Die Zelle von Calvus & Frau | Römisches Ehepaar unter Christenverdacht

  • Doppelzelle

    CP-II

    Gaius Trebatius Calvus & Frau


    Als Gaius Trebatius Calvus und seine Frau eintraten, fanden sie die Zelle gerade so dimensioniert, dass sie beide sich darin aufhalten konnten. Wenn einer sich in den Strohhaufen legte, konnte der andere davor ein paar Schritte auf und ab gehen. Lagen sie beide, blieb kein Platz. Die Notdurft würden sie fortan in ein kleines Loch im Boden verrichten, das in einer stinkenden Sickergrube endete, anstatt in die Kanalisation zu führen.


    Da sie beide Römer waren, konnten sie vielleicht hoffen, anständiger behandelt zu werden als der Rest der Gefangenen. Vielleicht aber auch nicht. Was in den Tiefen des Carcers geschah, konnte für immer vergessen gemacht werden.

  • Einen entsetzten Augenblick lang stockte Calvus als sie die Zelle betraten. Aber sie hatten keine Wahl. Die Prätorianer waren zwar nicht grob, aber sehr bestimmt. Außerdem musste er stark sein. Früher war immer Caeca die Starke gewesen. Sie hatte alle Schwierigkeiten in die Hand genommen. Sie hatte ihn unterstützt. Ihm den Rücken freigehalten. Ohne sie wäre das Geschäft schon längst pleite gegangen. Das Geschäft! Die Bäckerei! Wer würde sich darum kümmern? Wer würde am frühen Morgen Brote backen? Wer würde sie auf dem Markt verkaufen?


    Egal. Calvus musste sich jetzt um seine Frau kümmern. Denn Caeca war nur noch ein zitterndes Nervenbündel. Behutsam führte er sie zu dem Strohhaufen und setzte sich gemeinsam mit ihr auf den Boden. Er hielt sie fest in den Armen während sie hemmungslos schluchzte.


    "Shht" versuchte er sie zu beruhigen. "Der Herr hält noch immer seine schützende Hand über uns. Er wird nicht zulassen dass uns Leid geschieht. Denk nur an die vielen Geschichten. Die Philotima uns erzählt hat. Wie oft erschien es schon ausweglos. Doch der Herr hat es immer gerichtet!"

  • Die nur scheinbare Routine des Carcers traf auch die Eheleute. War ein Tag vorüber, wenn es wieder Nahrung und Wasser gab, oder zwei? Ein halber Tag? Die bewusste Unregelmäßigkeit zehrte an der zeitlichen Orientierung, zerstörte den Schlafrhythmus, förderte Stressreaktionen und Melancholie. Die Soldaten, welche die Lebendkontrollen durchführten und die Gefangenen versorgten, sprachen nicht mit ihnen. Es gab keinen Hohn, keine Beschimpfungen, keine rauen Worte. Es gab schlichtweg keine Reaktion, welche die Prätorianer als Individuen erscheinen ließe, nichts, was sie menschlich machte.


    Da war nur das schweigende Schwarz und die steinernen Mauern der Zelle, welche die Gefangenen von allem Lebendigen und Lebenswerten abschnitten. Ein Prätorianer verhielt sich wie der andere, es machte keinen Unterschied.


    Nach einem undefinierbaren Zeitraum war einer der Männer, welche die Lebendkontrolle durchführten, Stilo. Sein Gesicht schaute in der Dunkelheit durch die kleine Eisenklappe in der massiven Tür, um einzuschätzen, wie die Gefangenen sich inzwischen machten.

  • Wie viele Tage waren vergangen? Wie viele Stunden? Nicht einmal die Mahlzeiten konnten sie zählen! Caeca hatte geweint. Calvus hatte sie beruhigt. Dann hatte sie aufgehört. Und er war still geworden. Mit jeder Zeiteinheit (nur noch ein vages Gefühl) hatte Calvus seine Hoffnung verloren. Denn niemand kam um mit ihm zu sprechen. Kein Soldat. Kein Offizier. Kein Patron.


    Und mit jeder Zeiteinheit hatte Caeca sich ihres Glaubens besonnen. Als Calvus verstummte begann sie zu beten. Das Gebet wurde ihre neue Struktur. Sie hatte aufgehört zu zählen. Aber sie hörte nicht auf zu beten. Sie nahm Calvus Hände in ihre Hände. Und betete. Laut. Leise. Stumm. Aber unbeirrbar. Der Herr würde sie nicht vergessen. Der Herr würde es richten. Das hatte Gaius gesagt.


    Sie machte Calvus wahnsinnig. Sie verrotteten hier. Er hatte Hunger. Alle Knochen taten ihm weh. Aber es interessierte niemand. Nicht ihren Patron (wusste er es überhaupt?). Nicht die Gemeinde (Achatius hatte sie verraten und vergessen!). Und den Herrn auch nicht (wie konnte er seine Kinder hier verrotten lassen?). Sie waren keine Märtyrer. Wie würde der himmlische Richter da wohl richten (sie waren stets bemüht, aber hatten nichts für die Gemeinde getan)?


    "Herr, Herr, Herr! Wo ist Gott in unserer größten Not!?" brüllte er auf einmal seine Frau an die erschrocken zurück wich.

  • "Gott ist hier", sprach Stilo ernst und trat an das Gitter. Seine dunklen Augen musterten die beiden Gefangenen. "Ist alles zu eurer Zufriedenheit? Fühlt ihr euch wohl in meiner Obhut? Oder ist da ein Gebet, was ihr an mich richten möchtet ... auf dass ich es vielleicht erhöre."


    Fürwahr, er war heute in Spielstimmung. Das Verhör des Eudoxus hatte ihn erquickt und daran erinnert, dass dort unten ja noch viel mehr auf ihn warteten, die seiner Aufmerksamkeit bedurften. Das reguläre Personal des Carcers glänzte mal wieder durch Abwesenheit. Krankheit, Urlaub, Familiendramen, die üblichen Geschichten, die ihn nicht tangierten. Aber sein Platz war hier, inmitten seiner Soldaten. Er würde die Kameraden mit ihren ständigen Wehwehchen würdig vertreten.


    Er legte das Kinn in zwischen die Stäbe und schaute guter Dinge zu ihnen hinab, ein wenig erregt, doch er war ja kein Tier.

  • Calvus horchte auf. Gott hatte ihn erhört und war gekommen!


    Aber Caeca war schon aufgesprungen und an die Zellentür getreten. "Wage es nicht, den Namen des Herrn zu beschmutzen!" keifte sie. Wobei es mehr ein Krächzen war. Die Luft im Carcer war nicht sehr gut und bekam ihr nicht.


    Calvus, noch halb am Boden hockend, zerrte an ihrer Tunika. Zerrte sie zurück, so weit das in dem beengten Raum ging. Zerrte sich an ihr hoch. Schob sie weg. "Schweig, Weib!" verbot er ihr den Mund. Seine Neven lagen blank. Blank und angeraut. Wie in Säure getaucht.
    "Herr! Warum quälst du deine Kinder?" Er klammerte sich an das Türgitter und ignorierte seine Frau, die leise "Gaius, nicht!" zischte.
    "Warum lässt du uns hier verrotten? Warum hast du uns von der Welt gefegt bevor wir dein Werk ausführen konnten?" Sein Tonfall war weinerlich. Weinerlich und anklagend.

  • Stilo blinzelte entspannt durch die Gitter, als die Frau loskeifte. Ihr Mann indessen war entweder dem Wahnsinn anheim gefallen oder ein geschickter Schauspieler, der Stilos Wunsch nach Unterhaltung erkannt hatte und darauf einging. Er stellte sich etwas bequemer hin, die Abwechslung in allen Details genießend, wie ein Gourmet, der ein komplexes Menü in winzige Teile zerlegte, um es zur Gänze auszukosten.


    "Ich, der Herr diesen Ortes und vieler anderer, vereine in mir die Macht über Leben und Sterben. Ich kann eine Existenz binnen eines Wimpernschlages auslöschen und bin gleichsam fähig, neues Leben aus dem Nichts zu erschaffen, ohne dass es mich allzu viel Anstrengung kostet. Was anderes also könnte ich in deinen Augen sein, Trebatia Caeca, als ein Wesen göttlicher Natur?"


    Sich selbst als gottgleich darzustellen, fiel ihm nicht schwer. Er mochte sich selbst gut leiden und kannte nicht die Selbstzweifel, die andere umtrieben.


    Nun wandte er sich dem Manne zu. "Ihr müsst hier unten keineswegs verroten, Trebatius Calvus. Nur noch ein wenig ausharren. Geduld ist alles, was von dir verlangt wird, und verglichen mit dem Martyrium des Iudaeers ist das wenig mehr als Nichts. Ihr seid zu zweit, damit du dich davon überzeugen kannst, dass die Sittsamkeit deine Frau gewahrt bleibt, werdet nicht misshandelt, schlaft auf weichem Stroh, bekommt regelmäßig Nahrung und Wasser und habt sogar einen Prediger im gleichen Zellenblock." Womit der dicke Didi gemeint war, der unter dem Einfluss des Alkohols, den man ihm zusteckte, lautstark sein Organ vernehmen ließ. "Alle Ehren eines römischen Bürgers wurden euch zuteil. Woran also mangelt es dir?"


    Stilo gab den anderen beiden ein Zeichen, damit sie sich bereithielten. Dann öffnete er unvermittelt die Tür und stand nun genau vor dem Gefangenen als eine schwarze Silouette vor dem Licht der Laterne, die einer seiner beiden Milites trug.

  • Caecas Augen weiteten sich. Sie war hin und hergerissen zwischen Entsetzen, Empörung und Erstarrung. Am Ende gewannen Entsetzen und Erstarrung. Dieser Mann, dieser schwarze Teufel war ihr Verderben. Das spürte sie. Was natürlich nicht schwer war in ihrer Situation. Hier im dunklen Carcer. Den Prediger mit seinem unverständlichen und wirren Geschwurbel hielt sie für eine weitere Tortur der Prätorianer. Nie und nimmer hätte sie Molliculus vermutet.


    Calvus dagegen blinzelte. Ausharren. Geduld. Er wollte den Herrn um Freiheit bitten. Doch als die Tür sich öffnete stand der leibhaftige Fürst der Hölle vor ihm. Ein schwarzer Schemen inmitten von Schatten. Auch Calvus erstarrte. Er war nur ein einfacher Mann. Ein Bäcker. Nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Sein einziges Verbrechen war sein Glaube.

  • "Komm", befahl Stilo dem Mann, ohne irgendeine Erklärung zu geben. Ob Calvus nun eine Strafe erwartete für seine Klagen oder die fehlende Demut seiner Frau, oder irgendeine willkürliche Schikane, die aus der chronischen Langeweile der Prätorianer resultierte, die hier unten ihren Dienst versehen mussten, oder gar eine plötzliche Freilassung, weil irgendjemand ein Einsehen gehabt hatte - Calvus würde kaum erahnen können, was nun geschah.


    Oder vielleicht doch, falls er das morbide Spiel durchschaut hatte, die Regeln und das Muster, nach dem der selbsternannte Gott dieser Gemäuer vorging, um seine Gefangenen zu brechen.

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