[Trans Tiberim] Insula XXI - die Wohnung des Lucius Petronius Crispus

  • Auf dem Boden zu landen war für Apolonia nicht wichtig, sie bekam es nur am Rande mit. Für sie war es wichtiger von ihrem Antias gehalten, gefordert zu werden. Ihn zu spüren, riechen und schmecken genügte ihr. Sie war fest davon überzeugt, dass dies der Sinn ihres Lebens war. In ihrer Liebe zu ihm ging sie auf.
    Ein wenig schrill hörte sich ihr “Ah” an, aber nicht nach Schmerz, eher nach mehr fordernd. Ja sie mochte es seine knabbernde Zähnen an manchen Stellen zu spüren. Sie verstand es als Aufforderung noch mehr zu geben, ihm entgegen zu fluten, dem Höhepunkt entgegen zu treiben. Keuchend fasste sie noch fester zu und schob sich ihm entgegen, warf ihren Kopf zurück, kreiste mit ihrer Zunge in ihrem Mund, sog geräuschvoll die Luft ein biss auf ihre Unterlippe um gleich wieder aufzustöhnen.
    Ihrer beider Schweiß vermischte sich miteinander. Sein Geruch der sie immer wieder betörte schien an ihr zu kleben und sich fordernd in ihrer Nase festzusetzen. Ihr Mann - stark- fordernd- gebend. Ob er wusste wie sehr sie ihn liebte? Sie sollte es ihm sagen. “Bitte hör nicht auf, … gib mir mehr…. Ich Liebe Dich!" Wenn der Anfang noch leise kam, wurde sie immer lauter. Die letzten drei Worte schrie sie fast.

  • Ein paar raue Atemstöße lang versenkte sich Antias tief in Apolonias’ flackernden Blick. Das sonst so sanfte Meergrün flammte sengend und verzehrend durch die Dunkelheit, ließ noch einmal all die schmerzhaften scharfkantigen Bilder in ihm hochsteigen, die ihn schon bei ihrer ersten Begegnung heimgesucht hatten. Alles Verlorene, alles Verschwendete, alles Vergangene, nichts davon schmerzte mehr. Der einzige Schmerz, den er in Apolonias’ atemloser Gegenwart fühlte, war süß und lockend. Dann schloss er die Augen und vergaß. alles. Alles, außer ihr. Gierig sog er ihren scharfen Dunst ein, trank mit weit aufgerissenem Mund die kleinen Schweißperlen von ihren Brüsten, schlang sich keuchend um sie, bäumte sich in ihr auf, wuchs ihr weiter und weiter entgegen.


    Seine Finger wanderten gespreizt an ihrem Rücken hinab und schlossen sich schließlich energisch um ihre zuckenden Backen. Er fing sie mit seinem kreisenden Becken ein, zog sie mit in den unaufhaltsamen Strudel, der sich immer schneller um sie drehte. Schwer atmend umklammerte ihre feuchten Hüften, begann sie gegen seinen eigenen Rhythmus zu drehen, bis ihrer beider Körper übereinanderr rieben wie zwei nasse Mahlsteine. Ihre bebenden Worte peitschten ihn auf, stachelten ihn an, blitzten durch sein Blut und pulsierten unbeherrschbar in seinen Lenden. Er schlug die Augen auf, sah eine dunkle Haarsträhne auf ihrer schweißglänzenden Stirn, fasste sie mit den Lippen und alles um ihn her versank in meergrünem Licht.

  • Ganz vergessend, dass sie sich auf dem dem Boden befanden, lag Apolonia schweißnass neben ihrem Antias. Mann könnte meinen sie wäre eine Katze und hätte sich zufrieden schnurrend an ihn gerollt. Noch immer in Gedanken bei dem gerade erlebten hatte sie plötzlich eine Vorstellung wie es war. Ihr fiel ein, einmal hatte sie fasziniert beobachte wie Wasser aus einer Therme abgelassen wurde. Wie das Wasser zum Abfluss floss, schneller wurde, anfing zu kreisen, wie sich dieser Wasserkreis zuerst groß langsam, fast behäbig anfing im Kreis fort zu bewegen, sich verkleinerten und damit an Schnelligkeit zu nahm. Dieser Kreis einen Wirbel, einen Strudel entstehen lies und dessen Sog alles mit sich hinweg riss. Was einmal von diesem Strudel erfasst wurde konnte ihm nicht entkommen.
    Ja genauso war es eben gewesen, sie konnte ihm nicht entkommen, jenem Strudel, dem Sog, dem Gefühl für Antias, der Sehnsucht nach ihm, der Lust nach ihm, ihrer Liebe zu ihm.
    Langsam drehte sie ihren Gesicht zu ihm, schaute in seine Augen und strich ihm liebevoll über seine Wangen. “Du weißt das ich dich liebe.” Dies war keine Frage dies war eine Feststellung ebenso was sie dann sagte. “Ich werde dich immer lieben, egal was kommt und geschieht. Ganz leicht wohin uns unser Weg führt. Ich weiß als Lupa und vor allen Dingen als entflohene Sklavin steht meine Zukunft unter keinem guten Stern. Auch ist mir klar, ich muss was tun um mir diesen kleinen Platz hier erhalten zu können. Glaub mir, ich bin dabei, ich versuche es auf meine Weise. Doch jetzt möchteich nicht daran denken, jetzt möchte ich nur für dich da sein. Du hast doch bestimmt Hunger und vor allem nach gerade großen Durst? “

  • Der sternenklare Frühjahrshimmel hatte sich herabgesenkt bis in Apolonias’ kleines Zimmer. Dort, wo eigentlich Decke, Balken, Bohlen und Ziegel hätten sein müssen, erblickte Antias die funkelnden Bilder von Cygnus, Perseus und Orion, sah auf leuchtende Nebel, schimmernde Schleier und Myriaden von gleißenden Tautropfen auf dem satten Atramentum der Nacht. Sie, die all dies überstrahlte, lag warm und sanft atmend neben ihm, und das war alles, was er brauchte. Es gab nichts, was ihm je vollkommener erschienen wäre. In tiefen Frieden versunken fühlte er ihre weiche Hand auf seiner Wange, spürte ihren ruhiger werdenden Herzschlag an seiner Brust, lauschte ihrer leisen Stimme, und ließ seine Gedanken träge ihren Worten folge.


    Wusste er, dass sie ihn liebte? Ja, das wusste er. Und er wusste ebenso, dass sie sich ihrer Lage bewusst war und sie nicht hinnehmen würde. Er ahnte, was sie mit ihrer Weise meinte, schwieg aber dazu. Wie konnte er sie bitten, vorsichtig zu sein? Wie konnte er von ihr verlangen, sich weiterhin hier zu verkriechen? So lange er ihr kein sorgenfreies Leben ermöglichen konnte, in dem es ihr an nichts fehlte, hatte er nicht das Recht, sie mit seinen Bedenken zu belasten. Oh ja, er sorgte sich um sie, jeden Tag, jede Stunde. Aber Apolonia war nicht all die Risiken eingegangen, um wieder als Gefangene zu enden. Sie musste frei atmen, sie musste leben. Im aller besten und aller glücklichsten Fall mit ihm. Trotz seiner Sorge war er kein schlechterer Soldat durch sie, im Gegenteil. Sie trübte seine Sinne nicht, sie machte sie wach und lebendig. Sie war das Leben selbst.


    „Ach, Dorcas ..“ seufzte er tief und rau, „.. ich bin derjenige, der etwas tun muss.“ Sanft lächelnd schlug er die Augen auf, griff nach ihrer streichelnden Hand und küsste sie. „Denn – und das wird dich jetzt vielleicht zutiefst entsetzen – es ist folgendermaßen ..“ Er zog sie näher an sich, rollte sich zur Seite, schirmte sie zärtlich vor der kühlen Nachtluft im Zimmer. „Ich betrachte dich als meine Frau.“ Um jeden Protest im Keim zu ersticken, versiegelte er ihre Lippen mit einem langen Kuss. Als kein Protest kam, fuhr er lächelnd fort. „Wenn meine Frau eine Lupa ist, auch recht. Ich liebe sie schließlich nicht für das, was sie nicht ist, sondern für das, was sie ist. Aber wenn sie schon eine Lupa ist, soll sie wenigstens eine freie Lupa sein.“ Tief im stillen glatten Spiegel ihrer Augen versunken strich er ihr klammes Haar zurück. „Wir müssen jetzt nicht über diese Dinge reden. Wahrlich, du hast recht, ich habe tatsächlich Durst wie ein Kamel und Hunger wie ein Bär. Außerdem bekomme ich schon wieder Lust auf Gazelle. Aber immer eines nach dem anderen. Diesmal haben wir Zeit.“ Er küsste sie noch einmal, stand dann langsam auf, nahm ihren hastig abgelegten Überwurf von der Kline und hüllte sie darin ein. „Komm, Dorcas .. ich würde gerne mit meiner Frau eine Kleinigkeit essen.“

  • Halb liegend, auf ihrem Ellebogen abgestützt betrachte sie ihn, wie er sich so in den Überwurf hüllte und kicherte plötzlich laut. “Sag mal hast du es schon mal in einer Therme gemacht? Ich meine Liebe, ich nicht, würde es aber gerne mit dir einmal ausprobieren. Schade wir hier keine haben oder wenigstens ein Baleum." Noch immer mit der Vorstellung beschäftigt stand Apolonia auf, wobei ihr Blick auf denTisch fiel, hastig ging sie zu diesem rüber, strich das Geld zusammen und stopfte es eilig in den Beutel. “Sag mal hast du es schon mal in einer Therme gemacht? Ich meine Liebe, ich nicht, würde es aber gerne mit dir einmal ausprobieren. Schade wir hier keine haben oder wenigstens ein Baleum."
    Schon eilte Babila herbei, deckte in Windeseile den Tisch und verschwand auf leisen Sohlen. Inzwischen hatte sie sich eine Tunika übergezogen und zog Antias zu sich auf die Kline. Sie schenkte ihnen einen Becher verdünnten Wein ein. Noch ein prüfender Blick über das Angebot an Speisen und ein zufriedenes lächeln glitt über ihr Gesicht. Brot war ausreichend da ebenso Käse, Weintrauben und Nüsse. Eine kleine Schüssel Oliven dazu noch ein paar Feigen. Eine Platte Kalbsfleisch und Hühnchen. Ob das für ihren Bären reichte? Zur Not gab es noch einige Vorräte. “Greif zu mein Bär oder soll ich dich füttern?” Schon hatte sie eine Traube in der Hand nahm sie vorsichtig zwischen ihre Zähne und näherte sich so seinem Mund.

  • Babila schaffte es immer wieder, Antias zu verblüffen. Während er mit Apolonia zugange gewesen war, hätte er schwören können, die Wohnung sei ansonsten menschenleer gewesen. War sie aber nicht. In irgend einer Ecke hatte der zappelnde Bursche still und unsichtbar abgewartet, nur um endlich wie auf ein stummes Signal hin, herbei zu wuseln und den Tisch zu decken. Antias staunte. Wo hatte seine Kleine nur all das frische Essen her? Vom Markt natürlich, woher sonst? Als ob sie jemanden erwartet hätte.


    Angenehm schlaff ließ er sich neben Apolonia auf die Kline fallen, nippte am Weinbecher und lauschte amüsiert ihren Fantasien. Ob er es schon mal in einer Therme getrieben hatte? „Nein, Dorcas, weder in den Thermen noch im Balneum.“ lachte er schallend auf. Ob nun Sklavin oder nicht, Apolonia war zweifelsfrei Römerin durch und durch. „Wo ich herkomme, ging es nicht ganz so kultiviert zu wie in der Urbs Aeterna.“ Selbstverständlich war auch Mogontiacum mit einer Vielzahl von Bädern gesegnet, aber im Gegensatz zu den tief römischen Cives konnten nur oberflächlich romanisierte Halbgermanen der Planscherei nicht übertrieben viel abgewinnen. Den Geschlechtsakt jedenfalls vollzogen sie lieber im Trockenen, wenn’s sein musste auf allerlei Einrichtungsgegenständen, vorzugsweise aber auf Heu, Fell, Gras, Moos oder Strauchwerk. „Kein Grund, es nicht auszuprobieren, meine Gazelle.“


    Vergnügt beugte er sich Apolonia entgegen und begann genussvoll nach der Traube zwischen ihren Zähnen zu züngeln. Die Traube verschwand. Verschluckt. Ob von ihm oder von Apolonia konnte er nicht sagen, er hatte nicht darauf geachtet. Seine Zunge drang noch etwas weiter vor, fand die ihre, begann sie lauernd zu umkreisen. Sie schmeckte nach Honig. Oder Mandeln? Kräuterwein? Lustvoll kostete er sie aus, naschte sie, trank sie. Nein, das waren weder Früchte noch Kräuter, das war Dorcas, wonach sie schmeckte. Süßeste feinste Dorcas. Genießerisch lächelnd löste er sich schließlich von ihr. „Wenn ich’s mir recht überlege, gibt es noch ziemlich viele Orte, an denen ich es noch nicht getrieben habe.“ Grinsend fischte er nach einer Feige und bot sie ihr dar. „Vielleicht sollten wir morgen einen kleinen Ausflug machen, was meinst du?“ Er zupfte sich selbst ein Stückchen Huhn vom Teller und verschlang es. „Aber erst musst du was essen. Außerdem hab’ ich dir etwas mitgebracht.“

  • Auf Strauchwerk, so wirklich konnte sich das Apolonia nicht vorstellen, wogegen die anderen
    Möglichkeiten ihr schon verlockend erschienen.“Ja so in der Natur, das hat schon was, am Ufer, des Tibers oder so,” kam ihren Erinnerung. Von Antias Zunge abgelenkt, konnte sie sich diese Vorstellungen nicht weiter ausmalen. Doch halt was hatte er gerade gesagt einen Ausflug. Versonnen lächelte sie bevor sie flüsterte: “Sagtest du einen Ausflug? Mit mir hat noch nie jemand einen Ausflug gemacht. Ich wurde immer nur irgendwo hinbestellt.” Die Aussicht auf den gemeinsamen Ausflug, sie mit ihrem Antias zusammen durch Rom, beschäftigte so sehr, dass sie seinen Hinweis, dass sie zuerst etwas essen sollte gar nicht mit bekam. Dann jedoch schoss hoch wie ein Pfeil. “Ein Geschenk!? “ Apolonias Stimme hatte plötzlich diesen merkwürdig schrillen, fast überkippenden Klang wie ihn nur Frauen in besonderen Situationen haben. Danach kam ein leises, fast ehrfürchtiges wiederholen. “Ein Geschenk hast du für mich?” Schon suchte eine Träne den Weg über ihre Wange. “So etwas schönes hat noch nie jemand zu mir gesagt. Ich liebe Geschenke, auch wenn ich noch nie, außer in meiner Vorstellung, welche erhielt”
    Denn diese habe ich mir selber besorgt, fügte sie gedanklich hinzu.
    Konnte ihr Glück noch größer werden? Ihr Antias wollte mit ihr einen Ausflug machen und er hatte auch noch ein Geschenk für sie. Hastig, nervös, fahrig griff sie zu einen Huhn, zupfte, nein eher riss sie sich ein Stück Fleisch ab und stopfte es sich schnell in den Mund, denn sonst hätte sie laut geschrien vor Glück. Gleich darauf kippte aber ihre Stimmung und noch während sie kaute flossen ihr Tränen über die Wangen. “Weißt du, als ich heute am Eingang der Castra war und dein Freund mir sagte, du hättest Urlaub, da wusste ich gleich, heute würde ein schöner Tag sein, aber dass er so wunderschönes werden würde hätte ich mir nie vorstellen können“.
    Hastig wischte sie die Tränen weg. “So etwas albernes, da heul ich dummes Stück anstatt dich vor Dankbarkeit zu küssen. Jetzt habe ich aber gar nichts für dich.” Ich bin aber auch so etwas von schusselich, wieso habe ich nie daran gedacht für ihn ein Geschenk zu besorgen. Da liegt jeden Tag eine riesige Auswahl vor mir und ich denke nur an mich. Neugierig schaute Apolonia Antias an, “was ist es denn? Ich habe gar nicht gesehen, dass du etwas bei dir hattest."

  • „Ganz recht, ein Geschenk.“ lachte Antias heiter. Wie wunderbar, Apolonia endlich wieder so gelöst zu sehen. Flink huschte er durch den Raum und begann in seinem achtlos hingeworfenen Bündel zu kramen. Das Geld würde er ihr erst später geben, die Sesterzen waren nicht das Geschenk, sondern sein leider sehr bescheidener Beitrag zu ihrem Lebensunterhalt. Der kleine in Stroh verschnürte Weinkrug war auch nicht für sie sondern für die Kameraden bestimmt, aber irgendwo am Boden des Ledersacks war etwas ganz allein für sie. „Also, es ist nichts so schrecklich besonderes, Dorcas .. und einen praktischen Wert hat es schon gar nicht ..“ plapperte er im Sack wühlend. „Außerdem ist es eher klein ..“ Wo zum Orcus hatte er es denn hingetan? Ah, da war es ja! Mit triumphierendem Brummen zog er einen kleinen Lederlappen hervor, flitzte damit zu Apolonia zurück, setzte sich eng neben sie auf die Kline und wickelte das Leder auf.


    Dank den Göttern hatte der arabische Schmied Wort gehalten und nicht nur einen passenden Anhänger nach Antias’ Wünschen bearbeitet, sondern ihn auch so lange für ihn zurückgelegt wie vereinbart. Vorsichtig nahm Antias die Halskette zwischen die Finger und hielt sie lächelnd empor. An den feinen Gliedern baumelte ein flaches Oval aus Bronze, überzogen mit gehämmertem Goldblech, in das auf der Vorderseite ein trüber Schmuckstein in annähernd meergrüner Farbe eingelassen war.


    Noch immer beeindruckt von der Kunstfertigkeit des Araber drehte Antias den Anhänger in den warmen Lichtschein des Kandelabers. Auf dem Stein wurde eine feine Gravur sichtbar, die vollendeten Proportionen einer jungen Gazelle. „Da bist du ..“ raunte er Apolonia leise zu. „Und schau ..“ Er drehte das Oval um. Auf der Rückseite schimmerte ihnen die Gravur eines stattlichen Esels von der polierten Bronze entgegen. „Da bin ich.“


    Natürlich wäre es vernünftiger gewesen, anstatt des Schmuckes so banale Dinge wie Brot, Fleisch, Gemüse oder eine schöne warme Tunika für sie zu erwerben, aber dafür waren ja die mitgebrachten Sesterzen gedacht, und außerdem – was war schon vernünftig? Hätte er sein Leben ausschließlich nach der Vernunft ausgerichtet, säße er gar nicht hier. „Sieht teurer aus, als es ist.“ sagte er leichthin. „Gefällt es dir, Dorcas? Wenn ja, leg’ ich es dir an.“

  • Neugierig und gespannt verfolgte Apolonia Antias genau mit ihren Augen. Mit jedem sich tiefer in den Ledersack wühlen wurde ihr Hals länger. Bei Fortuna was trieb er denn da so lange? Dann gluckste sie aber vor sich her, als sie ihn so plappern hörte, mein Antias, er freut sich wie ein Junge. Was hatte er gesagt, es ist eher klein? Ja das würde doch bedeuten. Von eher klein hatte sie nun wirklich Ahnung, da war sie eine Spezialistin. Sie hatte sich doch schon, nach erfolgreichen Streifzügen durch die Stadt, eine kleine Sammlung angelegt.
    Ihre Augen klebten förmlich an Antias Händen al er dich neben ihr auf der Kline saß. Wenn Antias nicht so mit dem auswickeln, betrachten und erklären beschäftigt gewesen wäre, so hätte er Apolonias immer größer werdende Auge und ihren offenen Mund gesehen. Irgendwann kam dann ein leises, fassungsloses, fast andächtiges:[SIZE=7] “Eine Halskette, du hast sie extra für mich anfertigen lassen?”[/SIZE] Nach einer kleine Pause hauchte sie: [SIZE=7] “Warum ein Esel? Da gehört eine Adler hin, ein prächtiger römischer Adler.”[/SIZE]
    Normalerweise, wäre Apolonias Reaktion ein jubilierendes Schreien gewesen, doch heute, heute war alles anders. Schneller als Antias bis drei zählen konnte, saß sie auf seinem Schoß und drückte ihr Gesicht schluchzend an seine Schulter. Zwischen dem Schluchzen kam, “natürlich gefällt sie mir ….was für eine Frage….. So etwas, eine Kette extra für mich. …Bitte zieh sie mir an".

  • Apolonia schien sich wirklich zu freuen, und das wiederum machte Antias glücklich. Lächelnd und etwas verlegen angesichts ihrer Tränen zog er sie an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Was war schon diese Kette, verglichen mit alldem, was sie ihm schenkte. Liebe, Leidenschaft, Lebenssinn. Vor allem, was war der Schmuck verglichen damit, was Apolonia eigentlich verdient hätte. Ein Leben in Freiheit, ohne Furcht, ohne Not. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern, ihre eben so wenig wie seine, aber was die Zukunft betraf, wollte Antias einfach nicht daran glauben, dass die Götter für sie alle bereits eine unauslöschliche Kerbe in den Sockel der Geschichte gemeißelt hatten. Sie waren beide gerade einmal im Frühling ihrer besten Jahre angekommen. Vielleicht würden sie eines Tages doch vor den Konventionen kapitulieren müssen, wer wusste das schon, aber jetzt noch nicht, noch lange nicht.


    „Aber Dorcas .. wer wird denn weinen ..“ lenkte er sich mit gezwungener Leichtigkeit von derlei Gedanken ab, „.. so scheußlich ist sie doch auch wieder nicht, hm?“ Schmunzelnd strich er ihr die dunkle Flut ihrer Haare aus dem Nacken und legte die Kette an. Nach überraschend kurzem Gefummel bekam er tatsächlich die Öse in die Schließe. „Schau mal, wenn man sie um hat, sieht man sie selber gar nicht mehr.“ Fast schon stolz über seine unerwartete Fingerfertigkeit fasste er Apolonia an den Schultern, betrachtete Frau und Kette voller Wärme. Der Stein passte zu ihren Augen, ohne freilich auch nur ansatzweise an ihr tiefes Meergrün heran strahlen zu können. Behutsam griff er nach dem Anhänger, fuhr mit dem Finger noch einmal die Gravur nach und ließ ihn dann unter Apolonias’ Tunika gleiten. Dort würde er ihre Wärme aufnehmen, zwischen den sanften Ausläufern ihrer Brüste würde er leuchten, vor den Blicken aller Welt verborgen. Seufzend umschlang er sie, hielt sie einfach nur fest, strich gedankenverloren durch ihr dunkles warmes Haar, den Blick haltlos in’s Dunkel gerichtet. „Was mach ich nur mit dir, Liebes? Wie bei allen Göttern bekomm ich dich frei?“

  • Während die letzten Freudentränen sich einen Weg über Apolonias Wangen in Richtung Kinn suchten und sie Antias Worten lauschte, drückte sie sich weiter fest an ihn. „Nein sie ist wunderschön, wenn ich sie trage weiß ich das du immer bei mir bist und mir nichts geschehen wird. Es ist nicht nur, das ich bisher noch nie so etwas schönes geschenkt bekam, nein es ist auch das ich noch nie etwas von irgendwem erhielt. Alles was ich besitze musste ich mir auf die eine oder andere Art erarbeiten". Von der einen Art wusste er schon, die andere Art brauchte er nicht zu wissen. Er würde sich nur Sorgen machen und dies wollte sie nicht.
    Nach einer kurzen Zeit des Schweigens meinte sie versonnen: „Doch weißt du was mindestens genauso schön ist? Das jetzt jemand da ist an dem ich mich anlehnen kann, der mir zu hört, der für mich da ist. Ob es wohl möglich ist ein Zimmer ganz nahe bei der Castra zu bekommen?Das wäre für dich doch bestimmt viel einfacher einfacher einmal kurz vorbei zu kommen. Vielleicht wirst du irgendwann noch einmal befördert und du hast dann noch mehr Freizeit. Doch nun erzähl mir von dem Ausflug, wann geht es los und vor allen Dingen wohin?“

  • Antias streichelte gedankenverloren über ihr dunkles Haar und strahlte dabei wie ein frischpolierter Paradepanzer. So gesprächig hatte er Apolonia nicht mehr erlebt, seit .. ja, seit wann eigentlich? Gleichviel, sie schien glücklich zu sein, und das allein zählte. In der Tat, er wusste sehr wohl, auf welche Weise sie sich alles hatte erarbeiten müssen, und er hatte da auch so seine Ahnungen, womit sie es heute tat. Sie musste essen, sie musste ihre Kleidung in Ordnung halten, Babila wollte versorgt werden und in dieser kleinen Wohnung lebte sie sicher auch nicht mietfrei. Der hellste Stern am Nachthimmel war er vielleicht nicht gerade, aber auch er konnte zwei und zwei zusammenzählen. Dennoch hatte er nicht vor, auch nur ein Sterbenswort über die Art von Apolonias’ gegenwärtiger Erwerbstätigkeit zu verlieren, es sei denn, sie selbst würde das Thema anschneiden, und daran hatte er erhebliche Zweifel. Musste sie auch nicht. Was auch immer sie tat, er würde ihr keinen Vorwurf daraus machen, er liebte sie, er vertraute ihr et basta.


    Ihr Gedanke, nach eine Zimmer in Nähe de Castra zu suchen, überraschte ihn zwar ein wenig, wirklich verwundert war er allerdings nicht, darüber hatte er selbst auch schon nachgedacht.


    „Möglich wäre das schon, Dorcas.“ sagte er lächelnd, küsste ihre blasse Schulter, die neckisch aus der verrutschen Tunika hervor blitze. „Östlich der alten Stadtmauer, zwischen der Tiburtina und der Nomentana liegt das, was wir den Vicus oder die Vorstadt nennen. Du erinnerst dich sicher. Als du mich am Tor besucht hast, bist du da durchgekommen. Das sind eher unspektakuläre Gebäude, bewohnt von ebenso unspektakulären Menschen. Wenige größere Cauponae aber viele kleine Tabernae, einige Fabricae, Wohnhäuser, Stabulae und sowas. Ziemlich verwinkelt aber verhältnismäßig sauber.“


    Flink schnappte er sich eine Olive und wandte sich wieder Apolonias weicher Schulter zu. „Wenn wir da etwas für dich finden, wärst du künftig keine drei Stadien von mir entfernt. Ohnehin wollte ich mit dir die Gärten am Mons Pincius besuchen .. unter anderem ..“ Grinsend warf er sich die Olive in den Rachen. „Von da ist es nicht weit bis in den Vicus. Also gehen wir morgen einfach mal los und sehen uns das Viertel an, was hältst du davon?“ Langsam arbeitete er sich an ihrer Schulter abwärts, kein noch so duftender Hügel konnte verheißungsvoller sein als die Montes Dorcades, die sich dort unter dem dünnen Stoff erhoben.


  • „Zu den Gärten am Mons Pincius, da wollte ich doch immer schon einmal hin.“ Vor lauter Freude richtete sich Apolonia auf und klatschte in die Hände wie ein Kind, ehe sie fortfuhr. „Mein ganzes Leben habe ich in Rom verbracht, doch leider kenne ich immer noch nicht alle schönen Plätze.“ Zufrieden, nein eher glücklich,wie eben jenes Kind, kuschelte sie sich wieder an ihren Antias und beobachtete sein Spiel mit der Olive. Während Antias mit ihrem Körper beschäftigt war, strich sie sich nachdenklich eine Haarsträhne aus ihrer Stirn. Jetzt hatte er sie so reich beschenkt und was hatte sie für ihn? Es müsste ein Geschenk sein was er immer bei sich haben könnte. „Sag mir einmal mein unerschrockener Krieger welche Gottheit verehrst du am meisten?“ Apolonia wusste, dass ihre Frage für ihn merkwürdig klingen musste, denn sie kam schließlich völlig ohne jeden Zusammenhang, zumal sie sie schon aus Eis hätte sein müssen um bei seinem Tun weiter kalt zu bleiben. „Sag mal was treibst du da? Du hast doch nicht etwa schon wieder Hunger? Aber sicher doch, du hast ja kaum etwas gegessen.“ Kaum ausgesprochen hatte sie auch schon ein Hühnerbein in ihrer Hand und biss hinein, riss einen Stück Fleisch ab, näherte sich seinem Gesicht, so dass er die Fleischfetzen sehen musste. Eine Fleischfaser berührte sein Nase. Jetzt brauchte er nur noch mit seinen Zähnen zuzubeißen.

  • Schmunzelnd registrierte er Aplonias’ Reaktion. Meinte sie das ernst? Hatte sie tatsächlich etwas übrig für die ebenso entspannenden wie anregenden Reize der Natur? Zumindest hatte er das gehofft. Selbstredend hegte er nicht die Absicht, sie ausschließlich in die Gärten zu schleppen, war sich aber sicher, dass ihr das gut tun würde nach dem endlosen Versteckspiel in ihrer kleinen Wohnung, und ihm ebenso. Antias hatte die Nase gestrichen voll von Barackenmief und Gassengestank, er musste sich vergewissern, dass es da draußen auch noch Luft gab, die sich atmen ließ. Leider konnte er im Moment keinen längeren und weiteren Ausflug mit Apolonia unternehmen. Noch nicht. Er hatte lediglich Ausgang, keinen Heimaturlaub. Aber der stand irgendwann an und dann würde er mit Apolonia der Urbs den Rücken kehren und nach Westen reisen, an’s Meer.


    „Ja, in die Horti. Wie nehmen uns was zu essen und zu trinken mit, und du kannst dich endlich mal von all dem Mist hier erholen. Außerdem ist das ein romantisches Plätzchen für allerlei sinnliche Aktivitäten ..“ Grinsend blies er einen sanften Lufthauch unter ihre Tunika, der geschmeidige Stoff hob sich wie ein Segel. „Natürlich besuchen wie vorher die Märkte und wenn du möchtest auch eine Therme, wir müssen eben nur vorsichtig sein, aber das weißt du ja.“


    Träumerisch drückte er sie an sich. Die plötzliche Frage nach seiner bevorzugten Gottheit brachte ihn für einen Moment in ziemliche Verlegenheit. Noch immer hatte er seine versprochenen Opfer nicht dargerbracht, kein einziges davon. Der Götterglaube war in Antias ebenso oberflächlich verankert wie er es bei seinem Vater gewesen war. Auch Varus hatte immer den Standpunkt vertreten, die Götter seien mit dem Schutz von Princeps und Imperium schon zu beschäftigt, um sich den Belangen eines kleinen Soldaten anzunehmen.


    „Wenn, dann Fortuna.“ entgegnete er nach einigem Nachdenken. „Erstens hat es die Dame bislang recht gut mit mir gemeint, und zweitens trägt sie das gleiche Cognomen wie ich. Fortuna Antias.“ Seine Fingerspitzen wanderten tastend unter den Saum ihrer Tunika. „Warum fragst du, Dorcas?“


    Anstatt ihm direkt zu antworten, schien Apolonia um sein leibliches Wohl besorgt zu sein. Hunger? Oh ja, durchaus. Vergnügt glucksend sah er zu, wie sie sich eine Hühnerkeule schnappte, ein Stück Fleisch herausriss und es ihm darbot. Wenn Apolonia wollte, dass er zuhörte, anstatt ihr schon wieder an die Wäsche zu gehen, war dies eindeutig das falsche Signal. Antias packte den Fleischfetzen mit den Zähnen und blickte ihr dabei herausfordernd in die grünen Augen. Deshalb liebte er sie. Seine Gazelle begnügte sich nicht damit, an Gräsern und Kräutern zu zupfen, sie war ein Beutetier. „Wenn du dir noch etwas anderes wünschst .. für morgen .. für die Zukunft ..“ knurrte er rau und undeutlich, „.. sag es mir einfach.“ Dann begann er zu kauen, langsam, vorsichtig, mit zunehmenden Appetit und wachsender Begierde.


  • „So so Fortuna Anitas also“, schmunzelte Apolonia. Es war nur so eine Idee für ein Geschenk, nachdem sie von den Plänen ihres Urbaneers für den nächsten Tag gehört hatte. Jetzt wollte sie zuerst einmal dafür sorgen, dass er etwas in seinen Magen bekam.
    Was hatte er grade gefragt? Nach ihren Wünschen? Woher sollte sie wissen was man sich wünschen konnte. Bisher war sie die diejenige die die Wünsche anderer zu erfüllen hatte. Sie hatte bisher nur einen Wusch gehabt und der wurde ihr erfüllt, wenigstens für heute und mit Glück bis zum nächsten Abend. Sie hatte sich gewünscht das Antias bei ihr wäre und er war da. Für alles andere würde sie selber sorgen, wie schon immer. Schließlich war sie jetzt frei, wenn auch nicht auf dem Papier. Die Claudier schienen sie nicht zu vermissen, bestimmt weil sie ein Geschenk gewesen war. Ihre Stellung im Lupanar hatte sie gekündigt und das war auch gut so, nicht dass der Helvetier noch auf schräge Gedanken kam und sie einfach als sein Eigentum betrachtete. Nein alles war gut wie es war, so lange sie ihren Antias hatte.
    „Nein nein, alles ist gut, ich habe das was ich mir wünschte bekommen und nun iss, denn ich glaube deine Hasta möchte wieder zum Einsatz kommen.“ Bevor ihre Hände zur Überprüfung unter seine Tunika glitten, stopfte sie ihm noch schnell etwas Hühnerfleisch in den Mund.

  • Sie hatte vollkommen recht. Ja, er sollte tatsächlich etwas essen, und ja, seine Hasta verlangte in der Tat schon wieder danach, von fachkundiger Hand geschwungen zu werden. Aber noch war er es, der seine Waffe kontrollierte, nicht umgekehrt. Apolonia war schließlich nicht die Dienerin seiner Leidenschaft, sondern vielmehr deren Herrin. Zu behaupten, er gäbe sich nie den schmerzhaften Vorstellungen hin, wie sie von fremden Männern angeatmet, befingert und besprungen wurde, wäre eine Lüge gewesen. Er verstand es, wusste, dass ihr nicht viele Möglichkeiten blieben, sich durchzuschlagen, war nach wie vor der festen Überzeugung, dass es ehrenwert war, zu tun, was die tat. Dennoch riss es ihm manchmal das Herz auf. Seine Mutter war immerhin frei gewesen. Nicht in ihren Entscheidungen oder in der Wahl des Lebens, das sie führen wollte, aber zumindest hatte sie sich nie davor fürchten müssen, eines schwarzen Tages von einem ihrer Freier wiedererkannt und in das Haus eines reichen Patriziers zurückgeschleppt zu werden.


    „Verzeih, Dorcas ..“ lächelte er fast verlegen. „.. es ist eben nur .. du hast mir so gefehlt.“ Oh ja, bei den Göttern, das hatte sie. Erst jetzt wurde ihm so richtig klar, wie sehr. Schräg grinsend kaute er das Fleisch, nahm verzückkt ihre Hand an seinen Lenden wahr und hatte zunehmend Mühe, sich zusammen zu reißen. Das musste er aber, wenigstens noch für ein kleines Weilchen.


    Wohlig seufzend nahm er einen Schluck Wein. Seine Hand strich langsam und zärtlich durch das weiche Tal zwischen ihren blassen Hügeln. Seine Hasta verlängerte sich allmählich zur Sarissa. Nein, jetzt noch nicht. Es gab noch ein paar Dinge zu sagen, bevor seinem Hirn die Worte verlustig gingen. „Also ..“ begann er leidlich beherrscht. „.. dass dieser Claudius Menecrates ein ziemlich hohes Tier unter den Senatoren ist, hab ich mittlerweile herausgefunden. Einfacher macht das die Sache zwar nicht, aber was ist schon einfach. Sag mir, was ist der Claudier für ein Mensch? Ist er rachsüchtig? Stolz? Eitel? Hat er irgendwelche besonderen Schwächen? Was weißt du über den Mann?“


  • Och musste musste er ihr nun mit dem ollen Claudier kommen, jetzt gerade wo sie an etwas ganz anderes dachte. Apolonia ahnte aber wie schwer es ihm selber auch gerade fallen würde. Ebenso war ihr bewusst, dass er nur aus Sorge um sie danach fragte und es zu einem bestimmte Zweck machte. Seufzend nahm sie ihre Hand weg und griff sich eine Hühnerkeule, biss ein Stück Fleisch ab und reichte Antias den Rest. Während sie kaute dachte sie über seine Fragen nach. Eigentlich wusste sie von ihm gar nichts, wie auch von dem Rest der Familie.
    „Ich fürchte ich kann dir das nicht beantworten. Das ich ein Geschenk war ist dir ja bekannt. Ein einziges mal hat er mich zu sich rufen lassen. Er wirkte nicht unfreundlich auf mich. Es war wie immer wenn man einen neuen Herrn erhält und glaub mir ich gehöre zu den auserwählten die einige Herren kennen lernen durften. Ich wurde mit jenem kritischen durchleuchtenden Blick begutachtet. Dabei nur ein neutraler prüfender Blich, auf das äußere Bild und mein auftreten. Bei ihm erkannte ich kein gänzlich in besitznehmenden Blick, wenn du verstehst was ich meine.“ Bevor sie weiter berichtete füllte sie ihrer beider Becher mit Wein und nahm selber einen Schluck. „Ja und dann machte er ein Schriftstück fertig und schickte mich damit los, wie er meinte um meine Fähigkeiten zu testen ...oder so ähnlich. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen.“ Abermals nahm sie einen Schluck Wein und dachte kurz über die Claudier nach. Eigentlich war das ein verrückte Zeit gewesen. Keiner hatte sich um sie gekümmert und aus purer Langeweile hatte sie eingewilligt mit Morrigen und Dracon die Villa zu verlassen um sich etwas anderes aufzubauen. Nach kurzem Nachdenken konnte sie ihre Neugierde aber nicht mehr zügeln. „Aber sag mir, warum willst du das jetzt alles wissen, es ist doch alles gut wie es ist. Keiner verfolgt mich und inzwischen bewege ich mich auch wieder völlig ungezwungen in Rom."

  • Antias hörte ihr zu, kaute dabei zwar angestrengt an einem breiten Grinsen herum, lauschte aber schweigend und andächtig. Gar kein Zweifel, Apolonia erzählte das alles nur ihm zuliebe, der Widerwille war ihr deutlich anzumerken. Als ob es ihn nicht schon genug Selbstbeherrschung gekostet hatte, gerade jetzt danach zu fragen. Er kannte sich, und sie auch. Wenn er dieses Thema jetzt nicht angeschnitten hätte, er wäre am morgigen Abend zwar glücklich bis in die Haarspitzen aber völlig uninformiert wieder in die Castra zurückgekehrt. Eine Freier interessierten solche Dinge freilich überhaupt nicht, aber er war kein Freier. Weiber. So endlos wundervoll, so unendlich kompliziert.


    Mit einem amüsierten Räuspern lehnte er sich zurück und zog sie an sich. Warum er das jetzt alles wissen wollte? Ein zunächst lautloses Lachen begann ihn sanft zu schütteln, wurde aber schnell zu einem leisen Kichern. „Du machst mich fertig, Dorcas. Warum ich das wissen will?“ Sanft und scherzhaft zupfte er sie an ihrer süßen Nase. „Och .. nur so. Dachte, ich frag halt mal.“ Schön zu hören, dass sie sich völlig ungezwungen in der Urbs bewegte, während er sich in seiner nächtlichen Barracke mit Schreckenszenarien herumschlug. Apolonia in Ketten, entdeckt, verraten, verschleppt, gepeitscht, gedemütigt. Eine völlig ungezwungen durch die Welt wandelnde Apolonia war in seinen Alpträumen – so weit er sich erinnern konnte – noch nicht vorgekommen, nur in den anderen, den angenehmen, den entladenden.


    Das Kichern entlud sich in einem befreienden Prusten. „Keine Ahnung, wie ich auf sowas komme, Dorcas, aber irgendwie war ich der Ansicht, es könnte vielleicht für die Zukunft eine gewisse Rolle spielen.“ Lachend griff er nach der Olivenschüssel. „Ich hab von Tieren gehört, die sich tot stellen, um nicht zur Beute zu werden, und weißt du was? Es funktioniert. Manche Viecher tun einfach so, als sei nichts. Funktioniert auch. Also gut ..“ Er schnappte sich eine Olive und sog sie genüsslich zwischen die Lippen. „.. so klug wie irgendwelches Getier sind wir allemal. Tun wir ab jetzt einfach, als sei alles so wie wir es uns wünschen, dann wird unser Leben künftig von Leichtigkeit getragen.“


    Die Olive war weich und doch fest, salzig und doch süß, verlockend fast wie Apolonias’ Knospen, aber nur fast. Gut, dass sie jetzt darüber geredet hatten, schon fühlte er seine Aufmerksamkeit wieder lendenwärts sinken. „Nimm noch eine Olive.“ grinste er sie an. „Sonst stopf ich mir alle auf einmal rein. Ich liebe diese Dinger. Sind das zweitköstlichste, was ich mir vorstellen kann.“


  • Völlig irritiert schaute Apolonia ihren Antias an, als sein grinsen dann noch zu einem glucksenden Lachen anwuchs, verstand sie gerade gar nichts mehr. Konnte es sein, dass er über sie lachte oder sie auslachte? Wieso denn? Sie musste es doch wissen, schließlich würde sie schon bemerken wenn sie verfolgt würde. Dann wurde ihre Verwirrung noch größer. Was hatte denn das Verhalten irgendwelcher Tiere mit ihr zu tun? Langsam schlug ihre Verwirrung in Ärger um. Verärgert drückte sie sich von ihm ab und und schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Ich mag jetzt keine Olive und ich mag auch nicht nicht wenn man über mich lacht und schon gar nicht wenn man mich mit irgend welchem Getier vergleicht. Was ist los? Hast du erfahren dass die Claudier Jagd auf mich machen?“
    In ihrer Aufregung griff sie nach dem Brot, riss ein Stück ab und stopfte es in sich hinein.

  • Also keine Oliven. Antias stellte die Schale auf den Tisch zurück. Glaubte Apolonia wirklich, er lache sie aus? Es schien so. Einen langen schweigenden Blick lang betrachtete er die zornigen grünen Fünkchen in ihren Augen. Konnte oder wollte sie ihn nicht verstehen? Nacht um Nacht zermarterte er sich den Kopf darüber, wie er sie beschützen, wie er sie zu einer Libertina machen konnte, auf die niemand mehr einen Anspruch erheben durfte, und sie wunderte sich, dass er das Thema überhaupt ansprach? Nein, die Claudier jagten sie vermutlich nicht, warum sollten sie auch? Die besaßen wahrscheinlich gut fünfmal so viele Sklaven wie seine Lorica Spangen. Senator Menecrates hatte sein abhanden gekommenes Geschenk sicher längst abgeschrieben. Trotzdem war Apolonia noch immer eine Serva, eine entflohene Serva. Sie brauchte nur von irgendeinem Domestiken ihres Herren wiedererkannt zu werden, auf einem Markt, einen Forum, einem Lunapar, gleich wo, und er würde sie in der Hand haben. Vor allem aber: Antias würde sie nie zur Frau nehmen können, solange sie vor dem Gesetz als das Eigentum eines anderen galt.


    Aber wie kam er überhaupt dazu, sich eine gemeinsame Zukunft zusammen zu spinnen? Vielleicht wollte sie das gar nicht, vielleicht hatte sie ganz andere Pläne, vielleicht erdrückte er sie mit seiner Fürsorge? Schließlich war es ihr Leben, nicht das seine, und wenn sie sich wirklich ungezwungen darin bewegte, hatte er nicht das Recht, ihr das abzusprechen. Oder? „Ich lach dich nicht aus.“ sagte er leise. „Ich lach mich selber aus.“


    Von plötzlicher Mattigkeit heimgesucht stand Antias auf, ging langsam zum Fenster hinüber, öffnete die Läden, sah in die kalte Nacht hinaus. Mauern, Giebel, Dächer soweit das Auge reichte, ineinander gekeilt in heillosem Durcheinander, bis hinüber zum Fluss. Jenseits davon wieder Mauern, Giebel, Dächer. Tempel, Hallen, Foren, Stein, Ziegel, Marmor bis weit hinter den östlichen Horizont. Ein wimmelnder Moloch. Zehntausende, Hunderttausende von Menschen. Wie viele entlaufene Sklaven mochten dort draußen ein zwar freies und doch heimliches Leben führen? Tausende? Natürlich konnte man in der Urbs untertauchen, einfach verschwinden als wäre man nie da gewesen. Jahrelang, jahrzehntelang, ein Leben lang. Nur hatte er Apolonia diese Leben im Verborgenen ersparen wollen. Nun gab sie ihm das Gefühl, als ginge ihn das alles nichts an. Er liebte sie. Aber er würde nie wieder davon anfangen, was war und was sein könnte.


    Müde ging er zur Kline zurück und ließ sich seufzend neben seine geliebte Gazelle fallen. „Du hast recht. Reden wir nicht mehr davon.“ Gedankenverloren auf den gedeckten Tisch starrend wanderte seine Hand zur Bärenzahnkette seines Bruders. Also würde Ferox die einzige Familie bleiben, die Antias hatte. „Es ist verrückt .. ich habe heute einen Bruder bekommen.“ Er sah Apolonia mit einem flüchtigen Lächeln an und wandte sich nachdenklich wieder ab. „Was ist mit deiner Familie, Dorcas? Bist du ganz allein?“


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