Titus war seit langer Zeit wieder einmal im ehemaligen Gemach von Coira angelangt. Erinnerungen hingen überall und ließen ihn sentimental verharren in den wundervollen Gemächern. Ja hier hatte er und seine geliebte Frau sehr viel Zeit in tiefer Liebe verbracht. Aber davon war jetzt nichts mehr übrig, denn niemand konnte damals erahnen das diese wundervolle Liebe so abrupt und brutal enden würde. Das Herz des Aureliers war nun abgehärtet und konnte an die Vergangenheit denken ohne gleich in tiefe Depression zu verfallen. Heute befasste sich Titus mit der Umgestaltung der Räumlichkeiten um vielleicht für eine Frau oder Geliebte einen Traum entstehen zu lassen in welchem sie sich wohlfühlen konnte. So ging er Schritt für Schritt vor und markierte was er verändert haben wollte. Es waren eine Menge an Neuerungen die er festlegte um ja so gut und so schnell wie möglich alle Erinnerungen an Coira verschwunden zu lassen. Es ging gut voran und allmählich verwandelten sich die Gemächer in eine neue und wundervolle Oase. Wundervolle Bögen und Marmorne Böden strahlten in ihrem eigenen Glanze. Exotische Tiere und Pflanzen verwandelten die Räumlichkeiten in eine Oase der fremdartigen Schönheiten. Für eine Frau musste dies etwas ganz besonderes sein in der sie sich wohl fühlen konnte wie eine fremdländische Königin. Diese Pracht und Fremdartigkeit gab es sicherlich nicht in einem der anderen Villen und Paläste. Der Aurelier sparte bei der Ausgestaltung nicht mit finanziellen Mitteln, die hatte die Gens Aurelia zur Genüge, so dass ein fremder Palast in der Villa Aurelia entstand, der von außen nicht zu erkennen war.
Gemach der Ehefrau des Titus Aurelius Romanus
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DOMUS AURELIA – MEMORIA ET RENOVATIO
Die Gemächer der verlorenen Liebe
Es war lange her, dass Titus Aurelius Romanus die Gemächer seiner einstigen Gliebten Coira betreten hatte.
Als er an diesem Morgen vor den schweren, mit kunstvollen Bronzebeschlägen verzierten Türen stand, verharrte er einen Augenblick. Seine Hand ruhte auf dem kühlen Metall eines Türgriffes, dessen Gestalt ihm noch immer vertraut war. Wie oft hatte er diese Tür geöffnet? Wie oft war er hier eingetreten und hatte Coira angetroffen, die ihm mit jenem Lächeln entgegengekommen war, das einst sein ganzes Leben erfüllt hatte?
Es waren Erinnerungen an eine Zeit, in der die Welt noch einfacher gewesen war.
Eine Zeit, in der Liebe genügt hatte.
Dann öffnete er die Tür.
Ein schwacher Duft nach altem Rosenöl und getrockneten Blüten empfing ihn. Die hohen Fenster standen geschlossen, und durch die dünnen Vorhänge fiel das Licht der römischen Morgensonne auf die marmornen Fußböden.
Alles war noch beinahe so, wie Coira es hinterlassen hatte.
Die kunstvoll geschnitzte Liege an der gegenüberliegenden Wand. Der kleine Tisch aus Zedernholz, auf dem sie ihre Schmuckstücke abgelegt hatte. Die silbernen Spiegel, deren Oberflächen längst ihren Glanz verloren hatten. Selbst eine kleine, mit Elfenbein verzierte Schatulle stand noch auf ihrem angestammten Platz.
Titus ging langsam durch den Raum.
Seine Schritte hallten leise zwischen den Säulen wider.
Hier hatten sie miteinander gesprochen, gelacht und Pläne geschmiedet. Hier hatte Coira ihm von ihren Hoffnungen erzählt, von ihren Ängsten und von den Kindern, die sie eines Tages haben wollten.
Hier hatte sie ihn umarmt, wenn ihn die Geschäfte des Hauses allzu sehr beansprucht hatten.
Und hier hatte sie ihm einst versprochen, ihn niemals zu verlassen.
Titus blieb vor der großen Liege stehen.
Er betrachtete sie lange.
Dann schüttelte er kaum merklich den Kopf.
Niemand hatte damals ahnen können, wie plötzlich und grausam dieses gemeinsame Leben enden würde.
Der Verlust hatte ihn verändert.
Es hatte Jahre gegeben, in denen allein der Gedanke an Coira genügt hatte, um ihn in eine Schwermut zu stürzen, aus der ihn weder seine Freunde noch seine Pflichten zu befreien vermochten.
Doch diese Zeit lag hinter ihm.
Nicht, weil er vergessen hatte.
Sondern weil er gelernt hatte, mit dem Verlust zu leben.
Sein Herz war härter geworden. Die einst offenen Wunden waren vernarbt, und die Erinnerung an Coira besaß nicht mehr die Macht, ihn vollständig zu beherrschen.
Er trat an eines der Fenster und öffnete die schweren Läden.
Sonnenlicht flutete in den Raum.
„Es ist Zeit“, sagte er leise.
Niemand antwortete.
Und vielleicht war es gerade das, was ihn endgültig überzeugte.
I. Ein neuer Anfang
Noch am selben Vormittag ließ Titus den Verwalter der Villa Aurelia, den Baumeister und zwei erfahrene Handwerker zu sich rufen.
Die Männer erschienen mit Wachstafeln, Messschnüren und Schreibgeräten.
Titus erwartete sie in der ehemaligen Empfangskammer Coiras.
„Diese Gemächer werden vollständig umgestaltet“, erklärte er ohne Umschweife.
Der Baumeister, ein älterer Grieche namens Demetrios, betrachtete die kostbaren Wandmalereien und die reich verzierten Möbel.
„Vollständig, Dominus?“
„Vollständig.“
„Auch die Wandbilder?“
„Auch die Wandbilder.“
Demetrios schwieg einen Augenblick.
„Sie sind von hervorragender Qualität. Einige stammen von Künstlern, deren Arbeiten selbst in den Häusern der Senatoren geschätzt werden.“
Titus wandte sich zu ihm um.
„Dann werden wir sie sorgfältig abnehmen und einlagern. Ich wünsche nicht, dass sie zerstört werden.“
„Und die Möbel?“
„Was brauchbar ist, wird an anderer Stelle verwendet. Was einen besonderen Wert besitzt, kommt in die Schatzkammern des Hauses.“
Der Verwalter machte sich eifrig Notizen.
Titus ging einige Schritte durch den Raum und deutete auf die gegenüberliegende Wand.
„Hier soll ein großer Bogen entstehen. Dahinter wünsche ich einen weiteren Raum, der sich zum Garten hin öffnet.“
Demetrios trat näher.
„Ein Durchbruch dieser Größe verlangt eine sorgfältige Prüfung des Mauerwerks.“
„Dann prüfe es.“
„Und welche Gestaltung schwebt Euch vor?“
Titus lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen.
„Etwas, das Rom noch nicht gesehen hat.“
Der Grieche hob interessiert den Kopf.
„Das klingt kostspielig.“
„Das wird es auch.“
„Wie hoch ist das vorgesehene Budget?“
Titus betrachtete ihn beinahe belustigt.
„Demetrios, ich habe dich nicht gerufen, damit du mir erklärst, was die Dinge kosten. Ich habe dich gerufen, damit du mir erklärst, wie wir sie erschaffen können.“
Der Baumeister verneigte sich.
„Dann werden wir etwas Außergewöhnliches schaffen, Dominus.“
II. Der verborgene Palast
In den folgenden Tagen entstand auf den Wachstafeln des Demetrios ein Entwurf, der selbst Titus überraschte.
Aus den ehemaligen Gemächern Coiras sollte kein gewöhnlicher Wohnbereich werden.
Es sollte ein Palast innerhalb der Villa Aurelia entstehen.
Ein Reich aus Licht, Wasser, Marmor, fremdländischen Pflanzen und kostbaren Kunstwerken.
Die Räume sollten nicht mehr wie die Gemächer einer vornehmen Römerin wirken, sondern wie die Wohnstätte einer Königin aus einem fernen Land.
Titus hatte auf seinen Reisen viele außergewöhnliche Bauwerke gesehen.
Er erinnerte sich an die prächtigen Säulenhallen des griechischen Ostens, an die kunstvollen Innenhöfe Alexandrias und an die kostbaren Stoffe, die Händler aus Syrien und den Ländern jenseits des Euphrat nach Rom brachten.
All diese Eindrücke wollte er miteinander verbinden.
Nicht zu einer bloßen Nachahmung.
Sondern zu etwas Neuem.
Die bisherigen Räume wurden durch breite, elegante Bögen miteinander verbunden. Wo es die Statik zuließ, ersetzten schlanke Säulen aus farbigem Marmor die alten Trennwände.
Der Boden des großen Empfangszimmers erhielt ein Mosaik aus dunkelgrünem, weißem und rötlichem Stein.
In seiner Mitte entstand ein kunstvolles Bild: ein von Weinranken umgebener Pfau, dessen Federn aus unzähligen kleinen, farbigen Steinchen zusammengesetzt waren.
Die Säulen erhielten Kapitelle mit Blättern, Blüten und fremdartigen Tiergestalten.
Aus Alexandria wurden fein gearbeitete Alabastergefäße bestellt. Händler aus Antiochia lieferten kostbare Teppiche und gewebte Wandbehänge. Aus den Werkstätten Griechenlands kamen bronzene Leuchter und kunstvoll verzierte Wasserbecken.
Ein eigener Raum wurde als Badegemach gestaltet.
Dort sollte warmes Wasser in ein flaches Becken aus hellem Marmor fließen. Die Wände erhielten Nischen für wohlriechende Öle, Salben und kostbare Badegefäße.
Daneben entstand eine kleinere Kammer, in der eine zukünftige Bewohnerin ihre Gewänder, Schmuckstücke und persönlichen Kostbarkeiten aufbewahren konnte.
Doch das eigentliche Herzstück des neuen Palastes sollte der Garten werden.
III. Der Garten der fremden Welt
Titus ließ einen bisher wenig genutzten Innenhof vollständig neu gestalten.
Hohe Mauern schützten ihn vor den Blicken der übrigen Bewohner der Villa.
Niemand, der die Villa Aurelia von außen betrachtete, würde ahnen, welche Welt sich hinter diesen Mauern verbarg.
Ein überdachter Säulengang umschloss den Garten an drei Seiten. Seine Bögen ruhten auf schlanken Säulen aus verschiedenfarbigem Marmor.
In der Mitte entstand ein längliches Wasserbecken, dessen Oberfläche das Sonnenlicht spiegelte.
Kleine Fontänen ließen das Wasser sanft plätschern.
An den Rändern wurden Pflanzbeete angelegt, in denen Rosen, Myrten, Lorbeer, Granatapfelbäumchen und seltene Blumen wachsen sollten.
Für empfindlichere Pflanzen ließ Demetrios bewegliche Schutzvorrichtungen anfertigen, damit sie während der kühleren Monate nicht zugrunde gingen.
Titus bestand darauf, dass der Garten zu jeder Jahreszeit etwas Besonderes bieten sollte.
„Ich will keinen Ort, der nur im Frühling schön ist“, erklärte er dem verantwortlichen Gärtner.
„Dann benötigen wir Pflanzen aus verschiedenen Gegenden, Dominus.“
„Beschaffe sie.“
„Einige werden schwer zu bekommen sein.“
„Dann bezahle die Händler entsprechend.“
„Und wenn sie in unserem Klima nicht gedeihen?“
Titus betrachtete ihn ernst.
„Dann möchte ich, dass du mir das sagst, bevor ich ein Vermögen dafür ausgebe.“
Der Gärtner grinste.
„Das ist eine vernünftige Anweisung.“
Auch Tiere sollten den Garten beleben.
Bunte Vögel erhielten geräumige Volieren zwischen den Säulen. Pfauen durften sich auf den Wegen bewegen, und in den Wasserbecken schwammen farbenprächtige Fische.
Titus dachte kurz daran, auch größere exotische Tiere unterbringen zu lassen.
Doch er verwarf den Gedanken.
Ein Garten sollte ein Ort der Ruhe sein, kein Tiergehege.
Stattdessen ließ er bronzene Figuren von Löwen, Gazellen und fremdländischen Vögeln aufstellen.
So entstand eine exotische Welt, ohne dass ihre Bewohnerin von gefährlichen oder unruhigen Tieren gestört würde.
IV. Selinas Urteil
Eines Nachmittags erschien Selina in den neuen Gemächern.
Die Amazone hatte von den umfangreichen Bauarbeiten gehört, doch Titus hatte ihr bisher keinen Einblick gewährt.
Nun stand sie unter einem der großen Marmorbögen und betrachtete schweigend die Veränderungen.
Titus beobachtete sie mit einem gewissen Vergnügen.
„Nun?“
Selina ging langsam durch den Raum.
Sie strich mit der Hand über eine Säule und betrachtete das kunstvolle Mosaik.
„Ich wusste, dass du viel Geld besitzt.“
„Eine erstaunliche Erkenntnis.“
„Aber ich wusste nicht, dass du entschlossen bist, es vollständig auszugeben.“
Titus lachte.
„Du übertreibst.“
„Noch nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass du daran arbeitest.“
Sie trat an den Durchgang zum Garten.
Dort blieb sie stehen.
Vor ihr glitzerte das Wasser des neuen Beckens. Zwischen den Säulen bewegten sich die Zweige junger Granatapfelbäume, und aus einer Voliere erklang das fremdartige Rufen eines Vogels.
Selina drehte sich langsam zu Titus um.
„Bei allen Göttern.“
Er verschränkte die Arme.
„Gefällt es dir?“
„Das ist kein römisches Gemach mehr.“
„Das war meine Absicht.“
„Es sieht aus, als hätte jemand einen Palast aus Alexandria genommen, ihn mit einem Haus in Antiochia vermählt und das Ergebnis mitten in Rom versteckt.“
„Eine interessante Beschreibung.“
„Und für wen ist das alles?“
Titus antwortete nicht sofort.
Selina musterte ihn aufmerksam.
„Du wirst dich doch nicht wieder an eine Geliebte binden?“
„Davon habe ich nichts gesagt.“
„Oder doch eine Ehefrau?“
„Auch davon habe ich nichts gesagt.“
„Titus.“
„Selina.“
Sie stemmte die Hände in die Hüften.
„Du lässt einen Palast bauen, in dem sich eine fremdländische Königin wohlfühlen könnte, und erwartest, dass niemand fragt, für wen er bestimmt ist?“
Titus trat an das Wasserbecken.
„Vielleicht für eine Frau, die eines Tages hier leben wird.“
„Welche Frau?“
„Das weiß ich noch nicht.“
Selina betrachtete ihn lange.
Dann wurde ihr Gesicht ernster.
„Oder baust du diesen Palast, weil du endlich Coira vergessen willst?“
Die Frage traf ihn unerwartet.
Er blickte auf die Wasseroberfläche.
„Vergessen? Nein.“
Er schwieg einen Augenblick.
„Ich werde Coira niemals vergessen. Aber ich möchte nicht mehr in einem Haus leben, in dem jeder Gegenstand mich daran erinnert, was ich verloren habe.“
Selina trat neben ihn.
„Dann ist es vielleicht wirklich Zeit für etwas Neues.“
Titus nickte.
„Genau das.“
V. Das Ende eines alten Lebens
Wochen vergingen.
Die Arbeiten schritten rasch voran.
Die letzten Wandmalereien wurden angebracht. Die bronzenen Leuchter fanden ihren Platz. Die Möbel aus kostbaren Hölzern wurden aufgestellt, und die neuen Vorhänge aus feinem Leinen und farbigen Stoffen fielen in weichen Falten von den hohen Fenstern.
Schließlich kam der Tag, an dem Demetrios seinem Auftraggeber die Fertigstellung meldete.
„Dominus, die Gemächer sind bereit.“
Titus betrat sie allein.
Es war später Nachmittag.
Die Sonne stand bereits tief über Rom, und goldenes Licht fiel durch die Säulen des Gartens.
Das Wasser plätscherte leise.
Ein Pfau schritt würdevoll über den marmornen Weg, während irgendwo zwischen den Pflanzen ein Vogel sang.
Titus ging von Raum zu Raum.
Er betrachtete die kostbaren Wandbehänge, die weichen Liegen, die bronzenen Leuchter und die kunstvoll gestalteten Bögen.
Nichts erinnerte mehr unmittelbar an die alten Gemächer.
Und doch wusste er genau, wo einst Coiras Liege gestanden hatte.
Wo ihr Spiegel gehangen hatte.
Wo sie oft am Fenster gesessen und auf ihn gewartet hatte.
Er blieb an jener Stelle stehen.
Lange.
Dann schloss er die Augen.
Für einen flüchtigen Augenblick glaubte er beinahe, ihre Stimme zu hören.
Doch diesmal schmerzte die Erinnerung nicht.
Sie war einfach da.
Ein Teil seines Lebens.
Ein Teil seiner Geschichte.
Nicht mehr und nicht weniger.
„Lebe wohl, Coira“, flüsterte er.
Dann öffnete er die Augen und wandte sich dem Garten zu.
Vor ihm lag eine neue Welt.
Ein verborgener Palast aus Marmor, Licht und Wasser.
Ein Ort, an dem eine Frau eines Tages glücklich sein konnte.
Vielleicht würde sie aus Rom stammen.
Vielleicht aus Griechenland, Alexandria oder einem der fernen Länder des Ostens.
Vielleicht würde sie eine vornehme Dame sein.
Vielleicht eine Frau, deren Herkunft niemand in der Gens Aurelia erwartet hätte.
Titus wusste es nicht.
Aber zum ersten Mal seit langer Zeit empfand er bei diesem Gedanken keine Furcht.
Sondern Neugier.
Als er den Säulengang entlangschritt, trat Demetrios aus einem der Nebenräume.
„Seid Ihr zufrieden, Dominus?“
Titus betrachtete den Garten ein letztes Mal.
„Ja, Demetrios.“
„Dann hat die Villa Aurelia nun einen weiteren prächtigen Teil erhalten.“
Der Aurelier lächelte.
„Nein, mein Freund.“
Er legte dem Baumeister eine Hand auf die Schulter.
„Sie hat etwas erhalten, das sie lange nicht mehr besessen hat.“
„Und was wäre das?“
Titus blickte durch die Bögen in das warme Licht des Gartens.
„Eine Zukunft.“
ENDE – DOMUS AURELIA: MEMORIA ET RENOVATIO
Die Vergangenheit war nicht ausgelöscht. Sie hatte nur aufgehört, über die Gegenwart zu herrschen.
Und irgendwo in Rom lebte vielleicht bereits jene Frau, für die Titus Aurelius Romanus einen Palast hatte errichten lassen, ohne ihren Namen zu kennen.
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Zwei Herzen, ein Schicksal
Zwei Menschen liebten einander. Doch während Titus Aurelius Romanus begann, an eine gemeinsame Zukunft zu glauben, sah Claudia Calvina diese Zukunft bereits bedroht.
Ihre Familie hatte andere Pläne. Ihr Onkel betrachtete sie nicht als Frau, die selbst über ihr Leben entscheiden durfte, sondern als Angehörige der Gens Claudia, deren Ehe dem Ansehen und den politischen Interessen der Familie dienen sollte. Calvina aber hatte ihre Entscheidung längst getroffen. Sie wollte Titus. Nicht Marcus Valerius Aelianus. Nicht irgendeinen anderen Mann, den ihre Familie für standesgemäß hielt. Sie war bereit, ihre gesellschaftliche Stellung, ihren Ruf und sogar die Achtung ihrer Familie aufs Spiel zu setzen. Und sie fasste einen Entschluss, dessen Tragweite sie selbst kaum vollständig überblickte: Bei ihrem nächsten Besuch in der Villa Aurelia wollte sie sich Titus als Frau hingeben. Sie glaubte, dass ihr Onkel sie anschließend nicht mehr ohne Weiteres mit einem anderen Mann verheiraten könnte. Was die römische Gesellschaft als Verlust ihrer Unberührtheit und damit als Schande betrachten mochte, erschien ihr zunehmend als der einzige Weg, über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Titus ahnte nichts von diesem Vorhaben. Er hatte die Gemächer, in denen sie sich bald begegnen würden, ursprünglich für jene Frau herrichten lassen, die eines Tages seine Ehefrau werden sollte. Noch wusste er nicht, dass diese Frau bereits vor ihm stand.
Das Heim der zukünftigen Ehefrau
Die Gemächer der Hoffnung
Titus Aurelius Romanus stand am offenen Fenster eines der oberen Gemächer der Villa Aurelia. Die Nachmittagssonne fiel durch die schmalen Säulen der vorgelagerten Loggia und zeichnete helle Streifen auf den Mosaikboden. Vor ihm lag ein kleiner, abgeschlossener Garten. Er hatte diesen Teil der Villa vor einiger Zeit umgestalten lassen. Damals hatte er noch nicht gewusst, für wen. Ein geräumiges Schlafgemach, ein privates Empfangszimmer, ein kleiner Raum für persönliche Gegenstände und Kleidung sowie eine eigene Bibliothek bildeten eine zusammenhängende Wohnung innerhalb des weitläufigen Hauses. Die Wände waren mit hellen Fresken geschmückt. Zwischen zarten Blumenranken erschienen Vögel, Weinlaub und kleine mythologische Darstellungen. Titus hatte ausdrücklich darauf bestanden, dass die Räume nicht überladen wirkten. Er kannte die Prunksucht mancher römischer Familien. Kostbare Möbel, vergoldete Beschläge und übertriebene Wandmalereien sollten den Reichtum ihrer Besitzer demonstrieren. Er wollte etwas anderes. Ein Zuhause. Ein Ort, an dem seine zukünftige Frau nicht nur die Gemahlin eines römischen Patriziers sein würde, sondern ein Mensch mit eigenen Gedanken, eigenen Wünschen und einer eigenen Würde. Damals hatte er diesen Gedanken beinahe lächerlich gefunden. Eine Frau, die ihn aus Liebe heiratete? Nach allem, was er in seiner Kindheit erlebt hatte, war ihm eine solche Vorstellung lange fremd gewesen. Doch seit er Claudia Calvina begegnet war, hatte sich etwas verändert. Er sah ihr Gesicht vor sich. Ihre dunklen Augen. Das kaum wahrnehmbare Lächeln, mit dem sie ihn manchmal betrachtete.
Und er erinnerte sich an ihren ersten Kuss in der Bibliotheca Annaea. Noch immer vermochte diese Erinnerung ihn aus der Fassung zu bringen. Titus, der selbst gefährlichen Menschen mit unbewegter Miene gegenübertrat, hatte in den Armen dieser jungen Frau beinahe seine ganze Selbstbeherrschung verloren. Nicht aus Begierde allein. Sondern weil er zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl gehabt hatte, ohne Vorbehalt geliebt zu werden.
Eine Frau namens Calvina
Als ein Diener meldete, Claudia Calvina sei eingetroffen, wandte Titus sich sofort um. Er hatte sie erwartet. Dennoch beschleunigte sich sein Herzschlag.
„Führe sie hierher“, befahl er.
Wenig später erschien Calvina im Türrahmen. Sie trug eine fein gearbeitete, cremefarbene Stola. Ihr Haar war sorgfältig aufgesteckt, doch einige dunkle Strähnen hatten sich gelöst.
Titus bemerkte sofort, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie lächelte. Aber ihre Augen verrieten Unruhe. Er ging ihr entgegen.
„Calvina.“
Sie antwortete nicht sofort. Stattdessen ergriff sie seine Hände.
„Titus.“
Er beugte sich vor und küsste sie behutsam. Für einen Augenblick erwiderte sie seinen Kuss mit einer Eindringlichkeit, die ihn überraschte. Dann legte sie ihre Stirn an seine Brust.
„Ich bin froh, hier zu sein“, flüsterte sie.
Titus schloss die Arme um sie.
„Du bist immer willkommen.“
Sie verharrten schweigend. Er hätte sie fragen können, weshalb sie so bedrückt wirkte. Doch er kannte inzwischen genug von ihrer Zurückhaltung, um zu wissen, dass sie selbst sprechen würde, wenn sie dazu bereit war. Schließlich löste sie sich ein wenig aus seiner Umarmung. Ihr Blick wanderte durch das Gemach.
„Was ist das für ein Teil deiner Villa?“
Titus zögerte.
„Die privaten Gemächer.“
„Deine?“
„Nicht eigentlich.“
Sie betrachtete ihn fragend. Er lächelte verlegen.
„Ich habe sie für meine zukünftige Ehefrau herrichten lassen.“
Claudia erstarrte.
„Deine zukünftige Ehefrau?“
„Ja.“
„Du hast diese Räume bereits gestalten lassen, bevor du mich kanntest?“
„Lange bevor ich dich kannte.“
Sie blickte sich erneut um.
Dann fragte sie leise:
„Und hast du dir vorgestellt, wie diese Frau sein würde?“
Titus dachte nach.
„Nein. Ich wusste nur, wie sie hier leben sollte.“
„Und wie?“
„Ohne Angst.“
Calvina sah ihn an.
Er sprach weiter.
„Sie sollte niemals befürchten müssen, für einen Fehler gedemütigt zu werden. Sie sollte ihre Meinung äußern dürfen. Sie sollte lachen können, wenn ihr danach ist, und schweigen, wenn sie allein sein möchte.“
Er hielt inne.
„Ich wollte nicht, dass mein Haus jemals so wird wie das Haus meiner Kindheit.“
Calvina trat näher.
„Titus, du weißt, dass du anders bist als die Menschen, die dir damals wehgetan haben?“
„Ich hoffe es.“
„Ich weiß es.“
Sie küsste ihn auf die Wange.
Und in diesem Augenblick wünschte Titus sich mehr denn je, dass sie eines Tages tatsächlich die Herrin dieser Gemächer sein würde.
Eine ungewöhnliche Bitte
Calvina bat ihn, ihr auch das Schlafgemach zu zeigen. Titus führte sie durch eine breite Tür. Der Raum war großzügig, aber nicht übermäßig prunkvoll eingerichtet. Ein großes Bett aus dunklem Holz stand an der Innenwand. Leichte Vorhänge konnten bei Bedarf um das Lager gezogen werden. Daneben befanden sich ein kleiner Tisch, zwei Sitzgelegenheiten und eine bronzene Öllampe. Eine bemalte Truhe stand am Fußende des Bettes. Calvina blieb mitten im Raum stehen.
„Es ist wunderschön.“
Titus lächelte.
„Es fehlt noch einiges.“
„Was denn?“
„Die Frau, für die ich es geschaffen habe.“
Calvina wandte sich zu ihm um. Er hatte diese Worte beinahe unbedacht ausgesprochen. Jetzt wurde ihm bewusst, wie viel er damit offenbart hatte. Doch Calvina lächelte nicht. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Titus“, sagte sie, „was würdest du tun, wenn jemand versuchen würde, uns voneinander zu trennen?“
Er runzelte die Stirn.
„Wer sollte das tun?“
Sie wich seinem Blick aus.
„Angenommen, meine Familie wäre gegen uns.“
Titus schwieg einen Augenblick.
Dann antwortete er:
„Ich würde mit deiner Familie sprechen.“
„Und wenn sie nicht zuhört?“
„Dann würde ich andere Wege suchen.“
„Und wenn sie mich bereits einem anderen Mann versprochen hätte?“
Jetzt veränderte sich sein Gesicht.
„Calvina.“
Sie sah zu Boden.
„Ist das geschehen?“
Keine Antwort. Titus spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Er trat näher.
„Sieh mich an.“
Langsam hob sie den Kopf.
„Gibt es einen anderen Mann?“
„Nicht für mich“, antwortete sie sofort.
Er hielt ihren Blick fest.
„Aber für deine Familie?“
Sie nickte. Titus atmete tief durch. Für einen Augenblick erwachte in ihm jene alte Furcht, die er seit seiner Kindheit kannte. Die Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren.
Doch diesmal wollte er sich nicht von dieser Angst beherrschen lassen.
„Calvina, hör mir zu.“
Er nahm ihre Hände.
„Ich liebe dich. Und ich werde nicht einfach verschwinden, weil irgendein Mann glaubt, über dein Leben bestimmen zu dürfen.“
Sie begann zu weinen.
Er zog sie in seine Arme.
„Du musst keine Angst vor mir haben. Und du musst nichts tun, um dir meine Liebe zu verdienen.“
Er spürte, wie sie ihn fester umschlang. Noch verstand er nicht, weshalb seine Worte sie so tief erschütterten.
Die Entscheidung, die er nicht erwartet hatte
Calvina löste sich langsam von ihm. Dann nahm sie seine rechte Hand und führte ihn zu einer der Sitzgelegenheiten neben dem Bett.
„Titus, ich muss dir etwas sagen.“
Er setzte sich neben sie.
„Ich höre dir zu.“
Sie holte tief Luft.
„Mein Onkel will mich verheiraten.“
Titus antwortete zunächst nicht.
„Mit Marcus Valerius Aelianus.“
Der Name sagte ihm etwas. Ein Mann aus einer angesehenen Familie, mit guten Beziehungen und ehrgeizigen politischen Plänen.
„Hat dein Onkel bereits eine Vereinbarung getroffen?“
„Noch nicht endgültig. Aber er spricht darüber, als wäre meine Zustimmung bedeutungslos.“
Titus senkte den Blick.
Calvina ergriff seine Hand.
„Ich werde diesen Mann nicht heiraten.“
„Das musst du auch nicht wollen.“
„Du verstehst nicht.“
Ihre Stimme bebte.
„Mein Onkel wird nicht aufhören. Er wird mich unter Druck setzen. Er wird mir erklären, dass ich meine Familie enttäusche. Er wird alles versuchen, um mich von dir fernzuhalten.“
Titus wollte etwas erwidern. Doch sie legte einen Finger auf seine Lippen.
„Deshalb habe ich einen Entschluss gefasst.“
Er sah sie fragend an.
„Ich möchte heute Nacht bei dir bleiben.“
Titus hielt inne.
„Calvina …“
„Nicht als Gast.“
Sie errötete.
Dann sagte sie mit einer Entschlossenheit, die ihn erschütterte:
„Ich möchte, dass du der erste Mann bist, dem ich mich ganz anvertraue.“
Titus schwieg. Er verstand nun, was sie meinte. Und er begriff zugleich, dass hinter ihrem Wunsch nicht nur Liebe, sondern auch Verzweiflung stand.
„Du glaubst, dein Onkel könnte dich dann nicht mehr mit Aelianus verheiraten?“
Claudia nickte.
„Er würde mich für entehrt halten.“
„Vielleicht.“
„Dann wäre ich für ihn nicht länger die geeignete Braut.“
Titus nahm ihr Gesicht behutsam zwischen seine Hände.
„Calvina, das könnte dich ebenso gut in noch größere Schwierigkeiten bringen. Dein Onkel könnte versuchen, alles zu verbergen. Er könnte uns beide unter Druck setzen.“
„Das weiß ich.“
„Und ich möchte nicht, dass du etwas so Bedeutendes aus Angst vor ihm tust.“
Sie sah ihn lange an.
„Glaubst du, ich liebe dich nicht?“
„Doch. Daran zweifle ich nicht.“
„Dann verstehe mich.“
Titus küsste ihre Stirn.
„Ich versuche es.“
Er legte seine Stirn an ihre.
„Wenn du eines Tages meine Frau wirst, dann sollst du wissen, dass du dich aus freien Stücken für mich entschieden hast. Nicht, weil du keinen anderen Ausweg mehr gesehen hast.“
Calvina schloss die Augen. Und Titus erkannte, dass diese Nacht über weit mehr entscheiden konnte als über ihre körperliche Nähe. Es ging um Vertrauen. Um ihre Zukunft. Und um die Frage, ob ihre Liebe stärker sein konnte als die Angst, die beide auf unterschiedliche Weise seit Jahren begleitete.
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Der Entschluss des Herzens
Eine Entscheidung gegen die eigene Familie
Claudia Calvina hatte in der vergangenen Nacht kaum geschlafen. Immer wieder hatte sie an das Gespräch mit ihrem Onkel gedacht. Marcus Valerius Aelianus. Dieser Name verfolgte sie.
Sie kannte den Mann kaum. Er war höflich, gebildet und stammte aus einer angesehenen Familie. Doch sie liebte ihn nicht. Und allein der Gedanke, eines Tages an seiner Seite leben zu müssen, erfüllte sie mit Entsetzen. Ihr Onkel hatte ihre Einwände kaum beachtet.
„Eine Ehe ist keine Angelegenheit jugendlicher Schwärmerei“, hatte er erklärt. „Sie dient der Zukunft unserer Familie.“
Calvina hatte daraufhin gefragt, welche Bedeutung ihre eigene Zukunft dabei habe. Ihr Onkel hatte sie nur streng angesehen.
„Du bist eine Claudia. Vergiss das niemals.“
Diese Worte hatten sich tief in ihr Gedächtnis eingegraben. Eine Claudia. Eine Angehörige einer alten Familie. Ein Name. Ein gesellschaftlicher Rang. Aber war sie nicht auch ein Mensch? Eine Frau, die lieben konnte? Eine Frau mit eigenen Hoffnungen und Sehnsüchten? Sie hatte an Titus gedacht. An seine behutsamen Berührungen.
An seine Stimme. An die Verletzlichkeit, die er ihr erst vor Kurzem gezeigt hatte, als er von seiner Kindheit erzählte. Titus war kein Mann, der Liebe leichtfertig versprach.
Gerade deshalb glaubte sie ihm. Und in dieser Nacht hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Familie über ihr Leben entschied.
Wenn sie ihre Unberührtheit verlor, so glaubte sie, würde ihr Onkel die geplante Verbindung vielleicht aufgeben. In ihrer Vorstellung gab es nur einen Mann, mit dem sie diesen Schritt gehen wollte. Titus. Sie wusste, dass ihre Entscheidung gefährlich war. Eine unverheiratete Frau aus ihrem gesellschaftlichen Kreis hatte ihren Ruf zu bewahren. Gerüchte konnten nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familie treffen. Doch die Vorstellung, ausgerechnet durch diese gesellschaftlichen Erwartungen von Titus getrennt zu werden, erschien ihr inzwischen unerträglich. Sie wollte lieber die Verachtung ihrer Verwandten ertragen als ein Leben an der Seite eines Mannes führen, den sie nicht liebte.
Die Gemächer einer unbekannten Frau
Als Calvina die Villa Aurelia betrat, hatte sie sich vorgenommen, entschlossen zu bleiben. Doch kaum sah sie Titus, wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn liebte. Er begrüßte sie mit jener zurückhaltenden Zärtlichkeit, die sie inzwischen an ihm kannte. Niemals versuchte er, sie zu bedrängen. Niemals behandelte er ihre Zuneigung als etwas, auf das er einen Anspruch hatte.
Gerade das machte ihren Entschluss noch schwerer. Sie wollte ihn nicht überrumpeln. Und sie fürchtete, dass er sie zurückweisen könnte. Als er sie in die privaten Gemächer führte, blieb sie überrascht stehen. Die Räume waren von einer Schönheit, die nichts Aufdringliches hatte. Sie strahlten Ruhe aus. Calvina betrachtete die Wandmalereien, die sorgfältig ausgewählten Möbel und den Blick auf den kleinen Garten. Dann erfuhr sie, dass Titus diese Gemächer für seine zukünftige Ehefrau hatte gestalten lassen. Etwas in ihr veränderte sich.
Sie hatte bisher geglaubt, Titus liebe sie zwar, denke aber noch nicht ernsthaft an eine gemeinsame Zukunft. Nun stand sie in Räumen, die er lange vor ihrer Begegnung für eine Frau hatte schaffen lassen, deren Gesicht er damals noch nicht kannte. Und sie fragte sich: Darf ich hoffen, dass ich diese Frau sein werde? Als Titus erklärte, seine zukünftige Frau solle hier ohne Angst leben können, spürte Calvina Tränen aufsteigen. Sie erinnerte sich an seine Erzählungen über die eigene Kindheit. An die Grausamkeit seiner Brüder. An die Lieblosigkeit seiner Eltern. Und sie verstand, dass Titus mit diesen Räumen etwas schaffen wollte, das ihm selbst als Kind gefehlt hatte. Geborgenheit. Calvina wusste in diesem Augenblick, dass sie ihn nicht nur liebte. Sie wollte mit ihm leben. Sie wollte morgens neben ihm erwachen, mit ihm sprechen, mit ihm streiten und sich wieder versöhnen. Sie wollte eines Tages vielleicht seine Kinder zur Welt bringen. Vor allem aber wollte sie an seiner Seite alt werden. Nicht als Teil einer politischen Vereinbarung. Sondern als seine Frau.
Die Angst vor dem Verlust
Im Schlafgemach wurde Claudia plötzlich von ihrer eigenen Entschlossenheit eingeholt. Dort stand das Bett. Das Ehebett einer Frau, die Titus noch nicht kannte, als er diese Räume hatte einrichten lassen. Sie fragte sich, ob sie eines Tages tatsächlich hier leben würde. Oder ob eine andere Frau diesen Platz einnehmen könnte. Der Gedanke traf sie unerwartet heftig.
Sie stellte sich vor, wie ihr Onkel die Verbindung mit Aelianus verkündete. Wie sie gezwungen wäre, Titus Lebewohl zu sagen. Wie sie in einem fremden Haus lebte und jeden Morgen neben einem Mann erwachte, dessen Berührungen sie nicht ersehnte. Ihr wurde kalt. Nein. Niemals.
Als Titus sie fragte, was sie bedrücke, wollte sie zunächst schweigen.
Doch sie konnte es nicht mehr.
Sie erzählte ihm von ihrem Onkel.
Von Marcus Valerius Aelianus.
Von den Plänen ihrer Familie.
Und schließlich von ihrem eigenen Entschluss.
Sie hatte erwartet, Titus würde überrascht sein.
Vielleicht sogar erfreut.
Stattdessen sah sie Sorge in seinen Augen.
Für einen Augenblick glaubte sie, er wolle sie nicht.
Dieser Gedanke war schlimmer als alles, was sie sich zuvor ausgemalt hatte.
„Glaubst du, ich liebe dich nicht?“, fragte sie.
Seine Antwort beruhigte sie. Er zweifelte nicht an ihrer Liebe.
Er fürchtete lediglich, sie könnte sich aus Verzweiflung zu etwas entschließen, das sie später bereute.
Und plötzlich verstand Calvina etwas. Titus dachte nicht an den gesellschaftlichen Vorteil, den er aus ihrer Entscheidung ziehen könnte.
Er dachte an sie. An ihre Würde. An ihre Zukunft. An die Folgen, die sie selbst in ihrer Verzweiflung kaum bedacht hatte.
Ich möchte deine Frau sein
Calvina setzte sich auf die Bettkante. Titus blieb zunächst vor ihr stehen. Dann kniete er sich hin, sodass ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren.
Sie betrachtete ihn lange.
„Titus, darf ich dir etwas gestehen?“
„Alles.“
„Ich habe mir vorgestellt, dass ich heute zu dir komme und du mich einfach in deine Arme nimmst.“
Er lächelte schwach.
„Das habe ich doch getan.“
„Nicht so.“
Sie errötete.
„Ich dachte, wenn ich erst einmal ganz zu dir gehöre, könnte mein Onkel mich nicht mehr von dir trennen.“
Titus schüttelte langsam den Kopf.
„Du gehörst niemandem, Calvina. Auch mir nicht.“
Sie sah ihn überrascht an.
„Aber ich möchte zu dir gehören.“
„Dann möchte ich, dass du es aus Liebe tust. Nicht aus Furcht.“
Calvina strich ihm über die Wange.
„Und wenn es beides ist?“
Er antwortete nicht sofort.
„Dann müssen wir herausfinden, welcher Teil deiner Entscheidung wirklich dir gehört.“
Sie schwieg.
Dann sagte sie:
„Ich habe Angst, Titus.“
„Ich weiß.“
„Nicht davor, mit dir zusammen zu sein.“
„Wovor dann?“
„Dass ich dich verliere.“
Titus nahm ihre Hand und küsste sie.
„Du verlierst mich nicht, weil dein Onkel einen anderen Mann bevorzugt.“
„Das kannst du nicht wissen.“
„Nein“, gab er zu. „Aber ich kann dir versprechen, dass ich nicht kampflos aufgeben werde.“
Calvina beugte sich vor und küsste ihn.
Diesmal war es ein langer, inniger Kuss.
Als sie sich voneinander lösten, flüsterte sie:
„Ich möchte deine Frau sein.“
Titus sah sie an.
„Und ich möchte dein Mann sein.“
Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.
„Dann bitte ich dich um etwas.“
„Was immer ich dir geben kann.“
„Versprich mir, dass du mich nicht fortschickst, nur weil mein Onkel mich für unwürdig erklärt.“
Titus richtete sich auf und setzte sich neben sie.
„Calvina, du könntest deinen Namen verlieren, deinen gesellschaftlichen Rang, sogar das Wohlwollen deiner ganzen Familie.“
Er legte ihre Hand auf seine Brust.
„Aber nicht meine Achtung.“
Sie begann zu weinen. Diesmal vor Erleichterung.
Die Nacht in der Villa Aurelia
Die Sonne war inzwischen hinter den Dächern Roms verschwunden. Diener hatten Öllampen entzündet und eine leichte Abendmahlzeit gebracht. Titus hatte angeordnet, dass niemand sie ohne ausdrückliche Aufforderung stören sollte. Calvina saß neben ihm auf einer gepolsterten Bank. Sie hatten lange gesprochen. Über ihre Familien. Über die Zukunft. Über die Möglichkeit, dass Titus selbst bei ihrem Onkel um ihre Hand anhalten könnte.
Calvina hatte ihm erklärt, dass ihr Onkel zwar großen Einfluss besitze, eine Ehe aber nicht allein durch dessen persönlichen Wunsch zustande kommen müsse. Entscheidend seien auch die familienrechtlichen Verhältnisse unter dessen Gewalt sie rechtlich stand.
Titus wollte diese Fragen klären, bevor er weitere Schritte unternahm.
Doch Clalvina hatte noch einen Wunsch.
„Titus?“
„Ja?“
„Darf ich heute hierbleiben?“
Er sah sie an.
„Du meinst über Nacht?“
Sie nickte.
„Ich möchte nicht in die Villa Claudia zurückkehren. Nicht heute.“
Titus überlegte. Er wusste, welches Gerede entstehen konnte, wenn eine unverheiratete Frau aus einer angesehenen Familie die Nacht im Haus eines Mannes verbrachte.
Aber er sah auch ihre Erschöpfung.
„Du kannst hierbleiben“, sagte er schließlich.
Sie lächelte erleichtert.
„Bei dir?“
Er nahm ihre Hand.
„Wir müssen heute nichts beweisen Calvina.“
„Ich weiß.“
Sie sah ihm fest in die Augen.
„Aber ich möchte dir nahe sein. Nicht, um meinen Onkel zu bestrafen. Nicht, um einen anderen Mann zurückzuweisen. Sondern weil ich dich liebe.“
Titus betrachtete sie lange. Dann zog er sie behutsam an sich.
Calvina lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich sicher.
Sie wusste nicht, was die kommenden Wochen bringen würden.
Vielleicht würde ihr Onkel toben.
Vielleicht würde Aelianus auf seiner Verbindung mit der Gens Claudia bestehen.
Vielleicht würde Titus selbst durch seine Liebe zu ihr in Schwierigkeiten geraten.
Doch in diesem Augenblick wollte sie nicht mehr an all das denken.
Sie war bei dem Mann, den sie liebte.
Und er liebte sie.
Als Titus sie später fragte, ob sie ihre Entscheidung noch einmal überdenken wolle, schüttelte sie den Kopf.
„Ich weiß jetzt, was ich möchte.“
„Und was ist das?“
Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände.
„Ein Leben mit dir.“
Er küsste sie.
Und als die Nacht über die Villa Aurelia hereinbrach, blieben die beiden in den Gemächern, die Titus einst für seine zukünftige Frau hatte gestalten lassen.
Was zwischen ihnen geschah, gehörte allein ihnen.
Nicht ihrem Onkel.
Nicht der Gens Claudia.
Und nicht den gesellschaftlichen Erwartungen Roms.
EPILOG – NON TIMOR, SED AMOR
Nicht die Angst, sondern die Liebe
In jener Nacht hatte Claudia Calvina geglaubt, ihre Unberührtheit opfern zu müssen, um ihre Freiheit zu gewinnen.
Doch in der Villa Aurelia erkannte sie, dass ihr Entschluss weitreichender war.
Sie wollte nicht länger durch die Erwartungen ihrer Familie bestimmt werden.
Sie wollte selbst entscheiden, wen sie liebte und mit wem sie ihr Leben teilte.
Titus Aurelius Romanus wiederum hatte eine Erkenntnis gewonnen, die ihn tiefer berührte, als er zunächst verstand.
Er musste einen geliebten Menschen nicht besitzen, um ihn behalten zu können.
Und er musste seine eigene Angst vor dem Verlust nicht in Kontrolle verwandeln.
Calvina hatte sich für ihn entschieden.
Nicht wegen seines Vermögens.
Nicht wegen des Ansehens der Gens Aurelia.
Sondern weil sie ihn liebte.
Für einen Mann, dessen Kindheit von Ablehnung, Demütigung und Misstrauen geprägt gewesen war, bedeutete diese Erkenntnis mehr als jeder militärische Erfolg.
Doch während in der Villa Aurelia zwei Menschen von einer gemeinsamen Zukunft träumten, wurden in der Villa Claudia bereits Entscheidungen vorbereitet.
Marcus Valerius Aelianus hatte sein Interesse an Claudia keineswegs aufgegeben.
Und ihr Onkel war fest entschlossen, die Verbindung zwischen den beiden Familien voranzutreiben.
Noch wusste er nicht, wo Calvina diese Nacht verbrachte.
Noch ahnte er nicht, dass seine Nichte bereit war, sich seinem Willen offen zu widersetzen.
Und noch wusste Marcus Valerius Aelianus nichts von dem Mann, den Claudia Calvina liebte.
Doch das sollte sich bald ändern.
Denn am folgenden Morgen würde eine Nachricht in der Villa Claudia eintreffen.
Eine Nachricht, die den Aufenthalt Claudias in der Villa Aurelia bekannt machte.
Und damit begann eine Auseinandersetzung, die nicht nur über die Zukunft zweier Liebender entscheiden sollte, sondern auch die Ehre und das Ansehen zweier angesehener römischer Familien berühren würde.
-
Zwei Herzen, ein gemeinsamer Wille
Die Nacht in der Villa Aurelia hatte das Leben zweier Menschen verändert. Claudia Calvina war nicht länger bereit, ihre Zukunft den Entscheidungen ihrer Familie zu überlassen. Titus Aurelius Romanus wiederum hatte begriffen, dass seine Liebe zu Calvina mehr verlangte als Zärtlichkeit und schöne Versprechungen. Er musste bereit sein, für sie einzustehen.
Nicht als ihr Besitzer. Nicht als ein Mann, der über ihr Schicksal bestimmen wollte. Sondern als der Mann, den sie liebte und dem sie ihr Vertrauen geschenkt hatte. Doch in Rom konnte eine solche Entscheidung gefährliche Folgen haben. Denn die Liebe zwischen zwei Menschen war eine persönliche Angelegenheit. Eine Ehe zwischen Angehörigen angesehener Familien hingegen war häufig eine Frage des Vermögens, der Abstammung, politischer Bündnisse und gesellschaftlicher Verpflichtungen. Und genau diese beiden Welten sollten nun aufeinanderprallen.
PRIMA LUX – DAS ERWACHEN
Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die geöffneten Fensterläden des Schlafgemachs. Titus Aurelius Romanus war bereits wach. Er lag auf der Seite und betrachtete die junge Frau, die neben ihm schlief. Claudia Calvina. Ihr dunkelbondes Haar lag über dem Kissen. Ihr Gesicht wirkte friedlich, beinahe unbekümmert. Eine Hand ruhte auf seiner Brust.
Titus wagte kaum, sich zu bewegen. Noch vor wenigen Wochen war diese Frau eine Fremde gewesen, deren Blick ihm bei einer Begegnung in der Villa Claudia aufgefallen war. Dann waren die Treffen in der Bibliotheca Annaea gekommen. Die Gespräche. Die ersten vorsichtigen Berührungen. Das Geständnis seiner Liebe. Ihr erster Kuss. Und schließlich jene Nacht, in der Calvina aus eigenem Willen bei ihm geblieben war. Er strich ihr behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Calvina öffnete langsam die Augen.
„Du bist schon wach?“, fragte sie verschlafen.
„Seit einiger Zeit.“
„Warum hast du mich nicht geweckt?“
Titus lächelte.
„Weil ich dich ansehen wollte.“
Sie errötete.
„Das ist eine merkwürdige Beschäftigung für einen römischen Patrizier.“
„Ich habe schon wesentlich unangenehmere Dinge ausgehalten.“
Calvina lachte leise.
Dann rückte sie näher an ihn heran.
„Bereust du etwas, Titus?“
Die Frage überraschte ihn.
„Nein.“
„Auch nicht, dass ich geblieben bin?“
Er hob ihren Kopf vorsichtig an und sah ihr in die Augen.
„Calvina, ich bereue nur, dass ich dich nicht schon früher kennengelernt habe.“
Sie küsste ihn. Für einen Augenblick schien die Welt außerhalb dieses Zimmers nicht zu existieren. Doch Titus wusste, dass dieser Frieden zerbrechlich war. Und er hatte nicht die Absicht, Calvina allein den Folgen ihrer Entscheidung auszusetzen.
NUNTIUS – DIE NACHRICHT
Es war die dritte Morgenstunde, als ein Diener vor der Tür erschien.
„Dominus, ein Bote aus der Villa Claudia ist eingetroffen.“
Titus richtete sich auf.
„Von wem?“
„Von einem Angehörigen des Hauses Claudia. Er verlangt, mit Euch zu sprechen.“
Calvina, die sich inzwischen ein leichtes Gewand übergezogen hatte, wurde blass.
„Mein Onkel“, flüsterte sie.
Titus bemerkte sofort ihre Angst.
„Bleib hier, wenn du möchtest.“
„Was wird er tun?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Er wird wütend sein.“
„Vermutlich.“
Sie griff nach seiner Hand.
„Titus, ich will nicht, dass du wegen mir Schwierigkeiten bekommst.“
Er sah sie ernst an.
„Calvina, hör mir zu. Du bist nicht irgendeine Schwierigkeit, die in mein Haus gekommen ist.“
Er nahm beide Hände der jungen Frau.
„Du bist die Frau, die ich liebe.“
Sie senkte den Blick.
„Und wenn meine Familie verlangt, dass ich zurückkehre?“
„Dann werden wir darüber sprechen. Gemeinsam.“
„Und wenn sie mich zwingen wollen, Marcus Valerius Aelianus zu heiraten?“
Titus schwieg einen Augenblick. Dann antwortete er ruhig:
„Dann werde ich ihnen erklären, dass du einen eigenen Willen hast und dass ich um deine Hand anhalten werde, wenn du das ebenfalls möchtest.“
Calvina sah ihn überrascht an.
„Du willst mich heiraten?“
„Ja.“
„Wirklich?“
„Ich wollte dich nicht mit einem Antrag überfallen, während du noch Angst vor deiner Familie hast.“
Er lächelte schwach.
„Aber wenn du mich fragst, ob ich mir eine Zukunft mit dir wünsche, dann lautet meine Antwort: mehr als alles andere.“
Tränen traten in ihre Augen.
„Titus ...“
Er küsste ihre Stirn.
„Ich werde jetzt mit dem Boten sprechen.“
IN ATRIO – DIE ERSTE WARNUNG
Im Atrium wartete ein Mann mittleren Alters in der Kleidung eines gehobenen Hausverwalters. Er verneigte sich knapp.
„Titus Aurelius Romanus?“
„Der bin ich.“
„Ich überbringe eine Nachricht im Auftrag des Hauses Claudia.“
„Dann sprecht.“
Der Mann zögerte.
„Claudia Calvina wird seit gestern Abend vermisst. Es liegen Hinweise vor, dass sie sich in diesem Haus aufhält.“
Titus verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Seine Haltung veränderte sich. Der liebevolle junge Mann aus dem Schlafgemach war verschwunden.
Vor dem Boten stand nun ein römischer Patrizier mit einem gewaltigen Herrschafts- und Vernichtungswillen.
„Claudia Calvina befindet sich tatsächlich in meinem Haus.“
Der Bote wirkte erleichtert.
„Dann werde ich sie unverzüglich zurückbegleiten.“
„Nein.“
Das Wort fiel ruhig. Aber unmissverständlich.
„Dominus?“
„Ihr werdet niemanden aus meinem Haus führen, ohne dass die betreffende Person es selbst wünscht.“
„Ihre Familie erwartet ihre Rückkehr.“
„Das habe ich verstanden.“
„Ihr Onkel wird diese Angelegenheit als schwere Beleidigung betrachten.“
Titus trat einen Schritt näher.
„Dann richtet ihrem Onkel aus, dass ich bereit bin, mit ihm zu sprechen.“
„Er verlangt die sofortige Rückkehr seiner Nichte.“
„Und ich verlange, dass er ihre Wünsche anhört.“
Der Bote musterte ihn.
„Ihr wisst offenbar nicht, mit wem Ihr Euch anlegt.“
Titus lächelte nicht.
„Ich weiß sehr genau, wer ich bin. Und ich kenne den Rang des Hauses Claudia.“
Er machte eine kurze Pause.
„Aber weder Rang noch Vermögen geben einem Mann das Recht, den Willen einer Frau einfach zu übergehen.“
Der Bote schwieg. Titus setzte hinzu:
„Claudia Calvina steht unter meinem Schutz, solange sie diesen Schutz wünscht. Niemand wird sie in meinem Haus bedrohen oder einschüchtern.“
„Soll ich das wörtlich übermitteln?“
„Jedes Wort.“
CONSILIUM – DER RAT DER SELINA
Nachdem der Bote gegangen war, ließ Titus Selina zu sich rufen. Die parthische Leibwächterin hörte schweigend zu.
„Du hast dem Haus Claudia also praktisch eine Herausforderung übermittelt“, bemerkte sie schließlich.
„Ich habe lediglich klargestellt, dass Claudia hier sicher ist.“
„In Rom kann das bereits eine Herausforderung sein.“
Titus trat an das Fenster.
„Was würdest du tun?“
Selina überlegte.
„Zuerst würde ich dafür sorgen, dass niemand unbemerkt in die Villa gelangt.“
„Du erwartest Gewalt?“
„Nicht unbedingt. Aber ich erwarte Männer, die gewohnt sind, ihren Willen durchzusetzen.“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Und ich würde an deiner Stelle etwas anderes bedenken.“
„Was?“
„Calvina ist kein Gegenstand, den du gegen ihre Familie verteidigen musst.“
Titus wandte sich um.
„Das weiß ich.“
„Dann lass sie selbst sprechen. Steh neben ihr. Nicht vor ihr, wenn sie ihren Willen erklären möchte.“
Diese Worte trafen ihn tiefer, als Selina ahnte. Seine Kindheit hatte ihn gelehrt, dass Sicherheit nur durch Macht und Kontrolle entstehen konnte.
Doch Calvina hatte ihm gezeigt, dass Vertrauen etwas anderes verlangte.
„Du hast recht“, sagte er schließlich.
Selina hob überrascht die Augenbrauen.
„Das höre ich selten von dir.“
„Gewöhne dich nicht daran.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelten beide. Dann wurde Titus wieder ernst.
„Ich möchte, dass Massad die Zugänge zum Haus im Auge behält. Keine Drohgebärden. Keine Waffen vor den Besuchern. Wir empfangen ihre Familie als Gäste, solange sie sich auch so verhält.“
Selina nickte.
„Und Calvina?“
Titus blickte zur Treppe.
„Calvina soll entscheiden, ob sie ihnen begegnen möchte.“
PROMISSUM – DAS VERSPRECHEN
Als Titus in seine Gemächer zurückkehrte, stand Calvina am Fenster. Sie trug inzwischen eine schlichte, aber elegante Stola.
„Was hat der Bote gesagt?“
Titus erzählte ihr alles. Sie hörte aufmerksam zu. Als er geendet hatte, schwieg sie lange.
„Mein Onkel wird das nicht hinnehmen.“
„Das vermute ich.“
„Er wird versuchen, dich zu beleidigen.“
„Daran bin ich gewöhnt.“
„Er wird vielleicht behaupten, du hättest mich verführt.“
Titus antwortete nicht sofort. Dann trat er vor sie.
„Calvina ich werde nicht zulassen, dass jemand deine Entscheidung zu einer Geschichte macht, in der du keinen eigenen Willen besitzt.“
Sie sah ihn an.
„Und wenn er mich vor allen Menschen beschimpft?“
„Dann werde ich ihn auffordern, damit aufzuhören.“
„Und wenn er nicht aufhört?“
Titus nahm ihre Hände.
„Dann verlassen wir das Gespräch.“
Sie blickte erstaunt auf.
„Du würdest nicht mit ihm kämpfen?“
„Ich würde für dich kämpfen, wenn es nötig wäre. Aber ich werde keinen Streit beginnen, nur um meinen Stolz zu befriedigen.“
Er führte ihre Hand an seine Lippen.
„Ich liebe dich, Calvina. Ich möchte dich beschützen. Aber ich möchte nicht der nächste Mann in deinem Leben sein, der dir vorschreibt, was du zu tun hast.“
Calvina begann zu weinen. Titus erschrak.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Dann legte sie ihre Arme um seinen Hals.
„Du hast gerade etwas gesagt, das noch nie ein Mann zu mir gesagt hat.“
„Was denn?“
„Dass meine Entscheidung zählt.“
Er hielt sie fest.
Und in diesem Augenblick wusste Titus, dass er nicht nur um ihre gemeinsame Zukunft kämpfen würde. Er würde auch gegen jene dunklen Erinnerungen seiner eigenen Vergangenheit ankämpfen müssen, die ihn immer wieder dazu verleiteten, Liebe mit Verlustangst zu verwechseln.
-
INTER AMOREM ET METUM – ZWISCHEN LIEBE UND ANGST
Claudia Calvina hatte in dieser Nacht kaum an ihre Familie gedacht. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie eine Entscheidung getroffen, ohne zuvor die Erwartungen ihres Onkels, die Wünsche ihrer Verwandten oder die gesellschaftlichen Folgen abzuwägen. Sie war bei Titus geblieben. Nicht aus Trotz. Nicht allein aus dem Wunsch, einer unerwünschten Ehe zu entkommen. Sondern weil sie ihn liebte. Doch mit dem Morgen waren die Sorgen zurückgekehrt. Sie wusste, wie die römische Gesellschaft über junge Frauen aus angesehenen Familien urteilte. Ein Mann konnte sich manches erlauben, ohne seinen gesellschaftlichen Rang dauerhaft zu gefährden. Eine junge Frau dagegen konnte durch Gerüchte ihren Ruf verlieren.
Und nun befand sie sich seit einer ganzen Nacht im Haus eines unverheirateten Mannes. Sie wusste, welche Vermutungen daraus entstehen würden. Aber etwas hatte sich verändert.
Sie schämte sich nicht für ihre Liebe. Während Titus mit dem Boten sprach, saß Calvina vor einem bronzenen Spiegel. Sie betrachtete ihr Gesicht.
War sie noch dieselbe Claudia Calvina, die vor wenigen Tagen in der Bibliotheca Annaea auf einen Kuss gehofft hatte?
Nein. Sie hatte sich verändert. Sie hatte die Zärtlichkeit eines Mannes kennengelernt, der ihre Unsicherheit ernst nahm.
Sie hatte erfahren, dass Nähe nicht mit Unterwerfung verbunden sein musste. Und sie hatte erkannt, dass ihre Zukunft nicht allein von den Entscheidungen älterer männlicher Verwandter bestimmt werden durfte. Leise sprach sie zu ihrem Spiegelbild:
„Ich liebe ihn.“
Dann wiederholte sie die Worte.
Diesmal fester.
„Ich liebe Titus Aurelius Romanus.“
EPISTULA FAMILIAE – DER BRIEF DER FAMILIE
Kurz vor der Mittagsstunde brachte eine Dienerin einen versiegelten Brief. Das Siegel zeigte das Zeichen des Hauses Claudia. Calvina erkannte die Handschrift ihres Onkels.
Sie öffnete die Wachstafel mit zitternden Händen. Die Botschaft war kurz.
"Claudia Calvina,
deine Abwesenheit hat unserem Haus bereits Anlass zu erheblicher Besorgnis gegeben.
Es wurde uns mitgeteilt, dass du dich in der Villa Aurelia aufhältst.
Du wirst aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren.
Marcus Valerius Aelianus wird uns heute besuchen. Die Gespräche über eine mögliche Verbindung sind weit fortgeschritten.
Dein Verhalten darf die Ehre unserer Familie nicht gefährden.
Wir erwarten Gehorsam und eine Erklärung."
Calvina las die Nachricht zweimal. Dann legte sie die Tafel auf den Tisch. Marcus Valerius Aelianus. Wieder dieser Name. Ein Mann, den sie kaum kannte. Ein Mann, der sie offenbar als geeignete Ehefrau betrachtete, ohne sich jemals ernsthaft nach ihren Wünschen erkundigt zu haben. Sie verspürte Zorn. Nicht nur Angst. Zum ersten Mal war der Zorn stärker.
„Nein“, sagte sie leise.
Die Dienerin blickte auf.
„Domina?“
Calvina richtete sich auf.
„Bring mir Schreibmaterial.“
„Wollt Ihr antworten?“
„Ja.“
„Soll ich Dominus Titus verständigen?“
Calvina überlegte.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Noch nicht. Diesen Brief werde ich selbst schreiben.“
VOLUNTAS MEA – MEIN WILLE
Calvina setzte sich an den Tisch. Sie dachte lange nach, bevor sie die ersten Worte schrieb. Sie wollte ihre Familie nicht beleidigen. Sie wollte ihren Onkel nicht demütigen. Aber sie wollte auch nicht mehr schweigen. Schließlich begann sie:
"An meinen verehrten Onkel,
ich befinde mich aus freiem Willen in der Villa Aurelia.
Niemand hat mich gegen meinen Willen hierhergebracht. Niemand hält mich zurück.
Ich bin hier, weil ich Titus Aurelius Romanus liebe.
Er hat mich mit Achtung behandelt und mir zu keinem Zeitpunkt eine Entscheidung aufgezwungen.
Ich weiß, welche Erwartungen unsere Familie an mich richtet. Ich weiß auch, dass Ihr eine Verbindung mit Marcus Valerius Aelianus für vorteilhaft haltet.
Doch ich werde keinen Mann heiraten, den ich nicht liebe.
Ich bin bereit, mit Euch zu sprechen. Ich bin auch bereit, Eure Sorgen anzuhören.
Aber ich bitte Euch, meinen Willen ebenso ernst zu nehmen, wie Ihr von mir verlangt, die Ehre unseres Hauses zu achten.
Ich wünsche mir eine Zukunft mit Titus Aurelius Romanus.
Diese Entscheidung ist meine eigene.
Claudia Calvina."
Als sie fertig war, las sie den Brief noch einmal. Ihre Hände zitterten. Aber sie änderte kein einziges Wort. Dann versiegelte sie die Nachricht. Es war der erste Brief ihres Lebens, in dem sie ihrem Onkel ausdrücklich widersprach. Und es war der erste, den sie ohne Angst vor seiner Zustimmung abschickte.
CONFESSIO – DAS GESTÄNDNIS
Als Titus später zu ihr kam, stand Calvina noch immer am Schreibtisch.
„Du siehst nachdenklich aus“, bemerkte er.
Sie wandte sich um.
„Ich habe meinem Onkel geschrieben.“
Titus blieb stehen.
„Was hast du ihm gesagt?“
„Dass ich dich liebe.“
Er lächelte.
„Das wird ihn vermutlich nicht erfreuen.“
„Ich habe ihm auch gesagt, dass ich Marcus Valerius Aelianus nicht heiraten werde.“
Titus wurde ernst.
„Claudia, bist du sicher?“
Sie ging auf ihn zu.
„Ja.“
„Du weißt, welche Folgen das haben kann?“
„Ich weiß, dass meine Familie versuchen wird, mich umzustimmen.“
„Und vielleicht werden sie dir Vorwürfe machen.“
„Das werden sie ganz bestimmt.“
Titus betrachtete sie schweigend. Dann fragte er:
„Was möchtest du jetzt tun?“
Calvina nahm seine Hand.
„Ich möchte, dass du mir eine Frage beantwortest.“
„Welche?“
Sie atmete tief durch.
„Du hast heute Morgen gesagt, dass du mich heiraten möchtest.“
„Ja.“
„Hast du das nur gesagt, um mich zu beruhigen?“
Titus schüttelte entschieden den Kopf.
„Nein.“
„Auch nicht, weil du glaubst, mich nach dieser Nacht heiraten zu müssen?“
„Nein, Calvina.“
Er trat näher.
„Ich wollte dich bereits heiraten, bevor du gestern Abend zu mir gekommen bist.“
Sie starrte ihn an.
„Wirklich?“
„Ich wusste nur nicht, wann ich es dir sagen sollte.“
Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Du, Titus Aurelius Romanus hattest Angst, einer Frau einen Heiratsantrag zu machen?“
„Eine schreckliche Angst.“
Sie lachte. Dann wurde sie wieder ernst.
„Dann frage ich dich etwas.“
„Ich höre.“
„Wirst du mich auch noch lieben, wenn meine Familie uns Schwierigkeiten macht?“
Titus antwortete ohne Zögern.
„Ja.“
„Wenn mein Onkel dich beleidigt?“
„Ja.“
„Wenn Marcus Valerius Aelianus versucht, dich gegen mich aufzubringen?“
„Ja.“
Sie sah ihm tief in die Augen.
„Und wenn ich manchmal schwierig bin?“
Titus lächelte.
„Dann werden wir vermutlich zwei schwierige Menschen sein.“
Calvina legte lachend den Kopf an seine Brust.
„Ich liebe dich, Titus.“
Er schloss sie in seine Arme.
„Und ich liebe dich, Calvina“
NON SERVA, SED UXOR – NICHT DIENERIN, SONDERN EHEFRAU
Am Nachmittag saßen beide im kleinen Garten der Villa Aurelia. Zwischen den Säulen blühten Rosen. Das Wasser eines Brunnens plätscherte leise.
Calvina hatte ihren Kopf an Titus' Schulter gelegt.
„Titus?“
„Ja?“
„Wie stellst du dir unsere Ehe vor?“
Er überlegte.
„Ich habe darüber nachgedacht, dass wir ein Haus brauchen, in dem du dich wohlfühlst.“
„Wir könnten doch hier wohnen.“
„Wenn du möchtest.“
„Und wenn ich die Bibliothek verändern will?“
„Dann werde ich vermutlich einen Teil meiner Schriftrollen verteidigen müssen.“
Sie lachte.
„Ich meine es ernst.“
„Ich auch. Manche Schriftrollen sind sehr wertvoll.“
Calvina stieß ihn spielerisch mit dem Ellenbogen an.
Dann wurde sie nachdenklich.
„Ich möchte nicht, dass du mich eines Tages so behandelst, wie mein Onkel seine Frau behandelt.“
Titus sah sie an.
„Was meinst du?“
„Er entscheidet alles. Wen sie besucht. Welche Einladungen sie annimmt. Welche Ausgaben angemessen sind.“
Sie schwieg.
„Ich weiß, dass ein römischer Ehemann viele Rechte hat. Aber ich möchte nicht bloß eine schöne Frau sein, die neben dir bei Gastmählern sitzt.“
Titus nahm ihre Hand.
„Was möchtest du sein?“
„Deine Gefährtin.“
Sie sah ihn offen an.
„Ich möchte mit dir sprechen können. Auch wenn ich anderer Meinung bin. Ich möchte, dass du mich ernst nimmst.“
Titus dachte an seine Eltern. An seinen Vater. An die Demütigungen seiner Kindheit. An das Schweigen, das in seinem Elternhaus stets stärker gewesen war als Zuneigung.
„Calvina“, sagte er schließlich, „ich weiß nicht, ob ich immer ein guter Ehemann sein werde.“
Sie blickte überrascht auf.
„Warum sagst du das?“
„Weil ich vieles erst lernen muss.“
„Was denn?“
„Wie man einem Menschen vertraut, ohne ständig Angst zu haben, ihn zu verlieren.“
Calvina legte ihre Hand an seine Wange.
„Dann lernen wir es gemeinsam.“
Er küsste ihre Handfläche.
„Das möchte ich.“
„Und du versprichst mir etwas?“
„Was?“
„Wenn du Angst hast, sagst du es mir. Du wirst nicht versuchen, mich deshalb einzusperren.“
Titus sah sie lange an. Dann nickte er.
„Das verspreche ich.“
Sie lächelte.
„Dann verspreche ich dir ebenfalls etwas.“
„Was?“
„Dass ich nicht fortlaufen werde, nur weil wir einmal streiten.“
Titus lachte leise.
„Das klingt nach einer vernünftigen Vereinbarung.“
Calvina schüttelte den Kopf.
„Nein, Titus.“
Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände.
„Das ist der Anfang unserer gemeinsamen Zukunft.“
EPILOG – HONOR FAMILIAE, AMOR CORDIS
Die Ehre der Familie, die Liebe des Herzens Am späten Nachmittag traf in der Villa Claudia ein Brief ein. Der Onkel Claudia Calvinas öffnete ihn in Gegenwart zweier Angehöriger der Familie. Während er die Zeilen las, verfinsterte sich sein Gesicht. Besonders ein Satz ließ ihn innehalten. Ich bin hier, weil ich Titus Aurelius Romanus liebe. Er legte den Brief langsam auf den Tisch.
„Titus Aurelius Romanus“, wiederholte er.
Einer seiner Verwandten blickte auf.
„Der Patrizier?“
„Offenbar.“
„Aus der Gens Aurelia?“
„Ja.“
Der ältere Mann erhob sich.
„Dann ist diese Angelegenheit ernster, als ich dachte.“
In diesem Augenblick wurde Marcus Valerius Aelianus angekündigt. Der Besucher trat mit der selbstverständlichen Sicherheit eines Mannes ein, der gewohnt war, willkommen zu sein.
„Ich hoffe, Calvina befindet sich bei guter Gesundheit“, begann er höflich.
Der Onkel musterte ihn.
„Calvina hat sich entschieden, vorläufig nicht in unser Haus zurückzukehren.“
Aelianus runzelte die Stirn.
„Darf ich fragen, weshalb?“
„Sie hält sich in der Villa Aurelia auf.“
„Bei wem?“
Der ältere Mann antwortete langsam:
„Bei Titus Aurelius Romanus.“
Aelianus schwieg. Dann fragte er:
„Und was verbindet die beiden?“
Der Onkel reichte ihm den Brief. Aelianus las ihn. Sein Gesicht blieb zunächst unbewegt. Doch seine Finger umklammerten die Wachstafel immer fester. Schließlich legte er sie zurück.
„Dann“, sagte er mit auffallend ruhiger Stimme, „sollten wir diesen Titus Aurelius Romanus kennenlernen.“
Der Onkel nickte.
„Ich werde ihn zu einem Gespräch auffordern.“
Aelianus blickte zum Fenster.
„Nein.“
Der ältere Mann sah ihn überrascht an.
„Nein?“
„Wir sollten nicht warten, bis er zu uns kommt.“
Aelianus wandte sich wieder um.
„Wir werden ihn in seinem eigenen Haus aufsuchen.“
Zur selben Stunde stand Titus Aurelius Romanus auf der Terrasse der Villa Aurelia. Calvina lehnte an seiner Seite. Er hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt.
Sie betrachteten die untergehende Sonne.
„Glaubst du, dass mein Onkel meinen Brief verstanden hat?“, fragte sie.
„Ich glaube, er wird verstanden haben, dass du es ernst meinst.“
„Er wird kommen.“
„Wahrscheinlich.“
„Und Marcus Valerius Aelianus vielleicht ebenfalls.“
Titus nickte.
Calvina blickte zu ihm auf.
„Hast du Angst?“
Er überlegte.
„Ja.“
Sie war überrascht.
„Du gibst das zu?“
„Ich habe dir versprochen, ehrlich zu sein.“
„Wovor hast du Angst?“
Titus sah sie an.
„Davor, dass Menschen, die uns nicht kennen, versuchen werden, über unser Leben zu entscheiden.“
Calvina nahm seine Hand.
„Dann müssen wir ihnen gemeinsam begegnen.“
Er zog sie behutsam an sich.
„Gemeinsam.“
Sie küsste ihn. Und zum ersten Mal empfand Titus Aurelius Romanus den Gedanken an eine bevorstehende Auseinandersetzung nicht als etwas, das er allein bestehen musste.
Calvina stand an seiner Seite. Nicht als Schutzbefohlene ohne eigenen Willen. Sondern als die Frau, die ihn liebte. Doch am nächsten Morgen sollte sich zeigen, wie weit Marcus Valerius Aelianus bereit war zu gehen. Denn der ehrgeizige Patrizier betrachtete Claudia Calvina längst nicht mehr nur als mögliche Ehefrau. Eine Verbindung mit der Gens Claudia versprach ihm gesellschaftlichen Einfluss und politische Vorteile. Und er war nicht bereit, diese Aussicht kampflos aufzugeben. Noch ahnte Titus nicht, dass sein gefährlichster Gegner in dieser Angelegenheit kein Mann mit gezogenem Schwert sein würde, sondern ein Angehöriger der römischen Oberschicht, der die gesellschaftlichen Regeln Roms ebenso geschickt einzusetzen verstand wie Titus. Aber eines stand fest: Titus Aurelius Romanus würde Claudia Calvina nicht preisgeben, nur um einen Konflikt zu vermeiden. Und Claudia Calvina würde sich nicht länger wie ein Gegenstand zwischen zwei Männern behandeln lassen. Ihre Liebe hatte ihre erste Entscheidung überstanden. Nun stand ihr die erste große Bewährungsprobe bevor.
-
DER KONFLIKT DER FAMILIEN
In der Villa Aurelia hatte sich eine Entscheidung angekündigt, deren Folgen weit über die Gefühle zweier junger Menschen hinausreichen würden. Titus Aurelius Romanus und Claudia Calvina hatten einander ihre Liebe gestanden. Sie hatten beschlossen, ihre Zukunft gemeinsam zu gestalten, und Titus hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er Claudia heiraten wollte.
Doch ihre Liebe berührte die Interessen zweier angesehener römischer Familien. Die Gens Aurelia verfügte über Vermögen, gesellschaftliches Ansehen und Verbindungen in die militärischen und politischen Kreise des Reiches. Die Gens Claudia gehörte zu jenen alten Familien, deren Mitglieder ihre Abstammung mit besonderem Stolz betrachteten und deren Ehen häufig auch der Festigung gesellschaftlicher Bündnisse dienten. Marcus Valerius Aelianus wiederum betrachtete die geplante Verbindung mit Claudia Calvina als wichtigen Schritt für seine eigene Zukunft. Dass die junge Frau andere Vorstellungen hatte, war für ihn zunächst kaum mehr als eine unangenehme Überraschung gewesen. Doch nun hatte alvina offen erklärt, dass sie Titus Aurelius Romanus liebte. Und Marcus Valerius Aelianus war nicht gewohnt, zurückgewiesen zu werden. Am folgenden Morgen sollten sich diese unterschiedlichen Vorstellungen in der Villa Aurelia begegnen.
ANTE TEMPESTATEM – VOR DEM STURM
Die Sonne stand noch niedrig über den Dächern Roms, als Titus Aurelius Romanus das Atrium seiner Villa betrat. Er hatte schlecht geschlafen. Nicht, weil er seine Entscheidung bereute.
Sondern weil er wusste, dass der bevorstehende Besuch eine Auseinandersetzung auslösen konnte, deren Folgen er noch nicht vollständig überblickte. Ein Diener trat heran.
„Dominus, die Vorbereitungen für den Empfang sind abgeschlossen.“
Titus nickte.
„Das Tablinum?“
„Wie angeordnet.“
„Wein und Wasser?“
„Stehen bereit.“
„Die Sitzgelegenheiten?“
„Vier Plätze, Dominus.“
„Gut.“
Der Diener verneigte sich. Titus blickte zum Eingang. Er wollte Calvinas Onkel und Marcus Valerius Aelianus nicht wie Feinde empfangen. Es sollte ein Gespräch zwischen Angehörigen angesehener römischer Familien werden. Doch er war entschlossen, eine Grenze zu ziehen. Claudia Calvina durfte nicht zum Gegenstand einer Verhandlung werden, bei der alle Anwesenden über ihre Zukunft entschieden, nur sie selbst nicht.
„Titus.“
Selina trat aus dem Seitengang.
Sie trug ein schlichtes dunkles Gewand. Ihr Haar war zurückgebunden.
„Massad hat die Zugänge überprüft.“
„Und?“
„Alles ruhig. Aber ich habe zwei Männer am äußeren Tor aufstellen lassen.“
Titus runzelte die Stirn.
„Ich möchte keine bewaffnete Machtdemonstration.“
„Die Männer tragen keine sichtbaren Waffen.“
„Gut.“
Selina musterte ihn.
„Du bist ungewöhnlich angespannt.“
„Es geht um Calvina.“
„Das ist mir nicht entgangen.“
Titus sah sie ernst an.
„Ich möchte nicht, dass ihr etwas geschieht.“
„Dann solltest du vor allem darauf achten, dass du nicht aus Zorn handelst.“
Er schwieg. Selina trat näher.
„Du kannst einen Gegner auf dem Schlachtfeld besiegen. Aber heute wirst du einem Mann begegnen, der vielleicht genau darauf hofft, dass du deine Beherrschung verlierst.“
Titus atmete langsam aus.
„Ich weiß.“
„Dann zeig ihm nicht den Patrizier, der angreifen kann.“
Sie legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter.
„Zeig ihm den Mann, der weiß, wofür er einsteht.“
ADVENTUS – DIE ANKUNFT
Zur vierten Morgenstunde wurde ein Wagen vor der Villa Aurelia gemeldet. Wenig später betraten zwei Männer das Atrium. Der ältere war Claudias Onkel, Gaius Claudius Severus, ein würdevoller Patrizier mit grauem Haar und strengem Gesicht. Neben ihm ging Marcus Valerius Aelianus. Aelianus war etwas älter als Titus, sorgfältig gekleidet und von jener selbstbewussten Haltung, die ein Mann entwickelte, der gesellschaftlichen Widerstand selten erfahren hatte. Titus erwartete sie am Eingang des Tablinums.
„Gaius Claudius Severus. Marcus Valerius Aelianus. Willkommen in meinem Haus.“
Severus erwiderte die Begrüßung kühl.
„Titus Aurelius Romanus.“
Aelianus verneigte sich nur leicht.
„Ich hatte gehofft, Euch unter angenehmeren Umständen kennenzulernen.“
Titus erwiderte ruhig:
„Das hätte auch ich bevorzugt.“
Er wies auf die bereitgestellten Plätze.
„Bitte nehmt Platz.“
Severus blieb stehen.
„Bevor wir über Gastfreundschaft sprechen, möchte ich wissen, wo meine Nichte ist.“
„Calvina befindet sich in der Villa.“
„Dann lasst sie holen.“
Titus hielt seinem Blick stand.
„Sie weiß, dass Ihr gekommen seid. Sie wird selbst entscheiden, wann sie zu uns tritt.“
Severus' Gesicht verfinsterte sich.
„Ihr scheint die Stellung unserer Familie nicht zu verstehen.“
„Doch. Sehr genau.“
„Dann wisst Ihr auch, dass Claudia unter dem Schutz ihrer Familie steht.“
„Und ich respektiere ihre Familie.“
Titus machte eine kurze Pause.
„Aber ich werde Clalvina nicht gegen ihren Willen aus meinem Haus schicken.“
Aelianus verschränkte die Arme.
„Eine bemerkenswerte Haltung für einen Mann, der eine junge Frau über Nacht in seiner Villa beherbergt.“
Titus wandte sich ihm zu.
„Wenn Ihr eine Frage habt, stellt sie offen.“
Aelianus lächelte dünn.
„Ich frage mich lediglich, ob Ihr Euch über die Folgen Eures Verhaltens im Klaren seid.“
„Vollständig.“
„Das bezweifle ich.“
Titus deutete erneut auf die Sitzgelegenheiten.
„Dann sollten wir uns setzen und darüber sprechen.“
HONOR CALVINAE – DIE EHRE CALVINAS
Nachdem die Männer Platz genommen hatten, eröffnete Severus das Gespräch.
„Meine Nichte hat unser Haus ohne Zustimmung verlassen. Sie hat die Nacht hier verbracht und weigert sich nun, zurückzukehren.“
Titus hörte schweigend zu.
„Ihr Verhalten hat bereits Fragen aufgeworfen“, fuhr Severus fort. „Und Ihr werdet verstehen, dass ich nicht bereit bin, den Ruf unserer Familie leichtfertig aufs Spiel zu setzen.“
„Ich verstehe Eure Sorge.“
„Dann werdet Ihr Calvina unverzüglich nach Hause schicken.“
„Nein.“
Severus richtete sich auf.
„Wie bitte?“
Titus sprach ruhig weiter.
„Ich verstehe Eure Sorge um den Ruf Eurer Familie. Aber Calvina ist nicht hierhergebracht worden. Sie kam aus eigenem Entschluss.“
Aelianus lachte leise.
„Wie bequem.“
Titus wandte den Kopf.
„Habt Ihr etwas hinzuzufügen?“
„Ich finde es bemerkenswert, dass Ihr Euch auf den Willen einer jungen Frau beruft, deren Urteil offensichtlich durch eine unüberlegte Leidenschaft getrübt ist.“
Titus' Gesicht wurde ernst.
„Sprecht nicht in dieser Weise über Calvina.“
Aelianus hob die Augenbrauen.
„Ihr wollt mir vorschreiben, wie ich über meine mögliche Ehefrau spreche?“
„Calvina ist nicht Eure Ehefrau.“
„Noch nicht.“
„Und sie hat Euch keine Ehe zugesagt.“
Severus hob beschwichtigend die Hand.
„Genug. Wir sind nicht hier, um uns gegenseitig zu beleidigen.“
Titus wandte sich wieder an ihn.
„Dann lasst uns über die eigentliche Angelegenheit sprechen.“
„Die da wäre?“
„Ich liebe Claudia Calvina.“
Stille trat ein. Titus fuhr fort:
„Ich habe ihr meine Liebe erklärt. Ich wünsche mir eine gemeinsame Zukunft mit ihr. Und ich beabsichtige, sie zu heiraten, sofern sie diesen Wunsch weiterhin mit mir teilt und die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind.“
Severus starrte ihn an. Aelianus' Lächeln verschwand.
„Ihr wollt sie heiraten?“, fragte Severus.
„Ja.“
„Nach wenigen Begegnungen?“
„Die Zahl unserer Begegnungen entscheidet nicht über die Aufrichtigkeit meiner Gefühle.“
Aelianus beugte sich vor.
„Oder wollt Ihr lediglich die Folgen einer unbedachten Nacht nachträglich mit einer Ehe rechtfertigen?“
Titus' Blick wurde kalt. Für einen Augenblick war die Versuchung groß, aufzustehen und den Mann aus seinem Haus werfen zu lassen. Doch er beherrschte sich.
„Marcus Valerius Aelianus“, sagte er langsam, „Ihr werdet weder Calvina noch mich durch Andeutungen beleidigen.“
Aelianus erwiderte seinen Blick.
„Ihr könnt die Wahrheit nicht durch Befehle verändern.“
„Und Ihr könnt keine Wahrheit aus Vermutungen machen.“
Titus stand auf. Nicht hastig. Nicht drohend. Sondern mit der ruhigen Entschlossenheit eines Mannes, der seine Worte sorgfältig gewählt hatte.
„Ich werde Calvina nicht verleugnen. Ich werde auch nicht zulassen, dass ihre Ehre in meinem Haus zum Gegenstand boshafter Spekulationen wird.“
Severus erhob sich ebenfalls.
„Ihr habt Euch weit vorgewagt, Titus Aurelius Romanus.“
„Vielleicht.“
Titus sah ihn direkt an.
„Aber ich bin bereit, für meine Absichten einzustehen.“
NON POSSESSIO – KEIN BESITZANSPRUCH
Severus ging einige Schritte durch das Tablinum.
„Ihr sprecht von Liebe, als wäre sie die einzige Grundlage einer Ehe.“
„Nein“, erwiderte Titus. „Eine Ehe verlangt Verantwortung, Vertrauen und die Bereitschaft, füreinander einzustehen.“
„Und was ist mit den Familien?“
„Auch ihre Interessen verdienen Beachtung.“
„Dann erkennt Ihr also an, dass wir über diese Verbindung mitzuentscheiden haben?“
Titus überlegte.
„Ich erkenne an, dass eine Ehe zwischen unseren Familien rechtliche und gesellschaftliche Fragen aufwirft. Ich bin bereit, darüber zu sprechen.“
Severus nickte zufrieden. Doch Titus war noch nicht fertig.
„Was ich nicht anerkenne, ist die Vorstellung, dass Calvina keinerlei eigene Wünsche haben darf.“
Aelianus schüttelte den Kopf.
„Ihr redet, als wäre die Ehe ein Gespräch zwischen zwei Liebenden und nicht eine Verpflichtung gegenüber der Familie.“
Titus sah ihn an.
„Eine Ehe, in der einer der beiden Menschen den anderen verachtet, ist keine gute Grundlage für eine Familie.“
„Calvina verachtet mich nicht.“
„Dann solltet Ihr sie selbst fragen.“
Aelianus schwieg. Titus fuhr fort:
„Ich werde nicht behaupten, Calvina gehöre mir. Sie gehört niemandem wie ein Stück Land oder ein wertvoller Gegenstand.“
Severus verzog das Gesicht.
„Ihr verwendet unangemessene Vergleiche.“
„Weil ich verhindern möchte, dass wir über sie sprechen, als wäre sie nicht anwesend.“
Er blickte zur Tür.
„Calvina möchte Euch persönlich begegnen.“
Severus richtete seine Tunika.
„Dann soll sie eintreten.“
Titus antwortete:
„Ich werde sie bitten, zu uns zu kommen.“
Er trat zur Tür und gab dem wartenden Diener ein Zeichen. Wenige Augenblicke später erschien Claudia Calvina.
VIR CONTRA UMBRAS – EIN MANN GEGEN SEINE SCHATTEN
Nachdem Aelianus gegangen war, blieb Severus noch einige Zeit. Das Gespräch verlief nun ruhiger. Der ältere Patrizier erklärte, dass er die Angelegenheit zunächst mit weiteren Angehörigen der Familie besprechen müsse. Titus akzeptierte dies. Er bestand lediglich darauf, dass Calvina währenddessen nicht bedrängt werden dürfe.
Schließlich verabschiedete sich Severus. Als die Besucher die Villa verlassen hatten, stand Titus allein im Tablinum. Seine Hände zitterten leicht. Nicht vor Angst.
Sondern vor der Anspannung, die er während des gesamten Gesprächs unterdrückt hatte. Er dachte an seine Kindheit. An seinen Vater, der von ihm Gehorsam verlangt hatte, ohne ihm Zuneigung zu schenken. An seine Brüder, die jede Schwäche ausgenutzt hatten. An die Jahre, in denen er gelernt hatte, dass Macht die einzige Möglichkeit sei, nicht erneut gedemütigt zu werden. Heute hatte er eine andere Entscheidung getroffen. Er hatte sich nicht durch Beleidigungen provozieren lassen. Er hatte Calvina nicht zum Schweigen gebracht, um selbst für sie zu sprechen. Und er hatte seinen gesellschaftlichen Rang nicht benutzt, um ihren Willen durch seinen eigenen zu ersetzen. Selina trat ein.
„Sie sind fort.“
Titus nickte.
„Ja.“
„Und?“
Er setzte sich erschöpft.
„Ich glaube, wir haben einen Krieg vermieden.“
Selina lächelte schwach.
„Vielleicht nur die erste Schlacht.“
Titus sah sie an.
„Du glaubst, Aelianus wird zurückkommen?“
„Nicht unbedingt persönlich.“
„Was meinst du?“
„Ein Mann, der so viel Wert auf seinen Rang legt, vergisst eine öffentliche Zurückweisung selten.“
Titus dachte nach.
„Dann müssen wir vorsichtig sein.“
Selina nickte.
„Ja.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Aber du hast heute etwas richtig gemacht.“
„Was?“
„Du hast Calvina selbst kämpfen lassen.“
Titus blickte zur Tür.
„Sie war mutiger als ich.“
Selina lächelte.
„Das solltest du ihr sagen.“
TUTELA AMORIS – DER SCHUTZ DER LIEBE
Am Abend fand Titus Calvina im Garten. Sie saß auf einer Steinbank und betrachtete die Rosen. Als sie ihn bemerkte, stand sie auf.
„Titus.“
Er trat zu ihr.
„Wie geht es dir?“
„Ich bin erschöpft.“
„Das kann ich verstehen.“
Sie lächelte schwach.
„Ich glaube, ich habe noch nie so oft meinem Onkel widersprochen.“
Titus nahm ihre Hand.
„Du warst bemerkenswert.“
„Ich hatte schreckliche Angst.“
„Das habe ich gesehen.“
„Und du?“
Er überlegte.
„Ich hatte Angst, die Beherrschung zu verlieren.“
Calvina sah ihn überrascht an.
„Wegen Aelianus?“
„Ja.“
„Du hast es dir nicht anmerken lassen.“
„Ich habe mich sehr bemüht.“
Sie legte ihre Arme um ihn.
„Danke.“
Titus küsste ihre Stirn.
„Wofür?“
„Dass du mich nicht unterbrochen hast.“
Er lächelte.
„Du hast mir deutlich genug gezeigt, dass du selbst sprechen wolltest.“
„Und du hast es verstanden.“
„Ich lerne.“
Calvina lachte leise. Dann wurde sie ernst.
„Titus, ich weiß, dass du mich beschützen möchtest.“
„Mehr als alles andere.“
„Aber du musst mir etwas versprechen.“
„Was?“
„Wenn meine Familie wiederkommt, darfst du nicht glauben, dass du alles allein tragen musst.“
Er sah sie an.
„Calvina ...“
Sie legte einen Finger auf seine Lippen.
„Nein. Jetzt höre mir zu.“
Er schwieg.
„Ich bin nicht mehr das Mädchen, das sich vor jeder Entscheidung seines Onkels fürchtet.“
Sie nahm seine Hände.
„Ich bin die Frau, die dich liebt. Und wenn wir heiraten, möchte ich deine Gefährtin sein.“
Titus spürte, wie sich etwas in seiner Brust löste.
Er zog sie in seine Arme.
„Dann verspreche ich dir, dass wir diese Auseinandersetzung gemeinsam bestehen.“
-
COR FORTIS – EIN MUTIGES HERZ
Calvina hatte sich an diesem Morgen besonders sorgfältig gekleidet. Nicht, um Marcus Valerius Aelianus zu gefallen. Und auch nicht, um ihren Onkel zu besänftigen. Sie wollte zeigen, dass sie sich ihrer Herkunft bewusst war und dennoch eine eigene Entscheidung getroffen hatte. Ihre Stola bestand aus feinem, cremefarbenem Stoff. Eine schmale goldene Spange hielt das Gewand an der Schulter zusammen. Ihr dunkles Haar war kunstvoll, aber nicht übertrieben aufgesteckt. Um ihren Hals trug sie eine kleine Kette, die ihr einst ihre Mutter geschenkt hatte.
or dem bronzenen Spiegel blieb sie stehen. Ihre Hände waren kalt. Sie wusste, dass ihr Onkel zornig sein würde. Sie wusste auch, dass Marcus Valerius Aelianus versuchen könnte, sie zu beschämen. Doch sie hatte einen Entschluss gefasst. Sie würde nicht schweigen. Eine Dienerin trat ein.
„Domina, die Herren sind angekommen.“
Calvina nickte.
„Ich weiß.“
„Dominus Titus empfängt sie im Tablinum.“
„Gut.“
Die Dienerin zögerte.
„Habt Ihr Angst?“
Calvina lächelte schwach.
„Ja.“
„Soll ich Dominus Titus holen?“
„Nein.“
Sie richtete sich auf.
„Er weiß, dass ich Angst habe. Aber heute muss ich selbst sprechen.“
Die Dienerin verneigte sich. Als Calvina allein war, legte sie eine Hand auf ihre Brust. Ihr Herz schlug schnell. Sie dachte an Titus. An seine Umarmung. An die Art, wie er sie ansah.
Und an sein Versprechen, sie niemals gegen ihren Willen festzuhalten. Dann flüsterte sie:
„Ich werde ihn nicht verleugnen.“
CORAM OMNIBUS – VOR ALLEN ANWESENDEN
Als Calvina das Tablinum betrat, erhoben sich die Männer. Titus trat einen Schritt zur Seite. Er wollte ihr den Weg nicht versperren. Severus musterte seine Nichte streng.
„Calvina.“
„Onkel.“
Sie verneigte sich respektvoll.
„Marcus Valerius Aelianus.“
Aelianus erwiderte die Begrüßung.
„Claudia Calvina. Es freut mich, Euch wohlbehalten zu sehen.“
Seine Stimme klang höflich. Doch sein Blick war kühl. Severus deutete auf einen Stuhl.
„Setz dich.“
Calvina nahm Platz. Titus setzte sich neben sie. Severus begann ohne Umschweife.
„Calvina, du hast uns große Sorgen bereitet.“
„Das bedaure ich.“
„Du hast unser Haus verlassen, ohne uns zu informieren.“
„Ja.“
„Du hast die Nacht in der Villa Aurelia verbracht.“
„Ja.“
„Und du hast mir einen Brief geschrieben, in dem du erklärst, dass du diesen Mann liebst.“
Calvina sah zu Titus. Er erwiderte ihren Blick. Dann wandte sie sich wieder ihrem Onkel zu.
„Ja.“
Severus schlug mit der Hand auf die Armlehne.
„Ist das alles, was du zu sagen hast?“
Calvina erschrak. Doch sie blieb sitzen.
„Nein, Onkel.“
„Dann erkläre dich.“
Sie atmete tief ein.
„Ich liebe Titus Aurelius Romanus.“
Aelianus senkte langsam den Blick. Severus starrte sie an.
„Du hast das bereits geschrieben.“
„Dann möchte ich, dass Ihr es auch aus meinem Mund hört.“
„Du kennst diesen Mann kaum.“
„Ich kenne ihn besser, als Ihr glaubt.“
„Du bist jung, Claudia.“
„Das weiß ich.“
„Du verstehst nicht, welche Folgen deine Entscheidung haben kann.“
Calvina sah ihn fest an.
„Vielleicht verstehe ich nicht alle Folgen. Aber ich verstehe meine Gefühle.“
Severus schüttelte den Kopf.
„Gefühle vergehen.“
„Manche vielleicht.“
Sie nahm Titus' Hand.
„Aber ich werde nicht einen anderen Mann heiraten, während ich Titus liebe.“
MARCUS VALERIUS AELIANUS – DER ZURÜCKGEWIESENE BEWERBER
Aelianus hatte bislang geschwiegen. Nun beugte er sich vor.
„Claudia, erlaubt mir eine Frage.“
„Bitte.“
„Habe ich Euch jemals beleidigt?“
„Nein.“
„Habe ich Euch jemals respektlos behandelt?“
„Nicht persönlich.“
„Habe ich Euch Anlass gegeben, an meiner Stellung oder meinem Charakter zu zweifeln?“
Calvina zögerte.
„Ich kenne Euch nicht gut genug, um Euren Charakter zu beurteilen.“
Aelianus lächelte.
„Dann verstehe ich Eure Ablehnung nicht.“
„Ich liebe Euch nicht.“
Die Antwort kam ruhig. Aelianus' Lächeln erstarrte.
„Liebe kann in einer Ehe entstehen.“
„Vielleicht.“
„Viele angesehene römische Ehen beginnen mit einer Vereinbarung zwischen den Familien.“
„Das weiß ich.“
„Warum also verweigert Ihr Euch einer Verbindung, die Euch Sicherheit, Ansehen und eine hervorragende gesellschaftliche Stellung bieten würde?“
Calvina sah ihn an.
„Weil ich mein Leben nicht mit einem Mann verbringen möchte, den ich nicht liebe.“
Aelianus richtete sich auf.
„Ihr sprecht wie ein junges Mädchen, das sich von romantischen Vorstellungen leiten lässt.“
Titus bewegte sich leicht. Calvina bemerkte es. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Ein stilles Zeichen. Lass mich antworten.
Dann wandte sie sich wieder Aelianus zu.
„Marcus Valerius Aelianus, ich habe Euch nicht beleidigt. Ich habe Euch keine Ehe versprochen. Ich habe Euch keine Hoffnung gemacht.“
„Unsere Familien haben miteinander gesprochen.“
„Unsere Familien. Nicht wir beide.“
Aelianus schwieg. Calvina fuhr fort:
„Ich respektiere Eure Stellung. Ich erkenne an, dass Ihr eine Verbindung mit meiner Familie für wünschenswert haltet.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Aber ich werde Euch nicht heiraten.“
Severus schloss die Augen. Aelianus betrachtete sie lange.
„Ist das Eure endgültige Entscheidung?“
Calvina spürte, wie Titus ihre Hand sanft drückte. Sie hob den Kopf.
„Ja.“
„Auch wenn Eure Familie Euch darum bittet, Eure Entscheidung zu überdenken?“
„Ja.“
„Auch wenn Titus Aurelius Romanus eines Tages euch verlassen muss?“
Diese Frage traf sie unerwartet. Sie sah kurz zu Titus. Dann antwortete sie:
„Dann werde ich mit ihm darüber sprechen, wie wir unser gemeinsames Leben gestalten.“
Aelianus' Stimme wurde schärfer.
„Ihr würdet Rom verlassen? Für einen möglichen Soldaten, dessen Dienst ihn jederzeit an die Grenzen des Reiches führen kann?“
Calvina erwiderte:
„Ich würde lieber mit Titus über eine ungewisse Zukunft sprechen, als mit Euch eine sichere Zukunft zu führen, die ich nicht gewählt habe.“
Es wurde vollkommen still.
DIGNITAS MULIERIS – DIE WÜRDE EINER FRAU
Severus erhob sich.
„Calvina, du vergisst deine Pflichten.“
Calvina stand ebenfalls auf.
„Nein, Onkel.“
„Du stellst deine persönlichen Wünsche über die Interessen unserer Familie.“
„Ich möchte nicht, dass unsere Familie durch meine Entscheidung entehrt wird.“
„Dann kehre nach Hause zurück.“
Calvina schwieg. Severus trat näher.
„Du wirst deine Sachen zusammenpacken und mit mir kommen.“
Titus erhob sich. Doch Calvina hob die Hand.
„Bitte, Titus.“
Er blieb stehen. Sie wandte sich ihrem Onkel zu.
„Ich werde heute nicht mit Euch zurückkehren.“
Severus' Gesicht rötete sich.
„Du widersetzt dich mir?“
„Ja.“
Das Wort war kaum lauter als ein Flüstern. Jeder im Raum hörte es. Severus starrte sie ungläubig an.
„Du hast offenbar vergessen, wer ich bin.“
Calvina senkte kurz den Blick. Dann hob sie ihn wieder.
„Nein. Ihr seid mein Onkel. Ihr habt Euch nach dem Tod meines Vaters um viele Angelegenheiten unserer Familie gekümmert. Dafür bin ich Euch dankbar.“
Severus' Gesicht wurde etwas weicher. Doch Calvina fuhr fort:
„Aber Dankbarkeit bedeutet nicht, dass ich Euch die Wahl meines Ehemannes vollständig überlassen muss.“
„Du verstehst die rechtlichen Verhältnisse nicht.“
„Dann erklärt sie mir.“
Severus schwieg. Calvina setzte hinzu:
„Ich weiß, dass die Zustimmung des zuständigen Familienoberhauptes für eine rechtmäßige Ehe von Bedeutung sein kann. Ich weiß auch, dass Ihr als mein Onkel Einfluss auf meine Familie habt.“
Sie sah ihm fest in die Augen.
„Aber Ihr könnt mich nicht dazu bringen, Marcus Valerius Aelianus zu lieben.“
Severus antwortete nicht.
„Und Ihr könnt Titus nicht aus meinem Herzen entfernen, indem Ihr mir befehlt, ihn zu vergessen.“
Titus betrachtete sie. Er hatte Calvina bereits als liebevolle, nachdenkliche und empfindsame junge Frau kennengelernt. Doch nun sah er eine andere Seite ihres Wesens.
Mut. Nicht den Mut eines Soldaten, der einem Gegner mit gezogener Waffe gegenüberstand. Sondern den Mut einer jungen Frau, die vor den mächtigsten Männern ihres bisherigen Lebens ihre eigene Stimme fand.
INTER DUOS VIROS – ZWISCHEN ZWEI MÄNNERN
Aelianus erhob sich ebenfalls.
„Calvina, ich möchte Euch etwas deutlich machen.“
Sie wandte sich ihm zu.
„Ich höre.“
„Ich bin bereit, über die Ereignisse der vergangenen Nacht hinwegzusehen.“
Titus' Gesicht verhärtete sich. Calvina jedoch antwortete selbst.
„Wie großzügig von Euch.“
Aelianus bemerkte den Spott.
„Ihr missversteht mich.“
„Nein.“
Sie trat einen Schritt vor.
„Ihr sprecht, als hättet Ihr ein Recht, mir zu verzeihen.“
„Ich versuche lediglich, Eure Lage zu berücksichtigen.“
„Dann berücksichtigt bitte auch meine Entscheidung.“
Aelianus presste die Lippen zusammen.
„Ihr werdet feststellen, dass eine Ehe mit Titus Aurelius Romanus nicht so einfach zustande kommt, wie Ihr glaubt.“
Calvina hielt seinem Blick stand.
„Vielleicht.“
„Seine Familie muss zustimmen. Eure Familie muss zustimmen. Und es gibt gesellschaftliche Verpflichtungen, die Ihr nicht einfach ignorieren könnt.“
„Dann werden wir uns diesen Fragen stellen.“
„Ihr seid bereit, für ihn alles zu verlieren?“
Calvina überlegte.
Dann antwortete sie langsam:
„Ich hoffe, dass ich nicht alles verlieren muss.“
Sie sah zu ihrem Onkel.
„Ich möchte meine Familie nicht verlieren.“
Dann blickte sie Aelianus wieder an.
„Aber ich werde Titus nicht aufgeben, nur damit Ihr Euren Stolz bewahren könnt.“
Aelianus wurde blass vor Zorn.
„Ihr beleidigt mich.“
„Nein. Ich lehne Euren Heiratswunsch ab.“
Sie richtete sich auf.
„Und ich bitte Euch, diesen Unterschied endlich anzuerkennen.“
AMOR ELECTUS – DIE FREI GEWÄHLTE LIEBE
Titus trat nun an Calvinas Seite. Nicht vor sie. Nicht zwischen sie und ihren Onkel. Sondern neben sie.
„Gaius Claudius Severus“, begann er, „Ihr habt heute gehört, was Calvina selbst möchte.“
Severus antwortete kühl:
„Und Ihr glaubt, damit sei die Angelegenheit beendet?“
„Nein.“
Titus blickte ihn ernst an.
„Ich weiß, dass noch viele Fragen zu klären sind.“
„Dann seid Ihr wenigstens vernünftig genug, das anzuerkennen.“
„Ich bin bereit, mit den zuständigen Angehörigen beider Familien über eine Ehe zu sprechen.“
Aelianus lachte verächtlich.
„Wie edel.“
Titus ignorierte ihn.
„Ich bin bereit, die rechtlichen Voraussetzungen zu prüfen, die Vermögensverhältnisse zu besprechen und alle notwendigen Vereinbarungen zu treffen.“
Severus hörte aufmerksam zu.
„Und was verlangt Ihr dafür?“
Titus blickte zu Calvina.
Dann antwortete er:
„Dass niemand versucht, sie gegen ihren erklärten Willen mit Marcus Valerius Aelianus zu verheiraten.“
Severus schwieg. Titus fuhr fort:
„Ich bin nicht hier, um Euch Eure Nichte wegzunehmen. Ich möchte sie heiraten, weil wir einander lieben.“
Calvina trat näher an ihn heran.
„Und ich möchte seine Frau werden.“
Aelianus sah zwischen den beiden hin und her. Zum ersten Mal begriff er, dass es sich nicht um eine flüchtige Schwärmerei handelte. Diese beiden Menschen hatten bereits eine gemeinsame Entscheidung getroffen. Und sie waren bereit, die Folgen zu tragen.
„Dann“, sagte Aelianus schließlich, „wünsche ich Euch viel Glück.“
Seine Stimme verriet, dass er das Gegenteil meinte. Er wandte sich an Severus.
„Ich glaube, meine Anwesenheit ist hier nicht länger erforderlich.“
Severus nickte steif. Aelianus verneigte sich knapp vor Calvina.
„Claudia Calvina.“
„Marcus Valerius Aelianus.“
Dann wandte er sich an Titus.
„Wir werden uns wiedersehen, Aurelier.“
Titus hielt seinem Blick stand.
„Das ist durchaus möglich.“
Aelianus verließ das Tablinum. Wenig später hörten sie seine Schritte im Atrium verhallen.
LIBERTAS CORDIS – DIE FREIHEIT DES HERZENS
Calvina hatte nach dem Gespräch lange gebraucht, um ihre Gedanken zu ordnen. Noch immer hörte sie die Stimme ihres Onkels. Du vergisst deine Pflichten. Noch immer sah sie Marcus Valerius Aelianus vor sich. Seinen Stolz. Seine gekränkte Eitelkeit. Und die Selbstverständlichkeit, mit der er angenommen hatte, dass sie seine Frau werden würde. Doch etwas war anders geworden. Zum ersten Mal hatte sie vor beiden Männern ausgesprochen, was sie wirklich wollte. Sie hatte Titus nicht nur im Schutz der Bibliothek oder in der Geborgenheit seiner Arme ihre Liebe gestanden. Sie hatte ihn vor ihrer Familie als den Mann bezeichnet, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte. Und Titus hatte sie nicht enttäuscht. Er hatte ihre Entscheidung verteidigt, ohne ihr die Stimme zu nehmen. Sie dachte an den Augenblick zurück, als Aelianus gefragt hatte, ob ihre Ablehnung endgültig sei. Ja. Ein einziges Wort. Doch dieses Wort hatte ihr Leben verändert.
SPES MATRIMONII – DIE HOFFNUNG AUF EINE EHE
Später am Abend saß Calvina in ihrem Gemach. Vor ihr lag ein kleines Wachstäfelchen. Sie hatte begonnen, Gedanken über ihre mögliche Hochzeit niederzuschreiben.
Nicht über die Feierlichkeiten. Nicht über kostbare Gewänder. Nicht über die Gäste. Sondern über ihr zukünftiges Leben mit Titus. Sie stellte sich vor, wie sie gemeinsam im Garten saßen.
Wie Titus ihr aus seinen Büchern vorlas. Wie sie mit ihm über seine Erlebniss sprach. Wie sie eines Tages vielleicht Kinder haben würden. Bei diesem Gedanken lächelte sie. Kinder. Ein Sohn mit Titus' dunklen Augen. Oder eine Tochter, die ebenso neugierig war wie ihr Vater. Dann dachte sie an das, was Titus ihr über seine Kindheit erzählt hatte. An die Ablehnung durch seinen Vater. An die Grausamkeit seiner Brüder. An die Demütigungen, die ihn geprägt hatten. Ihr Lächeln verschwand. Sie nahm den Griffel wieder auf. Wenn wir eines Tages Kinder haben, sollen sie niemals um unsere Liebe fürchten müssen. Sie betrachtete die Worte. Dann fügte sie hinzu: Unser Haus soll ein Ort sein, an dem niemand Angst haben muss, seine Gefühle zu zeigen. Sie legte den Griffel beiseite. In diesem Augenblick verstand Calvina, dass ihre Liebe zu Titus nicht nur eine Entscheidung für einen Mann war. Es war auch eine Entscheidung für ein anderes Leben.
OSCULUM SUB STELLIS – EIN KUSS UNTER DEN STERNEN
Als Titus später zu ihr kam, fand er sie noch immer am Schreibtisch.
„Was schreibst du?“, fragte er.
Calvina errötete.
„Nichts Wichtiges.“
Er lächelte.
„Dann muss es sehr wichtig sein.“
Sie lachte.
„Du bist neugierig.“
„Berufskrankheit.“
„Als Patrizier?“
„Als Mann, der dich liebt.“
Sie stand auf und trat zu ihm.
„Ich habe über unsere Zukunft nachgedacht.“
Titus wurde ernst.
„Und?“
„Ich glaube, ich möchte viele Kinder.“
Er blinzelte überrascht.
„Viele?“
Sie nickte.
„Vielleicht drei.“
Titus lachte.
„Das ist eine bemerkenswert genaue Planung.“
„Oder vier.“
„Calvina!“
Sie lachte so herzlich, dass er sie schließlich ebenfalls lachend in die Arme nahm. Dann legte sie ihre Stirn an seine.
„Aber eines ist mir wichtig.“
„Was?“
„Unsere Kinder sollen niemals erleben, was du erlebt hast.“
Titus verstummte. Calvina strich ihm über die Wange.
„Ich möchte, dass sie wissen, dass wir sie lieben.“
Er schloss für einen Augenblick die Augen.
„Calvina ...“
„Und ich möchte, dass du weißt, dass du nicht so werden musst wie dein Vater.“
Titus öffnete die Augen. In seinem Blick lag eine Verletzlichkeit, die er nur selten zeigte.
„Manchmal fürchte ich genau das.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dann werde ich dich daran erinnern, wer du wirklich bist.“
Er zog sie fest an sich. Lange standen sie schweigend beieinander. Schließlich hob Calvina den Kopf.
„Titus?“
„Ja?“
„Küss mich.“
Er lächelte.
„Sehr gern.“
Und unter dem offenen Fenster, durch das der warme Abendwind Roms hereinwehte, küsste Titus Aurelius Romanus die Frau, die er eines Tages zu seiner Ehefrau machen wollte.
EPILOG – AMOR NON VINCITUR
Die Liebe lässt sich nicht bezwingen In der Villa Aurelia war an diesem Tag eine Entscheidung gefallen. Titus Aurelius Romanus hatte sich offen zu Claudia Calvina bekannt.
Er hatte erklärt, dass er sie heiraten wollte. Und er hatte gezeigt, dass seine Liebe nicht auf Besitzansprüchen beruhte, sondern auf Achtung, Verantwortung und dem Wunsch, mit Claudia eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Calvina wiederum hatte zum ersten Mal vor ihrer Familie und vor Marcus Valerius Aelianus ihren eigenen Willen verteidigt. Sie hatte sich geweigert, eine Ehe einzugehen, die sie nicht wollte. Und sie hatte unmissverständlich erklärt, dass ihre Liebe Titus Aurelius Romanus galt. Doch während die beiden Liebenden in der Villa Aurelia von einer gemeinsamen Zukunft träumten, saß Marcus Valerius Aelianus in seinem eigenen Haus. Vor ihm stand ein Becher Wein. Er hatte kaum davon getrunken. Seine Gedanken kreisten um die Zurückweisung. Um Calvina. Und vor allem um Titus Aurelius Romanus. Ein Diener trat ein.
„Dominus, Ihr habt nach mir verlangt?“
Aelianus blickte auf.
„Ja.“
„Was wünscht Ihr?“
Aelianus schwieg einen Augenblick.
Dann fragte er:
„Was weißt du über die Familie des Titus Aurelius Romanus?“
„Nicht viel, Dominus.“
„Dann finde es heraus.“
„Was genau?“
Aelianus lehnte sich zurück.
„Seine Herkunft. Seine Verwandten. Seine Karriere."
„Und vor allem möchte ich wissen, ob es innerhalb seiner Familie Menschen gibt, die ihm nicht wohlgesonnen sind.“
Der Diener verneigte sich.
„Wie Ihr wünscht.“
Als der Mann gegangen war, blieb Aelianus allein zurück. Er dachte an Titus' ruhige Haltung. An dessen selbstbewusste Worte. Und an Calvina, die vor allen Anwesenden erklärt hatte, dass sie einen anderen Mann liebte. Langsam verzog sich sein Mund zu einem kalten Lächeln.
„Titus Aurelius Romanus“, murmelte er.
„Jeder Mann hat eine Schwäche.“
Er nahm den Becher.
„Und ich werde deine finden.“
Was Aelianus noch nicht wusste, war, dass es in Titus' Vergangenheit keine Menschen mehr gab, die ihm feindlich gesinnt waren.
Denn während Titus Aurelius Romanus glaubte, die erste Auseinandersetzung um Claudia Calvina überstanden zu haben, bereitete Marcus Valerius Aelianus bereits den nächsten Schritt vor. Diesmal würde er nicht versuchen, Calvina unmittelbar umzustimmen. Er würde versuchen, den Mann zu treffen, den sie liebte.
Und möglicherweise würde er dafür Verbündete finden, die Titus besser kannten, als diesem lieb sein konnte.
-
FEINDE DES EIGENEN BLUTES
Die Auseinandersetzung in der Villa Aurelia hatte Marcus Valerius Aelianus eine Demütigung beschert, die er nicht vergessen konnte. Vor Angehörigen zweier angesehener römischer Familien hatte Claudia Calvina erklärt, dass sie Titus Aurelius Romanus liebte und keinen anderen Mann heiraten wollte. Für Titus und Calvina war diese Erklärung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer gemeinsamen Zukunft gewesen. Für Aelianus dagegen bedeutete sie eine persönliche Niederlage. Er hatte angenommen, dass seine gesellschaftliche Stellung, sein Vermögen und seine Verbindungen ausreichen würden, um die Zustimmung der Gens Claudia zu gewinnen. Doch nun stand ihm ein Mann gegenüber, dessen Herkunft ebenso angesehen war wie seine eigene und dessen finanzielle Unabhängigkeit ihm zusätzliches Ansehen verlieh. Aelianus beschloss deshalb, Titus' Vergangenheit untersuchen zu lassen. Er hoffte, dort etwas zu finden, das dessen Ruf beschädigen und die geplante Ehe verhindern konnte. Was er nicht ahnte, war, dass seine Nachforschungen ein Ergebnis haben würden, das ihn noch mehr erzürnen sollte als Calvinas Zurückweisung. Denn die Gens Aurelia war keineswegs bereit, einem ehrgeizigen Fremden Einblick in ihre Familienangelegenheiten zu gewähren. Und Titus Aurelius Romanus war innerhalb seiner Familie weit besser geschützt, als Aelianus vermutete.
SPES NOVAE VITAE – DIE HOFFNUNG AUF EIN NEUES LEBEN
Die Sonne stand bereits hoch über den Gärten der Villa Aurelia, als Titus Aurelius Romanus das Tablinum betrat. Auf einem großen Tisch lagen mehrere Wachstafeln, Schriftrollen und Aufzeichnungen über die Besitzungen der Familie. Daneben befand sich eine Liste jener Personen, deren Zustimmung oder Mitwirkung für eine Eheschließung mit Claudia Calvina von Bedeutung sein konnte. Titus betrachtete die Unterlagen mit einem Lächeln. Noch vor wenigen Wochen hätte er nicht geglaubt, dass er sich eines Tages mit solchen Fragen beschäftigen würde. Er hatte für sein Leben vorgesehen als Offizier der Legio XXII Primigenia in Germanien sein Leben zu verbringen. Seine Gedanken hatten sich um militärische Pflichten, die Sicherung der Grenzen und die geheimnisvollen Vorgänge gedreht, die ihn in den vergangenen Monaten beschäftigt hatten. Nun dachte er über eine Hochzeit nach. Über ein gemeinsames Haus. Über eine Frau, deren Lächeln ihm wichtiger geworden war als die Anerkennung seiner Vorgesetzten. Und über Kinder, die vielleicht eines Tages durch die Gärten der Villa Aurelia laufen würden.
„Du lächelst.“
Titus wandte sich um. Claudia Calvina stand im Eingang. Sie trug eine hellblaue Stola und hatte ihr dunkles Haar locker aufgesteckt.
„Ist das ungewöhnlich?“, fragte Titus.
„Bei dir schon.“
Sie trat näher und betrachtete die Schriftrollen.
„Was machst du?“
„Ich versuche herauszufinden, wie man eine Hochzeit vorbereitet, ohne dabei den Verstand zu verlieren.“
Calvina lachte.
„Das klingt nach einer schwierigen militärischen Unternehmung.“
„Es gab Feldzüge die weniger Planung verlangten.“
Sie stellte sich neben ihn.
„Dann brauchst du offenbar Unterstützung.“
Titus legte einen Arm um ihre Taille.
„Ich hatte gehofft, dass du das sagst.“
Sie küsste ihn flüchtig.
„Also, mein tapferer Feldherr. Was hast du bereits herausgefunden?“
„Dass wir zunächst klären müssen, wer rechtlich seine Zustimmung geben muss. Danach können wir über die Mitgift, die Feierlichkeiten und unsere zukünftige Haushaltsführung sprechen.“
Calvina betrachtete ihn überrascht.
„Du hast dir wirklich Gedanken gemacht.“
„Ich möchte dich heiraten, Calvina. Nicht nur davon träumen.“
Sie wurde ernst.
„Und wenn meine Familie weiterhin Schwierigkeiten macht?“
Titus nahm ihre Hand.
„Dann werden wir Geduld brauchen.“
„Du und Geduld?“
Er lächelte.
„Ich bemühe mich um eine neue Tugend.“
Calvina lachte und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Für einige Augenblicke genossen beide die Vorstellung, dass ihre Zukunft tatsächlich in ihren eigenen Händen liegen könnte.
UMBRAE PRAETERITI – DIE SCHATTEN DER VERGANGENHEIT
Am Nachmittag erhielt Titus Besuch von Aurelia Prisca. Seine Verwandte gehörte zu den wenigen Menschen, die ihm bereits in seiner Kindheit aufrichtige Zuneigung entgegengebracht hatten. Sie kannte seine Vergangenheit. Sie wusste von den Demütigungen durch seine Brüder Paullus und Lucius. Und sie wusste, wie tief die Ablehnung seines Vaters Titus geprägt hatte. Prisca begrüßte ihn herzlich.
„Titus, ich höre erstaunliche Dinge.“
Er lächelte.
„Das beunruhigt mich.“
„Du willst heiraten.“
„Ja.“
„Und die junge Frau soll außergewöhnlich sein.“
„Das ist sie.“
Prisca betrachtete ihn aufmerksam.
„Dann freue ich mich für dich.“
Titus wirkte erleichtert.
„Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.“
„Warum sollte ich etwas anderes sagen?“
Er schwieg. Prisca verstand sofort.
„Du denkst an deine Familie.“
Titus nickte.
„An meinen Vater. An Paullus und Lucius.“
Sie nahm seine Hand.
„Titus, du bist nicht mehr der Junge, den sie einst erniedrigt haben.“
„Das weiß ich.“
„Aber du fürchtest noch immer, dass sie versuchen könnten, dir etwas zu nehmen, das dir wichtig ist.“
Er sah sie an.
„Calvina ist das Wichtigste, was mir seit langer Zeit widerfahren ist.“
Prisca lächelte sanft.
„Dann lass nicht zu, dass die Vergangenheit eure Zukunft bestimmt.“
Titus setzte sich.
„Ich habe manchmal Angst, Prisca.“
„Wovor?“
„Dass ich eines Tages so werde wie mein Vater.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dein Vater hätte eine Frau wie Calvina vermutlich als Mittel betrachtet, um seinen Einfluss zu vergrößern.“
„Und ich?“
„Du fragst dich, ob sie glücklich sein wird.“
Titus schwieg. Prisca drückte seine Hand.
„Das ist ein erheblicher Unterschied.“
NUNTIUS SECRETUS – DIE VERTRAULICHE NACHRICHT
Noch während Prisca in der Villa weilte, wurde Titus eine Nachricht überbracht. Der Absender war ein alter Bekannter der Familie, der in Rom gute Verbindungen unterhielt.
Titus öffnete die Wachstafel. Sein Gesicht veränderte sich. Prisca bemerkte es sofort.
„Was ist geschehen?“
Er las die Nachricht ein zweites Mal. Dann legte er sie auf den Tisch.
„Marcus Valerius Aelianus lässt Nachforschungen über mich anstellen.“
Prisca hob die Augenbrauen.
„Was für Nachforschungen?“
„Über meine Herkunft. Meine Karriere. Meine Vermögensverhältnisse.“
Er machte eine Pause.
„Und über meine Familie.“
Prisca wurde ernst.
„Dann sucht er nach etwas, das er gegen dich verwenden kann.“
Titus nickte.
„Offenbar.“
„Hat er etwas gefunden?“
„Bisher nicht.“
Prisca lehnte sich zurück.
„Das überrascht mich nicht.“
Titus sah sie an.
„Warum?“
„Weil du ihm wenig Anlass gibst.“
Prisca schüttelte den Kopf.
„Er könnte etwas versuchen.“
Prisca antwortete ruhig:
„Ich weiß auch, dass nicht jeder Angehörige der Gens Aurelia bereit ist, sich von einem Marcus Valerius Aelianus für dessen persönliche Interessen benutzen zu lassen.“
Titus schwieg.
„Und ich werde dafür sorgen“, fügte sie hinzu, „dass deine Verwandten wissen, was dieser Mann beabsichtigt.“
RESPONSUM GENTIS AURELIAE – DIE ANTWORT DER GENS AURELIA
Zwei Tage später versuchte ein Vertrauter des Marcus Valerius Aelianus, mit einem älteren Angehörigen der Gens Aurelia Kontakt aufzunehmen. Der Mann wurde in einem Empfangsraum eines aurelischen Stadthauses empfangen. Er stellte sich als Beauftragter des Marcus Valerius Aelianus vor. Sein Gastgeber, Publius Aurelius Marcellus, hörte zunächst höflich zu.
„Ihr möchtet also Auskünfte über Titus Aurelius Romanus erhalten?“
„Im Interesse einer möglichen Verbindung zwischen angesehenen Familien.“
Marcellus musterte den Besucher.
„Welche Verbindung?“
„Marcus Valerius Aelianus führt Gespräche mit der Gens Claudia.“
„Das ist mir bekannt.“
„Dann werdet Ihr verstehen, dass gewisse Fragen über Titus Aurelius Romanus geklärt werden müssen.“
Marcellus legte die Hände zusammen.
„Welche Fragen?“
„Seine persönlichen Verhältnisse. Seine Beziehungen innerhalb der Familie. Seine frühere Lebensführung.“
Marcellus schwieg einen Augenblick. Dann fragte er:
„Hat Titus Aurelius Romanus Euch beauftragt, diese Auskünfte einzuholen?“
„Nein.“
„Hat seine Familie Euch dazu ermächtigt?“
„Nein.“
„Dann verstehe ich nicht, weshalb Ihr glaubt, Anspruch auf solche Informationen zu besitzen.“
Der Besucher räusperte sich.
„Es geht um die Ehre mehrerer Familien.“
Marcellus richtete sich auf.
„Gerade deshalb sollte Euer Auftraggeber mit größerer Zurückhaltung handeln.“
„Marcus Valerius Aelianus ist ein angesehener Mann.“
„Das bestreite ich nicht.“
Marcellus' Stimme wurde kühler.
„Aber sein Ansehen berechtigt ihn nicht, die privaten Angelegenheiten unserer Familie zu untersuchen.“
„Ich versichere Euch, dass keine beleidigende Absicht besteht.“
„Dann richtet ihm aus, dass die Gens Aurelia keine Veranlassung sieht, seine Fragen zu beantworten.“
Der Besucher versuchte noch einmal, das Gespräch fortzusetzen. Marcellus hob die Hand.
„Unser Angehöriger Titus Aurelius Romanus ist ein Offizier des römischen Heeres. Seine dienstliche Stellung ist bekannt. Seine persönlichen Angelegenheiten betreffen ihn und die zuständigen Mitglieder unserer Familie.“
Er erhob sich.
„Sollte Marcus Valerius Aelianus eine berechtigte Frage haben, möge er sie offen vorbringen. Heimliche Nachforschungen werden wir nicht unterstützen.“
Der Besucher verstand, dass das Gespräch beendet war. Wenig später verließ er das Haus. Die Gens Aurelia hatte Marcus Valerius Aelianus unmissverständlich abgewiesen.
NIHIL INVENIT – ER FAND NICHTS
Als Titus einige Tage später den Bericht über die Nachforschungen erhielt, konnte er zunächst kaum glauben, was er las. Aelianus hatte verschiedene Kontakte genutzt. Er hatte versucht, Informationen über Titus Vergangenheit einzuholen. Er hatte nach möglichen Schulden gefragt. Er hatte sich nach früheren Streitigkeiten erkundigt. Und er hatte sogar versucht, über entfernte Verwandte Zugang zu Familienangelegenheiten zu erhalten. Doch nichts davon hatte ihm verwertbare Erkenntnisse gebracht. Seine Vermögensverhältnisse boten keinen Anlass für einen Skandal. Seine gesellschaftliche Stellung war anerkannt. Und die Gens Aurelia hatte jede weitere Einmischung zurückgewiesen. Titus las den letzten Abschnitt des Berichts zweimal. Dann begann er zu lachen. Selina, die neben ihm stand, blickte überrascht auf.
„Was ist so komisch?“
„Die Gens Aurelia hat Marcus komplett abgewiesen.“
Selina hob die Augenbrauen.
„Das überrascht dich?“
„Du kennst meine Verwandte nicht so gut wie ich.“
„Vielleicht kenne ich den Stolz römischer Familien besser, als du glaubst.“
Titus schüttelte lächelnd den Kopf.
„Das klingt nach einer eigenartigen Form familiärer Treue.“
„Das ist es auch.“
Dann wurde Titus nachdenklich.
„Aber ich werde mich nicht täuschen lassen. Sie haben Aelianus nicht aus Zuneigung zu mir zurückgewiesen.“
Selina nickte.
„Das musst du auch nicht glauben.“
Titus legte den Bericht beiseite.
„Wichtig ist, dass Calvina nicht durch irgendwelche erfundenen Anschuldigungen belastet wird.“
„Und Aelianus?“
Titus lächelte.
„Der wird vermutlich sehr unzufrieden sein.“
-
DOMUS FUTURA – DAS ZUKÜNFTIGE HAUS
Claudia Calvina verbrachte die folgenden Tage damit, sich zunehmend mit ihrem zukünftigen Leben als Ehefrau des Titus Aurelius Romanus zu beschäftigen. Die Villa Aurelia war groß.
Sie verfügte über mehrere Empfangsräume, eine Bibliothek, einen weitläufigen Garten und zahlreiche Gemächer. Doch Calvina interessierte sich weniger für den Reichtum des Hauses als für die Frage, wie sie gemeinsam mit Titus darin leben würden. Eines Morgens führte sie eine ältere Dienerin durch die Räume.
„Dieses Zimmer wird nur selten benutzt, Domina.“
Calvina blickte hinein. Es war ein heller Raum mit Blick auf den Garten.
„Warum nicht?“
„Früher wurden hier Gäste untergebracht.“
Calvina trat an das Fenster. Sie betrachtete die Bäume. Dann lächelte sie.
„Es wäre ein schönes Kinderzimmer.“
Die Dienerin sah sie überrascht an.
„Domina?“
Calvina errötete.
„Ich meine ... eines Tages vielleicht.“
Die Dienerin lächelte.
„Das wäre gewiss möglich.“
Calvina ging weiter. In der Bibliothek blieb sie vor den Regalen stehen. Sie strich über die sorgfältig geordneten Schriftrollen. Titus liebte Bücher. Er liebte Geschichte, Philosophie und die Berichte über ferne Länder. Calvina stellte sich vor, wie sie hier gemeinsam lesen würden. Vielleicht würde Titus ihr eines Tages von seinen Erlebnissen erzählen. Vielleicht würden ihre Kinder zwischen den Regalen spielen. Sie lächelte. Noch war nichts entschieden. Doch zum ersten Mal erschien ihr eine gemeinsame Zukunft nicht nur als romantischer Traum, sondern als etwas, das tatsächlich Wirklichkeit werden konnte.
EPISTULA OCCULTA – DER VERTRAULICHE BRIEF
Am Nachmittag erhielt Claudia einen Brief aus der Villa Claudia. Das Siegel gehörte ihrer Tante, Claudia Marcella. Marcella war die Ehefrau ihres Onkels und hatte sich während der Auseinandersetzung bislang weitgehend zurückgehalten. Calvina öffnete den Brief neugierig.
"Meine liebe Calvina,
ich weiß, dass die vergangenen Tage für dich nicht leicht gewesen sind.
Dein Onkel ist weiterhin sehr verärgert. Er betrachtet deine Entscheidung als schweren Eingriff in die Pläne unserer Familie.
Doch ich möchte, dass du etwas weißt.
Nicht alle Angehörigen unseres Hauses teilen seine Auffassung.
Einige halten Titus Aurelius Romanus für einen durchaus geeigneten Ehemann.
Seine Herkunft ist angesehen. Seine militärische Stellung verdient Respekt. Und es gibt bislang keinen Grund, an seiner persönlichen Ehre zu zweifeln.
Vor allem aber haben einige von uns erkannt, dass du deine Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hast.
Ich werde versuchen, deinen Onkel zu einem ruhigeren Gespräch zu bewegen.
Du sollst wissen, dass du innerhalb unserer Familie nicht ohne Unterstützung bist.
In Zuneigung,
Claudia Marcella."
Calvina las den Brief erneut. Dann ein drittes Mal. Schließlich legte sie ihn an ihre Brust. Zum ersten Mal seit ihrer Entscheidung hatte sie das Gefühl, dass sich nicht ihre gesamte Familie gegen sie stellte. Tränen traten in ihre Augen. Nicht aus Trauer. Sondern aus Erleichterung.
SPES FAMILIAE – DIE HOFFNUNG DER FAMILIE
Am Abend zeigte Calvina Titus den Brief. Er las ihn aufmerksam. Dann blickte er auf.
„Das sind gute Nachrichten.“
Claudia nickte.
„Meine Tante hat mich immer verstanden.“
„Dann sollten wir sie vielleicht bald einladen.“
„Das würde mich freuen.“
Titus legte den Brief auf den Tisch.
„Wenn wir innerhalb deiner Familie Unterstützung gewinnen, wird es leichter, eine vernünftige Einigung zu finden.“
Calvina sah ihn an.
„Du möchtest wirklich, dass mein Onkel unserer Ehe zustimmt?“
„Ja.“
„Obwohl er dich beleidigt hat?“
„Er ist dein Onkel.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
Titus lächelte.
„Ich möchte nicht, dass du wegen unserer Liebe deine gesamte Familie verlierst.“
Calvina schwieg. Dann trat sie zu ihm.
„Du denkst immer an mich.“
„Nicht immer.“
Sie hob die Augenbrauen.
„Nicht?“
„Manchmal denke ich auch an das Abendessen.“
Calvina lachte und schlug ihm spielerisch auf den Arm. Dann küsste sie ihn.
„Ich liebe dich, Titus.“
„Und ich dich.“
INSIDIAE FRUSTRATAE – DIE GESCHEITERTEN NACHFORSCHUNGEN
Zwei Tage später erfuhr Calvina von den Nachforschungen des Marcus Valerius Aelianus. Die Nachricht erreichte sie durch ihre Tante. Marcella berichtete, dass Aelianus versucht hatte, Informationen über Titus zu sammeln. Doch die Bemühungen waren vollständig gescheitert. Die Gens Aurelia hatte seine Anfragen zurückgewiesen. Auch entfernte Angehörige hatten sich geweigert, über private Familienangelegenheiten zu sprechen. Calvina war zunächst empört.
„Er hat versucht, Titus zu schaden?“
Marcella nickte.
„Offenbar wollte er etwas finden, das ihn in den Augen unserer Familie ungeeignet erscheinen lässt.“
„Und hat er etwas gefunden?“
„Nichts, was er gegen Titus verwenden könnte.“
Calvina atmete erleichtert auf.
„Das freut mich.“
Marcella betrachtete sie.
„Du liebst ihn wirklich.“
„Ja.“
„So sehr?“
Calvina lächelte.
„Mehr, als ich erklären kann.“
Marcella nahm ihre Hand.
„Dann hoffe ich, dass dein Onkel bald erkennt, dass er dich nicht durch Befehle glücklich machen kann.“
Calvina blickte sie dankbar an.
„Glaubst du, dass er eines Tages zustimmen wird?“
Marcella überlegte.
„Ich kann es dir nicht versprechen.“
Sie lächelte.
„Aber ich glaube, dass er inzwischen begreift, dass Titus Aurelius Romanus kein unbedeutender junger Mann ist, den er einfach einschüchtern kann.“
FIDES ET AMOR – VERTRAUEN UND LIEBE
Als Calvina in die Villa Aurelia zurückkehrte, fand sie Titus im Garten. Er saß auf einer Steinbank und las eine Schriftrolle. Sie trat leise hinter ihn.
Dann legte sie ihm die Hände über die Augen.
„Wer bin ich?“
Titus lächelte.
„Eine ausgesprochen gefährliche Eindringlingin.“
„Falsch.“
„Eine Spionin aus Parthien?“
„Noch falscher.“
„Dann muss es die schönste Frau Roms sein.“
Calvina nahm die Hände weg.
„Das lasse ich gelten.“
Titus lachte und zog sie neben sich. Sie setzte sich auf seinen Schoß und legte die Arme um seinen Hals.
„Ich habe Neuigkeiten.“
„Gute oder schlechte?“
„Gute.“
„Dann erzähl.“
„Marcus Valerius Aelianus hat nichts gegen dich gefunden.“
Titus nickte.
„Das habe ich gehört.“
„Und deine Familie hat ihn abgewiesen.“
„Auch das.“
Claudia betrachtete ihn.
„Du wirkst gar nicht überrascht.“
„Ich kenne die Gens Aurelia.“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Calvina, meine Verwandten väterlicher Seite haben mich seit meiner Kindheit verachtet. Ein einziger Vorfall wird das nicht ändern.“
Sie strich ihm über die Wange.
„Vielleicht nicht.“
Dann küsste sie ihn.
„Aber du musst nicht länger allein mit diesen Erinnerungen leben.“
Titus legte seine Arme um sie.
„Seit ich dich kenne, fällt mir das leichter.“
Calvina lächelte.
„Dann werde ich dafür sorgen, dass du noch viele schöne Erinnerungen sammelst.“
„Das klingt nach einem Versprechen.“
„Das ist eines.“
INTERLUDIUM – MARCUS VALERIUS AELIANUS
IRA SINE FRUCTU – ZORN OHNE ERGEBNIS
Marcus Valerius Aelianus stand im Arbeitszimmer seines Hauses. Vor ihm lagen mehrere Wachstafeln. Er hatte sie bereits zweimal gelesen. Jede enthielt dieselbe enttäuschende Botschaft.
Keine verwertbaren Anschuldigungen. Keine Hinweise auf Schulden. Keine zweifelhaften Geschäfte. Keine dienstlichen Verfehlungen. Keine kompromittierenden Aussagen von Verwandten.
Und vor allem keine Bereitschaft der Gens Aurelia, ihn bei seinen Nachforschungen zu unterstützen.
Sein Vertrauter stand schweigend vor ihm.
„Das soll alles sein?“, fragte Aelianus.
„Dominus, wir haben sämtliche Kontakte ausgeschöpft.“
„Sämtliche?“
„Ja.“
Aelianus schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Unmöglich!“
Der Diener zuckte zusammen.
„Dominus ...“
„Jeder Mensch hat etwas zu verbergen!“
„Vielleicht, Dominus. Aber wir haben nichts gefunden.“
Aelianus griff nach einer Wachstafel.
„Und seine Verwandten?“
„Sie haben jede Zusammenarbeit abgelehnt.“
„Obwohl sie mit Titus zerstritten sind?“
„Offenbar.“
Aelianus starrte den Mann an.
„Was haben sie gesagt?“
Der Vertraute zögerte.
Die Aurelier sollen erklärt haben, dass die Angelegenheiten seiner Familie einen Valerius nichts angingen.
Aelianus wurde rot vor Zorn.
„Dieser aufgeblasene Patrizier!“
Er schleuderte die Wachstafel auf den Tisch.
„Und die übrigen Aurelier?“
„Publius Aurelius Marcellus hat uns ausdrücklich abgewiesen.“
„Mit welcher Begründung?“
„Er erklärte, die Gens Aurelia werde keine privaten Informationen über Titus Aurelius Romanus herausgeben.“
Aelianus ging unruhig durch das Zimmer.
„Unglaublich.“
Er blieb am Fenster stehen.
„Dieser Mann nimmt mir Calvina weg, beleidigt mich vor ihrer Familie, und nun stellen sich auch noch seine Verwandten hinter ihn!“
Der Vertraute schwieg. Aelianus drehte sich um.
„Was sagt die Gens Claudia?“
„Auch dort verändert sich die Stimmung, Dominus.“
„Was soll das heißen?“
„Einige Angehörige halten Titus Aurelius Romanus inzwischen für einen geeigneten Ehemann.“
Aelianus starrte ihn an.
„Geeignet?“
„Ja, Dominus.“
„Geeignet!“
Er begann bitter zu lachen.
„Ein Patrizier, der eine junge Frau in sein Haus aufnimmt, und plötzlich ist er ein geeigneter Ehemann?“
Der Vertraute senkte den Blick. Aelianus griff nach seinem Weinbecher. Dann stellte er ihn so heftig ab, dass etwas Wein über den Rand schwappte.
„Verschwinde.“
„Dominus?“
„Ich sagte, verschwinde!“
Der Mann verneigte sich hastig und verließ den Raum.
Aelianus blieb allein zurück. Er hatte Geld ausgegeben. Er hatte Verbindungen genutzt. Er hatte Männer beauftragt, Informationen zu sammeln. Und alles war vergeblich gewesen.
Schlimmer noch: Seine Nachforschungen waren bekannt geworden. Die Gens Aurelia betrachtete ihn inzwischen mit Misstrauen. Innerhalb der Gens Claudia wuchs die Bereitschaft, eine Ehe zwischen Titus und Claudia wenigstens ernsthaft zu prüfen. Und Claudia Calvina selbst hatte ihre Entscheidung kein einziges Mal infrage gestellt.
Aelianus setzte sich schwer auf seinen Stuhl.
„Titus Aurelius Romanus“, murmelte er.
Dann schlug er erneut mit der Faust auf den Tisch.
„Verflucht sollst du sein!“
Doch so sehr er sich auch ärgerte, er konnte nichts daran ändern. Seine Nachforschungen waren gescheitert. Die Gens Aurelia hatte ihn zurückgewiesen. Und Claudia Calvina liebte weiterhin Titus Aurelius Romanus. Zum ersten Mal musste Marcus Valerius Aelianus erkennen, dass gesellschaftlicher Einfluss nicht bedeutete, jeden Menschen seinem Willen unterwerfen zu können.
EPILOG – VICTORIA SINE GLADIO
EIN SIEG OHNE SCHWERT
Am Abend saßen Titus Aurelius Romanus und Claudia Calvina im Garten der Villa Aurelia. Der Himmel über Rom färbte sich rotgolden.
Zwischen den Säulen brannten bereits die ersten Öllampen. Calvina lehnte an Titus' Schulter.
„Glaubst du, Marcus Valerius Aelianus wird uns jetzt in Ruhe lassen?“
Titus überlegte.
„Ich hoffe es.“
„Aber du glaubst nicht daran?“
„Ich kenne ihn nicht gut genug.“
Sie schwieg einen Augenblick.
„Er muss sehr wütend sein.“
Titus lächelte.
„Vermutlich.“
„Und deine Familie?“
„Hat ihm deutlich gemacht, dass er sich nicht in unsere Angelegenheiten einzumischen hat.“
Calvina hob den Kopf.
„Das bedeutet dir viel, nicht wahr?“
Titus nickte langsam.
„Mehr, als ich erwartet hätte.“
„Ja.“
Er blickte in die Ferne.
Calvina nahm seine Hand.
„Aber diesmal hat dich die Familie nicht verraten.“
„Nein.“
„Vielleicht ist das ein Anfang.“
Titus überlegte.
„Vielleicht. Aber ich werde nicht vergessen, was geschehen ist.“
„Das verlange ich auch nicht.“
Sie schmiegte sich an ihn.
„Ich möchte nur, dass du eines Tages Frieden mit deiner Vergangenheit findest.“
Titus küsste ihr Haar.
„Vielleicht hilfst du mir dabei.“
Calvina lächelte.
„Das werde ich.“
Dann richtete sie sich auf.
„Titus?“
„Ja?“
„Wann werden wir heiraten?“
Er lachte überrascht.
„Calvina, wir müssen zunächst noch einige Dinge klären.“
„Ich weiß.“
„Die Zustimmung der zuständigen Familienangehörigen, die rechtlichen Fragen, die Vereinbarungen ...“
Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen.
„Das habe ich alles verstanden.“
„Und?“
Sie lächelte schelmisch.
„Ich wollte nur wissen, wann ich endlich deine Ehefrau sein darf.“
Titus sah sie lange an. Dann nahm er beide Hände der jungen Frau.
„So bald, wie es uns möglich ist.“
Calvina strahlte.
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Sie küsste ihn. Lange. Zärtlich. Und voller Hoffnung. Während die Nacht über Rom hereinbrach, saßen die beiden noch immer eng umschlungen im Garten.
Sie wussten, dass nicht alle Schwierigkeiten überwunden waren. Doch sie hatten einen wichtigen Schritt getan.
Marcus Valerius Aelianus hatte versucht, Titus Aurelius Romanus durch Nachforschungen zu schaden. Er hatte gehofft, dessen Familie gegen ihn aufzubringen.
Er hatte erwartet, in seiner Vergangenheit einen Makel zu finden, der Claudia Calvina von ihm trennen würde. Stattdessen hatte er eine geschlossene Ablehnung erfahren.
Die Gens Aurelia hatte sich geweigert, einem Außenstehenden Einblick in ihre Angelegenheiten zu gewähren.
Und innerhalb der Gens Claudia begann sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass Titus Aurelius Romanus keineswegs eine unstandesgemässe Wahl war.
Für Marcus Valerius Aelianus bedeutete dies eine schwere Niederlage. Für Titus und Calvina hingegen eröffnete sich erstmals die Möglichkeit, dass ihre Ehe nicht gegen den Widerstand aller Angehörigen geschlossen werden musste. Titus hatte seine Geliebte beschützt, ohne ein Schwert zu ziehen. Calvina hatte ihre Freiheit verteidigt, ohne ihre Familie vollständig zu verlieren. Und ihre Liebe war stärker geworden. Nicht durch Macht. Nicht durch Drohungen. Nicht durch gesellschaftliche Berechnung. Sondern durch gegenseitiges Vertrauen.
Non timor, sed amor.
Nicht die Angst, sondern die Liebe.
-
CONSILIUM MATRIMONII – DER ENTSCHLUSS ZUR EHE
Am Morgen nach dem Gespräch im Garten der Villa Aurelia erwachte Titus ungewöhnlich früh. Durch die geöffneten Fenster seines Schlafgemachs drang die kühle Morgenluft. Aus dem Innenhof waren bereits die ersten Geräusche der Dienerschaft zu hören. Titus blieb noch einen Augenblick liegen. Er dachte an Calvina. An ihre Frage.
„Wann werden wir heiraten?“
Er musste lächeln. Es war typisch für sie gewesen, diese Frage mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu stellen, als wäre die Hochzeit nur noch eine Angelegenheit weniger Tage.
Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, nicht länger nur von einer gemeinsamen Zukunft zu sprechen. Titus erhob sich, kleidete sich an und begab sich in sein Arbeitszimmer. Dort ließ er seinen Verwalter rufen.
„Ich benötige eine Übersicht über die verfügbaren Mittel meines Hauses.“
Der Mann verneigte sich.
„Für welchen Zweck, Dominus?“
„Für meine bevorstehende Eheschließung.“
Der Verwalter hob überrascht den Kopf.
„Ihr beabsichtigt zu heiraten?“
„Ja.“
„Darf ich erfahren, wen?“
Titus lächelte.
„Claudia Calvina.“
Der Verwalter verneigte sich erneut.
„Dann darf ich Euch beglückwünschen, Dominus.“
„Noch ist nicht alles entschieden.“
„Aber Ihr habt Euch entschieden.“
Titus betrachtete ihn einen Augenblick.
„Ja. Das habe ich.“
Er verlangte eine Aufstellung seiner Einkünfte, seines persönlichen Vermögens und jener Verpflichtungen, die mit seinem militärischen Dienst verbunden waren. Nicht, weil er Calvina mit Reichtum beeindrucken wollte. Er wollte sicherstellen, dass sie als seine Ehefrau unabhängig von den Launen ihrer Verwandten leben konnte. Seine Stellung als Patrizier bedeutete außerdem, dass seine Verpflichtungen ihn weiterhin in Rom hielten. Eine Eheschließung würde daran nichts ändern. Titus wollte unbedingt nach Germania Superior reisen und dort bleiben.
Und dann stellte sich eine Frage, über die er bislang kaum nachgedacht hatte. Würde Calvina ihn begleiten? Oder würde sie zunächst in Rom bleiben? Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass eine Ehe nicht nur aus Liebe bestand. Sie verlangte Entscheidungen. Entscheidungen, die zwei Leben dauerhaft miteinander verbanden.
MEMORIA PRAETERITI – DIE ERINNERUNG AN DIE VERGANGENHEIT
Am späten Vormittag betrat Titus die kleine Bibliothek seiner privaten Gemächer. Dort standen mehrere Schriftrollen, die er seit Jahren aufbewahrte. Unter ihnen befanden sich auch Aufzeichnungen seines ehemaligen Lehrers Sokrates. Titus nahm eine der Rollen heraus. Perì paideías kaì psychês. Über Erziehung und Seele. Er hatte das Werk lange nicht mehr gelesen.
Es enthielt Beobachtungen über die Entwicklung eines Kindes, das in einer Umgebung aus Zurückweisung, Demütigung und Angst aufgewachsen war. Titus wusste, wer dieses Kind gewesen war. Er selbst. Langsam entrollte er den Papyrus. Sein Blick blieb an einer Passage hängen, in der Sokrates darüber nachdachte, wie ein Mensch, der in seiner Kindheit kaum Zuneigung erfahren hatte, später mit der Liebe anderer umgehen konnte. Titus erinnerte sich an die Worte seines Lehrers. Ein Mensch, der gelernt hat, Liebe als etwas Unsicheres zu betrachten, kann selbst dann noch Angst vor ihrem Verlust haben, wenn sie ihm freiwillig geschenkt wird. Er legte die Schriftrolle beiseite. Clalvina hatte ihm ihre Liebe geschenkt.
Ohne Berechnung. Ohne Forderung. Ohne die Absicht, ihn zu verändern.
Und doch ertappte er sich manchmal bei dem Gedanken, dass dieses Glück nicht von Dauer sein könne. Vielleicht, weil er zu lange gelernt hatte, dass jedes Glück einen Preis hatte.
Er trat ans Fenster. Im Garten blühten die letzten Rosen des Jahres.
„Ich werde nicht wie mein Vater“, sagte er leise.
Es war kein Schwur, den jemand hören sollte. Es war ein Versprechen an sich selbst. Seine zukünftige Frau sollte niemals erleben müssen, was seine Mutter und er in seinem Elternhaus erlebt hatten. Und wenn er eines Tages Kinder hatte, sollten diese niemals um seine Zuneigung kämpfen müssen. Er dachte an Calvina. Dann lächelte er.
„Vielleicht wird dieses Haus doch noch eine wirkliche Familie beherbergen.“
EPISTULA AD CLAUDIOS – DER BRIEF AN DIE GENS CLAUDIA
Noch am selben Tag verfasste Titus einen Brief an Calvina Onkel. Er hatte lange überlegt, ob er zunächst Claudia Marcella um Vermittlung bitten sollte. Schließlich entschied er sich für den direkten Weg. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, hinter dem Rücken der Familie zu handeln. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann zu schreiben.
ZitatAn das ehrwürdige Haus der Claudier.Alles anzeigen
Ich, Titus Aurelius Romanus aus der Gens Aurelia, wende mich an Euch in einer Angelegenheit, die sowohl meine persönliche Zukunft als auch die Ehre unserer Familien betrifft.
Meine Zuneigung zu Claudia Calvina ist aufrichtig. Ich beabsichtige, sie zu meiner rechtmäßigen Ehefrau zu nehmen.
Mir ist bewusst, dass zwischen unseren Häusern unterschiedliche Auffassungen über diese Verbindung bestehen.
Dennoch bin ich überzeugt, dass eine Ehe zwischen Angehörigen der Gens Aurelia und der Gens Claudia weder dem Ansehen noch den Interessen unserer Familien schaden würde.
Ich ersuche deshalb um ein persönliches Gespräch mit den zuständigen Angehörigen Eures Hauses, um die rechtlichen und familiären Voraussetzungen einer Eheschließung zu klären.
Claudia Calvina soll dabei nicht Gegenstand einer Vereinbarung sein, sondern als die Frau gehört werden, deren Zukunft zur Entscheidung steht.
Ich werde ihre Entscheidung achten und meine Absichten offen vertreten.
Titus Aurelius Romanus
Titus las den Brief zweimal. Dann versiegelte er ihn.Er wusste, dass sein Schreiben nicht überall auf Zustimmung stoßen würde. Doch er hatte nicht die Absicht, Clalvina heimlich zu heiraten, solange eine offene Verständigung möglich war.
Er rief einen zuverlässigen Boten.
„Bringe diesen Brief persönlich zur Villa Claudia.“
„An wen soll ich ihn übergeben, Dominus?“
„An den Hausherrn oder einen von ihm bevollmächtigten Angehörigen.“
Der Bote verneigte sich.
„Wie Ihr befehlt.“
Als der Mann gegangen war, blieb Titus noch einen Augenblick am Schreibtisch sitzen.
Dann erhob er sich.
Die Entscheidung war gefallen. Nun würde die Gens Claudia antworten müssen.
-
SOMNIUM UXORIS – DER TRAUM EINER EHEFRAU
Claudia Calvina verbrachte den Vormittag in den Gemächern, die Titus für seine zukünftige Ehefrau hatte herrichten lassen. Inzwischen kannte sie jeden Raum. Sie wusste, zu welcher Tageszeit die Sonne durch die Fenster fiel. Sie hatte herausgefunden, welcher Platz im kleinen Garten am längsten im Schatten lag. Und sie hatte bereits begonnen, darüber nachzudenken, welche Veränderungen sie vornehmen wollte. Die ältere Dienerin, die sie schon mehrfach begleitet hatte, stand neben ihr.
„Domina, soll diese Truhe hier stehen bleiben?“
Calvina betrachtete das Möbelstück.
„Nein. Ich glaube, sie würde besser an die gegenüberliegende Wand passen.“
Die Dienerin nickte.
„Wie Ihr wünscht.“
Calvina lächelte.
„Du musst mich nicht bei jeder Kleinigkeit fragen.“
„Aber es werden Eure Gemächer sein, Domina.“
Calvina hielt inne. Eure Gemächer. Diese beiden Worte erfüllten sie mit einer Freude, die sie kaum verbergen konnte. Noch war sie nicht verheiratet.
Noch hatte ihre Familie nicht zugestimmt. Und dennoch behandelten einige Angehörige der Dienerschaft sie bereits wie die zukünftige Herrin des Hauses.
Sie trat an das Fenster. Im Garten sah sie Titus mit einem Verwalter sprechen. Er wirkte ernst. Konzentriert.
Ganz anders als in den Augenblicken, in denen er sie in seine Arme nahm und sein Gesicht jede Strenge verlor.
Calvina lächelte. Sie liebte beide Seiten dieses Mannes.
Den Patrizier der Entscheidungen treffen konnte.
Und den Menschen, der ihr seine tiefsten Ängste anvertraut hatte.
„Domina?“
Calvina wandte sich um.
„Ja?“
„Darf ich Euch etwas fragen?“
„Natürlich.“
Die Dienerin zögerte.
„Werdet Ihr den Dominus nach Germania begleiten?“
Calvina erstarrte. Germania. Natürlich. Titus wollte als Soldat Rom dienen.
Sie hatte daran gedacht, aber die Frage bisher verdrängt.
„Ich weiß es noch nicht“, antwortete sie.
Die Dienerin nickte.
„Es ist ein weiter Weg.“
„Ja.“
Calvina betrachtete erneut den Garten. Zum ersten Mal fragte sie sich, ob ihr gemeinsames Leben vielleicht ganz anders aussehen würde, als sie es sich vorgestellt hatte.
Vielleicht würde sie Rom verlassen müssen. Ihre Familie. Ihre vertraute Umgebung. Alles, was sie seit ihrer Kindheit kannte. Sie dachte an Mogontiacum. An den Rhein.
An die römischen Legionen. An die fremden Länder jenseits der Grenzen. Dann sagte sie leise:
„Wenn Titus dort leben muss, möchte ich wenigstens die Möglichkeit haben, bei ihm zu sein.“
COLLOQUIUM CUM MARCELLA – DAS GESPRÄCH MIT DER TANTE
Am Nachmittag traf Claudia Marcella in der Villa Aurelia ein. Calvina begrüßte sie herzlich.
„Tante!“
Marcella nahm sie in die Arme.
„Mein liebes Kind.“
Sie betrachtete ihre Nichte aufmerksam.
„Du siehst glücklich aus.“
Claudia lächelte.
„Das bin ich.“
„Dann hat sich seit unserem letzten Gespräch offenbar einiges verändert.“
„Sehr viel.“
Die beiden Frauen begaben sich in den Garten.
Dort ließ Cllvina eine kleine Erfrischung bringen. Marcella wartete, bis die Dienerinnen sich entfernt hatten.
„Dein Onkel hat inzwischen erfahren, dass Titus offiziell um ein Gespräch ersucht.“
Calvina richtete sich überrascht auf.
„Titus hat geschrieben?“
„Ja.“
„Davon hat er mir nichts erzählt.“
Marcella lächelte.
„Vielleicht wollte er dich überraschen.“
Calvina senkte den Blick. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Titus hatte gehandelt.
Nicht nur gesprochen. Er war bereit, sich ihrer Familie offen zu stellen.
„Wie hat mein Onkel reagiert?“
Marcella seufzte.
„Zunächst wenig erfreut.“
„Das überrascht mich nicht.“
„Aber diesmal hat er den Brief nicht zurückgewiesen.“
Calvina blickte auf.
„Wirklich?“
„Er hat ihn gelesen. Mehrfach sogar.“
„Und?“
„Er hat erklärt, dass er zunächst mit den übrigen Angehörigen sprechen müsse.“
Calvina schwieg.
Dann fragte sie vorsichtig:
„Glaubst du, er wird zustimmen?“
Marcella nahm ihre Hand.
„Ich glaube, er wird sich zumindest anhören müssen, was Titus zu sagen hat.“
„Und Aelianus?“
Das Gesicht ihrer Tante wurde ernst.
„Er ist weiterhin sehr verärgert.“
Claudia schloss kurz die Augen.
„Ich habe ihm niemals Hoffnung gemacht.“
„Das weiß ich.“
„Warum akzeptiert er es dann nicht?“
Marcella überlegte.
„Vielleicht, weil er gewohnt ist, dass seine Wünsche Gewicht besitzen.“
„Aber ich bin doch kein Besitz.“
„Nein, Calvina.“
Marcella drückte ihre Hand.
„Und genau das muss dein Onkel endlich verstehen.“
DE LIBERIS – VON DEN KINDERN
Später führte Calvina ihre Tante durch die privaten Gemächer. Marcella betrachtete die Räume mit sichtlichem Interesse.
„Titus hat all das für seine zukünftige Frau einrichten lassen?“
„Ja.“
„Schon bevor er dich kannte?“
Calvina nickte. Marcella lächelte.
„Dann hat er offenbar schon lange darüber nachgedacht, eine Familie zu gründen.“
„Vielleicht.“
Calvina führte sie in den hellen Raum mit Blick auf den Garten.
„Und dieses Zimmer …“
Sie zögerte.
Marcella sah sie an.
„Ja?“
Calvina errötete.
„Ich habe überlegt, ob es eines Tages ein Kinderzimmer werden könnte.“
Ihre Tante schwieg einen Augenblick. Dann lächelte sie.
„Du denkst bereits an Kinder?“
„Nicht sofort.“
Calvina lachte verlegen.
„Aber irgendwann.“
Marcella trat ans Fenster.
„Wie viele möchtest du haben?“
Calvina überlegte.
„Zwei. Vielleicht drei.“
„Und Titus?“
„Das weiß ich noch nicht.“
Marcella drehte sich um.
„Dann solltest du ihn fragen.“
Calvina lachte.
„Tante!“
„Was denn? Wenn du ihn heiraten möchtest, wirst du mit ihm über solche Dinge sprechen müssen.“
Calvina setzte sich auf eine kleine Bank.
„Ich glaube, er wäre ein guter Vater.“
Marcella betrachtete sie.
„Warum?“
Claudia wurde ernst.
„Weil er weiß, wie es ist, ohne Liebe aufzuwachsen.“
Ihre Tante setzte sich neben sie.
„Das allein macht einen Menschen noch nicht zu einem guten Vater.“
„Nein.“
Calvina nickte.
„Aber Titus möchte alles anders machen.“
Sie erzählte Marcella von seinen Vorstellungen über das Zusammenleben in der Villa Aurelia.
Von seiner Abneigung gegen Demütigungen. Von seinem Wunsch, dass seine zukünftige Frau keine Angst vor ihm haben sollte.
Marcella hörte aufmerksam zu. Schließlich sagte sie:
„Dann hoffe ich, dass ihr beide eines Tages eine Familie gründet, in der eure Kinder nicht nur euren Namen tragen, sondern auch eure Liebe erfahren.“
Calvina lächelte.
„Das hoffe ich auch.“
INTER DUOS AMANTES – ZWISCHEN ZWEI LIEBENDEN
Am Abend trafen Titus und Calvina in der kleinen Bibliothek ihrer zukünftigen Gemächer zusammen. Titus hatte sich gerade mit einer Schriftrolle beschäftigt, als Calvina eintrat.
Sie blieb im Türrahmen stehen.
„Titus Aurelius Romanus.“
Er blickte auf.
„Claudia Calvina.“
Sie verschränkte die Arme.
„Du hast etwas getan, ohne es mir zu sagen.“
Titus hob überrascht die Augenbrauen.
„Das kommt gelegentlich vor.“
„Du hast meinem Onkel geschrieben.“
Er legte die Schriftrolle beiseite.
„Ah.“
„Ah? Ist das alles, was du dazu sagst?“
Titus lächelte.
„Ich nehme an, deine Tante hat dir davon erzählt.“
„Ja.“
Sie trat näher.
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
Titus erhob sich.
„Weil ich zunächst selbst handeln wollte.“
„Und wenn mein Onkel den Brief zurückgewiesen hätte?“
„Dann hätte ich einen anderen Weg gesucht.“
Calvina betrachtete ihn.
„Du meinst es wirklich ernst.“
Titus nahm ihre Hände.
„Mit dir?“
Sie nickte. Er sah ihr direkt in die Augen.
„Calvina, ich habe dir gesagt, dass ich dich heiraten möchte. Ich habe nicht vor, dieses Versprechen zu vergessen.“
Sie trat in seine Arme.
„Ich liebe dich.“
„Und ich dich.“
Eine Weile standen sie schweigend beieinander. Dann löste Calvina sich ein wenig.
„Titus?“
„Ja?“
„Darf ich dir eine Frage stellen?“
„Natürlich.“
„Muss ich nach Germania gehen, wenn wir verheiratet sind?“
Titus wurde ernst.
„Das weiß ich noch nicht.“
Sie blickte ihn an.
„Aber du willst dorthin.“
„Ja. Ich möchte in der Legio XXII Primigenia meinen Dienst versehen und im wilden Germanien leben mit dir.“
Calvina schwieg.
Titus strich ihr über die Wange.
„Hast du Angst davor?“
„Ein wenig.“
„Vor Germania?“
„Vor allem davor, von dir getrennt zu sein.“
Titus zog sie näher.
„Dann werden wir eine Lösung finden.“
„Könnte ich dich begleiten?“
Er überlegte.
„Möglicherweise. Aber ich möchte dir nichts versprechen, bevor ich die tatsächlichen Möglichkeiten geprüft habe.“
Calvina nickte.
„Ich würde Rom verlassen.“
„Das wäre eine große Veränderung.“
„Meine Familie wäre weit entfernt.“
„Ja.“
Sie blickte zu ihm auf.
„Aber du wärst dort.“
Titus lächelte.
„Das wäre ich.“
Calvina legte den Kopf an seine Brust.
„Dann wäre Germania vielleicht gar nicht so schlimm.“
PROMISSIO LIBERORUM – DAS VERSPRECHEN EINER FAMILIE
Später saßen sie nebeneinander auf einer gepolsterten Bank.
Calvina hatte ihren Kopf an Titus' Schulter gelegt.
„Titus?“
„Ja?“
„Möchtest du Kinder haben?“
Er wandte sich überrascht zu ihr.
„Kinder?“
„Ja.“
„Unsere?“
Calvina lachte.
„Wessen sonst?“
Titus musste ebenfalls lachen. Dann wurde er nachdenklich.
„Ja“, antwortete er schließlich.
„Wirklich?“
„Ich glaube schon.“
Calvina richtete sich auf.
„Wie viele?“
Er betrachtete sie amüsiert.
„Du hast dir darüber offenbar bereits Gedanken gemacht.“
„Vielleicht.“
„Und?“
„Zwei. Oder drei.“
Titus lächelte.
„Eine kleine Legion also.“
Calvina schlug ihm spielerisch auf den Arm.
„Titus!“
Er lachte. Dann nahm er ihre Hand.
„Ich möchte Kinder haben, Calvina. Aber ich habe auch Angst davor.“
Ihr Lächeln verschwand.
„Warum?“
Er senkte den Blick.
„Weil ich nicht weiß, ob ich ein guter Vater sein könnte.“
Calvina rückte näher.
„Titus …“
„Ich habe nie erlebt, wie ein Vater seinem Sohn Zuneigung zeigt, ohne dafür etwas zu verlangen.“
Er schwieg einen Augenblick.
„Mein Vater betrachtete mich als Enttäuschung. Meine Brüder als jemanden, den sie demütigen konnten.“
Calvina nahm seine Hand zwischen ihre beiden Hände.
„Du bist nicht dein Vater.“
„Das weiß ich.“
„Und du bist auch nicht deine Brüder.“
Er sah sie an. Sie sprach weiter.
„Du weißt, was ein Kind verletzen kann. Du weißt, wie sehr ein Mensch darunter leidet, wenn er nicht geliebt wird.“
Titus nickte langsam.
„Vielleicht.“
Calvnia legte ihre Hand auf seine Wange.
„Und ich werde an deiner Seite sein.“
Er schloss kurz die Augen. Dann zog er sie in seine Arme.
„Dann möchte ich eines Tages Kinder mit dir haben.“
Calvina lächelte.
„Das ist gut.“
„Warum?“
Sie küsste ihn.
„Weil ich sonst das Kinderzimmer wieder in ein Gästezimmer hätte verwandeln müssen.“
Titus blickte sie verblüfft an.
„Das Kinderzimmer?“
Calvina begann zu lachen.
„Ich habe bereits eines ausgesucht.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf. Dann lachte er ebenfalls.
„Claudia Calvina, du bist deiner Zeit weit voraus.“
„Nein“, antwortete sie und schmiegte sich an ihn.
„Ich bin nur eine Frau, die ihren zukünftigen Ehemann liebt.“
CONSILIUM GENTIS – DER FAMILIENRAT
Während Titus und Calvina in der Villa Aurelia über ihre gemeinsame Zukunft sprachen, versammelten sich mehrere Angehörige der Gens Claudia im Haus ihres Onkels.
Auf einem Tisch lag der Brief des Titus Aurelius Romanus. Claudia Marcella saß ihrem Ehemann gegenüber. Neben ihnen hatten zwei ältere Angehörige der Familie Platz genommen.
Der Hausherr betrachtete das Schreiben mit finsterer Miene.
„Er verlangt ein Gespräch.“
Einer der älteren Männer nickte.
„Das ist sein gutes Recht.“
„Er hat meine Pläne durchkreuzt.“
Marcella antwortete ruhig:
„Vielleicht waren deine Pläne nicht die richtigen für Calvina.“
Ihr Ehemann blickte sie scharf an.
„Du verteidigst ihn?“
„Ich verteidige meine Nichte.“
„Sie hat sich meinem Willen widersetzt.“
„Weil sie einen anderen Mann liebt.“
Der Hausherr schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Liebe! Immer wieder dieses Wort!“
Der ältere Claudier räusperte sich.
„Wir sollten die Angelegenheit nüchtern betrachten.“
Alle wandten sich ihm zu.
„Titus Aurelius Romanus stammt aus einer angesehenen Familie. Er besitzt Vermögen und ist ein Patrizier.“
„Das weiß ich selbst.“
„Dann stellt sich die Frage, weshalb wir ihn grundsätzlich ablehnen sollten.“
Der Hausherr schwieg. Der ältere Mann fuhr fort:
„Marcus Valerius Aelianus wäre zweifellos eine gesellschaftlich vorteilhafte Verbindung gewesen. Aber Titus ist keineswegs eine unstandesgemäße Wahl.“
Marcella nickte.
„Und Calvina liebt ihn.“
Ihr Ehemann seufzte.
„Ihr sprecht, als wäre die Entscheidung bereits gefallen.“
„Nein“, antwortete der ältere Claudier.
„Aber vielleicht sollten wir endlich aufhören, eine Entscheidung verhindern zu wollen, die ohnehin kaum noch aufzuhalten ist.“
Eine längere Stille entstand. Schließlich nahm der Hausherr den Brief erneut zur Hand.
Er betrachtete das Siegel der Gens Aurelia.
Dann sagte er:
„Gut.“
Marcella blickte auf.
„Was bedeutet das?“
„Ich werde Titus Aurelius Romanus empfangen.“
„Wann?“
„In drei Tagen.“
Der ältere Claudier nickte zufrieden. Doch der Hausherr hob warnend die Hand.
„Versteht mich nicht falsch. Ich habe dieser Ehe noch nicht zugestimmt.“
Marcella antwortete ruhig:
„Niemand verlangt, dass du deine Entscheidung triffst, bevor du mit ihm gesprochen hast.“
Er legte den Brief auf den Tisch.
„Dann soll er kommen.“
INVITATIO AD COLLOQUIUM
DIE EINLADUNG
Am folgenden Morgen erreichte ein Bote der Villa Claudia das Haus des Titus Aurelius Romanus. Titus befand sich gerade im Arbeitszimmer. Der Bote überreichte ihm eine versiegelte Nachricht. Titus öffnete sie. Er las die wenigen Zeilen aufmerksam. Dann lächelte er.
Calvina, die kurz darauf eintrat, bemerkte sofort seine veränderte Stimmung.
„Was ist geschehen?“
Titus reichte ihr den Brief. Sie las. Dann sah sie ihn ungläubig an.
„Mein Onkel möchte dich empfangen?“
„Ja.“
„In drei Tagen?“
„Offenbar.“
Calvina begann zu lächeln.
Dann fiel sie ihm um den Hals.
„Titus!“
Er lachte überrascht und hielt sie fest.
„Vorsicht, Calvina. Du bringst mich noch zu Fall.“
Sie küsste ihn.
„Das ist wunderbar!“
„Es ist zunächst nur ein Gespräch.“
„Aber er hat dich eingeladen!“
„Ja.“
Sie löste sich ein wenig.
„Du musst gut vorbereitet sein.“
Titus hob die Augenbrauen.
Calvina sah ihn ernst an.
„Mein Onkel kann schwieriger sein als alle Senatoren zusammen.“
Titus lachte.
„Dann werde ich mich besonders sorgfältig vorbereiten.“
Calvina nahm seine Hände.
„Ich möchte dabei sein.“
Er betrachtete sie.
„Das halte ich für richtig.“
„Wirklich?“
„Es geht um unsere gemeinsame Zukunft. Warum solltest du nicht anwesend sein?“
Calvina lächelte.
„Dann werden wir gemeinsam hingehen.“
Titus nickte.
„Gemeinsam.“
EPILOG – ANTE MATRIMONIUM
Vor der Hochzeit
Drei Tage trennten Titus Aurelius Romanus und Claudia Calvina noch von jenem Gespräch, das über ihre gemeinsame Zukunft entscheiden konnte.
In der Villa Aurelia wurden inzwischen erste Vorbereitungen getroffen. Nicht für eine Hochzeit. Noch nicht.
Sondern für die Möglichkeit, dass aus einer Liebe, die in der Bibliotheca Annaea mit einem zufälligen Blick begonnen hatte, tatsächlich eine Ehe werden könnte.
Calvina hatte bereits ein Kinderzimmer ausgesucht. Titus hatte begonnen, seine Vermögensverhältnisse und militärischen Verpflichtungen zu ordnen.
Claudia Marcella versuchte weiterhin, innerhalb ihrer Familie Verständnis für die Verbindung zu schaffen.
Und Claudias Onkel hatte sich erstmals bereit erklärt, den Mann persönlich anzuhören, den seine Nichte heiraten wollte.
Doch nicht alle Menschen in Rom betrachteten diese Entwicklung mit Wohlwollen.
Marcus Valerius Aelianus hatte erfahren, dass Titus Aurelius Romanus in die Villa Claudia eingeladen worden war.
Er wusste, was dies bedeutete. Seine Hoffnung auf eine Ehe mit Claudia Calvina schwand. Und obwohl seine bisherigen Nachforschungen gescheitert waren, hatte er seinen Ehrgeiz noch nicht aufgegeben. In seinem Arbeitszimmer saß er lange schweigend vor einer Wachstafel. Schließlich rief er seinen Vertrauten.
„Ich möchte wissen, wann Titus Aurelius Romanus die Villa Claudia betreten wird.“
Der Mann verneigte sich.
„Und was soll geschehen, Dominus?“
Aelianus blickte ihn an.
„Zunächst nichts.“
Er schwieg. Dann fügte er hinzu:
„Ich möchte nur wissen, ob dieser Mann tatsächlich glaubt, er könne mir alles nehmen, was ich für meine Zukunft vorgesehen habe.“
Währenddessen saßen Titus und Calvina im Garten der Villa Aurelia. Sie ahnten nichts von diesem Gespräch.
Calvina lehnte an seiner Schulter.
„Titus?“
„Ja?“
„Glaubst du, dass wir bald heiraten werden?“
Er nahm ihre Hand.
„Ich glaube, wir sind diesem Tag näher als jemals zuvor.“
Sie lächelte.
„Dann werde ich anfangen, über mein Hochzeitskleid nachzudenken.“
Titus lachte.
„Du hast bereits ein Kinderzimmer ausgesucht. Natürlich denkst du jetzt an dein Hochzeitskleid.“
Calvina hob den Kopf.
„Du beschwerst dich doch nicht etwa?“
„Niemals.“
Sie küsste ihn.
„Das ist gut.“
Dann schmiegte sie sich wieder an ihn.
Und während die Sonne langsam hinter den Dächern Roms verschwand, dachte Titus an einen Satz, den er vor vielen Jahren in einer Schrift seines Lehrers Sokrates gelesen hatte.
Die Vergangenheit bestimmt nicht zwangsläufig, was ein Mensch aus seiner Zukunft macht.
Vielleicht hatte Sokrates recht.
Vielleicht konnte ein Mensch, dem in seiner Kindheit so viel Liebe verweigert worden war, eines Tages selbst eine Familie gründen, die von Liebe getragen wurde.
Titus blickte auf Calvina.
Sie hatte die Augen geschlossen und lächelte zufrieden.
Er küsste sanft ihre Stirn.
„Ich liebe dich, Calvina.“
Sie öffnete die Augen.
„Und ich liebe dich, Titus.“
Dann flüsterte sie:
„Bald werden wir eine Familie sein.“
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