Rückkehr aus dem Barbaricum

  • Mit versteinerter Miene, reglos, taub für den Geifer des blutrünstigen Pöbels hatte sich Malleus über die wogenden Köpfe hinweg das Spektakel angesehen. Obgleich noch keine drei Stunden verstrichen waren, seit er das Stadttor passiert hatte, begann er bereits, seinen Abstecher in's Municipium zu bereuen. Wäre nicht noch das eine oder andere zu regeln gewesen – er hätte stehenden Fußes kehrt gemacht. Nach insgesamt elf Monaten Aufenthalt im freien Teil Germaniens und allein schon sechsundzwanzig Tagen Heimreise durch dünn besiedeltes Stammesgebiet war er den städtischen Trubel nicht mehr gewohnt, und ob er sich noch einmal daran gewöhnen wollte, erschien ihm nach dem eben Gesehenen mehr als fraglich.
    Nicht die Folter selbst war es, was ihm bei der unwürdigen Darbietung sauer aufstieß, Folter an sich war lediglich ein Instrument, ein Werkzeug, ein probates Mittel, um Unheil zu vermeiden. Auch er selbst hatte gefoltert, viele Male. Mochten die Götter wissen, wie viele verstockte Idioten ihm im Laufe von fünfundzwanzig Jahren Grenzdienst durch die Hände gegangen waren, Eravisker, Jazygen, Daker und anderes Geschmeiß. Er hatte auf Befehl gefoltert oder nach eigenem Ermessen. Gestandene Männer, junge Männer, alte Männer, vereinzelt auch Frauen. Eines aber hatte er nie getan – er nicht, und auch keiner seiner Kameraden: Priester, Heiler oder Seher misshandelt. Was hier soeben geschehen war, konnte ihn daher nur abstoßen.

    Um die männlichen Gefangenen, seien es nun Krieger oder Bauern, war es nicht schade. Zumal es sich nur um dreckige Chatti handelte, für die Malleus ohnehin nichts als Verachtung übrig hatte. Möglich, dass es um die Frau ebenso wenig schade war, aber darum ging es nicht. Sie war eine Völve. Eine Chattin zwar, aber dennoch eine Völve. An den Grenzen – und auch der Rhenus floss noch immer durch Grenzland – gab es ein paar ungeschriebene Gesetzte, deren Missachtung man tunlichst vermeiden sollte. Es sei denn, man wollte riskieren, dass sich Stämme vereinigten, die sich unter anderen Umständen spinnefeind waren. Man brannte ihre Wälder nicht nieder, man schändete nicht ihre Gräber und man vergriff sich nicht an Goden und Völven. Die Männer der Auxilia, zum Großteil selbst Söhne der Stämme, wussten das. Nur die Romani vergaßen es ab und an. Es war ein Fehler gewesen, die Völve öffentlich zu martern, vielleicht sogar ein Riesenfehler, das würde sich noch weisen. In jedem Fall aber hatte Rom damit weniger seine Macht demonstriert als vielmehr seine Ignoranz.


    Kopfschüttelnd schwang Malleus den Sack mit den Einkäufen auf die Schulter und bahnte sich brummend seinen Weg durch die dicht gedrängten Schaulustigen. Weg von der Mitte des Forums, hinüber zu den aufgereihten Reitern seiner einstigen Waffengattung in Richtung Südtor. Fast hätte er aus einem zutiefst verinnerlichten Reflex heraus vor den Equites salutiert, stapfte dann aber wortlos an ihnen vorüber. Nach ein paar Schritten hielt er fluchend inne, drehte sich noch einmal um und warf einem der Reiter einen abschätzigen Blick zu. „Gelungene Vorstellung, Kamerad. Ich hoffe, ihr wisst, was ihr tut.“

  • Apolonie hatte das „Wie?“ der kleinen Barbarin gehört. Sie drehte sich zu ihr um, denn gerade war sie im Begriff sich weiter nach vorne zu drängen, in der Hoffnung doch einen Blick auf die Seherin werfen zu können. „Na gut", seufzte sie und verdrehte dabei die Augen. „Du meintest, es wäre nicht richtig, die da“, dabei wies die Entlaufene mit dem Kopf in Richtung Seherin, „wäre etwas teueres und ich ergänzte, drückte es anders aus, nenn es wie du willst. Ich sagte,ja etwas wertvolles, was man beschützen soll. Das wolltest du doch nochmal hören. Warum eigentlich? Ich bin mir ziemlich sicher du hattes mich sehr wohl verstanden. Wer bist du? Was willst du von mir? Wer schickt dich?“
    Apolonia hatte so etwas noch nie erlebt. Misstrauen hatte sie erfasst, ein Anfall von Panik. Barsch erklang jetzt ihre Stimme. Unsicher schaute sie die Fremde an und dann in Richtung Seherin. Ich glaube ich sollte hier weg. Warum bin ich eigentlich nicht in Begleitung von Peducaeus Messianus unterwegs? Bin ich froh wenn ich wieder in Rom bin. Unsteht, lauernd, huschten ihre Augen umher.

  • Eldrid begann sich zu erklären. Es war immer noch nicht ein Kinderspiel ihr zu folgen, aber dieses Mal kam Eldrid dennoch mit. Apolonia hatte von etwas gesprochen, das man schützen sollte. Es irritierte die junge Mattiakerin nun ein wenig, da Apolonia eben noch so schlecht von der Seherin gesprochen hatte, aber sie begrüßte es auch irgendwie. Es sprach dafür, dass die Frau doch noch nicht ganz so verschroben war, wie es eben zu befürchten galt.
    Oder doch? Plötzlich erhob jene ihre Stimme und wollte mit Nachdruck wissen, wer sie war. Völlig verdattert und aus Augen, die entfernt an eine Kuh bei Gewitter erinnerten, schaute Eldrid der Frau ins Gesicht. Was war denn nur los? War sie vielleicht verrückt?


    "Ahm... Ich..." Es wäre eigentlich sehr leicht gewesen, eine klare Antwort zu geben, doch in diesem Augenblick fiel es ihr schwer, sich zu sammeln. Was für ein überaus merkwürdiger Tag. "Eldrid... Ich bin Eldrid..." Sie stellte sich nun rasch vor, um die Frau nicht noch weiter zu provozieren, die schien immerhin wirklich ziemlich gefährlich zu sein. Verunsichert schmiegte sie sich unbewusst leicht an ihren Esel.


    "Ich... will nichts von dir. Du weißt noch... ich, ahm... will wissen, was hier... eh... passiert." Sie erinnerte sich noch an die eben erhaltene Korrektur von Apolonia und verwendete nun das richtige Wort. Verständnislos schaute sie der entflohenen Sklavin in die Augen, etwas hilflos. Was sollte sie nun noch sagen? "Ich... ich will kaufen Essen. Hier, in Mogontiacum." Mogontiacum sprach sie nur langsam und konzentriert aus, weil sie sich mit den vielen Kanten des Wortes häufig verhaspelte. "Und dann... das." Sie zeigte wieder nach vorn, immer noch reichlich verwirrt durch die vielen Eindrücke. War ihre Devotion vielleicht unnötig? War sie in Gefahr, oder war sie es nicht? Es fiel ihr schwer, dies einzuschätzen. In jedem Fall war sie gerade eine Fremde unter vielen Römern und dort vorn wurden Fremde hingerichtet, gefoltert. Wohl fühlte sie sich in keinem Fall.

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    Sklave - Marcus Claudius Marcellus

    Einmal editiert, zuletzt von Eldrid ()

  • Licinus Gesicht war eine Maske absoluter Unbewegtheit, während des Dramas, dass sich dort oben auf dem tribunal abspielte. Es war Recht und richtig, was dort geschah und Licinus war durchaus der Meinung, dass man den Barbaren zeigen musste, dass dir Römer die Herren waren. Mehr vielleicht noch musste man den Römern zeigen, dass die Barbaren ein weiteres Mal die unterlegenen waren. Dass sie keine Macht über sie besaßen, denn das Gerede über dne verhexten Offizier besaß eine ungeheure [sic!] Sprengkraft, der mit aller Entschlossenheit entgegengetreten werden musste. Nur warum hatte er dann das Gefühl, als würde seine gesamte Haut mit einer klebrigen Schicht bedeckt sein.


    Licinus zählte jeden der einundzwanzig Hiebe. Einundzwanzig Hiebe gegen eine Frau. Licinus wusste nicht, was er davon halten sollte. Dem Recht wurde genüge getan, aber dennoch hatte Licinus das Gefühl, dass hier etwas falsch lief. Hatte sie nicht dem centurio das Leben gerettet? Hatte sie ihnen nicht alles gesagt, was sie über das Dorf wusste -- wissen konnte? Und dennoch, sie war eine Angehörige des Dorfes und nicht irgendeine sondern die Priesterin, mithin eine der höchsten Personen nach dem Häuptling -- aus römischer Sicht -- und darum musste sie bestraft werden. Ihre Macht musste sichtbar gebrochen werden.


    Dennoch war Licinus übel, bei dem was er mit starrem Blick sah. Erst als alles vorbei war sprach er wenig leise Worte an Seneca der nebem ihm stand: "Wenn das hier vorbei ist, brauch ich ein Bad" stellte er fest.

  • Apolonia mit sich selber beschäftigt, mit wem auch sonst, merkte dann aber doch irgendwann was sie angerichtet hatte. Sie musste sich wirklich zusammenreißen. Schuld an ihrem offensichtlich plötzlichen Verfolgungswahn war nur diese Giftspritze Phryne. Nachdem diese plötzlich vor ihrem Haus gestanden hatte fühlte sie sich endgültig nicht mehr in Mogontiacum wohl, sie hoffte, dass es schnell ging mit der Hausüberschreibung.
    Die Entlaufene, bemühte sich redlich ein freundlicheres Gesicht auf zu setzen. „Entschuldige bitte, meine Nerven sind in den letzten Tage etwas angeriffen. Mein Name ist Tadia Ticinia“. Wie schön bald kann ich mich wieder Apolonia nennen, an den Namen hätte ich mich auch nie wirklich gewöhnt. „Du siehst, dass Spektakel hier ist gleich vorbei, die Seherin wird gerade weggebracht. Kann ich dich zu einer kleinen Stärkung einladen? So als Entschuldigung für mein schlechtes Benehmen. Dann erkläre ich dir es in aller Ruhe. Deinen Freund hier kannst du ruhig mitnehmen.“ Wie kann man nur so an einem dämlichen Esel hängen, überlegte sie dabei.
    „Was meinst du? Dabei kannst du mir dann auch etwas von dir erzählen“.
    Damit hätte ich heute wenigstens etwas Abwechslung in diesem Nest bekommen. wie weit kann ich noch sinken.

  • Nach einem höchst vergnügten Zug durch die Gassen, in dessen Verlauf sie einen Teil ihres unverhofften kleinen Vermögens in Unerlässlichkeiten wie geröstete Schweinefüße, Nussküchlein, Gagelbier und Met investiert hatten, waren die beiden Askaleuda vom Strom der Menge schließlich auf das Forum gespült worden. Der Anblick einer Einheit der Ala Numidia, ihrer künftigen Zweitfamilie, hatte sie sofort in kindlichen Jubel ausbrechen lassen. Vor allem der schon merklich angesoffene Ratnar war nicht müde geworden, roma victrix und augustus vivat zu brüllen. Auch Ove hatte sich bereitwillig von der aufgeladenen Stimmung mitreißen lassen, wenn auch nicht ganz so lautstark wie sein Vetter. Ohne den leisesten Schimmer von Zweck und Anlass der Veranstaltung zu haben, waren die beiden allmählich zum Zentrum des Geschehens vorgedrungen, erwartungsfroh, rotwangig, kichernd wie Milchmägde. Dann hatte man die Seherin aufs Forum gezerrt.


    Eine knappe Hora später, als die geschundene Frau längst abgeführt worden war, standen Ove und Ratnar noch immer in der erregt murmelnden Masse und starrten auf die Richtstätte. Dass noch weitere Gefangene ihrem Schicksal harrten, nahmen sie nur am Rande wahr und es war ihnen auch ziemlich egal.


    „Das war nicht recht.“, zischte Ratnar immer und immer wieder zornig vor sich hin. Ove konnte dem weder widersprechen noch zustimmen. Die römische Ordnung war ein Segen für ihre Sippe, und morgen schon würden sie ihren Eid darauf ableisten, diese Ordnung gegen alle Angriffe von außen zu verteidigen. Unter Einsatz ihres Lebens und ohne Rücksicht auf eigene Befindlichkeiten. Allein deshalb waren sie hier. Dass sie als Peregrini stets Soldaten zweiter Klasse bleiben würden, war Ove völlig klar. Damit konnte er leben, zumal es in der jüngeren Geschichte der Askaleuda nie anders gewesen war. Aber er erwartete im Gegenzug zumindest ein gewisses Maß an Respekt. Nicht nur ihm selbst sondern vor allem den Sitten und Gebräuchen seiner Sippe gegenüber, die seit Generationen an der Seite Roms gekämpft und gelitten hatte. Eine von den alten Göttern auserkorene Seherin auspeitschen und brandmarken zu lassen widersprach diesen Sitten und Gebräuchen zutiefst, auch wenn es im Namen der gepriesenen römischen Ordnung geschah.


    „Das war einfach nicht recht.“ wiederholte Ratnar zum gewiss zwanzigsten Mal. Ove konnte es allmählich nicht mehr hören. „Es war rechtens. Punktum.“ stieß er seufzend aus, in der Hoffnung, dem Gemaule seines Vetters damit ein Ende zu setzen. Der aber ließ sich davon nicht beeindrucken und brauste nun erst recht auf.
    „Du findst das richtig?“
    „Hab ich das gesagt? Aber du hast doch selbst gehört, was man ihr vorwirft.“
    „Bullenscheiße! Zauberei. Verbrechen gegen Rom. Im Leben nicht. Ne Seherin verliert ihre Gabe wenn sie se missbraucht .. weißt du so gut wie ich!“


    Ove war beeindruckt. Für Ratnars Verhältnisse war das eine geradezu epische Ansprache, und er schien noch nicht fertig zu sein. „Die spucken auf unsere Art zu leben! Aber wehe, irgendjemand fasst eine von ihrn Priesterinnen an. Wenn das Dankrun gewesen wär, hättst du das dann auch in Ordnung gefundn?“
    „Ich find es nicht in Ordnung!“ keifte Ove zurück, nun seinerseits in Wallung geraten. „Leg mir nichts ins Maul, was ich nicht gesagt habe! Du bist sternhagelblau, das ist das Problem!“
    „Ach so?“ lallte Ratnar entrüstet, „Das is das Problem? Die veranstalten hier so ne Sauerei .. aber das Problem bin natürlich ich .. oder was?“


    Ove streckte die Waffen. So hatte das keinen Sinn. Wenn Ratnar besoffen war, und das war er nicht gerade selten, gab es nur wenige Wege, um zu seinem Sturschädel vorzudringen. Einer davon führte durch seine brachliegenden Lenden.
    „Ist ja gut jetzt. Willst du die paar verbliebenden Stunden mit Streitereien verschwenden? Schau dich mal um. Zarte Rehlein Saftige Lämmchen. Fällt dir dazu nix ein? Denk dran, ab morgen gehören unsere Ärsche der Ala.“


    Das zeigte nun endlich die erhoffte Wirkung. Ratnars Zornesfalten glättetet sich und ein lüsternes Lächeln blühte auf. „Mein Arsch können se haben .. den Rest aber nich.“


    Fast hatte es den Anschein als sei ihre Excursio doch noch gerettet. Die sorglose Ausgelassenheit jedoch, mit der sie das Forum betreten hatten, wollte sich nicht mehr so recht einstellen.

  • Natürlich war auch die Hautevolee Mogontiacums, der sowohl Verus als auch Marsus angehörten, anwesend, um sich das 'Spektakel' anzusehen. Sowohl der Flamen als auch sein Vetter waren heute in der Funktion ihrer Ämter nicht an dieser Sache beteiligt, weshalb sie zusammen mit anderen Würdenträgern der Stadt etwas abseits der Menge standen und bloß als Zuschauer fungierten. Phelan hatte seine Tochter zwar erspäht, allerdings stand sie weiter weg und mit dem Rücken zu ihrem Vater, sodass sich ihre Blicke nicht kreuzen konnten.


    Während der Tross zum stehen kam und die Gefangenen zu ihrer letzten Stätte gebracht wurden, verschränkte Verus seine Arme und beobachtete genau die Szenerie. Sein Vetter tat es ihm gleich. Sie tauschten mehrmals Blicke aus, ohne dazu ein Wort zu sagen. Es war ein denkwürdiger Tag, erinnerte er sich doch an die Anfänge seiner Familie, der Kinder Wolfriks, in Mogontiacum. Sie wurden behandelt als Menschen zweiter Klasse, als Emporkömmlinge. Missgunst und Neid begleiteten sie auf ihrem Weg nach oben in die höhere Gesellschaft des Reiches. Erst seit ein paar Jahren hatte sich die große Opposition zerschlagen und die Kinder Wolfriks konnten als die romanisierten Duccii ohne Vorurteile in ihren Ämtern für Rom schalten und walten. Wie bezeichnend, dass die germanischen Gefangenen, die sich gegen Rom gestellt und die Chance auf Teilhabe am Imperium vertan hatten, nun für ihre Ideale und Freiheit ihr Leben gaben.


    Dass Idun, die vermeintliche Seherin, als erste bestraft werden sollte, verwunderte ihn nicht. Es sollte ein Exempel statuiert werden, dass Rom sich auch nicht vor einer Seherin, die vermutlich von den Göttern begleitet wurde, einschüchtern ließ. Im Rahmen der Romanisierung setzten die Römer ihre Justiz überall durch, wo ihre Sandalen den Boden trafen. Vor einiger Zeit hätte ihn dieser Akt der Bestrafung gegen eine Seherin seines Volkes noch aus der Fassung gebracht. Mittlerweile nahm er es einfach gleichgültig hin, ohne groß Emotionen zu zeigen. Erstaunlich, wie tief seine Zweifel an den Göttern - sowohl an den römischen als auch an den germanischen - und an sich selbst waren, sodass sich seine Einstellung bzgl. Religion rationalisiert hatte. Er strich sich mit einer Hand über seinen Bart und schaute rüber zu seinem Vetter. "Beachtlich, dass das Volk Mogontiacums kein Mitleid mit den Gefangenen zeigt." Vor vielen Jahren wäre das sicher noch anders gewesen, aber die Menschen hatten es gut in Mogontiacum, waren glücklich und zufrieden. Sie hatten sich angepasst, sie waren romanisiert.


    Die Bestrafung viel hart für die Seherin aus, sodass Verus kurz seine Augenbrauen hob. Ob der hohen Anzahl der Peitschenhiebe war er durchaus überrascht. Der Centurio gab wirklich alles, um für Rom dieses Exempel zu statuieren. Die Worte die er wählte waren hingegen das Standart-Programm, also nichts Besonderes.


    Was hingegen besonders war, war die Standhaftigkeit dieser Seherin. Sie nahm die Strafe hin und wurde nicht ohnmächtig, wie es so viele bei den extremen Schmerzen durch die schnellenden Peitschenhiebe wurden. Gerade wollte Verus seinen Vetter anstoßen, da merkte er, wie sich einige in der Menge hinknieten. Es war fast schon eine Gruppendynamik, die von einem Punkt in der Menge ausging. Der Flamen ließ seine Blicke streifen, wo war seine Tochter? Nach einigen Momenten hatte ihr Vater sie gefunden, sie kniete ebenfalls. Am liebsten wäre Verus die Kinnlade runtergefallen, aber er hielt sich zurück und nahm es hin, immerhin stand er hier zusammen mit anderen Würdenträgern. Das konnte doch wohl nicht ihr Ernst sein? Nachdem sie seinen Klienten Helvetius Curio geheiratet hatte, war es relativ ruhig um ihre Beziehung zu den germanischen Göttern geworden, sie hatte sich nach und nach ihrer Rolle als römische Ehefrau und Hausherrin angepasst. Doch jetzt zeigte sie wieder alte Tendenzen. Als Tochter des Flamen Divi Augusti und Frau eines angehenden Pontifex konnte sie sich doch nicht wirklich für diese germanische Hexe hinknien! Verus behielt die Fassung, das würde aber ein Nachspiel haben...

  • Apolonia mit sich selber beschäftigt, mit wem auch sonst, merkte dann aber doch irgendwann was sie angerichtet hatte. Sie musste sich wirklich zusammenreißen. Schuld an ihrem offensichtlich plötzlichen Verfolgungswahn war nur diese Giftspritze Phryne. Nachdem diese plötzlich vor ihrem Haus gestanden hatte fühlte sie sich endgültig nicht mehr wohl in Mogontiacum, sie hoffte, dass es schnell ging mit der Hausüberschreibung.
    Die Entlaufene, bemühte sich redlich ein freundlicheres Gesicht auf zu setzen. „Entschuldige bitte, meine Nerven sind in den letzten Tage etwas angeriffen. Mein Name ist Tadia Ticinia“. Wie schön bald kann ich mich wieder Apolonia nennen, an den Namen hätte ich mich auch nie wirklich gewöhnt. „Du siehst, dass Spektakel hier ist gleich vorbei, die Seherin wird gerade weggebracht. Kann ich dich zu einer kleinen Stärkung einladen? So als Entschuldigung für mein schlechtes Benehmen. Dann erkläre ich dir es in aller Ruhe. Deinen Freund hier kannst du ruhig mitnehmen.“ Wie kann man nur an einem so dämlichen Esel hängen, überlegte sie dabei.
    „Was meinst du? Dabei kannst du mir dann auch etwas von dir erzählen“.
    Damit hätte ich heute wenigstens etwas Abwechslung in diesem Nest bekommen.

  • Runa nahm nichts um sich herum wahr. Auch nicht den Blick des Vater. Ihr Blick lag einzige auf der Frau, die nun von ihren Fesseln befreit wurde. Sie konnte die Pein, die Qual, die Schmerzen im Gesicht und die Augen der Frau nur allzu deutlich erkennen. Warum kämpfte sie noch? Runa konnte es sich nicht erklären warum sie das tat. Man konnte doch deutlich sehen, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. Erst als sie an dem Centurio vorbei waren, die Seherin diesem einen Blick zugeworfen hatte, verlor sie das Bewusstsein. Runa blickte voller Bewunderung auf diese Frau. Sie hatte gezeigt, dass Rom nicht immer triumphierte.
    Langsam erhob sich die Duccia wieder. Die Gespräche um sie herum nahm sie nun auch Bruchstückeinhaft wieder war.
    Nur Gesprächsfetzen drangen an ihr Ohr.
    „...das war nicht richtig...“
    „Die Götter werden erzürnt sein...“
    „Sie hat ihn gerettet...“
    „...warum haben sie das getan?“
    Keiner der hier lebenden nicht Römer fand es gut was da gerade geschehen war. Auch die Römer selbst waren still geworden. Es war eine komische Stimmung unwirklich fast, keiner sprach laut. Alle nur gedämpft.
    Erst als die Seherin vom Platz getragen worden war, als sie aus dem Blickfeld verschwunden war, wurden auch die Stimmen wieder lauten.
    Runa blickte noch lange in die Richtung in welche man die Frau getragen hatte. Einige versuchten mit Runa zu sprechen, doch sie wiegelte ab. Mit einem Blick voller Verachtung und Abscheu für den Centurio verließ sie den Ort des Geschehens. Sie wollte hier nur noch weg.

  • Eldrid argwöhnte noch immer, obwohl die Fremde inzwischen ruhiger mit ihr umging und freundlich redete. Sie entschuldigte sich für ihren Ausbruch und stellte sich als Tadia Ticinia vor. Ja, sie war ganz offensichtlich eine Römerin, das hörte man schon am Klang des Namens. Auch das herrische Auftreten hatte allerdings hervorragend zu ihrer Abstammung gepasst. Auf die Idee, dass es sich um eine entlaufene Sklavin handeln könnte, käme Eldrid nicht einmal in einem düstersten Moment voll von Verschwörungstheorien.
    Als sie anbot, Eldrid zu einer kleinen Stärkung einzuladen, zögerte sie lange. Zuerst musste sie die genaue Bedeutung erst einmal verstehen - sie kam allerdings tatsächlich rasch zu dem Schluss, dass sie Rede von Essen sein musste. Zum anderen wog sie intensiv ab, was sie tun sollte, nachdem sie die Bedeutung erfasst hatte. Die Sache war die, dass sie nicht einfach vom Forum verschwinden konnte, ihr Bruder würde sie suchen. Möglicherweise vergeblich. Ja, und dann war da noch dieses merkwürdige Verhalten der Frau. Sie hasste Germanen, das hatte sie deutlich gemacht. Die nun eher beschwichtigend angelegten Worte, tilgten einfach nicht das aufgebaute Misstrauen.


    "Oh äh... Mein Bruder. Er kommt gleich mich holen." Eldrid lächelte scheu und mit einem entschuldigenden Blick. Wieder sah sie sich rasch um, sah viele auf den Knien. Sie verstand es nicht recht als Geste des Mitleids für die Seherin, sondern eher als tiefe Demut vor den Unterdrückern. Sie würde hier nicht knien, nicht vor diesen Römern. Frieden ja, aber sicherlich keine Demut. Selbst würde ihr eigener Stolz nicht so weit reichen - ihr Bruder würde ihr gehörig den Marsch blasen. Es war außerdem nichts ungewöhnliches, dass die Römer grausam waren, war jedenfalls die stark beeinflusste Eldrid der Meinung. Unaufrichtig und brutal waren Eigenschaften, die in ihrer Umgebung immer wieder für Römer gebraucht wurden.


    "Ich kann nicht von hier gehen, Tad... Ticina." Noch immer verstand Eldrid nicht so richtig, welcher Name bei den Römern der richtige zum Ansprechen war. Sie lachte etwas ungeholfen, aber freundlich auf. "Aber... wir können hier Stärkung essen, wenn du möchtest." Sie bemühte sich um große Höflichkeit. Mit Erfolg, wie sie fand!

  • Apolonia schaute Eldrid mehr als verwundert an. Ja sicher hier und dann machen wir ein Feuer und setzen uns drumherum. Ja wo sind wir denn hier? Bei den Wilden? Da bin ich einmal freundlich und dann so etwas.
    „Du meinst jetzt hier an Ort und Stelle, inmitten der Menschen?“ Die würden doch bleiben, schließlich galt es noch die gefangenen Germanen ab zu urteilen. Zumindest nahm sie es an, dass dies geschehen würde. „Schau dort drüben ist die Taberna Silva Nigra. Von dort aus kannst du deinen Bruder bestimmt sehen. Hier in dem Gedränge findet er dich auch nicht schnell.“ So das ist mein letzter Versuch. Ich sag es ja immer man soll sich erst gar nicht mit solch einem Gesocks einlassen. Hach was wäre das heute für eine Gelegenheit gewesen die Kasse auf zu bessern. Zu dumm, dass ich mir vor nahm in der Stadt hier vor meiner Abreise nicht mehr auf Beutezug zu gehen.
    Apolonia bemühte sich ein aumunterndes Lächeln zu zeigen um damit die Einladung zu unterstreichen.


  • Ihr Blick war seine Strafe. Er hatte nur noch Augen für sie. Jegliche andere Reaktion blendete er aus. Nicht, dass er ihn nicht verstand, doch auch ihre Stärke und ihre stille Zusicherung konnten ihn nicht erlösen. Nicht mehr. Es tat weh, nicht nur, was er getan hatte, sondern, dass er es ohne großes Zögern getan hatte. Er wollte ihr Held sein und war doch nur ein Befehlsempfänger. Ihre Liebe und Hofnung ließen ihn lautlos weinen. Schnell wandte er sich ab, rang nach Luft als ihn dieser taube Schmerz durchfuhr. Ja, sie war dort. Und er war zu schwach, um mit Würde seine Schande zu tragen. Schnell griff er zum Helm, um diesen aufzusetzen. Niemand sollte sehen, dass er weinte und die salzigen Tränen bereits auf seinen Lippen schmeckte. Ihre Hoffnung und Liebe waren die größte Strafe. Man brachte sie fort. Und doch wollte er ihr folgen. Ein Schritt tat er bereits in ihre Richtung, bremste diesen aber abrupt ab. Hatte er seinen Verstand verloren? Es war Irrsinn, dass sie ihn noch immer liebte und achtete. Es war Wahnsinn, dass er ihr das angetan hatte, nur um einer römischen Pflicht genüge zutun. Es war ein kleines Versprechen gewesen, was selbst die Götter machtlos machte. Verus war verloren in seiner Pein. Er wollte für Immer bei seiner Idun sein und doch trieb ihn seine Vernunft durch diesen Albtraum. Er wünschte sich zu sterben, die Nachwelt zu sehen und einfach zu vergessen, doch keine Gnade kam über ihn. War es dieses Gefühl? War es diese Gewissheit, dass er eine Seele hatte? Er fühlte diesen Schmerz, der immer weiter kroch, während er den Helm am Kinn mit den Lederriemen schloss. Der Prunkhelm wog schwer und verbarg zwar die großen Tränen aber in seinen Augen lag dieser Schmerz, den er mit Zorn kaschieren wollte. Er hasste alles an sich selbst und auch jene Hände, die er gerade betrachtete. Er betrachtete sie ausgiebig und erkannte die Narben eines Soldaten. Der Krieg war ihm gefolgt und hatte ihm das Schlimmste abverlangt, nur um zu überleben. Doch wofür überleben? Für Idun. Doch es war noch nicht vorbei. Noch lange nicht. Das Schicksal war berechnend grausam. Er verdiente jede Strafe und doch verfluchtete er mit einem Blick die Götter, als er in den Himmel blickte. Waren sie so neidisch, dass sie alles taten, nur damit zwei Seelen nicht als eine gemeinsam waren? Tiberius Verus ballte beide Hände zur Faust, bis die Knöchel knackten und er wieder Leben in ihnen spürte. Verus trat zu seinen Vorgesetzten und folgte in kalter Härte den Protokoll, wie eine Maschine. Es gab keine Flucht, jetzt nicht mehr. Er war ein römischer Soldat. Ein Eid, der vieles an ihn kettete. "Ich melde Vollzug der Versklavung und erwarte Befehl zur Kreuzigung der Gefangenen Feinde," rief er so laut, dass alle Anwesenden es hören konnte. Er wollte sich als fähiger Offizier präsentieren und auch gleichsam von seinen Tränen ablenken. Härte gegen sich selbst, war nun notwendig, um schneller bei seiner Idun zu sein. Wenn er ein Monster spielen musste, um Monster abzuwehren, dann würde er diese Schande ertragen. Er musste es ertragen, denn ohne Idun konnte er nicht mehr sein.

  • Octavius Frugi und sein Freund Bavius Persaeus, hatten sich in den Thermen von dem Blut und dem Schmutz gereinigt, ihre Kleidung gesäubert, doch das was diese Auspeitschung sonst noch für Spuren hinterlassen hatte, ließ sich nicht so schnell entfernen, wenn überhaupt.
    Auf das persönliche Befinden der Legionäre wurde aber keine Rücksicht genommen. Der Befehl hatte gelautet die Sklavin zum Carcer bringen, das hatten sie ausgeführt und nun waren sie zurück auf dem Forum, denn warteten noch immer die Germanen aus dem Dorf auf ihr Schicksal.
    Den ersten Eindruck, zurück auf dem Forum, den Frugi hatte war das die Stimmung des Volkes sich geändert hatte. Es waren keine aufpeitschende Hassreden gegen die Barbaren oder Lobgeschrei für Rom mehr zu hören. Sie wandte sich noch immer gegen die Germanen, doch das hoch heben Roms hatte merklich nachgelassen. Viele starrten nur noch schweigend und nachdenklich zu den Vollstreckern, ganz als ob sie befürchteten Rom könnte noch mehr von seinem Ansehen heute und hier verlieren.
    Zweifel traten in dem Octavier auf, sollte er diesen Centurio wirklich noch seinem Ranggemäß Achtung und Respekt zollen? Fast hätte er aufgestöhnt ehe sie vor im traten und meldeten. „Befehl ausgeführt, die Sklavin befindet sich im Carcer.“ Die Ehrenbezeugungen an den Centurio kamen wie eine lästige Pflicht, in innerer Abwehrhaltung.
    Er wusste es hatte etwas geschehen müssen, um allen zu zeigen das die Seherin keine Gewalt über einen Centurio, über Rom hatte. Aber so? Musste es wirklich so sein?

  • Zitat

    Original von Marcus Iulius Licinus
    Licinus Gesicht war eine Maske absoluter Unbewegtheit, während des Dramas, dass sich dort oben auf dem tribunal abspielte. Es war Recht und richtig, was dort geschah und Licinus war durchaus der Meinung, dass man den Barbaren zeigen musste, dass dir Römer die Herren waren. Mehr vielleicht noch musste man den Römern zeigen, dass die Barbaren ein weiteres Mal die unterlegenen waren. Dass sie keine Macht über sie besaßen, denn das Gerede über dne verhexten Offizier besaß eine ungeheure [sic!] Sprengkraft, der mit aller Entschlossenheit entgegengetreten werden musste. Nur warum hatte er dann das Gefühl, als würde seine gesamte Haut mit einer klebrigen Schicht bedeckt sein.


    Licinus zählte jeden der einundzwanzig Hiebe. Einundzwanzig Hiebe gegen eine Frau. Licinus wusste nicht, was er davon halten sollte. Dem Recht wurde genüge getan, aber dennoch hatte Licinus das Gefühl, dass hier etwas falsch lief. Hatte sie nicht dem centurio das Leben gerettet? Hatte sie ihnen nicht alles gesagt, was sie über das Dorf wusste -- wissen konnte? Und dennoch, sie war eine Angehörige des Dorfes und nicht irgendeine sondern die Priesterin, mithin eine der höchsten Personen nach dem Häuptling -- aus römischer Sicht -- und darum musste sie bestraft werden. Ihre Macht musste sichtbar gebrochen werden.


    Dennoch war Licinus übel, bei dem was er mit starrem Blick sah. Erst als alles vorbei war sprach er wenig leise Worte an Seneca der nebem ihm stand: "Wenn das hier vorbei ist, brauch ich ein Bad" stellte er fest.


    Natürlich musste Seneca bei jedem der Hiebe hinsehen, denn wenn schon ein römischer Offizier wegschaute waren wohl Hopfen und Malz verloren. Angesichts der für ihn noch immer nicht ganz eindeutigen Umstände bedauerte der Iunier die zügige Ausführung der Strafe, nicht jedoch die Durchsetzung des römischen Machtanspruchs gegenüber den Barbaren.
    Scheinbar ging es seinem Kameraden Licinus ähnlich bezüglich der Frau und ihrer Strafe und Seneca blickte ihn mit aufeinandergepressten Lippen an...
    "Ich fürchte, dass es mehr als ein Bad bedarf. Ich hoffe der Wein wird's richten." raunte Seneca zurück und blickte dann weg, um den Mann ins Auge zu fassen welcher den offiziellen Teil dieser Veranstaltung leiten würde und anstelle der Offiziere zu den Bürgern sprechen sollte..

  • „Rom,“ begann der legatus iuridicius seine Rede mit jenem Wort um das es hier eigentlich ging. „ist Größe, Rom ist Ordnung, Rom ist Friede. Bevor Rom mit seinen Legionen und seiner Verwaltung auf diese Seite der Alpen kamen waren Kriege zwischen den Stämmen auf dieser, wie auch auf jener Seite des Rhenus die Regel und nicht die Ausnahme. Manche der Stämme erkannten die Vorteile, die ihnen Roms Freundschaft brachten.
    Ihre Wirtschaft konnte aufblühen, ihre Feinde wurden gestraft ihre Bevölkerung gewann Reichtum.Andere Stämme stellten sich gegen Rom, aber keiner von Ihnen konnte gegen die zivilisatorische Idee und den Beistand der Götter bestehen.
    Die Überheblichen wurden niedergerungen, die Unterworfen jedoch geschont, ganz so, wie es Anchises in der Unterwelt den Auftrag an die Nachkommen seines Sohnes formulierte.
    Und nach langem Kampf erfüllte Rom seine Pflicht und setzte Regeln, die den Frieden bedeuteten.“
    – hier wich der Redner ein wenig von den Formulierungen der Aeneis, die als Grundlage für diese Gerichtsrede herhalten musste ab.
    „Doch immer wieder gab es Stämme an den Grenzen des Imperiums, die diesen Frieden bedrohten. Geleitet von Neid auf den Reichtum ihrer Nachbarn, versuchen sie diesen zu rauben anstatt ihn durch ihrer eigenen Hände Arbeit zu erwirtschaften.“ Real hatten die Stämme dazu natürlich wenig Chancen, ebenso wie real die Sklavenhände den Reichtum erwirtschafteten und nicht die der Herren. Aber heute war kein Platz für Realitäten.


    „Diese Bedrohung für den Frieden und für jeden einzelnen Bewohner dieses von den Göttern gesegneten Reiches ist die Aufgabe und die Pflicht der ruhmreichen Legionen, der Schwerter und Schilde des Imperiums. Sie bewachen die Grenzen und schützen das Reich, wie sie Besitz und Leib eines jeden einzelnen seiner Bewohner schützen.“


    Nun, endlich kam man zu Sache, so schien es, denn der Blick des Redners streifte ein letztes Mal über die Menge und verharrte bei den Männern. Einen Moment herrschte theatralisches Schweigen, dann erging sich der Richter in der Anklagerede.
    „Die Bewohner jenes unglückseligen Dorfes, die heute hier vor ihrem Richter stehen, haben sich des Bruches gegen diesen von den Göttern geheiligten Frieden Roms schuldig gemacht. Einige von Ihnen haben ein praesidio entlang des limes angegriffen und als der centurio mit einer Patrouille den Grund für diesen ungerechtfertigten und frevlerischen Angriff zu erkunden suchte, legten sie ihm einen Hinterhalt.“
    Die unrühmliche Rolle, die der centurio womöglich dabei gespielt hatte war für diesen Prozess nicht von Belang und nicht der Erwähnung wert. Dies war Sache der Disziplinierungsmaßnahmen der legio.


    „Sie töten den größten Teil der Legionäre, der Rest überlebte nur dank der Tapferkeit des centurios, der selbst dem Tode geweiht gewesen wäre, hätte nicht der Ratschluss der Götter seinen Tod verhindert. Daher verurteile ich alle Bewohner des Dorfes zum Tode durch das Kreuz.“


    Eine winzige Pause entstand, gerade lang genug, dass die Anwesenden ihren leichten Schock bekamen, dann hob der Mann die Hand wie zum Segen.


    „Allein: Rom ist gnädig. Nicht die Frauen und Kinder und Alten sollen Leiden für die Dummheit und Überheblichkeit der Männer und ihrer Häuptlinge. Im letzten Moment, als die ruhmreichen Legionäre der zweiten Legion und die tapferen Reiter der zweiten Ala das Dorf erreichten kam Einsicht über die Männer und Frauen und sie gaben sich in die Hand des römischen Rechts. Dieser Schritt soll belohnt werden. Wir begnadigen die Frauen, die Kinder und die Alten zur Sklaverei. Mit Ausnahme der Seherin, die ihr eben gesehen habt, die ihren Einfluss nicht nutzte den Angriff zu unterbinden. Sollen ihnen keine Körperstrafen auferlegt werden.“ So die offizielle Version, über den Aberglaube der Soldaten schwieg man besser um ihn nicht zu befördern. Und das nahm selbstverständlich nicht die Brandmarkung aus. Diese war ja keine Strafe.


    „Wenn noch jemand für besondere Gnade für einen der Gefangenen sprechen möchte, so möge er in den nächsten drei Tagen vor diesen Stuhl treten und er wird gehört werden. Am vierten Tage werden die Urteile vollstreckt.“

  • Die Stimmung war ruhig, nicht war mehr übrig von der aufgeheizten Stimmung. Zwar hatte immer noch kaum einer Mitleid mit den Bewohner des Dorfes. Sie hatten sich ihr Urteil selbst zuzuschreiben, doch standen alle immer noch unter dem Eindruck des gerade erlebten. Bisher hatten die Römer doch immer die Sitten und Gebräuche respektiert. Viele der Söhne dienten in der Ala und waren ihr und Rom treu ergeben. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Warum also?
    So lauschten nun alle gespannt der Rede des legatus iuridicius. Zustimmendes Gemurmel setzte ein, als er begann. Ja Rom bedeutete für viele hier Ruhe und Wohlstand.
    Einen Moment hielten alle den Atem an. Sie wollten wirklich alle? Auch die Frauen, Alten und Kinder? Doch dann begnadigte man die Frauen und Kinder. Zur Sklavereien ja, aber sie würden leben dürfen.
    Einzig als erwähnt wurde, dass der Centurio gerettet worden war konnte man hören wie viele flüsterten doch die Worte waren kaum verständlich. Nur an ihrem Klang konnte man erkennen, dass die nicht Romani dem nicht zustimmten.
    Wer sollte wohl für diese Unglücksseeligen sprechen wollen? Sie hatten es sich selbst zuzuschreiben, sie hatten ihr Schicksal selbst gewählt und doch regte sich Widerstand in den Reihen. Eine laute mit Dialekt behaftete Stimme schalte über das Forum. „Warum durfte keiner für besondere Gnade für die Seherin sprechen?“ Aus viele Kehlen halten ein „Ja genau.“ wieder. Keiner verstand die harte Strafe für die Frau zumal die anderen ja verschont wurden. Die offizielle Version wollte kaum einer so recht glauben. Es war wohl doch mehr an den Gerüchten dran, dass die Soldaten dachten ihr Centurio stände unter dem Bann der Frau. Da keiner hier eine wirkliche Antwort erwartete – Rom erklärte sich üblicherweise nicht – gingen die meisten wieder ihrer Wege. Heute würde es hier nichts mehr zu sehen geben. Es war ein Schauprozess um allen zu zeigen wie viel Macht Rom besaß, dass sich niemand Rom entziehen konnte. Aber es machte auch deutlich, dass Rom auch gnadenlos war. Das es jeden strafte ohne Rücksicht auf Gebräuche und Sitten. Ob diese Leute nun Rom dienten oder nicht.
    „Was meint ihr werden die Stämme sich vereinigen?“
    „Du meinst wegen ihr?“
    „Ja und wegen dem was die Römer getan haben.“
    „Sie haben unsere Sitten mit Füßen getreten.“
    „Meint ihr es finde sich eine neue wie sie?“
    „Das ist schwer zu sagen.“
    „Es bleibt zu hoffen, sonst wird es unruhig hinter den Grenzen.“
    Leiser und leiser wurden die Stimmen, bis die Bevölkerung schließlich gänzlich das Forum verlassen hatte. In 3 Tagen würden sich wohl alle zur Kreuzigung der Verurteilten wieder einfinden.

  • "Cohors prima! Captivi ad castra custodiae abducite!"


    "Legio! Abite!" brüllte Licinus als der Richter gegangen und was Volk in Auflösung begriffen war. Die erste Cohors würde die Gefangenen in das provisorische Lager vor der Stadt führen, wo sie unter Bewachung standen. Der Rest der legio würde ins Lager zurückkehren. Ausgang für die legio gab es an jenem Nachmittag keinen um Zusammenstöße zwischen den Soldaten und der germanisch-stämmigen Bevölkerung zu verhindern.
    Ein Stabsmusiker übersetzte seine Worte in Tonsignale und Licinus sah den abrückenden Truppen nach. "Wie war das jetzt mit dem Wein? Bei mir is näher." wandte er sich an Seneca.

  • So schnell wie der Auflauf hier begonnen hatte so schnell war er dann letztlich auch schon vorbei. Es war ja ohnehin nicht so als ob es irgendeiner Art von Verhandlung bedurft hätte, schließlich standen die Urteile ja ohnehin lange fest und es ging hier vielmehr darum dem Volk die Idee der römischen Rechtsprechung zu verkaufen...
    "Ala! Abite!" befahl Seneca auch seiner Truppe und überließ den Abmarsch dann seinen Offizieren. Natürlich würden auch die Männer der Ala keinen Ausgang erhalten, jedoch aus anderen Gründen. Viele von ihnen waren selbst Germanen, dazu oftmals noch aus der Gegend, Seneca vertraute zwar jedem einzelnen seiner Männer doch die Gruppendynamik bei derart emotional aufgeladenen Szenarien konnte man ja nicht unterschätzen, weshalb die Truppe heute lieber mal zuhause blieb.
    Für ihn selbst galt das aber nicht, er war trotz der mittlerweile doch schon langen Zeit in Germanien Römer durch und durch und da es doch eine recht aufwühlende Zeit hinter dem Limes war kam ihn ein wenig Ablenkung seitens Licinus nur allzu gelegen.
    "Nach dir Marcus. Ich hoffe, dass der Wein auch was kann." entgegnete der Iunier und wartete darauf dass sein Kamerad voranschritt.

  • Es war die Erinnerung seiner Vergangenheit, die wie ein Echo schallte und immer wieder im Dunkeln seiner Abgründe strahlte. Es war dieser Moment, indem er sich nur überlebend fühlte. Er hatte überlebt aber nicht gelebt. Mit dem Bösen auf seinen Schultern und dem Echo in seinem Herzen. Schatten brannten den Ruhm nieder, den er sich selbst geben wollte. Er war kein Held, niemals gewesen und nicht einmal ein guter Überlebender. Er war ein Fremder in dieser Welt, der nicht besser konnte. Er war nicht besser. Lügen war in ihm gewesen, standen schützend um ihn, doch waren sie nur Lügen, deren schützende Macht ängstlich machte. Verus hatte Angst. Diese Schande ließ ihn brechen, während er einsam, verlassen von seinen Lügen, mit Leben vor den Vorgesetzten stand. Sie sprachen nicht mit ihm. Eine Rede wurde gehalten, eine Erklärung und Urteil bekannt gegeben aber nicht gesprochen. Niemand sprach hier, außer Ängste und Gewalt. Verus fühlte das Gewicht seines Lebens. Er fühlte das Böse, welches ihm gefolgt war und lauernd auf seinen Schultern lag, die unter der Erschöpfung litten. Verdiente er Besseres? Verdiente er mehr als dieses Leben? Sicherlich nicht. Es gab nicht mehr und doch war dort Veränderung. In Idun. In seiner Luna. Dennoch wollte die Vergangenheit kein Vergessen schenken. Er erinnerte sich an jenen Brief, den seine verflossene Frau ihm geschrieben hatte. Auch sie liebte etwas an ihm, doch dies war er nicht mehr. Er hatte sich geschworen seine Calena nicht zu vergessen. Hatte es auch nicht aber sie stammte aus einer Welt, aus einer Zeit und einer Erfahrung, die er heute nicht mehr war. Verus wandelte sich und befreite sich aber musste dazu einstige Gedanken opfern. Der Brief war Hohn und Glanz gewesen. Er hatte ihm gezeigt, dass sie ihn nicht vergessen hatte aber auch offenbart, dass er nur Bedarf war. Bedarf, den man gelegentlich kontaktierte und man darstellte. Ein Objekt, eine Sache und ein Wesen ohne Seele. Erst mit Luna hatte er Dinge gesehen, gefühlt und erlebt, die ihn zu etwas Ganzem machten. Doch die Nacht konnte nicht enden. Seine seelische Nacht zog hinauf, umklammerte in dieser furchtbaren Angst sein Herz, welches nur Schande kannte. Verus wollte Römer sein, ein echter Verteidiger von Macht und Ordnung, doch am Ende war er nur ein Mensch mit einem viel zu schwachen Herzen. Der als Einziger, der Anwesenden, gegen seinen Wunsch handeln musste; der als Einziger, offen Gewalt übte, während andere sich in Regungen darstellten. Missfallen oder Gefallen zeigte sich in den Gesichtern; in Gesten und Bewegungen und doch hatte sie alle den Luxus ehrlich zu sein. Verus musste spielen, für die bösen Götter tanzen, die in Neid und Missgunst einen Preis vor Idun gestellt hatten. Liebe war frei und doch waren es die Menschen nicht. Wusste er nun, wer er war? Wusste er, was er wollte? Er wusste nur eines, dass er Idun wiedersehen musste. Sich erklären und hoffen, dass eines Tages diese Schande zerfallen würde, wie gerade seine Würde zerbrach. Der Centurio war nur noch ein Fremder. Er war sich selbst fremd geworden. Es war ein Fluch. Verus wusste nicht mehr, was er war und wofür er stand. Verus war in Liebe versunken, die ihn wütend machte. Nicht gegen Idun, sondern gegen die Welt. Je tiefer er sich fallen lassen wollte, umso größer war der Sturz durch das Tabu seiner Einsamkeit. Beide erbauten sich eine Festung aus Erinnerungen und deren Fantasien waren die Wachen. Die Allmacht war zu groß und doch so höflich grausam. Zürnend, um nicht unterzugehen, blickte sich Verus in die Menge um. Missgunst und Verachtung standen in seinem Gesicht, die sich nur spiegelten. Aus ihm heraus, wuchs diese Verachtung, die sich gegen ihn selbst richtete und nur so entkommen konnte. Diese Welt hatte keinen Platz für diese Festung und doch würde er sie verteidigen. Das war das Ende der Verstellung. Das Ende einer Vergangenheit. Verus hätte sterben sollen, wollte gestorben sein und doch war dort diese fließende Gewissheit, dass es nach diesem Überleben Hoffnung gab. Nur dieser Hauch Hoffnung, ließ ihn nicht in eine ewige Nacht fallen. Auch diese Nacht würde sich erhellen. Nur noch nicht jetzt. Schließlich kam der erlösende Befehle. Verus deutete auf seine Männer, zählte diese in Reihe ab und trat dann mit einem kurzen Befehl ab. Auf dem Weg hinaus, traten ihm zwei Germanen in den Weg, die sich zornig über ihn erhoben. Aggressiv schob er diese zur Seite und drohte mit einer Handbewegung. Er wollte fliehen von diesem Ort. Endlich ... seiner Schande entfliehen und weinen; frei weinen über seinen eigenen Verrat. Die Germanen machten schimpfend Platz, während Verus mit seiner Centurie in Richtung Lager abrückte.

  • Zitat

    Original von Decimus Duccius Verus
    [...] Er strich sich mit einer Hand über seinen Bart und schaute rüber zu seinem Vetter. "Beachtlich, dass das Volk Mogontiacums kein Mitleid mit den Gefangenen zeigt." Vor vielen Jahren wäre das sicher noch anders gewesen, aber die Menschen hatten es gut in Mogontiacum, waren glücklich und zufrieden. Sie hatten sich angepasst, sie waren romanisiert.


    Die Bestrafung viel hart für die Seherin aus, sodass Verus kurz seine Augenbrauen hob. Ob der hohen Anzahl der Peitschenhiebe war er durchaus überrascht. Der Centurio gab wirklich alles, um für Rom dieses Exempel zu statuieren. Die Worte die er wählte waren hingegen das Standart-Programm, also nichts Besonderes.


    Was hingegen besonders war, war die Standhaftigkeit dieser Seherin. Sie nahm die Strafe hin und wurde nicht ohnmächtig, wie es so viele bei den extremen Schmerzen durch die schnellenden Peitschenhiebe wurden. Gerade wollte Verus seinen Vetter anstoßen, da merkte er, wie sich einige in der Menge hinknieten. Es war fast schon eine Gruppendynamik, die von einem Punkt in der Menge ausging. Der Flamen ließ seine Blicke streifen, wo war seine Tochter? Nach einigen Momenten hatte ihr Vater sie gefunden, sie kniete ebenfalls. Am liebsten wäre Verus die Kinnlade runtergefallen, aber er hielt sich zurück und nahm es hin, immerhin stand er hier zusammen mit anderen Würdenträgern. Das konnte doch wohl nicht ihr Ernst sein? Nachdem sie seinen Klienten Helvetius Curio geheiratet hatte, war es relativ ruhig um ihre Beziehung zu den germanischen Göttern geworden, sie hatte sich nach und nach ihrer Rolle als römische Ehefrau und Hausherrin angepasst. Doch jetzt zeigte sie wieder alte Tendenzen. Als Tochter des Flamen Divi Augusti und Frau eines angehenden Pontifex konnte sie sich doch nicht wirklich für diese germanische Hexe hinknien! Verus behielt die Fassung, das würde aber ein Nachspiel haben...


    Witjon hatte die Rückkehr der Strafexpedition mit stoischer Ruhe beobachtet. Natürlich war auch er aufgeregt gewesen angesichts der großen Mannstärke, mit der die Einheiten aus Mogontiacum ausgerückt waren. Er hatte zunächst die Befürchtung gehabt, dass ein größer angelegter Überfall der Chatten stattgefunden hatte, weshalb er täglich auf Berichte wartete, nach denen auch kaiserliche Landgüter gebrandschatzt worden seien. Als Procurator Rationis Privatae wäre er dann auch beruflich persönlich involviert gewesen. Solche Berichte hatten ihn jedoch nicht erreicht und letztlich stellte sich heraus, dass es sich bei dem Überfall auf einen Beobachtungsposten am Limes wohl eher um ein bedeutungsloses Scharmützel gehandelt hatte.


    Dennoch hatte sich am Tag der Rückkehr der Soldaten eine beachtliche Menschenmenge auf dem Forum versammelt. Die Stimmung war seltsam aufgeheizt. Die Leute pöbelten herum, schimpften zunächst auf die Gefangenen. Dann jedoch wurde die Seherin zur Bestrafung geführt und die Stimmung kippte. Stirnrunzelnd verfolgte Witjon die Auspeitschung der Frau. Ein mulmiges Gefühl erfüllte dabei seine Magengegend. War es richtig, eine Seherin derart zu bestrafen? Wenn es denn stimmte, dass sie eine Seherin war. Der Centurio jedenfalls kannte keine Gnade.
    "Allerdings", entgegnete Witjon auf den Kommentar seinen Vetters. "Sie scheinen zu vergessen, dass die Stämme jenseits des Limes nicht selten auch aus der Not heraus Raubzüge auf die linke Rhenusseite führen. Der vergangene Winter war hart..."


    Und dann stockte Witjon kurzzeitig der Atem. Einige Leute knieten plötzlich nieder, unter ihnen auch Runa. Ungläubig beobachtete er die Szenerie. Was sollte das nun werden? "Was tut Runa da unten?", fragte Witjon seinen Vetter ungläubig. "Hat sie immer noch nichts gelernt?" Pfeifend sauste die Peitsche durch die Luft, dann endlich wurde es still, als der letzte Schlag ausgeführt worden war. Die Bestrafung hatte ein Ende gefunden, das Martyrium der Seherin allerdings nicht. Der Centurio brandmarkte die Frau nun auch noch. Witjon verzog angewidert das Gesicht. Derart öffentlich zur Schau gestellte Menschenfeindlichkeit widerte ihn an. Er akzeptierte zwar harte Bestrafungen von Straftätern zur Abschreckung anderer. Aber dies hier war eine Strafe ohne Richterspruch, ohne erkennbare rechtliche Grundlage.
    Erleichtert atmete er auf, als die Seherin - nunmehr Sklavin des Centurios - weggeschleift wurde und der Legatus Iuridicus das Schicksal der anderen Gefangenen verkündete. "Bedauernswerte Kerle", raunte Witjon seinem Vetter zu. Er wollte nicht mit den Männern tauschen, die nunmehr ihres sicheren Todes harrten.

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