• “Ich beziehe meine Stoffe bei Laurentius, dem Gallier!“, bemerkte Paulina spitz.
    “Ihr wisst schon, der, der immer die Initialen YSL in seine Kreationen stickt. Der war bestimmt niemals im Krieg! Unter uns gesagt, hat er glaube ich was mit dem kleinen Mann, der für ihn die Rechnungen schreibt. Solche mögen sie beim Militär doch nicht. Außerdem glaube ich kaum, dass ich nackt herumlaufen müsste, wenn man mal einen Krieg ausfallen lassen würde!“


    Über diesen Salinator hatte ihr Mann einmal, bei einem der seltenen gemeinsamen Abendessen, eine abfällige Bemerkung fallen lassen. Der hätte keine Manieren, hatte er gemeint und ausnahmsweise war Paulina mit ihrem Gatten einer Meinung gewesen, dass ein Mann ohne Umgangsformen nicht die rechte Hand des Kaisers sein sollte.

  • Etwas befremdet sah Calvena die Iunia an. Diese brauste regelrecht auf. Wie gut dass sie sich einen Kommentar zum Thema Krieg verkniffen hatte, sonst würde sich Axilla wohl nur noch mehr vor den Kopf gestoßen fühlen. Außerdem war sie sich ziemlich sicher, dass weder Paulina noch Valeria ihre Worte böse gemeint haben. Ihr Blick wanderte fragend zu Serrana, sie hatte keine Ahnung was sie diesem wütenden Wortschwall entgegnen sollte. Außerdem schien Axilla sofort diese Aussagen als Angriff zu werten und nicht als harmlose Plauderei... Von daher versuchte sie es auf dem diplomatischen Wege und hielt lieber erst einmal den Mund, bis sich die Iunia abreagiert hatte. Dann hob sie beschwichtigend die Hand.
    „Keiner hat die Verdienste und Taten deiner Verwandten als alberne Spielerei abgetan oder wollte dich beleidigen, Axilla“, sagte sie vorsichtig. Nicht dass diese dann auch noch unbegründet auf sie los ging.
    "Aber manche Kriege und Kämpfe sind nur sinnloses Blutvergießen. Das kannst selbst du nicht leugnen..."
    Zu dem Kommentar über Salinator wusste sie nichts weiter zu sagen. Sie sah die Verbitterung in den Augen der jungen Frau.

  • "Es tut mir leid, dass du so viele verloren hast", sagte Valeria. "Allerdings muss man ständig damit rechnen, sobald man einen geliebten Verwandten oder Freund im Militär weiß. Ich weiß, wie schlimm die Sorge sein kann. Fast alle meine Verwandten dienen Rom als Soldat auf die eine oder andere Weise, und viele sind schon im Dienst für das Reich gefallen." Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, woher deine Wut so plötzlich kommt, aber ich finde es falsch, wenn jemand denkt, dass nur der ein Mann ist, der schon mal getötet hat." Das klang selbstsicher und ernst, und genauso meinte Valeria das auch. Es gab viele Wege, Rom und dem Kaiser zu dienen. Auch für Männer. Leider sahen das viele doch aber anders. Paulina allerdings wohl nicht. Zwar war deren Meinung ziemlich naiv, aber im Kern war Valeria damit einverstanden.


    Dann wandte sie sich wieder Calvena zu. "Der Kaiser ist in Mantua?" fragte sie verwundert. Sie wusste nicht, dass er sich eigentlich in Misenum aufhielt und nicht in Mantua, sondern hatte angenommen, dass er in Rom sei. "Was du da über diesen Präfekten erzählst, klingt wirklich nicht gut. Aber woher weißt du, dass der halbe Senat nicht mit seinen Taten einverstanden ist und dennoch niemand etwas tut?" wollte sie wissen. "Und wie stößt er dem Adel vor den Kopf?"

  • Axilla lag schon ein Vortrag auf der Zunge. Sie musste nicht einmal überlegen und hätte alle hier anwesenden nur so zukleistern können mit Worten, Argumenten und Schlussfolgerungen. Paulina bekam ihre Stoffe also von einem Gallier? Etwa so einem Gallier, der noch vor zwei Jahrunderten alles daran gesetzt hätte, ihr die Kehle aufzuschneiden, nur weil sie Römerin war? Von dem Volk, dass nur deshalb nun mehr oder minder friedlicher Teil des Reiches war, weil es mit dem Schwert niedergeworfen worden war und ihr Anführer in einem Triumphzug nach Rom geschleppt worden war? So ein Gallier?
    Und sinnloses Blutvergießen... es gab schlecht vorbereitete Aktionen, aber wirklich sinnlose? Irgend einen Sinn hatte es immer, und Axilla weigerte sich, den Dienst an Kaiser, Vaterland und den Göttern auch nur unter irgend einem Gesichtspunkt als sinnlos zu sehen, oder das Vergießen von Blut als sinnlos anzusehen. Alles hatte einen Sinn und ein Schicksal, und erst recht der Krieg. Es war nie sinnlos, wenn Rom, um seine Grenzen zu sichern, zu verteidigen oder auszuweiten Soldaten in die Schlacht schickte. Manches mal, wie beispielsweise unter Augustus, waren solche Feldzüge nicht gut durchdacht, so dass es in Schlachten wie unter Publius Quinctilius Varus gab, wo dann viele Männer starben. Aber war das wirklich sinnlos?
    So langsam glaubte Axilla, hier unter Christianer geraten zu sein. Diese betrachteten Blutvergehen ja auch als sinnlos, beteten sogar zu einem Gekreuzigten, der sich einfach hatte fangen lassen, obwohl er Aufwiegler war. Sie wusste nicht viel über diesen seltsam intoleranten Glauben, nur, dass diese Leute einerseits Gewalt ablehnten, andererseits aber darauf pochten, dass die Götter nicht existierten. So ein wenig fühlte sich Axilla bei den Worten von Calvena daran erinnert.
    Decima Valeria besaß wenigstens die Größe, sich zu entschuldigen. Wenngleich ihr letzter Satz schon etwas merkwürdig anmutete. Axilla hatte nie behauptet, dass nur ein Mann, der schon einmal getötet hatte, auch so einer wäre. Aber mal Hand aufs Herz, welche Frau wollte nicht einen Mann, der sie verteidigen konnte, und das mit mehr als Worten? Wenn man über Land reiste, was war einem da lieber? Ein Dichter, oder ein Kämpfer? Es war ja nicht so, als ob hier alles immer friedlich wäre. Jeden Tag wurde irgendwo jemand abgestochen. Kaum eine Frau mit Verstand ging ungeschützt durch die Gegend – was Axilla folglich zu einer Frau ohne Verstand machte, weil sie das doch hier und da tat. Einige hatten sogar ausgebildete Leibwächter um sich herum. Und für Axilla selber war ein Mann sowieso nur so einer, wenn er sich auch wie ein Kerl benehmen konnte, was die Fähigkeit zur Gewalt mit einschloss. Mit einem lieben, netten, immer zuvorkommenden und vorsichtigen Mann wäre sie unglücklich.
    Daher konnte sie diesen Einwand auch nicht verstehen und ärgerte sich, dass die Decima einfach wieder das Thema wechselte, als wäre nichts gewesen. Axilla ließ sich brütend zurücksinken und sagte nichts. Was sollte sie schon sagen? Dass ihr das hier alles zu weich und zu süß war? Sie glaubte nicht, dass das jemand hier verstehen würde.


    Und da begriff sie etwas anderes. Diese Frauen hier: Die waren nicht etwa böse oder dumm. Nein. Sie wussten nur nichts. Die Erkenntnis traf Axilla wie ein Blitz. Sie fühlte sich meistens immer unwichtig und dumm, weil sonst Axilla diejenige war, die nichts wusste. Aber in diesem einen Punkt, wenn es um Ehrgefühl und Krieg, die Ehre des Imperiums und Schlachten ging, da wusste sie einfach mehr. Da hatte sie das Glück, von ihrem Vater nicht in Watte eingepackt worden zu sein, nicht fernab von dem, was geschah, aufgewachsen zu sein, nicht in Unkenntnis der Auswirkungen von Blutvergießen erzogen worden zu sein. Sie wusste, warum das geschah, und warum es so wichtig war! Sie wusste, wozu Krieg gebraucht wurde, um seine Bedeutung für die Götter, um die Gefahr von anderen Völkern, die nur zu gern den Reichtum Roms ihr Eigen nennen würden. Sie wusste einfach! Und die anderen hier, die wussten scheinbar nicht.
    Axilla sank wieder auf ihre Steinbank und blieb eine Weile bei ihren Gedanken, hörte dem folgenden Gespräch gar nicht mehr zu. Es interessierte sie auch eigentlich nicht besonders, denn im Gegensatz zu den anderen lag ihre Unkenntnis bei diesen scheinbar weiblichen Themen wie Mode und Zeitvertreib. Nein, sie war ganz gefangen von der Erkenntnis, dass sie zum ersten Mal begriff, was mit ihr anders war als mit vielen anderen, und das war nicht einmal ein schlechtes Gefühl.

  • Axilla hatte nicht komplett Recht. Es gab unter den versammelten Frauen schon noch welche, die die Verunglimpflichung des Militärs nicht so hinnahmen.


    Romana hatte zuerst geschwiegen, als hier die Soldateska zerfetzt wurde. Doch nun sah sie, wie sich Axilla ausschaltete, sich quasi ausklinkte. Da konnte sie sich nicht mehr halten.


    „Ich finde das despektierlich. Jawohl, despektierlich ist genau das richtige Wort!“ Mit einem Gesichtsausdruck, der gar nichts Gutes verhieß, blickte sie zu Paulina. „Axilla, dein Vater ist nicht der einzige von unseren Vätern, die als Soldat gedient hatten. Mein Vater war Soldat. Er lebt noch, aber die Wunden, seelisch und physisch, die er im Kampf erlitten hatte, plagen ihn heute noch. Mein Großvater war Praefectus Praetorio. Er ist schon lange tot, aber vielleicht kennt ihr seinen Namen: Claudius Macrinius Restitutor.“ Mit Stolz sprach sie den Namen aus. „Und jetzt kommt ihr daher und zieht die Taten meines Vaters und meines Großvaters, und des Vaters von Axilla durch den Dreck. Sinnlos? Denkt mal nach, bevor ihr redet! Ihr impliziert damit, dass Axillas Vater sinnlos gestorben wäre, dass mein Vater sinnlos die Qualen seiner Zeit im Heer durchlitten hätte!“ Sie schüttelte den Kopf über so viel Unsensibilität, und jeder, der Romana kannte, wusste, dass sie sich enorm zusammenreißen musste, um jetzt nicht noch mehr aufzubrausen.


    Allerdings beugte sie sich noch zu Calvena hin und flüsterte ihr ins Ohr: „Gerade von dir hätte ich erwartet, dass du nicht in die selbe Kerbe hauen würdest wie diese dummen Puten da.“ Ein vorwurfsvoller Blick folgte, als sie sich wieder in ihre gerade Position zurückbrachte. Ja, Soldatenkinder waren da schon etwas anderes.


    Paulina ignorierte sie nicht mal. Mit ihrem sinnlosen, unzusammenhängenden Geplappere hatte sie es sich bei Romana nun komplett verscherzt, und sich selber disqualifiziert.


    Über Salinator konnte sie allerdings nur eines sagen: „Der Kaiser wird schon wissen, was er tut. Wenn er denkt, dass Salinator der richtige Mann ist, um für ihn zu regieren, wird es schon in Ordnung sein. Anderes zu denken grenzt an Verrat“, meinte sie patzig und verschränkte ihre Arme. „Und, ach ja, der Kaiser ist in Misenum. Lasst euch das von einer gesagt sein, die schon das Privileg hatte, seinen Glanz dort zu erblicken.“

  • Sicherlich hatte Axilla das nicht gesagt, aber Valeria hatte dargelegt, was sie selbst darüber dachte. Da aber Axilla nichts weiter dazu sagte und sich deswegen keine Diskussion entwickeln konnte - was Valeria sehr schade fand - schwieg auch sie selbst, zumindest bis die Claudierin zu explodieren schien. Zuerst verblüfft, dann nachdenklich und schließlich mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck verfolgte sie deren Redeschwall, der mehr einer zickigen Schimpftirade ähnelte als einer angemessenen Meinungsäußerung. "Ich frage mich, wie du darauf kommst, dass jemand irgendwessen Taten durch den Dreck zieht, Claudia", entgegnete Valeria ruhig. Gut, Paulinas Äußerung war ziemlich naiv, aber konnte man ihr dafür einen Vorwurf machen? Immerhin gab es solche Leute, die nicht wussten, was so außerhalb Roms passierte. Und welche, die es auch einfach nicht interessierte. Dass Romana von ihrer Familie und vor allem von ihrem "Vater" so sprach, wunderte Valeria allerdings. "Bist du nicht Vestalin?" fragte sie daher noch mal nach, weil sie das irgendwann vorhin aufgeschnappt hatte, denn damit war der Vater der Dame der Kaiser und nicht irgendein Claudier, der als Patrizier sowieso nie in der vordersten Reihe gekämpft, geschweige denn einen Krieg mitgemacht hatte.

  • Erst echauffierte sich Axilla und nun auch noch Romana. Etwas verwundert sah sie die Vestalin an. Niemand hatte etwas gegen die Väter und Ahnen der beiden Frauen etwas gesagt, außerdem war ja auch ihr Vater ein Soldat gewesen. Einmal davon abgesehen, dass sie ihn nie kennen gelernt hatte. „Ich habe niemals gesagt, dass der Tod ihres Vaters oder meines Vaters, sie betonte ‚meines Vaters‘ etwas mehr und hielt dem Blick von Romana stand. Nur um ihr auch vor Augen zu führen, dass sie durchaus eine andere Meinung haben konnte, obwohl ihr Vater Soldat war, „sinnlos war. Nur hätten sich auch einige Kämpfe sicherlich vermeiden lassen können, wenn man etwas mehr Feingefühl anderen Völkern bewiesen hat!“ Sie bezweifelte stark das weder Axilla noch Romana jemals die Folgen blutiger Kämpfe gesehen hatten oder erlebt hatten. Sie genossen durchaus die komplette Sicherheit auf den Straßen. Doch es gab eben auch die dunklen Seiten, zwar war sie nie in einem der Kriegsgebiete gewesen, doch einer ihrer Ziehbrüder war ein ehemaliger Soldat gewesen. Gehetzt und verstört war er zurück kommen und hatte versucht seinem Leben einen neuen Sinn zu geben und den Gestank des Todes los zu werden, welchen er glaubte an seinen Händen zu riechen…


    Romans leise zugeraunte Worte nahm sie mit einer leicht beleidigten Miene auf. „Du verstehst mich falsch“, sagte sie schlicht und sah es nicht ein, ihre Einstellung zu erklären. In dieser Hinsicht waren sie wohl nun einmal anderer Meinung und es würde schwer werden, den anderen von seiner Meinung zu überzeugen.


    Ziemlich patzig äußerte sie sich dann auch och zu Salinator und verbesserte ihr Aussage, wo sich der Kaiser derzeit aufhielt. Anscheinend war Romana nun ganz schön eingeschnappt. Ratlos zuckte sie mit den Schultern. Sie würde sich schon beruhigen.

  • Über die Kinder von Aelia Paulina hatte Septima bereits von ihrem Mann erfahren, so dass sie die Antwort auf Serranas Frage nicht sonderlich interessierte. Außerdem winkte Septima bei der Aufzählung der ganzen Pflichten einer Mutter ab. „Also ich werde meine Kinder einer Amme anvertrauen. Soll die sich doch um den Winzling kümmern.“ Da waren die beiden Frauen wohl einer Meinung, nur wußte Septima das noch nicht.


    Das Fest in der Casa Germanica war allerdings etwas anderes. „Oh es ist mehr als schade, dass du deinen Mann nicht begleiten konntest, Aelia. Diese Feuertänzerin hättest du sehen sollen. Wie eine Göttin hat sie für uns alle getanzt und so ziemlich jedem Mann mit ihrem anmutigen Körper den Kopf verdreht.“ schwärmte Septima und zwinkerte der Senatorenfrau zu, ohne zu merken, dass sie womöglich gerade in ein Fettnäpfen geschwommen war- von treten konnte hier im Becken ja nicht gesprochen werden.


    Septima wand sich an Serrana. „Auch wenn der Sturz deiner Großmutter ein schicksalhafter Moment war, so gewährte es nicht einer gewissen Komik, als sie von dem jungen Arzt zurück ins Leben geholt wurde.“ Die junge Tiberia lachte. "Es ist ja nochmal alles gut gegangen." Ja, an das Fest in der Casa Germanica hatte Septima nur gute Erinnerungen. Ihre Gedanken schweiften gerade zu dem jungen Octavier, der sich so sang und klanglos in ihr Herz geschlichen hatte. Ähnlich wie bei der Iunia, wirkte auch Septimas Gesichtsausdruck ein wenig verklärt.


    „Ach ja richtig, das Wagenrennen.“ fiel es der jungen Frau gerade noch ein. „Also, es gibt die Veneta, die Aurata, die Russata und die Albata. Das wären dann die Blauen, die Goldenen, die Roten und die Weißen. Es gab im Endlauf auch noch die Praesina, also die Grünen, aber die hatten nur einen Fahrer im Rennen. Und wenn ihr mich fragt, dann könnten die Aurata noch mehr Anfeuerungsrufe gebrauchen, denn die waren leider sehr oft hinten im Rennen. Außerdem ist Gold eine der schönsten Farben überhaupt.“ Die Begeisterung für den Rennsport war der Stimme der Tiberia deutlich anzuhören. „Ich fände es sehr schön, wenn wir gemeinsam mal zu einem Rennen gehen würden. Und ihr habt Romana gehört.. sie würde sogar mitkommen.“ versuchte Septima die anderen Damen zu überreden und schenkte Romana ein dankbares Lächeln.


    „Wie jetzt?! Erst gestern hier in Rom angekommen und schon in der Thermae Agrippae? Nun ja, womöglich hast du Recht, Decima? Decima- Hier ist die beste Informationsquelle für Gerüchte.“ Wieder wurden ihre Worte von einem hellen Lachen begleitet. Dabei hatten die Frauen noch nicht mal begonnen zu lästern, oder Informationen auszutauschen. „Wenn du mehr wissen willst, dann schau doch auch mal beim Forum Romanum auf die Bekanntmachungen. Dort ist alles wichtige ausgehangen.“ schlug Septima vor. „Und mit etwas Glück, läufst du da sorgar Serrana oder mir über den Weg.“ witzelte die junge Patrizierin herum und knuffte Serrana kurz mit dem Ellenbogen.


    Calvena machte einen guten Anfang, was das Lästern anbelangte. „Der Praefectus Urbi? Du kennst ihn persönlich?“ konnte sich Septima den Kommentar nicht verkneifen. Bei der Beschreibung des zweit wichtigsten Mannes in Rom kam auch bei Septima die Erinnerung wieder. Allerdings hatte sie den Praefectus Urbi nur von weitem gesehen. „Eine besonders strahlende, oder gar stattliche Erscheinung gibt er aber nicht.“ merkte sie naserümpfend an. Und gegen Patrizier war er auch noch? „Also wenn er mit Meinesgleichen nichts zu tun haben will, dann kann ich ihm in dem Wunsch gerne entgegen kommen.“ Und schon reckte sich das Näschen der jungen Frau geh'n Himmel, was allerdings nur gespielt war, denn so sehr eingebildet war Septima nun wirklich nicht.


    Als Iunia Axilla anfing gegen die Decima zu wettern, hielt Septima lieber ihren Mund. Sie war hier her gekommen, um zu entspannen, nicht um sich zu streiten. Als es allerdings weiter zu Salinator ging, klappte ihr der Unterkiefer leicht herab. „Was bitte hat der Praefectus Urbi getan? Konnte der Täter geschnappt und verurteilt werden?“ Leicht fassungslos starrte Septima Axilla an. Immer wenn es um Gewalt gegen Unschuldige ging, wurde ihr wieder bewusst, wie gefährlich es hier in Rom sein konnte. Sie enthielt sich allerdings bei diesem Gesprächsteil, da sie nur Verwandte in der Politik hatte und sich selbst viel mehr für diese interessierte, beließ sie es bei einem kurzen, anteilhaften Kopfnicken in Richtung der Iunia.


    Doch das Thema Kämpfe, Militär und gefallene Väter war noch nicht beendet. Die Stimmung schien deutlich zu kippen und Septima fühlte sich bemüssigt, einzugreifen. „Aber meine Damen!“ versuchte sie zunächst die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. „Ich denke wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir diese Unterhaltung beenden sollten. Außerdem entscheidet über alles der Senat. Wenn die Senatoren es für richtig erachten einen Krieg zu führen, dann schicken sie Leginäre wo auch immer hin und die verantwortlichen Offiziere haben zu tun, was ihnen befohlen wurde. Zweifeln wir also lieber nicht an der Richtigkeit der Entscheidungen unseres Senates.“ Septima hoffte sehr, damit die Diskussion über das Militär beendet zu haben.


    „Reden wir doch lieber über... Männer!“ versuchte sie einen Themenwechsel. „Weiß eine der hier anwesenden Damen etwas mehr über die ominöse Erkrankung von Senator Flavius Furianus? Oder womöglich über seine Hochzeit mit der Claudia?“ Interessiert schaute sich Septima unter den Mitschwimmerinnen um. Dies war eine wunderbare Gelegenheit, mehr über den ihr sehr sympathischen Senator zu erfahren.

  • Diese Art von Klatsch interessierten Paulina sehr viel mehr, als irgendwelche Kriegsgeschichten und Soldatenschicksale.
    Darum zuckte sie bei Romanas Worten auch nur mit den Schultern und meinte, immerhin mit treuherzigem Augenaufschlag: “Es war doch nicht böse gemeint.“, um dann jedoch mit ganzer Aufmerksamkeit zuzuhören, als das Gespräch auf einen kranken Senator und seine Hochzeit gelenkt wurde.

  • Auch Serrana beglückwünschte Paulina herzlich zur Geburt ihrer beiden Kinder, schweifte dann jedoch mit ihren Gedanken wieder zu den Fontinalia ab. Erst als Axilla auf die Bemerkungen der Aelia und der Decima ausgesprochen scharf reagierte, schreckte sie aus ihren rosaroten Tagträumen hoch und sah ihre Cousine erschrocken an. So wütend hatte sie Axilla noch nie erlebt, was war denn nur plötzlich mit ihr los? Natürlich waren die Äusserungen von Valeria und vor allem Paulina unbedacht gewesen, und und angesichts der ständigen Opfer und Entbehrungen all der kämpfenden Truppen des Reiches sicherlich unangebracht. Serrana nickte daher unbewusst, während Axilla ihre Argumente vorbrachte, dennoch wäre es ihr lieber gewesen, wenn ihre Cousine ein wenig diplomatischer vorgegangen wäre, denn schließlich hatten die beiden Frauen kaum irgend jemandes Verdienste absichtlich schmälern wollen. Ob es wohl Absicht oder Zufall gewesen war, dass Axilla bei der Aufzählung ihrer heldenhaften Onkel ihren, Serranas, Vater ausgelassen hatte? Schließlich war der auch im Dienst umgekommen, wenn auch "nur" bei den Cohortes Urbanae. Oder zählten die etwa nicht? Oder erwartete Axilla, dass Serrana selbst für ihn und seine Ehre in die Bresche springen sollte? Die Iunia öffnete kurz den Mund und schloss ihn dann wieder, ohne etwas dazu zu sagen. Sie spürte irgendwie, dass Axilla nach wie vor sehr unter dem gewaltsamen Tod ihres Vaters litt und daher auch viel empfindlicher auf dieses unbeabsichtigte Provokation reagierte, als es vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn er noch leben würde. Sie selbst hatte ihren Vater im Grunde lange bevor dieser gestorben war verloren, so dass sie den genauen Umständen seines Todes keine besondere Bedeutung zumaß. Für sie war er ohnehin nicht mehr erreichbar, was nützte es ihr da also noch, ob er ein Held gewesen war oder nicht?
    Da sie dieses doch sehr private Thema nicht vor all den zum Teil ziemlich fremden Frauen diskutieren wollte, rückte Serrana nur zu der mittlerweile schweigenden Axilla hinüber und legte ihr unter Wasser leicht die Hand auf den Unterarm, während nun auch Romana für die Ehre der römischen Soldaten in die Bresche sprang und Calvena mit einem Vermittlungsversuch scheiterte.
    "Ich denke, Axilla und Romana haben mit dem, was sie über unsere Soldaten gesagt haben, recht, trotzdem sollten wir einander wegen einer Meinungsverschiedenheit nicht so an die Gurgel gehen, denn das wird uns die Menschen, die wir vielleicht durch das Schwert verloren haben, auch nicht zurückbringen."


    Es bestand natürlich durchaus die Gefahr, dass Axilla ihr diese Bemerkung übel nehmen würde, aber schließlich hatte sich zumindest die Aelia erst auf Serranas Aufforderung hin zu ihrer Gruppe gesellt, so dass sich diese auch für deren Behandlung verantwortlich fühlte und sie trotz ihrer unbedachten Äusserung nicht auf diese Weise vergraulen wollte.


    Bevor sich das ganz große Schweigen über ihr Becken legen konnte, riss Septima plötzlich in munterem Plauderton die Unterhaltung an sich, und Serrana sah die Tiberierin dankbar an.
    Die Feuertänzerin überging sie geflissentlich, diese perfekte Schönheit hatte ihr bereits am Abend des Festes für einige Minuten den Seelenfrieden geraubt. Und auch ihre Großmutter war nicht wirklich ein reizvolles Thema, trotzdem konnte sie sich eine letzte, kleine Bemerkung zu der Rettungsaktion nicht verkneifen. "Ja, ich fürchte das stimmt schon. Aber stellt euch nur mal vor, nicht meine Großmutter, sondern eine junge schöne Frau wäre gestürzt und von Mattiacus gerettet worden, das wäre doch furchtbar romantisch gewesen..."


    Serrana seufzte versonnen auf und lehnte sich wieder an den Beckenrand, Ehre und Tod waren für's erste wieder von angenehmeren Gedanken verdrängt worden.
    Als Septima ihr bei der Erwähnung des Forum Romanum in die Seite knuffte, zwinkerte sie dieser lächelnd zu, schließlich lag das zufällige Treffen der beiden jungen Frauen an diesem geschichtsträchtigen Ort noch nicht allzulang zurück und war sehr schön und unterhaltsam gewesen.


    "Zum Praefectus Urbi kann ich leider so gut wie nichts sagen, ich kenne ihn im Grunde gar nicht." sagte sie und versuchte mit recht geringem Erfolg, sich dessen Gesicht wieder in Erinnerung zu rufen. "Allerdings habe ich das eine oder andere über diesen Mann gehört, was ihn mir nicht allzu sympathisch macht." fügte sie dann noch mit einem kurzen Blick zu Calvena hinzu.


    Was das Thema "Männer" allgemein betraf, so war Serrana selbst erst vor recht kurzer Zeit auf den Geschmack gekommen, aber das änderte natürlich nichts daran, dass sie sich direkt gespannt nach vorn beugte.


    Flavius Furianus? Schade, den kannte sie nun leider gar nicht, und hatte daher auch keinerlei Kenntnis über dessen Gesundheitszustand.

  • Langsam fühlte Romana die pulsierende Wut, welche in ihrem Blut schwelte, abkühlen. Schwer atmen musste sie infolge ihres abrupten, vulkanartigen Ausbruches, der natürlich weder zu irgendetwas beigetragen hatte, noch jemandem geholfen hatte, aber zumindest der Claudierin und ihrer sicher überholten, veralteten Weltanschauung Gehör mittels der allzeit bewährten Brachialmethode verschafft hatten. Ihr drang die Stimme der Decima an ihr Ohr. Mit Müh und Not verbiss sie sich eine erboste Antwort und blickte die Decima nur warnend an. Ihre Frage konnte sie hingegen mit gewissem Stolz beantworten. „Das bin ich, Vestalin.“ Sie dachte kurz nach. „Wenn du darauf anspielst, wen ich mit Vater meinen – meinen leiblichen Vater.“ Es war schwer, jemanden als Vater zu bezeichnen, der nie hier war, und der sich nicht um seine Töchter kümmerte.


    Calvenas Worte entgegnete sie nur mit einem Seufzen. Die Gute dachte sich wirklich, man könne mit diesen Barbaren verhandeln. Doch es war der Römer Schicksal, über die Völker zu regieren, ihr Schicksal zu lenken, und zwar mit harter Hand. Diplomatisches Feingefühl, als ob kannibalische Germanen, besoffene Kelten oder grausame Parther darauf ansprechen würden. Höchstens effeminierte Griechen konnte man damit beikommen. Sie hatte nie selber blutige Kämpfe gesehen, aber genug davon von ihrem Vater erzählt bekommen. Die Narben, die dabei entstanden, waren nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich. Sie beugte sich nochmals zu Calvena hin. „Ich glaube, du hast recht. Tut mir Leid, dass ich dich so angefahren habe.“ Ein untrügerisches Zeichen war dies, dass sie sich wieder beruhigte.


    Sie nickte, ein wenig versöhnt , zu Septima hin, als diese mit ihrer schier unverwüstlichen Fröhlichkeit das Gesprächsthema auflockerte und, sehr diplomatisch, wie Romana fand, das Thema in eine andere Richtung lenkte. „Das stimmt. Der Senat, und der Kaiser.“ Damit war doch wohl hoffentlich alles klar! Das heiligste Gremium von allen und der Kaiser in seiner Heiligkeit – wer ihnen unterstellte, nicht richtig zu handeln, war sicher ein Verräter. Innerlich erklärte sie sich also kurzerhand zur Siegerin des Disputes, blickte kurz verstohlen, aber triumphal um sich, und lehnte sich, deutlich entspannt, zurück. Paulina ignorierte die Vestalin noch immer. Sie empfand nichts mehr als Verachtung für diese Trutsche.


    „Ich glaube, ich habe den Praefectus Urbi kurz auf den Fontinalien gesehen. Meine Stiefmutter hat sich mit ihm unterhalten.“ Kein sehr schöner Mann war es auf jeden Fall. „Er mag keine Patrizier? Seltsam. Ohne einen Patrizier – den Kaiser – wäre er doch gar nicht auf seinem Posten.“ Sie schüttelte den Kopf. Sicher war das Meiste, was man über den Mann sagte, aus den Fingern gesogen. „Wie schon gesagt...“, meinte sie schon mit weitaus konzilianterem Tonfall als vorher, „wenn der Kaiser ihn eingesetzt hat, wird er sich schon etwas dabei gedacht haben.“


    Sie hörte ihren Nomen Gentile. „Ah, Claudia Catilina, meinst du, meine Base! Ja, sie hat Flavius Furianus geheiratet. Ganz klammheimlich. Keine Zeremonie, nichts. Die Flavier haben nicht einmal uns, die Claudier, eingeladen.“ Eigentlich ein Affront. „Aber ich glaube auch gar nicht, dass die Flavier irgendetwas gemacht haben.“ Sie schüttelte den Kopf. Ihr kam das sehr ominös vor.


    Sie nickte abermals zu Serrana hin, als diese ihr und Axilla recht gab. Sie lachte – endlich wieder – als Serrana die Vorstellung kund gab, dass der Jurist eine junge, hübsche Frau gerettet hätte. „Bona Dea! Ihr interpretiert auch überall eine Hochzeit hinein, oder? Ich weiss jetzt auch nicht, ich bin... glaube ich, nicht so der Hochzeitstyp.“ Sie lächelte ob ihres eigenen Scherzes, und ihr Blick wanderte zu Calvena hin. Ihre Hochzeit rückte näher und näher... was war eigentlich mit Serrana? Dass zwischen ihr und Sedulus etwas lief, wusste sie noch überhaupt nicht.

  • Serrana verstand es recht gut, die beiden zerstrittenen Personen wieder gütiger zu stimmen, weshalb ihr Septima einen dankenden Blick und ein Lächeln schenkte. 'Gut gemacht, Serrana.' fügte sie in Gedanken hinzu.


    Schmunzelnd hörte sie der ausgedachten Geschichte zum unfreiwilligen Bad ihre Großmutter auf den Fontinalien zu. „Serrana, du bist hoffnungslos romantisch.“ konnte sie sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Vielleicht solltest du beim nächsten Fest in das Impluvium fallen, dann kann dich der schmucke junge Medicus retten.“ Ein Augenzwinkern folgte. Hatte sich Serrana etwa den Retter ihrer Großmutter verguckt?


    „Zum Thema Salinator kann ich noch etwas beisteuern, was mir meine Großcousine auf dem Heimweg vom Fest der Germanica erzählte.“ Septima beugte sich etwas vor und winkte die Damen ein wenig näher heran. Dann fuhr sie mit leiserer Stimme fort zu erzählen. „Auf dem Weg nach Hause, beriechtete mir meine Großcousine in der Sänfte, dass sie den Praefectus Urbi mit einer Frau im Tablinium hat verschwinden sehen.“ Den Namen der betroffenen Frau ließ Septima erstmal weg. Vielleicht hatte auch eine der anderen Frauen in der Therme etwas darüber gehört.


    Sehr zur Freude von Septima, wußte Claudia Romana etwas über die Hochzeit von Flavius Furianus und Claudia Catilina. Viel war es allerdings nicht. „Weißt du denn wo die beiden geheiratet haben? Hier in Rom wäre es doch nie möglich gewesen eine solche Verbindung klamm heimlich durchführen zu lassen.“ Nein, dazu mußten die beiden irgendwo anders geheiratet haben. „War es eine Liebeshochzeit?“ wollte die junge Frau weiter wissen. „Und erzähl doch mal ein wenig über deine Base. Wo kommst sie her?“ Septima kam sich wie bei einer Verhandlung vor dem Praetor Urbanus. Ob die anderen Frauen ihr offensichtliches Interesse durchschauten?


    „HAHH! Romana, du bist echt witzig. DU und heiraten? Nein, dazu bist du wirklich nicht bestimmt.“ mußte Septima über den Kommentar der Claudia lachen. „Einmal Vestalin, immer Vestalin. Und somit ewige Keuschheit.“ Sie zwinkerte ihrer Freundin zu. Ein grerade zu erschreckender Gedanke für die junge Tiberia.


    Herrlich. Noch kurz bevor sie in die Therme gegangen war, und sogar noch, während sie sich ins Wasser begegen hatte, hatte Septima das Gefühl gehabt, dieser Nachmittag sei reine Zeitverschwendung. Aber es stellte sich heraus, dass sie genauso gerne tratschte, wie sie Männern hinterher schaute.

  • „Ich freu mich schon auf ein Wagenrennen. Wir werden sicherlich unseren Spaß haben."


    Anscheinend war der kleine Disput beigelegt und sie konnten sich wieder anderen Themen zuwenden. Auf Romana ging sie zunächst einmal nicht weiter ein, stattdessen antwortete sie Septima auf ihre Frage. „Kennen ist gut, ich hab ihn bei der Einweihung des Merkurtempels in Ostia kennen gelernt. Er hat den Tempel unter anderem gestiftet. Eingeladen hatte mich allerdings Octavius Macer. Er war zu der Zeit noch Duumvir von Ostia“, berichtete sie und betrachtete Setima verstohlen. Sie wollte wissen wie die Tiberia bei der Erwähnung Macers reagierte. „Onkel Avarus hat Salinator dann auf die Gästeliste zu den Fontinalien gesetzt...“, berichtete sie weiter. „Aber ich finde, der Praefectus Urbis ist eine aufgeblasene Quale“, gab sie freimütig zu. Sie mochte diesen Mann so gar nicht. Bei der Erwähnung, dass sich Salintor auf ihrem Fest mit jemand vergnügt hatte, grinste sie etwas verlegen. „Das hab ich bereits auch mit bekommen... die Sklaven tratschen was das Zeug hält“, meinte sie und äußerte sich nicht weiter dazu. „Eigentlich hatte ich gehofft, dass es sich nur um eine wilde Geschichte handelt, aber anscheinend weißt du mehr“, fragend sah sie Septima an.


    Nur mit halben Ohr hörte sie zu, wie Romana aus dem Nähkästchen plauderte und über die Hochzeit von Flabius Furianus und einer Claudia erzählte. Viel gehört hatte sie darüber nicht, im Augenblick hatte sie ja eigentlich andere Dinge im Kopf. Kurz sah sie in die Runde und überlegte, ob sie verkünden sollte, dass sich auch bald heiraten würde. Aber eigentlich genoss sie es, dass Tatsache noch ein kleines wohl gehütetes Geheimnis war. Einmal ausgesprochen würde sie wohl auch eines der heiß diskutierten Tratschthemen sein. Auf diese Art von Aufmerksamkeit konnte sie dann aber verzichten. Lieber wartete sie mit der Verkündung noch ein wenig. Serrana und Romana, ihre besten Freundinnen, wussten es ja bereits und das war das Wichtigste. Beide freuten sich für sie.


    „Ach Romana, wenn du nicht Vesta dienst, wer dann? Die Göttin müsste auf ihre beste Dienerin verzichten, wenn du geheiratet hättest!“ Es war ein ehrlich gemeintes Kompliment. Außerdem war ja Romana glücklich mit dem von ihr gewählten Lebensweg.


    „Wie sieht es eigentlich mit dir aus, Septima? Bist du versprochen?“ fragte sie und kannte die Antwort ja bereits. Aber sie wollte wissen, wie es in der Tiberia aussah. Ob sie ebenfalls so unglücklich war wie Macer.

  • Glücklicherweise wich man vom Thema Krieg ab. Allerdings war zumindest Valeria nicht sonderlich glücklich mit der Richtung, in die das Gespräch dann lief. Ehe und Techtelmechtel waren nicht das, worüber sie sich auslassen konnte. Zumindest nicht, solange sie selbst weder das eine noch das andere erfolgreich und guten Gewissens vorweisen konnte. Deswegen war sie dankbar, einfach nur zuhören zu können, statt selbst im Mittelpunkt der Diskussion zu stehen. So ließ sie mit ihrem Schweigen ein wenig Gras über die spitze Antwort der Claudierin wachsen. Warum sie sie so anfeindete, war Valeria ein Rätsel.


    Nachdem Calvena von der besten Dienerin gesprochen hatte, entschloss sich Valeria, vom Ehethema so weit als möglich abzulenken und sich auf ein Terrain zu begeben, das ihr weitaus besser lag. "Wann hat denn die Captio stattgefunden, wenn du sagst, dass du in Misenum warst deswegen?" Lange konnte das noch nicht her sein, überlegte sie. Oder war der Kaiser schon so lange nicht mehr in Rom gewesen?

  • Romana hörte weiterhin zu und stellte ihren Kopf schief. Salinator hatte was? „Du denkst, er hat sich in unsittsame Aktivitäten verstiegen? War diese Frau verheiratet? War sie am Ende diese... Caecilia, die in der Acta erwähnt wurde?“ Sie verzog ihre Lippen leicht und wandte ihr Gesicht ab. „Der Praefectus Urbi, ein Sittenbrecher? Du solltest dir ganz sicher sein, wenn du solche Vermutungen aufstellst, Septima“, meinte sie. Vielleicht klangen ihre Worte leicht spielverderberisch, aber sie sah die Angelegenheit – wie üblich – sehr nüchtern. Ihr Blick wendete sich zu Calvena hin. „Aufgeblasene Qualle... gut möglich, wenn du es sagst.“ Immerhin sagte man sich, er mochte Patrizier nicht... aber er war die rechte Hand des Kaisers, da musste er sicher den einen oder anderen Vorzug haben!
    Als die Sprache auf Catilina kam, zuckte sie die Schultern. „Da musst du die Flavier fragen. Ich weiß überhaupt nichts. Du hättest mich sehen sollen, wie ich geschaut habe, als ich diese Nachricht vernommen habe. Ich habe keine Ahnung, ob es eine Liebeshochzeit war... ich frage mich aber, wieso ein so hochstehender Senator so etwas tun sollte. So einer heiratet doch sicher nur, weil er die Claudier an sich binden will. Andererseits – wenn er das erreichen wollte, ist er gescheitert. Ich selber fühle mich den Flaviern kein Stück mehr verbunden als vorher. Dass er nicht einmal ein einziges Mal gekommen ist, um sich uns vorzustellen, ist eigentlich eine Provokation.“ Sie blickte sauer einher und verschränkte die Arme. „Ich habe keine Ahnung, was da vor sich gegangen ist. „Meine Base ist... hmm, schwierig. Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen... vorher war sie mit einem Valerier verheiratet, und hat mit ihm zwei Söhne gehabt“, wusste sie noch zu sagen. Leider kannte sie Catilina nicht so gut wie deren jüngeren Bruder Lepidus. „Wieso willst du das eigentlich wissen?“, musste sie nachhaken. Immerhin war das ganze doch eine Geschichte, die nur die Claudier und die Flavier was anging.
    Sie lächelte leicht, als Septima loslachte. Eigentlich war es nicht immer Vestalin, wenn man sich dafür entschloss – nur 30 Jahre. Doch Romana hatte natürlich vor, länger Vestalin zu bleiben, das war sie der großen Vesta schuldig. Leicht gerührt aber blickte sie zur Germanicerin hin, als diese ihr sagte, sie wäre die beste Dienerin Vestas, bevor sie losgrinste. „Das ist so lieb von dir, weißt du... aber du kennst ja die anderen Vestalinnen gar nicht. Vergleiche mich mit der großen Obervestalin Pomponia Pia, und dein Bild wird stark qualifiziert werden.“ Von den Vestalinnen hatte Calvena ja nur Minucia Milicha, die alte Grantige kennen gelernt – wobei diese selber eine große vestalin war. Ihr Wissen ob der Haruspizin wurde von manch einem Haruspex beneidet.
    Die Decima schaltete sich wieder ein, und Romana wandte sich ihr zu. „Das stimmt. Die Captio war vor 2 Jahren in Misenum... damals war der Kaiser schon einige Zeit dort. Und ja, ich weiß...“ Sie seufzte. „Ich bin sehr spät aufgenommen worden. 15 war ich damals. Nur durch eine Ausnahmeregelung kam ich rein.“ Sie nestelte an ihren Fingern kurz herum, bevor sie fortfuhr. „Alle Welt sagt, dem Kaiser geht es schlecht. Doch in Wirklichkeit gab er ein sehr gutes, würdevolles Bild ab zu meiner Captio... als er mich an sich herangezogen hat, hat er mich fast zerquetscht.“ Sie grinste leicht. „Vermutlich aber hat er sich nur sehr viel Mühe gegeben bei meiner Captio. Wenn er gesund wäre, würde unser Kaiser uns nie in Rom alleine lassen, nie!“, war sie sich sicher.

  • Sie sprachen über den Praefectus Urbi und ganz neben bei erwähnte Calvena, dass sie Salinator in Ostai kennen gelernt hatte, wo Octavius Macer sie eingeladen hatte. Diese kleine Randbemerkung machte Septima neugierig. „Wie lange kennst du Octavius Macer schon?“ wollte sie von ihrer Freundin wissen. Am liebsten würde Septima noch viel mehr Fragen stellen, wie, wo hast du ihn kennen gelernt, seit ihr nur Freunde, oder ähnliches. Doch sie beließ es zunächst bei der einen Frage.


    „Jahh... Ja, da liegst du richtig Romana. Aber ist es ein Sittenverbrechen, wenn sie und er nicht verheiratet sind und sich gegenseitig etwas Wärme geben wollen?“ Es war mehr eine rhetorische Frage, denn Septima kannte die Einstellung der Vestalin. „Die Schmierereien an ihrer Hauswand waren doch wohl eindeutig genug, oder nicht?“ fragte sie fast ungläubig an Romana und Calvena gewandt nach.


    Als es um Furianus und seine claudische Frau ging, horchte Septima erneut interessiert auf. „Wieso ich das wissen will? Weil Flavius Furianus ein guter Freund der Familie ist.“ erklärte sie sich Romana gegenüber und hoffte das dieser die Antwort reichen würde. „Weißt du denn nicht, wo der Flavier deine Base geheiratet hat? Und sie hat bereits zwei Söhne?“ Die letzte Frage war Septima heftige herausgerutscht, als sie beabsichtigt hatte. Sie räusperte sich kurz und tauchte bis zum Hals im Wasser ein. „Wie alt sind denn ihre Kinder?“ schob sie noch möglichst unauffällig eine weitere Frage nach.


    Calvenas Frage, bezüglich Septimas eigener Zukunft beunruhigte die Tiberia. „Nein, nicht das ich im Moment wüßte. Aber mein Onkel spricht auch nicht mit mir darüber. Sie mal, ich bin doch erst vor ein paar Monaten nach Rom gekommen, wer sollte denn da schon Interesse an mir haben. Und Manius hat mit seinem Consulat viel zu viel zu tun, als das er sich um meine Hochzeitspläne kümmern könnte.“ Das inzwischen Ursus nach ihr gefragt hatte, verschwieg Septima,denn sie wollte es noch niemandem sagen.

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