Exedra - Gemütliches Beisammensitzen an der Feuerschale

  • Exedra


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    Von der gemütlichen Sitznische aus konnte man den Garten betrachten und geschützt auch bei Regenwetter an der frischen Luft beisammensitzen, einen Wein trinken und etwas essen.


    * * *


    Da es schon etwas kühl wurde, stellten die Sklaven eine breite Feuerschale dazu, die mit ihrem tiefen Glutbett angenehme Wärme verströmte. Die glühenden Kohlen hatten sie aus der Küche entnommen, sonst würde es zu lange dauern, bis die Wärme genügte. Auf dem Tisch standen verführerisch arrangierte Speisen bereit. Die gewünschten weichgekochten Eier in Honig* lagen in einer Schale, dazu gab es violett leuchtenden Getreidebrei mit gekochten Pflaumen. Wer wollte, konnte sich frisch geschlagene Sahne dazugeben oder mit Pfeffer, Salz und Honig nachwürzen. Auch eine Schale mit Feigen stand bereit, sowie ein Teller mit sanft geräucherten Schinkenstücken, falls jemand zwischendurch etwas Herzhaftes wünschte, das geschmacklich dazu passte.


    Sim-Off:

    *Rezept: In ovis apalis

  • Auf dem Weg zur Exedra erzählte ich.


    "Nun, ich war schon immer sehr neugierig. Als Kind wollte ich alles, wirklich alles wissen. Das hat sich zwar im Prinzip nicht geändert, doch die Herangehensweise ist eine andere geworden. Mit zwölf ging ich nach Alexandreia, ans Museion. Dort wurde ich zu einem Philosophen ausgebildet. Wo ich als Kind noch staunend all die Wunder der Welt zu ergründen suchte, analysiere ich sie jetzt mit kühler Logik. Die Fragen, die ich mir stelle, haben sich grundlegend geändert. Es ist belanglos, wer wann welche Statue gemacht hat. Es ist sogar belanglos, wie man so eine Statue macht. Mich interessiert eher die Frage, was das genau ist, dieser Marmor, dass man ihn so formen kann. Mich interessiert, was aus welchem Grund an genau diesem oder jenem Platz ist. Der Blick hat sich vom Großen auf das Kleine gelenkt, und doch erkenne ich erst so das Ganze. Stück für Stück. Der Logos, der Anfang von allem, das will ich verstehen. Und ich weiß, dass ich es nie verstehen werden. Der Weg ist das Ziel."


    Ich sah Seius Stilo an und nahm einen Schluck Wein. Ja, das war ein guter geharzter attischer Wein. Sehr gut. Kaum merklich nickte ich Terpander anerkennend zu.

  • "Alexandria. Davon haben wir in Satala immer geschwärmt, allerdings nicht wegen des Museion. Es war für uns das bessere Rom, weil es uns kulturell näher ist, verlockend in seinem Reichtum und seiner Sündigkeit, wärend wir in der Steppe verschimmelten. Wobei ich Kappadokien als meine Heimat liebe, während andere dorthin strafversetzt wurden. Trotzdem hätte ich damals gern einmal Alexandria besucht, viel lieber noch als Rom, und gespürt, wie man dort lebt."


    Stilo ließ sich in gewohnter Uneleganz in einem Sitzmöbel nieder. Er saß gern und viel, da er im Dienst genug rumlatschen musste und ihm die Füße schmerzten.


    "Was du zur Logik sagst, sind interessante Ansichten. Hat deine Neugier dir nie Probleme beschert, wenn du, sagen wir, die falschen Fragen stelltest oder durchs falsche Schlüsselloch geschaut hast? Und - was bringt es dir, zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind?" Er selbst hatte dazu seine eigenen Vorstellungen, wollte aber erstmal hören, was sein philosophischer Verwandter dazu zu sagen hatte.

  • "Alexandreia ist eine besondere Polis. Eine eigene Welt in der Welt. Und doch reicht sie nicht an Rom heran."


    Ich setzte mich ebenfalls.


    "Nie Probleme?" erwiderte ich mit einem Grinsen. "Ich glaube, wenn es einem nie Probleme bereitet, stellt man die falschen Fragen. Hin und wieder waren Diskussionen hitzig. Die Kunst besteht darin, niemals zu weit zu gehen. Das ist mir oft, aber nicht immer, gelungen. Am Museion ist das aber nicht tragisch. Dort soll es ja gerade keine Denkverbote geben. Doch was es mir bringt? Eine gute Frage. Die Götter haben mich mit diesen Fähigkeiten ausgestattet und mir die Möglichkeit gegeben, meinen Talenten zu folgen. Es wäre respektlos, sie nicht zu nutzen. Doch am Ende, ganz ehrlich, gefällt es mir, eine Erkenntnis als Erster zu gewinnen. Besser zu sein, klüger zu sein, als meine Mitstudenten. Ich messe mich nicht mit Waffen, aber mit Gedanken. Und meistens gewinne ich."


    Ich nippte an meinem Wein.


    "Und wie sieht es bei dir aus? Kappadokien ist deine Heimat, sagst du? Wie sieht es da aus? Ich kenne nur Städte. Eigentlich sogar nur Großstädte. Wie ist das Leben in der Steppe? Und was hat dich dazu bewogen, Soldat zu werden?"

  • Stilo nickte zum geistigen Kräftemessen. Das Gefühl kannte er, auch wenn er eher auf einer anderen Ebene spielte als jener der reinen Logik.


    "Und was möchtest du mit diesem logischen Denkvermögen anfangen? Es gibt ja sicher viele Bereiche, in denen das nützt. Hast du schon Pläne? Du wirst als Mann der Logik kaum nach Rom gereist sein, um dir bei Studien den Hintern platt zu sitzen, was in Alexandria oder Athen viel besser möglich wäre. Was Kappadokien betrifft ..."


    Stilo drehte das Glas in seinen Fingern. Er vermisste keinen einzigen Menschen, aber er vermisste bisweilen die alten Zeiten. Dann fühlte er sich alt, obwohl er die Dreißig noch nicht erreicht hatte.


    "In Kappadokien atmet die Erde Feuer. Vulkane schwelen überall, nicht alle sind als Berge zu erkennen. Nachts brennen die Feuergruben an den Hängen des Olympos, es riecht nach Schwefel und Rauch. In warmen, kreisrunden Kraterseen kann man das ganze Jahr über baden. Sonne und Wind haben das Land verbrannt und die Felsen zu Kegeln geschliffen, weich genug, um ohne viel Mühen Wohnhöhlen hineintreiben zu können. Darin findet so mancher Zuflucht, ehe er weiterzieht.


    Nomaden und Wilpferde durchstreifen die Steppe, Hirten und Räuber, Pilger und Einsiedler, wo er Orient den Okzident küsst. Die Spuren Babylons führen über den Taurus vom Euphrat zum Halys. Man trifft auf persische Stämme und parthische Händler, auf galatische Eunuchen und hellenische Lebensfreude, Tempel der alten urkappadokischen Wettergötter neben jenen der Griechen und Römer, genau so wie auf römische Bürokratie. Reisende aus Rom müssen sich oft erst daran gewöhnen, dass Koine die Landessprache ist und nicht Latein, und generell die Farbenfreude des Ostens dominiert."


    Er dachte an seinen Halbbruder Ravilla, der in Rom auffiel wie ein Paradiesvogel und sich jetzt in der Legio als vornehmer Exot vermutlich nicht sonderlich wohlfühlte. Stilo kreiste den Wein im Glas und trank noch einen Schluck.


    "Der ist gut", meinte Stilo ohne jede Fachkenntnis. Der Wein schmeckte ihm einfach.

  • "Was ich mit meiner Logik hier anfangen will? Nun, mein Vater war ein erfolgreicher Advocatus und Beamter. Zum Ende meiner Zeit in Alexandreia habe ich mich auch mit Gesetzen und deren Auslegung beschäftigt. Ich denke, dass ich in seine Fußstapfen treten werde. Ansonsten könnte ich mir auch einen Posten in der Wasserversorgung oder der Administration, vielleicht auch in der kaiserlichen Kanzlei, vorstellen. Zunächst möchte ich mir aber einen Namen als Advocatus machen. Das sollte den Rest erleichtern."


    Stilos Beschreibung von Kappadokien hörte sich interessant an. Es schien ein recht einzigartiger Landstrich zu sein.


    "Vielleicht sollte ich irgendwann einmal einen Posten in Kappadokien anstreben. Dass ich fließend Koine spreche, kannst du dir sicher denken. Allerdings beherrsche ich auch Babylonisch. Zumindest die Schriftsprache. Aber zuvor müsste ich einmal nach Attika und Athen sehen." Ich blickte auf mein Glas. "Übrigens die Heimat dieses Weins. Wenn du magst, kann ich die später welchen mitgeben."


    Ich hob mein Glas und nahm einen Schluck. Schlecht war er nicht, doch waren die anderen beiden Weine, die für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen waren, sogar noch besser.

  • "Babylonisch? Sieh an. Wozu braucht man denn Babylonisch? Koine ist da schon praktikabler, eigentlich ein Muss für jeden, wie ich finde, nicht nur im römischen Osten."


    Er nahm noch einen Schluck des Weines. "Zu einem Wein sage ich nicht Nein. Gern nehme ich eine Amphore mit, der mir bei dem Mistwetter die Füße und das Gemüt wärmen wird.


    Was deine Gedanken zu einem Posten in der fernen Zukunft betrifft: Kappadokien liebt man oder geht daran zugrunde. Wie es auch auf so manchen Menschen zutrifft. Man muss es selbst erlebt haben, um zu wissen, zu welcher Sorte Mensch man gehört. Mein Herz habe ich dort zurückgelassen, was vielleicht der Grundgedanke war, als man mich zu den Prätorianern berief.


    Ich begrüße deine beruflichen Ambitionen, auch wenn ich dabei kaum eine Unterstützung sein werde. Kann ich dir noch einen guten Rat für deine Zeit hier in Rom geben?"

  • "Babylonisch braucht man, um die Schriften zur Mathematik und Astronomie in der Sprache zu lesen. Übersetzungen verlieren immer etwas von ihrem Inhalt." Das war auch der einzige Grund, warum ich diese Sprache gelernt hatte.


    Den Wein würde ich ihn natürlich nicht allein tragen lassen, sondern einen Sklaven den Transport erledigen lassen.


    "Kappadokien müsste ich mir dann nochmal überlegen. Rom ist natürlich auch nicht schlecht, und mein Name würde hier auch schneller von den richtigen Personen gehört werden. Was mich zu deiner Frage bringt. Du kannst mir sicher mehr als einen Rat geben, aber das Wichtigste zuerst: Welche Personen würden einen brauchbaren Patron abgeben? Und von welchen sollte ich mich in dieser Hinsicht besser fernhalten?


    Und vielleicht noch diese Frage: Ihr habt doch sicher immer ein paar Gefangene in den Castra. Wenn es da mal zu einem öffentlichen Prozess kommen sollte, würde ich gerne eine Seite vertreten. Entweder als Unterstützung bei der Vorbereitung der Anklage, oder als Advocatus der Verteidigung. Vielleicht kannst du mich diesbezüglich vermitteln oder informieren?"


    Vielleicht war ich mit der Frage zu direkt gewesen. Vielleicht würde ich mich dort auch Aufmerksamkeit auf mich ziehen, die ich lieber nicht haben wollte. Ich hoffte einfach, dass mir Seius Stilo abraten würde, wenn er das für eine dumme Idee halten würde.

  • "Originaltexte zu verstehen, macht natürlich Sinn. Das ist auch für meine Arbeit wichtig. Aber daran, dass das auch auf Mathematik zutreffen könnte, hätte ich nicht getippt." Er ließ den Wein in seinem Becher kreisen.


    "Ich selbst habe hier noch keinen Patron. Aber unser Verwandter Iunius Caepio schwärmte von Lucius Annaeus Florus Minor. Auch mein Halbbruder Ravilla hat den Mann schon kennengelernt und wusste nichts Schlechtes zu berichten." Wobei Ravilla generell jemand war, der aufpassen musste, nicht auf seiner meterlangen Schleimspur auszurutschen. Der lobte jeden über den grünen Klee und kannte in seinem Überschwang kein Maß. Hoffentlich würden die Offiziere der Legio ihn zurechtstutzen.


    "Ja, ich denke, für deine gewünschten Karriereambitionen ist Annaeus der richtige Mann. Für eine Militärlaufbahn hätte ich dir hingegen eher empfohlen, mal bei Herius Claudius Menecrates vorzusprechen, dem Praefectus Urbi.


    Wirklich fernhalten musst du dich momentan von niemandem. Derzeit ist mir keine Giftspinne bekannt. Der Eine setzt halt die Schwerpunkte so und der andere so. Wen ich leiden mag, musst nicht auch du leiden mögen. Das kann sich natürlich ändern, die Politik ist niemals statisch, weil auch die Menschen es nicht sind."


    Er schaute die weichgekochten Eier an, deren Dotter verführerisch breitfloss. "Darf ich mich bedienen? Und klar, um dir einen Namen zu machen sind handfeste Referenzen der beste Weg. Sollte sich was ergeben, spreche ich gern meine Empfehlung für dich aus oder gebe dir einen Tipp, wann du dich deinerseits mal irgendwo vorstellen solltest. Allerdings bin ich selbst nur Optio und habe nicht wirklich viel bei den Cohortes Praetoriae zu melden. Es mag also nicht zwingend von Erfolg gekrönt sein. Wirklich ernst genommen wird man erst als Centurio und nennenswerten Einfluss haben nach meiner Einschätzung nur die Stabsoffiziere."

  • Ich notierte mir geistig den Namen 'Lucius Annaeus Florus Minor', nicht ahnend, dass mir später ein Freund die gleiche Person als Patron empfehlen würde.


    "Gerne darfst du dich bedienen. Es wäre schade, wenn die Eier nur als Dekoration Verwendung finden würden." Dabei grinste ich und nahm mir selbst ein Ei. "Das beste daran ist die Soße, finde ich."


    Dann kam ich aber wieder zurück zum Thema.


    "Ich danke dir für deine Empfehlungen und natürlich auch schonmal im Voraus dafür, dass du mich nicht vergessen wirst, wenn sich ein Fall für mich ergeben würde. Wenn ich mich in irgend einer Form einmal erkenntlich zeigen kann, weißt du ja, wo du mich findest.


    Gibt es sonst noch Dinge, die ich wissen sollte? Ich habe gehört, dass es Schmierereien an Tempeln gab. Normalerweise gebe ich ja nichts auf Gerüchte, aber wenn ich schon einmal einen Prätorianer zu Gast habe..." Ich zuckte entschuldigend mit den Schultern und nahm einen Schluck Wein.

  • Stilo ließ sich genüsslich eine der matschigen Eierhälften schmecken. "Das Beste ist das flüssige Eidotter", schmachtete er, vertilgte noch zwei weitere Hälften und lutschte sich erstmal die Finger ab, um nicht wie ein Gierschlund alles auf einmal zu essen. "Freundlich von dir, mich nicht zu vergessen. Aber mach dir nicht zu viele Gedanken um irgendwelche Schuldigkeiten. Dafür hat man Verwandte, wenn auch um hundert Ecken des Stammbaums."


    Die Eier glitzerten verführerisch, aber er nahm erstmal noch ein wenig Wein, um seinen Appetit höflich herunterzukämpfen.


    "Alles, was unter das Dienstgeheimnis fällt, muss natürlich dort verbleiben. Aber ich kann dir die Dinge mitteilen, die im allgemeinen Klatsch und Tratsch von Rom umgehen. Es gab nicht nur Schmierereien an den Tempeln, sondern üblen Vandalismus. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Gemeinhin spricht man von einer radikalen Splittergruppe dieser Christianer, die dafür verantwortlich sein sollen."


    Ob dem wirklich so war, durfte er im Moment weder bestätigen noch dementieren, weil es dazu bislang kein Urteil gab und auch keinen Befehl, eine bestimmte Stimmung zu säen, wie es auch zu den regulären Aufgaben der Prätorianer gehörte.


    "Gab es in deiner alten Heimat ähnliche Probleme?"

  • "Ähnliche Probleme?"


    Ich lachte.


    "Lass es mich so ausdrücken. In Alexandreia gibt es eine recht große Gemeinde der Judäer. Die haben einen recht seltsamen Glauben mit einem eklatanten Mangel an Göttern. Die haben nämlich nur einen. Dazu kommen dann noch Christianer. Aber es gibt nicht DIE Christianer. Nein, es gibt einige, die sich den Judäern zurechnen und andere, die sich von denen abgespalten haben. Und nochmal andere, und alle streiten sich untereinander und mit den Judäern und manchmal auch mit den vernünftigeren Menschen. Manche von diesen Christianern lehnen sogar Bildung ab. Ich habe sie von unauffällig bis radikal erlebt. Glücklicherweise haben Stadtwache und Legion die Polis gut genug unter Kontrolle, damit keine von diesen Christianergruppen Ärger macht. Übrigens haben Christianer auch einen eklatanten Mangel an Göttern. Die einen glauben nur an einen, wie die Judäer. Die anderen glauben, dass es in Wirklichkeit drei seien. Oder drei, die aber nur einer sind oder so einen Blödsinn. Wenn du mich fragst, sollte man sie alle auf eine Insel sperren und durch Experten untersuchen lassen. Man könnte sicher viel über Krankheiten des Geistes lernen."

  • "Ja, drum sprechen wir auch von einer radikalen Splittergruppe. Soll wohl auch andere geben, aber manche halten die Formulierung für unnötig." Ihm selbst waren bislang nur Fanatiker untergekommen, die sich in Rom scheinbar zusammenrotteten. Eine Entwicklung, die nicht nur ihm aufgefallen war und Anlass zur Sorge bot. Normalerweise müssten die Ermittlungen noch viel tiefgreifender sein. "Es gab in Alexandria also keinerlei Eskalationen? Es gab demnach auch keine Warnzeichen, die auf unerfreuliche Entwicklungen hinwiesen, weil es gar nicht so weit kam? Oder wurden diese nur zeitiger erkannt?"


    Wie diese merkwürdigen Holzfische, die sie sich um den Hals hängten - wer so ein Ding um den Hals trug, galt hier aufgrund der Ereignisse mittlerweile als überführt. Vielleicht gab es noch andere Kennzeichen dieser Fanatiker, an die sie gar nicht dachten, die aber Tacitus aus seiner Heimat kannte. Stilo fragte sich, ob die Milites aus Alexandria einfach besser aufgestellt waren, besondere Taktiken hatten oder ob sie schlichtweg nur wenige radikale Christianer in der Polis hatten, als sie hier in Rom ...


    "Ich hoffe, das klingt für eine gemütliche Cena nicht nach Verhör, die Neugier ist eine Berufskrankheit. Ich denke unentwegt über diese Dinge nach. Sie bereiten mir einiges Kopfzerbrechen."

  • Ich hörte mir die Fragen aufmerksam an. Bevor ich antwortete, nahm ich einen Schluck Wein.


    "Keine Sorge, ich empfinde es nicht als Verhör. Ich teile mein Wissen gerne mit dir. Vielleicht hilft es ja." Ich hätte jedem Prätorianer diese Fragen beantwortet. Das sah ich als Bürgerpflicht an. "Wir waren schon ein paar Mal nah an einer Eskalation, aber soweit ich das weiß, haben die Judäer der Stadtwache rechtzeitig Hinweise geben können. Oder es waren andere Splittergruppen der Christianer. Da bin ich mir nicht sicher. Auf jeden Fall stehen die Christianer in Alexandreia unter Beobachtung. Das gelingt meistens ganz gut, weil sie sich als Christianer zu erkennen geben. Sobald die Stadtwache nur den geringsten Verdacht hat, dass sich eine Splittergruppe radikalisiert, wird sofort eingegriffen und die Gruppe verhört. Wenn sich der Verdacht erhärtet, werden sie aus der Polis verbannt. Ich habe einmal an einem Rechtsgutachten zur Verbannung mitgeschrieben."

  • Divide et impera! Natürlich. Vielleicht war das der Schlüssel!


    Die Judäer hatten die Römer vor den Splittergruppen gewarnt. Was in Alexandria funktioniert hatte, mochte auch in Rom funktionieren. Ein recht konkretes Bild von dem, was zu tun war, erschien in seinem Kopf. Genauer - ein Gesicht. Nun war Stilo nur Optio, keiner der Planer hinter all den Aktionen der Prätorianer, nur ein Werkzeug. Doch stand es ihm frei, Vorschläge zu unterbreiten.


    "Interessant. Man mag von einer Situation durchaus auf die andere schließen können, wenn die Rahmenbedingungen sich ähneln. Es gibt klügere Männer als mich, die sich mit solchen Beobachtungen auskennen." Er würde jemanden konsultieren, doch jetzt futterte er noch drei oder vier Eihälften, die recht schnell in seinem Magen verschwanden, so dass er nicht genau nachzählte. Vielleicht waren es auch fünf.


    Wo blieb eigentlich dieser arschfaule Terpander, um ihm die klebrigen Finger abzuwaschen? Er blickte sich nach Scatos verwöhntem Sklaven um, fest entschlossen, keinen anderen Sklaven zu akzeptieren, von denen hier genug herumliefen, sondern nur genau diesen. Ihm ging es ums Prinzip. Die Masche des armen alten Mannes zog bei Stilo nicht.


    "Um was ging es denn bei diesem Rechtsgutachten? Ich bin eigentlich eher ein Freund der guten alten Arena, damit man garantiert Ruhe hat."

  • "Falls ich einen nützlichen Hinweis geben konnte, würde mich das freuen," sagte ich mit einem zufriedenen Lächeln.


    "Was das Rechtsgutachten anbetrifft, so ging es dort vor allem darum, ob es besser wäre, § 3 in Verbindung mit § 5 Absatz 2 Decretum Christianorum anzuwenden, oder ob man Hochverrat im Sinne von § 64 Codex Iuridicialis oder § 65 desselben Gesetzes bemühen sollte. Hochverrat wäre aber recht schwer zu beweisen gewesen, während Missionstätigkeit und allgemeine Gesetzesverstöße, vor allem gegen religiöse Gesetze - in diesem Fall der Polis Alexandreia - durchaus beweisbar waren. Allerdings hätte dann das Iudicium Imperatoris urteilen müssen. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, die Gesetze der Polis Alexandreia zu bemühen und die Störenfriede zu verbannen. Der Weg dürfte so in Rom nur schwer möglich sein. Allerdings gibt es hier die Möglichkeit der Klage vor dem Iudicium Imperatoris, die in Alexandreia unnötig kompliziert gewesen wäre und zu einer unangebrachten Verzögerung des Verfahrens geführt hätte."


    Ich hoffte, dass ich mich halbwegs verständlich ausgedrückt hatte. Die Materie war relativ komplex. In Rom wäre es einfacher, zumal hier keine Gesetze einer anderen Polis galten.

  • Der "arschfaule Terpander" hielt sich im Hintergrund, damit die Herren ungestört plaudern konnten. Er wollte sich nicht des unziemlichen Lauschens schuldig machen. Und ja, ein wenig ausruhen wollte er vielleicht auch. Als er Stilos Blick bemerkte, hielt er ihm eine Schale mit Zitronenwasser hin, die eigens für diesen Zweck gedacht war. Über seinem Arm hing ein trockenes Tuch, an dem Stilo sich bedienen konnte. Scheinbar schmeckten die Eier, es war nicht mehr viel übrig. Tacitus hingegen schien noch gar nichts gegessen zu haben, wie Terpander mit leichtem Unbehagen feststellte. Scheinbar würde er mit der Küche ein ernstes Gespräch führen müssen, da die dort beschäftigten Sklaven sich nicht ausreichend informiert hatten, wie es dem Herrn schmeckte.

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