Der Wildgarten der Villa Duccia

  • Hinter der Villa war naturbelassene Teil des Latifundiums angelegt worden: der Wildgarten. Dieser stellte nicht nur einen Ort der Erholung dar, sondern bildete auch das rituelle Zentrum der Wolfrikssippe, deren Mitglieder immer noch oft ihren germanischen Riten folgten, die sie hier ausübten. Im Mittelpunkt des Wildgartens lag ein Weiher, über einen kleinen Wasserfall gespeist von dem Bach, der das Grundstück durchfloss, der Heimat mehrerer heimischer Fischarten war.

  • Mit langen Schritten ging Hadamar zu dem Teich, der im Wildgarten lag. Auch hier war alles leicht mit Schnee überzogen, wenig, aber genug, dass er ganz leicht unter seinen Schritten knirschte. Am Teich angekommen, hielt er für einen Moment inne. Das Gewässer war noch nicht komplett von einer Eisschicht überzogen, aber am Rand, dort, was das Wasser seicht war, hatte sich bereits eine dünne, glitzernde Fläche gebildet, die mit den kommenden Tagen und Wochen beständig nach innen und unten wachsen würde.


    Hadamar holte tief Luft, so tief, dass es beinahe einem Seufzer glich, als er die Luft langsam wieder ausließ. Das Fest war schön, absolut. Es tat gut, Gäste hier in der Villa zu sehen, so wie früher. Es tat gut, mal wieder mit vielen Menschen zu feiern. Gleichzeitig hatte er aber auch den ganzen Abend nie komplett das Gefühl abschütteln können, das etwas nicht so ganz... passte. Dabei wusste er noch nicht mal sicher, woran es genau lag: daran, dass er es einfach nicht mehr gewohnt war nach den vergangenen Jahren, Jul nicht alleine, sondern überhaupt mit anderen zu feiern – oder nicht doch eher daran, dass einfach ein paar Menschen fehlten, die hier sein sollten. Dass er an diesem Abend mehr als einmal als der Gastgeber benannt worden war, vornehmlich von den Angehörigen des Exercitus, mit denen er ins Gespräch gekommen war, hatte es nicht gerade besser gemacht. Als er sich von Eldrid, Witjon und Audaod vor Jahren verabschiedet hatte, war er felsenfest davon ausgegangen, sie wiederzusehen. Und Alrik könnte er zwar wiedersehen, es wären ja nur ein paar Schritte ins Haus hinein zu dem Krankenzimmer, in dem er lag, aber... wirklich da war auch er nicht. Das erste Samhain, nachdem im vergangenen Jahr gleich drei Duccii gestorben waren, hatte bei ihm schon einiges aufgewirbelt, jetzt hier zu sein, in der Villa Duccia, bei einem Fest, ohne sie, das... nun ja. Anders gesagt: er war gerade froh, dass er im Castellum lebte und hier nur hin und wieder zu Besuch war. Es war einfacher, alles einfach irgendwo in sich zu vergraben und den Deckel draufzumachen, wenn er nicht ständig an dem Ort war, an dem an allen Ecken und Enden Erinnerungen lauerten. Er fragte sich, wie die anderen das machten, und wollte es dann doch im Grunde gar nicht wissen.


    Das jedenfalls, dieses ganz leichte Unwohlsein, hatte dazu geführt, dass er mal ein paar Momente für sich brauchte, abseits der Menge, und weshalb er sich in einem passenden Augenblick unauffällig entfernt hatte, um im Garten ein bisschen für sich sein zu können. Mit einem diesmal tatsächlichen Seufzen ging er in die Hocke und tastete mit den Fingern nach den Steinen, die am Ufer verstreut lagen, bis er zwei, drei gefunden hatte, die flach genug waren, dass man sie über das Wasser flitzen lassen konnte, als er hinter sich jemanden kommen hörte. Der jahrelange Dienst in der Legio hatte dazu geführt, dass er diesen Teil, der immer und stets aufmerksam und selbst im Schlaf noch wachsam war, auch an einem Abend wie diesem hier nicht abstellen konnte, und so bemerkte er das leichte Knirschen des Schnees recht früh. Aufmerksam sah er in die Richtung, aus der er die Schritte hörte, während er sich langsam wieder aufrichtete.

  • Eigentlich hatte Octavena die Saturnalienfeier in der Villa dieses Jahr bisher wirklich genossen. Es gefiel ihr, das Haus voller Leute zu haben, und abgesehen von ein paar Ausnahmen, die sich nie ganz vermeiden ließen, hatte sie sich auch gefreut, eine ganze Reihe Leute wiederzusehen, die sie länger nicht mehr getroffen hatte. Selbst die vereinzelten Beileidsbekundungen, die ihr noch immer ab und zu von dem einen oder anderen Gast ausgesprochen wurden, hatten ihre Stimmung nicht trüben können. Sie hatte sich vorgenommen, diesen Abend zu genießen und stur, wie sie sein konnte, tat sie das dann auch. Aber dann hatte sie irgendwann einen Moment innegehalten, um ihren Blick ein weiteres Mal über die Gäste gleiten zu lassen, und hatte mit einem Mal doch wieder auf eine Weise an Witjon denken müssen, die ihr dann doch einen Stich versetzt hatte. Dieses Fest hätte ihm gefallen. Zu sehen, wie Familie und Freunde versammelt waren, lachten und tranken, das wäre genau in seinem Sinn gewesen. Und nur für den Bruchteil einer Sekunde wäre es so leicht gewesen, sich vorzustellen, dass er doch noch im nächsten Moment um die Ecke kam und sich unter die Gäste mischte. Das war albern und müßig, das wusste Octavena, aber noch in dem Augenblick, in dem ihr der Gedanke durch den Kopf geschossen war, hatte sie wieder ein tiefes Gefühl von Wehmut in sich aufsteigen fühlen. Dabei hatte sie sich das wahrscheinlich einfach nur sich selbst zuzuschreiben. Sie hatte zu sehr versucht, es zu forcieren, zu viel von sich verlangt, als sie versucht hatte, sich heute Abend ihre eigenen Sorgen ein Stück weit selbst zu verbieten. Natürlich war klar gewesen, dass sich das früher oder später rächen würde, selbst wenn es nur in Form dieser merkwürdigen Melancholie war, die ihr in den letzten Monaten nur allzu vertraut geworden war. Und gerade weil ihr dieses Gefühl inzwischen so vertraut war, wusste sie auch sehr genau, dass diese Stimmung das letzte war, was auf die Feier heute Abend gehörte. Das war ihr Problem und damit würde sie ganz sicher niemandem die gute Laune verderben. Am allerwenigsten ihren Kindern und dem Rest der Familie, die sich alle diesen schönen Abend genauso sehr wie sie verdient hatten.


    Statt also zu versuchen, diesen Moment der Melancholie einfach wegzulächeln, wie sie es sonst manchmal tat, hatte Octavena sich entschuldigt, um sich ein zusätzliches Tuch gegen die Kälte aus dem Haus zu holen und war dann statt zu den Feiernden zurückzukehren in Richtung Garten verschwunden. Die Ruhe dort erschien ihr gerade genau richtig, um ihre Gedanken wieder zu sammeln und sich dann wieder unter die Gäste zu mischen, ehe jemand ihre Abwesenheit bemerken würde. Tatsächlich fühlte sie sich schon in der Sekunde ein wenig besser, als sie in sicherer Entfernung vom Haus das erste Mal zum Stehen kam und innehielt, um einmal tief ein und auszuatmen. Eigentlich war es für Octavenas Geschmack viel zu kalt, wie immer während dieser verfluchten germanischen Winter, mit denen sie sich einfach nicht anfreunden konnte, aber die kühle Luft genauso wie die Einsamkeit des Gartens sorgten trotzdem dafür, dass sie sich direkt wieder etwas entspannte. Nur dass sie schon im nächsten Moment feststellte, dass sie eben nicht allein war. Eine Gestalt kauerte weiter vorne am Teich und kurz runzelte Octavena die Stirn bis sie die Silhouette schließlich erkannte. Hadamar. Sie wusste nicht so richtig, warum, aber irgendwie war das niemand, den sie gerade jetzt hier erwartet hätte. Andererseits hatte sie ohnehin nicht damit gerechnet, irgendwem hier draußen zu begegnen, von daher hieß das vermutlich nicht viel. Einen Augenblick lang überlegte sie, einfach wieder kehrt zu machen, und ihn in Ruhe zu lassen - wahrscheinlich war er ja mit einem ähnlichen Gedanken wie sie hierhergekommen - doch dann richtete er sich auf und ihr wurde klar, dass er sie ohnehin schon bemerkt hatte, und sie verwarf die Idee direkt wieder.


    "Ich bin also doch nicht die Einzige, die es gerade von der Feier wegzieht." Octavena lächelte ein wenig schief, als sie langsam näher trat, und zog sich dabei ihr Tuch etwas enger um die Schultern. "Hast du genug vom Trubel?"

  • Seine Finger spielten leicht mit den zwei Steinen, die er schon aufgehoben gehabt hatte, drehten sie leicht hin und her und strichen über die kalte, glatte Oberfläche, während er darauf wartete, dass die Gestalt sich näherte. Die Silhouette war die einer Frau, mehr konnte er noch nicht ausmachen gegen den Widerschein der Lichter, die vom vorderen Eingang der Villa kamen. Für einen Augenblick schien es ihm, als zögere sie, als würde sie gleich wieder umdrehen und gehen, und so beschloss er erst mal nichts zu sagen – wer auch immer hierher kam, während das Julfest vorne noch in vollem Gang war, hatte seinen Grund, und der war höchstwahrscheinlich: ein bisschen Abstand. Ein bisschen Ruhe. Er war sich selbst unsicher, ob er was dagegen hatte oder nicht, wenn sich jetzt jemand zu ihm gesellte, und die Person wollte es vielleicht definitiv nicht. Wenn er jetzt aber etwas sagte, dann gebot es die Höflichkeit, dass sie zumindest auf ein paar Worte kam, und die Entscheidung wollte er ihr überlassen.


    Am Ende kam sie dann doch – und entpuppte sich als Octavena. Hadamar lächelte leicht, als er sie erkannte. „Nein, offenbar nicht.“ Es war nicht unbedingt überraschend, dass sie das Bedürfnis hatte sich zurückzuziehen. Sie alle hatten unter den Verlusten zu leiden, die sie getroffen hatten. Dagny merkte er es noch am ehesten an, bei Octavena war es eher so, dass er es sich denken konnte – Dagmar dagegen war noch weit zurückgezogener als er es in Erinnerung hatte, und seine Brüder... die schienen sich in Arbeit zu vergraben, und er argwöhnte, dass auch das eine Reaktion auf die Verluste war.


    „Ja... naja.“ Er versuchte sich an einem Grinsen, aber es wurde schief, und verblasste recht schnell wieder. „Es ist seltsam. Ich hab die letzten Jahre jedes unserer traditionellen Feste allein, oder höchstens mit Tariq, gefeiert. Und gerade bei Festen wie Jul, die dafür gedacht sind sie in großer Runde gemeinsam zu feiern, war es jedes Mal so... merkwürdig, allein zu sein. Und jetzt, wo ich bei so nem Fest endlich nicht mehr allein bin, und auch nicht mehr in der Fremde, ist es... immer noch merkwürdig.“ Er zuckte etwas hilflos die Achseln. „Ich bin’s scheint’s nicht mehr gewöhnt.“ Und es fehlten Menschen. Hadamar schloss kurz die Augen, wandte sich dann zu dem Weiher und ließ einen Stein über die Wasseroberfläche flippen. Er versuchte ihm mit dem Blick zu folgen, aber es war bei weitem nicht genug Licht da um zu sehen, wie oft er aufsprang, bevor er schließlich versank. „Und es fehlen einfach ein paar“, murmelte er, fast ohne es zu wollen, räusperte sich dann und sah wieder zu Octavena. Sie zu fragen, ob sie umgekehrt auch genug hatte, war ein Fettnäpfchen, das sogar er auf Anhieb sah. Stattdessen versicherte er also, weil er ja wusste, dass sie den größten Anteil an der Organisation gehabt hatte: „Aber es ist wirklich eine schöne Feier. Da passt alles, das hast du toll gemacht.“

  • Das Gefühl der Überforderung bei so vielen Menschen konnte Octavena wenigstens vage nachvollziehen. Oder wenigstens leuchtete es ihr ein, gerade vor dem Hintergrund, dass sie selbst, die sie vor ihrer Heirat nie viel Familie gehabt oder in einem wirklich großen Haushalt gelebt hatte, ein wenig gebraucht hatte, bis sie sich richtig an diese Feiern gewöhnt hatte. Auch wenn beides nicht ganz vergleichbar war, was ein Grund war, warum sie sich hütete, die Bemerkung mit mehr als einem langsamen Nicken zu kommentieren statt eine letztlich doch inhaltsleere Antwort zu geben, die am Ende nur einen wunden Punkt traf. Der andere Grund war der, den Hadamar im nächsten Moment auch schon selbst aussprach. Dass zwischen seinem Fortgang und seiner Rückkehr die Familie eben gleich mehrere ihrer Mitglieder verloren hatte. Für Octavena mochte Witjons Tod der sein, der am schwersten wog, aber sie war nicht naiv oder blind genug, um nicht zu sehen, dass sie definitiv nicht die Einzige war, die noch immer an ihrer Trauer zu knabbern hatte.


    Bei dem Kompliment über die Feier dagegen lachte Octavena dann leise. "Danke", erwiderte sie und nun zuckte doch ein ehrlich selbstironisches Lächeln um ihre Mundwinkel. "Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das wirklich so sehr meine Leistung war oder ob ich nur alle anderen verrückt gemacht habe, aber es freut mich, dass dir das Ergebnis gefällt." Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, so zu tun, als ob ihr nicht klar war, dass sie es bei den Vorbereitungen wenigstens teilweise übertrieben hatte. Es war es ohnehin gut möglich, dass seine Geschwister ihm längst gesteckt hatten, dass Octavena sie zum Teil ziemlich herumgescheucht hatte. Oder es wenigstens versucht hatte. Außerdem war dieses Fest auch vollkommen unabhängig davon wirklich nicht allein Octavenas Leistung. So wie Weniges seit dem Frühjahr allein ihre Leistung war. Und langsam, aber sicher kam sie auch an den Punkt, an dem sie damit ihren Frieden machte, ganz egal, wie schwer ihr das manchmal gefallen war und noch immer fiel. Wenigstens bei manchen Dingen. "Aber es ist schön, mal wieder so viele Gäste hier zu haben. Dafür war es wirklich mal wieder Zeit." Sie seufzte tief und verzog kurz das Gesicht, entschied sich dann aber dazu, nicht künstlich um den heißen Brei herumzureden. Es brachte ja doch nichts, die Tatsachen kaschieren zu wollen, wenn sie so offensichtlich auf der Hand lagen. "Es war eben kein einfaches Jahr. Für keinen von uns. Endlich mal wieder ein großes Fest zu feiern, tut da glaube ich uns allen ganz gut." Nun war sie es, die einen Moment lang auf den Teich vor ihnen starrte, teilweise, weil es einfacher war, über diese Dinge zu reden, wenn sie niemanden direkt ansah. "Irgendwie und irgendwann muss es ja doch weitergehen."


    Octavena meinte das auch genau so, wie sie es sagte. Wenn es etwas gab, das sie über die Jahre gelernt hatte, dann das, dass das Leben immer unaufhaltsam fortlief, im Guten wie im Schlechten. Und so wie bald die Tage wieder länger und die Nächte kürzer werden würden, so würde Octavena sich auch wieder fangen, genauso wie alle anderen auch. Zumindest glaubte sie das. Ein bisschen war sie selbst ohnehin schon dabei, auch wenn das noch Zeit brauchen würde. Aber früher oder später würden auf die Toten auch wieder Hochzeiten und Geburten und alles Mögliche an anderen schönen Ereignissen folgen. So wie immer. Bei dem Gedanken musste sie wieder lächeln und drehte dann den Kopf, um Hadamar anzusehen. "Tariq ist übrigens ein lieber Junge", wechselte sie dann das Thema, weg von den Toten und hin zu den Lebenden. "Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob ich ganz verstehe, wie du ihn eingesammelt und davon überzeugt hast, nach Germanien zu kommen, aber Farold ist absolut begeistert von ihm." Ihr Tonfall, als sie das sagte, war ehrlich amüsiert, aber dahinter verbarg sich genauso ehrliche Erleichterung. Wie immer, wenn sie daran erinnert wurde, wie ungefiltert neugierig und begeistert ihr Sohn sein konnte. Und wer es schaffte, diese Begeisterung bei Farold - oder Ildrun, aber die ließ sich inzwischen nicht mehr so leicht um den Finger wickeln wie ihr Bruder - auslösen konnte, der hatte sowieso auch bei Octavena einen Stein im Brett.

  • Hadamar stimmte in ihr leises Lachen mit ein. „Selbst wenn du alle verrückt gemacht hast, es hat funktioniert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Manchmal muss man dafür einfach alles rausholen was man hat.“ Was bei solchen Festen in der Regel ja immer gemacht wurde – und was einer der Gründe war, warum Hadamar ganz froh war, mit seinem Dienst in der Legio die perfekte Ausrede zu haben, leider, leider nicht mitmachen zu können. Es war nicht – mehr – die Arbeit, die er scheute, sondern das gefühlte Hin und Her, das mit der Organisation solcher Feiern oft einher ging, zumindest so wie er sich daran erinnerte. Heute war ihm klar, dass zumindest ein Teil daran lag, dass sich während der Organisation auch die Planung weiter entwickelte, und man dann einfach umdisponieren musste, aber früher war ihm das einfach nur auf die Nerven gegangen. Vor allem, wenn man bereits etwas erledigt hatte, was dann doch anders gemacht werden sollte. Wie das für das heutige Julfest gewesen war, konnte er nicht beurteilen, aber wenn Octavena selbst schon andeutete vielleicht etwas übertrieben zu haben, dann war er erst recht froh, außen vor gewesen zu sein. Aber wie er gesagt hatte: das Ergebnis konnte sich sehen lassen.


    „Ja“, meinte Hadamar schlicht bei ihren folgenden Worten, und das konnte er auch aus vollem Herzen. Es mochte ihm im Moment ein bisschen zu viel sein, all die Leute, aber grundsätzlich fand er es sehr schön, endlich wieder hier und mit Leuten zu feiern. „Es tut mir leid, dass ich nicht da war. Es gibt wahrscheinlich nichts, was ich hätte tun können, aber...“ Er zuckte etwas hilflos mit den Achseln. Er wusste selbst, dass er keine Möglichkeit gehabt hatte. Trotzdem wäre er gern hier gewesen, genauso wie er gern in Rom bei seiner Schwester gewesen wäre. Er warf Octavena einen Blick von der Seite zu und sah, wie sie auf den Weiher starrte, und für einen Moment hatte er den Impuls, sie zu berühren, und sei es nur mit einer Hand auf der Schulter, um sie zu trösten. Aber er tat es nicht. Er war sich nicht sicher, ob es richtig wäre. Ob sie das überhaupt wollte. Er war nicht nur das letzte Jahr fortgewesen, sondern jahrelang, und hier angekommen musste er erst mal seinen Platz innerhalb des Familiengefüges wieder finden. Neu finden, eigentlich, denn dass es nicht derselbe war, den er vor Jahren gehabt hatte, das war so ziemlich das einzige, was er mit Sicherheit sagen konnte. Und dann war da immer noch diese leise Stimme in ihm, die sagte, dass es sich nicht gehörte. Weil ein Teil von ihm immer noch an ihr erstes Treffen dachte. Er räusperte sich. „Aber du hast Recht. Ich hab zumindest den Eindruck, dass es allen ganz gut tut. Und was wäre besser geeignet als Jul, wenn die Tage wieder länger werden, um es weitergehen zu lassen?“


    Den Themenwechsel nahm er dankbar an – auch wenn sie gerade davon gesprochen hatten, dass es weitergehen musste und sollte, fiel ihm das im Moment nicht ganz leicht. Was nicht zuletzt daran lag, dass er das letzte Jahr im Grunde damit verbracht hatte, den Verlust einfach zu verdrängen, was zugegebenermaßen auch recht simpel gewesen war, so fern von allem. Erst Samhain hatte das geändert... und jetzt wieder in der Heimat zu sein sorgte dafür, dass er sich umso schwerer dagegen wehren konnte, jedenfalls wenn er hier war, in der Villa Duccia. „Wie ich ihn eingesammelt hab...“ Er lachte erneut leise, und freute sich, dass Octavena und Farold Tariq zu mögen schienen. „Ich hab ihn vor... vier, fünf Jahren oder so kennengelernt, ich war noch nicht allzu lange in Cappadocia. Ich musste nach Caesarea, hatte was zu erledigen, und da... war er. Straßenjunge, hatte keine Eltern, keinen der sich um ihn gekümmert hat, ich meine: richtig gekümmert, ohne Hintergedanken, ohne ihn auszunutzen.“ Mehr als so anzudeuten, dass Tariq gestohlen hatte damals, war unnötig, fand er. Es war Vergangenheit, und zudem war es nicht Tariqs Schuld gewesen. Erwachsene hatten ihn auf Diebeszüge geschickt. Er hatte nur versucht zu überleben. „Ich kann dir nicht mal sagen, warum ich ihn mitgenommen hab.“ Da war die Angst, die Verzweiflung in Tariqs Blick gewesen. Dazu eine Art von... Ergebenheit in sein Schicksal, so als wäre das etwas, womit er sich schon länger abgefunden hatte, dass sein Leben diese Wendung nehmen würde. Das bei einem Jungen zu sehen, der damals durch Unterernährung und das Leben auf der Straße so aussah als hätte er noch nicht die etwa zwölf Sommer gesehen, die er wohl schon erlebt hatte, hatte etwas gerührt in Hadamar, etwas, das vernehmlich in ihm kundzutun begann, dass das einfach falsch war. Dass ein Kind, das keine Wahl hatte, so was nicht verdient hatte. Und zugleich war da dieser Mut, einen Centurio beklauen zu wollen. Diese Dreistigkeit, in der er sich selbst wieder erkannte, auch wenn der Straßenjunge von damals kaum sonst was gemein hatte mit dem Jungen, der er selbst gewesen war. Und dann war da noch die Tatsache, dass dem Kleinen eine Lektion erteilt werden musste. Er hatte versucht einen Centurio zu beklauen, da musste eine Reaktion erfolgen, schon aus Prinzip. „Es hat nicht den einen Grund gegeben, da hat mehr zusammengespielt. Ich hab ihn jedenfalls mitgenommen, hab ihn bei einem Freund in Satala untergebracht, hab mich um ihn gekümmert. Und er ist geblieben.“ Jetzt lächelte Hadamar ein bisschen versonnen. „Und als ich ihn gefragt hab, ob er mitkommt, hat er ja gesagt.“ Gefragt. Gefragt war eigentlich das falsche Wort. Er hatte nicht wirklich gefragt, er hatte ihm an den Kopf geklatscht, dass er wollte Tariq solle mit nach Germanien. Hadamar musste lachen. „Ehrlich gesagt war’s weniger eine Frage, mehr eine Aufforderung. Ich wollte, dass er mitkommt, und ich war verdammt froh, dass er auch mitkommen wollte. Er ist so was wie ein kleiner Bruder geworden für mich, ich hätt ihn ungern allein zurückgelassen. Es freut mich wahnsinnig, dass ihr ihn so aufgenommen habt.“

  • "Das ehrt dich", erwiderte Octavena sanft, als Hadamar sich entschuldigte, nicht da gewesen zu sein, und warf ihm ein kleines, aber ehrlich gemeintes Lächeln zu. Er hatte natürlich recht, dass es ziemlich sicher nichts gegeben hätte, was er hätte tun können, und tatsächlich war seine Abwesenheit ja auch nicht einmal seine Schuld gewesen. Trotzdem hatten seine Worte etwas überraschend Tröstliches. Vielleicht auch nur, weil nach den Beileidsbekundungen der letzten Monate jemand stattdessen wenigstens sagte, dass er gerne etwas getan hätte, statt sie nur mit diesem nett gemeinten, mitleidigen Blick zu bedenken, den sie inzwischen fast schon hasste. Weil er für Octavena immer wenigstens implizierte, dass sie hilflos war. Und ganz egal, wie viel ihr in den letzten Monaten immer wieder entglitten war und wie viele Baustellen sie nach wie vor noch nicht einmal angeschaut hatte: Hilflos war sie nicht. Sie hatte viel mehr in den letzten Monaten einfach stur weitergemacht und dabei mehr als eine bittere Pille still geschluckt. Weil andere sich auf sie verlassen und sie gebraucht hatten, allen voran ihre Kinder. Sie hatte sich durch das alles sicher nicht durchgebissen, um dann als hilflos angesehen zu werden, nur weil ihr Mann tot war. "Und wir kommen alle schon wieder richtig auf die Füße. Manches braucht einfach Zeit."


    Als Hadamar von Tariq erzählte, verwandelte sich das Lächeln, das sich vorher schon auf Octavenas Lippen ausgebreitet hatte, nun in ein maximal halbherzig unterdrücktes Grinsen. Man merkte ihm an, dass er sehr an dem Jungen hing, und Octavena stellte fest, dass sie fand, dass ihm das Verantwortungsbewusstsein, das da durchschimmerte, gut zu Gesicht stand. Eigentlich war es absurd, aber es machte ihr in diesem Moment zugleich zum ersten Mal so richtig bewusst, wie lange er weg gewesen war. Nicht dass sie sich je nahe gestanden hätten, aber ein wenig verband sie mit Hadamar immer noch den jungen Kerl, den sie damals auf dem Markt getroffen hatte. Der zwar definitiv charmant und sehr gut darin gewesen war, sie um den Finger zu wickeln, der aber auch eigentlich vom ersten Moment an Ärger bedeutet hatte, auch wenn sie das in der Situation damals nicht begriffen hatte. Das war ihr erst viel später klar geworden, jung und naiv wie sie gewesen war, als sie damals in Mogontiacum angekommen war. Ihr eigener Horizont damals hatte im Grunde kaum mehr als drei Schritte weiter gereicht, obwohl sie natürlich davon überzeugt gewesen war, dass das nicht stimmte. Für Octavena hatte sich das eigentlich erst so richtig mit Ildruns Geburt verändert, weil Ildrun alles verändert hatte, aber Hadamar jetzt dabei zuzuhören, wie er davon erzählte, dass er sich um Tariq gekümmert hatte, erinnerte sie auch ein wenig daran, dass sie nicht die Einzige war, die über die Jahre erwachsen geworden war.


    Sie stimmte leise in sein Lachen ein und zupfte erneut ihr Tuch wieder zurecht, dieses Mal aber nicht mehr gegen die Kälte oder aus einem Impuls heraus, sich wie zum Schutz selbst möglichst fest in den Stoff einzuwickeln, sondern einfach nur um es bequemer zu haben. "Ach, er hat es uns leicht gemacht, ihn aufzunehmen", erwiderte sie dann entspannt. "Er hat Farold auf dem richtigen Fuß erwischt, damit hatte er eigentlich schon fast gewonnen. Kinder machen es oft leichter, eine Verbindung zu den Erwachsenen um sie herum aufzubauen. Und ich bin ja selber nur froh, dass Farold Tariq mag und wieder jemanden mit seinen Fragen hat belagern können. Das tut ihm genauso gut und sonst gibt es hier selten noch irgendwen, dem er nicht schon tausend Löcher in den Bauch gefragt hat."

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