tablinum | Sie und Er, Er und Sie

  • Es war ein ungemütlicher Tag. Draußen stürmte es und dicke Regenwolken verhüllten die schwache Herbstsonne. Es war ein Tag, der bestens dazu geeignet war, ihn drinnen im Warmen und in Gesellschaft einer guten Lektüre zu verbringen. Man hätte sich heißen Würzwein servieren lassen und dabei schmökern können, oder aber eine Partie spielen können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, das Wetter nicht zu einem Spaziergang genutzt zu haben. Ich tat allerdings weder das Eine noch das Andere. Nach einem recht ungemütlichen Heimweg von einer wenig aufschlussreichen Senatssitzung, ließ ich mir den nassen Mantel abnehmen und ging direkt ins tablinum. Dunkel war es im Raum, und zu allem Überfluss hatte jemand noch dazu die Vorhänge zugezogen. Ich rief nach jemandem – es war mir gänzlich egal, wer darauf reagieren würde – um etwas Licht einzulassen und einige Lampen entzünden zu lassen.


    Tatsächlich war es traurig, dass die schön sonnigen Tage nun wohl erst einmal vorbei waren und diesem ungemütlichen Sauwetter den Platz geräumt hatten. Ich ließ mich sitzend auf einer Liege nieder und wartete, um denjenigen Sklaven, der erscheinen würde, auch mit der Bitte nach der Anwesenheit meiner Frau wegen eines vertraulichen Gesprächs zu betrauen. Während ich wartete, brachte Caecus mir die Post, und ich begann, mir die Wartezeit lesend zu vertreiben – was bei dem spärlichen Licht gar nicht so einfach war.

  • Die Laune ihrer Herrin hatte sich dem Wetter angepaßt, so schien es. Denn die Flavierin hatte Charis, ihre Leibsklavin, kurzerhand aus ihrem cubiculum geworfen, um allein zu sein. Die Makedonierin folgte geduldig den Anweisungen ihrer Herrin, machte sich aber doch so ihre Gedanken. Etwas merkwürdig verhielt sie sich schon, seit einigen Wochen. Eigentlich hätte sie glücklich und zufrieden sein sollen, denn alles war so gekommen, wie sie es wollte. Nur machte die Flavierin alles andere, als einen glücklichen und zufriedenen Eindruck.
    Charis hörte auf, sich noch länger darüber den Kopf zu zerbrechen, stattdessen schob sie Celerinas Übellaunigkeit auf das Wetter und streifte in der Villa umher, auf der Suche nach einer Beschäftigung. Die fand sie auch umgehend, als sie das Rufen des Hausherrn vernahm. Schnell eilte sie in die Richtung, aus der das Rufen kam. Schließlich erreichte sie das tablinum.
    Vorsichtig klopfte sie an, bevor sie eintrat. Etwas überrascht dreinblickend sah sie dort Corvinus sitzen, lesend, obwohl dies recht schwierig sein mußte, in Anbetracht der Lichtverhältnisse.
    "Herr, womit kann ich dienen? Ist es nicht viel zu dunkel zum Lesen? Soll ich nicht lieber einige Lampen entzünden?“ fragte sie sehr sachlich und doch sehr übereifrig.

  • Derjenige, der schließlich den Kopf hereinsteckte, war eine Sie. Genauer gesagt eine Charis. Und als ich den Blick hob und ihr entgegen sah, kam mir sogleich unsere letzte vertraute Unterhaltung ins Gedächtnis, ehe ich sie Celerina geschenkt hatte. „Charis.“ Ihre Übereifrigkeit verwirrte mich einen kleinen Moment. „Ähm. Ja. Du kannst die Vorhänge aufziehen und Lampen anzünden. Ich glaube, bald brauchen wir auch die Kohlenbecken wieder, am besten fragst du Brix, wo er die versteckt hat.“ Ich schwieg und folgte ihr mit dem Blick, die Post hatte ich für den Moment vergessen und auch der Gedanke an meine Frau war mit Charis’ plötzlichem Auftauchen vorerst in den Hintergrund gerutscht.


    „Charis…?“ begann ich dann ganz arglos und schob die Briefe von meinem Schoß herunter. „Sag mal, du hast nicht vergessen, worum ich dich vor einiger Zeit gebeten hatte?“ wollte ich dann wissen und sah sie jetzt direkt an. Celerina und ich waren nun schon knappe zwei Wochen verheiratet, und seit der Hochzeit hatte ich nicht wieder bei ihr gelegen. Man hatte mir gesagt, dass ihre Laune dieser Tage mit der eines Wintersturms vergleichbar war, und ich glaubte zu wissen, dass es daran lag. Was ich brauchte, war eine Überraschung, die ihr gefiel und sie besänftigte. Und seinerzeit hatte ich Charis beauftragt, Celerinas Wünsche zu ergründen und ein besonderes Augenmerk überhaupt auf sie zu richten. Die Brauen fragend erhoben, taxierte ich Charis. "Kannst du mir etwas Interessantes berichten?"

  • Natürlich hatte die Makedonierin das Gespräch, welches sie mit Corvinus geführt hatte, bevor dieser sie an die Flavierin weiteverschenkt hatte, nicht vergessen. Allerdings hatte sie es bislang, seitdem sie wieder in der Villa Aurelia lebte, erfolgreich beiseitegeschoben, ja sogar verdrängt. Selbst in dem Moment, als sie das tablinum betreten hatte, hatte sich die Erinnerung daran in keinster Weise zurückgemeldet. Stattdessen trat sie eifrig in Aktion. Machte sich an den Lampen zu schaffen und zog die Vorhänge beiseite, bis sie hinterrücks von der sanftmütigen Stimme des Aureliers niedergestreckt wurde. Zuerst verharrte sie, einer Statue gleich, in der Haltung, in der sie gerade war, als sie ihren Namen hörte.
    Langsam, sehr langsam drehte sie sich zu ihm hin, so daß sie gezwungen war, ihn anzusehen.
    "Ja, Herr!", antwortete sie eingeschüchtert, denn die Erinnerung, wo immer sie auch in den letzten Wochen gesteckt haben mochte, war wieder präsent, so als wäre die Unterredung erst gestern gewesen.
    Wie sehr hatte sie in den Wochen zuvor gehofft, dieser Tag würde niemals kommen, an dem sie gezwungen sein würde, sich entscheiden zu müssen, wem sie loyal dienen sollte, ihrer Herrin oder dem Gemahl ihrer Herrin, dem sie sich auch verpflichtet hatte.
    Natürlich gab es ‚Interessantes zu berichten! Und wie interessant das war! Charis wußte zwangsläufig über die dunkelsten Geheimnisse ihrer Herrin Bescheid, auch wenn diese sich anfangs davor gefürchtet hatte, sie ins Vertrauen zu ziehen.
    "Ja, Herr," antwortet sie knapp und schüchtern. Ihre Wangen röteten sich zusehends, so als hätte man von ihr verlangt etwas Anzügliches zu vollbringen.
    "Die Herrin ist überaus glücklich über die Hochzeit," begann sie und hoffte, er würde sie nicht länger ausquetschen.

  • Zugegebenermaßen empfand ich Charis als recht ansehnlich, und wie sie dastand und die Augen verlegen niederschlug, gar errötete, verstärkte sich dieser Eindruck noch. Es kam mir beinahe verräterisch vor, andererseits war Siv gerade in den letzten beiden Wochen recht launisch, was das Beisammensein betraf, und das wiederum hatte zur Folge, dass ich es mir dreimal überlegte, ob ich sie zu mir rief oder sie besuchte, oder ob ich es nicht besser ganz sein lassen sollte. Um etwas zu tun zu haben, nahm ich die Briefe auf und legte sie auf den niedrigen Tisch, der neben der Liege stand.


    Als ich erneut auf- und in das verschämte Gesicht Charis’ blickte, blitzte ein Gedanke hinter meiner Stirn auf, den ich sogleich von mir schob. Es ging hier um Celerina und mich, sagte ich mir. Diesbezüglich allerdings war die Information, die Charis als interessant betrachtete, eher eine nette Randnotiz als tatsächlich von Interesse. Ich stutzte kurz, runzelte die Stirn und nickte. „Das ist…schön zu hören. Hat sie denn dazu noch…etwas gesagt?“ Wollte ich wissen, als mir die vermaledeite Hochzeitsnacht wieder ins Gedächtnis rauschte. „Hat sie sich hier eingelebt oder macht sie den Eindruck auf dich, dass es ihr schlecht geht bei…in diesem Haus, meine ich? Oder gibt es vielleicht etwas, dass sie sich wünscht?“ drückte ich unbeholfen aus.

  • Nein, er ließ es dabei nicht bewenden. Er fragte weiter und weiter. Doch seine Fragen zielten nicht wirklich auf das ab, wovor Charis sich so gefürchtet hatte, glaubt sie jedenfalls. Doch schien es ihr, als wolle er auf eine ganz bestimmte Sache hinaus. Offenbar gab es etwas, was ihm sehr wichtig war, weil er immer wieder darauf herumhackte, was Celerina gesagt hatte, was sie sich wünschte und wie sie sich fühlte.
    "Die Herrin hat in letzter Zeit eine recht üble Laune. Doch sie sagt mir nicht, was der Grund dafür ist. Es ist bestimmt das Wetter, Herr. Oder.. vielleicht auch der geflohene Sklave, der vor einigen Tagen zurückgebracht wurde und den sie bestrafen ließ." Diese Option hatte Charis die ganze Zeit außer Acht gelassen, denn sie hatte Celerina beobachtet, als man ihr den wieder eingefangen Sklaven vorgeführt hatte. Da war sie hocherfreut gewesen und konnte es kaum erwarten, sein Blut spritzen zu sehen.
    "Aber was meinst du Herr, wozu soll sie etwas gesagt haben?" fragte sie schließlich um auf seine Fragen noch genauer eingehen zu können.
    Doch dann viel ihr noch etwas ein. Eine Merkwürdigkeit, der sie bisher wenig Beachtung geschenkt hatte und doch brachte sie dies nun in Zusammenhang, mit der Frage, ob die Flavierin sich in ihrem neuen Heim wohl fühlte.
    "Aber da wäre noch etwas, was mir aufgefallen ist. Ich habe gehört, wie die Herrin des Nachts ihr cubiculum verlässt und erst in den Morgenstunden wieder zurückkommt. Bisher habe ich es nicht gewagt, ihr hinterher zu spionieren, denn ich habe den Eindruck, sie vertraut mir nicht besonders. Doch ich habe gehört, es gibt Menschen, die in der Nach den Mond betrachten. Man sagt, sie seien mondsüchtig", mutmaßte Charis in ihrer Unwissenheit und versuchte dies auf ihre Herrin zu projizieren.

  • Das Wetter also. Ich runzelte die Stirn. Das konnte auch nur einer Frau passieren, des Wetters wegen stetig eine so lange Nase zu ziehen... Nein, ich glaubte Charis kein Wort. Sicherlich wollte sie diplomatisch sein und rückte deshalb nicht mit der Wahrheit heraus, dass nämlich ich selbst schuld war an Celerinas Laune, indem ich sie nicht besuchte, wie es die Pflicht eines Ehemannes war. Mein forschender Blick lag auf Charis, dann sah ich zur Seite. Es war nicht sonderlich rühmlich für mich, was da vorgefallen war, und ich wollte es Charis nicht auf die Nase binden. „Ah, schon gut.“ Nun schnell ablenken. Was sie dann erzählte, ließ eine tiefe Furche auf meiner Stirn entstehen. „Sie verlässt nachts ihr Zimmer, sagst du?“ Ich legte die Hand ans Kinn und grübelte. Siv fiel mir ein. Celerina war doch nicht etwa schon schwanger und schlich sich nachts in die Küche, um dort im Geheimen Zwiebelringe mit Honig und Zuckerstangen mit eingelegtem Kürbis zu essen? Mich schauderte es bei diesem Gedanken. „Hmm. Macht sie das jede Nacht?“ wollte ich wissen. „Seit wann?“ Wenn sie tatsächlich mondsüchtig war, wäre das natürlich eine schlimme Krankheit, um die man sich kümmern müsste.

  • Offenbar hatte sie ihn nun einem Punkt erwischt, der ihm selbst sehr unangenehm schien und er deshalb schnell das Thema zu wechseln versuchte. Charis war deswegen gar nicht böse, obschon sie gerne gewußt hätte, worauf er die ganze Zeit hinaus wollte. Viel besser war es da, von den nächtlichen Begebenheiten zu berichten, die wie Charis glaubte, völlig belanglos waren. In den Monaten, in denen sie nun schon bei Celerina war, hatte sie ihre Herrin als eine sehr wechselhafte Person kennenlernen dürfen, die ganz nach ihrem Kopf handelte und manchmal alles, was eben noch Gültigkeit hatte, im nächsten Moment verwarf.
    "Ja, das macht sie seit einigen Tagen jede Nacht so, Herr. Meistens dann, wenn alles schon schläft und sich auch die letzten Sklaven zur Ruhe gelegt haben." Charis hatte dafür auch keine plausible Erklärung parat, doch als sie in Corvinus Stimme diesen leicht besorgten Ton heraushörte, begann auch sie sich Sorgen zu machen.
    "Glaubst du, die Herrin ist krank?", fragte sie schließlich. Auch wenn die Flavierin sie manchmal nicht besonders freundlich behandelte, so machte sie sich nun ihre Gedanken.

  • Äußerst ominös war das alles. Warum sollte sie mitten in der Nacht aufstehen, wenn nicht, um sich ihren Essgelüsten hinzugeben oder tatsächlich den Mond anzuheulen? Meine Stirn schlug tiefe Falten, während ich mir das vorstellte. Nun, um ersteres zu überprüfen, gab es einen relativ einfachen Weg. Ich würde, wenn ich hier mit Charis fertig war, in der Küche eine große Platte mit buntem Durcheinander ordern und dann sehen, ob Celerina sich heißblütig darauf stürzte oder nicht. Die Sache mit dem Mond war natürlich ein ganz anderes Kaliber. Was man da anderes tun konnte, als sie des Nachts in ihrem Zimmer einzusperren, wusste ich nicht. Letztenendes würde ich aber auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen, sollte es keine andere Möglichkeit geben. Immerhin würde es zu Celerinas Bestem sein.


    "Ich hoffe nicht", sagte ich daher ehrlich. "Ich werde das mal beobachten... Ich würde natürlich gern wissen, wo sie nachts hingeht - ich vermute ja die culina. Aber sicher sein kann man sich erst, wenn man nachschaut." Ob ich Charis darum bitten sollte? Oder sollte ich einfach vorgeben, meiner Pflicht nachkommen zu wollen und Celerina heute um Mitternacht einen Besuch abstatten? Ich grübelte hin und her. "Nun ja. Ich werde mir etwas überlegen." Und vielleicht Charis im Anschluss an mein Gespräch mit Celerina beauftragen, heute Nacht spionieren zu gehen. "Hat sich denn seit der Hochzeit noch eine, hm, Vorliebe meiner Frau herausgestellt? Etwas, womit ich ihr eine Freude machen könnte? Hast du denn irgendetwas herausgefunden, Charis?"

  • In Charis wuchs allmählich die Sorge, etwas könnte nicht stimmen mit ihrer Herrin. Sie war mit Corvinus ganz einer Meinung. Das sollte beobachtet werden, nicht daß sie am Ende doch noch krank war! Vielleicht würde sie, rein interessehalber, ihrer Herrin heute Nacht einmal nachschleichen. Oder sollte sie vielleicht warten, bis man sie dazu beauftragte? Allerdings nur dann konnte man sich wirklich sicher sein, was der Grund für ihre nächtlichen Exkursionen war.
    Die nächste Frage, die Corvinus ihr stellte, brachte sie ein wenig zum Schmunzeln. Offenbar hatte der Hausherr keine Ahnung, was in seinem Haus vorging! Und ob Celerina eine neue Vorliebe hatte! Diese Vorliebe hatte dunkle Augen, dunkles lockiges Haar und war über und über von Muskeln bepackt. Außerdem hörte es auf den Namen Minos! Ja, die Flavierin hatte ihre Drohung wahr gemacht und den Wettstreit der Masseure in den Thermen genutzt und sich einen neuen Sklaven geleistet. Sie hatte sich nicht mit dem Gewinner zufrieden gegeben. Nein, sie hatte den kretischen Stier gewählt, mit dem sie noch eine Rechnung offen hatte! Nie wieder würde er sie übergehen und sein Traum von Freiheit und einem eigenen Massagesalon war zerplatzt, wie eine Seifenblase.
    "Ja, die hat sie wohl! Es ist der Masseur, den sie letztens den Thermen abgekauft hat. Fast täglich verbringt sie nun Stunden im balneum mit ihm, Herr." Der kretische Stier konnte einen wirklich leidtun! Aber schön anzusehen, war er allemal!
    "Nun ja, ansonsten mag sie das Übliche! Teure Kleider, teuren Schmuck, teure Schuhe. Ach ja, ab und zu sprach sie auch davon, sie würde gerne einmal weit weg, vielleicht aufs Land."
    Ob es Celerina tatsächlich aufs Land hinaus zog, konnte die Sklavin gar nicht wirklich sagen, allerdings hatte sie es so für sich interpretiert.

  • Ein Masseur aus den Thermen also? Seltsam, sie hatte gar nicht erwähnt, dass sie einen neuen Sklaven gekauft hatte. Andererseits waren die mitteilsamen Stunden auf einige wenige beschränkt gewesen seit der Hochzeit, da ich, nun wieder gesundet, vieles nachzuholen hatte und somit recht beschäftigt war. Ich fuhr mir durch den nicht vorhandenen Bart und dachte darüber nach, dass Celerina so manche Stunde mit diesem Masseur im Bad verbrachte. An sich nichts Verwerfliches. Und auch, wenn ich genauer darüber nachdachte, wäre es nicht weiter schlimm, wenn dieser Sklave ihr auch in anderer Hinsicht dienlich wäre. Auf diese Weise würde ich sozusagen entlastet wer.... Da fiel es mir siedend heiß ein. Wenn ich einen Erben zeugen konnte, dann auch ein Sklave. Die Frage war nun, ob Celerina so skrupellos sein konnte, mir einen Bastard unterschieben zu können. Vom gesellschaftlichen Abstieg, wenn das bekannt wurde, einmal abgesehen. Mit tief gefurchter Stirn bedachte ich Charis mit ernstem Blick. "Und bist du zugegen, wenn sie sich mit diesem Masseur...beschäftigt?" verhörte ich sie streng. Teure Kleider und Schmuck, vermutlich noch Schuhe und Krimskrams, das war beinahe absehbar gewesen. Und sie mochte außergewöhnliche Pflanzen, soviel hatte ich schon vor der Ehe herausgefunden, eine Passion, die wir beide teilten. Beim letzten stutzte ich wieder ein wenig. Weit weg? Fragend hob ich eine Braue. "Aufs Land?" Ich dachte nach. Vermutlich war ich ihr bereits über, und sie wollte weit weg - wegen mir. "Nach Ägypten, vermute ich", bemerkte ich trocken, denn das war so ziemlich der einzige Ort, an dem sie mich sozusagen auf kaiserlichen Erlass los war. "Nun ja. Ich danke dir für diese Informationen, Charis, auch wenn sie eher spärlich gesäht waren. Vielleicht gibst du dir demnächst ein wenig mehr Mühe", schalt ich sie ein wenig. "Ich wäre dir verbunden, wenn du meiner Frau sagen könntest, dass ich sie hier erwarte. Und teile Niki mit, dass sie folgendes herschaffen soll..." Es folgte eine Auflistung der unzusammenpassendsten Lebensmittel, die mir in den Sinn kamen. Ich würde schon herausfinden, ob Celerina froher Erwartung war.

  • Charis, die die Veränderungen im Gesicht des Aureliers bemerkte, wurde es plötzlich ganz unbehaglich in ihrer Haut zumute. Sie hatte doch nicht etwa etwas Falsches gesagt? Obschon man die Besorgnis eines Ehemanns nachvollziehen konnte, wen ihm bewußt wurde, daß seine Frau sich mit einem fremden Mann vergnügte, auch wenn es sich hierbei um einen Sklaven handelte. Doch womöglich hatte er ganz besondere Vorstellungen von dem, wie sich seine Frau vergnügte. "Ja, ich bin immer zugegen, wenn sich die Herrin im Bad aufhält!" Wer sonst sollte sie dann entkleiden, das Handtuch reichen und sie mit allem versorgen, wonach ihr gerade der Kopf stand? Natürlich konnte sie dann auch immer beobachten, was dort vor sich ging. Allerdings hatte die Herrin ihr gegenüber kaum Skrupel und im Grunde gab es auch nichts anstößiges, was Charis hätte beobachten können. Der arme Minos war dazu verdammt worden, stundenlang zu kneten, Verspannungen zu lösen und wieder zu kneten, bis ihm die Hände schmerzten.
    Auch ihr Hinweis, die Herrin wolle weg, stieß nicht gerade auf Begeisterungswellen. Allerdings konnte sich Charis nicht daran erinnern, daß Celerina von Ägypten gesprochen hatte. Aber das traute sie sich nun gar nicht mehr zu sagen. Als er ihr dann auch noch mehr oder weniger vorwarf, sich keine Mühe gegen zu haben, verstärkte sich noch ihr ungutes Gefühl und sie wurde zudem noch puterrot im Gesicht.
    "Ja, Herr. Äh entschuldige bitte, Herr. I-ich werde mir in Zukunft noch mehr Mühe geben! Ganz bestimmt, Herr.", brach es aus ihr heraus, vor lauter Angst, ihr könne noch etwas Unschönes widerfahren.
    "Wie du wünschst, Herr!" Sichtlich erregt, versuchte sie sich jede Einzelheit zu merken, die ihr der Aurelier sagte. Dann trat sie erleichtert den Rückzug an, um Celerina die Nachricht ihres Gatten zu überbringen.

  • Die kleine Öllampe auf dem Tischchen neben meiner Kline spendete gerade so viel Licht, damit ich mich den Ergüssen eines literarischen Neulings widmen konnte, der, wie man mir mit Nachdruck versicherte, dereinst zu Großen seines Metiers zählen würde. Nun denn, ich war Neuem gegenüber immer sehr aufgeschlossen und so hatte ich ein Exemplar des Buches erworben. Anfangs war ich noch guter Hoffnung, eine wahre Entdeckung gemacht zu haben, doch irgendwann wurde der Stoff zäh, um nicht zu sagen, langweilig. So war ich denn auch gar nicht böse, als plötzlich Charis in meinem cubiculum stand. Mir fiel gleich auf, daß sie etwas derangiert war. Sie meinte, mein Gemahl wolle mich sprechen und er erwartete mich bereits im tablinum.
    "Nun, dann wollen wir ihn nicht warten lassen, nicht wahr? Hat er etwas verlautbaren lassen, weshalb er mich sprechen möchte?"
    Charis schüttelte nur mit dem Kopf und meinte nein. Also mußte ich mich einfach überraschen lassen. Es ging bestimmt nur um profane Dinge, nichts Besonderes. Nach mehr als zwei Wochen, (oder waren es bereits schon drei) war ihm wohl wieder bewußt geworden, daß da noch etwas war, was er sich kürzlich erst ins Haus geholt hatte.
    Nun denn, so schritt ich in Richtung tablinum und teilte vorher meiner Sklavin noch mit, daß sie sich entfernen durfte, da ich mit meinem Mann unter vier Augen sprechen wollte. Charis schien auf einmal erleichtert zu sein. Ein solcher Unmensch war doch Marcus nun auch wieder nicht. Ich dachte mir nichts dabei und trat schließlich ein.


    "Salve Marcus. Wie schön, daß wir wieder ein wenig Zeit für einander haben! Du wolltest mich sprechen?" Unaufgefordert ließ ich mich neben ihm nieder und wartete gespannt darauf, was nun folgte.

  • Nachdem Charis so rasch verschwunden war, dass es beinahe wie eine Flucht anmutete, war ich allein zurück geblieben und überlegte. Was, wenn meine Frau tatsächlich schwanger war? Würde es mein Kind sein? Und wie würde ich merken, wenn es nicht meines war? Mit einer tiefen Falte auf der Stirn erwartete ich meine Frau. Als sie eintrat, ließ ich den angestrengten Ausdruck verschwinden und hob einen Mundwinkel zum Lächeln. „Celerina“, grüßte ich sie und beugte mich hinüber, um ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu geben, als sie sich neben mich setzte. „Ja. Schön, dass du Zeit gefunden hast.“ Wie ein Patron mit seinem Klienten, dachte ich mir ein wenig belustigt und räusperte mich. „Wie geht es dir denn? Hast du dich gut eingelebt?“ fragte ich sie höflicherweise und warf ihr einen schrägen Seitenblick zu. Bisher hatte mir niemand von irgendwelchen Umbau- oder Umgestaltungsmaßnahmen erzählt, die meine Frau vornehmen wollte. Vermutlich, dachte ich mir, hatte sie genug mit ihrem kretischen Figaro zu tun. Ich warf einen flüchtigen Blick auf ihre Bauchgegend.


    „Es gibt da auch einige Dinge, die wir noch besprechen sollten. Wir sind übermorgen bei den Tiberiern zu einer cena candidati eingeladen worden. Es werden vermutlich noch einige andere Ehefrauen anwesend sein, so dass du dich sicher nicht langweilen wirst…“ Ich stellte mir die schnatternde weibliche Schar vor und hoffte, dass Celerina nicht tatsächlich die einzige sein würde. „Du kennst Tiberius Durus sicher noch, er war auf unserer Hochzeit anwesend. Ich nehme an, dass außerdem einige bekannte Größen der Stadt ebenfalls eingeladen sind.“

  • Ein flüchtiger Kuß. Das war alles. Als wären wir nur Freunde. Nicht einmal gute Freunde, denn dann wäre vielleicht noch eine herzliche Umarmung gefolgt. Aber ich spielte das Spiel mit und lächelte einfach nur, auch wenn ich mir insgeheim Gedanken zu machen begann. Vielleicht waren wir ja einfach nur Fremde und ich mußte uns beiden noch etwas mehr Zeit zugestehen. Vielleicht aber auch nicht. Wer konnte mir denn schon garantieren, daß mein Gemahl micht kalt wie ein Fisch war?
    "Ach danke, alles bestens!" trällerte ich im Smalltalkjargon. "Ach, ich denke schon! So sehr unterscheiden sich ja die Villen nun auch nicht. Aber danke der Nachfrage!" Und wieder lächelte ich, als wolle ich meine wahren Gedanken verbergen. Denn es gab etwas, was mich seit Tagen beschäftigte. Aber davon durfte Marcus natürlich nichts erfahren. Meine Geheimnisse wahrte ich, wie meine Schätze. Nur an die, die es verdient hatten, gab ich ab und zu etwas ab.
    Gespannt wartete ich nun, was der Grund war, weswegen er mich hatte rufen lassen. Sicher handelte es sich um das übliche, das was sich Mann und Frau unseres Standes zu sagen hatten, wenn sie sich denn einmal begegneten. Und so war es dann auch. Aha, eine Einladung bei den Tiberern, wie schön! Ein wichtiges Treffen unter Männern. Da waren die Damen nur schmückendes Beiwerk.
    "Oh, ja wirklich! Wie schön! Gewiß werde ich mich nicht langweilen." Ob dem tatsächlich so war, würde sich erst vor Ort herausstellen. Doch hier ging es ja nicht um mich. Mein Mann hatte gesellschaftliche Verpflichtungen und mein Part war es, in dabei mit allen Kräften zu unterstützen.

  • Ich nickte zufrieden. Celerina gab sich recht unkompliziert und fügsam, Eigenschaften, die von einer römischen Ehefrau durchaus zu erwarten waren, mich aber gerade bei ihr überaus positiv überraschten. "Sehr gut. Sicher kannst du dich mit den anderen Damen austauschen." Und Dinge besprechen, für die ich nicht geeignet war. Schuhkauf und die trefflichsten Winterfarben von Tuniken, beispielsweise. "Da ist noch eine weitere Angelegenheit. Als tugendhafte Römerin hast du natürlich schon Opferungen und religiösen Riten beigewohnt, sicherlich auch bereits einige Opfer selbst durchgeführt. Als Frau eines pontifex wirst du vermutlich schärfer beobachtet werden als bisher, was das betrifft... Es würde mich freuen, wenn du dich in der Öffentlichkeit sicher zeigen kannst, was Kulthandlungen anbelangt Ich würde es außerdem begrüßen, wenn du außerdem deine theoretischen Kenntnisse noch weiter ausbauen wolltest und dir selbstverständlich dabei zur Seite stehen." Im Grunde hatte ich keine Ahnung, wie viel Celerina wusste und wie oft sie sich gottesfürchtig gab. Ich hoffte nur, sie würde mich nicht blamieren. Das Ablagen zumindest des theoretischen Teils der probatio war eine gute Option.


    Ein Räuspern später fiel mir ein weiteres Anliegen ein. "Ah, um noch einmal auf die anderen Damen zurückzukommen... Ich habe natürlich nichts dagegen einzuwenden, wenn du Besuch empfängst. Ich bitte dich nur, es in...hm, Maßen zu tun." Damit das nicht ganz so gebieterisch daherkam, schob ich ein freundliches Lächeln nach. Dennoch kam ich mir dabei seltsam vor, mehr so, als würde ich mich mit Prisca oder Laevina unterhalten, und nicht mit meiner Frau. Woran das lag, war mir nicht auf Anhieb ersichtlich. Glücklicherweise kam da plötzlich Nikis Küchenhilfe herein und platzierte ein gewichtiges Tablett aus poliertem Silber auf einem nahen Tisch. Ehe sie auffüllen konnte, schickte ich sie jedoch weg und griff selbst nach den Tellern. "Ich habe mir erlaubt, eine Kleinigkeit zu essen zu organisieren", sagte ich zu Celerina. "Was hätte meine Frau denn gern?" Womit der Moment der Wahrheit gekommen war. Erwartungsvoll sah ich sie an.

  • Um ganz ehrlich zu sein, machte ich mir nicht viel aus den Göttern. Gut, zu bestimmten Feiertagen ließ ich mich gelegentlich in den Tempeln sehen, aber dann war auch schon meine Gottesfürchtigkeit bereits erschöpft. Das lag wohl daran, daß ich irgendwann aufgegeben hatte, auf das Wohlwollen der Götter zu vertrauen, als ich noch mit meinem ersten Mann vermählt war. In den letzten Jahren war ich eine Anhängerin des Isiskultes geworden, allerdings auch nur, weil es eine Modeerscheinung war. Aber wenn er das von mir verlangte, na schön, wenn ich dafür die Garantie hatte, einen liebenden Ehemann dafür zu bekommen, der sich um mich sorgte und dem es gelingen würde, mich auf Händen zu tragen.
    "Aber gewiß doch, Marcus! Wenn du es für das Beste hältst!", antwortete ich und lächelte süßlich dabei. Doch wie es schien gab es noch mehr, was er mir mitteilen wollte. Langsam jedoch kam es mir so vor, als würde ein Vater zu seiner Tochter sprechen. Soviel ich mich jedoch erinnern konnte hatten wir erst kürzlich geheiratet! Nun denn, wenn er das für richtig erachtete.
    "Aber natürlich, Marcus. Gut, daß du das ansprichst! Ich möchte demnächst nur ein paar sehr gute Freundinnen aus den Thermen einladen. Du hast doch sicher nichts dagegen, nicht wahr?!" Ich zwinkerte ihm nett zu, wer konnte diesen Augen etwas abschlagen? Doch der Überraschungen war es noch nicht genug. Plötzlich schwang die Tür auf und eine Sklavin, die mit einem überdimensionalen Tablett bestückt war, trat ein. "Oh, lecker! Du hast an alles gedacht!", rief ich erfreut aus, denn ich hatte bereits etwas Hunger, nachdem ich den Mittagstisch hatte ausfallen lassen. Alleine ließ es sich nicht so schön speisen.
    Wie aufmerksam, dachte ich, er übernahm den Part, der eigentlich für die Sklavin vorgesehen war und begann mich zu bedienen. Verzückt sah ich zu ihm auf, als er auf so nette Weise mich fragte, was ich denn wollte. Sogleich bedachte ich die Speisen mit einem prüfenden Blick, ehe ich mich entschied.
    "Oh, Muscheln!", rief ich begeistert. "Und da, Honigaprikosen, wie lecker! Oh, und es gibt auch gefüllten Schweineeuter, nein! Ach weißt du, gib mir bitte ein wenig von den Muscheln und einige Aprikosen, aber vergiß das Garum nicht!", ermahnte ich ihn! Ach wie herrlich, in Honig eingelegte Aprikosen, mit Garum übergossen! Das hatte ich zuletzt vor meiner ersten Hochzeit gegessen, damals in Hispania!

  • Zufrieden lächelnd nahm ich ihre schon beinahe brave Antwort hin. Ich würde darauf achten, dass es nicht nur dahergesagt war, sondern sie die probatio auch tatsächlich ablegte. "Natürlich nicht. Ich freue mich für dich, dass du so viele gute Freundinnen hier in Rom hast", fügte ich höflich hinzu. In Lutetia war das wohl anders gewesen. Und vielleicht ließ sich für mich ja auch etwas daraus etwas gewinnen. Wer wusste schon, wer genau Celerinas Freundinnen waren - vielleicht Ehefrauen angesehener Senatoren, die man auf diese Weise beeinflussen konnte. Ich nahm mir vor, Charis zu beauftragen, sich die Namen der Damen dieses Kaffeekränzchens zu merken. "Da ist heute auch eine Einladung gekommen. Ein Fest bei den Germanicern, zu Ehren des Fond. Ich nehme an, du möchtest dort hingehen?"


    Als wir dann allein waren, ich den Teller in der Hand hielt, sie fragend ansah und sie mir ihre Freude über die kuriose Vielfalt auf der Silberplatte entgegen jauchzte, gab ich mir große Mühe, nicht entsetzt auszusehen. Die vielen Monate im Senat hatten dazu beigetragen, dass ich meine Miene inzwischen recht gut beherrschte und für Celerina daher wohl unverändert aussah. Insgeheim jedoch fragte ich mich Fragen über Fragen. Konnte es denn sein, dass eine einzige schief gelaufene Nacht zwischen zwei Fremden ausreichte, um den Samen keimen zu lassen? War Celerina tatsächlich freudiger Erwartung? Und war sie es wegen mir oder wegen dieses stämmigen Masseurs, von dem Charis berichtet hatte? "Also Muscheln und Aprikosen mit garum", resümierte ich, während ich das Gewünschte auf den Teller schaufelte und ihr dann reichte. Ohne mich selbst zu bedienen, betrachtete ich meine Frau. "Du eh..." begann ich viel zu unkoordiniert und räusperte mich. "Dir schmeckt das so? Ich meine, in dieser Konstellation?"

  • Wenn ich es mir genau überlegte, verlangte er doch recht viel von mir. Das konnte richtig in Arbeit ausarten! Wobei ich mich noch nie vor dem Studium diverser Schriften gescheut hatte. Eigentlich konnte ich doch froh sein, lernen zu dürfen. Andere Männer sprachen ihren Frauen sogar die Fähigkeit ab, selbständig denken zu können! Natürlich würde ich den einen oder anderen Kurs belegen, wenn ihn das glücklich machte.
    Von der Einladung der Germanica hatte ich bereits gehört. Nachdem ich nun schon nicht zu den Ludi gegangen war, weil ich unpässlich war, wollte ich gerne diese Einladung wahrnehmen. Nebenbei fiel mir wieder ein, Charis nach ihren Nachforschungen auszufragen, hinsichtlich der Germanica. Im Grund hatte sie sich mir zur Feindin gemacht, nachdem sie mich in den Thermen so bloßgestellt hatte. Ich hatte, nachdem ich mich wieder abgeregt hatte, gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Irgendwann aber, sobald ich mehr über sie wußte, würde ich sie bezahlen lassen! Bis dahin war ich einfach die nette gutherzige Celerina, die nicht besonders nachtragend war. Germanicer und Flavier konnten noch nie gut miteinander!
    "Selbstverständlich werde ich die Einladung wahrnehmen! Möchtest du mich denn begleiten?", fragte ich Marcus mit meinem süßen Lächeln. Die Frage war durchaus ernst gemeint, auch wenn er davon nicht sehr erpicht sein würde und es als reinste Tortur empfinden mußte, sich inmitten einem Reigen illustrer Damen bewegen zu müssen.
    Marcus reichte mir den Teller mit den wunderbaren Leckereien. Muscheln und Aprikosen! Wie lange hatte ich auf diese Kombination verzichten müssen! Kindheitserinnerungen wurden wieder wach. Ach ja, Hispania! Vielleicht sollte ich eines Tages wieder einmal die alte Heimat aufsuchen!
    "Oh ja, durchaus! Das ist eine Delikatesse! Du solltest es auch einmal probieren!" Auch wenn es für manche Leute sehr gewöhnungsbedürftig war, Muscheln und Aprikosen, bekrönt mit etwas Garum, zu kombinieren, kam es dennoch auf der Zunge einem kulinarischen Höhepunkt gleich.

  • Ich sollte die Germanica bald kennen lernen, noch ehe Celerina mich auf dieses Fest mitschleifen würde. In jenem Moment allerdings erschien mir die Aussicht, sie auf ein Kaffeekränzchen begleiten zu müssen, eher öde als interessant. Vermutlich würde ich bei keinem einzigen Gesprächsthema mitreden können, geschweige denn wollen. Aber, so sagte ich mir, so war es immerhin besser, als wenn Celerina ein ebensolches Fest hier in der villa würde veranstalten wollen. Denn bei den Germanicern waren wir Gäste - die jederzeit gehen konnten - wohingegen man hier in den eigenen vier Wänden als Gastgeber schlecht verkünden konnte 'Mir reicht's, ich gehe!' Celerinas zuckersüßes Lächeln durchschaute ich gleich als das, was es wohl auch war: Gute Miene zum bösen Spiel. Ich wäre allerdings nicht so weit gekommen, wenn ich das nicht ebenfalls beherrschen würde. Und so sprach mein Blick eine fürsorgliche Sprache, während mein Mund verlauten ließ: "Wie könnte ich einer so höflichen Einladung meiner reizenden Frau widersprechen?" Oh, ich wusste, wie ich gekonnt hätte. Nur das wäre vermutlich dem Eheleben nicht sonderlich zuträglich gewesen. Also biss ich in den sauren Apfel und hoffte, das collegium würde tagen, der Senat eine wichtige Sitzung einberufen oder der Himmel auf die Erde fallen. "Es wird um Rückantwort gebeten. Übernimmst du das? Und weißt du zufällig, wer sonstig eingeladen ist?" Am Ende war ich gar einsam und allein, ein trauriger Tropf inmitten einer flatterhaften Hühnerschar...


    Ich warf erneut einen Blick auf Celerinas Teller und unterdrückte ein schaudern. Am besten fragte ich gerade heraus, überlegte ich mir. Um es zuwenigst einigermaßen angemessen zu tun, räusperte ich mich und sah Celerina ernst an. "Bist du in...anderen Umständen?" Ein Blinzeln, skeptischer Natur. Wenn ich nun falsch lag, gab es mehrere Möglichkeiten. Sie konnte fragen, ob ich sie zu dick fand, sie allfällig deswegen nicht nachts aufsuchte. Ihre Laune konnte augenblicklich auf Minusgrade sinken. Vielleicht würde sie Tränen lachen über meine alberne Frage. Vermutlich auch nichts von alledem. Ich harrte.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!