenig!“
    Ob sie sich nun wirklich vom Sklaven helfen laßen wollte oder sich doch eisen und verbißen – derart vermutete Marcus – sich bis zu ihrem Schlafplatz zurück kämpfen würde, das überließ er freilich Asny, obwohl er einige Herzschläge lang überlegte, ob er sie nicht eigenhändig hochheben und einfach dorthin tragen sollte, wo sie ihn dann hin dirigierte und ihm weisen würde, wo sie eigentlich nächtigte, aber Marcus befand, daß das doch zuviel des Guten gewesen wäre, insbesondere nach ihrer doch sehr langen und sehr intensiven Auseinandersetzung, die Marcus einen gehörigen Schädel verpaßt hatte, noch mehr als das viele Bechern vorher, er hatte nur noch das Bedürfnis, sich in sein Bett zu legen und wie ein Toter bis zum nächsten Morgen zu schlafen. Er betrachtete Asny noch mal nachdenklich, nickte ihr schließlich zu und drehte sich dann um; mit wenigen Schritten hatte er die Tür erreicht, die er öffnete und in zwei neugierig spähende Sklavengesichter guckte; grimmig starrte er auf die Sklaven – die er höchstens vom Sehen her kannte – und die darauf hin eingeschüchtert zurück traten, selbst wenn sich der Eine ein breites und hämisches Grinsen verkneifen mußte; Marcus wußte dabei nicht, ob er über die Strafe von Asny sich freute oder ob sie genug gelauscht hatten, damit sie wußten, daß Asny ihn ziemlich vorgeführt hatte, immer und immer wieder; das kalte Starren von Marcus' Augen vermochte immerhin das Grinsen auf dem Gesicht – selbst wenn es nur ein Anflug war – zu vertreiben. Es war auch der Ingrimm, der Marcus deutlich ins Gesicht geschrieben stand, der den Sklaven jedwedige Lust vertrieb, sich hier noch ihrer Neugier wegen herum zu tummeln, sie machten einen Katzbuckel und verschwanden schnell im Gang wieder, Marcus sah ihnen kurz hinter her und drehte sich dann wieder in Richtung von Asny um, sie taxierend, ob sie überhaupt Transportfähig war oder ob er doch notfalls eingreifen mußte und sie doch in Richtung der Sklavenunterkunft tragen würde.

  • Natürlich wäre es ein sehr, sehr langer Weg zurück zu ihrer Unterkunft. Und selbst, wenn sie dort ankäme, würde sie kaum selbständig ihre Wunden versorgen können. Diese einfache Tatsache störte sie an der gesamten Bestrafung wohl am meisten. Der Umstand, dass es ihren Rücken betraf, den sie weder richtig betrachten, noch gänzlich eigenmächtig behandeln konnte. Welcher namenlose Idiot hatte sich nur gerade diesen Punkt als allgemein gültige Körperstelle für allerlei Peitschenstrafen ausgedacht?! Es existierten andere Bereiche, an denen der Schmerz noch um ein Vielfaches gewaltiger ausfallen würde. Aber wahrscheinlich waren die Ausführenden dieser Aktionen in der Regel kurzsichtige Hirnlose, die eine dementsprechend leicht zu treffende Zielfläche benötigten. Allein der Gedanke, sich auf irgendeinen miserablen medicus oder noch schlimmer, einen Sklaven verlassen zu müssen, zog Asnys Magen mehr zusammen, als jeder Kreislaufkollaps. Selbstverständlich würden die Flavier vermutlich keinen unfähigen Scharlatan zu Heilzwecken beschäftigen, sondern hoffentlich einen Meister seines Fach - möglicherweise gar einen Griechen! Die kurzfristig stark abgesunkene Stimmung der jungen Sklavin hob sich schlagartig wieder, wenngleich man beides ihren permanent erschöpft lächelnden Zügen nicht angemerkt hatte. Ein Grieche als medicus wäre formidabel, dadurch könnte sie während der Behandlung ihre Kenntnisse dieser Sprache verbessern. Neben einem ungeschlachten, impulsiven Herrn und einer ausgezeichnet ausgestatteten Bibliothek wäre das bereits der dritte, großartige Pluspunkt, welchen die Villa Flavia bei ihr zu verbuchen vermochte. Vielleicht verschmerzte sie bei einer solchen Wende sogar halbwegs den Umstand, kaum selbst etwas hinsichtlich der Wundheilung durchführen zu können. Obgleich sie es selbstverständlich versuchen würde. Ihr Misstrauen anderen Menschen gegenüber war beinahe so kolossal wie ihre Arroganz, da sich beides recht gut aneinander nährte. Anders konnte man sich ihre Meinung bezüglich der lebenden Umgebung, welche auch gut und gern zu einem alternden, verbitterten Soldaten gepasst hätte, kaum erklären.


    Trotz aller logischen Komplikationen bezüglich des weiteren Abends hielt Asny jedoch nach wie vor daran fest, sich ihren Zustand und dessen Auswirkungen nicht nach außen hin anmerken zu lassen, außer ihr Körper entschlüpfte kurzfristig der Macht des Willens und entzog sich jeder Kontrolle. Doch so unerbittlich und hart die Sklavin auch zu anderen war, gegenüber sich selbst steigerte sich diese Erwartung noch um ein fast schon wahnsinniges Vielfaches. Menschen begingen Fehler, weil sie eben eine angeborene Unfähigkeit besaßen, diese 'Ausrede' vermochte bei ihr allerdings nicht zu wirken. Dafür arbeitete sie zu hart an sich, verkörperte zu viel Disziplin und zu wenig Selbstmitleid. Ohne jede Gnade würde sie ihren Körper weiter voranpeitschen, bis er sie umgekehrt vermutlich ihres Bewusstseins beraubte. Natürlich teilte die Vernunft Asny ihre Grenzen mit, diese Nachricht nahm sie auch zur Kenntnis. Und dann überschritt sie jene angeblichen Grenzen, in reinster Absicht. Ihr war bekannt, dass sie ihre Räumlichkeiten niemals selbständig erreichen würde, ganz bestimmt nicht mit hasserfüllten Sklaven in ihrer Umgebung. Doch sie wollte erkennen, wie weit sie trotz dieser Prognose tatsächlich käme. Im Voraus bereits aufzugeben war für sie keine Alternative. Dies taten nicht einmal Babys, die trotz dessen sie noch nie gelaufen waren, dennoch um jeden Schritt kämpften. Wie also konnte ein wesentlich stärkeres, wesentlich intelligenteres Wesen anders darüber denken und dann noch behaupten, es hätte vorausschauender und weiser gehandelt?


    Aber wahrscheinlich stellte dies nur eine ihrer ureigenen Prinzipien und Philosophien dar, die außer ihr niemand verstehen wollte. Erst recht nicht so ein fauler Kerl wie Aristides. Im Grunde hätte er ihr Mitgefühl verdient, wäre Asny tatsächlich noch zu einer solchen Empfindung fähig. In früheren Jahren hatte er womöglich einmal wirklich durchtrainiert und athletisch ausgesehen, zumindest bezweifelte sie, dass sich in der heutigen 'Moppeligkeit' noch Reste von Babyspeck fanden. Nein, vermutlich genoss er einfach zu sehr die Vorteile seines Reichtums, nach dem Krieg und möglichen Entbehrungen, welche ihn als Flavier garantiert nicht so getroffen hatten wie den normalen Soldaten, unter Umständen sogar noch mehr als zuvor. Ergo würde man sich darauf einstellen können, dass seine Figur sich im Laufe der nächsten durchschlemmten Monate noch mehr einem Sack Getreide angleichen würde. Seine bedauernswerte Gemahlin. Man konnte nur hoffen, dass sie auf den Charakter eines Menschen mehr Wert legte als auf Äußerlichkeiten, wenngleich sie auch mit dieser Einstellung zweifelsfrei eine herbe Enttäuschung würde erleben müssen. Anscheinend glichen auch Aristides' innere Werte mehr und mehr einer weichen, teigigen Masse. Dass er sich überhaupt erneut auf eine derartige Diskussion mit ihr einließ, ihr anscheinend das letzte Wort gestattete, zeugte von wenig Charakterfestigkeit und Rückgrat. Oder war sie immer noch zu nett und harmlos gewesen?


    "Natürlich habe ich recht. Ich habe grundsätzlich immer recht. Ein ehernes Gesetz, so wie der Regen auf die Erde fällt und Flüsse gen Meer streben." Sie räusperte sich leise, ehe sie ihren Herrn, den sie aufgrund des größeren Abstandes, der nun zwischen ihnen herrschte, ohnehin nicht mehr klar hatte sehen können, zur Gänze aus ihrer Aufmerksamkeit entließ und sich langsam in eine senkrechte Körperhaltung hocharbeitete. Am Ziel ihrer Bemühungen nahm sie noch einmal einen tieferen Atemzug, ehe sie sich langsam an eine Drehung machte und dabei versuchte, ihre Beine über die Kante des Lagers rutschen zu lassen, um wieder festen Boden unter den Füßen zu finden. Solange ihr Kopf in einigermaßen gleicher Höhe bleiben konnte, schien alles halbwegs passabel zu funktionieren, wenngleich jede Bewegung sie Überwindung und eigentlich nicht mehr vorhandene Kräfte kostete. Entgegen ihrer Absicht amüsierten sie Aristides' Worte selbst jetzt noch derart, dass sie leise keuchend lachen musste.
    "Selbst wenn ich an Armen und Beinen gelähmt wäre, im direkten Vergleich mit den anderen Sklaven hier könntest du von mir nicht als 'defekt' reden, ohne dem Rest damit jedwede Lebensfähigkeit abzusprechen. Im Übrigen ist deine Menschenkenntnis eine Katastrophe. Glaubst du wirklich, ich - ich! - wäre bereits dreimal das Risiko eingegangen, mir von einem minderwertigen Mann auf verschiedene Weise die Gesundheit ruinieren zu lassen? Es gab drei, die es versuchten, und die ich von ihrem offensichtlichen Leiden erlösen konnte. Ich habe sie entmannt. Insofern wärest du an dieser Stelle die Nummer vier geworden. Doch es ist erfreulich, dass wir uns gegenseitig abstoßend genug finden, um dem vorzubeugen. Es stellte stets eine recht unästhetische, wenngleich auch lehrreiche Operation dar."
    Von irgendwelchen anderen Sklaven in den Schatten des Ganges vor der Tür hatte Asny rein gar nichts mitbekommen, obgleich es nicht zu erwarten gewesen wäre, dass sie sich mit diesem Wissen in besonderer Weise anders verhalten hätte. Inzwischen hatte sie es tatsächlich schwer atmend, aber glücklich in eine sitzende Position geschafft und verknotete die Reste ihrer Tunika um die Hüfte, weniger aus Schamgefühl, als um tatsächlich zu testen, inwiefern ihre Hand-Augen-Koordination noch vorhanden war. Wahrscheinlich war es mehr der schon lange bestehende Instinkt, einen einfachen Knoten zu machen, als dass die Augen den Fingern noch jede Schlaufe und jedes Ziehen zu erklären brauchten.

  • Obwohl ihm nichts lieber gewesen wäre, als einfach aus der Sklavenunterkunft zu verschwinden und die Sklavin eine leidende Sklavin zu sein laßen, behielt etwas Marcus im Türrahmen der Unterkunft, was es genau war, wußte er nicht, doch seine Augen durchdrangen die Dunkelheit und ruhten auf der jungen Frau, deren Haare wohl das Leuchtendste in der Unterkunft war und wie ein weißer Schleier sie zu umwogen schien; er lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust und tat das, was er schon längst hätte tun sollen und was ihm das Leben in seiner ersten Ehe gerettet hatte – und er hätte wohl nie gedacht, daß eine Sklavin ihn dazu brachte -, er stellte auf Durchzug um, die Worte plätscherten an ihm vorbei, teilweise vernahm er sie, aber eigentlich drangen sie in sein eines Ohr hinein, um ohne Umwege wieder aus dem Anderem hinaus zu schallen; daß es sich dabei wieder um ihre grenzenlose Arroganz handelte, vermochte er schon aus der Intonation zu ermitteln, darum kümmerte er sich nicht sonderlich und verfolgte mehr ihre Bemühung, sich aus dem Bett zu erheben, um sich wohl doch selbst zur Sklavenunterkunft zu schleifen; skeptisch hob er seine Augenbrauen, doch er sagte nichts, da es zum Einen nur wieder auf weiteren triefenden Spott getroffen hätte und zudem er der Sklavin auch gar keine Erleichterung gönnte, jemand mit einem solchen narzisstischen Wahn gehörte die Verletzlichkeit des eigenen Seins auch aufgezeigt, selbst wenn Marcus ordentliche Zweifel hegte, daß sie daraus überhaupt etwas Sinnvolles zu lernen vermochte. Entmannen, das Wort drang dann doch zu seinen Sphären durch und er hob nur müde und mehr gelangweilt die Augenbrauen, denn in einem war sich Marcus absolut sicher, physisch war er ihr haushoch überlegen, und selbst wenn sie trainiert war, so war er doch ein erfahrener Soldat, somit nahm er ihre Drohung nicht im Ansatz ernst; er rollte nur einen Herzschlag mit den Augen und betrachtete das Flackern der letzten Öllampe, die immer mehr an Leuchtkraft verlor und ihr Reich an die Dunkelheit abtreten mußte.


    Darum schwieg Marcus einfach nur und er rührte sich auch nicht vom Fleck als sich Asny endlich aufgerichtet hatte; der Sklave, der wartend und fast schon lauernd darauf harrte, daß Marcus sich entfernte und er sich um die Mitsklavin zu kümmern hatte, starrte ebenso aufmerksam, oder sogar deutlich wachsamer, auf die junge Asny, denn Marcus' Gedanken begannen, nun, wo er auf Durchzugsmodus geschaltet hatte, automatisch woanders hin zu fliegen, er sann über das nach, was er morgen tun wollte, wen er wohl in den Thermen treffen konnte, ob er morgen noch einen Ausflug in das Nachtleben unternehmen sollte; oder er sattelte sein Pferd und ritt einfach die Stadt hinaus und weg von dem Trubel der Menschen, um mal wieder einfach nur jagen zu gehen und einem seiner liebsten Vergnügungen – nach Essen und lupanar! - nachzugehen; doch, während er darüber nach sann, fand er den Gedanken immer verlockender und interessanter, zumal ihm auf dem Rücken eines Pferdes sein Bein weniger Schwierigkeiten machte und er nach Herzenslust auch das Land an sich vorbei fliegen laßen konnte; die Vorstellung weckte ein marginales Lächeln auf seinen Lippen, das von der Dunkelheit mehr verborgen war und von dem Licht der Lampe kaum gezeigt wurde.


    Seine Augen richteten sich mehr unbewußt auf Asny und er wartete, ob sie jetzt an ihm vorbei die Sklavenunterkunft verlaßen konnte und sich auf den Beinen zu halten vermochte. In Gedanken verglich Marcus Asny mit den Frauen, denen er bisher in seinem Leben begegnet war; sie hatte zwar etwas von der Brillanz seiner Mutter, aber seine Mutter – in seinen Augen wirklich eine Göttin, die jede sterbliche Frau überragte und nie in Gefahr war von ihrem Thron gestoßen zu werden – vereinigte Brillanz mit einer ungemeinen Eleganz, etwas, was den rohen und groben Worten der jungen Sklavin fehlte, obwohl sie recht klug war und ihre Argumente trafen wie scharfe Messerstiche, so waren ihre Worte eher wie ungeschliffene Diamanten in der Welt der Sprache, da täuschten auch die wohl hoch gegriffenen Worte nicht darüber hinweg. Im Grunde entblößte sich immer mehr die Plumpheit ihrer ganzen Affronts, als er einige Herzschläge ruhiger darüber nachdachte; dann wiederum kam er in Gedanken auf seine erste Ehefrau: sowohl sie als auch Asny trugen einen ähnlichen Wesenzug, nämlich sowohl die Intention ihn fix und fertig zu machen, aber auch die spitze Stichelei, mit der Beide gehörig in Wunden herum stocherte, die man als normaler Mensch doch in Ruhe ließ, aber nicht so solche Frauen wie diese Beiden. Mit Epicharis wiederum hatte Asny nichts gemein, ihr fehlte die Leichtigkeit, denn Epicharis – manchmal eher wie ein fröhlicher Schmetterling wirkend – aufwies, aber auch die lieblichfreundliche Art, die die junge Frau offenbarte; doch bei näherer Betrachtung befand Marcus doch eine Ähnlichkeit; auch Epicharis schien nicht ganz zufrieden mit mancher Wahl, die er traf, zu sein; wenn es auch noch nie in dieser Art von Nörgelei umgeschlagen war, die er auf den Tod nicht ausstehen konnte. Mit den Sklavinnen, die ihm bisher im Leben über den Weg gelaufen hatte, hatte Asny sicherlich auch die eine oder andere Fazette gemein, aber so viel Anmaßung war ihm selbst bei der rebellischsten Sklavin, wie Nortruna zum Beispiel, nicht begegnet; aber ihre miesepetrige und unlustige Art erinnerte ihn doch ein wenig an seine verbiesterte Amme, bei der er sich immer wieder den einen oder anderen Scherz erlaubt hatte, bis sie eines Tages aus der villa verschwunden war, einige Jahre später hatte er erst erfahren, daß sie seiner Mutter gegenüber wohl etwas Falsches von sich gegeben hatte; Marcus – der immer noch an der Tür gelehnt stand – grübelte gerade weiter über die Frauen im Allgemeinen nach und sah nachdenklich durch die Gestalten in der Sklavenunterkunft, daß er seine Tochter abermals aus seinen Überlegungen ausklammerte, war nicht ohne Grund.

  • Stille.
    Herrliche, allumfassende Stille.
    War es ihr endlich doch gelungen, diesen unleidlichen Plauderer zum Schweigen zu bringen? Selbstverständlich hatte er seinen Nutzen halbwegs ordentlich erfüllt. Ansonsten wäre Asny schon zu einem viel früheren Zeitpunkt dazu übergegangen, ihn schlicht zu ignorieren, so wie sie es mit allen Menschen zu tun pflegte, deren Anwesenheit ihr nichts vermitteln konnte, dem sie irgendeinen Wert beimaß. Solcherlei sinnfreie Subjekte hielten sich in der Regel unter ihren Verwandten auf. Jene vermochte man sich eben nicht auszusuchen, wenigstens bis vor Kurzem. Diese römische Gesellschaft besaß nicht die geringste Ahnung, wie man Freiheit eigentlich definierte wenn sie denn jeden, der den Stempel der Sklaverei trug, instinktiv als unfrei deklarierte. Sie selbst wenigstens bereute ihre Entscheidung keinen einzigen Augenblick und falls sie es doch eines Tages täte, so hätte sie die Gründe für dieses Bedauern ausschließlich bei sich selbst zu suchen, dort, wo jeder intelligente Mensch die Schuld an einer Misere als Erstes suchen sollte. All dieses Gejammer und Gewinsel von alltäglichen Sorgen und Ängsten und Problemchen... ihre Familie konnte dafür als hervorragendes Paradebeispiel genannt werden. Selbstverständlich war es leichter, alle Beweggründe für die schlechte Atmosphäre allgemein und im Besonderen bei einem einzigen Menschen zu suchen, anstatt einmal in sich zu gehen und zu überlegen, was man selbst denn fleißig angetragen hatte, um diesen aktuellen Zustand zu erreichen. Bei allen Göttern der Unterwelt, waren dies traurige Zeiten gewesen, in denen man sie mit sämtlichen hässlichen Unzulänglichkeiten und Schwächen der Sterblichen von früh bis spät konfrontiert hatte. Dagegen war dies trotz einiger Abzüge hier und dort das reinste Freudenfest der Selbstverwirklichung. An diesem Ort hasste man sie einfach und fühlte sich nicht hervorgerufen durch ein nagendes Gewissen der Verwandtschaft dazu genötigt, in unregelmäßigen Abständen zu versuchen, 'alles wieder in Ordnung zu bringen'. Wie auch immer sich ein solch wonniger Zustand im Detail definierte. In dieser villa würde man sie weder mit der unwahrscheinlich stupiden Frage 'Wie geht es dir?' belangen, noch sonstige Anfälle von zwischenmenschlichen Interferenzen ausleben, welche sich in ihrer Sinnentleertheit gegenseitig laut kichernd übertrafen. Ihr Herr würde in nächster Zeit ausreichend damit beschäftigt sein, seine Leibesfülle zu expandieren und bei jedweder honigtriefenden Freundlichkeit ihr gegenüber seinen peitschenschwingenden Sklaven mit der Sehbehinderung herbei ordern dürfen, und was das restliche Haus anbelangte so würde sie ihm je nach Verwendungszweck Aufmerksamkeit zollen. Der große Rest der übrigen Zeit, oder üblicherweise alle Zeit, gehörte ganz allein ihr. Niemandem würde sie gestatten, sich dorthingehend einzumischen, wenn kein außerordentlich guter Anlass dafür vorlag.


    Am Besten begann sie sogleich mit der Umsetzung dieser Absichten und entzog Aristides ihre Aufmerksamkeit, als zöge man einen Vorhang zu, hinter welchem sich der Sklave bereits seit ihrer Ankunft an diesem Ort befand. Aus welchen Gründen auch immer sie sich nach wie vor in ihrer Nähe aufhielten, ihr war es gleich, solange sie dabei nur den Mund hielten.
    Mit einem tiefen, lungenöffnenden Atemzug begrüßte Asny diese willkommene Abwechslung, die zwar ihren Geist munter gehalten hatte, bei der folgenden Konzentration auf ihren Körper beim Gang zurück in ihre Unterkunft jedoch mehr als störend gewesen wäre. Sie war gespannt, wie weit sie sich ihrem eigentlichen Ziel anzunähern vermochte, bevor sie das Bewusstsein zum ersten Mal verlöre. Mit etwas Glück fände sie niemand und sie würde nach dem Aufwachen ihren Weg auch selbständig fortsetzen können. Diese beiden infantilen Gestalten hätten doch hoffentlich Besseres zu tun, als ihr wie dumme Hunde hinterherzuwuseln. Sie hatte nicht vor, Kraft darauf verschwenden zu müssen, die um sie kreisenden Aaskrähen zu verscheuchen.


    Sicherheitshalber schloss sie die Augen, während sie sich vom Lager hochstemmte und in eine aufrecht stehende Position zwang, zu welcher ihr Körper nicht die geringste Lust zu verspüren schien. Jeder einzelne Muskel in ihr schien danach zu schreien, sich zurückfallen zu lassen und die nächsten Tage nicht einmal mehr den Versuch zu starten, auch nur eine Hand zu heben. Ein großer Teil der Schmerzen lag zweifelsfrei nur an diesem verfluchten Durst. Sie hatte einmal gehört, dass sämtliche körperlichen Leiden durch Flüssigkeitsmangel um einiges stärker spürbar wurden, als sie unter normalen Umständen eigentlich waren. Peitschenhiebe blieben zwar auch mit genügend Wasser immer noch Peitschenhiebe, aber die Schmerzen wurden irgendwie anders wahrgenommen. Eine interessante Theorie, die sie in den nächsten Tagen mit Sicherheit ausreichend würde prüfen können. Für ihre jetzigen Bemühungen blieb festzuhalten, dass die Bedingungen ihres Versuchs dadurch noch erschwert wurden. Dadurch, aufgrund der Trainingsgewichte und wegen einem fettleibigen Hindernis in der Tür. Im Grunde durfte sie bereits Stolz auf ihre Leistung verspüren, wenn sie sich überhaupt erheben und zwei Herzschläge lang in der Senkrechten zu bleiben vermochte. Doch Asny fühlte niemals wirkliche Befriedigung bezüglich ihrer Leistung, dafür lebte ein zu gewaltiger Ehrgeiz in ihrer Brust, welcher ein gesundes Maß wahrscheinlich bereits vor langer Zeit hinter sich gelassen hatte, und der kontinuierlich danach brannte, alle möglichen und unmöglichen Grenzen zu überwinden. Zufriedenheit stünde dem nur im Weg und selbst wenn sie sich für jeden Schritt erst ein gutes Weilchen innerlich antreiben und anschreien müsste, so wäre doch jedes winzige Stück auch ein kleiner Triumph, einer, der sie näher an ihr Ziel brächte und den man ihr wahrscheinlich kaum noch zugetraut hätte. Jeder andere wäre jammernd liegen geblieben. Jeder andere war eben auch nicht gut genug.


    Langsame Fortschritte waren nicht schlimm, solange es sich überhaupt um Fortschritte handelte. Zudem hatte sie sich vorgenommen, das kurze Stück bis zur Tür ohne die Hilfe einer stützenden Wand oder sonst eines Hilfsmittels zu überwinden. Im Gang dahinter gab es genug Wand, die ihr den Weg erleichtern würde.
    Nachdem sie verschiedene, allesamt protestierende Muskeln ihres Körpers probehalber an- und entspannt hatte und ihre Atmung unter sicherer Kontrolle glaubte, öffnete sie langsam ihre Augen auf der Suche nach der Tür. Viel größer war ihr Sichtfeld derzeit auch nicht, wie in einer schraffierten Kohlezeichnung wirkte alles geschwärzt und verschwommen. Dies brachte durchaus auch Vorteile mit sich, wie sie sich schmunzelnd eingestehen musste. Ihr Herzschlag war beschleunigt, aber nicht panisch und bis auf gelegentliches Zittern wirkte ihr Körper belastbar. Die Schmerzen waren erträglich. Einer anderen Meinung wäre Asny wahrscheinlich auch dann nicht gewesen, wären die Qualen doppelt so schrecklich.
    Gut, sie sah die Tür und ihren eigenen Standort innerhalb des Raumes vermochte sie zumindest zu erahnen. Die Übelkeit stellte nichts als eine lausige Taktik ihres Körpers dar, denn in ihrem Magen konnte sich nichts mehr befinden, die letzte Mahlzeit lag zu lange zurück. Gallenflüssigkeit zu spucken ergab keinen Sinn. Der Raum bewegte sich nicht, weil das nicht möglich war. Klare, feste Strukturen. Klare, feste Regeln. Ihr Körper gehorchte nur ihr und nicht sich selbst.


    Nach einem neuerlichen Atemzug und einem leichten Senken des Kopfes begann sich die blonde Sklavin mit starrem, wenngleich verschwommenem Blick auf die vermaledeite Türöffnung zu zu bewegen, welche bei den ersten Schritten die Dreistigkeit besaß, von ihr fort zu driften. Einbildung, alles nur ihre eigenen, funktionsgestörten Sinne! Unzufrieden presste Asny die Kiefer aufeinander und gab das ewige Lächeln zugunsten einer höheren Sache vorerst auf. Unter anderen Umständen hätte sie sich zwecks Sinnesschärfe eine Ohrfeige verpasst, doch sie fürchtete um ihr labiles Gleichgewicht wenn sie auch nur einen ihrer Arme zu sehr bewegte. Sie konnte es nicht einmal riskieren, sich die ihr inzwischen wieder teils vor den Augen hängenden Haarsträhnen zurückzustreichen, solange sie sich an nichts lehnen konnte. Nur ihre verklebten Wimpern hielten die fast farblos wirkenden Strähnen noch einigermaßen zurück, aber das musste eben reichen.
    Schweißbedeckt und mit der beunruhigenden Entdeckung einer unregelmäßig beschleunigten Atmung drang irgendwann auf dem langen, langen Weg zur Tür die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass sie einen leichten Luftzug spürte. Es konnte nicht mehr weit sein. Sie steuerte nicht einmal mehr auf eine klar erkennbare Tür zu, es war mehr ein aufgerissenes, gezacktes und um sich selbst wirbelndes Loch in der Wand, die nicht mehr als solche existierte. Aber es war gut, es näherte sich. Wenn sie vornüber fiele, würde sie sich garantiert die Stirn schon am Türrahmen anschlagen. Trotz aller Anstrengung brachte dieser Gedanke erneut ein müdes Lächeln auf ihre Lippen, welches sich allerdings nur sehr flüchtig hielt. Ihr Kopf fühlte sich mit jedem kleinen Schritt schwerer an, als wäre es nicht vorstellbar, dass jener sich jemals am oberen Ende eines menschlichen Körpers befunden hätte. Scheinbar verabschiedete sich ihr Verstand gerade nach und nach gleich einem bröckelnden Mosaik in die Unterwelt. Hoffentlich würde sie jedes Steinchen wieder von dort retten können. Wenn sie...


    Asny fuhr wie unter einem ungleich stärkeren Peitschenhieb wie den zuvor erlebten zusammen und kippte nur deswegen nicht um, weil sie instinktiv den Türrahmen zu fassen bekam und sich mit einem ungesunden Ruck an diese Stütze zu ziehen vermochte, an die sie sich nun presste, um Aristides bloß nicht zu berühren. Bravo, jetzt begann sie auch noch zu halluzinieren. Geisterhafte Fratzen zu sehen, die sie aus hervorquellenden Augen angierten und aus dem voluminösen Flavierkörper herauswuchsen wie Pilze an einem Baum. Genau das, was sie jetzt brauchen konnte, einen rasenden Herzschlag und ein ordentliches Fieber. Und wahrscheinlich hatte sie ihren werten dominus noch angestarrt wie Pluto persönlich.
    "Herrje... dich von Nahem zu... evalu...ieren... gereicht dir... ganz und gar nicht... zu einem... Vorteil..." Ihre raue Stimme erschien ihr abwechselnd zu laut und aus weiter Ferne dumpf zu ihr dringend und selbst das folgende Lächeln schmerzte, doch es kämpfte erfolgreich gegen die gerade durch ihre Adern peitschende Furcht an. Zudem sollte dieser Flavier nicht glauben, dass sie mit einem Male eine komplette Charakterverschiebung durchlebte, nur weil sie gerade die elendigste Zeit ihrer Existenz bewanderte. Ohja, diese Erfahrung würde sie ganz gewiss stärken, wenn sie erst die folgende Nacht überlebt hätte.
    Genug pausiert, sie musste weiter, solange sie sich noch zu schleppen vermochte. Die erste Etappe war geschafft, blieben noch... sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie weit es bis zu ihrem Lager wäre, doch hier herumzustehen brächte sie dem keinesfalls näher. Und nun durfte sie sich selbst noch die Unterstützung der Wände zugestehen. Solange ihre Beine nicht nachgaben, würde sie nicht mehr Gefahr laufen, umzukippen. Sie besäße den beruhigenden Kontakt zu etwas Festem, was der wirbelnden Umgebung nur zum Nachteil werden konnte. Und sie wüsste diesen störenden Flavier in ihrem Rücken, was es ihr ersparte, auf ihn zustreben zu müssen. Doch, es ging aufwärts.


    Fünf, sechs Schritte weiter an der Wand entlang wagte Asny die Vermutung, dass sie womöglich sogar tatsächlich bis zu ihrem Lager gelangen könnte, wenn sie bloß stur weiterliefe, alle anderen Tätigkeiten auf ein absolutes Minimum beschränkte und nur bis zur nächsten Ecke dachte. An welcher sie dann die schwierige Entscheidung nach der korrekten Richtung zu fällen hätte. Später, eines nach dem anderen. Atmen und gehen, dies war vorerst das Wichtigste.
    Ich bringe ihn um. Ich schwöre dir, ich presse auch den letzten Rest Leben noch aus ihm raus!
    Nein, das war nicht gut. So gern sie ihre Schwester auch mochte und so sehr sie ihr in den letzten Stunden gefehlt hatte, derzeit war ein ganz schlechter Augenblick für ihre Rückkehr. Zumal Asa sich in einem Zustand derartiger Wut und Hassgelüste befand, dass man wirklich das Schlimmste fürchten musste. Gleich einer nebligen Furie stieg sie aus dem Steinboden links neben ihrem Zwilling empor und obgleich Asny sich nicht umdrehte um die Bestätigung zu finden, wohin der Geist da gerade mit grausam glühenden Augen starrte, so war es doch nicht schwer zu erraten, von wem derzeit die Rede war. Unter einem gepressten Laut sank Asny um ihre stützende Konzentration gebracht auf ein Knie an der Wand herab und bemühte sich, nicht noch tiefer zu fallen. Wahrscheinlich hielt sie einmal mehr lediglich ihre Verärgerung aufrecht. Die jedoch mit dem destruktiven Hass ihrer Schwester nicht im Geringsten zu vergleichen war.
    "Asa...", hauchte die Sklavin zwar zitternd und rau, aber doch mit einem deutlich mahnenden Unterton. Sie hatte in der Regel nichts gegen die üblichen Aktionen ihres toten Zwillings, doch augenblicklich liefen sie ihr extrem gegen den Strich. Die Fingerspitzen hart gegen die Wand gepresst versuchte sie langsam, den Geist in ihren Blick zu fassen.
    Niemand macht das mit meiner kleinen Schwester! Erst recht nicht so ein fetter Patrizier! Ich werde ihn verfluchen. Nicht einen glücklichen Augenblick soll er mehr erleben! Er soll von innen verfaulen, er soll...


    "Asa!" Asny blinzelte ungehalten gegen den diesmal sehr hartnäckigen Schwindel an. Vermutlich halluzinierte sie gerade wieder. Womöglich war ihre Schwester überhaupt nicht wirklich hier. So groß und furchterregend hatte sie sie gar nicht in Erinnerung gehabt. Und auch nicht in Gesellschaft so vieler kichernder Schattenfreunde, die aus den Wänden und der Decke drangen und scheinbar nur auf eine Gelegenheit warteten, einem bedauernswerten Opfer eine Zeit voller Qualen und Ängste zuzufügen. Es war äußerst wahrscheinlich, dass sie alle nur Ausgeburten ihres Fiebers und des Blutverlustes waren. Dummerweise wirkten sie ziemlich real. Die Lufttemperatur sank derart drastisch herab, dass sich eine Gänsehaut auf Asnys Armen und Beinen bildete und ihre Zähne zu klappern drohten, sobald sie ihre Kiefer entspannte.
    "Hör auf damit. Er i-ist nur e-ein W-Werkzeug. M-mach dich n-nicht lächer...lich..." Großartig, jetzt stotterte sie auch noch. Weswegen war es hier nur so verdammt eisig?
    "W-wenn du ihn verf-fluchst, wird er n-nutzlos! Und er bef-findet sich ohnehin b-bereits an der G-grenze..."
    DAS IST MIR EGAL!
    Asny fuhr derart zusammen, dass sie kurz um ihr wankendes Gleichgewicht ringen musste. In einem derartigen Zustand hatte sie ihre Schwester selbst zu Lebzeiten nicht gesehen. Ein amüsiertes, rasselndes Raunen durchlief die Reihen der humanoiden Schatten, welche für diese wahnsinnige, menschenfeindliche Kälte verantwortlich sein mussten. Wo hatte Asa die nur allesamt hergeholt? Aus der Unterwelt in keinem Falle, in die würde sie sich selbst aufgrund eines Marcus Flavius Aristides nicht hinabwagen aus Furcht, niemals mehr von dort zurückkehren zu können.
    Er ist nichts als ein sadistischer, kleiner Bastard, der das Privileg genießt, noch zu leben. Aber das kann man ihm ganz schnell abgewöhnen. Ohja, er wird noch darum betteln, endlich sterben zu dürfen, in der falschen Hoffnung, damit von allen Schmerzen befreit zu sein! Dabei werden sie dann erst richtig anfangen.
    "Asa, nein." Die Sklavin versuchte sich ein wenig zu drehen, um mehr von diesem entsetzlich schlecht beleuchteten Gang im stark beengten Blickfeld zu haben. Ihr Herzschlag und ihre Atmung entbehrten mittlerweile jedweder gleichmäßigen Kontrolle, als wäre sie drei Stunden ununterbrochen gerannt.
    Weswegen 'nein'? Nenn mir einen guten Grund! Weswegen willst du, dass er lebt, während ich tot sein muss? Glaubst du, das wäre spaßig? Ich habe fürchterlichen Hunger, Asny! Wir haben alle Hunger!
    Das glaubte sie ihnen aufs Wort. Inzwischen zitterte ihr erschöpfter Körper nicht mehr nur, er erbebte und krampfte förmlich, umso mehr, als ein grauenhaft langgezogenes Heulen den Gang durchlief und ihr gleich eisigen Metalls in die Knochen fuhr. Trotzdem. Sie war Asny, verdammt nochmal! Ihre Absichten übertrafen an Wichtigkeit die aller anderen, gleich ob lebend oder tot!
    Ein zynisches Lächeln umspielte ihre zuckenden Lippen, während sie von den Knien langsam tiefer sackte.
    "Weswegen? W-weil ich es s-sage. Es ist in Ordnung, w-wenn man H-halluzinationen hat. Wenn s-sie allerdings die O-oberhand gewinnen, m-muss man sich w-wirklich Sorgen machen. Aber ihr k-könnt es gerne versuchen. F-fresst ihn. Mal sehen w-wer schneller ist. Ich o-oder ihr."
    Sie musste nicht wirklich viel tun. Nur nachgeben. Umfallen, liegenbleiben. Vielleicht noch durch ein schwach geöffnetes Lid erkennen, wie sich die auf Aristides zustürzenden Schatten kreischend aufzulösen begannen, zusammen mit der eigenen Wahrnehmung.
    Lächeln.


    Schwärze.



    Und Stille.

  • Sie ruhten, die Geschoße ihres verbalen Streits, die Kanonen von Widerworte und zornigen Ausbrüchen, das Feld des mentalen Kampfes, der in physische Übergriffe entartet war, lag für den Moment verlaßen vor Marcus' Füßen, selbst wenn es große Opfer gegeben hatte, bei ihm – der doch eher ein Mann der Physis war – waren es die mentalen Verletzungen, bei Asny – der mehr Vergeistigten – die körperlichen Wunden; jedem, wie es ihm wohl zugestand; düster und grimmig starrte Marcus auf die Bewegungen und gedachte nicht einen winzigen Bruchteil eines Herzschlages lang, ihr zu Hilfe zu kommen; er labte sich sogar an ihren Schwierigkeiten – nicht aus einem flavischen Sadismus heraus, der auch ihn manchmal überkam, wenn er genug gereizt wurde, wie an jenem Nachmittag – sondern aus purer und niederträchtiger Rachsucht heraus – ein Wesenszug, den er selten an sich entdeckte und darum sich auch nicht bewußt war, womöglich weil er selten dazu getrieben wurde oder sich treiben ließ, er neigte seinen Kopf und runzelte die Stirn nachdenklich, dieser Tag war wirklich einer der Ärgerlichsten in seinem Leben gewesen und es hatte ihn wohl noch nie ein Mensch so sehr auf die Palme gebracht, wie es Asny vermocht hatte; ob er zu verweichlicht war? Hätte er Asny nicht gleich verbannen sollen und ihr die Strafe angedeihen sollen, die eine derart unverschämte Sklavin auch verdient hätte? Was hätte sein Bruder getan? Und ganz besonders, wie hätte seine Mutter reagiert? Aber wahrscheinlich wäre es unter der Leitung seiner Mutter niemals so weit gekommen; Marcus seufzte lautlos in sich hinein und bedauerte es abermals, so wenig von seiner Familie geerbt zu haben, was diese mentalen Vorzüge anging. Die Öllampe zischte leise in der stetig wachsenden Dunkelheit, die letzte klägliche Flamme erzitterte ängstlich, ob ihrer letzten Lebenszüge und dann verlosch sie mit einem marginalen Zischen, der graue Rauch, der sich langsam gen Decke wölbte, um wie viele hundert andere Öllampenrauchsäulen etwas mehr den Ruß an den Wänden und der Decke der Unterkunft zu mehren und den weißen Kalk darunter verschwinden zu laßen, war in der nun vorherrschenden Schwärze nicht mehr wahrzunehmen; nur der schal brandige Geruch drang Marcus in die Nase und kitzelte ihn zu einem beinahe Nieser. Wie ein schwarzer Vorhang fiel es über ihn her und er sah einige Herzschläge lang nichts mehr, nur noch die Ausläufer der Nacht; so blinzelte er wenig gleichmütig als aus dem Nichts plötzlich Asny heran gewankt kam und ihre Konturen geisterhaft sich auf ihn zu stürzen schien; wollte sie sich bei ihm rächen? Marcus spannte sich an und preßte seine Kiefer fest aufeinander, doch die junge Frau berührte ihn nicht, kam keine Handbreit an ihn heran; und sobald sie den Mund aufmachte, floßen schon die Worte der Unverschämtheiten wieder hinaus, als ob sie eine nicht versiegende Quelle der Frechheit auf ihrer Zunge trug; Marcus entspannte sich ein wenig und lehnte sich wieder gegen das Gemäuer.
    „Wieder etwas, was uns unterscheidet, Asny, die Liste wird immer länger; denn Du bist schon in Ferne unerträglich.“
    Was sie mit evalu- und -ieren meinte, bot ihm genug an Rätsel, die er jedoch ignorieren würde, gleichwohl er sie für zwei griechische Fremdwörter mit einem ominösen Klang hielt und nicht für ein Wort, daß es bilden sollte; aber man hätte ihm auch Nonsenswörter an den Kopf werfen können, Marcus hätte sein Nichtverstehen auf seine Unwißenheit geschoben.


    Marcus rührte sich nicht als Asny ihn schon längst paßiert hatte, er lehnte weiterhin an Ort und Stelle und sah in die dunkle Unterkunft, er hörte laut und deutlich ihre schlurfende Schritte, die nur von seinem eigenen Atmen und ihrem angestrengten Röcheln überlagert wurde; leise begann er in seinem Kopf zu zählen. Ein Schritt, vier Herzschläge, zwei Schritte, fünf Herzschläge, eine Pause, nächster Schritt, noch mehr Herzschläge, sie schien immer länger zu brauchen für das bißchen Weg und er wartete jeden Moment auf das Geräusch, wenn ein Körper auf Stein fiel, bis dahin würde er sich nicht rühren. Er lehnte den Kopf etwas zur Seite als er ihre Stimme und flüstern vernahm, was hatte sie gesagt? Asau, Asax? Marcus drehte sich nun doch ein wenig, so daß er mit dem Rücken zur Wand stand und in den Gang sehen konnte, der wieder von dem schwachen Schein von Öllampen erhellt wurde; erschreckend geschunden und kaum noch mit Kräften ausgestattet, so sah Asny aus; dennoch fragte sie nicht um Hilfe, wie konnte man nur so einen grenzenlosen Stolz besitzen? Marcus' Falte zwischen den Augenbrauen wurde noch steiler und seine Augen sahen die Sklavin äußerst mißbilligend an; doch er tat nichts, er würde warten, denn das Straucheln zeigte ihm, daß ihre letzten eisernen Kräfte, die nur noch von ihrem Willen und Dickkopf entstammen konnten, schwanden.


    Sie ist verrückt, dachte Marcus, als er ihren weiterem Gefaßel lauschen konnte, ein brillantes, kluges Mädchen, und doch einfach nur vom Wahnsinn ergriffen; er schüttelte den Kopf, denn er hatte diesen Schluß doch früher gezogen. Ihre Worte, die von ihrer Schwäche eindeutig erzeugt wurden, waren bestimmt ein Ausdruck ihres Seins und Denkens, wie der Wein, so brachte auch der Schmerz so manch eine Wahrheit über einen Menschen ans Tageslicht, ob der Mensch ein Feigling war, ein Sturkopf – wie Asny -, welche Leichen er vergraben hatte und ob er ein cholerischer Wahnsinniger war; Asny war mehr eine phlegmatische Irre. Spöttisch hoben sich seine Mundwinkel darum; doch das mit dem Werkzeug gab ihm wieder zu denken; es war nicht das erste Mal, daß wohl jemand das Gefühl hatte, er könne ihn – Marcus – leichthin manipulieren, vielleicht war das auch nicht schwer und er oftmals dem Willen von Frauen ausgeliefert – von seiner Mutter, seiner ersten Ehefrau, seiner Tochter und vielleicht bald seiner zweiten Ehegattin! Aber gefallen tat es ihm natürlich trotzdem nicht! Freßt ihn? Irre, einfach nur spinnert! Ein dunkles und leises Lachen löste sich aus seiner Kehle, Marcus richtete sich auf als Asny gen Boden sank und schritt durch die asny'schen Erscheinungen, die sich an seinem Leib laben wollten, leichthin durch und auf die Sklavin herunter, die nun doch bewußtlos geworden war; sinnend betrachtete er den zarten Körper der jungen Frau und wo nun ihr Geist hinfort verschwunden war, in die völligen Tiefen von Morpheus' Reich, dort wo die hinkamen, die auch leicht den Weg in den Hades finden konnten, wirkte sie noch viel zerbrechlicher als zuvor, wo ihr Wille und ihre eiskalten Augen ihr eine Stärke verliehen hatte, die über ihre reine Physis hinaus ging; immer noch zierte sein Gesicht sein vermeintlich erkennendes Lächeln und er sah nachdenklich auf die Sklavin.


    Mit ruh'gem Gleichmut wappne die Seele dir
    Am Tag des Unheils, aber am glücklichen
    Den ausgelassnen Rausch der Lust auch
    Mäßige, Dellius. Denn du stirbst einst,


    Ob stets in Sorg' und Qual du dahingelebt,
    Ob fern vom Weltlärm, müßig ins Gras gestreckt,
    In ew'gem Festtag du die Stunden
    Heiter verschwärmt beim Falernerausbruch

    Selbst wenn Marcus mit einem schlechten Gedächtnis ausgestattet war, es ihm an Bildung mangelte, so gab es zwei Dinge, jenseits der Legion, in dem er ein Talent entwickelte hatte, es war das Vermögen sich Verse zu merken, aber auch seine Passion für das Spiel seiner Kitharra, die ihm schon im Krieg Balsam für seine Seele gewesen war, immer wenn die Verzweiflung zu schlimm wurde über den Tod seiner Tochter und den Bildern all des Mordens, die auch Marcus an die Substanz gingen. Er beugte sich hinunter und strich Asny eine blonde Strähne hinfort, die ihr beim Fall übers Gesicht gerutscht war; doch, ein hübsches Mädchen war sie, jetzt, wo diese häßlichen Züge auf dem Gesicht verschwunden waren, die von der Ironie und der Kälte stammte; wie konnte ein Mensch nur so werden wie Asny, was hatten die Götter bloß bei ihr falsch gemacht? Irgendwo hinter sich hörte er den Sklaven, aber er kümmerte sich in dem Moment nicht um den Mann, sondern er griff vorsichtig unter die Schulter von Asyn, umfaßte ihre Beine und hob sie hoch, leicht und zart wie ein Fliegengewicht war sie und selbst wenn Marcus immer noch keine sonderlich positiven Gefühle für sie empfinden konnte oder wollte, so war der Zorn und die Wut längst verflogen; Marcus war nun mal nicht ein Mensch, der gerne nachtragend und jähzornig sein wollte.
    „Wo ist ihre Unterkunft, servus?“
    , fragte er nun doch an die stille Präsenz hinter sich gewandt.
    „Auf der Ostseite, Herr, ich führe Dich, wenn Du es wünschst!“
    Marcus nickte gnädig und drehte sich um, um dem Sklaven hinter her zu laufen; langsam löste sich auch der Kosmos, der sich für die kurzen Momente gebildet hatte, in dem er mit Asny in der fremden Unterkunft gestritten hatte, Licht überflutete Marcus, so daß er blinzeln mußte, als er in einen hellen Gang trat, die Menschen mehrten sich wieder; geschäftig, emsig, arbeitsam bereinigten sie die Reste der cena, die Marcus heute verpaßt hatte, aber daran verschwendete er keine Gedanken, ebensowenig an die scheuen bis erstaunten Blicke, die er von den Sklaven erntete, an denen er mit Asny vorbei kam. So viele fremde Gänge, so viele unbekannte Türen, es war ein ganz eigenes Reich, hier in seiner villa, so daß Marcus meinte, in einem fremdem Haus zu sein; auch die Unterkunft, in der er schließlich kam, war ihm nicht bekannt, sie sah aber genauso schlicht und vollgedrängt aus, wie die anderen Sklavenunterkünfte, die ihm schon unter die Augen geraten waren; auf das Deuten des Mannes hin trug Marcus die junge Asny zu einem Lager, vorsichtig bettete er sie auf das helle und dann doch recht grobe Lacken hinunter, so daß sie auf der Seite zu liegen kam und nicht mit ihrem empfindlichen Rücken den rauhen Stoff berühren mußte, er tupfte mit seiner Fingerspitze in einen dort noch stehenden Becher und benetzte die ausgetrockneten Lippen der Sklavin, an denen etwas Blut getrocknet war.
    „Asny, Asny, welch Daimon mag Dich bloß reiten? Welch unglückliche Seele schlummert in Dir und tobt wie ein Ungeheuer?“
    Marcus richtete sich auf und sah zu dem Sklaven, kalt und gefaßt.
    „Der medicus Kosmas soll nach Asny sehen und sich um sie kümmern; und Du sorgst dafür persönlich, auch dafür, daß sie in den nächsten Tagen in Ruhe gelaßen wird, sollte ich erfahren, daß einer der Sklaven sie drangsaliert, dann wird das, was ihr heute widerfahren ist, auch Dir – und all jenen, die sie belästigt haben - paßieren. Haben wir uns verstanden?“
    Das ängstliche Nicken und leise Stammeln des Sklaven genügte ihm als Antwort, er betrachtete seinen teuren und widerspennstigen Besitz noch ein letzte Mal, ehe er sich umwandte und die Sklavenunterkunft verließ, womöglich war der heutige Tag eine Katharsis, die ihm die Götter aufgelegt hatten, und die Asny als Werkzeug nutzten, vielleicht auch nicht. Marcus wandte Asny für den heutigen Tag und die nächsten Wochen auch erstmal den Rücken zu, ehedem er sich ihr wieder stellen würde.

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