Hortus - Ein Frühstück mit der Familie

  • Die Morgenstunden in der Villa Claudia


    Es war kein Morgen wie jeder andere, denn heute würden sie beim Frühstück Besuch haben. Das war Marcellus sofort nach dem Aufwachen wieder eingefallen und er hatte sich besonders ordentlich angezogen. Tante Romana kam ab und zu zu Besuch. Innerlich haderte Marcellus mit dem Morgen, legte dann aber noch einen Ring an welcher das Wappen der Claudia zeigte. Einige Familienmitglieder weilten derzeit außerhalb von Rom auf einem der Landsitze. Marcellus aber war hier geblieben weil es ihn nun doch endlich in die Politik zog. Da konnte er es sich nicht erlauben der ewigen Stadt fern zu bleiben. Seine liebe Schwester Livineia war ebenfalls hier, wobei "lieb" wohl eine Beschreibung für sie war, welche nur er als Bruder wählen würde.


    Von seinem Leibsklaven Theron ließ er sich beim Ankleiden helfen, danach sorgte er dafür dass seine üppigen Locken ordentlich lagen. Zuletzt schließlich verließ er sein Gemach und ging. Im Vorbeigehen, sah er dass im Garten bereits das Frühstück hergerichtet wurde. In prunkvollen Schalen türmte sich Obst, es gab Brot und andere Leckereien. Ziemlich üppig für gerade einmal drei Personen aber so war das im nobelsten Hause Roms.


    Ehe er sich nun aber selber in den Garten begeben würde, galt es die ehrwürdige Tante zu begrüßen. Er postierte sich also im Atrium, wo er Tante Romana gemeinsam mit seiner Schwester empfangen würde.

  • Draußen vor der Porta hielt eine Sänfte, getragen von zwei Pferden, eines hinten und eines vorne, an. Geführt wurde die Sänfte von einem jungen, nicht sehr ansehnlichen Liktor, der mit einem Rutenbündel in der Hand sich seinen Weg durch die vollen Straßen Roms gebahnt hatte. Der Sänfte entstieg zuerst eine Sklavin, ausgestattet mit Wachstafel und einem merkwürdig geistig abwesenden Gesichtsausdruck, und dann eine Frau, offensichtlich ihre Besitzerin.


    Sie war von bemerkenswert großer Statur, eingekleidet in der Tracht der Vestalinnen, das Haar kunstvoll zur voluminösen Haartracht der Vestalinnen, den seni crines, hochgesteckt. Ein blasses Gesicht, ein dünner Mund, eine aquiline Römernase, seelenvolle große Augen. Die Frau drehte ihre Schultern kurz, als ob sie regelrecht eingerostet wären, holte tief Atem, und betrat die Villa der Gens Claudia. Ihr Zuhause. Ihre Geburtsstätte. Claudia Romana war daheim angekommen.


    Es war schon einige Zeit her, dass sich Romana das letzte Mal in die Villa zurückbegeben hatte. Es war so viel passiert. Sie hatte sich zurückgezogen in die Arbeit, die im Atrium Vestae angefallen war, während die Welt draußen dich weitergedreht hatte. Ihr Freundeskreis, mühsam aufgebaut und heiß geliebt, hatte sich in die Winde verflogen. Geschätzte Freundinnen waren im Kinderbett verstorben, oder an der Grippe, oder einfach verschollen. Wie Germanica Calvena, welche seit dem Beginn des unseligen Bürgerkriegs niemand mehr gesehen hatte. Dies hatte ihr einen besonderen Schlag versetzt. Anders als sie hätten kaum zwei Frauen sein können, doch war sie ihre liebste und älteste Freundin gewesen. Viel zu viele Mitglieder ihrer Familie waren auch verstorben, oder in den Äther verschwunden, ganz als ob der Orcus selber sie verschluckt hätte.


    Die einzige ihrer Freundinnen aus dieser Zeit, die ihr wirklich geblieben waren, war Lartia Restituta, und das wohl weil sie ebenfalls Vestalin war, und sie sich jeden Tag sahen. Dieser Lebenswandel machte Romana zu einer effektiven, hingebungsvollen Vestalin, doch ein gesundes, ausgewogenes Leben sah anders aus. Kurz entschlossen hatte sie also einen Brief an die Villa gesandt, mit der „Vorwarnung“, dass sie in drei Tagen zum Frühstück erscheinen würde. Es galt auf jeden Fall, wieder einmal Familienbande zu pflegen.


    Nachdem sie durch die Türe ins Atrium eingetreten war, gefolgt von ihrer Leibsklavin und ihrem Liktor, erblickte sie sofort ihren Neffen Marcellus, und ihre Nichte Livineia. Ein freundliches Lächeln, reserviert für Familienmitglieder, die sich einige Zeit nicht mehr gesehen hatten, erschien auf ihrem Gesicht.


    „Salvete!“, machte sie als Begrüßung. Dies waren die Kinder von Galeo, dachte sie sich. Sie hatte gehofft ihren älteren Bruder in der Villa Claudia anzutreffen, doch jener war anscheinend leider nicht zugegen. Am Liebsten wäre ihr jedoch die Präsenz ihres Vaters gewesen, doch auch jener war anscheinend beschäftigt. Wie dem auch sei, sie trat auf Marcellus zu. Jener war ein groß gewachsener junger Mann, und damit in etwa gleich groß wie Romana. „Mein lieber Neffe!“, machte sie und gab ihm eine leichte Umarmung, bevor sie sich an Livineia wandte. „Livineia, wie schön, dich zu sehen“, sagte Romana mit ihrer charakteristischen dunklen Stimme in einem warmen Tonfall, und beugte sich runter, um auch ihr eine Umarmung anzugedeihen.

  • Livineia beanspruchte für sich eigentlich den Ruf, tadellos und unfehlbar zu sein. Eine wahre Dame des Patriziats, eine wahre Dame Roms. Insgeheim war ihr schon auch klar, dass allzu langes Verweilen im Bett in ihrem Stand zwar möglich, aber nicht besonders angemessen war. So zerrten an ihr zwei verschiedene Stimmen. Einmal die, die ihr ins Gewissen redete, dass Glaubwürdigkeit wichtiger war als Bequemlichkeit und dass sie ihren Arsch aus dem Bett kriegen sollte - eine Stimme, die durchaus in der Tonlage von Menecrates sprach. Dann war da noch die Stimme, die ihr erklärte, dass sie alles Recht dazu hatte, ihren geschundenen Kopf ein wenig auszuruhen und dass sie in ihrem Stand Tun und Lassen konnte, was auch immer sie wollte. Dass sie sich vor niemandem zu rechtfertigen hatte.
    Logischerweise war die zweite wesentlich bequemer. Nachdem sie also noch einmal eingeschlummert war, während sie ihr Gesicht wohlig in die Kissen sinken ließ, wurde sie irgendwann erneut von einer Sklavin geweckt. Diese erklärte ihr, dass ihre Tante Romana gleich eintreffen würde. Siedend heiß durchzuckte es sie und sie erhob sich. Wehmütig dachte sie an das bequeme Laken unter ihr, die angenehmen, dämmerigen Träume. Vor ihrer Tante wollte sie sich allerdings keine Blöße geben. Die war... ziemlich perfekt. Sie stand in der Öffentlichkeit, war von immenser Wichtigkeit für das rituelle Bestehen Roms und ein Beispiel, an dem auch Livineia nicht selten bemessen wurde. Ihr Stolz war zu groß, dass sie nun ausgerechnet deren Besuch verschlafen wollte. Sie schälte sich also aus dem Bett und ließ sich einkleiden und zurecht machen.

    Als sie eine halbe Stunde fertig war, kniff sie sich noch einmal in die Wangen um frischer zu werden, aber sie fühlte sich immer noch ein wenig vernebelt und müde. Ihre Schläfen drückten und ihre Augen brannten. Egal - der Besuch von Tante Romana war ein Anlass, der keinerlei Tranigkeit duldete. Livineia konnte, wenn sie wollte. Wenn ihr eigenes Ansehen ein Thema war, dann konnte sie sogar sehr gut.
    Mit der gewohnt unfreundlichen Mimik, die immer auf ihrem Gesicht lag wenn sie dieses neutral hielt, schritt sie an die Seite ihres Bruders.


    "Guten Morgen." begrüßte sie ihn und hatte dabei nicht die Tonlage, mit der man morgens gern liebevoll begrüßt wurde. Sie kniff ein wenig wehmütig die Augen zusammen. Sie war müde und hatte Kopfschmerzen, wie meistens. Das konnte Marcellus ruhig wissen. Da er sich zunehmend gleichgültiger zeigte, präsentierte sie ihr Leid nicht selten sogar noch ein wenig verstärkter. Es nervte sie unwahrscheinlich, dass es ihr schlecht ging und er das überhaupt nicht ernst nahm. Sie war eigentlich nur seinetwegen in Rom, für die Familie - und er scherte sich einen Dreck um sie!

    Ehe sie ihn allerdings weiterhin davon überzeugen konnte, wie stark ihre Schmerzen heute waren, vernahm sie von draußen Geräusche und sie nahm nun lieber Haltung an. Romana würde sich sicherlich wesentlich empathischer zeigen. Da kam sie, die strahlende, mustergültige, liebevolle, gütige, zuverlässige, supertolle Romana. Der Stern der Familie Claudia. Bei ihrem heiligen Leuchten musste sich Livineia fast die geblendeten Augen zuhalten. Ob sie wirklich so keusch war, wie alle meinten?


    "Liebe Romana!" sagte sie also mit sehr freundlicher Stimme, der die natürliche Wärme allerdings fehlte. Sie nahm diese zart in den Arm. Natürlich wurde erst der kleine Musterknabe gegrüßt, die große und letzte Hoffnung der jüngeren Generation der Claudier. Sie war ja ohnehin nur Beiwerk. Vielleicht schmückend, vor allem aber lästig. Wie eine schlecht sitzende stola. "Wie schön, dass du hier bist! Großvater konnte es leider nicht einrichten, hier zu sein, selbst wir sehen ihn kaum mehr in all seinem Schaffen. Vater ist in Etrurien." Und Livineia wäre eigentlich auch ganz gern dort - nur eben ohne jemanden, der sie morgens aus den Federn trat. Hier hatte sie es dahingehend noch am bequemsten.

  • Mit einem freundlichen Gesichtsausdruck begrüßte Marcellus seine stets übellaunige Schwester. Livineia litt an beinahe dauerhaften Kopfschmerzen und schien auch nicht besonders gut zu schlafen. Er konnte das Leiden seiner Schwester schon nachvollziehen, hatte aber dennoch keinerlei Ambitionen den lieben langen Tag lang besorgt und mitfühlend hinter ihr her zu rennen. Er hatte den Eindruck, dass Livineia ihre schlechte Laune inzwischen auch ein Stück weit zum Programm gemacht hatte.


    "Guten Morgen liebe Schwester." sagte er also gut gelaunt und betrachtete schmunzelnd die finsteren Augen Livineias. Danach wurde dann auch schon Romana angekündigt und Marcellus wandte seine Aufmerksamkeit dem Eingang zu. Romana war wirklich tadellos. Sie war eine Vestalin und genau diese Ausstrahlung trug sie auch mit sich. Sie wirkte rein, edel, sanftmütig und erhaben. Sie war in der Familie sehr beliebt und das nicht nur, weil sie durch ihre Berufung das Ansehen der Claudier auf einem hohen Niveau hielt.


    "Geliebte Tante, willkommen Zuhause." sagte Marcellus mit einer Stimme welche tatsächlich warm klang. Er erwiderte die Umarmung und überließ dann Livineia erst einmal das Wort.


    "Den größten Teil der Familie scheint es vermehrt aus Rom fort zu ziehen." fügte er dann noch an. Er selber hielt eigentlich gar nichts von Severus Augustus. Der Mann hatte keinerlei Anspruch auf die Kaiserwürde. Allerdings musste selbst ein Claudier mit solch einer Meinung lieber vorsichtig sein, denn seit den Tagen des Bürgerkrieges war man in Rom nicht gerade Tolerant was Kritik am Augustus anging.


    "Im Garten wartet ein Frühstück auf uns." meint Marcellus dann mit einer einladenden Geste. Immerhin, trotz aller politischen Umwälzungen, als Claudier konnte man sich ein Leben im absoluten Luxus erlauben. Das war vielleicht manches Mal mehr wert als politische Ambitionen. Dennoch - Marcellus strebte nach größerem.

  • Mustergültig war Romana nicht, und das wusste sie auch, dennoch, eine geringe Meinung von sich selber hatte sie nicht. Für eine Vestalin gehörte ein gewisses Selbstbewusstsein dazu. Es war ein Leben voller Pflichten, Privilegien, Sonderbarkeiten. Sie stand stark außerhalb dessen, was für eine römische Frau typisch war - die ewige Suche nach dem Ehemann, das Katzbuckeln unter demselben sobald man ihn gefunden hatte… das Gebären von Kindern. Üblich für eine Vestalin, die das Keuschheitsgebot gebrochen hatte, war das lebendige Begraben, doch eine viel größere Strafe als das würde es für sie sein, eine Schar von Kindern um sich hopsend zu haben, tagein, tagaus. Nicht, dass sie Kinder nicht mochte, es war nett, mit einem kleinen Neffen oder einer kleinen Nichte eine halbe Stunde herumzualbern, doch dann wurde es Zeit, selbige wieder den Eltern angedeihen zu lassen, denn danach war die Luft raus. Doch Romana würde nie freiwillig jemanden anvertrauen, dass dieser Aspekt die Jungfräulichkeit relativ wünschenswert machte. Es war ja nicht so, dass sie tadellos war. Sie hatte schon Männern hinterhergeschaut. Einige hatte ihr über einen längeren Zeitraum hinweg gefallen. Bei zwei oder drei hatte sie sich sogar vorgestellt, wie nett es sein würde, ihnen beizuliegen… Gefühle und Gedanken erlaubte sie sich, doch nie eine Reaktion darauf.


    Dass Romana ihren Neffen zuerst grüßte, war ein wenig mehr als nur zufällig. Sie war, instinktiv, ein Familientier – und ein Mann hatte in einer Familie einfach mehr wert als eine Frau. Es sei denn, jene Frau war Vestalin, doch selbst sie konnte ihre Karriere nur in eine Richtung lenken, dem Dienst an den Göttern. Marcellus standen Türe und Tore offen, auch wenn sie ihn für etwas unangetrieben hielt – darauf müsste sie noch zu sprechen kommen. Livineia hingegen, nun, sie war schon über 20 und noch nicht verheiratet. Jeder einzelne Tag, an den dieser Zustand andauerte, schmälerte ihren Wert für die Familie. Ein paar wenige Jahre nur noch, und Livineia musste sich auf ein Leben als alte Jungfer einstellen, und das ohne dass sie eine Vestalin wäre! Dass Galeo, der beste ihrer Brüder – Lucius war ein ungeliebter Nichtsnutz, und Marcus war leider allzu jung gestorben – da nichts vorantrieb, war enttäuschend, denn Romana hielt sich nicht für eine gute Kupplerin – doch lieber würde sie sich in diesem lächerlichen Handwerk versuchen als Livineia, und damit der Gens Claudia, solch einer Schande preiszugeben.


    „Euer Großvater ist nicht hier? Oh…“, machte Romana, und Betroffenheit schlich sich über ihr Gesicht. Sie verehrte ihren Vater – ihren biologischen Vater; die legale Fiktion, dass der Vater der Vestalinnen der Kaiser war, existierte zwar, doch würde er nie den Wert, den Menecrates in Romanas Herz hatte, schmälern. Für sie war er der edelste Mensch, den Rom je hervorgebracht hatte, und kein anderer Mann würde sich je an ihm messen können. Ein weiterer Grund, nie zu heiraten.


    „Ahh, Galeo ist bei unseren Großeltern, ich bin sicher dass sie sich über die Gesellschaft freuen!“, entgegnete sie freundlich zu Livineia, die ihre innere Genervtheit gut genug übertünchte, um sie vor ihrer Tante zu verstecken.


    „Das sehe ich“, versetzte sie, wiederum zu Marcellus, die Augenbrauen runzelnd. „Das sehe ich ja.“ Sie ließ ihren Blick über das Atrium wandern, mit seinen Säulen, Mosaiken und Statuen. Furchtbar überdimensioniert für zwei oder drei Claudier. Sie ließ ihren Blick senken, kurz in Gedanken vertieft über den Gang des Schicksals. War dies alles, was der Gens geblieben ist? Wo waren Kaiser Claudius und Tiberius? Sie schüttelte den Gedanken ab.


    „Frühstück! Welch wohltuendes Wort, gehen wir doch!“, lächelte Romana, mit wachsender Entschlossenheit, nicht weiterzumachen wie noch bis zu diesem Tag.

  • Möglicherweise - aber auch wirklich nur möglicherweise - war Livineia ein wenig überempfindlich. Einigermaßen mühsam verkniff sie sich ein genervtes Aufseufzen als Romana ihre Enttäuschung darüber verlauten ließ, dass Menecrates nicht zugegen war. Als wären Marcus und sie nur Gesellschaft zweiter oder dritter Wahl. Verstimmt im Inneren und noch immer neutral bis freundlich im Gesicht betrachtete sie weiterhin ihre Tante. Die wusste vermutlich gar nicht wie es sich anfühlte, wenn man zur Kategorie hochklassiger Luft gehörte. Als Vestalin war sie ja praktisch jeden Tag wichtig. Das Leben Romanas bot vermutlich nur Vorteile im Vergleich zu ihrem Eigenen. Sie hatte ein praktisch familiäres Verhältnis zum Kaiser, besaß die Liebe und Anerkennung praktisch jeden Römers und was musste sie dafür tun? Ihre Jungfräulichkeit behalten - was Livineia durchaus auch emsig tat, wenn auch nicht in einem so großen Ausmaß wie Romana - und aufpassen, dass das Feuer nicht erlosch. Popelkram. Sie hatte es einfach gut. Sie musste sich dafür nicht erklären, sie wurde dafür sogar bewundert. Und Livineia? Sie tat im Grunde dasselbe wie Romana, nur dass es keine Anerkennung fand, sondern Kritik.

    Das Schlimmste war ja, dass auch Livineia zwar eifersüchtig war, Romana aber trotzdem gut leiden konnte. Es war einfacher, einen Menschen zu hassen wenn man ihm sein Leben neidete. Dann konnte man schlechte Dinge über ihn sagen, ihn offen anfeinden. Livineia würde sich kaum derart zurückhalten, wenn Romana ihr nicht am Herzen läge. Vertrackte Sache. In erster Linie war Romana eben doch ihre Tante, welche Livineia durchaus lieb hatte.


    "Wir haben heute anständig anrichten lassen." versprach Livineia ihrer Tante. Für gewöhnlich ließ Livineia sich immer ganz gern ein üppiges Frühstück decken, von dem sie längst nicht alles verzehrte. Sie mochte einfach das Aufhebens das um sie gemacht wurde - und die Auswahl, die dabei auf den Tisch kam. Außerdem war so immer dafür gesorgt, dass auch Marcellus und Menecrates versorgt waren, wenn sie doch einmal die Zeit hatten, sich zu ihr zu gesellen. Immer war das leider nicht der Fall. In aller Regel hielten die beiden es wie die meisten Römer: Frühstück war nicht so wichtig. Es wurde zwar eingenommen, aber meistens nicht so üppig und vor allem zeitintensiv. Livineia wusste, dass sie eher noch einsamer werden würde, wenn Marcellus seine Karriere erst richtig ins Rollen gebracht hatte. "Also - mehr noch als sonst. Mittlerweile sitze ich nämlich meistens allein da, weil kaum mehr jemand die nötige Zeit hat." Das war ein Vorwurf - aber Livineia wusste schon, dass man den Vorwurf auch umkehren konnte. Warum suchte sie sich keine andere Beschäftigung? An der Seite ihrer Familie ging sie in den Garten.

  • Auch Marcellus bemerkte dass Tante Romana etwa betrübt zu sein schien. Es musste schon traurig sein wenn man sich den Vestalinnen anschloss, das eigene Leben und die eigene Familie hintenan stellte und diese Familie dann mehr und mehr zerfiel. Wie lange war es her dass die Claudier hier in großer Zahl versammelt waren? Die Villa war riesig groß und dennoch hatte der Großteil der Familie - sofern er nicht bereits verstorben war - der Politik und Rom den Rücken gekehrt. Würde Marcellus die Gedanken seiner Tante kennen, würde er sie teilen.


    Stattdessen aber führte er die beiden nach draußen, wo das Frühstück angerichtet war. Nachdem Romana und Livineia sich niedergelassen hatten, nahm auch er seinen Platz ein. Im Angesichts eines guten Mahles wirkte doch gleich alles weniger düster. Marcellus selber immerhin würde sich darum bemühen die alte Familienehre hoch zu halten.


    "Ja, mich ruft die Pflicht liebe Romana. Ich habe mich entschlossen nun endlich den Weg unserer Vorfahren einzuschlagen und für ein Vigintivirat zu kandidieren. In Vorbereitung darauf unterstütze ich Großvater in seiner Arbeit als Praefectus Urbi." Botengänge und die Anwesenheit bei manchen Besprechungen - das war im wesentlichen das was seinen Tag ausmachte. Als Claudier und als Enkel des großen Claudius Menecrates hatte er keinerlei Scheu mit den großen Persönlichkeiten des Reiches in Kontakt zu treten. Die meisten kannte er von diversen Festen und anderen Anlässen. Marcellus mochte sicherlich den einen oder anderen Makel haben. doch mangelndes Selbstbewusstsein gehörte nicht dazu.


    "Du musst von den gebratenen Wachteln kosten Romana. Dieses Rezept ist ganz neu. Sie werden in Honig eingelegt und dann ganz langsam gegart." schlug er nun vor und deutete auf ein Tablett auf welchem ein Dutzend der kleinen Vögel lagen. Die Reste vom reichhaltigen Frühstück würden später die Sklaven bekommen, man konnte sich also in der Villa Claudia wirklich nicht beschweren - selbst wenn man ein Sklave war.

  • Wenn Romana ehrlich war, waren Marcus und Livineia… nicht ganz Gesellschaft zweiter Wahl, aber innerhalb der Gens Claudia gäbe es andere Leute, die Romana auch ganz gerne gesehen hätte. Dass sie nicht hier waren, bedrückte sie, doch dagegen konnte nichts getan werden – und Livineia und Marcus waren doch ebenfalls zwei Leute die sie sehr lieb hatte. Nur war es ein wenig schwierig, sie nicht als Kinder zu sehen, denn so hatte Romana sie vorrangig in Erinnerung. Ja, die beiden Geschwister waren nunmehr erwachsen, auch wenn böse Zungen behaupten konnten, dass sie das sehr spät geworden waren. Dennoch, Romana kam nicht umhin, die beiden zu betrachten wie zwei Jungvögel, die aus ihrem Nest herausgefallen waren und nun umständlich herumtapsten. Für Romana war immer ihr Vater, Menecrates, eine Quelle der Stärke gewesen, und sie fühlte sich nun bemüßigt, die selbe Rolle für Marcus und Livineia spielen zu müssen – die der weisen Tante, welche die beiden Küken aufnahm und hegen würde, bis sie flügge waren. Der plötzliche mütterliche Instinkt, den Romana sonst aus verständlichen Gründen nie bemerkte, befremdete sie ein wenig, aber wenn Galeo nicht hier war, und auch Vater nicht – wer, wenn nicht sie?


    Livineias Versprechen ließ Romana lächeln. Die Vestalin war insgeheim eine Naschkatze, auch wenn sie Sorge trag, es nicht zu übertreiben. Denn in die Breite wuchs man schneller, als man es sich denken konnte! „Das klingt gut! Ich bringe Hunger mit“, machte Romana, und fragte sich, ob sie sonst etwas noch hätte mitbringen sollen. Eine Flasche Wein war gewiss üblich, doch gleich zum Frühstück? Etwas, was sie in rauen Mengen hatte, war Mola Salsa – die miserabel schmeckenden Spreuweizenpuffs, die bei Opfern benutzt wurden – aber wer Mola Salsa zum Frühstück aß dem konnte auch nicht mehr geholfen werden.


    Romana runzelte die Stirn über Livineias Bemerkung, als sie sich in den Garten in Bewegung setzten. Sie beschloss, dies als Aufforderung zu einer Gegeneinladung anzusehen. „Hach ja, Livineia, dich muss ich auch in das Atrium Vestae einladen, du wirst meine vestalischen Schwestern sicher sehr mögen“, hoffte sie. Marcus konnte sie ja aus ersichtlichen Gründen nicht mitbringen; ein kaiserlicher Dispens war nötig, um einen Mann ins Atrium zu holen.


    Romana blickte sich im Hortus um. Sehr viele schöne Kindheitserinnerungen waren damit verbunden. Sie hatte schon immer Pflanzen geliebt, und ihre ältesten Erinnerungen bestanden darinnen, wie sie im Gras der Villa Claudia umhergetapst war, und weiter hinten in den Himbeersträuchern Abenteuer erlebt hatte. Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. „Der Hortus ist schön wie immer“, rief sie aus, als sie sich hinsetzte und Marcus zunickte. „Wachteln, das werde ich mir nicht entgehen lassen“, machte sie und nahm sich eine der vorgelegten Köstlichkeiten.


    Sie merkte auf, als Marcus begann, vom Cursus Honorum zu reden. Dies zu durchschreiten sah sie als Pflicht an für jeden Claudier. Wäre sie als Mann geboren worden, so hätte sie dies auf jeden Fall getan. Aber das war sie nicht, und so fiel diese Rolle an Marcus – auch wenn Romana sich einbildete, auf ihre eigene Karriere sehr stolz sein zu können.


    „Vigintivir! Welche gute Nachrichten!“, sprudelte es aus ihr heraus, und sie gebat ihrer Stimme Einhalt. „Das ist… genau das, was deine Vorfahren von dir erwarten würden. Dein Großvater ist ein exzellenter Politiker, er wird dich weise auf diesem Pfad führen können. Sag mir, als welche Art von Vigintivir hast du vor, zu kandidieren?“ Möglicherweise hatte sich Marcus noch nicht so viele Gedanken darüber gemacht – darin war Romana ihm einen schritt zuvor, denn sie hatte schon lange feste Meinungen zum Cursus Honorum!

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