Die Elenden - Einmal Abgrund und zurück

  • Als Apollinaris die Augen schloss, tat Nero das auch. Der Wein wog tonnenschwer in seinem Kopf, so dass nicht mehr so viel Platz für dunkle Gedanken war. Erst recht nicht, seit sein Freund die letzte freie Hirnkapazität mit so netten Worten füllte. Nero fühlte sich das erste Mal seit langer Zeit geborgen. Vielleicht das erste Mal überhaupt.


    "Ich bin auch froh, dass du da bist. So machen wir das, Apo ... schlaf gut."

  • Nero wachte wie üblich nur darum auf, weil er dringend auf den Nachttopf musste. Das war das Einzige, was ihn noch regelmäßig aus dem Bett zu treiben vermochte. Nachdem das erledigt war, öffnete er das kleine Fenster und die kalte Winterluft fuhr in die Stube. Das Feuer war erloschen, aber die Asche noch heiß. Nero streckte den Kopf nach draußen. Eine dünne Schneedecke lag auf den Dächern, Holzterrassen und Wegen. Kinder bewarfen sich gegenseitig mit Schneebällen.


    Wichtiger aber war: Es war dem Sonnenstand nach zu Urteilen irgendwann gegen Mittag. Nero hätte längst zu Hause sein müssen. Sein Vater würde toben. Nero goss den Nachttopf aus dem Fenster aus.


    Als genug Frischluft im Raum war, sodass man wieder atmen konnte, schloss er das Fenster und kuschelte sich zurück ins Bett.

  • Apollinaris wachte auf, da die Luft im Raum frisch aber kalt wurde. Er schaute sich nach Nero um. Sein Freund leerte gerade den Nachttopf aus dem Fenster, was Apo grinsen ließ. Wem dieser Morgengruss auf den Kopf fiel, der würde seinen Spaß haben. Einen Augenblick später schloss Nero das Fenster und gesellte sich wieder zu ihm ins Bett. Apo hielt die Decke hoch, damit Nero drunter schlüpfen konnte und deckte sie beide wieder warm zu.


    "Hast Du heute etwas vor, oder wollen wir den heutigen Tag gemütlich im Bett verbringen? Etwas zu Essen können wir uns später unten aus der Taberna holen. Und wir könnten so in aller Ruhe überlegen, was Du nun tun möchtest. Möchtest Du zu Deinem Vater zurückkehren, oder versuchen wir es wirklich bei Deinem Onkel in Germania?", fragte Apo und drückte sich an Nero, damit sie es schön warm hatten.

  • Nero fühlte sich unwohl, weil er nüchtern war. All sein Scheitern wurde ihm erneut bewusst, all seine Schändlichkeit und sein Unwillen, irgendetwas daran zu ändern. Zudem war es ihm mit einem Mal peinlich, dass er und Apollinaris im selben Bett schliefen, sogar unter einer gemeinsamen Decke. Im Rausch waren Nero diese Dinge angenehm gleichgültig. Doch jetzt war er voller Unsicherheit.


    "Ich ... ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich möchte, Apo."


    Gestern war ihm sein Plan, nach Germania zu reisen, um Onkel Nepos zu besuchen und all sein Elend hinter sich zu lassen, hervorragend erschienen. Jetzt wollte er sich unter der Bettdecke verkriechen bis die Sonne unterging und dann weitertrinken.

  • Apollinaris musterte seinen Freund, der schlagartig nicht mehr wusste wie er sich verhalten sollte. Er schien peinlich berührt und stammelte eine Antwort vor sich hin.


    "Nero wir sind Freunde, Du musst Dir keine Sorgen machen. Schau Du hast bis jetzt den ganzen Tag verschlafen und die Nacht zum Tag gemacht. Du bist Dein Leben lang vor Deinem Vater geflohen, ohne jemals wirklich dabei einen Fuß vor die Tür zu setzen. Du bist nicht davongelaufen, sondern Du hast die Flucht in die Amphore angetreten. Du hast Dich im Rausch versteckt und das findet gerade sein Ende. Jedenfalls hoffe ich das für Dich, leicht wird so etwas nicht. Es heißt zwar, im Wein liegt Wahrheit, aber ich sage Dir in der Nüchternheit liegt Klarheit. Und genau das benötigst Du jetzt, einen klaren Kopf.


    Du hast Dir bis dato noch nie Gedanken um Deine Zukunft gemacht und was aus Dir werden soll. Woher solltest Du das innerhalb eines Augenblicks wissen? Du weißt nicht was Du möchtest, dass ist doch schon einmal ein Anfang. Denn damit haben wir eine Aufgabe, wir müssen herausfinden was Du möchtest. Nicht alles ist so verzweifelt, wie es auf den ersten Blick scheint. Und gleich was geschieht Nero, Du bist nicht mehr alleine, ich bin hier und ich bleibe hier.


    Drum versuche Dich noch etwas auszuruhen oder ein bisschen zu entspannen. Sobald Du Dich bereit fühlst, werden wir uns ein Frühstück gönnen und dann in aller Ruhe gemeinsam überlegen, wie es weitergehen könnte. Hab jetzt keine Angst vor der eigenen Courage", munterte Apo seinen Freund auf.

  • Benötigte er wirklich einen klaren Kopf? Nero hatte das Gefühl, dieser Zustand würde ihn vernichten. Er legte sich auf den Rücken und presste die Handballen auf die schmerzende Stirn. Jede Variante seiner Zukunft wirkte schrecklich. Ob er nach Hause zurückkehrte oder in die Fremde zog, was machte es für einen Unterschied? Jeder Tag brachte ihn dem Tod ein Stück näher. Er warf die Hände nach unten auf die Decke und starrte nach oben, wo gerade eine Spinne einen Riss im Putz mit ihrem Netz verschönerte. Für Apollinaris tat er, als würde es ihm besser gehen und nickte.


    "Ich bin noch nie verreist. Ich weiß gar nicht, was man mitnehmen muss und wo man unterwegs schläft. Am Ende werden wir überfallen."


    Auf der einen Seite wollte er nur noch fort aus der Villa, die ihm nie ein zu Hause war, in dem sein Vater jeden Tag das Abbild seiner toten Mutter anstarrte, tief in Gedanken versunken. Vielleicht hasste er ihn, weil er ihr ähnlich sah.


    "Deine Familie ist in Cappadocia. Was machst du ganz allein in Rom? Hattest du nie Zweifel, ob du nicht doch besser zu Hause geblieben wärst?"

  • Apo drückte Nero fest an sich und schüttelte den Kopf.


    "Das ist auch für mich meine erste Reise und dann gleich Rom. Tja Rom das Machtzentrum des Imperiums, was ich hier soll? Meiner Familie Ansehen und Ruhm bringen, nur wie ich das anstellen soll, dass hat mir keiner verraten. Da muss ich wohl selbst durch. Nun Zweifel ob ich lieber Zuhause bleiben soll, hatte ich ehrlich gesagt nicht. Aber ich sage Dir was im Vertrauen Nero, ich hatte genauso viel Angst wie Freude. Also ich kann Dir gar nicht sagen was überwogen hat. Das hat sich von Tag zu Tag stets gewandelt. Mal überwog die Freude, mal die Angst vor dem was mich in Rom wohl erwartet.


    Ich denke so ist es immer, wenn man sich auf etwas völlig Neues einlässt. Drum mach Dir da keine Sorgen, Du bist nicht allein. Ich bin an Deiner Seite und stehe Dir bei und wenn Du Angst hast, kannst Du mir das sagen. Ich hatte sie auch", flüsterte Apollinaris.

  • Nero ließ zu, dass Apollinaris ihn an sich heranzog, als wäre er eine große hässliche Puppe. Er sehnte sich so nach Zuneigung, dass er die wenigen Brocken, die ihm manchmal hingeworfen wurden, alle nahm, gleich von wem sie stammten. Da er weder schön noch charismatisch war und von zich Sklaven und Leibwächtern abgeschirmt war, wenn er die Zeichen seines Standes trug, sodass auch der Wohlstand und Name seiner Familie nicht als Lockmittel taugte, geschah es selten, dass jemand sich seiner annahm. Meist übersah man den bleichen, pickligen jungen Mann mit dem weichen Körperbau einfach. Jetzt hielt er ganz still und sog die Nähe in sich auf wie trockener Erdboden den Sommerregen. Lange wagte er nicht, sich zu bewegen oder etwas zu sagen, aus Angst, dass Apollinaris ihn plötzlich wieder losließ.


    "Vielleicht kann ich dir helfen", sagte er schließlich ganz langsam und leise. "Bei deiner Karriere. Das meinst du doch? Anders sind Ruhm und Ansehen nicht möglich. Ich habe selber keine Karriere gemacht, aber der Name meiner Familie könnte dir trotzdem als Türöffner helfen. Wenn ich Vater frage, setzt er dir vielleicht ein Empfehlungsschreiben auf."


    Vater fragen. Nero rutschte das Herz bis hinab zu den Füßen. Er drehte sich in die Umarmung seines einzigen Freundes außer den Zwillingen hinein. Bei dem Gedanken, mit einer Bitte an Aemilius Lepidus heranzutreten, bekam er Herzrasen.

  • Apo schüttelte den Kopf und hielt Nero weiterhin fest.


    "Nein das meine ich nicht Nero. Ich bin nicht mit Dir befreundet, damit Du Dich um meine Karriere kümmerst und ein gutes Wort bei Deinem Vater einlegst. Das könntest Du vermuten, aber Deine Vermutung ist falsch. Du bist mein Freund und wir beide sind hier in der Taberna, da Du ein Problem mit Deinem Vater hast. Du hast ein Problem mit Deinem gesamten Leben. Es geht hier um Dich und nicht um mich. Wir kümmern uns beide um unsere Namen, ganz ohne Väter Nero. Wir stehen einander bei und werden es auch gemeinsam schaffen. Nein ich möchte nicht, dass Du mit Deinem Vater sprichst. Gerade jetzt nicht, dass ist das Letzte was Du gebrauchen kannst", antwortete Apollinaris ruhig und genoss die Ruhe am Morgen.


    Das Nero derart dachte, war traurig genug. Aber vermutlich kannte er es nur, dass andere Personen rein für ihren Vorteil Kontakt mit ihm suchten. Darum ging es Apo nicht und das würde auch Nero irgendwann begreifen. Kurzum, dass es jemanden gab, der ihn wirklich mochte.

  • Erleichterung beschwichtigte das aufgebrachte Gemüt Neros. Sein Körper entspannte sich und er legte einen Arm über Apollinaris. Es war nicht so, dass er annahm, nun seinen Vater nicht mehr fragen zu müssen, doch ward ihm das Gefühl einer Gnadenfrist gegeben. Es musste nicht jetzt stattfinden, nicht heute.


    "Wir schaffen das schon", sagte er aufmunternd, ohne auch nur im Mindesten zu meinen, was er sagte. Er wollte einfach, dass sie noch ein wenig zusammen hier liegen blieben, ehe er zurück zur Villa Aemilia musste. "Du weißt, was man benötigt an Gepäck. Was braucht man, wenn man eine Reise unternimmt? Was hast du alles aus deiner Heimat mitgenommen, als du nach Roma gekommen bist?"

  • "Geld und einen langen Atem Nero, dass ist alles was Du benötigst. Ob wir es schaffen wird sich zeigen, so können wir uns am Ende wenigstens sagen wir haben es versucht. Wir werden uns durchschlagen, wir werden unterwegs einige Jobs annehmen und so unsere Kasse aufbessern. Nebenbei lernt man so durch Leute wieder Leute kennen. Hört hier und dort was es für Neuigkeiten gibt und ist immer auf dem Laufenden. Denn auch das wird oft gesucht, kleine und große Informationen gegen bare Münze. Du wirst sehen, das Leben hinter der Mauer Deines Hauses hat mehr zu bieten als Du glaubst.


    Einfach wird es nicht, aber das war es bei Dir Zuhause schließlich auch nicht. Es wird Zeit, dass Du Deinen Kopf und Dein Leben auslüftest. Du bist hier und das ist der Anfang Deiner persönlichen Reise", antwortete Apo grinsend und streckte sich.

  • Nero blieb liegen wie ein Stein, während Apollinaris sich räkelte und so vielleicht signalisierte, dass er aufstehen wollte. Unter die warme Decke, die sie sich teilten, zog ein Strom kalter Luft. Nero bekam eine Gänsehaut. Die weißblonden, fast unsichtbaren Härchen stellten sich auf seinen Armen und Beinen auf. Weil er die Sklavenschar verabscheute, war sein Körperhaar nicht gezupft. Er wollte sie nicht so nah an sich heranlassen; außerdem tat das Zupfen weh. Nur beim Gesicht, den Zähnen und den Nägeln ließ er sich widerwillig helfen.


    "Willst du schon aufstehen und die Sachen packen?", erkundigte Nero sich. "Hast du viel Gepäck?"

  • Apollinaris schaute Nero an und kam zur Ruhe. Die Frage beinhaltete mehr von Nero, als den Wunsch zu erfahren ob sie aufbrechen würden. Und mit dem Gepäck waren sicher nicht seine sieben Sachen gemeint. Man sagte den Tucci nach, dass sie Schlangen waren und die Schlange war ihr Zeichen. Er schien eine Mamba zu sein, denn der Legende nach bewachte sie sowohl ihre Eier als auch ihre Jungen.


    Nero hatte Angst ihr kleines Nest zu verlassen, wäre es nach ihm gegangen hätten sie vermutlich den Rest ihres Lebens in diesem Bett verbringen können. Eng aneinander geschmiegt. Nero hatte alles und doch hatte er nichts. Er war im eigenen Leben nur ein Störfaktor, niemand wollte den jungen Mann bei sich haben. Während seiner Geburt hatte er die Mutter verloren und seinen Vater gleich mit. Sein Verbrechen war es gewesen, geboren worden zu sein. Hätte man Nero gefragt, wäre er sicher der Erste gewesen, der seiner Mutter das Leben gewünscht hätte. Aber so konnte Nero nur hoffen und warten. Nur worauf sollte er hoffen? Das sich eines Tages sein Vater besinnen würde und ihm nicht mehr stillschweigend für einen Mord anklagte, den Nero nicht begangen hatte?


    Er hatte so viel nachzuholen, dass er hier wie Blei im Bett liegen bleiben wollte. Keiner wollte Nero das geben was ein Kind brauchte - Nähe und Liebe. Und so lag er hier, hoffte auf eine Besserung und auf eine Reise. Aber jene Reise die Nero tatsächlich nötig hatte, konnte Apo ihm nicht liefern. Die Reise in das Herz seines Vaters.


    "Wir haben alle Zeit der Welt, mein Gepäck ist leicht Nero. Aber Du reist mit unheimlich schwerem Gepäck. Sag einfach Bescheid, wenn Du Dich abreisebereit fühlst", beantwortete Apollinaris jene Frage die Nero tatsächlich gestellt hatte.

  • Nero atmete langsam und lange aus. Ein Lächeln trat auf sein pickliges Gesicht, während sein Körper erschlaffte. Das erste Mal seit sehr langer Zeit war er entspannt und glücklich. Er hatte das Gefühl, dass Apollinaris ihn verstand und ob seiner Art nicht verabscheute, sondern ihn mochte. Er wollte scheinbar noch nicht einmal dafür bezahlt werden. Nero würde ihn trotzdem bezahlen, sicher war sicher, er wollte seinen Freund nicht verlieren.


    "Wenn wir ausgeschlafen haben holen wir mein Gepäck und dann reisen wir los."


    Nero schloss die Augen. Er würde keineswegs schlafen, er würde genießen, dass sie hier lagen, den Frieden und die Wärme in sich aufnehmen, die von Apollinaris ausgingen.

  • Apo grinste zu Nero rüber. Nero lächelte und er fühlte sich tiefenentspannt an. Endlich kam er etwas runter und konnte locker lassen. Sein Freund war verspannt bis in die Haarspitzen, aber wer konnte es ihm verdenken? Er war ständig in Alarmbereitschaft und diese betäubte er mit Wein. Eine Kombination, die es in sich hatte. Nero war erfüllt mit Trauer. Er trauerte um eine Mutter, dass Leben das er hätte führen können aber ihm nicht gewährt wurde und letztendlich um sich selbst. Denn sich selbst hatte er vor langer Zeit verloren. Möglicherweise hatte er sich selbst sogar niemals besessen. Es schmerzte Apollinaris, zu sehen wie es Nero erging. Er hoffte er konnte seinem Freund beistehen und ihn aus dem Sumpf ziehen, den Nero sein Leben schimpfte. Wohin er ihn auch zog, dass war gleich, wichtig war nur, dass er festen Boden unter die Füße bekam. Der Rest würde sich richten, aber zuerst musste er raus aus dem Morast.


    "Na schau, das erste Mal dass ich Dich wirklich lächeln sehe. Ein kleiner aber wichtiger Schritt. So machen wir es. Wir lassen es ganz gemütlich angehen und besorgen uns unterwegs auch etwas Proviant. Am besten getrocknete Früchte, harten Käse und etwas Brot", erzählte Apo.

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