Cubiculum | Aulus Flavius Piso

  • Piso war nach der schicksalshaften Opferung den Quirinal hochgefegt, durch das Eingangstür zur Villa Flavia gerannt und in sein Zimmer wie nichts. Er knallte die Türe zu, und begann in seinem Zimmer, auf und ab zu rennen. Dabei stieß er wunderliche Laute aus, die wie “Aiaiaiaiaiaiaiaiaaaaaaah!“ klangen. Dann und wann war auch ein Grunzen zu hören und ein “Uuuuuuuooooooommm!“. Der Flavier ließ sich aufs Bett fallen, hielt es dort gerade mal ein paar Sekunden aus, hüpfte auf und suchte dann sein Heil unterm Bett. Ja, er schlüpfte unters Bett hinein. Doch nachdem er eine halbe Minute lang unterm Bett gelegen war, schob er sich wieder raus und ließ sich zu ein paar ziegenbockartigen Sprüngen verleiten, in deren Folge er sich an seinem Schreibtisch mit dem Schienbein anhaute. “Ach du verdammte Schhhhhh...“ Er hielt sich am schmerzenden Bein und haute dabei mit der Linken auf seinen Schreibtisch, dass dieser nur so bebte.
    Dann sprang er auf den Schreibtisch, und von dort aus aus dem Fenster heraus.
    Ein dramatischer Flug von etwas mehr als einem Fuß erfolgte, und Piso fand sich im Garten stehend. Er ächzte und kletterte durchs Fenster zurück in sein Zimmer, wo er sich dann entgültig auf seinem Bett sinken ließ und tief ein- und ausatmete. Was würde er nun tun? Er hatte keinen Plan mehr.
    Er hatte nur noch mehr IHR Gesicht vor Augen.

  • Und genau zu diesem Moment trug es sich zu, dass in das Zimmer des betrübten Flaviers zwei Sklaven stießen, natürlich ohne anzuklopfen. Gerade eben waren Artomaglos und Semiramis angekommen. Der Kelte hatte den Wagen in aller Herrgottsfrühe, vor dem Sonnenaufgang, in die Stadt hineinkutschiert, und hatte ihn dann fachmännisch verstaut. Semiramis‘ Gezicke hatte er, wie üblich, total ignoriert, hatte schon eine erstaunliche Routine darin bekommen, ihre nervige Stimme einfach nicht wahrzunehmen. Überhaupt hatte er sich dazu entschlossen, sie einfach nur wie Luft zu behandeln – es geschah höchstens ein paar Male, dass er ihr ganz unverhohlen auf die Brüste oder auf den Hintern starrte. Nun, Artomaglos war noch nie ein Mann gewesen, der für Signale von außen besonders empfänglich war. Am Liebsten hatte er es, wenn man ihn in Ruhe ließ und ihm seinen Kram machen ließ. Was er mochte, das war prügeln, das war eine feine Geschichte, und nützlich, hatte ihn das Leben doch gelehrt, dass man mit brachialer gewalt weiter kommt als mit gutem Zureden, was besonders der Fall war, wenn einen sowieso keiner verstand. Dabei hatte er sich in letzter Zeit eh besondere Mühe gegeben. Aber mache Wappler machten einen ganz auf verständnislos, denen musste man es einfach mit den Fäusten einreiben.
    Als er nun alles versorgt hatte, hatte er Semiramis am Arm ergriffen und sie mit sich zu Pisos Zimmer geschleppt, in welches er nun eintrat. “Herr? Mir sind z’ruck!“ Stolz klang seine Stimme, doch dann fiel sein Blick auf den Flavier, der, ohne sich zu rühren, auf seinem Bett lag und todunglücklich dreinschaute. Artomaglos zuckte die Achseln. Wos mocht der? Is‘ er ein Wappler, oder wie?, schien sein Blick auszudrücken. Er drehte sich zu Semiramis. “Du, red du mit eahm.“ Er versetzte Semiramis‘ Hintern einen recht groben Klaps und schob sie dann nach vorne. Frauen konnten das doch. Mit dem Reden und so. Artomaglos war darin nicht so gut, wie insgesamt mit Gefühlen und dem Gefühlsleben anderer nicht.

  • Die letzten Wochen, in denen sie unterwegs gewesen waren, war für die Syrerin der reinste Alptraum gewesen. Sie hatte gelernt, Arodingsbums (seinen richtigen Namen konnte sie sich immer noch nicht merken, oder besser gesagt, sie wollte ihn sich nicht merken) weitestgehend zu ignorieren, was ihr immer öfters gelang. Glücklicherweise war er bisher nicht über sie hergefallen und ihr Gewalt angetan, sah man mal von den widrigen Umständen in der Absteige in Mogontiacum ab. Ein wenig hatte sie sogar von seiner seltsamen Sprache aufgeschnappt. Zu sprechen traute sie sie nicht, weil sie fürchtete, sich dann vollends zum Deppen zu machen.
    Ja, jetzt waren sie wieder zurück in der Zivilisation. Semiramis freute sich schon auf ihr Strohlager in der Sklavenunterkunft. Wenigstens gab es dort kein Ungeziefer. Und wenn, dann nur solches mit sechs Krabbelbeinen, aber keines mit Fell, Nagezähnen und einem langen Schwanz.
    Ihr erster Gang, nachdem sie die porta der Villa Flavia durchschritten hatten, war der zum cubiculum des Irren, wie Semiramis liebevoll ihren Herrn nannte. In Wirklichkeit konnte sie diesen dämlichen Idioten nicht leiden, und höchstwahrscheinlich er sie auch nicht.
    Irgendetwas war ihm über die Leber gelaufen, so wie er sich gab. Er lag auf dem Bett und zog ein Gesicht, wie drei Tage Regenwetter. Semiramis kümmerte das wenig, solange er sie nicht ansprach, beachtete sie ihn kaum. Erst als sie einen Klaps auf ihrem Hintern spürte und nach vorne geschoben wurde, änderte sich das. "Mach das nochmal, du Holzdepp und du bereust es! Klar?" zischte sie leise Artomaglos zu. Ihr war natürlich nicht genau klar, inwiefern er das bereuen würde, aber ihr fiel schon was ein. "Was soll ich den sagen?" Semiramis war in diesen Dingen doch recht unbeholfen, gerade dann, wenn es um den irren Piso ging.
    "Was ist los mit dir? Bist du immer noch krank oder schon wieder?" Zugegebenermaßen war dies nicht besonders einfühlsam. Aber vor ihr saß ja auch kein kleines trauriges Mädchen, sondern ein ausgewachsener Kerl. Diese degenerierten Römer, dachte Semiramis verächtlich.

  • In seiner Apathie merkte der arme Flavier nicht einmal, dass die Türe aufgemacht wurde und eine ziemlich rustikale Vorstellung ihm entging, weil er nur mit geschlossenen Augen da lag und nur noch an sie denken konnte. Er hasste sich selber. Am Liebsten hätte er Kissen genommen und damit auf sich eingeschlagen, nur wäre das wenig effektiv gewesen. Es musste doch eine ästhetischere Variante geben, den ganzen Frust loszuwerden! Er glaubte das ganze einfach nicht. Es war wie in einem schlechten Traum. Er hatte die Liebe gefunden, endlich wieder. Und sie wurde ihm vorenthalten, von diesem Aurelius – Piso spielte schon ernsthaft mit dem Gedanken, sich ein Bild von dem anfertigen zu lassen und es für Messerwurfübungen zu benutzen.
    Er wurde erst aus seinem Delirium aufgeschreckt, als er eine gar bekannte Stimme hörte. Semiramis, seine syrische Sklavin. Er fuhr hoch und blickte sie mit großen Augen an. Neben ihr stand Artomaglos und grinste fröhlich, spitzbübisch gar, Semiramis schien alles andere als erfreut und blaffte ihn an, dass es nur noch zum Verzweifeln war.
    Piso blickte ungläubig auf die beiden und schüttelte dann langsam seinen Kopf. “Ich glaub, ich bin im falschen Film“, brachte er hervor. Die beiden Sklaven, die er nach Germanien losgeschickt hatte, waren wieder da – genau jetzt, genau zu seiner düstersten Stunde!
    “Krank, ja, bin ich wohl. Schon wieder...“, murmelte er dann endlich als Antwort, bevor er sich wieder der Länge nach ins Bett fallen ließ. “Oh... oh... auweia... ach... hach, Semiramis. Du weißt doch gar nicht, was echte Liebe ist, wie sie sich anfühlt, wie sie schmerzen kann!“, jammerte er mit heruntergezogenen Mundwinkeln.
    Er drehte sich im Bett um die eigene Achse, unfähig, eine Position zu finden, in der er sich verkriechen und die Welt aussperren konnte. Alles war so übel! Er konnte es kaum fassen!
    Er holte tief Luft. “Ach... ach ihr Götter... grngrgnagrgl... gurgel... uiuiuiui...“ Da ging sie den Bach hinunter, die Eloquenz des Flavius Piso.

  • Da lag er nun, dieses Würstchen, dies halbe Portion, Roms Glanz und ruhmreiche Zukunft. Wer wollte den schon freiwillig haben? Aber wenn es genug verweichlichte Römer gab, muße es logischerweise auch das passende weibliche Pendant dazu geben, sonst hätten sie sich niemals so ausbreiten können. So waren Semiramis´ Gedankengänge, die zugegebenermaßen gelegentlich recht einfach gestrickt waren.
    Da brummelte er etwas hervor, oh Wunder er war noch des Sprechens mächtig, auch wenn die Syrierin nur "Bahnhof" verstand, von dem sie selbstverständlich auch noch nie etwas gehört hatte.
    "Äh, was hat er gesagt?", fragte sie Artomaglos, der zweifellos der Fremdsprachenspezialist unter den Dreien war.
    Das Murmeln ging weiter. Na bravo, er war schon wieder krank! Da konnte sie sich ja auf etwas gefasst machen. Sie sah sich schon dabei, wie sie eitrige Verbände wechseln und sich mit übel riechendem Auswurf beschäftigen mußte. Einfach widerlich!
    Aber dann schaffte der Flavier etwas Klarheit. Semiramis war es gelungen, die wichtigen Teile seines Gesprochenen vom Gejammer zu trennen und heraus kam die Botschaft, daß er ganz offensichtlich verliebt war und die Angebetete hatte ihm offenbar den Laufpaß gegeben. Wer hätte ihr das verübeln können!
    "Ach, nein! Der ist gar nicht krank, der macht nur so! Er ist nur v e r l i e b t !", meint sie dann besonders feinfühlig in Artomaglos Richtung und kicherte auch noch, wie ein kleines Mädchen dabei.
    Die Annahme des Flaviers, die Syrierin hätte noch nie etwas von wahrer Liebe gehört, ließ sie dann glücklicherweise auch wieder verstummen.
    "Logisch, war ich schon mal verliebt! Und wie! Er hat mir jeden Tag rote Rosen geklaut und mir ständig ins Ohr gesäuselt, wie sehr er mich liebt. Und dann sind wir weiter gezogen und ich war ihn los. Der großen Mutter sei Dank!" Es war natürlich fraglich, ob man hier von beidseitigen Gefühlen für einander sprechen konnte, doch das war Semiramis erste Begegnung mit der Liebe. Der alte Aziz hatte ja ständig ein Auge auf sie gehabt und sobald sich ein potentieller Verehrer am Horizont zeigte, wurde der meist erfolgreich in die Flucht geschlagen.

  • Als Piso wieder aufblickte, sah er zuerst einmal wieder nur das Grinsen von Artomaglos, der es gar nicht wagte, den Mund aufzumachen, da er sonst in schallendes Lachen ausbrechen könnte. So blieb also auch Semiramis‘ Frage unbeantwortet. Stattdessen konnte sie sich aber nun weitere orale Ergüsse ihres geliebten Herren anhorchen. “Du hast ein Herz wie aus Stein! Was sagst du da, du hast schon mal geliebt!“ Er wurde auf einmal zornig. Er war verzweifelt, in einer abysmalen Laune, halb suizidgefährdet, fühlte sich elend. Er brauchte ein Ventil. Und Semiramis kam da gerade recht für ihn. Er setzte sich auf, mit einem Ruck, auf einmal, als ob er ein durch eine Feder angetriebenes Aufstehmännchen wäre, und stierte sie an.
    “Jawohl! Magna Mater sei Dank! Ihr sei Dank, dass ihr weiter gezogen seid, für diesen Kerl! Der muss einem ja Leid tun! Einem so grausamen Ding wie dir Blumen schenken, pah! Ich schenk dir auch gleich was! Rote Rosen, ich geb dir auch rot!“ Die Fäuste des in einem ungeahnten Ausmaß von Cholerik ausbrechenden Piso wirbelten in der Luft herum, ohne was zu treffen. Konträr zu seinen Drohungen stand er allerdings nicht einmal auf, sondern blieb in seinem Bett so hocken, als hätte er einen bis zur Hüfte reichenden Stock geschluckt, aber ein unerträglich schweres Gewicht in seinem Hintern, welches seinen Allerwertesten am Bett festhielt. Seine Wangen liefen vor lauter Zorn pink an, und seine Augen wurden rot unterlaufen.
    “Ich...“ ...krieg jetzt gleich einen Herzinfarkt, wollte er sagen, allerdings ging ihm die Luft aus, und er sackte auf einmal nach vorne, wie ein von Luft voller Kuhpansen, den man aufgestochen hatte.
    “Ich hasse mich, ich hasse euch, ich hasse die ganze Welt! Ich bin den ganzen Zirkus so was von Leid. Ich kann es gar nicht sagen.“ Er blickte sie verzweifelt an, gar, als erwartete er sich, dass seine Sklavin eine Idee hatte, die ihn aus seiner Trauer reißen konnte.
    “Ihr...“ Er ließ den Kopf hängen und senkte seine Stimme. “Ach... es ist alles so kompliziert...“ Wenn man nun sagen würde, er war kryptisch, war das wohl ein höfliches Understatement. Aber gegenüber einfachen Sklaven würde er sicher nichts sagen, was sein Herz berührte.
    “Scheiß drauf. Artomaglos, du geh und lass dich von Astarte entlausen.“ Artomaglos, der der stolze Besitzer einer Horde von Läusen in seinem Bart war, nickte und ging ab, zur Ornatrix, die so gut entlausen konnte wie niemand sonst. “Und du, Semiramis, richte mir was zu Essen. Ich bin hungrig. Wehe, du schüttest mir was rein.“ Er kannte seine Pappenheimer schon. “ABER DALLI, SONST LASS ICH DICH INS LOCH SCHMEISSEN!“ Nach diesem abermaligen Gefühlsausbruch ließ er sich wieder zurücksinken und murmelte nur noch einsam vor sich hin. Er rief die Götter an, einen nach den anderen, er ließ nur Venus aus.

  • Die Syrerin wich bei Pisos plötzlichem Ausbruch ängstlich zurück. Sie fragte sich, was ihm wohl über die Leber gelaufen war, damit er so angefressen war. Das konnte doch unmöglich nur ihre Anekdote aus ihrem früheren Leben gewesen sein. Aber da sie ihn ja sowieso für total verrückt hielt, maß sie dieser Frage nicht allzu viel bei. Man hätte sogar fast denken können, Piso sei eine Frau, denn die Gefühlsschwankungen die ihn agieren ließen, waren ihrer Meinung sehr stark und Semiramis wußte, wovon sie sprach, wenn sie darüber gesprochen hätte, denn schließlich war sie ja eine Frau, mit eben diesen Gemütsschwankungen.
    Ja, ja, er hasste sich und er hasste den Rest der Welt. Mit ersterem war er sicher nicht allein gewesen. Aber trotzdem, als Piso wieder zu jammern anfing, hatte sie sich beinahe erweichen lassen. Sie suchte schon nach einigen geeigneten Worten des Trostes, auch wenn sie es immer noch nicht kapiert hatte, weshalb er so mieser Stimmung war. Er aber gab ihr nicht einmal die Gelegenheit dazu, sich zu artikulieren, geschweige denn ihr wahres Ich zeigen zu können.
    "Typisch Römer," murmelte sie stattdessen nur beleidigt, als er sie anblaffte und ihr damit drohte, sie ins Loch zu schmeißen. Mit einem "Blöder Depp," welches sie so leise von sich gab, daß es unmöglich jemand gehört haben konnte, verließ sie rasch Pisos cubiculum, um etwas eßbares für ihn zu finden, denn diesem Gefühlsverirrten konnte man alles zutrauen.

  • Kaum war Semiramis aus seinem Zimmer entschwunden, etwas verängstigt, beleidigt womöglich, blickte Piso ein paar Sekunden lang zur zugegangenen Tür, atmete tief ein und aus. Irgendwie behandelte er sie schon ungerecht. Aber er hatte in ihren Augen etwas gesehen, was jedem Sklavenhalter gefiel. Angst. Er hatte ihr Angst eingeflösst. Durch seine Drohung. Durch seinen Ausbruch. Durch sein schwankendes Gemüt, welches durchaus typisch für ihn war, was vielleicht mit ein wenig Metrosexualität auf seiner Seite zusammenhing. Er setzte sich wieder auf und stierte ins Leere. In die endlos erscheinde Leere. Kurz musste er an Verus denken. Stets hatte er ihn für einen Melodramatiker gehalten, der übertreib. Aber jetzt war es vielleicht doch anders.
    Irgendwie tat Semiramis ihn nun doch Leid. Sie kam nach so einer langen Reise zurück und das einzige, was sie sah, war ein grantiger Herr, der sie mit Beschimpfungen überschüttete. Er konzentrierte das Hirn. Was war die geeignete Dosis von Gefühlen gegenüber Semiramis? Wenn er zu weich war – und bisher war er das bei den Göttern nicht gewesen – würde sie ihn entweder hassen oder fürchten. War er wirklich zum Fürchten? Bei Furianus wäre das anders, aber er, Piso, war halt ein paar Ligen darunter. Was, wenn er mit Semiramis, der kleinen Syrerin, etwas weniger gemein vorging? Nun, sie würde sich hinter seinem Rücken schief lachen! Vielleicht. Was also sollte er tun? Er kam zu gar keinem rechten Ergebnis, immer, wenn er zu einem Gedanken ansetzte, kam ihm die Erinnerung an die Aurelia dazwischen... wie sie sich angefühlt hatte, wie sie geschmeckt hatte, all dies. Er sackte wieder zurück und blickte elendiglich in die Weltgeschichte. Beziehungsweise auf die Decke, die über seinem Bett war. Sein Blick fiel nach links, wo die altbewährte Büste des Kaisers Titus stand. Er hatte sie schon ewig, die Büste des für ihn größten Kaisers aller Zeiten. Titus, Titus Flavius Vespasianus Minor. Was hätte er wohl getan? An seiner Stelle? Nun, sicher hätte es Piso geholfen, wäre er ein Kaiser, und nicht nur ein Septemvir, der erst einmal die erste Stufe im Cursus Honorum hinter sich hatte.
    “Sauübel...“, murmelte er und würgte ein paar Male, doch er brach nicht – welch Wunder, hatte er doch die längste Zeit nichts zu Essen gehabt. Wann würde Semiramis zurückkommen? Er fragte sich dies wirklich. Er musste auch daran denken, dass es eigentlich ein seltsamer Befehl gewesen war – er fühlte sich nicht wirklich hungrig.

  • Leise fluchend hatte sich die Syrerin ihren Weg zur Küche gesucht. Nachdem sie nun wochenlang unterwegs gewesen war, mußte sie sich erst wieder orientieren, damit sie nicht falsch abbog und statt in der Küche im Zimmer einer der Herrschaften zu landen. Außerdem war sie unglaublich müde und erschöpft. Liebend gern hätte sie sich nun zum schlafen gelegt, statt dem Flavier etwas zu essen zu richten.

    Nachdem sie zu guter Letzt auch noch eine Abfuhr vom Koch erhalten hatte, weil sie es gewagt hatte, ihn noch zu so später Stunde beanspruchen zu wollen, war der Abend perfekt! Man konnte der guten Semiramis ja so einiges zumuten, doch irgendwann war die Grenze dessen, was erträglich war, erreicht. Semiramis war nur noch ein ganz kleines Stückchen von dieser unsichtbaren Grenze entfernt. Sie hätte sie bereits riechen können, wäre das Gespür ihrer Nase nicht in den letzten Wochen aufs übelste missbraucht worden. Mit Artodingsbums durch die Lande ziehen zu müssen und ihn Tag und Nacht um sich haben zu müssen, war eine echte Herausforderung gewesen. Wahrscheinlich die größte, seitdem sie nach Rom gekommen war. Da blieb eben so manches auf der Strecke.


    Miesepetrig trat sie mit vollbeladenem Tablett den Rückweg an. Die Tür zu Pisos cubiculum stieß sie einfach nur ungestüm mit ihrem Ellenbogen auf, da ihre beiden Hände das Tablett festhalten mußten. Und nachdem sie eingetreten war, gab sie derselben einen unsanften Tritt mit ihrem Fuß, damit sie krachend zufiel.
    "Wohin damit?", fragte sie mürrisch und deutete mit dem Kinn auf das Tablett in ihren Händen. Vorsorglich sah sie sich schon einmal um, wo sie ihr Tablett mit dem Essen abstellen konnte, falls der Flavier erneut in sphärischen Untiefen bewegte und von der Realität nichts mitbekam. Sie hatte bestimmt keine Lust, als lebender Tabletthalter zu fungieren. Sie war müde und erschöpft und träumte nur noch ihrem warmen ungemütlichen Plätzchen in der Sklavenunterkunft, die keinen Deut besser war, als das, was sie in den letzten Wochen auf ihrer Reise gehabt hatte.

  • Es dauerte einige Zeit (:D), bis Piso reagierte auf Semiramis‘ Frage. Er wähnte sich im Jammertal. Er fühhlte sich elend, mies, sein Zustand wurde allen schrecklichen Eigenschaftswörtern gerecht, die es geben konnte. Er biss sich in die Unterlippe, bevor er aufsah. Sein Gesicht war noch kalkweißer als vorher. Man sah ihm an, was für Herzenskrämpfe er durchmachte.
    “Egal. Irgendwo. Irgendwo einfach“, machte er ohne große Gesten oder überbetonender Stimme, was seltsam war, wenn man seine typische Praxis, wie er mit den Sklaven umging, betrachtete.
    Er wandte erst jetzt sein Gesicht Semiramis zu. Sein trauriger, deprimierter Blick suchte ihre Augen. “Du... Semiramis... es tut mir Leid, dass ich dich vorhin so angebrüllt habe. Das war nicht in Ordnung. Tschuldigung.“ Nach seiner absolut unwahrscheinlich erscheinend gewesenen Entschuldigung ließ er sich wieder ins Bett fallen.
    “Komm, bitte... und massiere mich, nur ein kleines bisschen... mir tun alle Knochen im Leibe weh, als ob man mich verprügelt hätte.“ Ein bittender Blick traf die Syrerin.
    Pisos Verhalten war wohl für jeden, der ihn kannte, mehr als nur merkwürdig. Aber das Problem war – Piso hatte sein herz noch nie in diesem Ausmaß verloren. Serrana, ja, das war ein eigener Fall gewesen. Es tat immer noch ein kleines bisschen weh, an sie zu denken. Aber Prisca... das war etwas komplett anderes. Es war etwas, was von den Göttern gestützt und angetrieben wurde. Serrana war einfach nur ein nettes Mädchen gewesen – Prisca war die, die für ihn bestimmt war. Da war er sich ganz, ganz sicher. Nur, ob sie das mit der gegenseitigen bestimmung auch wusste? Ach, diese Ungewissheit!
    Er lag nur noch da und wartete darauf, dass Semiramis tat wie befohlen... nein, in diesem Fall konnte man fast sagen, wie gebeten.

  • Da es nach Pisos Worten eh Wurscht war, was sie machte und wie sie es machte, setzte sie das Tablett irgendwo krachend auf. Genauergesagt fand es seinen Platz auf einem Tischchen, welches bislang irgendwelche Papyri beherbergt hatte. Ob diese nun wichtig waren oder nicht, war der Syrerin herzlich egal. Hauptsache irgendwohin mit dem Tablett und dann ab durch die Mitte, direkt in die Sklavenunterkunft zum schlafen. Ja, genau, so hatten Semiramis´ Pläne für den Rest des Abends ausgesehen. Daß allerdings dann dieses süße Herumgeplänkel des Flaviers dazwischen kam, hätte auch wirklich niemand ahnen können. Tja, Piso verstand es, seine Mitmenschen (auch wenn es in diesem Fall nur eine arme, bemittleidenswerte Sklavin war) immer wieder zu überraschen.
    Beinahe, aber auch wirklich nur beinahe wäre sie ihm auf den Leim gegangen, denn genau nach diesem Mitgefühl war sie doch die letzten Wochen auf der Suche gewesen. Nur etwas Verständnis oder ein gutes Wort, wenigstens eines! Dummerweise waren die Mitleidsbekundungen Pisos Mund entwichen. Statt diese zu genießen und sich nun für einen Moment wenigstens in den Arm genommen zu fühlen fragte sie nur unwirsch: "Was willst du?" Kritisch beäugte sie den Flavier, der eine exzellente Besetzung für den sterbenden Schwan abgegeben hätte.
    Das diese kleine Freundlichkeit lediglich auf Eigennützigkeit beruhte, daraus machte er gar keinen Hehl. Massiert werden, das war es, was er wollte! Nur massiert werden. Jammerlappen, dachte Semiramis bei sich. Dies laut auszusprechen, traute sie sich natürlich nicht. Ein wenig Respekt hatte sie doch vor ihm. Daß er sie dann ins berühmtberüchtigte Loch werfen lassen würde, davon ging sie ohne zu zögern aus.
    Selbstredend hatte die Syrerin vom Massieren genau so viel Ahnung, wie ein Frosch vom Fliegen. Aber wenn er sie schon so jämmlich bat. "Wo tut´s denn weh?" , fragte sie ihn schließlich, sie war ja gar kein Unmensch, nicht mal dann, wenn es um Piso ging.

  • Das Tscheppern veranlasste ihn nicht einmal mehr dazu, aufzuzucken. Es war ihm schon wurscht. Lethargisch lümmelte er in seinem Bett rum. War nicht alles schon wurscht? Er spürte noch immer den Teil der Wange, den Prisca geschlagen hatte. Fast wie betäubt war er ob dieses Gedanken. Er hatte keinen Hunger mehr. Er betrachtete nicht einmal das Essen, was sie organisiert hatte, registrierte nicht einmal mehr, was dort drinnen war.
    Gleichzeitig hörte er auch das distinktive, vom Purzeln anderer Schriftstückarten unterscheidbaren Purzeln von Papyri – ah, seine unfertigen Dichtungen. Nicht mehr wichtig. Nichts mehr war wichtig.
    Semiramis schien seine freundlichen Worte gar nicht zu goutieren, und als sie ihn fragte, was er wollte, sagte er auch natürlich, dass er massiert werden wollte. Wenn man schon so direkt fragte...
    Auf ihre Frage hin, wo denn genau dies stattfinden sollte, zuckte er die Achseln. “Weh tut es mir hier“, murmelte er und deutete auf den linken Teil seines Brustkorbes. Ach, was hätte er jetzt gegeben für eine herzallerliebste, verständnisvolle und nicht ständig grantigen Sklavin! Doch da war er bei Semiramis fehl am Platz. Dabei war sie nicht einmal allzu aufmüpfig. Nein, sie war nur gemein zu ihm. Buhuhuhu! Wie gemein die Welt war, dachte sich Piso, während seine Mundwinkel absackten, so wie seine Schultern.
    “Ach, massier einfach meine Schultern.“ Er drehte sich um, sodass nun Semiramis sich der Rücken des Flaviers darbot. “Bitte.“ Vielleicht würde sie sich weniger zieren, wenn er sie gebeten hatte.
    Während er nun also auf eine sachgerechte Behandlung wartete, entfuhren ihm mehrere mehr oder minder unbewusste Seufzer, die den Raum durchfluteten und eine wahre Qual für Semiramis sein mussten. Manche davon klangen wie Todesgewimmer, manche, als ob Piso einen Latrinengang tätigen würde.

  • Ah ja! Der Wurstel hatte Liebeskummer! Natürlich behielt die Syrerin ihre Erkenntnis für sich, hätte aber am liebsten ihre Augen verrollt. Nun ja, das würde sie sich für später aufheben, wenn Piso ihr unweigerlich seinen Rücken zuwandte.
    "Da ist es aber schlecht zu massieren!", meinte sie fachmännisch. So viel wußte sie auch vom Massieren, daß sich der menschliche Oberkörper nur schwerlich zum kneten eignete. Als Piso ihr schließlich den Rücken zuwandte, der einige ausgezeichnete Möglichkeiten für die Massage bot, schwante es ganz kurz sogar Semiramis, daß es Piso vielleicht ganz anders gemeint hatte, als er andeutete, sein Schmerz säße am Herzen.
    Einfühlsamkeit war nun nicht wirklich Semiramis Stärke. Vielleicht einfach deshalb, weil sie nur selten selbst Einfühlsamkeit erfahren hatte. Der alte Aziz hatte sich zwar um sie gekümmert, seit er sie als Kind irgendwo Mutterseelenallein aufgegabelt hatte. Aber ein richtiger Ersatz für lebevolle Eltern war er auch nicht gewesen.
    Sogar das magische Zauberwort kannte der Flavier. Danach konnte sie sich nicht länger zurückhalten. Sie legte beide Hände auf seine Schulter und begann, mal fester und mal weniger fester seine Schultern zu kneten, als sei es ein gemeiner Brotteig, den sie zu bearbeiten hatte.
    "Ist es gut so?", erkundigte sie sich nach einer Weile. Die Seufzer des Flaviers wußte sie nicht so recht zu interpretieren. Nicht, daß sie ihm noch weh tat und sie am Ende noch dafür noch in ins Loch wanderte.
    Das Massieren war schon eine eintönige Sache. Zumindest dann, wenn man es stundenlang nur an einer Stelle machte. Semiramis Hände begannen schon weh zu tun. Mich massiert auch nie jemand, dachte sie bei sich und massierte weiter und immer weiter.
    "In wen bist du denn so schrecklich verliebt, wenn ich mal fragen darf," kam es ohne Vorwarnung auf einmal aus Semiramis heraus, der es schlichtweg langweilig geworden war und schließlich das aussprach, was sie sich die ganze Zeit schon fragte.

  • Piso grummelte. “Da ist mein Rücken! Rückenmassage halt! Ist doch einfach!“, kam aus dem Kissen, in welchem Piso bereits seinen Kopf platziert hatte, hervor, und rückte extra noch ein bisshen nach rechts, sodass er möglichst mittig im Bett platziert war. Dort musste es doch ganz leicht sein für Semiramis, seine Schultern zu massieren.
    Und tatsächlich begann sie. Sein Grunzen wurde etwas lauter, es hörte sich so an, als ob ein Mastschwein seine letzten lustvollen Minuten vor dem Tod auf der Schlachterei verbringen würde. Tatsächlich löste die Massage ein wohliges Gefühl in Piso aus, vielleicht viel weniger, weil Semiramis so eine perfekte Masseuse war, sondern viel eher, weil er den Kontakt einer hübschen Frau verspürte. Und selbst der unsterblich verliebteste Mann konnte sich den Attraktionen von solchen Berührungen nicht entziehen.
    Er ließ sich also die Behandlung gefallen, sein Grunzen wandelte sich langsam in ein wohliges Brummeln, das eher einen Bär als ein Schwein im Bett liegend vermuten ließ.
    Die Frage sickerte nur ganz langsam zu Piso durch, und er brauchte etwas Zeit, um sie zu beantworten, während Semiramis weitermassierte.
    “Sie heißt Aurelia Prisca“, machte er mit leicht desperatem Tonfall. “Und sie ist sehr schön und lieb und nett und gebildet und intelligent und ohnehin komplett und vollständig wundervoll. Ganz prima. Du solltest sie mal kennen lernen...“ Er verkniff sich einen Kommentar, mit dem er die gerade entstehende vertrauliche Beziehung verderben würde – obwohl natürlich Semiramis vermutlich Priscas Laune mit ihrem konstanten Missmut verderben würde.
    “Aber es stehen so viele Dinge im Weg... naja, nur eine. Ihr Tutor ist so ein Giftzwerg... lässt mich einfach nicht an sie ran! Was für ein Dummerjan!“, schimpfte er vor sich hin. Dann begann er unvermittelt einen Laut erklingen zu lassen, der klang wie ein ersticktes Aufschreien. “Alles geht so schlecht... ich komme an meine Geliebte nicht ran! Meine Schwester liegt verflucht noch einmal im Sterben! Und Wahlen sind auch noch!“ Er setzte sich unvermittelt hoch und blickte Semiramis an wie ein waidwundes Reh. “Mein Leben ist so scheiße und verbockt!“, redete er sich ein.

  • "Aha!" Diese Aurelia Prisca mußte ja ein wahres Prachtweib sein! In Syrien würde sie wohl mindestens zwei oder sogar dreihundert, wenn nicht sogar vierhundert Kamele bringen, wenn sie tatsächlich solche Qualitäten besaß, wie der Wurtstel sagte. Semiramis hatte sich immer gefragt, was man mit so vielen Kamelen machen sollte. Die Viecher waren zwar sehr genügsam, aber irgendwann mußten sie auch mal fressen und saufen! Sie konnte sich wirklich glücklich schätzen, daß dies nicht mehr ihre Sorge sein mußte!
    "Soso!" Semiramis hatte zwar keinen Schimmer, was ein Tutor war, dennoch war ihr der Begriff Giftzwerg nicht gänzlich fremd. Schließlich gebärdete sich der Wurstel manchmal selbst als einer. Aber ohje, jetzt fing er doch tatsächlich an, zu heulen, nur ohne Tränen eben. Ja, sein Leben war wirklich scheiße! Der arme Wurstel! Beinahe hätte sie ihm mütterlich gedrückt und ihm über die Wange gestreichelt, was sie aber glücklicherweise doch noch unterbinden konnte.
    "Ja, meins ist auch!", meinte sie nur und guckte ihn mit ihren großen Rehaugen mitleidig an. Aber was war das, knapp unterhalb des Haaransatzes oberhalb der linken (oder war´s doch die rechte?) Schläfe??? Semiramis kam seinem Gesicht gefährlich nahe, fast hätte sie ihn berührt. Sogleich machten sich ihre Fingernägel an der pustula zu schaffen.
    "Du hast da sooo einen Pickel! Kein Wunder, daß es dir schlecht geht!" Hätte sie noch eine dritte Hand zur Verfügung gehabt, er hätte sich von der Größe des Pickels anhand ihrer Fingerhaltung selbst überzeugen können. Selbstverständlich hätte man sich nun fragen können, was das eine mit dem anderen zu tun hatte. Doch diese Logik, mußte vorerst dem gemeinen Südeuropäer verwehrt bleiben, da es sich hier um eines der vielen orientalischen Geheimnisse handelte. Hatte ihr der alte Aziz ihr nicht einmal so etwas gesagt? Je mehr Sorgen man hatte, umso mehr Pickel bekam man. Zwei Fingernägel zu einer Art Pinzette geformt, begannen ohne Vorwarnung mit ihrer Arbeit. Semiramis kannte sich damit aus! Er war in guten Händen.
    "Ich drück ihn dir gleich mal aus," kündigte sie an, als sie bereits schon voll im Gange war.

  • “Ja... ja... so ist es... habe ich schon erwähnt, dass sie total wundervoll ist? Und dann sogar standesgemäß... oh Götter. Ja, die Götter, sie spielen einen Streich mit mir!“, moserte Piso herum, als er sich von ihren Wortfragmenten einlullen ließ. Aha und soso, was für angenehmere Worte konnte es geben? Nein, gut fühlte er sich nicht. Aber trotzdem, er weinte nicht. Nein, seine Tränen, das spürte er selber, das müsste er sich für später aufheben. Für später. Denn insgeheim wusste er es schon – Veras Lebensfaden war zu Ende. Es würde bald so sein, dass sie sterben würde. Und das machte ihm auch zu schaffen. Vielleicht noch mehr als die unerwiderte Liebe. Er dachte oft an Vera dieser Tage, und erwischte sich sogar dabei, dass er an sie in der Vergangenheitsform dachte – was aber wirklich nun überhaupt nicht ging! Nein, Vera war Gegenwart.
    Und auch Semiramis. Piso wandte seinen Kopf nach rechts, um sie besser ansehen zu können. Ihm war noch nie aufgefallen, wie hübsch ihre Augen waren. So seelenvoll und lebhaft. Interessiert beäugte er sie, und er linste auch insgeheim zu ihrem Ausschnitt herunter. Ja, eine ganz besonders Hübsche war auch Semiramis. Aber im Vergleich zu Prisca ein vulgäres und zickiges Geschöpf, das keinerlei Niveau besaß. Ja, Niveau, das war dem Ästheten bei Frauen wichtig. Kunstsnnig sollten sie sein. Und Semiramis? Sicher ganz toll für eine Nacht, aber danach, ja danach würde er sich beschissen fühlen, und zwar ganz sauber.
    Ihr Leben war auch scheiße? Piso nickte verständnisvoll, als wäre es nicht er, der ihr durch seine Weigerung, sie freilassen zu wollen, das Leben zur Hölle machte. “Mhm...“, grummelte er, so von Schicksalgefährte zu Schicksalgefährtin.
    Doch was kam nun? Ein Pickel? Piso riss die Augen auf, als er einen Pickel auf seinem gesicht sich vorstellte. “Was? Das ist ja so unästhetisch! Igitt! Pfui! Nein! Du denkst, jener hängt mit meiner schlechten Laune zusammen? Das ist ja seltsam, aber gut, ich habe ja auch nie Medizin... was sagst du da? Du... AUUUUUUAAAAAAAAAAAAAAAA! GNARRRGGGHHHHHHHHHHHH!“, brüllte er, als Semiramis begann, an seinem Kopf herumzufuhrwerken, um den Eiterbollen auszustechen. “DU TUST MIR WEH!“, beschwerte er sich jämmerlich und riss seine Hände instinktiv hoch, um Semiramis zu erpacken, verfehlte sie aber meilenweit, ruderte kurz mit ihnen herum und erfasste endlich etwas, was er auch sofort umklammerte. Seltsam weich, dachte sich Piso, als er herzhaft zupackte. Kein Wunder. Was er ergriff, war Semiramis rechte Pobacke.

  • Die Syrerin blieb völlig unbeeindruckt von Pisos Zetern. Auch sein übertriebenes Schreien machte ihr nicht wirklich etwas aus. Das war sie ja mittlerweile schon von ihm gewohnt. Doch was dann passierte, ließ sich kurz mit plitsch, grabsch, platsch beschreiben.
    Wem das zu schnell ging, dem sei hier die Version in Zeitlupe ans Herz gelegt:
    Voller Inbrunst rückten die syrischen Fingernägel dem widerspenstigen römischen Pickel zu Leibe. Ihre ganze Konzentration galt jenem unästhetischen Feind,dem kein Pardon gewährt werden würde. Dementsprechend verbissen war ihr Blick, der allem um sie herum längst schon entrückt schien. Dem Geplapper ihres Herrn zum Trotze, intensivierte sie den Druck, denn der Pickel stellte sich als extrem widerstandsfähiger heraus, als gedacht. Lediglich eine leichte Rötung der Haut war nach einiger Zeit festzustellen. Keine Gefangenen, rief es in Semiramis Hirn! Keine Gefangenen, lautete die Botschaft an ihre Finger. Keine Gefangenen, blinkte es in ihren Augen! Und ja, ganz allmählich doch unausweichlich war eine leichte Veränderung festzustellen. Semiramis Augen begannen sich erwartungsschwanger zu weiten. Gleich würde es soweit sein! Explosionsartig würde sich der kleine Störenfried öffnen, nur noch wenige Sekunden würde es dauern. Sekunden, die zäh wie Leder waren.
    Dann ein archaisch anmutender Aufschrei, welcher von den Untiefen aus Pisos Lunge stammte, herausgebrüllt, um der Syrerin Einhalt zu gebieten, die sich unlängst am Ziel wähnte. Dieser jedoch so lautstarke Gezeter, konnte die Sklavin keineswegs erschüttern. Schließlich war sie in ihrem Element, sie, eine Frau mit Erfahrung. Der Urschrei ebbte langsam ab und wurde allmählich von einen wild gestikuliertem Protestschrei abgelöst. Dieser wiederum war in wohl artikulierten Worten gefaßt, die allerdings genauso wenig ausrichteten bei der Syrerin, wie dessen Vörgänger, da genau in diesem Augenblick die langherbeigesehnte Veränderung eintrat. Ein Pflock aus Eiter wurde zielsicher empor geschleudert, welcher letztendlich in Semiramis´ Gesicht landete. Die Syrerin realisierte dies erst Sekunden später. Doch als sie es realisierte, war es bereits zu spät es ungeschehen zu machen. Während sie nun unvermittelt den Druck ihrer Fingernägel dramatisch reduzierte, nahm sie nur unscheinbar das wilde Gerudere der flavischen Hände wahr. Vielmehr lag ihr Hauptaugenmerk auf jenem widerlichen Überbleibsel, welches der ebenso flavischen Pustel entsprungen war und nun an ihrer Wange prangte.
    Inzwischen hatten die wild umher wirbelnden Hände des Flaviers ein Ziel, wenn auch ein weiches Ziel gefunden, welches, wie er im weiteren Verlauf noch feststellen durfte, der sklavische Po der Syrerin war. Im Grunde hätte sich Semiramis nicht beschweren müssen, schließlich hielt der Flavier sein Eigentum in Händen, als er ihren Allerwertesten gegrabschte. Semiramis jedoch, die freiheitsgewohnte und impulsive Sklavin, die ganz und gar nicht für die Sklaverei geboren worden war, sah das ganz anders. Das eben noch vom Ekel verzerrte Gesicht, formte sie zuerst ganz langsam zu einem verblüfften. Und als sie endlich registrierte, dass dieser frivole unverschämte Römer an genau jener Stelle im wahrsten Sinne des Wortes Hand angelegt hatte, an denen sie schlicht und ergreifend sehr empfindlich war und deshalb diese Region ihres Körpers eine Taburegion darstellte, an der flavische Hände, auch die von Piso und speziell die von Piso, nichts zu suchen hatten, veränderte sich schlagartig ihr Ausdruck in einen wutentbrannten. Ihre Hand, die vor wenigen Sekunden noch am Kopf des Flaviers zugange war, formte sich zu einer glatten Fläche. Ihr Arm machte unverzüglich eine Rückwärtsbewegung. Einer Steinschleuder gleich, schmetterte selbiger Arm unausweichlich der flavischen Wange entgegen, welche sich in unmittelbarer Nachbarschaft befand. Während die syrische Hand die römische Wange traf, ertönte ein weiterer Schrei. Diesmal lag der Ursprung des Schreies in der syrischen Lunge, streifte die syrischen Stimmbänder und erhielt durch den weitaufgerissenen syrischen Mund, einen ganz besonderen Klang. Ebenso waren ihr einige unverständliche Verwünschungen über die Lippen gekommen, deren Übersetzung wir uns an diesem Punkt einfach ersparen.

  • Um Missverständnissen vorzubeugen, muss hier gesagt sein, dass Plitsch und Grabsch sich hier mehr oder minder simultan ereigneten und durch eine direkte Kausalkette verbunden waren. Denn eine Zehntelsekunde bevor es Plitsch machte und das hübsche orientalische Gesicht der Damaszenerin verunstaltet wurde von einem gelben Fleck, war es Pisos einzige und alleinige Intention, sie daran zu hindern, ihm weiter weh zu tun. Und da kam es ihm nur recht, dass er etwas von ihr zu packen bekam, auch wenn nur an einer Stelle, die die meisten als unangemessen bezeichnen würden. Einmal zum berühren unangemessen.
    Und bevor er noch realisierte, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, loszulassen, sah er schon die Handfläche auf ihn herabgesaust kommen, untermalt von einem kehligen weiblichen Schrei. Piso war so entsetzt von der imminenten Gewalt – er hasste Unfrieden – dass er vergaß, den Hintern loszulassen, und stattdessen noch viel fester den Griff zu verstärken, sodass Semiramis der Stoff ihres Kleides in eine Stelle getrieben wurde, die als leicht unhygienisch gelten mochte. Piso bemerkte das nicht, er bemerkte nur die näher kommende Hand. Wie hypnotisiert von ihr blickte er zu ihr. Und er bemerkte das Patsch.
    Ungläubig starrte er sie an. Sie hatte ihn geschlagen. Sie, die Sklavin, hatte ihn geschlagen. Eine Watsche hatte sie ihm gegeben. Natürlich wäre ein Faustschlag drastischer gewesen, aber eine Watsche drückte Verachtung aus, Fassungslosigkeit zumindest. Manche mochten so eine nicht ernst nehmen, Piso tat das sehr wohl. Es kränkte seinen männlichen Stolz. Sogar Piso hatte so etwas.
    Seine Wehleidigkeit, sein Selbstmitleid ob der aussichtslosen Liebe, fand ein Ventil in einer von Pisos plötzlichen Gemütsschwankungen. Bedrücktheit und Melancholie wurde zu Wut und Wahn. In seinen Augen blitzte es zornig und leicht fassungslos auf. Dann schnellte seine rechte Hand empor – mit der linken hielt er ja noch immer den Hintern fest –, nicht um Semiramis zurückzuohrfeigen, sondern, um ihre linke Schulter zu erpacken und zu herabzudrücken. Derentweilen presste er sie mit der linken Hand von hinten nach vorne. Piso war kein sonderlich starker Mann, aber seine urplötzlich aufkeimende Wut verlieh ihm Flügel, so suchte er sie nun zu sich herzudrücken.
    “Du hast was vergessen, Süße!“, knurrte er in einer Stimme, die man wirklich nur bei Piso hörte, wenn es für das Gegenüber ganz schlecht aussah. “Dein Arsch gehört mir.“
    Dann bäumte er sich auf, nahm endlich seine linke Hand von ihrem Hintern weg, umklammerte sie mit beiden Händen, stemmte sich zu ihr empor und drückte ihr einen Kuss auf. Ja, Piso hatte seltsame Arten und Weisen, um seinen Liebeskummer zu verarbeiten. Aber es half. Nachdem er sich an Axilla vergangen hatte, war der Schmerz um Decima Serrana viel besser geworden. Und vielleicht half es, wenn er sich nun an Semiramis ranmachte? Denn hübsch war sie. Und sie musste gehorchen. Denn sonst winkte das Loch. Als er seine Lippen wieder von der ihrigen löste, grinste er sie ganz leicht fies an. Ein typischer Herr-an-Sklavin-Blick. “Such es dir aus. Du kannst die harte und die sachte Tour haben“, bot er ihr an, während sein Körper bebte. Vor Wut, Enttäuschung, Liebesschmerz und Erregung. Denn mittlerweile war ihm klar, was er zu fassen bekommen hatte – und es war ein gutes Gefühl gewesen, ein sehr gutes Gefühl sogar. Und seine Gefühle, die waren Piso wichtig. Er brauchte ein Äquilibrium. Er brauchte es jetzt. Und dabei würde er sich wohl vorstellen, dass es Prisca wäre, die er rannahm... nicht diese unbedeutende Sklavin, die sich ihm fügen würde, er zumindest hatte keine Zweifel daran.

  • Womöglich wäre es sinnvoller gewesen, Semiramis hätte sich einer Sprache bemächtigt, die jeder normale urbs aeterna- Bewohner auch verstanden hätte. Dann wäre der Flavier wohl viel zu erbost gewesen, um das zu tun, was er nun tat. Natürlich hätte auch die Möglichkeit bestanden, daß er zusätzlich noch gewalttätiger geworden wäre. Ganz gleich, wie man es drehte und wendete, sie fand sich in einer üblen Situation wieder, denn sie hatte ihn geschlagen. Vielleicht war ihr nicht bewußt gewesen, welch großen Fauxpas sie begangen hatte.
    Das Gezeter Der Syrerin verstummte schlagartig, als sich die eine flavische Hand zum Gegenschlag erhob. Die andere hatte indessen noch kräftiger zugepackt. Semiramis zweifelte keinen Moment daran, daß er sie nun schlagen würde. Schließlich hatte sie ihn ja zuerst geschlagen. Und sie wußte ja mittlerweile, wie Piso tickte. Du hast mich gehauen, also hau ich dich auch.
    Wußte sie wirklich, wie er tickte? Ganz bestimmt? Zudringlich geworden war er ja noch nie. Und mittlerweile war sie ja schon eine Weile bei ihm. Allenfalls hätte sich dieser Halbwilde aus Rätien auf sie gestürzt. Doch als dies nun Piso höchstpersönlich tat, war sie erst irritiert. Vollkommen unvorbereitet trafen Pisos Lippen auf ihre. Der erwartete Schlag war ausgeblieben. Stattdessen traf er Vorbereitungen, ihr seinen Willen aufzudrängen. Voller Angst versuchte sie den liebestollen Flavier abzuwehren, noch während er sie küßte. Seine Absichten waren mehr als deutlich und hätten jener Worte, die er knurrend von sich gab, nicht bedurft. Sie wand sich, versuchte ihre Arme zu befreien, ihn von ihr zu stoßen, doch je mehr sie sich anstrengte, desto kraftloser schien sie zu sein. In ihrem Kopf zeichnete sich nur ein Bild ab. Hier und heute würde man sie ihrer Unschuld berauben. Ihre Unschuld, die der alte Aziz immer zu beschützen suchte. Sie sei kostbar, hatte er ihr einmal erzählt. Nur anständige Mädchen, die unschuldig in die Ehe gingen, hätten es verdient, einen ehrenwerten Mann zu bekommen. Den ehrenwerten Mann hatte sie sich schon längst abgeschminkt. Schon damals in Damaskus. Den kurz bevor sie in die Fänge der Sklavenhändlers geraten war, hatte Aziz mit einem schmierigen, zwielichtig aussehenden Kerl Verhandlungen geführt. Vielleicht hatte es ja doch etwas Gutes, daß sie nun hier war.
    Endlich lösten sich seine Lippen von ihren. Semiramis war speiübel. Nicht etwa weil Piso Mundgeruch hatte, nein ganz und gar nicht. Sein Atem war eigentlich ganz angenehm. Womöglich kaute er stundenlang auf diversen Kräutern herum. Daher kamen vielleicht auch seine eigentümlichen Anwandlungen, die gelegentlich über ihn kamen, so wie jetzt gerade.
    Er stellte sie vor die Wahl. Dabei grinste er so widerlich, wie sie es selten gesehen hatte. Wenn er geglaubt hatte, sie würde sich fügen, damit er leichtes Spiel mit ihr hatte, dann befand er sich im Irrtum.
    "Weder noch!", fauchte sie und danach folgte, was folgen mußte. Um ihren Worten noch eine gewissen Nachdruck zu verleihen, spuckte sie ihm noch ins Gesicht. Das sollte vorerst Antwort genug sein.

  • Piso, natürlich zu diesem Zeitpunkt auf dem Rücken liegend, umfasste Semiramis noch fester als zuvor. Ja, er hatte vor, sie zu bestrafen für diese Insolenz. Piso war für gewöhnlich milde zu Sklaven, wenn auch merkwürdig. Aber eine Ohrfeige musste man sich nicht gefallen lassen, weder von einem Sklaven noch von einem Freien. Piso sah sich durchaus zu einem gewissen Ausmaß zu einem Erzieher. Das hieß, er setzte gerne Sanktionen gegenüber anderen Leuten, um zu verhindern, dass sie ihm später auf die Nerven gingen. Und wie konnte man eine Frau besser bestrafen als durch ihre Herabwürdigung zum Sexualobjekt? Sie würde sich wohl in Zukunft ordentlich überlegen, ob sie ihn schlug oder nicht, dieses syrische Spatzenhirn!
    Semiramis wand sich in seinen Armen, und Piso war selber am meisten erstaunt, wie fest er sie hielt. Ja... Lust. Sie löste in einem Mann ungewohnte Stärken aus, sogar in einem Mann wie Piso, dessen Körperbau ein klein wenig mädchenhaft war. Von Natur aus hatte er nur wenige Haare auf der Brust und neigte nicht zur Muskelbildung – warum denn auch? Er betrieb ja kaum körperliche Ertüchtigung.
    Er, der Sklavenhalter, der einmal in seinem Leben seine widerspenstige Sklavin unterjochen wollte, ertappte sich dabei, dass er den Kuss genoss. Im Gegensatz freilich zu Semiramis. Nein, ihre Lippen waren weich, angenehm, voll. Orientalische Sinnlichkeit, verkörpert. Purste Ästhetik.
    Als er seinen Kopf wieder von dem ihren wegbrachte, stellte er sich vor, wie es gewesen wäre, würde er sie gerade halten und küssen. Einvernehmlich natürlich. In gegenseitiger Liebe und Zuneigung. Ja... das wäre etwas. Doch ewig weit weg erschien ihm das. Er brauchte ein Substitut. Irgendetwas, was ihm das Gefühl gab, dass er mit einer Frau zusammen war. Und Piso hatte sich dafür Semiramis ausgesucht. Ja, die Syrerin hatte durchaus Kurven, für die ein Mann bereit wäre, sein Leben zu geben. Und er hatte sie für ein paar Aurei bekommen! Manche Herren hätten jetzt natürlich versucht, die Sklavin zu verführen. Aber das Leben war für Sklaven in der Villa Flavia nun einmal kein Ponyhof. Im Gegensatz natürlich zu den Herren, die sich an Eierkuchen labten. Und das würde auch Semiramis erfahren würde. Ja, er würde sie subjugieren, in die Unterwerfung zwingen, bis sie ihm zu Willen war, jetzt und in alle Ewigkeit, für alles, für alle...
    Igitt.
    IGITT! Was war denn das?
    Semiramis hatte ihm ins Gesicht gespuckt.
    Ihm, ihren Herren.
    Piso lief, des antiästhetischen flüssigen Fremdkörpers auf seinem Antlitz gewahr, ein wenig bläulich im Gesicht an. Freilich war er jetzt gerade an Semiramis dran. Andererseits... Spucke auf seinem Gesicht. Igitt! Mit einem erstickten Gurgeln nahm er seine Arme hastig von ihr, legte seine Hände von ihren Schultern auf sein Gesicht und begann, hektisch in seinem Gesicht herumzuschmieren, um die Spucke wegzubringen.
    “Du... du... hast mich angeSPUCKT!“, jaulte er hundserbärmlich. Der Mann, der vor ein paar Sekunden noch so bedrohlich erschienen war, war nun durch ein wenig Spucke auf das Niveau eines quengelnden Mädchens reduziert worden. “IIIIIIIH!“, erklang er folgerichtig falsettig - und weibisch fast.

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