[Ante Oppido] Rus Ducciorum

  • Dagny hatte ein schlechtes Gewissen. Vielleicht hätte sie doch auf Iring hören und ihre Mutter vorwarnen sollen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Iska mit einem Begeisterungssturm reagieren würde, so wie sie selbst es getan hatte, sondern eher mit einer Art stillen Freude. Aber das war keine stille Freude, das war eher so als … sähe sie einen Geist. Hadamar stand ebenfalls stumm und erstarrt da, ganz offensichtlich wusste er auch nicht, wie er reagieren sollte. Dagny schaute kurz von einem zur anderen, überlegte, ob sie einschreiten und zu ihrer Mutter hinübergehen sollte, als diese sich dankbarerweise wieder fing und selbst zu Hadamar hinüberlief. Die Umarmung zwischen Mutter und Sohn löste die Anspannung im Raum – und auch Dagnys innere Anspannung. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie zusah, wie Hadamar ihre Mutter fest drückte und sie sich wiederum an ihrem Sohn festhielt als habe sie nicht vor, ihn jemals wieder loszulassen.


    Dagny beschloss, den beiden einen Moment der Wiedersehensfreude zu gönnen und setzte sich in die Küche ab. In dieser werkelte Alwina, eines der Mädchen, die Marga nicht in ihrer Küche in der duccischen Villa Rustica haben wollte, weil sie ihren Ansprüchen nicht genügte. Eigentlich erledigte sie ihre Arbeit Dagnys Meinung nach gut, war aber eher verträumt und deshalb nicht so schnell, wie Marga es gerne hätte – darüber hinaus, nun ja, war es allgemein sehr schwierig, Margas Ansprüchen in dieser Hinsicht zu genügen. Das schaffte eigentlich nur eine: Margas eigene Enkeltochter. Dagny grüßte freundlich und plauderte kurz mit der jungen Frau, die etwa in ihrem Alter war. Alwina war auch einer der Gründe, warum Dagny in letzter Zeit recht gern auf das Landgut kam; zwischendurch war es ganz schön, mal mit einer Gleichaltrigen über leichte Themen zu plaudern. Alwina erzählte oft amüsante Geschichten über die ewig Falschen, in die sie sich verliebte und später feststellen musste, dass sie da kein sonderlich glückliches Händchen hatte. Heute jedoch hielt Dagny sich nicht lange auf, sondern nahm sich nur drei Becher und einen Krug mit Apfelwein, und ging wieder zurück in den Hauptraum.


    Inzwischen hatte ihre Mutter Hadamar losgelassen und redete leise mit ihm. Dagny stellte die Becher auf dem Tisch ab und begann, einzuschenken. „Jetzt können wir nochmal auf Hadamars freudige Rückkehr anstoßen!“ „Du hättest deinem Bruder auch etwas zu essen mitbringen können!“ kam es leicht vorwurfsvoll von ihrer Mutter. „Ist noch nicht fertig … ich dachte, wir essen gleich alle gemeinsam.“ „Ja, aber eine Kleinigkeit vorab. Das Kasernenessen ist doch ungenießbar.“ Dagny verdrehte kurz die Augen. Man konnte förmlich heraushören, dass ihre Mutter der Ansicht war, Hadamar wäre kurz davor, vom Fleisch zu fallen. Was nicht der Fall war, da brauchte man ihn doch nur einmal genauer anzuschauen! Aber Dagny wusste es besser, als mit ihrer Mutter darüber zu diskutieren – und ohne ein weiteres Wort verschwand diese nun ebenfalls in der Küche, um dem armen Jungen etwas Nahrung zu organisieren. Dagny seufzte und setzte sich an den Tisch. „Puh, jetzt wirst du den halben Vorratsschrank als Vorspeise bekommen.“ Mit einer Geste forderte sie Hadamar auf, sich ebenfalls zu setzen. „Ehrlich gesagt hatte ich schon die Befürchtung, dass die Überraschung etwas zu viel für sie war. Aber diesen Triumph gönnen wir Iring nicht, indem wir ihm das erzählen, oder?“ fragte sie mit einem Augenzwinkern.

  • Er wusste nicht, wie lange sie so da standen und sich einfach festhielten. Auch dieser Moment kam ihm gefühlt wie eine halbe Ewigkeit vor, bis sie sich schließlich voneinander lösten. Hauptsächlich, so schien es ihm, damit seine Mutter danach sein Gesicht mit beiden Händen umfassen und ihn erst mal wieder nur ansehen konnte. Und dabei leise Sachen murmelte wie Du bist wieder da und ähnliches, was sich in seinem und wahrscheinlich auch ihrem Kopf letztlich aneinander reihte zu: ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen. Ich dachte, ich bekomme auch bei dir irgendwann die Nachricht, dass du tot auf einem Schlachtfeld liegst. Was natürlich immer noch passieren konnte, aber jetzt, für diesen Augenblick, war er einfach da.


    Hadamar räusperte sich, als Dagny plötzlich wieder erschien, und lächelte ihr zu – und spürte dann, wie seine Ohren warm wurden, was hieß, dass sie sich in der Farbe seinen Haaren annäherten. Passierte ihm nur noch selten heutzutage, aber darauf hätte er wohl gewettet, dass seine Mutter dazu in der Lage war, das hervorzurufen. „Ma, bitte“, versuchte er noch sie aufzuhalten. „Ich bin Centurio, ich kann mich über das Essen in der Castra wirklich nicht beklagen.“ Aber da war seine Mutter schon halb verschwunden, und Dagny verdrehte reichlich unzeremoniell die Augen, wofür Hadamar ziemlich dankbar war. Nicht nur, weil es ihm ein Grinsen entlockte, sondern weil es seine Stimmung, die... nun ja: fast ein bisschen feierlich gewesen war, lockerte. Mehr Fröhlichkeit dazu fügte. „Ist nicht so, als könnt ich nicht den halben Vorratsschrank verputzen. Nur brauch ich dann wahrscheinlich keine Hauptspeise mehr.“ Er setzte sich, als sie es ihm bedeutete, und für einen Moment wurde er wieder sanfter. „Ja... ich glaub sie hat nicht damit gerechnet, dass ich lebendig zurückkomm.“ Kein Wunder, wenn man das Schicksal ihres Vaters bedachte. Aber dann grinste Hadamar wieder. „Natürlich gönnen wir ihm das nicht, wo denkst du hin? Wär ja noch schöner.“


    Er hörte, wie es in der Küche rumorte und zwischendurch ein paar Worte gewechselt wurden. Ihre Mutter tauchte immer noch nicht wieder auf, scheinbar hatte Dagny also Recht mit ihrer Befürchtung, dass sie es bei einer einfachen Vorspeise nicht belassen würde. Vielleicht brauchte sie aber auch einfach ein bisschen Zeit für sich, das konnte auch sein – auch damit hatte Dagny dann Recht, dass die Überraschung vielleicht doch etwas viel gewesen war. Er lehnte sich zurück und sah sich um. Immer noch das gleiche Haus, in dem er aufgewachsen war. Um so vieles kleiner und einfacher als die Villa, in der die Wolfrikssöhne mittlerweile lebten, die, wenn er sich richtig erinnerte, Witjon und Alrik irgendwann mal hatten bauen lassen, nicht nur um das alte Stadthaus zu ersetzen, sondern auch um so gut wie alles auf einen Standort zu konzentrieren. Ihre Mutter hatte trotzdem immer hier bleiben wollen – weder hatte sie ins alte Stadthaus gewollt, noch später in die neue Villa, da hatte man ihr noch so oft die Vorzüge davon anpreisen können. Sie behauptete immer, sie mochte die Stadt nicht... aber der Grund zog eigentlich bei der neuen Villa nicht mehr, so viel Platz wie sie da hatten, und am Stadtrand gelegen wie sie war. Nicht nur deshalb Hadamar glaubte inzwischen, dass sie sich einfach nicht noch mal woanders hin wollte, selbst wenn es in der Nähe war. Sie gehörte zu jener Generation Vertriebener, die ihre Heimat hatten verlassen müssen und danach jahrelang durch die Gegend gezogen waren, bis sie hier ein neues Zuhause gefunden hatten. Er konnte verstehen, wenn sie nun einfach nur noch hier bleiben wollte. „Hat sich nicht wirklich was verändert hier, hm?“ murmelte er versonnen. „Ist noch genauso wie früher.“

  • Dagny musste grinsen, als Hadamar rote Ohren bekam. Man konnte ihm förmlich ansehen, wie unangenehm ihm das Aufhebens war, dass ihre Mutter seinetwegen verursachte. Aber seine Versuche, sie davon abzubringen, fruchteten natürlich nicht. „Die Hauptspeise kriegst du wahrscheinlich trotzdem … und sei es nachher als Wegzehrung oder Vorrat für die schlimmen Tage der Soldatenverpflegung, die noch vor dir liegen.“ Sie nahm einen Schluck von dem Apfelwein. „Ich bin dir sehr zu Dank verpflichtet. Was meinst du, was ich mir sonst tagelang anhören müsste?“ Vor allem, weil Iring ja im Grunde recht gehabt hatte. Ihre Mutter mochte Überraschungen nicht sonderlich – und ihre Reaktion eben hatte gezeigt, dass sie regelrecht geschockt gewesen war, weil sie mit Hadamar absolut nicht gerechnet hatte.


    Dann wurde auch sie ernst. „Nein, ich glaub, dass sie immer mit dem Schlimmsten rechnet, weil sie denkt, dann würde sie der Schlag nicht mehr so hart treffen. Aber … das stimmt sowieso nicht. Der Schlag trifft einen trotzdem hart. Das Leben wird nur trauriger, wenn man vorher schon in ständiger Angst und Sorge lebt.“ Sie stockte. Eigentlich hatte sie das nicht alles laut aussprechen wollen. Das war eine Diskussion, die sie mit ihrer Mutter führte, und nicht mit Hadamar. Und wenn Dagny ehrlich war, wusste sie selbst nicht, ob sie diese Dinge wirklich an ihre Mutter adressierte – oder nicht doch eher zu sich selbst sagte, um sich davon zu überzeugen, dass es so war. Sie spürte sehr deutlich, dass das letzte Jahr sie verändert hatte, dass ihre Sorglosigkeit und ihr sprudelnder Optimismus von einst zwar nicht gänzlich verschwunden, aber doch geringer geworden waren. Oder zumindest gedimmt, da die schwarzen Wolken das Licht ihres Lebens verdeckten. Dagny warf einen Blick über ihre Schulter, um sicherzugehen, dass ihre Mutter nicht doch überraschend auftauchte. „Nicht falsch verstehen, ich versteh sie ja. Aber gerade im Moment … ich weiß nicht … find ich es schwer, Menschen zu sehen, auf deren Leben die Trauer einen so langen Schatten wirft, dass man meint, kein Sonnenstrahl könne ihn jemals vertreiben.“ Sie fragte sich in letzter Zeit manchmal, ob das auch ihr Schicksal war. So wie ihre Mutter oder Dagmar um Ehemann und Kind zu trauern, die vor einem gingen. Eigentlich … war sie noch jung und wollte leben, wollte fröhlich sein, wollte optimistisch in die Zukunft schauen und sich auf all das Gute freuen, das noch kam. Im Moment fiel ihr das unfassbar schwer.


    Sie langte über den Tisch und griff nach Hadamars Hand. „Tut mir leid, ich hoffe, du denkst nicht, ich freu mich nicht, dass du da bist. Nur im Moment ist alles so … kompliziert.“ Sie sah, wie er die Umgebung musterte. „Ja nicht wahr?“ erwiderte sie auf seine Bemerkung, es habe sich kaum etwas verändert. „Ich bin auch öfter hier in letzter Zeit. Vielleicht deshalb, weil alles noch so ist wie immer.“ Ein bisschen Stabilität in unruhigen Zeiten. „Von der Warte habe ich es noch nie betrachtet. Gibt's irgendwas in der Gegend, wo du noch gerne hinwollen würdest? Falls du nach dem Essen noch aufstehen kannst, heißt das.“ Bei den letzten Worten zierte wieder ein Lächeln ihr Gesicht.

  • „Ja, genau das befürchte ich auch...“ Früher hätte er das dann einfach mit seinem Contubernium geteilt, aber das hatte er ja schon lange nicht mehr. Vielleicht den Unteroffizieren geben... das war eine Idee. „Mal sehen. Ich werd schon Abnehmer dafür finden.“ Er zog den Becher mit Apfelwein zu sich heran, trank aber noch nicht. Stattdessen grinste er leicht. „Immer noch wie früher, hu?“ Iring war nicht im eigentlichen Sinne nachtragend, zumindest früher nicht gewesen... aber er verstand sich durchaus darauf einen merken zu lassen, wenn er Recht behalten hatte. Was leider öfter der Fall war als Hadamar früher lieb gewesen wäre, aber nun ja, das hatte auch auf Eldrid zugetroffen. Und das Problem war: er machte das oft auf eine recht raffinierte Art und Weise, gegen die man sich schwer wehren konnte. Und da Hadamar der Älteste war, war es auch irgendwie unfair gewesen, handgreiflich zu werden und Iring beispielsweise einfach mal in den Schwitzkasten zu nehmen, wenn es ihm zu bunt wurde. Also: nicht, dass er nicht genau das getan hätte. Hatte er. Oft genug. Aber unfair gewesen war das wohl trotzdem... womit man nicht alles leben musste als ältester Bruder.


    Danach wurde Dagny ernster, und auch Hadamars Grinsen schwand. Je länger sie sprach, desto mehr, denn da ging es plötzlich nicht mehr einfach nur darum, warum ihre Mutter so reagierte – sondern wie Dagny selbst darüber dachte. Und sie klang... fast ein bisschen altklug dabei. So erfahren und realistisch und doch zugleich negativ. Hadamar stellte fest, dass es ihm wehtat sie so reden zu hören. Sie war noch so jung... und in seiner Erinnerung war sie immer so fröhlich gewesen, so übersprudelnd vor Lebensmut und Freude. Es schmerzte ihn fast mehr als Eldrids Verlust, sie jetzt so zu sehen. Und als Dagny weitersprach, zündete irgendwo tief in ihm ein vertrauter Funke Wut. Wut auf seine Mutter, die er als Jugendlicher öfter, aber inzwischen schon lange nicht mehr gespürt hatte. Wut, weil sie den Schmerz nie wirklich hatte verarbeiten können. Nie hatte loslassen können. Es ging dabei nicht ums Vermissen, und auch nicht generell um Trauer. Bei seiner Mutter hatte es immer so gewirkt, als wäre die Trauer noch frisch, selbst Jahre später noch. Vielleicht war Hadamar deshalb so skeptisch, was die Liebe betraf. Im Grunde glaubte er nicht so recht daran, und ihm war auch noch nie so etwas widerfahren. Aber vielleicht lag das auch einfach nur daran, dass er nie so etwas hatte erleben wollen wie das Leid, das er bei seiner Muttter miterlebt hatte.


    Der Funke verklang fast so schnell wie er wieder gekommen war – er wusste, dass sie letztlich auch nichts dafür konnte. Dass sie ihr Bestes gegeben hatte. Und es tat ihm bis heute leid, dass er ihr diese Trauer, diesen Schmerz auch tatsächlich vorgeworfen hatte, auf jene miese Art, wie es wahrscheinlich nur Jugendliche konnten. Aber ihr Bestes war halt in manchen Momenten einfach nicht genug gewesen, und es ließ sich nicht bestreiten, dass ihre Kinder unter ihrer fortdauernden Trauer im Grunde mehr gelitten hatten als unter dem Verlust des Vaters. Und dass Dagny jetzt so daher redete, das war einfach nicht richtig. Dass sie so schwermütig war, und so reif von Trauer, Angst und Sorge sprach. Und so wie es gerade auf ihn wirkte, war auch daran irgendwie ihre Mutter schuld. Natürlich konnte sie nichts für die Verluste im vergangenen Jahr. Aber sie konnte etwas dafür, wie sehr Dagny diese Verluste getroffen hatten. Und wie sie mit ihnen umging. Zumal Hadamar vermutete, dass ihre Mutter im letzten Jahr auch nicht unbedingt eine große Hilfe gewesen war, für Dagny oder ihre Brüder. „Keine Sorge, ich versteh das nicht falsch.“ Er presste flüchtig die Lippen aufeinander. „Ich finde du hast Recht. Mir ging das genauso wie dir, es gab Tage, da...“ Er seufzte leise, entschied sich dann aber dagegen, den Satz so zu vollenden, wie er es eigentlich vorgehabt hatte. Er wollte keine Wunden aufreißen, weder alte noch neue, und er steckte nicht in den Schuhen seiner Mutter, damals wie heute nicht. Auch wenn er ihr das ein oder andere vorwarf, er konnte nicht wirklich nachvollziehen, wie schwer es für sie gewesen sein musste. Und es war nicht so, als ob er es ihr sonderlich leicht gemacht hätte. „...war es wirklich schwer.“ Er deutete ein leichtes Lächeln an, als Dagny sich danach entschuldigte, und erwiderte ihren Händedruck fest. „Mach dir keinen Kopf wegen mir. Ganz im Gegenteil. Ich weiß dass ich lange nicht da war, und das gerade auch in einer Zeit, in der ich gebraucht worden wär. Das tut mir leid. Wenn ich irgendwas tun kann, um's einfacher zu machen, oder wenn du irgendwas brauchst, dann sag einfach Bescheid.“


    Ihre Mutter kam zum Glück erst wieder herein, als sie schon dabei waren über die Umgebung zu sprechen, und tatsächlich balancierte sie ein Tablett, das beladen war mit definitiv mehr, als er würde essen können. Ein leichtes Lächeln lag auch auf ihren Lippen. „Ich mag es so, wie es ist. Warum sollte ich etwas daran ändern?“, meinte sie, während sie das Tablett abstellte und das Essen auf den Tisch stellte, während Hadamar begann Teller und Besteck zu verteilen. Er lächelte zurück. „Ich find's schön, dass es noch so ist.“ Er war drauf und dran Dagny zu antworten, dass er eigentlich nichts mehr unbedingt sehen musste. Aber dann dachte er daran, wie schwermütig sie gerade noch gewirkt hatte. Es gab eigentlich nichts, was er so dringend sehen wollte, dass es sofort sein müsste. Die Menschen, ja, aber nicht die Orte, und die Menschen hatte er alle gesehen. Alle bis auf Alrik. Aber mit ihr noch ein bisschen Zeit verbringen, allein... er hatte den Eindruck, dass es besser war damit nicht zu lange zu warten. Und er wusste nicht, wann er sich das nächste Mal länger würde Zeit nehmen können. „Der See“, meinte er also. „Den würde ich nachher gerne noch sehen.“

  • Hadamars Lächeln erlosch. So wie das Sonnenlicht erlöscht, wenn sich eine Wolke davor schiebt und man den Eindruck hat, dass die Farben der Welt verblassen und die Kälte anfängt, in die Kleider zu kriechen. Am meisten bedauerte sie es, dass sie der Wind gewesen war, der die Wolke geschoben hatte. Eigentlich wollte sie ihn zum Lachen bringen, so wie er sie einst zum Lachen gebracht hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Seine unerwartete Ankunft hatte den Schleier der Trauer und Melancholie, der über der Familie gelegen hatte, ein wenig gelüftet – und auch ihr selbst das Gefühl gegeben, dass man zwar zurückschauen durfte, aber trotzdem vorwärts gehen sollte. Sie blickte in sein Gesicht, sah, wie er vermutlich schon tausendfach zurückgehaltene Worte wieder in seinem Inneren verschloss und fragte sich, wie es wohl für ihn gewesen sein musste, als er die Nachrichten vom Tod der Schwester und des Familienoberhauptes erhielt. Ganz allein, fern der Heimat. Dagny hatte die Trauer der anderen oft schwer erträglich gefunden, hatte sich gewünscht, es wäre jemand da, der nicht selbst betroffen war und ihr Trost spenden konnte. Aber letztendlich war es doch geteiltes Leid gewesen. Das wurde ihr zum ersten Mal richtig bewusst. „Ich wünschte auch, du wärst da gewesen. Aber nicht nur unseretwegen, auch deinetwegen. Niemand sollte mit so etwas allein sein.“


    Das Gespräch wandte sich wieder anderen, leichteren Dingen zu und ihre Mutter kam herein mit etwas, das noch nicht einmal mit gutem Willen als kleine Vorspeise bezeichnet werden konnte. Aber sie wirkte wieder gefasster, fast fröhlich, also begnügte Dagny sich mit einem vielsagenden Blick auf die Speisenvielfalt und einer hochgezogenen Braue, die Iska gerne ignorieren konnte – und es natürlich auch tat. Genauso, wie sie ihren Teller ignorierte, der vor ihr platziert wurde und stattdessen dafür sorgte, dass der Teller ihres Sohnes gut gefüllt war. Dagny nahm sich ein Stück Brot und knabberte daran. „Wir können nachher gerne noch zum See gehen“, antwortete sie Hadamar und ignorierte das leichte Kopfschütteln ihrer Mutter. „Was wollt ihr denn da? Da ist doch nichts um diese Jahreszeit …“ „Doch, Wasser“, widersprach Dagny. „Hadamar war in einem Land, in dem selbst der Schnee trocken ist.“ Ihre Worte hatten die erhoffte Wirkung und weckten die Neugier ihrer Mutter auf Geschichten aus dem fernen Orient. Jetzt würde Hadamar auch nicht mehr so schnell auskommen und hatte keine andere Wahl, als ihnen etwas zu erzählen – dafür würde Dagny schon sorgen. Irgendwann kam Alwina mit einem deftigen Eintopf, der eigentlichen Mahlzeit, für die zumindest Dagny genügend Platz im Magen gelassen hatte.


    Nach dem Essen warf sie einen Blick aus dem Fenster und stellte fest, dass das hellere Mittagsgrau einem etwas dunkleren Nachmittagsgrau gewichen war. „Wenn wir tatsächlich noch zum See wollen, sollten wir bald aufbrechen.“

  • Hadamar presste flüchtig die Lippen aufeinander, zuerst weil Dagny bestätigte, dass sie ihn auch hier hätte haben wollen - und dann noch mal mehr, als sie erklärte warum. Er war der Älteste, eigentlich sollte es nicht so rum sein, dass sie sich Gedanken um ihn machte. Aber auch dafür war Familie da, das wusste er, und er wusste auch, dass sie inzwischen einfach alt genug war, um sich ebenso Sorgen zu machen um ihre Geschwister. Auch um ihn. Selbst wenn er sich nach wie vor ein bisschen schwer tat damit, das kleine Mädchen von früher aus seinem Kopf zu bekommen, wenn er an sie dachte. Er sah für einen Moment ins Leere, dann zwang er sich zu einem Lächeln, das aber, er spürte es selbst, nur halbherzig gelang. „Ach, ich...“, begann er, drauf und dran abzuwiegeln. Aber dann entschied er sich doch um. Dagny wusste, wie nah Eldrid und er sich gestanden hatten, trotz oder gerade weil sie so unterschiedlich gewesen waren, und so unterschiedlich mit der Verantwortung umgegangen waren, die ihnen als den beiden Ältesten spätestens nach dem Tod des Vaters einfach in den Schoß gefallen war. Sie würde auch wissen, dass er log, wenn er jetzt so tat als sei das für ihn in Ordnung so gewesen. Natürlich würde sie das. Und davon abgesehen war es einfach unwürdig, sie deswegen anzulügen. Nur: wirklich darüber reden, das wollte er eigentlich auch nicht. Nicht zuletzt, weil seine Methode der Verarbeitung darin bestanden hatte, es einfach zu verdrängen. Samhain, das war das erste Mal gewesen, dass er das Gefühl des Verlusts wirklich zugelassen hatte - und das einzige, bisher. „Aber jetzt bin ich ja da“, sagte er schließlich das einzige, zu dem er sich durchringen konnte im Moment, das trotzdem ehrlich war. Auch sein Lächeln wurde zwar wieder schwächer, aber dafür ehrlicher. „Man kann nicht alles nachholen, aber doch einiges.“


    Als ihre Mutter wieder da war, ließ sie es sich nicht nehmen, Hadamars Teller selbst zu füllen - und auch wenn er eigentlich nicht übermäßig hungrig war und das eigentlich auch nur Vorspeise sein sollte, lernte man beim Militär unter anderem auch das: zu essen, wenn es etwas gab. Hadamar schlug also rein, und schaffte danach trotzdem noch, auch vom Eintopf einen Teller zu essen. Er grinste seine Mutter schief an und fragte sich kurz, ob er jetzt wirklich darauf anspielen sollte, wie oft er mit Sönke oder Runa oder anderen bei eben diesem See gewesen war, wenn er sich mal wieder davon gestohlen hatte von daheim, anstatt seinen Aufgaben hier nachzukommen... aber Dagny lenkte das Thema schon auf etwas anderes, und das war vielleicht auch gut so. Hadamar war sich ziemlich sicher, dass seine Mutter wahrscheinlich wesentlich mehr gewusst hatte von dem, was er so getrieben hatte früher, als er damals geglaubt hatte. Aber er war sich eben nicht ganz so sicher, wie viel sie tatsächlich wusste, und es gab ein paar Dinge, die sie auch heute nicht erfahren musste, wenn sie es denn tatsächlich nicht wusste. Von daher war es vermutlich besser, wenn sie sich alle einfach gegenseitig im Unklaren darüber ließen. Da kam Dagnys Themenwechsel wie gerufen, und diesmal ließ er sich nicht zweimal bitten, und begann über Cappadocia zu sprechen. Nicht so blumig und ausgeschmückt wie Tariq das konnte und gerne tat, aber immerhin deutlich ausführlicher als noch bei dem Ritt hierher erzählte er von dem Land und den Menschen dort, ihre Kultur und woran sie glaubten, allem voran alles, was ihm selbst immer besonders fremd vorgekommen war: die Dschinnwesen, die aus Feuer und Rauch bestanden und die er immer ein wenig gruselig gefunden hatte, die Gesteinsformationen mitsamt den Höhlen, in denen viele der Menschen lebten, und er versuchte sich nicht zuletzt - wenn auch vergeblich - erneut daran zu beschreiben, wie trocken dieses Land war, selbst dann, wenn im Winter Schnee lag.


    So reichlich das Essen auch war, irgendwann war es doch zu Ende, nicht so sehr weil es sich dem Ende zugeneigt hätte - seine Mutter hatte scheinbar wirklich alles, was möglich war, aufgetischt -, sondern weil auch Hadamar irgendwann so satt war, dass er nichts mehr herunter gebracht hätte. Und obwohl er noch mehr hätte erzählen können, wo er einmal angefangen hatte damit, und wahrscheinlich auch getan hätte, wenn sie den Tag einfach in den Abend hinein bei Met oder Wein zusammen ausklingen hätten lassen können, hatte er die Zeit leider nicht. Abends musste er wieder in der Castra sein, und so nickte er Dagny zustimmend zu, als sie darauf hinwies, dass sie bald los mussten, wenn sie noch zum See wollten. „Ja, das sollten wir.“ Sie verabschiedeten sich also von ihrer Mutter, was irgendwie sowohl leichter war wie auch schwerer, als Hadamar gedacht hätte - leichter, weil sie sich jetzt jederzeit wiedersehen konnten... schwerer, weil sie sich so lange nicht gesehen hatten, und so vieles noch unausgesprochen geblieben war. Aber sowohl Hadamar als auch seine Mutter gehörten beide nicht zu den Menschen, die große Abschiedsszenen mochten, und so blieb es bei einer innigen Umarmung und dem leisen Versprechen, dass er versuchen würde bald wieder vorbeizuschauen, bevor sie das Haus schließlich verließen und zum See aufbrachen.

  • Dagny konnte Hadamar den inneren Kampf ansehen, vermeinte die Worte zu vernehmen, um die er rang – nur um dann dem Thema zumindest vorerst ein Ende zu setzen. Möglicherweise lag es an diesem Ort, der nicht der richtige war, um über diese Dinge zu reden, daran, dass ihre Mutter jederzeit hereinkommen könnte und sie beide wussten, dass es dann zwangsläufig zum Themenwechsel kommen würde. Neutral betrachtet suggerierten seine Worte eine spätere Wiederaufnahme des Gesprächs, das Versprechen, das nachzuholen, was sie all die Jahre nicht hatten haben können. Ein kleiner Teil von Dagny hörte aus den eigentlich wohlmeinenden Worten jedoch auch etwas heraus, das sie noch aus ihrer Kindheit kannte: Das Verschieben eines Gesprächs auf einen undefinierten späteren Zeitpunkt, der dann letztendlich nicht immer eintrat. Immer dann, wenn man gefunden hatte, dass sie bestimmte Dinge nichts angingen, sie für zu jung erachtete oder ihre Fragen aus welchen anderen Gründen auch immer nicht beantworten konnte oder wollte.


    Sie nickte ihrem Bruder mit einem leichten Lächeln schließlich zu, da sie nicht wusste, was sie erwidern sollte. Sie wusste schlicht nicht, ob er das Gespräch später fortsetzen wollte oder was er eigentlich nachholen wollte. Oder ob es nur ein Wegschieben des Themas war. Sie wusste auch nicht, ob sie solche Gespräche einfordern oder verlangen konnte von einem Bruder, der lange fort gewesen war und von dem sie viele Jahre trennte. Sie konnten nicht einfach dort einhaken, wo sie auseinandergegangen waren, weil … sie sich beide verändert hatten. Ihre vormalige Beziehung war die zwischen einem Bruder und seiner kindlichen Schwester gewesen. In dieser hatte sie ihm bedingungslos vertraut, zu ihm aufgeblickt und ihm bedenkenlos alles erzählt, was ihr gerade durch den Kopf ging, weil man als Kind seine Worte eben nicht abwägt. Aber jetzt war sie kein Kind mehr – und konnte mit ihm auch nicht mehr so reden, wie sie es als Kind getan hatte. Das war eigentlich logisch, fühlte sich für sie jedoch seltsam an. Für ihn vermutlich auch.


    Insofern war sie ganz froh, dass ihre Mutter wieder hereinkam und es um Essen und andere Dinge ging. Endlich erzählte Hadamar nun auch von Cappadocia und wie es dort gewesen war. Darüber vergaß Dagny ihre Gedanken tatsächlich und ihre Augen begannen zu leuchten, als sie sich all die Dinge vorstellte, die er dort gesehen und erlebt hatte. Es war eine andere Welt und wie immer, wenn sie so etwas hörte, wurde sie ein bisschen wehmütig. Sie liebte ihre Heimat und ihr war klar, dass sie sie wahrscheinlich nicht verlassen würde. Sie wollte auch eigentlich nicht, aber ein Teil von ihr wünschte sich durchaus, zu reisen und all die Dinge zu sehen, die sie nur aus Erzählungen kannte.


    Nach dem Essen verabschiedeten sie sich von ihrer Mutter. Dagny ging zuerst nach draußen. Einmal, um schnell wegzukommen, ehe ihre Mutter auf die Idee kam, ihr Essen mitzugeben und natürlich, um ihr und Hadamar ein bisschen Zeit zu gönnen. Sie holte die Pferde, die sie untergestellt hatten und irgendwann waren sie schließlich unterwegs zum See. Den Weg kannte Dagny fast im Schlaf, so oft hatte sie ihn schon zurückgelegt. Gerade im Sommer war sie oft dort gewesen, es war eine Art Fluchtpunkt, wenn man mal seine Ruhe haben wollte. Im letzten Jahr hatte sich das allerdings geändert. Einmal, weil es so viele andere Dinge gegeben hatte, die das Leben der Familie in Aufruhr versetzt hatte, aber auch, weil Gerüchte über Unruhen bei den freien Stämmen die Runde gemacht hatten – und sie dann nicht allein der Gegend herumlaufen sollte. So betrachtete sie also die kahlen Bäume am Wegesrand, den leeren stillen Winterwald und fragte sich, ob dies wirklich die Ruhe vor dem Sturm war. Am Horizont wurde bereits die graue Oberfläche des Sees sichtbar. Nachdem sie den Großteil des – zugegebenermaßen kurzen – Rittes schweigend zurückgelegt hatten, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, ergriff Dagny wieder das Wort. „Es ist doch eigentlich ganz gut gelaufen nachdem die erste Überraschung überwunden war. Ich denke, sie freut sich, dich nun öfter zu sehen.“ Und dann: „Wieso wolltest du eigentlich zum See?“

  • Auf der einen Seite war Hadamar froh, dass Dagny schon mal voraus ging – auf der anderen nicht. Noch ein paar Momente mit seiner Mutter allein zu sein, in dem Wissen keine Zuschauer zu haben, das... war einfach noch mal was anderes. Nicht zuletzt weil er sich natürlich vor anderen Augen, selbst wenn es Dagnys waren, anders verhielt. Versuchte seine Rührung zu verbergen, und so was, weil es ihm doch ein bisschen peinlich war, wie nah ihm das selbst ging, sie wiederzusehen, nach all der Zeit und nach der Entwicklung, die er genommen hatte. Allerdings ließ sich manches auch leichter abwehren, wenn man es nicht alleine machen musste. Das Essenspaket beispielsweise, das sie ihm aufdrängte. Als er schließlich nach draußen kam, hatte er gefühlt zumindest genug dabei, dass er sich für ein paar Tage in den Wald schlagen konnte damit, ohne sich um Hunger Gedanken machen zu müssen. Und es half auch nichts, dass er ihr ein ums andere Mal versicherte, dass er gerade jetzt als Centurio auch nicht mehr nur auf den einfachen Legionsfraß angewiesen war.


    Er nickte Dagny dankbar zu, die bereits die Pferde geholt hatte, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum See – den er ähnlich wie den Weg hierher noch mal um einiges besser in Erinnerung hatte als den Rest. Wie oft war er früher hier draußen gewesen? Wie viel Zeit hatte er an diesem See verbracht, mit einer Weidenrute ins Erdreich gesteckt, weil Angeln für ihn immer nur eine Ausrede gewesen war, während er dann geschwommen war oder um den See gestreift oder einfach nur im Gras gelegen hatte... oder, nun ja, körperliche Betätigung der anderen Art genossen hatte, mit Runa. Oder im Winter, wo er regelmäßig herausgekommen war, auch mit seinen Geschwistern so wie jetzt mit Dagny, um zu schauen ob das Eis endlich hielt und sie sich drauf wagen konnten. Jetzt war das noch nicht der Fall, dafür war es noch nicht lange genug kalt genug gewesen, aber das war ja nicht der Grund gewesen, warum sie herkamen. Noch nicht mal dass dieser See für ihn eine besondere Bedeutung hatte war der Grund gewesen, auch wenn er jetzt, wo er sich ihm näherte, wo er ihn schon sehen konnte durch die Bäume hindurch, feststellte, dass es eine gute Idee gewesen war herzukommen. Es tat ihm in der Seele gut, diesen Ort zu sehen, auch wenn es ihn sonst hier weniger zu bestimmten Orten als vielmehr zu bestimmten Menschen zog.


    Er nickte leicht auf Dagnys Worte hin, sagte aber nichts darauf. Er wusste nicht genau was, ohne dass ihm die Rührung anzumerken gewesen wäre, die ihn vorhin noch mal ergriffen hatte und die er immer noch irgendwie spürte, gerade in diesem Moment wieder ein wenig mehr, wo auch der See etwas in ihm zum Klingen brachte. Etwas wie... Heimweh. Was merkwürdig war, bedachte man, dass er doch jetzt endlich wieder daheim war. Aber irgendwie... irgendwie war es fast so, als ob hier ein bisschen durchbrach, was er sich in den letzten Jahren immer versucht hatte zu verbieten, weil jetzt kein Sinn mehr darin bestand, es zu verdrängen. Er war ja da. Aber die Sehnsucht, die er in den letzten Jahren gespürt und die er sich so selten wirklich erlaubt hatte zu empfinden, die war auch noch da, und forderte ihr Recht ein sich zu entfalten, bevor sie sich stillen ließ.


    Er ließ sich langsam vom Pferd sinken, als sie den Wald hinter sich ließen, und näherte sich dem Ufer zu Fuß, das Tier am langen Zügel hinter sich her führend. „Eh“, machte er, nicht recht wissend was er auf die Frage sagen sollte, und räusperte sich. Er hatte eigentlich nicht sagen wollen, dass sie der Grund war. Aber gefangen in der Sehnsucht, die so plötzlich in ihm aufwallte, schien es grundfalsch zu sein, seine kleine Schwester anzulügen. „Ich wollt ehrlich gesagt noch ein bisschen Zeit mit dir verbringen. Also, allein, nur wir zwei.“ Was er sich dann doch verkniff, war der Kommentar, dass er den Eindruck gehabt hatte sie könnte das brauchen. Er wusste ja nicht, ob das wirklich so war, und wenn es stimmte, dann wusste er nicht, ob er ihr das bieten konnte, was sie brauchte. Er konnte es nur versuchen. Für einen Moment sah er zu ihr hinüber, und er machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem leisen Lachen und einem Seufzen lag. „Aber jetzt, wo ich hier bin, stell ich fest, dass ich auch den See selbst sehen will. So viele Erinnerungen hier... ich hab das Gefühl ich merk erst jetzt so wirklich, wie sehr ich das alles vermisst hab. Weißt du noch, wie ich dir hier schwimmen beigebracht hab?“ Jetzt flog ein leichtes Grinsen über sein Gesicht.

  • Dagny blickte auf die graue Wasserfläche, die völlig still dalag. Wenn man nicht genau hinsah, könnte man sich einbilden, dass sie bereits zugefroren sei. Dagny fand es schade, dass sie es nicht war, denn sie wäre gerne halb laufend, halb schlitternd genau zur Mitte des Sees gelangt wie sie es als Kind öfters getan hatte. Dann war sie sich immer vorgekommen, als stünde sie am Mittelpunkt des Universums, weit weg von den Bäumen und doch irgendwie im Zentrum des Waldes, im Blick von allem und gleichzeitig alles im Blick. Als sie nun die stumme Wand aus kahlen Baumstämmen anblickte, vermeinte sie, etwas Bedrohliches zu spüren. Das mochte Einbildung sein, Dagny hatte trotz ihrer zweifelsfrei lebhaften Fantasie nie zu den Menschen gehört, die sich eines übernatürlichen Gespürs rühmten. Vielleicht war es der Gerüchteküche geschuldet, die nicht aufhören wollte zu brodeln, und aus der es hieß, der nun mehrere Jahre anhaltende Frieden sei dabei, empfindliche Risse zu bekommen.


    Dagny wandte sich von den Bäumen ab und Hadamar zu. Genau wie er saß sie ab und ging zum Ufer hinunter, so nahe, dass ihre Stiefelspitzen beinahe das Wasser berührten. Als Hadamar schließlich den Grund seines Hierseins am See erklärte, blickte sie überrascht auf. Sollte das jetzt eine Fortführung des Gespräches von eben sein? Dann wäre das schneller gegangen, als sie es sich ausgemalt hatte. Dann lächelte sie, als er den Ort selbst erwähnte und seine Erinnerungen, die damit verknüpft waren. „Natürlich erinnere ich mich. Du sagtest, ich wäre ein Naturtalent, dabei habe ich so viel Wasser geschluckt, dass es an ein Wunder grenzt, dass der See überhaupt noch Wasser führt.“ Sie zwinkerte ihm zu. Natürlich übertrieb sie. Sie war damals sehr stolz auf sich selbst gewesen, wie gut sie doch schwimmen konnte, aber mit den Jahren hatte sie immer stärker geargwöhnt, dass Hadamar damals ein wenig nachgeholfen hatte. Was den Lernprozess vermutlich ziemlich beschleunigt hatte. „Aber letztendlich hat es mir viele schöne Sommer beschert, die ich im See verbringen konnte und nicht bloß an seinen Ufern.“ Wieder blickte sie auf die stumme Wasseroberfläche, die im Winter so anders war als im Sommer, jede auf ihre Art schön. „Eigentlich schade, dass der See keinen Namen hat. Ich finde, er sollte einen haben …“


    Kurz überlegte sie, einen abrupten Themenwechsel vorzunehmen und ihn auf die Kriegsgerüchte anzusprechen, aber im Grunde hatte sie das bereits auf dem Weg zum Gestüt gemacht und keine sonderlich aufschlussreiche Antwort erhalten. Vielleicht, weil Hadamar wirklich nicht viel wusste, so lange war er auch noch nicht hier. Und wenn er etwas wüsste, würde er kaum mit ihr darüber sprechen. Dagny unterdrückte ein Seufzen. Sie fragte sich, warum Männer immer meinten, das hätte sie nicht zu interessieren. Immerhin würde sie im Zweifelsfall die Konsequenzen genauso zu spüren bekommen. „Wie lange bist du eigentlich noch bei der Legio? Es kommt mir so vor, als wärst du schon sehr lange dabei.“ Vielleicht waren die Jahre, die er abzuleisten hatte, demnächst rum. „Und hast du Pläne für die Zeit danach?“

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!