AMOR PRIMO CONSPECTU – LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK

  • ?size=large

    Die Bibliotheca Annaea

    Ein Gesicht, das nicht verschwinden wollte

    Titus Aurelius Romanus hatte in seinem Leben gelernt, dass Gefühle gefährlich sein konnten. Nicht die Gefühle anderer Menschen. Diese hatte er im Laufe der Jahre zu erkennen und gelegentlich auch zu seinem Vorteil zu nutzen gelernt. Es waren seine eigenen Empfindungen, denen er misstraute. Seit seiner Kindheit wusste er, wie schnell Zuneigung zu einer Schwäche werden konnte und wie grausam Menschen mit jenen umgingen, die ihre innersten Wünsche offenbarten. Sein Vater Marcus Aurelius Iustus hatte ihm niemals jene Geborgenheit vermittelt, die ein Sohn von seinem Vater erwarten durfte. Seine Mutter Aquillia Nocturna hatte ihn häufig als Enttäuschung betrachtet, während seine älteren Brüder Paullus und Lucius jede Gelegenheit genutzt hatten, ihn zu erniedrigen. Titus hatte sich deshalb früh eine unsichtbare Rüstung geschaffen. Er zeigte, was er zeigen wollte. Er sprach, wenn es notwendig war. Und er schwieg, wenn seine Gefühle drohten, die Oberhand zu gewinnen. Doch seit einigen Tagen schien diese sorgfältig errichtete Ordnung nicht mehr zu funktionieren.

    Schuld daran war eine junge Frau. Eine vollkommen unbekannte junge Frau.

    Er hatte sie auf dem Esquilin gesehen, als er mit Selina und Massad an einem prächtigen Anwesen vorbeigegangen war. Sie hatte gerade die Villa betreten wollen und sich für einen flüchtigen Augenblick umgewandt.

    Ihre Blicke hatten sich getroffen. Titus erinnerte sich an diesen Augenblick mit einer Deutlichkeit, die ihn selbst überraschte. Dunkelblondes Haar, das im Sonnenlicht golden geschimmert hatte. Ein ebenmäßiges Gesicht, feine Züge und eine natürliche Anmut, die keiner besonderen Anstrengung bedurfte. Aber es war nicht allein ihre Schönheit gewesen. Es war ihr Blick. Offen, neugierig und für einen kurzen Moment ebenso überrascht wie sein eigener. Titus hatte damals geglaubt, die Zeit sei stehen geblieben. Selina hatte seine ungewöhnliche Reaktion sofort bemerkt. Massad hatte sich später einige wenig hilfreiche Bemerkungen erlaubt, die Titus mit betonter Gleichgültigkeit übergangen hatte. Doch in den folgenden Tagen war ihm die Unbekannte immer wieder in den Sinn gekommen. Beim Frühstück. Während der Arbeit. Sogar nachts, wenn er über den geheimnisvollen Aufzeichnungen des Gaius Septimius Largus saß und versuchte, die verschiedenen Identitäten des Lucius Cassius Varro miteinander in Verbindung zu bringen. Er kannte ihren Namen nicht.

    Er wusste nichts über ihre Familie, ihre Interessen oder ihren Charakter. Und dennoch konnte er sie nicht vergessen. Das ärgerte ihn. Ein Mann, der komplizierte finanzielle Verbindungen aufdecken und die Absichten gefährlicher Gegner erkennen konnte, sollte eigentlich imstande sein, eine flüchtige Begegnung mit einer hübschen Frau zu vergessen.

    Aber sein Herz schien sich nicht für die Vernunft zu interessieren.

    Der Weg zur Bibliotheca Annaea

    An diesem Morgen hatte Titus beschlossen, die Villa Aurelia für einige Stunden zu verlassen. Die Ermittlungen um Lucius Cassius Varro waren an einen Punkt gelangt, an dem er ältere juristische und verwaltungstechnische Abhandlungen benötigte. Besonders interessierte ihn die Übertragung von Vollmachten und die Frage, unter welchen Umständen ein Mann rechtsgültig im Namen eines anderen handeln konnte.

    Die Bibliotheca Annaea erschien ihm dafür als geeigneter Ort. Selina hatte zunächst darauf bestanden, ihn zu begleiten. Titus hatte abgelehnt.

    „Ich beabsichtige, Schriftrollen zu lesen, Selina. Keine feindliche Festung zu erstürmen.“

    Sie hatte ihn mit jenem Blick betrachtet, der ihm deutlich machte, dass sie seine Bemerkung nicht besonders überzeugend fand.

    „Gefahren kündigen sich selten vorher an.“

    „Das weiß ich.“

    „Und trotzdem gehst du allein.“

    „Für einige Stunden.“

    Massad hatte sich eingemischt.

    „Lass ihn gehen. Vielleicht findet er zwischen all den alten Schriftrollen endlich eine Erklärung dafür, weshalb er seit Tagen so merkwürdig dreinschaut.“

    Titus hatte ihn scharf angesehen. Der Syrer grinste.

    „Oder vielleicht eine Abhandlung über die Heilung gebrochener Herzen.“

    Selina hatte ein Lächeln unterdrückt. Titus hingegen war wortlos aufgestanden. Nun bewegte er sich durch die belebten Straßen Roms. Die Stadt war erfüllt vom Lärm der Händler, dem Rumpeln schwerer Wagen und den Rufen der Menschen. Aus einer Bäckerei drang der Duft frisch gebackenen Brotes. An einer Straßenecke stritten zwei Männer über den Preis eines Maultieres. Titus nahm all dies kaum wahr. Er dachte an seine Ermittlungen. Zumindest versuchte er es. Doch als er an einer jungen Frau mit dunkelblondem Haar vorbeikam, wandte er unwillkürlich den Kopf. Sie war es nicht. Er ärgerte sich über sich selbst. Du benimmst dich wie ein unerfahrener Knabe. Er beschleunigte seine Schritte. Die Bibliothek würde ihm guttun. Dort gab es Bücher, Ordnung und vernünftige Gedanken. Und vor allem keine Veranlassung, sich mit einer unbekannten Schönheit zu beschäftigen. Wie sehr er sich darin täuschte, sollte er wenige Augenblicke später erfahren.

    Die Stille der Gelehrten

    Die Bibliotheca Annaea lag in einem ruhigeren Teil der Stadt. Ihr Eingangsbereich wurde von hellen Säulen getragen, zwischen denen das Licht des Vormittags auf den steinernen Boden fiel. Im Inneren herrschte jene gedämpfte Geschäftigkeit, die Titus an solchen Orten besonders schätzte. Schreiber ordneten Schriftrollen. Ein älterer Gelehrter diskutierte leise mit einem jüngeren Mann. Zwei Bibliotheksdiener trugen einen schweren Kasten mit neu eingetroffenen Werken in einen Nebenraum. Titus begrüßte den Bibliotheksverwalter, der ihn von früheren Besuchen kannte.

    „Salve, Titus Aurelius Romanus.“

    „Salve. Ich benötige einige Abhandlungen über Stellvertretung und die Verwaltung fremden Vermögens.“

    Der Verwalter nickte.

    „Die juristischen Werke befinden sich im westlichen Lesebereich. Soll ich Euch die entsprechenden Schriftrollen bringen lassen?“

    „Ich danke dir. Ich werde zunächst selbst nachsehen.“

    Titus begab sich in den Lesesaal. Er fand mehrere Werke, die seinen Interessen entsprachen, und nahm an einem Tisch nahe einem hohen Fenster Platz. Vor ihm lag bald eine kleine Sammlung juristischer Schriften.

    Er begann zu lesen. Die ersten Abschnitte beschäftigten sich mit der Verantwortung eines Bevollmächtigten gegenüber seinem Auftraggeber. Titus machte sich Notizen. Er verglich die beschriebenen Rechtsverhältnisse mit den Unterlagen des Gaius Septimius Largus und den wiederkehrenden Unterschriften des Lucius Cassius Varro. Eine Weile gelang es ihm tatsächlich, sich vollständig auf seine Arbeit zu konzentrieren. Dann hörte er eine Stimme.

    „Verzeiht, ich suche eine Abhandlung des Plutarch über die Erziehung junger Menschen.“

    Titus hielt mitten in einer Zeile inne. Die Stimme war weiblich. Jung. Angenehm klar. Er hörte, wie der Bibliotheksverwalter antwortete.

    „Die Werke des Plutarch befinden sich im griechischen Bestand, Domina.“

    „Dort habe ich bereits gesucht. Vielleicht wurde die Schrift anders eingeordnet.“

    Titus hob den Blick. Und vergaß zu atmen.

    Die Unbekannte vom Esquilin

    Sie stand nur wenige Schritte entfernt. Die junge Frau. Die Unbekannte, die er seit Tagen nicht aus seinen Gedanken verbannen konnte. Für einen Augenblick glaubte Titus, seine Sinne täuschten ihn.

    Er betrachtete sie genauer. Nein. Es bestand kein Zweifel. Es war dieselbe Frau. Ihr dunkelblondes Haar war kunstvoll hochgesteckt. Einige feine Strähnen umrahmten ihr Gesicht. Sie trug eine helle Stola aus kostbarem Stoff, deren schlichte Eleganz ihre Schönheit noch stärker hervorhob. Titus bemerkte, dass sie sich mit einer selbstverständlichen Sicherheit bewegte. Sie war offenbar daran gewöhnt, sich in gebildeter Gesellschaft aufzuhalten. Aber nichts an ihrem Verhalten wirkte überheblich. Sie sprach höflich mit dem Bibliotheksverwalter und hörte dessen Erklärungen aufmerksam zu. Titus konnte den Blick kaum von ihr lösen. Bei Jupiter.

    Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er empfand eine Wärme, die sich von seiner Brust bis in sein Gesicht auszubreiten schien. Noch nie hatte ihn die bloße Anwesenheit eines Menschen so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht. Er senkte hastig den Blick. Vor ihm lag die juristische Abhandlung. Er versuchte, weiterzulesen. Doch die Buchstaben verloren ihre Bedeutung. Er sah die Schriftrolle, ohne ein einziges Wort zu erfassen. Sein Verstand befahl ihm, sitzen zu bleiben. Sein Herz verlangte das Gegenteil. Er musste sie ansprechen. Aber wie? Er konnte schlecht aufstehen und erklären, dass er seit Tagen an sie dachte.

    Sie würde ihn für einen Narren halten. Vielleicht sogar für einen aufdringlichen Mann, der seine gesellschaftliche Stellung dazu benutzte, fremde Frauen zu belästigen.

    Das wollte Titus unter keinen Umständen. Er betrachtete sie erneut. Sie suchte noch immer nach der gewünschten Schriftrolle. Plutarch. Titus kannte das Werk. Sein Lehrer Sokrates hatte ihm einst mehrere Gedanken daraus erläutert und mit eigenen Überlegungen zur Erziehung und Entwicklung des menschlichen Charakters verbunden. Er wusste sogar, wo eine entsprechende Schriftrolle aufbewahrt wurde. Damit besaß er einen vollkommen vernünftigen Grund, die junge Frau anzusprechen. Er erhob sich. Dann blieb er stehen. Was, wenn sie sich nicht an mich erinnert? Ein beinahe schmerzlicher Gedanke. Für ihn war die Begegnung auf dem Esquilin unvergesslich gewesen. Für sie konnte sie vollkommen bedeutungslos gewesen sein. Er atmete tief durch. Dann ging er auf sie zu.

    Die ersten Worte

    „Verzeiht, Domina.“

    Die junge Frau wandte sich um. Ihre Augen begegneten seinen. Titus empfand einen Schlag gegen sein Herz. So jedenfalls kam es ihm vor. Für einen Augenblick sah sie ihn schweigend an. Er glaubte, Überraschung in ihrem Gesicht zu erkennen. Vielleicht sogar ein kurzes Aufleuchten ihrer Augen. Doch er war sich nicht sicher.

    „Ich konnte nicht umhin, Eure Frage nach Plutarch zu hören“, sagte er.

    Seine Stimme klang ruhig. Das überraschte ihn selbst.

    „Ihr kennt die gesuchte Schrift?“, fragte sie.

    Titus nickte.

    „Ich glaube, ich kann Euch helfen. Die Abhandlung wird hier nicht unter den pädagogischen Schriften geführt, sondern bei den moralphilosophischen Werken.“

    Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. Titus spürte, wie sich etwas in seinem Inneren löste.

    „Dann habe ich offenbar am falschen Ort gesucht.“

    „Das ist verständlich. Die Ordnung dieser Sammlung ist nicht immer besonders einleuchtend.“

    Sie lachte leise. Es war ein angenehmes Lachen. Nicht laut. Nicht gekünstelt. Titus hätte es gern noch einmal gehört.

    „Würdet Ihr mir die entsprechende Stelle zeigen?“

    „Selbstverständlich.“

    Er führte sie zu einem Regal im angrenzenden Bereich. Während sie neben ihm ging, nahm Titus ihren zarten Duft wahr. Eine Mischung aus Blüten und einem kaum erkennbaren Hauch kostbaren Öls.

    Er bemühte sich, nicht zu nahe an sie heranzutreten. Vor dem Regal blieb er stehen.

    „Hier müsste die Schriftrolle liegen.“

    Er suchte zwischen mehreren beschrifteten Behältern. Dann fand er das gewünschte Werk.

    „Da ist sie.“

    Er griff danach. Im selben Augenblick streckte auch die junge Frau ihre Hand aus. Ihre Finger berührten sich. Nur flüchtig. Kaum länger als einen Herzschlag. Titus zog seine Hand zurück.

    „Verzeiht.“

    „Nein, ich bitte Euch um Verzeihung.“

    Sie lächelte. Er lächelte ebenfalls. Und plötzlich empfand Titus etwas, das er beinahe vergessen hatte. Unbeschwerte Freude. Nicht die Befriedigung über ein gelungenes Geschäft. Nicht die Genugtuung, einen Gegner überlistet zu haben. Sondern einfache, beinahe kindliche Freude. Weil eine junge Frau ihn anlächelte.

    Ein Gespräch über die menschliche Seele

    Titus reichte ihr die Schriftrolle.

    „Plutarch beschäftigt sich darin mit der Frage, wie die Erziehung den Charakter eines Menschen beeinflusst.“

    Sie betrachtete das Werk.

    „Gerade deshalb interessiert es mich.“

    „Dann beschäftigt Euch die Entwicklung des menschlichen Wesens?“

    „Sehr sogar.“

    Sie blickte ihn an.

    „Ich frage mich häufig, weshalb Menschen, die unter ähnlichen Umständen aufwachsen, später so unterschiedliche Persönlichkeiten entwickeln.“

    Titus wurde aufmerksam. Diese Frage war ihm nur allzu vertraut. Er dachte an seine Brüder. Paullus und Lucius. Sie waren unter demselben Dach aufgewachsen. Sie hatten dieselben Eltern gehabt. Und dennoch waren ihre Lebenswege vollkommen unterschiedlich verlaufen.

    „Vielleicht“, antwortete er langsam, „liegt es daran, dass Menschen dieselben Ereignisse unterschiedlich erleben.“

    Sie betrachtete ihn interessiert.

    „Ihr glaubt also, dass nicht allein die Umstände entscheidend sind?“

    „Nein. Auch die Art, wie ein Mensch sie verarbeitet.“

    „Und kann er sich später von diesen Erfahrungen befreien?“

    Titus schwieg einen Augenblick. Eine einfache Frage. Doch für ihn besaß sie eine Bedeutung, von der die junge Frau nichts ahnen konnte.

    „Ich glaube“, sagte er schließlich, „dass ein Mensch lernen kann, mit seiner Vergangenheit zu leben.“

    „Aber nicht, sie zu vergessen?“

    Er sah sie an.

    „Nicht immer.“

    Sie wurde ernst.

    „Das klingt, als sprächet Ihr aus eigener Erfahrung.“

    Titus verspürte einen kurzen Stich. Er hätte ausweichen können. Er hätte eine unverbindliche Bemerkung machen können. Stattdessen antwortete er:

    „Vielleicht tue ich das.“

    Sie drängte ihn nicht. Sie fragte nicht nach.Sie betrachtete ihn nur einen Augenblick mit einem Ausdruck, den Titus nicht kannte. Es war kein Mitleid. Auch keine bloße Neugier. Es war Verständnis. Oder zumindest der Versuch, ihn zu verstehen. Und das berührte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte.

    Eine unerwartete Vertrautheit

    Das Gespräch entwickelte sich beinahe von selbst. Sie sprachen über griechische Philosophen, über die Bedeutung von Bildung und über die Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern.

    Titus stellte fest, dass die junge Frau nicht nur schön, sondern außerordentlich gebildet war. Sie kannte die Werke, über die sie sprach. Sie konnte eigene Gedanken formulieren. Und sie besaß den Mut, ihm höflich zu widersprechen. Das gefiel ihm. Mehr noch. Es faszinierte ihn. Er hatte in seinem Leben viele Frauen kennengelernt, deren Schönheit von ihren Familien bei jeder gesellschaftlichen Gelegenheit hervorgehoben wurde.

    Doch häufig hatte er das Gefühl gehabt, dass man von ihnen vor allem erwartete, hübsch auszusehen und angenehme Gespräche zu führen. Diese junge Frau war anders. Sie wollte verstehen. Sie wollte lernen. Und sie erwartete offenbar, dass man sie als Gesprächspartnerin ernst nahm. Titus bemerkte, wie sehr er ihre Gegenwart genoss. Er wollte, dass das Gespräch weiterging. Er wollte ihre Gedanken kennenlernen. Und irgendwann vielleicht auch ihre Träume. Dieser letzte Gedanke überraschte ihn. Seit wann interessierten ihn die Träume eines anderen Menschen? Er betrachtete sie. Sie hatte den Kopf leicht geneigt und hörte ihm aufmerksam zu. Ihre Augen waren lebendig. Ihr Lächeln warm. Titus empfand plötzlich einen Wunsch, der ihm fremd geworden war. Er wollte ihr gefallen. Nicht wegen seines Namens. Nicht wegen seines Vermögens.

    Nicht wegen seiner gesellschaftlichen Stellung. Sondern einfach als Mensch.

    Ein Name für die Schönheit

    Erst nach einiger Zeit fiel Titus auf, dass sie sich noch immer nicht vorgestellt hatten. Er ärgerte sich über seine Nachlässigkeit.

    „Verzeiht meine Unhöflichkeit. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“

    Er verneigte sich leicht.

    „Titus Aurelius Romanus.“

    Sie lächelte.

    „Claudia Calvina.“

    Titus wiederholte den Namen in Gedanken. Claudia Calvina. Endlich wusste er, wer sie war. Die Gens Claudia. Eine der ältesten und angesehensten Familien Roms. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Die Villa auf dem Esquilin. Ihre elegante Kleidung. Ihre Bildung. Die selbstverständliche Sicherheit, mit der sie sich bewegte.

    „Dann gehört Ihr zur Familie, deren Villa am Nordwesthang des Esquilin liegt?“

    Sie sah ihn überrascht an.

    „Ja. Kennt Ihr unser Anwesen?“

    Titus spürte erneut jene ungewohnte Unsicherheit. Jetzt konnte er nicht länger so tun, als sei diese Begegnung vollkommen zufällig. Er musste entscheiden, ob er ihr von jenem Augenblick erzählen wollte.

    „Ich bin vor einigen Tagen dort vorbeigekommen“, antwortete er.

    Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.

    „Tatsächlich?“

    „Ja.“

    Er hielt ihrem Blick stand.

    „Und ich glaube, Euch dort gesehen zu haben.“

    Claudia senkte für einen Augenblick die Augen. Titus befürchtete bereits, zu weit gegangen zu sein. Doch dann sah sie ihn wieder an.

    „Ich erinnere mich.“

    Er spürte, wie sein Herz schneller schlug.

    „Ihr erinnert Euch?“

    Sie nickte.

    „Ja.“

    Dann lächelte sie.

    „Ihr wart nicht allein.“

    Titus war verblüfft. Sie hatte ihn tatsächlich bemerkt. Nicht nur flüchtig. Sie erinnerte sich sogar an seine Begleiter.

    „Das stimmt“, antwortete er. „Ich war mit zwei vertrauten Menschen unterwegs.“

    „Einer Frau und einem Mann.“

    „Ja.“

    Titus konnte seine Freude kaum verbergen. Sie hatte ihn wiedererkannt. Er war ihr also nicht völlig gleichgültig gewesen.Vielleicht hatte sie sogar ebenso an ihn gedacht wie er an sie. Er wagte nicht, diese Hoffnung weiterzudenken. Noch nicht.

    Ein Gefühl, das keinen Namen brauchte

    Titus bemerkte, dass er Calvina ansah, ohne etwas zu sagen. Er zwang sich, den Blick kurz abzuwenden. Doch sie schien seine Verlegenheit nicht unangenehm zu finden. Im Gegenteil. Sie lächelte.

    „Dann ist es wohl ein bemerkenswerter Zufall, dass wir uns hier wiedersehen.“

    Titus nickte.

    „Ein sehr angenehmer Zufall.“

    Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, fragte er sich, ob sie zu persönlich gewesen waren. Claudia antwortete jedoch:

    „Das finde ich ebenfalls.“

    Titus empfand eine Wärme, die sich nicht mehr unterdrücken ließ. Er war glücklich. Einfach glücklich. Und das war für ihn etwas Außergewöhnliches. Er dachte an seine Kindheit. An die langen Jahre, in denen er gelernt hatte, niemandem zu vertrauen. An die sorgfältig errichteten Mauern, hinter denen er seine Gefühle verborgen hielt. Nun stand er vor einer jungen Frau, die diese Mauern nicht einmal kannte. Und dennoch hatte sie in wenigen Augenblicken etwas erreicht, das anderen Menschen in vielen Jahren nicht gelungen war. Sie hatte ihn zum Lächeln gebracht, ohne dass er darüber nachdenken musste. Sie hatte ihn neugierig gemacht. Nicht auf ein Geheimnis. Nicht auf eine Intrige. Sondern auf einen Menschen. Titus wusste nicht, ob man das bereits Liebe nennen durfte. Er kannte Claudia kaum. Er wusste nichts über ihre Wünsche, ihre Ängste oder ihre familiären Verpflichtungen. Aber er wusste, dass er sie wiedersehen wollte. Und dass ihm dieser Wunsch wichtiger erschien, als er vernünftigerweise sein sollte.

    Der Abschied

    Die Zeit war schneller vergangen, als Titus bemerkt hatte. Schließlich nahm Claudia die Schriftrolle fester in die Hand.

    „Ich fürchte, ich muss mich verabschieden.“

    Titus empfand eine unmittelbare Enttäuschung. Er verbarg sie.

    „Natürlich.“

    Sie lächelte.

    „Ich danke Euch für Eure Hilfe.“

    „Es war mir eine Freude.“

    Er zögerte. Sollte er sie nach einem Wiedersehen fragen? Wäre das zu aufdringlich? Er wollte nicht den Eindruck erwecken, die zufällige Begegnung ausnutzen zu wollen. Doch bevor er sich entscheiden konnte, fragte Calvina:

    „Besucht Ihr diese Bibliothek häufiger?“

    Titus spürte, wie sein Herz einen freudigen Sprung machte.

    „Wann immer meine Verpflichtungen es erlauben.“

    „Dann begegnen wir uns vielleicht wieder.“

    Er lächelte.

    „Das würde mich sehr freuen.“

    Claudia sah ihn an.

    „Mich ebenfalls.“

    Für einen Augenblick standen sie schweigend voreinander. Titus hatte das Gefühl, dass sie beide noch etwas sagen wollten. Etwas, das über die gewöhnlichen Höflichkeiten hinausging. Aber keiner sprach es aus.

    Schließlich verneigte er sich.

    „Vale, Claudia Calvina.“

    Sie erwiderte seine Verabschiedung.

    „Vale, Titus Aurelius Romanus.“

    Dann wandte sie sich ab. Titus sah ihr nach. Er beobachtete, wie sie durch den Säulengang ging. Kurz vor dem Ausgang drehte sie sich noch einmal um. Ihre Blicke begegneten sich. Claudia lächelte. Titus erwiderte das Lächeln. Dann war sie verschwunden. Er blieb stehen. Lange. Viel länger, als es notwendig gewesen wäre.

    Ein Mann, der nicht mehr derselbe war

    Als Titus schließlich zu seinem Lesetisch zurückkehrte, lag die juristische Abhandlung noch immer geöffnet vor ihm. Er setzte sich. Nahm den Griffel. Versuchte, seine Arbeit fortzusetzen. Doch nach wenigen Augenblicken musste er aufgeben. Er konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder erschien vor seinem inneren Auge das Gesicht Claudia Calvinas. Er hörte ihre Stimme. Er erinnerte sich an ihre Fragen. An ihre Berührung. Und an ihr Lächeln beim Abschied. Titus lehnte sich zurück. Was geschieht nur mit mir? Er hatte geglaubt, seine Gefühle längst unter Kontrolle zu haben. Er hatte gelernt, seine Wünsche zu verbergen. Er hatte sich eingeredet, dass die Vernunft stets über dem Herzen stehen müsse. Doch nun genügte der Gedanke an eine junge Frau, um all diese Überzeugungen ins Wanken zu bringen. Er erinnerte sich an die Worte seines Lehrers Sokrates. Dieser hatte ihm einst erklärt, dass die größte Herausforderung des Menschen nicht darin bestehe, andere zu beherrschen. Sondern sich selbst zu erkennen. Titus hatte damals geglaubt, diese Aufgabe bereits verstanden zu haben. Nun musste er feststellen, dass er sich selbst weit weniger kannte, als er angenommen hatte. Er wusste, was er wollte. Er wollte Calvina wiedersehen. Er wollte erneut mit ihr sprechen. Er wollte erfahren, was sie bewegte. Und er wollte herausfinden, ob das Lächeln, das sie ihm geschenkt hatte, tatsächlich mehr bedeutete als bloße Höflichkeit. Zum ersten Mal seit langer Zeit war seine Zukunft nicht ausschließlich von Pflichten, Ermittlungen und familiären Erwartungen bestimmt. Es gab einen neuen Gedanken. Eine neue Hoffnung. Und einen Namen. Claudia Calvina.

    Die Rückkehr in die Villa Aurelia

    Als Titus am späten Nachmittag die Villa Aurelia erreichte, bemerkte Selina seine veränderte Stimmung sofort. Sie stand im Peristylgarten und beobachtete, wie er durch den Säulengang trat.

    „Du bist ungewöhnlich guter Laune.“

    Titus blieb stehen.

    „Bin ich das?“

    „Ja.“

    Er lächelte.

    „Vielleicht war mein Besuch in der Bibliothek erfolgreicher als erwartet.“

    Selina betrachtete ihn aufmerksam.

    „Hast du die gesuchten Unterlagen gefunden?“

    „Einige.“

    „Und sonst?“

    Titus sah sie an.

    „Was meinst du?“

    Selina verschränkte die Arme.

    „Du lächelst.“

    „Das soll gelegentlich vorkommen.“

    „Bei dir nicht ohne Grund.“

    In diesem Augenblick erschien Massad. Er trug einen Becher Wein und betrachtete Titus mit unverhohlener Neugier.

    „Was ist geschehen?“

    „Nichts.“

    Massad grinste.

    „Dann muss es etwas sehr Erfreuliches gewesen sein.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Ihr beide seid unerträglich.“

    „Und du bist verliebt“, erwiderte Massad.

    Titus erstarrte. Selina hob überrascht die Augenbrauen. Massad lachte.

    „Bei allen Göttern! Ich habe recht!“

    „Du weißt überhaupt nichts.“

    „Das stimmt. Aber dein Gesicht erzählt mehr, als du offenbar beabsichtigst.“

    Titus wollte etwas erwidern. Doch er fand keine überzeugende Antwort. Selina betrachtete ihn eine Weile. Dann fragte sie leise:

    „Die junge Frau vom Esquilin?“

    Titus sah sie an. Seine Überraschung verriet ihn endgültig. Massad schlug sich vor Vergnügen auf den Oberschenkel.

    „Ich wusste es!“

    Titus seufzte.

    „Ihr werdet mich damit vermutlich noch wochenlang verfolgen.“

    „Nur wenn du uns ihren Namen nicht verrätst“, erwiderte Massad.

    Titus schwieg einen Augenblick. Dann sagte er:

    „Claudia Calvina.“

    Selina wurde ernst.

    „Aus der Gens Claudia?“

    „Ja.“

    Massad pfiff leise.

    „Dann hast du dir eine bemerkenswerte Schönheit ausgesucht.“

    Titus betrachtete ihn.

    „Ich habe mir niemanden ausgesucht.“

    Massad grinste.

    „Natürlich nicht.“

    Selina lächelte.

    „Und wie habt ihr euch kennengelernt?“

    Titus blickte hinaus in den Garten.

    „Durch Zufall. In der Bibliotheca Annaea.“

    Er schwieg kurz. Dann fügte er hinzu:

    „Sie suchte eine Schriftrolle des Plutarch.“

    Massad starrte ihn an.

    „Du hast dich also tatsächlich in einer Bibliothek verliebt.“

    Titus musste lachen. Zum ersten Mal an diesem Tag sprach er das Wort aus, das ihn seit seiner Begegnung beschäftigte.

    „Vielleicht.“

    Selina betrachtete ihn lange. Dann lächelte sie. Es war ein seltenes, warmes Lächeln.

    „Dann hoffe ich, dass sie dir guttut, Titus.“

    Er sah sie an. In ihrer Stimme lag keine Belustigung. Nur ehrliche Zuneigung.

    „Das hoffe ich ebenfalls.“

    Die Nacht der Erkenntnis

    Später saß Titus allein in seinem Arbeitszimmer. Die alten Unterlagen des Lucius Cassius Varro lagen vor ihm. Die geheimnisvollen Zeichen. Die sieben Namen. Die Verbindung zu Gaius Septimius Largus. All jene Fragen, die ihn seit Wochen beschäftigten. Doch an diesem Abend wollte er nicht arbeiten. Er trat ans Fenster. Über den Gärten der Villa Aurelia lag die Dunkelheit. Ein leichter Wind bewegte die Zypressen. In der Ferne schimmerten die Lichter Roms. Irgendwo in dieser gewaltigen Stadt befand sich Claudia Calvina. Vielleicht saß sie in ihren Gemächern. Vielleicht las sie inzwischen die Abhandlung des Plutarch. Vielleicht dachte sie an das Gespräch in der Bibliothek. Vielleicht dachte sie sogar an ihn. Titus lächelte bei dieser Vorstellung. Dann wurde er nachdenklich. Er hatte sein Leben lang geglaubt, dass Stärke darin bestehe, niemandem die Macht zu geben, ihn verletzen zu können. Er hatte sich gegen Enttäuschungen geschützt, indem er nur wenige Menschen wirklich an sich heranließ. Selina. Massad. Sein alter Freund Faustus. Und einst sein Lehrer Sokrates.

    Mehr Menschen hatte er kaum vertraut. Nun aber verspürte er den Wunsch, einer jungen Frau näherzukommen, deren Leben er erst an diesem Tag wirklich berührt hatte. Das machte ihn verwundbar. Er wusste es.

    Vielleicht würde Claudia seine Gefühle nicht erwidern. Vielleicht würde ihre Familie andere Pläne für sie haben. Vielleicht würde sich herausstellen, dass sie nicht zueinanderpassten. All diese Möglichkeiten waren ihm bewusst. Und dennoch empfand er keine Reue. Er hatte Calvina kennengelernt. Er hatte ihr Lächeln gesehen. Er hatte ihre Stimme gehört. Und sie hatte sich an ihn erinnert. Das genügte, um ihm Hoffnung zu geben. Titus kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Er nahm eine kleine Wachstafel.

    Langsam schrieb er:

    CLAUDIA CALVINA.

    Darunter setzte er:

    AMOR PRIMO CONSPECTU?

    Liebe auf den ersten Blick?

    Er betrachtete die Worte lange.

    Dann strich er mit dem Griffel über das Fragezeichen. Er zögerte. Schließlich ließ er es stehen. Noch wusste er nicht, ob das, was er empfand, tatsächlich Liebe war. Vielleicht war es nur die erste Begeisterung.

    Vielleicht die Sehnsucht eines Mannes, der sich jahrelang vor seinen eigenen Gefühlen verborgen hatte. Oder vielleicht war es der Anfang von etwas, das sein Leben für immer verändern würde. Titus legte den Griffel nieder. Er löschte die Lampe. Doch bevor er das Arbeitszimmer verließ, nahm er die Wachstafel noch einmal in die Hand. Er lächelte.

    „Claudia Calvina“, flüsterte er.

    Es war ein schöner Name. Und er hoffte von ganzem Herzen, ihn bald wieder aussprechen zu dürfen.

    EPILOG – COR INCIPIT LOQUI

    Das Herz beginnt zu sprechen In jener Nacht schlief Titus Aurelius Romanus besser als in den vergangenen Wochen. Nicht, weil die Geheimnisse um Lucius Cassius Varro gelöst waren. Nicht, weil die Gefahren verschwunden wären, die sich langsam um seine Ermittlungen zusammenzogen. Sondern weil er zum ersten Mal seit langer Zeit etwas empfand, das mit all diesen Dingen nichts zu tun hatte.

    Hoffnung. Er träumte nicht von falschen Namen, verschwundenen Dokumenten oder den dunklen Machenschaften unbekannter Männer. Er träumte von einer Bibliothek. Von hohen Säulen. Von Schriftrollen.

    Und von einer jungen Frau mit dunkelblondem Haar, die ihn anlächelte. Claudia Calvina. Er hatte sie durch Zufall wiedergefunden. Doch er war entschlossen, eine weitere Begegnung nicht allein dem Zufall zu überlassen. Noch wusste Titus nicht, welchen Platz Claudia eines Tages in seinem Leben einnehmen würde. Er wusste nicht, dass diese Begegnung in der Bibliotheca Annaea der Beginn einer Geschichte sein konnte, die weit über eine flüchtige Schwärmerei hinausging. Aber eines wusste er. Er wollte diesen Menschen wiedersehen. Nicht, weil er ihre Schönheit bewunderte, sondern weil er in ihrer Gegenwart für einen kurzen Augenblick vergessen hatte, weshalb er sein Herz so lange verschlossen gehalten hatte. Und während über Rom die Nacht hereinbrach, begann Titus Aurelius Romanus zu begreifen, dass ein Mensch nicht jede Schlacht mit einem Schwert gewinnen musste. Manche Schlachten wurden im eigenen Herzen geschlagen. Und manchmal bestand der größte Mut darin, sich auf einen anderen Menschen einzulassen.

  • Ein Fremder, den sie nicht vergessen konnte

    Claudia Calvina hatte bisher wenig Anlass gehabt, an die Liebe auf den ersten Blick zu glauben. Sie hielt sich für eine vernünftige junge Frau. Als Angehörige der altehrwürdigen Gens Claudia war sie in einer Welt aufgewachsen, in der gesellschaftliche Verpflichtungen, familiäre Traditionen und die Erwartungen ihrer Eltern einen festen Platz einnahmen. Sie hatte früh gelernt, sich angemessen zu benehmen, ihre Worte sorgfältig zu wählen und ihre Gefühle nicht jedem Menschen offen zu zeigen. Ihre Erziehung war streng, aber keineswegs lieblos gewesen. Ihre Gens legte großen Wert auf Bildung, gesellschaftliche Umgangsformen und die Wahrung des Familienansehens. Ihre Mutter hatte sie gelehrt, dass eine junge Frau ihres Standes nicht allein durch Schönheit, sondern ebenso durch Würde, Klugheit und Zurückhaltung überzeugen sollte.Claudia hatte diese Lehren verinnerlicht. Sie sprach fließend Griechisch, kannte die Werke bedeutender Dichter und Philosophen und verbrachte einen beträchtlichen Teil ihrer freien Zeit mit der Lektüre anspruchsvoller Schriften. Natürlich hatte sie sich gelegentlich vorgestellt, wie ihr zukünftiger Ehemann aussehen könnte. Er sollte gebildet sein. Ein Mann von Charakter. Jemand, der sie nicht lediglich als schmückende Ergänzung seines Hauses betrachtete. Und selbstverständlich durfte er auch gut aussehen. Doch bisher hatte keiner der jungen Männer, die sie bei gesellschaftlichen Zusammenkünften kennengelernt hatte, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Manche waren ausgesprochen selbstgefällig. Andere sprachen unaufhörlich über ihre politischen Beziehungen, ihre Pferde oder die militärischen Leistungen ihrer Vorfahren. Claudia hatte ihnen höflich zugehört. Mehr jedoch nicht. Bis zu jenem Nachmittag auf dem Esquilin. Sie war gerade im Begriff gewesen, die Villa Claudia zu betreten, als drei Menschen auf der Straße vorbeigegangen waren. Zwei Männer und eine Frau. Die Frau war von bemerkenswerter Erscheinung gewesen. Sie bewegte sich mit einer Sicherheit, die Calvina sofort aufgefallen war. Ihre Haltung erinnerte eher an eine Kriegerin als an eine gewöhnliche Begleiterin eines römischen Patriziers. Der eine Mann hatte fremdländisch ausgesehen. Seine Bewegungen wirkten geschmeidig und aufmerksam. Doch der dritte ...

    Claudia erinnerte sich noch immer an ihn. Er war groß gewesen, mit kräftigen Schultern und einer aufrechten Haltung. Sein Gesicht hatte markante, männliche Züge besessen. Er wirkte stark, aber nicht grobschlächtig, selbstbewusst, ohne überheblich zu erscheinen. Es war etwas an seiner Erscheinung gewesen, das sie augenblicklich gefesselt hatte. Vielleicht die Art, wie er ging.Vielleicht die Ruhe seiner Bewegungen. Oder jener Ausdruck in seinen Augen, als er sie bemerkte. Für einen kurzen Augenblick hatten sich ihre Blicke getroffen. Claudia hatte gespürt, wie ihr Herz schneller schlug. Sie war stehen geblieben. Nur einen Moment. Dann hatte sie sich abgewandt und war durch den Eingang der Villa verschwunden. Doch während sie durch das Atrium gegangen war, hatte sie sich bereits gefragt, wer dieser Mann wohl gewesen sein mochte. Und diese Frage hatte sie seitdem nicht mehr losgelassen.

    Die Unruhe eines jungen Herzens

    In den folgenden Tagen hatte Claudia immer wieder an den Fremden gedacht. Zunächst nur gelegentlich. Beim Frühstück, wenn sie mit ihrer Mutter sprach. Während sie im Peristylgarten spazieren ging. Oder wenn sie abends in ihren Gemächern saß und eine Schriftrolle las. Doch bald bemerkte sie, dass ihre Gedanken häufiger zu jenem Mann zurückkehrten, als ihr lieb war. Sie erinnerte sich an seine kräftige Gestalt. An sein schönes Gesicht. An seine männliche Ausstrahlung. Und vor allem an seinen Blick. Er hatte sie nicht so angesehen wie jene jungen Männer, die bei gesellschaftlichen Anlässen jede Gelegenheit nutzten, einer hübschen Frau ein Kompliment zu machen. Sein Blick war anders gewesen. Überrascht. Fast verwundert.

    Als hätte er etwas gesehen, womit er nicht gerechnet hatte. Claudia lächelte bei dieser Erinnerung. Vielleicht habe ich ihm gefallen. Kaum hatte sie diesen Gedanken zugelassen, schalt sie sich selbst. Wie töricht! Sie hatte den Mann nur wenige Augenblicke gesehen. Vielleicht hatte er sie bereits vergessen. Vielleicht war er verheiratet. Vielleicht gehörte die schöne Frau an seiner Seite zu seiner Familie. Oder war sie womöglich seine Geliebte? Dieser Gedanke gefiel Claudia überhaupt nicht. Sie ärgerte sich über sich selbst. Wie konnte sie auf eine unbekannte Frau eifersüchtig sein, obwohl sie keinerlei Anspruch auf diesen Mann besaß? Sie kannte nicht einmal seinen Namen. Und dennoch verspürte sie ein eigenartiges Ziehen in der Brust, sobald sie sich vorstellte, dass er einer anderen Frau seine Zuneigung schenkte. Claudia trat eines Nachmittags an das Fenster ihrer Gemächer und blickte auf die Straße hinaus. Dort bewegten sich zahlreiche Menschen. Händler, Diener, Soldaten und vornehme Bürger. Sie suchte unwillkürlich nach einer vertrauten Gestalt. Natürlich vergeblich. Was ist nur mit mir geschehen? Sie hatte sich bisher für eine vernünftige junge Frau gehalten. Und nun stand sie am Fenster wie eine verliebte Heldin aus einer griechischen Dichtung. Dabei wusste sie nicht einmal, ob das, was sie empfand, tatsächlich Liebe war. Vielleicht war es nur Schwärmerei. Vielleicht eine flüchtige Begeisterung. Aber warum wollte das Bild des Fremden dann nicht aus ihren Gedanken verschwinden?

    Der Entschluss, die Bibliothek aufzusuchen

    An jenem Morgen erwachte Claudia früher als gewöhnlich. Das Licht der aufgehenden Sonne fiel durch die Fenster ihrer Gemächer. Im Garten waren bereits die ersten Bediensteten mit ihren Arbeiten beschäftigt. Sie blieb noch einige Augenblicke liegen und betrachtete die bemalte Decke über ihrem Bett. Wieder dachte sie an den Fremden. Sie seufzte. Es musste endlich aufhören. Sie konnte nicht ihre Tage damit verbringen, über einen Mann nachzudenken, den sie vermutlich niemals wiedersehen würde. Vielleicht brauchte sie eine Beschäftigung, die ihren Verstand stärker forderte. Eine anspruchsvolle Lektüre. Etwas, das ihre Gedanken von diesem unbekannten Mann ablenkte. Sie erinnerte sich an eine Abhandlung des griechischen Philosophen Plutarch über die Erziehung junger Menschen und die Entwicklung des menschlichen Charakters. Dieses Thema hatte sie schon seit längerer Zeit interessiert. Besonders beschäftigte sie die Frage, weshalb Menschen trotz ähnlicher Lebensumstände so unterschiedliche Persönlichkeiten entwickelten. Sie beschloss, die Bibliotheca Annaea aufzusuchen.

    Nachdem ihre Zofe ihr beim Ankleiden geholfen hatte, betrachtete Claudia sich im Spiegel. Sie trug eine helle Stola aus feinem Stoff. Ihr dunkelblondes Haar war kunstvoll hochgesteckt, wobei einige lockere Strähnen ihr Gesicht umrahmten. Sie ließ die Frisur noch einmal überprüfen. Dann betrachtete sie sich erneut. Weshalb gibst du dir heute eigentlich solche Mühe? Sie musste lächeln. Schließlich wollte sie nur eine Bibliothek besuchen. Keine gesellschaftliche Feier. Und schon gar keinen Mann kennenlernen. Dennoch entschied sie sich für eine besonders schöne Gewandspange. Sie redete sich ein, dass dies nichts zu bedeuten habe.

    Die Bibliotheca Annaea

    Die Bibliotheca Annaea gehörte zu Calvinas bevorzugten Orten in Rom. Hier konnte sie sich mit Fragen beschäftigen, die bei den gewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenkünften ihrer Familie nur selten zur Sprache kamen. Die Bibliothek besaß eine eindrucksvolle Sammlung griechischer und lateinischer Schriften. Zwischen hohen Säulen öffneten sich mehrere Lesesäle. An den Wänden standen hölzerne Schränke, in denen Schriftrollen sorgfältig geordnet aufbewahrt wurden. Das Licht fiel durch hohe Fenster auf die steinernen Böden. Es roch nach Papyrus, Holz und Wachs. Calvina liebte diesen Geruch. Er erinnerte sie an ihre Kindheit, an ihre ersten Unterrichtsstunden und an jene Augenblicke, in denen sie zum ersten Mal begriffen hatte, wie groß die Welt des menschlichen Wissens war. Sie begrüßte den Bibliotheksverwalter und begab sich zum griechischen Bestand. Dort suchte sie nach der gewünschten Abhandlung des Plutarch. Sie betrachtete mehrere Beschriftungen. Doch die Schriftrolle war nicht zu finden. Schließlich wandte sie sich an den Verwalter.

    „Verzeiht, ich suche eine Abhandlung des Plutarch über die Erziehung junger Menschen.“

    Der Mann nickte.

    „Die Werke des Plutarch befinden sich im griechischen Bestand, Domina.“

    „Dort habe ich bereits gesucht. Vielleicht wurde die Schrift anders eingeordnet.“

    Der Verwalter überlegte. Calvina wartete geduldig. Sie betrachtete die umliegenden Regale. Dann hörte sie eine männliche Stimme.

    „Verzeiht, Domina.“

    Sie wandte sich um. Und plötzlich schien ihr Herz stillzustehen.

    Er war es!

    Vor ihr stand der Fremde. Der Mann vom Esquilin. Calvina erkannte ihn augenblicklich. Es bestand nicht der geringste Zweifel. Seine kräftige Gestalt. Die markanten Gesichtszüge. Die aufrechte Haltung. Und diese Augen. Bei Venus! Für einen Augenblick war sie vollkommen sprachlos. Sie hatte sich in den vergangenen Tagen so oft vorgestellt, ihm erneut zu begegnen.

    Sie hatte darüber nachgedacht, was sie sagen könnte. Wie sie sich verhalten sollte. Ob sie ihn ansprechen dürfte. Doch nun stand er tatsächlich vor ihr. Und alle sorgfältig überlegten Worte waren verschwunden. Er war noch schöner, als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Gesichtszüge wirkten aus der Nähe ernster, seine Augen nachdenklicher. Seine breiten Schultern und seine ruhige Haltung verliehen ihm eine natürliche Männlichkeit, die Claudia außerordentlich anziehend fand. Aber es war nicht nur seine äußere Erscheinung. Etwas in seinem Blick berührte sie. Er sah sie aufmerksam an. Und sie glaubte, eine gewisse Unsicherheit in seinem Gesicht zu erkennen. Das überraschte sie. Ein Mann von seiner Erscheinung musste doch daran gewöhnt sein, die Aufmerksamkeit von Frauen auf sich zu ziehen. Warum wirkte er dann beinahe verlegen? Vielleicht erinnert er sich an mich. Calvina spürte, wie ihr warm wurde. Sie hoffte inständig, dass ihre Wangen nicht erröteten. Der Fremde sprach weiter.

    „Ich konnte nicht umhin, Eure Frage nach Plutarch zu hören.“

    Seine Stimme war tief. Ruhig. Angenehm. Claudia gefiel sie sofort.

    „Ihr kennt die gesuchte Schrift?“, fragte sie.

    Er nickte.

    „Ich glaube, ich kann Euch helfen. Die Abhandlung wird hier nicht unter den pädagogischen Schriften geführt, sondern bei den moralphilosophischen Werken.“

    Claudia lächelte.

    Sie war erleichtert, überhaupt eine vernünftige Antwort zustande gebracht zu haben.

    „Dann habe ich offenbar am falschen Ort gesucht.“

    „Das ist verständlich. Die Ordnung dieser Sammlung ist nicht immer besonders einleuchtend.“

    Sie lachte leise. Eigentlich war seine Bemerkung nicht besonders komisch. Doch sie empfand plötzlich eine solche Freude, dass sie am liebsten über alles gelacht hätte. Er stand vor ihr. Er sprach mit ihr. Und offenbar war er gebildet. Calvina hätte sich keinen schöneren Zufall vorstellen können.

    „Würdet Ihr mir die entsprechende Stelle zeigen?“

    „Selbstverständlich.“

    Sie folgte ihm. Während sie neben ihm durch den Lesesaal ging, bemerkte sie, wie groß er tatsächlich war. Seine Bewegungen wirkten sicher und kraftvoll. Er ging weder hastig noch schwerfällig. Und er hielt einen höflichen Abstand zu ihr ein. Das gefiel Claudia. Er schien ein Mann zu sein, der die gesellschaftlichen Umgangsformen kannte, ohne sie übertrieben zur Schau zu stellen.

    Die zufällige Berührung

    Vor einem der Regale blieb der Fremde stehen.

    „Hier müsste die Schriftrolle liegen.“

    Er betrachtete die Beschriftungen. Calvina beobachtete ihn. Seine Hände waren kräftig, aber gepflegt. Er bewegte die Schriftrollen mit jener Selbstverständlichkeit, die einen erfahrenen Leser verriet. Schließlich fand er das gesuchte Werk.

    „Da ist sie.“

    Claudia streckte die Hand aus. Im selben Augenblick griff auch er danach. Ihre Fingerspitzen berührten sich. Es war eine vollkommen harmlose Berührung. Ein Zufall. Nicht länger als einen Herzschlag. Und dennoch durchlief Claudia ein eigenartiges Kribbeln. Sie zog ihre Hand zurück.

    „Verzeiht.“

    „Nein, ich bitte Euch um Verzeihung.“

    Sie sahen einander an. Dann lächelten beide. Claudia spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Bei allen Göttern, was ist nur mit dir los? Sie hatte in ihrem Leben schon häufig die Hände anderer Menschen berührt. Bei Begrüßungen. Bei Festlichkeiten. Beim Tanz. Niemals hatte eine solche Kleinigkeit derartige Gefühle in ihr ausgelöst. Sie nahm die Schriftrolle entgegen.

    Ihre Finger zitterten kaum merklich. Sie hoffte, dass der Fremde es nicht bemerkt hatte.Gleichzeitig wünschte sie sich, dass dieser Augenblick noch ein wenig länger gedauert hätte.

    Ein Gespräch, das ihr Herz berührte

    Der Fremde begann, über Plutarch zu sprechen.

    „Plutarch beschäftigt sich darin mit der Frage, wie die Erziehung den Charakter eines Menschen beeinflusst.“

    Claudia betrachtete die Schriftrolle.

    „Gerade deshalb interessiert es mich.“

    „Dann beschäftigt Euch die Entwicklung des menschlichen Wesens?“

    „Sehr sogar.“

    Sie blickte ihn an.

    „Ich frage mich häufig, weshalb Menschen, die unter ähnlichen Umständen aufwachsen, später so unterschiedliche Persönlichkeiten entwickeln.“

    Sie hatte diese Frage schon häufig mit ihren Lehrern besprochen. Doch diesmal interessierte sie die Antwort besonders. Nicht nur, weil sie das Thema faszinierte. Sondern weil sie wissen wollte, wie dieser Mann dachte. Er überlegte einen Augenblick.

    „Vielleicht liegt es daran, dass Menschen dieselben Ereignisse unterschiedlich erleben.“

    Claudia wurde aufmerksam. Seine Antwort war bemerkenswert. Sie klang nicht wie eine auswendig gelernte philosophische Lehrmeinung. Vielmehr hatte sie den Eindruck, dass er aus eigener Erfahrung sprach.

    „Ihr glaubt also, dass nicht allein die Umstände entscheidend sind?“

    „Nein. Auch die Art, wie ein Mensch sie verarbeitet.“

    „Und kann er sich später von diesen Erfahrungen befreien?“

    Der Fremde schwieg. Nur kurz. Doch Calvina bemerkte es. Sein Gesicht veränderte sich kaum. Aber in seinen Augen erschien ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten vermochte. Traurigkeit?

    Erinnerung? Vielleicht Schmerz?

    „Ich glaube“, sagte er schließlich, „dass ein Mensch lernen kann, mit seiner Vergangenheit zu leben.“

    Calvina betrachtete ihn.

    „Aber nicht, sie zu vergessen?“

    Er sah sie an.

    „Nicht immer.“

    Seine Antwort berührte sie. Sie wusste nicht, weshalb. Doch plötzlich hatte sie das Gefühl, dass hinter der ruhigen und selbstbewussten Erscheinung dieses Mannes eine Geschichte verborgen lag. Eine Geschichte, die nicht ausschließlich glücklich gewesen sein konnte.

    „Das klingt, als sprächet Ihr aus eigener Erfahrung.“

    Er antwortete nicht sofort. Claudia befürchtete, eine Grenze überschritten zu haben. Vielleicht war ihre Bemerkung zu persönlich gewesen. Doch dann sagte er:

    „Vielleicht tue ich das.“

    Sie sah ihn an. Sie hätte nachfragen können. Sie hätte versuchen können, mehr zu erfahren. Aber irgendetwas hielt sie davon ab. Sie wollte nicht neugierig erscheinen. Vor allem wollte sie nicht, dass er sich in ihrer Gegenwart unwohl fühlte. Also schwieg sie. Und während sie ihn betrachtete, verspürte sie etwas, das über ihre anfängliche Bewunderung seiner Schönheit hinausging. Sie wollte diesen Mann verstehen. Sie wollte wissen, weshalb seine Augen manchmal so ernst wurden. Und weshalb sie das Gefühl hatte, dass er seine wirklichen Empfindungen hinter einer unsichtbaren Mauer verbarg.

    Eine ungewöhnliche Vertrautheit

    Das Gespräch entwickelte sich weiter. Sie sprachen über griechische Philosophen, über die Verantwortung der Eltern und über die Bedeutung einer guten Erziehung. Calvina stellte fest, dass der Fremde ein außergewöhnlich angenehmer Gesprächspartner war. Er hörte ihr zu. Wirklich zu. Nicht nur mit jener höflichen Aufmerksamkeit, die Männer gelegentlich vortäuschten, wenn sie einer hübschen Frau gefallen wollten. Er ging auf ihre Gedanken ein. Er stellte Fragen. Und wenn er anderer Meinung war, erklärte er seine Ansichten, ohne ihre Überlegungen herabzusetzen. Calvina genoss das Gespräch. Mehr noch. Sie genoss seine Gegenwart. Sie ertappte sich dabei, wie sie immer neue Fragen stellte, nur um das Gespräch nicht enden zu lassen. Einmal musste sie sogar über sich selbst lächeln. Du benimmst dich wie ein verliebtes Mädchen. Doch diesmal erschreckte sie der Gedanke nicht mehr. Vielleicht war sie tatsächlich verliebt. Oder zumindest auf dem besten Weg dorthin. Sie betrachtete den Fremden. Er war schön. Männlich. Stark. Aber nun wusste sie auch, dass er gebildet und nachdenklich war. Er besaß eine ruhige Würde, die sie faszinierte. Und er schien nicht zu jenen Männern zu gehören, die ihre Gefühle leichtfertig offenbarten. Calvina fragte sich, ob er wohl eine Frau liebte. Ob es in seinem Leben jemanden gab, dem er seine Gedanken anvertraute. Und ob sie selbst eines Tages zu diesen Menschen gehören könnte. Der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen.

    Endlich ein Name

    Nach einiger Zeit schien dem Fremden etwas einzufallen.

    „Verzeiht meine Unhöflichkeit. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“

    Claudia spürte eine freudige Erwartung. Endlich! Die Frage, die sie seit Tagen beschäftigte, würde beantwortet werden. Er verneigte sich leicht.

    „Titus Aurelius Romanus.“

    Claudia wiederholte den Namen in Gedanken. Titus Aurelius Romanus. Ein schöner Name. Kraftvoll. Würdevoll. Und zugleich angenehm, wenn man ihn aussprach. Die Gens Aurelia war ihr selbstverständlich bekannt. Eine alte und angesehene patrizische Familie. Claudia verspürte Erleichterung. Nicht, weil ihr gesellschaftliche Stellung wichtiger gewesen wäre als der Charakter eines Menschen. Aber sie wusste, dass ihre Familie bei der Wahl eines zukünftigen Ehemannes großen Wert auf Herkunft und Ansehen legen würde. Ein Angehöriger der Gens Aurelia wäre zumindest kein Mann, dessen Bekanntschaft man grundsätzlich missbilligen müsste. Sie erschrak über ihre eigenen Gedanken. Ein zukünftiger Ehemann? Sie hatte Titus gerade erst kennengelernt. Und dachte bereits über eine mögliche Verbindung ihrer Familien nach. Calvina hätte am liebsten über sich selbst gelacht. Stattdessen lächelte sie.

    „Claudia Calvina.“

    Titus betrachtete sie. Dann fragte er:

    „Dann gehört Ihr zur Familie, deren Villa am Nordwesthang des Esquilin liegt?“

    Claudia wurde aufmerksam.

    „Ja. Kennt Ihr unser Anwesen?“

    Ein kleiner Hoffnungsschimmer erwachte in ihr. Er erinnert sich. Sie beobachtete sein Gesicht. Er schien einen Augenblick zu zögern. Dann antwortete er:

    „Ich bin vor einigen Tagen dort vorbeigekommen.“

    Claudia spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

    „Tatsächlich?“

    „Ja.“

    Er sah sie an.

    „Und ich glaube, Euch dort gesehen zu haben.“

    Für einen Augenblick wusste Claudia nicht, was sie sagen sollte. Er erinnerte sich! An sie! An jenen kurzen Augenblick vor der Villa! Sie hätte vor Freude lachen können. Doch sie beherrschte sich. Sie senkte kurz den Blick, um ihre Aufregung zu verbergen. Dann sah sie ihn wieder an.

    „Ich erinnere mich.“

    Titus wirkte überrascht.

    „Ihr erinnert Euch?“

    Claudia nickte.

    „Ja.“

    Sie lächelte.

    „Ihr wart nicht allein.“

    Sie bemerkte seine Überraschung.Das gefiel ihr. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass sie ihn wiedererkennen würde.

    „Das stimmt“, antwortete er. „Ich war mit zwei vertrauten Menschen unterwegs.“

    „Einer Frau und einem Mann.“

    „Ja.“

    Claudia betrachtete ihn aufmerksam. Sie hätte gern gefragt, wer die schöne Frau gewesen war. Eine Schwester? Eine Verwandte? Vielleicht seine Geliebte? Doch sie wagte es nicht. Eine solche Frage wäre viel zu persönlich gewesen. Und sie wollte nicht den Eindruck erwecken, bereits Ansprüche auf ihn zu erheben. Stattdessen lächelte sie. Sie wusste nun, dass Titus sie ebenfalls bemerkt hatte. Und allein diese Erkenntnis erfüllte sie mit einer Freude, die sie kaum beschreiben konnte.

    Ein bemerkenswerter Zufall

    Claudia bemerkte, dass Titus sie ansah. Nicht aufdringlich. Nicht unhöflich. Sondern mit einer Aufmerksamkeit, die ihr angenehm war. Sie hatte das Gefühl, dass auch er nicht genau wusste, wie er sich verhalten sollte. Das überraschte sie. Ein Mann wie Titus Aurelius Romanus musste doch zahlreiche Frauen kennen. Vielleicht war er sogar daran gewöhnt, bewundert zu werden. Und dennoch schien er in ihrer Gegenwart ein wenig unsicher. Claudia empfand diese Unsicherheit als ausgesprochen liebenswert. Sie lächelte.

    „Dann ist es wohl ein bemerkenswerter Zufall, dass wir uns hier wiedersehen.“

    Titus nickte.

    „Ein sehr angenehmer Zufall.“

    Claudia spürte, wie ihr warm wurde. Er hatte es gesagt. Nicht nur ein Zufall. Ein angenehmer Zufall. Sie sah ihn an.

    „Das finde ich ebenfalls.“

    Für einen Augenblick schwiegen beide. Claudia hätte gern gewusst, was Titus dachte. Ob er sich ebenso freute wie sie. Ob sein Herz ebenfalls schneller schlug. Ob er vielleicht schon seit Tagen an sie gedacht hatte. Sie konnte es nicht wissen. Aber sie hoffte es. Und je länger sie ihn betrachtete, desto stärker wurde dieser Wunsch. Sie hatte das Gefühl, dass zwischen ihnen etwas entstanden war. Etwas Zartes. Etwas Unausgesprochenes. Vielleicht nur eine gegenseitige Sympathie. Vielleicht mehr.´Claudia wagte nicht, diesem Gefühl bereits einen Namen zu geben. Aber sie wollte es auch nicht verlieren.

    Der Abschied, den sie hinauszögerte

    Claudia bemerkte schließlich, dass sie bereits wesentlich länger in der Bibliothek verweilte, als sie ursprünglich beabsichtigt hatte. Sie musste zur Villa Claudia zurückkehren.

    Ihre Familie würde ihre Abwesenheit zwar nicht ungewöhnlich finden, doch sie wollte keinen Anlass zu unnötigen Fragen geben. Und dennoch fiel ihr der Gedanke an den Abschied schwer. Sie betrachtete die Schriftrolle des Plutarch. Eigentlich hatte sie längst gefunden, wonach sie gesucht hatte. Und noch etwas dazu. Etwas, das sie niemals erwartet hätte. Sie nahm die Schriftrolle fester in die Hand.

    „Ich fürchte, ich muss mich verabschieden.“

    Titus antwortete:

    „Natürlich.“

    Claudia glaubte, einen kurzen Ausdruck der Enttäuschung in seinem Gesicht zu erkennen. Vielleicht täuschte sie sich. Aber sie wollte daran glauben.

    „Ich danke Euch für Eure Hilfe.“

    „Es war mir eine Freude.“

    Claudia zögerte. Sie wollte ihn wiedersehen. Unbedingt. Aber wie konnte sie diesen Wunsch aussprechen, ohne allzu deutlich zu werden? Sie überlegte. Dann fragte sie:

    „Besucht Ihr diese Bibliothek häufiger?“

    Titus sah sie an.

    „Wann immer meine Verpflichtungen es erlauben.“

    Claudia lächelte. Das war immerhin eine Möglichkeit. Vielleicht würde sie ihn hier erneut treffen. Vielleicht schon in wenigen Tagen.

    „Dann begegnen wir uns vielleicht wieder.“

    Titus erwiderte ihr Lächeln.

    „Das würde mich sehr freuen.“

    Claudia spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Er wollte sie wiedersehen. Zumindest hatte er es gesagt. Sie sah ihn an.

    „Mich ebenfalls.“

    Nun war es ausgesprochen. Nicht offen. Nicht als Liebesgeständnis. Aber deutlich genug, um ihm zu zeigen, dass sie eine weitere Begegnung begrüßen würde. Claudia war zufrieden.

    Mehr konnte sie bei einem ersten Gespräch kaum erwarten. Schließlich verabschiedete sich Titus.

    „Vale, Claudia Calvina.“

    Sie lächelte.

    „Vale, Titus Aurelius Romanus.“

    Dann wandte sie sich ab.

    Der letzte Blick

    Claudia ging langsam durch den Säulengang. Sie versuchte, ihre Schritte ruhig und würdevoll wirken zu lassen. Doch in ihrem Inneren herrschte ein vollkommen anderes Gefühl.

    Sie war aufgeregt. Glücklich. Und beinahe ein wenig traurig, weil die Begegnung bereits vorüber war. Sie hätte gern noch länger mit Titus gesprochen. Vielleicht über seine Familie.

    Über seine Interessen. Über die Dinge, die ihn glücklich machten. Oder über jene Erinnerungen, die seine Augen manchmal so ernst werden ließen. Sie fragte sich, ob er ihr nachsah.

    Der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie widerstand zunächst der Versuchung, sich umzudrehen. Eine junge Frau ihres Standes sollte schließlich nicht allzu deutlich zeigen, wie sehr sie sich für einen Mann interessierte. Doch kurz vor dem Ausgang konnte sie nicht anders. Sie wandte den Kopf. Titus stand noch immer dort. Er sah ihr nach. Claudia spürte eine Welle der Freude. Er war nicht einfach zu seinen Schriftrollen zurückgekehrt. Er hatte gewartet. Vielleicht gehofft, dass sie sich noch einmal umdrehen würde. Sie lächelte. Und er erwiderte ihr Lächeln. Für einen kurzen Augenblick begegneten sich ihre Blicke erneut. Wie damals auf dem Esquilin. Nur dass sie diesmal seine Stimme kannte. Seinen Namen. Und einen kleinen Teil seiner Gedanken. Dann wandte sie sich wieder ab. Sie verließ die Bibliothek. Doch das Lächeln blieb auf ihrem Gesicht.

    Der Weg zurück zur Villa Claudia

    Auf dem Rückweg durch die Straßen Roms konnte Claudia kaum einen klaren Gedanken fassen. Sie hatte Titus Aurelius Romanus kennengelernt. Endlich. Der Fremde besaß einen Namen.

    Und dieser Name gehörte zu einem Mann, der sie noch stärker beeindruckt hatte, als sie es nach ihrer ersten Begegnung für möglich gehalten hätte. Sie erinnerte sich an seine kräftige Gestalt. An sein schönes Gesicht. An seine ruhige Stimme. An die Art, wie er sie angesehen hatte. Doch vor allem dachte sie an das Gespräch über Plutarch. Titus war nicht nur äußerlich anziehend. Er war gebildet. Nachdenklich. Und offenbar ein Mensch, der seine Gefühle sorgfältig verbarg. Claudia fragte sich, weshalb. Vielleicht hatte er eine schwere Enttäuschung erlebt. Vielleicht war er von Natur aus zurückhaltend. Oder vielleicht hatte ihn seine Vergangenheit gelehrt, anderen Menschen nicht zu schnell zu vertrauen. Sie wollte es herausfinden.

    Nicht aus Neugier allein. Sondern weil sie das Gefühl hatte, dass hinter seiner ernsten Erscheinung ein Mensch verborgen lag, den sie gern näher kennenlernen würde. Sie erinnerte sich an seine Worte. Ich glaube, dass ein Mensch lernen kann, mit seiner Vergangenheit zu leben.Diese Antwort beschäftigte sie. Warum hatte er so ernst geklungen?

    Was war ihm widerfahren? Calvina verspürte plötzlich den Wunsch, ihm eines Tages so vertraut zu sein, dass er ihr davon erzählen würde. Dann erschrak sie über sich selbst. Sie kannte Titus erst seit wenigen Stunden. Und dachte bereits an eine Vertrautheit, die normalerweise erst nach langer Bekanntschaft entstehen konnte. Sie lächelte. Vielleicht bin ich tatsächlich verliebt.

    Die Rückkehr in die Villa Claudia

    Als Claudia die Villa Claudia erreichte, empfing sie die vertraute Ruhe des weitläufigen Anwesens. Der Garten lag im warmen Licht des Nachmittags. Aus dem Peristyl drang das leise Plätschern eines Brunnens. Bedienstete bewegten sich zwischen den Säulen. Alles war wie immer. Und doch erschien Claudia ihre Umgebung verändert. Die Farben wirkten heller. Die Luft angenehmer. Selbst die vertrauten Geräusche des Hauses schienen ihr plötzlich freundlicher. Sie wusste natürlich, dass sich nichts verändert hatte. Nicht die Villa. Nicht der Garten. Nicht die Menschen. Nur sie selbst. Eine ältere Zofe bemerkte ihre ungewöhnlich gute Laune.

    „Domina, war Euer Besuch in der Bibliothek erfolgreich?“

    Claudia lächelte.

    „Sehr sogar.“

    Die Zofe betrachtete die Schriftrolle in ihren Händen.

    „Habt Ihr das gewünschte Werk gefunden?“

    „Ja.“

    Claudia zögerte. Dann fügte sie hinzu:

    „Und ein ausgesprochen interessantes Gespräch geführt.“

    Die Zofe lächelte.

    „Mit einem Gelehrten?“

    Claudia musste sich beherrschen.

    „Mit einem sehr gebildeten Mann.“

    „Dann war der Vormittag wohl nicht verloren.“

    „Nein.“

    Claudia blickte kurz zur Seite.

    „Ganz gewiss nicht.“

    Sie begab sich in ihre Gemächer. Dort legte sie die Schriftrolle auf einen Tisch. Dann trat sie vor ihren Spiegel. Sie betrachtete ihr Gesicht. Ihre Augen glänzten. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Und sie lächelte. Noch immer. „Claudia Calvina“, sagte sie leise zu ihrem Spiegelbild, „du benimmst dich vollkommen töricht.“ Doch diesmal klang kein wirklicher Vorwurf in ihrer Stimme. Sie war glücklich. Und sie wollte dieses Glück genießen.

    Ein Name, den sie nicht vergessen wollte

    Claudia setzte sich an einen kleinen Tisch neben dem Fenster. Vor ihr lag die Schriftrolle des Plutarch. Sie hätte nun mit der Lektüre beginnen können. Schließlich war dies der eigentliche Grund ihres Bibliotheksbesuches gewesen. Doch ihre Gedanken waren weit entfernt von philosophischen Abhandlungen. Sie dachte an Titus. Immer wieder. Sie erinnerte sich an den Augenblick, als er vor ihr gestanden hatte. An seine erste Frage. An seine Stimme. An die Berührung ihrer Hände. Und an seinen Blick beim Abschied. Sie nahm eine kleine Wachstafel.

    Einen Augenblick hielt sie den Griffel unschlüssig in der Hand. Dann schrieb sie: TITUS AURELIUS ROMANUS Sie betrachtete die Buchstaben. Ein schöner Name. Ein Name, den sie nun endlich mit dem Gesicht des Fremden verbinden konnte. Sie sprach ihn leise aus.

    „Titus.“

    Das Wort klang angenehm. Vertraut. Fast zärtlich. Sie lächelte. Dann wiederholte sie den vollständigen Namen.

    „Titus Aurelius Romanus.“

    Sie stellte sich vor, wie es wäre, ihn eines Tages ohne jede Förmlichkeit anzusprechen. Einfach Titus. Nicht Titus Aurelius Romanus. Nicht der Angehörige einer angesehenen Familie.

    Sondern Titus. Der Mann, der sie in der Bibliothek angelächelt hatte. Sie fragte sich, ob er ihren Namen ebenfalls schön fand. Ob er ihn vielleicht gerade in Gedanken wiederholte. Ob er sich noch an ihre Stimme erinnerte. Sie hoffte es. Sehr sogar.

    Die Fragen einer jungen Frau

    Am späteren Nachmittag versuchte Claudia tatsächlich, die Abhandlung des Plutarch zu lesen. Sie entrollte die Schriftrolle. Las einige Zeilen. Dann hielt sie inne. Ihre Gedanken wanderten zurück zur Bibliothek. Sie erinnerte sich an Titus' Worte über die Vergangenheit. An seine ernsten Augen. An jene kaum wahrnehmbare Veränderung seines Gesichtes, als sie ihn nach persönlichen Erfahrungen gefragt hatte. Sie fragte sich, was für ein Leben dieser Mann führte. War er ein hoher Beamter? Ein Gelehrter? Ein Offizier? Oder verwaltete er lediglich die umfangreichen Besitzungen seiner Familie? Seine Erscheinung hatte etwas Militärisches besessen. Nicht unbedingt wegen seiner Kleidung. Vielmehr wegen seiner Haltung. Er wirkte wie jemand, der gewohnt war, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Aber er hatte ebenso selbstverständlich über Philosophie gesprochen. Das faszinierte Calvina.

    Ein Mann, der Stärke und Bildung miteinander verband. Genau eine solche Verbindung hatte sie sich bei einem zukünftigen Ehemann immer gewünscht. Sie erschrak erneut über den Gedanken. Schon wieder denkst du an eine Ehe! Sie legte die Schriftrolle beiseite. Vielleicht sollte sie zunächst herausfinden, ob Titus überhaupt unverheiratet war. Das wäre zumindest vernünftig. Doch wie sollte sie danach fragen?

    Sie konnte schlecht bei ihrer Gens erscheinen und erklären, dass sie einen Mann kennengelernt hatte, über dessen Familienverhältnisse sie gern nähere Auskünfte erhalten würde. Sie würden sofort wissen wollen, weshalb sie sich dafür interessierte. Und Calvina war noch nicht bereit, ihre Gefühle offenzulegen.

    Die Gens würde fragen: Wo hatte sie ihn kennengelernt?

    Wer hatte die Begegnung vermittelt?

    War eine angemessene Begleitung anwesend gewesen?

    Hatte er sich korrekt verhalten?

    Claudia konnte sich diese Fragen bereits lebhaft vorstellen.

    Sie beschloss, vorerst zu schweigen.

    Das Geheimnis ihrer Begegnung sollte zunächst ihr allein gehören.

    Der Abend im Peristylgarten

    Als die Sonne tiefer sank, begab sich Calvina in den Garten. Die Luft war angenehm mild. Zwischen den Säulen des Peristyls lagen lange Schatten. Das Wasser des Brunnens spiegelte die letzten Sonnenstrahlen. Calvina setzte sich auf eine steinerne Bank. Sie betrachtete die Blumenbeete. Dann schloss sie die Augen. Vor ihr erschien das Gesicht des Titus Aurelius Romanus. Sie erinnerte sich an seine Schultern. An seine Hände. An seine Stimme. Und an die Art, wie er sie angesehen hatte. Er war ein schöner Mann. Daran bestand kein Zweifel.Doch Calvina begriff langsam, dass ihre Gefühle nicht allein aus seiner äußeren Erscheinung entstanden waren. Hätte er sich als oberflächlicher, eingebildeter oder ungebildeter Mann erwiesen, wäre ihre anfängliche Begeisterung vermutlich rasch verschwunden. Aber das Gegenteil war geschehen. Je länger sie mit ihm gesprochen hatte, desto stärker hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt. Seine Gedanken hatten sie beeindruckt. Seine Zurückhaltung hatte sie neugierig gemacht. Und seine gelegentliche Verlegenheit hatte ihn ihr auf eine Weise nähergebracht, die sie nicht erwartet hatte. Calvina lächelte. Vielleicht war Titus gar nicht so selbstsicher, wie er auf den ersten Blick wirkte. Vielleicht verbarg sich hinter seiner männlichen Erscheinung ein empfindsamer Mensch. Ein Mensch, der sich nach Zuneigung sehnte, ohne es offen zeigen zu wollen. Sie wusste nicht, ob diese Vermutung richtig war. Aber sie wollte es herausfinden.

    Sehr gern sogar.

    Ein unausgesprochener Wunsch

    Als die Dunkelheit über Rom hereinbrach, kehrte Calvina in ihre Gemächer zurück. Ihre Zofe half ihr beim Ablegen der äußeren Gewänder. Anschließend blieb Calvina allein.

    Sie trat ans Fenster. Über den Dächern Roms standen bereits die ersten Sterne. Irgendwo in dieser gewaltigen Stadt lebte Titus Aurelius Romanus. Vielleicht war er inzwischen in sein Haus zurückgekehrt. Vielleicht saß er bei einem Abendessen. Vielleicht sprach er mit Freunden. Oder vielleicht dachte er an sie. Claudia lächelte bei dieser Vorstellung.

    Wie schön wäre es, wenn er dieselben Gefühle empfände. Wenn er sich ebenfalls nach einem Wiedersehen sehnte. Wenn er sich an die zufällige Berührung ihrer Hände erinnerte. Sie schloss die Augen. Bitte, Venus, lass ihn mich nicht vergessen. Sie war keine Frau, die gewöhnlich bei jeder Gelegenheit die Götter um Hilfe bat. Aber an diesem Abend erschien ihr ein kleines Gebet durchaus angemessen. Sie wollte Titus wiedersehen. Nicht erst nach vielen Monaten. Am liebsten schon bald. Vielleicht würde sie in einigen Tagen erneut die Bibliotheca Annaea aufsuchen. Ganz zufällig natürlich. Sie musste lächeln. Du wirst doch nicht ernsthaft jeden Tag in die Bibliothek gehen, nur um einen Mann wiederzusehen? Sie überlegte.

    Warum eigentlich nicht? Schließlich gab es dort zahlreiche interessante Werke. Und wenn sie Titus dabei erneut begegnete, wäre das gewiss kein Nachteil. Sie lachte leise. Dann wurde sie wieder ernst. Was, wenn er nicht kam? Was, wenn sie seine Worte falsch verstanden hatte? Was, wenn er nur höflich gewesen war? Calvina spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung.

    Noch war nichts entschieden. Sie wusste nicht, ob aus ihrer Bekanntschaft mehr werden konnte. Aber sie wollte hoffen. Und zum ersten Mal seit langer Zeit empfand sie diese Ungewissheit nicht ausschließlich als Belastung. Sie war aufregend. Lebendig. Voller Möglichkeiten.

    Amor primo conspectu

    Bevor Claudia zu Bett ging, nahm sie noch einmal die kleine Wachstafel zur Hand. Darauf stand der Name: TITUS AURELIUS ROMANUS Sie betrachtete ihn lange.

    Dann schrieb sie darunter: AMOR PRIMO CONSPECTU? Liebe auf den ersten Blick? Sie lächelte. War es wirklich möglich? Konnte eine junge Frau sich in einen Mann verlieben, den sie zunächst nur einen flüchtigen Augenblick gesehen hatte? Und den sie nun erst seit wenigen Stunden persönlich kannte? Ihre Vernunft sagte ihr, dass sie vorsichtig sein sollte.

    Liebe benötigte Zeit. Vertrauen. Gemeinsame Erfahrungen. Man musste einen Menschen kennenlernen, bevor man ihm sein Herz schenken konnte. Doch ihr Gefühl sagte etwas anderes.

    Es sagte ihr, dass Titus Aurelius Romanus etwas Besonderes war. Dass seine Gegenwart sie glücklich machte. Dass sie sich nach seinem Lächeln sehnte. Und dass sie ihn unbedingt wiedersehen wollte. Calvina betrachtete das Fragezeichen. Sie dachte darüber nach, es zu entfernen. Dann ließ sie es stehen. Noch war sie sich nicht sicher. Aber sie hoffte, eines Tages die Antwort zu kennen. Sie legte die Wachstafel in eine kleine Truhe neben ihrem Bett. Dann löschte sie die Lampe.

    Die Nacht der schönen Träume

    Calvina lag lange wach. Nicht aus Sorge. Nicht aus Angst. Sondern weil ihre Gedanken immer wieder zu Titus zurückkehrten. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung auf dem Esquilin.

    An jenen kurzen Blick, der ihr Herz so unerwartet berührt hatte. Dann an die Bibliothek. An seine Stimme. An seine Hände. An seine klugen Antworten. Und an den Augenblick, als er seinen Namen genannt hatte. Titus Aurelius Romanus. Sie sprach ihn noch einmal leise aus. Dann lächelte sie in die Dunkelheit. Wie schön wäre es, wenn er eines Tages wieder vor ihr stünde. Vielleicht in der Bibliothek. Vielleicht bei einer gesellschaftlichen Zusammenkunft. Oder vielleicht sogar hier, in der Villa Claudia, als offiziell angemeldeter Besucher. Dieser Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie stellte sich vor, wie er durch das Atrium schritt. Wie er sie begrüßte. Wie sie gemeinsam im Garten spazieren gingen. Wie sie miteinander sprachen, ohne ständig auf die Zeit achten zu müssen. Und vielleicht würde er ihr eines Tages erzählen, weshalb seine Augen manchmal so traurig wirkten. Vielleicht würde er ihr vertrauen.

    Und vielleicht würde sie dann diejenige sein, die ihm zeigte, dass Zuneigung keine Schwäche sein musste. Calvina zog die Decke höher.Sie schloss die Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit schlief sie mit einem Lächeln ein.

    EPILOG – COR PUELLAE

    Das Herz einer jungen Frau In jener Nacht träumte Claudia Calvina von einem Mann, dessen Namen sie erst wenige Stunden zuvor erfahren hatte. Sie träumte von hohen Säulen und langen Gängen. Von Schriftrollen und dem warmen Licht der Sonne. Von einer tiefen, ruhigen Stimme. Und von einem Paar Augen, die sie mit einer Aufmerksamkeit betrachteten, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Titus Aurelius Romanus. Sie wusste nicht, dass er zur selben Stunde in der Villa Aurelia saß und ebenfalls an sie dachte. Sie wusste nichts von seiner schwierigen Kindheit. Nichts von den Geheimnissen, die seine Ermittlungen umgaben. Nichts von Lucius Cassius Varro, Gaius Septimius Largus oder den Gefahren, die sich im Hintergrund zusammenzogen. Für Calvina war Titus zunächst nur ein Mann. Ein schöner, starker, gebildeter Mann. Ein Mann, dessen Lächeln ihr Herz schneller schlagen ließ. Doch sie ahnte, dass hinter seiner ruhigen Erscheinung mehr verborgen lag. Und sie wollte es kennenlernen. Nicht seinen Reichtum. Nicht seinen gesellschaftlichen Rang. Nicht allein seine männliche Schönheit.

    Sondern den Menschen Titus Aurelius Romanus. Sie wusste nicht, ob er sie liebte. Sie wusste nicht einmal, ob das, was sie selbst empfand, bereits Liebe war. Aber sie wusste, dass sie ihn wiedersehen wollte. Und während Rom langsam zur Ruhe kam, lag eine kleine Wachstafel in einer Truhe neben ihrem Bett.

    Darauf standen zwei Zeilen:

    TITUS AURELIUS ROMANUS

    AMOR PRIMO CONSPECTU?

    Claudia hatte das Fragezeichen nicht entfernt.

    Noch nicht. Denn vielleicht, so hoffte sie, würde Titus Aurelius Romanus ihr eines Tages selbst die Antwort darauf geben. AMOR PRIMO CONSPECTU – Liebe auf den ersten Blick.

  • Die Frau auf der anderen Seite des Tisches

    Titus Aurelius Romanus hatte sich vorgenommen, an diesem Vormittag ausschließlich seinen Studien nachzugehen. Die Angelegenheiten, die ihn seit der Ankunft des Schreibens aus Germanien beschäftigten, verlangten einen klaren Verstand. Zu viele Fragen waren unbeantwortet geblieben. Zu viele Namen tauchten in den alten Unterlagen auf, deren Bedeutung er noch immer nicht vollständig verstand. Die Bibliotheca Annaea schien ihm der geeignete Ort, um seine Gedanken zu ordnen. Hier herrschte jene besondere Stille, die er seit seiner Jugend schätzte. Zwischen den hohen Regalen, den sorgfältig verwahrten Schriftrollen und den langen Arbeitstischen konnte ein Mann für einige Stunden vergessen, dass außerhalb dieser Mauern eine Welt voller Intrigen, Verpflichtungen und Gefahren existierte. Titus hatte bereits mehrere Schriftrollen vor sich ausgebreitet, als er bemerkte, dass jemand den Lesesaal betreten hatte.

    Zunächst schenkte er dem keine Aufmerksamkeit. Er hörte lediglich das leise Geräusch von Sandalen auf dem steinernen Boden, das Rascheln eines Gewandes und einige gedämpfte Worte, die mit dem Bibliothekar gewechselt wurden. Dann hob er den Kopf. Und vergaß augenblicklich alles, was er gerade gelesen hatte. Sie war es. Die junge Frau, der er bereits einmal an diesem Ort begegnet war.

    Claudia Calvina.

    Noch immer wusste er nicht viel über sie. Doch ihr Gesicht hatte sich seinem Gedächtnis mit einer Deutlichkeit eingeprägt, die ihn selbst überraschte. Sie trug eine helle, beinahe cremefarbene Stola, deren feine Falten bei jeder Bewegung sanft über ihren Körper glitten. Ihr dunkles Haar war sorgfältig aufgesteckt, wobei einige lose Strähnen ihr Gesicht umrahmten.

    Sie blieb einen Augenblick stehen und ließ ihren Blick durch den Lesesaal wandern. Dann entdeckte sie ihn. Titus spürte, wie sein Herz einen Schlag auszusetzen schien. Doch der Blick dieser jungen Frau brachte ihn vollständig aus der Fassung. Calvina lächelte. Es war kein auffälliges Lächeln. Nur eine kaum wahrnehmbare Bewegung ihrer Lippen. Aber für Titus war es, als hätte jemand die schweren Fensterläden geöffnet und plötzlich Sonnenlicht in einen dunklen Raum gelassen. Er erhob sich halb von seinem Platz. Calvina näherte sich langsam dem Tisch. Vor ihm blieb sie stehen.

    „Ist dieser Platz noch frei?“, fragte sie leise.

    Titus blickte auf den Stuhl unmittelbar gegenüber.

    „Für Euch, Domina, selbstverständlich.“

    Sie senkte kurz die Augen.

    „Dann hoffe ich, Euch nicht bei Euren Studien zu stören.“

    „Das wäre unmöglich.“

    Erst nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, bemerkte Titus, wie wenig sie zu seiner sonstigen Zurückhaltung passten. Calvina schien es ebenfalls bemerkt zu haben. Ihr Lächeln vertiefte sich. Dann nahm sie Platz. Und damit begann ein Vormittag, den Titus Aurelius Romanus niemals vergessen sollte.

    Zwei Menschen und ein einziger Blick

    Zwischen ihnen lag ein breiter Tisch aus dunklem Holz. Darauf befanden sich mehrere Schriftrollen, ein kleines Tintenfass, zwei Schreibgriffel und eine bronzene Öllampe, die am helllichten Tage nicht benötigt wurde. Titus nahm wieder Platz. Calvina legte eine Schriftrolle vor sich. Eine Weile schienen beide ihren Studien nachzugehen. Doch Titus verstand kein einziges Wort mehr. Seine Augen folgten den griechischen Buchstaben, ohne deren Bedeutung zu erfassen. Immer wieder hob er unwillkürlich den Blick. Und jedes Mal stellte er fest, dass Calvina ihn bereits ansah. Zunächst wandte sie ihre Augen noch rasch ab. Er tat dasselbe. Dann wiederholte sich das Spiel. Einmal. Zweimal. Schließlich hörten beide auf, so zu tun, als würden sie lesen. Titus legte seinen Griffel nieder. Calvina ließ die Schriftrolle langsam sinken. Ihre Augen begegneten sich. Und diesmal blickte keiner von beiden fort. Titus betrachtete ihr Gesicht.

    Er bemerkte die feinen Linien ihrer Augenbrauen, den sanften Schwung ihrer Lippen und jene besondere Wärme in ihren Augen, die ihm das Gefühl gab, von ihr nicht nur angesehen, sondern tatsächlich erkannt zu werden. Das war es, was ihn so sehr verwirrte. Er kannte diese Frau kaum. Sie hatten nur wenige Worte miteinander gewechselt. Und dennoch empfand er in ihrer Gegenwart eine Vertrautheit, für die er keine Erklärung fand. Es war, als würde sie etwas in ihm berühren, das er seit seiner Kindheit sorgfältig verborgen hatte. Sein Lehrer Sokrates hatte ihm einst erklärt, dass der Mensch seine größten Schwächen hinter den stärksten Mauern verberge. Titus hatte diese Lehre niemals vergessen. Nun saß ihm eine junge Frau gegenüber, die diese Mauern mit einem einzigen Blick zu überwinden schien. Er hätte sprechen können.

    Er hätte ein Gespräch über die Literatur beginnen oder sich nach ihrer Familie erkundigen können. Aber er tat nichts davon. Er sah sie nur an. Und sie sah ihn an. Die Zeit verlor jede Bedeutung. Irgendwo im Hintergrund wurde eine Schriftrolle in ein Regal zurückgelegt. Ein älterer Gelehrter räusperte sich. Von der Straße drang das ferne Rumpeln eines Wagens herein.

    Titus nahm nichts davon wahr. Für ihn gab es nur noch die junge Frau auf der anderen Seite des Tisches.

    Die zufällige Berührung

    Es geschah, als Calvina ihre Schriftrolle etwas weiter in die Mitte des Tisches schob. Titus hatte beinahe gleichzeitig nach seinem Griffel greifen wollen. Ihre Hände näherten sich einander, ohne dass einer von beiden darauf achtete. Dann berührten sich ihre Fingerspitzen. Ganz leicht. Kaum mehr als ein flüchtiges Streifen der Haut. Titus hielt augenblicklich inne. Calvina ebenfalls. Für einen kurzen Moment lagen ihre Finger nebeneinander auf dem dunklen Holz. Titus hätte seine Hand zurückziehen müssen. Es wäre die angemessene Reaktion gewesen.

    Sie waren einander nicht vorgestellt worden. Er kannte ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht. Und die Berührung einer jungen Frau aus einer angesehenen römischen Familie war keineswegs etwas, das man leichtfertig fortsetzen durfte. Doch er konnte sich nicht bewegen. Oder wollte es nicht. Calvinas kleiner Finger berührte den seinen erneut. Diesmal war es kein Zufall mehr. Titus blickte auf ihre Hände. Dann sah er ihr ins Gesicht. Sie schaute ihn unverwandt an. In ihren Augen lag eine Frage, die keiner Worte bedurfte. Ganz langsam drehte Titus seine Hand. Seine Finger öffneten sich ein wenig. Calvina legte ihre Hand hinein. Er schloss seine Finger um die ihren. Vorsichtig. Fast ehrfürchtig. Ihre Hand war warm. Er spürte die zarte Haut ihrer Finger, die leichte Bewegung ihres Daumens und das kaum merkliche Zittern, das sie offenbar ebenso wenig beherrschen konnte wie er selbst. Titus empfand plötzlich etwas, das ihm beinahe fremd geworden war.

    Frieden.

    Nicht jenen Frieden, den ein Soldat nach überstandener Gefahr empfindet. Nicht die Zufriedenheit nach einem gelungenen Geschäft oder einem gewonnenen Streit. Es war etwas Tieferes.

    Eine Ruhe, die nicht aus Kontrolle entstand. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er nicht das Bedürfnis, sich zu schützen. Er hielt einfach ihre Hand. Und wollte sie nicht mehr loslassen.

    Ein stilles Versprechen

    Minuten vergingen. Vielleicht war es eine halbe Stunde. Titus wusste es nicht. Ihre Hände lagen zwischen den Schriftrollen verborgen, während sie einander weiterhin ansahen.

    Manchmal lächelte Calvina. Dann lächelte er zurück. Einmal senkte sie verlegen den Blick auf ihre ineinandergelegten Finger. Titus glaubte schon, sie würde ihre Hand zurückziehen.

    Doch stattdessen schob sie ihre Finger noch etwas fester zwischen seine. Diese kleine Bewegung erschütterte ihn stärker als jede Liebeserklärung. Er hatte Frauen gekannt. Er hatte Bewunderung erfahren, Zuneigung und auch Begierde. Aber nichts davon war mit diesem Augenblick vergleichbar. Denn Calvina verlangte nichts von ihm. Sie fragte nicht nach seinem Namen, seiner Stellung oder seinem Vermögen. Sie betrachtete ihn einfach, als sei es für sie ebenso selbstverständlich wie für ihn, dass sie einander gefunden hatten.

    Schließlich bewegte Titus die Lippen.

    „Ich glaube“, flüsterte er, „ich werde heute nichts mehr lesen.“

    Calvina lächelte.

    „Ich auch nicht.“

    Mehr sagten sie nicht. Sie mussten es nicht. Titus hob ihre Hand ein kleines Stück vom Tisch, ohne sie loszulassen. Sein Daumen strich sanft über ihre Finger. Sie erwiderte die Bewegung.

    Und in diesem Augenblick wusste er, dass er am nächsten Tag wiederkommen würde. Und am übernächsten. Und an jedem weiteren Tag, an dem er hoffen durfte, sie hier anzutreffen. Nicht wegen der Schriftrollen. Nicht wegen der Philosophie. Sondern wegen einer jungen Frau, deren Hand nun in seiner lag. Als Calvina schließlich ganz leise seinen Namen aussprach, klang er für Titus anders als jemals zuvor.

    „Titus.“

    Er sah sie an.

    „Ja?“

    Sie lächelte nur. Und hielt seine Hand noch ein wenig fester.

  • Eine Hoffnung, die sie niemandem verraten hatte

    Claudia Calvina hatte an diesem Morgen ungewöhnlich lange vor ihrem bronzenen Spiegel gestanden. Ihre Zofe hatte bereits zweimal gefragt, ob sie mit ihrer Frisur zufrieden sei.

    Calvina hatte beide Male genickt. Und beide Male wenige Augenblicke später eine weitere kleine Änderung verlangt. Sie wusste selbst, wie töricht ihr Verhalten war.

    Schließlich wollte sie lediglich die Bibliotheca Annaea besuchen. Es war nichts Ungewöhnliches daran, dass eine junge Frau aus der Gens Claudia ihre Bildung durch die Lektüre griechischer und römischer Schriften vertiefte. Und doch war dieser Besuch anders. Denn sie hoffte, ihn wiederzusehen. Den jungen Mann mit den ernsten Augen. Den Mann, der sie bei ihrer ersten Begegnung so aufmerksam betrachtet hatte, als sei sie plötzlich das Wichtigste auf der ganzen Welt geworden. Titus Aurelius Romanus. Seinen Namen hatte sie inzwischen erfahren. Und sie hatte ihn häufiger in Gedanken ausgesprochen, als sie jemals zugegeben hätte. Titus. Der Name gefiel ihr. Er klang fest und zugleich weich.

    Sie fragte sich, ob seine Stimme ebenso angenehm sein würde, wenn er nicht über Bücher oder höfliche Belanglosigkeiten sprach. Vielleicht würde er lächeln. Vielleicht würde er sie wieder ansehen. Vielleicht war er überhaupt nicht dort. Dieser letzte Gedanke hatte sie beinahe dazu gebracht, den Besuch abzusagen. Doch dann hatte sie sich selbst im Spiegel betrachtet und leise gelacht. Seit wann ließ sich eine Tochter der Gens Claudia von der Möglichkeit einschüchtern, einem jungen Mann zu begegnen? Also hatte sie ihre Stola geglättet, das Haar ein letztes Mal überprüft und sich auf den Weg gemacht.

    Er war tatsächlich dort

    Als Calvina den Lesesaal betrat, schlug ihr Herz bereits schneller. Sie versuchte, ruhig zu bleiben. Der Bibliothekar begrüßte sie. Sie erwiderte seinen Gruß und ließ ihren Blick möglichst beiläufig durch den Raum schweifen. Dann sah sie ihn. Er saß an einem der großen Tische, leicht über eine Schriftrolle gebeugt. Das Tageslicht fiel seitlich auf sein Gesicht. Calvina blieb beinahe stehen. Er war schöner, als sie ihn in Erinnerung hatte. Nicht auf jene glatte, beinahe künstliche Weise, die manche jungen römischen Adeligen mit großer Sorgfalt pflegten.

    Sein Gesicht besaß eine gewisse Strenge. Die Schultern waren breit, die Haltung aufrecht, und selbst im Sitzen wirkte er wie ein Mann, der es gewohnt war, Verantwortung zu tragen.

    Doch es waren seine Augen, die Calvina am meisten anzogen. Sie wirkten nachdenklich. Vielleicht sogar traurig. Sie hatte bei ihrer ersten Begegnung bereits den Eindruck gewonnen, dass dieser Mann mehr erlebt hatte, als er anderen Menschen offenbar zeigen wollte. Dann hob er den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Und Calvina spürte, wie ihr warm wurde. Er erkannte sie.

    Nicht nur das. Er freute sich, sie zu sehen. Sie konnte es in seinem Gesicht lesen, obwohl er kaum eine Miene verzog. Sie näherte sich dem Tisch.

    „Ist dieser Platz noch frei?“

    Die Frage war überflüssig. Mehrere andere Tische standen leer. Aber sie wollte bei ihm sitzen. Ihm gegenüber. So nahe, dass sie sein Gesicht betrachten konnte, ohne sich dafür umdrehen zu müssen.

    „Für Euch, Domina, selbstverständlich.“

    Calvina hätte beinahe gelacht. Seine Höflichkeit war reizend. Noch reizender aber war, dass er für einen Augenblick ebenso unsicher wirkte wie sie selbst. Sie setzte sich. Ihre Knie fühlten sich seltsam weich an. Bei allen Göttern, dachte sie, was geschieht nur mit mir?

    Seine Augen

    Calvina hatte sich vorgenommen, mindestens eine Schriftrolle zu lesen. Eine einzige. Das konnte doch nicht so schwer sein. Sie entrollte den Text, strich das Pergament glatt und begann mit der ersten Zeile. Nach wenigen Augenblicken hob sie den Blick. Titus sah sie an. Sie senkte die Augen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie wartete einige Atemzüge. Dann schaute sie erneut hinüber. Wieder sah er sie an. Diesmal wandte er sich zuerst ab. Calvina musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht laut zu lachen. Er ist ebenso verlegen wie ich. Dieser Gedanke machte ihr Mut. Beim nächsten Mal senkte sie ihre Augen nicht. Sie ließ ihren Blick auf seinem Gesicht ruhen. Titus bemerkte es. Er sah zurück. Und plötzlich war alles ganz einfach. Sie brauchte sich nicht länger zu verstellen. Sie musste nicht so tun, als sei sie an griechischer Philosophie interessiert. Sie durfte ihn einfach ansehen. Calvina hatte nie zuvor erlebt, dass das bloße Betrachten eines Menschen so viel Freude bereiten konnte. Sie entdeckte kleine Veränderungen in seinem Gesicht. Die Art, wie sich seine Stirn entspannte, wenn sie lächelte. Das kaum merkliche Heben seiner Augenbrauen. Die Wärme, die seine anfänglich ernste Miene allmählich veränderte. Sie stellte sich vor, wie er wohl aussah, wenn er wirklich lachte. Nicht höflich. Nicht zurückhaltend. Sondern unbeschwert. Und plötzlich wünschte sie sich, diejenige zu sein, die ihn eines Tages so lachen lassen würde. Ein seltsamer Gedanke.

    Sie kannte ihn kaum. Dennoch erschien ihr dieser Wunsch vollkommen natürlich. Die Minuten vergingen. Sie hörte die anderen Besucher der Bibliothek nicht mehr. Die Schriftrollen verschwammen vor ihren Augen. Es gab nur noch Titus. Seine Augen. Sein Lächeln. Und das wunderbare, beinahe beängstigende Gefühl, dass er sie ebenso wenig aus den Augen lassen konnte wie sie ihn.

    Seine Hand

    Calvina wusste später nicht mehr genau, weshalb sie ihre Schriftrolle in die Mitte des Tisches geschoben hatte. Vielleicht wollte sie etwas nachlesen. Vielleicht hatte sie einfach ihre Hände beschäftigen müssen. Titus bewegte sich im selben Augenblick. Ihre Fingerspitzen berührten sich. Calvina erschrak. Nicht, weil die Berührung unangenehm gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Ein warmer Schauer lief ihr über den Rücken. Sie hielt vollkommen still. Seine Hand lag unmittelbar neben ihrer. Groß. Kräftig. Mit langen Fingern und kleinen, kaum sichtbaren Spuren, die von einem Leben erzählten, das nicht ausschließlich aus Büchern und gepflegten Gesprächen bestand. Sie wusste, dass sie ihre Hand zurückziehen sollte. Eine wohlerzogene junge Römerin ließ ihre Finger nicht einfach auf denen eines Mannes ruhen, den sie kaum kannte. Jedenfalls nicht in einer öffentlichen Bibliothek. Doch Calvina wollte ihre Hand nicht zurückziehen. Sie betrachtete Titus. Er blickte sie an. Sein Gesicht war ernst geworden. Aber nicht abweisend. In seinen Augen lag eine Zärtlichkeit, die sie so unerwartet traf, dass sie für einen Augenblick kaum atmen konnte. Ganz vorsichtig bewegte sie ihren kleinen Finger. Er berührte seinen. Titus reagierte nicht sofort. Dann drehte er langsam seine Hand. Seine Finger öffneten sich. Calvina begriff, was er ihr anbot. Und ihr Herz begann so heftig zu schlagen, dass sie überzeugt war, er müsse es hören können. Sie legte ihre Hand in seine. Seine Finger schlossen sich um ihre. Es war eine einfache Bewegung. Und doch empfand Calvina sie als etwas unendlich Kostbares. Sie hatte schon erlebt, dass Männer ihre Aufmerksamkeit suchten.

    Junge Adelige hatten ihr Komplimente gemacht, ihre Schönheit gepriesen und versucht, ihre Gunst zu gewinnen. Aber niemals hatte eine Berührung ihr so viel bedeutet. Titus hielt ihre Hand, als wäre sie etwas Zerbrechliches, das er niemals beschädigen wollte. Nicht besitzergreifend. Nicht fordernd. Sondern behutsam. Calvina spürte, wie ihre Augen feucht wurden. Sie verstand selbst nicht weshalb. Vielleicht, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, dass dieser Mann sie niemals absichtlich verletzen würde. Vielleicht, weil sie in seinem Blick eine Einsamkeit erkannte, die sie gern aus seinem Leben vertreiben wollte. Oder vielleicht einfach, weil sie verliebt war. So vollständig und hoffnungslos verliebt, dass sie keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen konnte. Sie schob ihre Finger zwischen seine. Und hielt ihn fest.

    Ein Augenblick für die Ewigkeit

    Calvina wusste nicht, wie lange sie einander bereits gegenübersaßen. Die Sonne war inzwischen weitergewandert. Ein heller Streifen lag auf dem Tisch und ließ die feinen Staubteilchen in der Luft golden erscheinen. Sie bemerkte, dass Titus sie noch immer ansah. Ununterbrochen. Mit einer Aufmerksamkeit, die sie gleichermaßen verlegen und glücklich machte. Sie lächelte. Er lächelte zurück. Sie senkte den Blick auf ihre Hände. Seine Finger hielten ihre noch immer umschlossen. Ein Teil von ihr fürchtete, dass er sie loslassen könnte, sobald jemand näher kam. Doch Titus tat es nicht. Sein Daumen bewegte sich langsam über ihren Handrücken. Calvina schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. Sie wollte sich diese Empfindung einprägen. Die Wärme seiner Haut. Die Festigkeit seiner Hand. Das leise Geräusch seines Atems. Den Duft der Schriftrollen und des alten Holzes. Alles. Denn sie ahnte bereits, dass sie sich eines Tages an diesen Vormittag erinnern würde. Vielleicht in vielen Jahren. Vielleicht als alte Frau. Und sie wollte dann noch wissen, wie es gewesen war, als Titus Aurelius Romanus zum ersten Mal ihre Hand gehalten hatte.

    „Ich glaube“, flüsterte er plötzlich, „ich werde heute nichts mehr lesen.“

    Calvina musste lächeln. Du armer Mann, dachte sie liebevoll. Ich habe dich um deinen ganzen Vormittag gebracht.

    „Ich auch nicht“, antwortete sie.

    Es war die Wahrheit. Sie hatte nicht einmal die erste Seite verstanden. Aber niemals zuvor war ihr ein Bibliotheksbesuch so wertvoll erschienen. Titus hob ihre Hand ein wenig. Sie spürte, wie seine Finger ihre noch fester umschlossen. Calvina betrachtete ihn lange. Dann sprach sie zum ersten Mal an diesem Vormittag seinen Namen aus.

    „Titus.“

    Er reagierte sofort.

    „Ja?“

    Sie wollte ihm sagen, wie glücklich sie war. Sie wollte ihm gestehen, dass sie nur seinetwegen gekommen war. Dass sie bereits seit ihrer ersten Begegnung immer wieder an ihn gedacht hatte. Dass sie sich danach sehnte, ihn wiederzusehen, sobald sie sich voneinander verabschieden mussten. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Stattdessen lächelte sie nur.

    Und hielt seine Hand noch ein wenig fester. Er schien sie auch ohne Worte verstanden zu haben.

    Die Welt jenseits der Bibliothek

    Erst als der Bibliothekar einige Schriftrollen zurück in ihre Fächer brachte und die Besucher auf die fortgeschrittene Stunde aufmerksam machte, begriff Calvina, wie viel Zeit vergangen war.

    Sie erschrak. In der Villa Claudia würde man sich bereits fragen, weshalb sie so lange fortgeblieben war. Ihre Begleiterin wartete vermutlich schon ungeduldig im Vorraum. Calvina blickte zu Titus. Er hatte die Worte des Bibliothekars ebenfalls gehört. Ein Schatten von Bedauern huschte über sein Gesicht. Sie empfand dasselbe. Noch immer hielten sie einander an den Händen.

    „Ich fürchte, ich muss bald gehen“, sagte sie schließlich.

    Titus nickte langsam.

    „Das habe ich befürchtet.“

    Calvina lächelte traurig.

    „Es ist schon spät.“

    „Ja.“

    Keiner bewegte sich. Sie betrachteten einander. Calvina spürte, dass sie eigentlich aufstehen musste. Doch ihre Finger weigerten sich geradezu, die seinen freizugeben. Schließlich fragte Titus leise:

    „Werdet Ihr wiederkommen?“

    Calvina sah ihm direkt in die Augen. Sie hätte eine unverbindliche Antwort geben können. Vielleicht. Wenn meine Verpflichtungen es erlauben. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Doch sie wollte ihn nicht im Ungewissen lassen.

    „Morgen“, sagte sie.

    Seine Augen leuchteten auf.

    „Morgen?“

    Sie nickte.

    „Zur gleichen Stunde.“

    Titus lächelte nun so offen, dass Calvina für einen Augenblick ganz still wurde. Da war es. Das Lächeln, das sie sich während des ganzen Vormittags gewünscht hatte. Nicht zurückhaltend.

    Nicht höflich. Sondern glücklich. Und sie wusste, dass sie dieses Lächeln wiedersehen wollte. Immer wieder. Noch einen langen Augenblick blieben sie sitzen. Dann löste Calvina ganz langsam ihre Finger aus seinen. Es geschah so widerwillig, dass beide darüber lächeln mussten. Sie stand auf. Titus erhob sich ebenfalls. Für einen Moment standen sie einander gegenüber. Der Tisch trennte sie nun nicht mehr. Calvina hätte nur einen kleinen Schritt machen müssen, um ihm ganz nahe zu sein. Doch sie blieb stehen. Es war zu früh. Noch war alles neu, zart und kostbar. Sie wollte nichts überstürzen.

    „Bis morgen, Titus.“

    „Bis morgen, Calvina.“

    Sie wandte sich zur Tür. Nach wenigen Schritten blieb sie stehen und blickte zurück. Er stand noch immer an seinem Platz. Und sah ihr nach. Calvina lächelte. Dann verließ sie die Bibliothek. Draußen empfing sie das geschäftige Rom. Menschen eilten über die Straßen. Händler priesen ihre Waren an. Sklaven trugen Körbe, und irgendwo stritten zwei Männer lautstark über den Preis eines Esels. Calvina bemerkte kaum etwas davon. Sie betrachtete ihre rechte Hand. Die Hand, die Titus gehalten hatte. Langsam schloss sie die Finger, als könne sie auf diese Weise die Wärme seiner Berührung bewahren. Dann lächelte sie vor sich hin. Er hat meine Hand gehalten. Ein einfacher Gedanke. Und doch machte er sie glücklicher als alles, was sie an diesem Tag erlebt hatte. Sie wusste noch nicht, was die Zukunft bringen würde. Sie kannte weder die Geheimnisse seiner Vergangenheit noch die Gefahren, die ihn beschäftigten. Sie ahnte nichts von den rätselhaften Nachrichten aus Germanien, von verschwundenen Männern oder von den Intrigen, in die Titus erneut hineingezogen werden sollte.

    Sie wusste nur eines. Morgen würde sie wieder in die Bibliotheca Annaea gehen. Und dort würde er auf sie warten.

    EPILOG – DUAE MANUS, UNUM COR

    Zwei Hände, ein Herz Titus Aurelius Romanus blieb noch lange an dem Tisch sitzen, nachdem Claudia Calvina die Bibliothek verlassen hatte. Die Schriftrollen lagen unberührt vor ihm.

    Er betrachtete seine rechte Hand. Noch immer glaubte er, ihre Finger zwischen den seinen zu spüren. Es war beinahe lächerlich. Ein erwachsener Mann saß zwischen griechischen Schriften und lächelte wie ein verliebter Jüngling. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit störte ihn dieser Gedanke nicht. Er dachte an Calvinas Augen. An ihr Lächeln. An die Art, wie sie seine Hand ergriffen hatte. Und an das eine Wort, das sie zum Abschied gesprochen hatte. Morgen. In der Villa Claudia saß zur selben Stunde eine junge Frau vor ihrem Spiegel. Ihre Zofe hatte sie bereits mehrfach angesprochen, ohne eine Antwort zu erhalten. Calvina blickte verträumt auf ihre Hände. Dann legte sie beide Handflächen an ihre Wangen und begann zu lächeln. Sie dachte an Titus. An seine Augen. An seine Wärme. An seine Finger, die ihre nicht hatten loslassen wollen. Und an das Versprechen, das zwischen ihnen stand. Morgen. Zwei Menschen saßen an verschiedenen Orten derselben großen Stadt. Beide dachten aneinander. Beide lächelten. Und beide wünschten sich, die Nacht möge so schnell wie möglich vergehen.


    "Denn manchmal beginnt die größte Liebe nicht mit einem Kuss oder einem ausgesprochenen Versprechen, sondern mit zwei Menschen, die einander schweigend gegenübersitzen, bis ihre Hände sich finden – und keiner von beiden mehr loslassen möchte."

  • 669-titus-und-calvina-gemeinsam-in-der-bilbliothek


    Die dritte Begegnung – Ein Geständnis in der Bibliotheca Annaea


    Zwei Menschen, die einander kaum kennen und doch nicht mehr aus ihren Gedanken verdrängen können. Zum dritten Mal führt sie das Schicksal in der Bibliotheca Annaea zusammen. Was bei ihrer ersten Begegnung mit einem zufälligen Blick begann und bei der zweiten zu einer vorsichtigen Annäherung wurde, droht nun sämtliche gesellschaftlichen Konventionen zu überwinden. Für Titus Aurelius Romanus ist es eine Erfahrung, die seinem bisherigen Wesen vollkommen widerspricht. Er, der gewohnt ist, Menschen zu durchschauen, ihre Absichten zu erkennen und seine eigenen Gefühle hinter einer undurchdringlichen Fassade zu verbergen, verliert ausgerechnet in Gegenwart einer jungen Patrizierin seine Selbstbeherrschung.

    Claudia Calvina wiederum hat sich vorgenommen, diesem ungewöhnlichen Mann mit der gebotenen Zurückhaltung zu begegnen. Doch ihre Vorsätze beginnen bereits zu wanken, bevor sie ihn überhaupt wiedersieht.

    COR MEUM NON IAM MIHI PARET – Mein Herz gehorcht mir nicht mehr

    Titus Aurelius Romanus hatte sich niemals für einen Mann gehalten, der seine Entscheidungen von Gefühlen abhängig machte. Er betrachtete Zuneigung als eine angenehme, gelegentlich nützliche, aber grundsätzlich vergängliche Regung. Leidenschaft war ihm nicht fremd. Er hatte Frauen begehrt, ihre Gesellschaft gesucht und ihre Schönheit bewundert. Doch niemals hatte er das Bedürfnis verspürt, einer bestimmten Frau nahe sein zu müssen. Bis er Claudia Calvina begegnet war. Seit ihrer zweiten Begegnung in der Bibliotheca Annaea hatte sich etwas verändert. Es begann bereits am Morgen. Während Selina ihm die eingegangenen Nachrichten vorlegte und Massad über eine Angelegenheit in Ostia berichtete, ertappte Titus sich dabei, dass seine Gedanken abschweiften. Er sah wieder das Gesicht der jungen Calvina vor sich. Ihre Augen. Das leichte Heben ihrer Brauen, wenn sie einer seiner Bemerkungen widersprach.

    Und vor allem dieses Lächeln. Es war kein einstudiertes Lächeln, wie er es von zahlreichen Frauen der römischen Gesellschaft kannte. Es war offen, manchmal spöttisch und von einer Lebendigkeit, die ihn gleichermaßen faszinierte und beunruhigte.

    „Du hörst mir nicht zu.“

    Massads Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

    „Doch.“

    „Dann wiederhole meine letzten Worte.“

    Titus betrachtete ihn schweigend. Massad grinste.

    „Ich verstehe.“

    „Du verstehst überhaupt nichts.“

    „Natürlich nicht, Herr.“

    Selina, die bisher schweigend neben dem Tisch gestanden hatte, warf Massad einen warnenden Blick zu. Doch auch sie konnte ein kaum merkliches Lächeln nicht unterdrücken.

    Titus erhob sich.

    „Ich gehe in die Bibliothek.“

    „Schon wieder?“, fragte Massad.

    „Hast du Einwände?“

    „Nicht die geringsten. Bücher sind schließlich eine höchst gefährliche Leidenschaft.“

    Titus ignorierte ihn. Doch als er die Villa Aurelia verließ, musste er sich eingestehen, dass Massad diesmal recht hatte. Es waren nicht die Bücher, die ihn zur Bibliotheca Annaea zogen. Es war Calvina.

    Die dritte Begegnung

    Die Bibliothek lag im hellen Licht des späten Vormittags. Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster und zeichneten breite Streifen auf den Marmorboden. Zwischen den Säulen standen Bücherschränke aus dunklem Holz. Der Duft von Papyrus, Wachs und altem Leder lag in der Luft. Titus trat ein. Er bemühte sich, nicht unmittelbar nach ihr Ausschau zu halten. Es gelang ihm nicht. Sein Blick wanderte über die Lesetische, die Schreibpulte und die offenen Durchgänge. Dann entdeckte er sie. Claudia Calvina stand vor einem Regal und betrachtete eine Schriftrolle. Sie trug eine helle, cremefarbene Stola, deren Stoff in weichen Falten über ihre Schultern fiel. Ihr dunkles Haar war kunstvoll aufgesteckt, doch eine einzelne Locke hatte sich gelöst und lag an ihrer Wange. Titus blieb stehen. Für einen Augenblick vergaß er vollständig, weshalb er gekommen war. Bei allen Göttern, wie schön sie ist. Es war ein Gedanke, den er inzwischen beinahe verabscheute. Nicht wegen seiner Bedeutung. Sondern weil er ihn nicht beherrschen konnte. Claudia bemerkte ihn erst, als er bereits wenige Schritte entfernt war.

    „Titus Aurelius Romanus.“

    Sie lächelte.

    „Welch unerwartete Begegnung.“

    „Unerwartet?“

    „Zumindest für jemanden, der behauptet, sich ausschließlich für die Schriften griechischer Philosophen zu interessieren.“

    „Ich habe meine Interessen erweitert.“

    „Tatsächlich?“

    „Ganz erheblich.“

    Ihre Augen verengten sich amüsiert.

    „Darf ich erfahren, in welche Richtung?“

    Titus trat näher.

    „In eine Richtung, die mich zunehmend von meinen eigentlichen Absichten ablenkt.“

    Claudia senkte kurz den Blick. Er sah, dass sie lächelte. Und plötzlich empfand er eine beinahe jugendliche Freude darüber, diese Reaktion hervorgerufen zu haben.

    Eine gefährliche Nähe

    Sie setzten sich an einen kleinen Tisch in einer seitlichen Nische. Zunächst sprachen sie über Literatur. Calvina hatte eine Abhandlung über die Tugenden der römischen Matrona ausgewählt. Titus betrachtete den Titel mit unverhohlenem Misstrauen.

    „Ein bemerkenswertes Werk“, sagte er.

    „Du kennst es?“

    „Ich kenne die Vorstellungen der Männer, die solche Werke verfassen.“

    „Und was hältst du davon?“

    „Dass sie von Frauen eine Zurückhaltung verlangen, die sie selbst niemals aufbringen würden.“

    Claudia lachte. Es war ein leises, warmes Lachen. Titus empfand es beinahe körperlich.

    „Du bist ein ungewöhnlicher Mann“, sagte sie.

    „Das hat man mir schon vorgeworfen.“

    „Ich meine es nicht als Vorwurf.“

    „Dann bin ich erleichtert.“

    Sie sahen einander an. Diesmal hielt Claudia seinem Blick stand. Titus bemerkte, wie ihre Finger über den Rand der Schriftrolle strichen. Er betrachtete ihre Hand. Schmal. Feingliedrig.

    Und plötzlich verspürte er den beinahe unwiderstehlichen Wunsch, sie zu berühren. Er tat es. Ganz vorsichtig legte er seine Hand auf ihre. Claudia erstarrte. Nicht aus Abwehr. Das spürte er sofort. Vielmehr schien sie überrascht, vielleicht sogar erschrocken über die Selbstverständlichkeit dieser Berührung.

    Calvina.“

    Seine Stimme war leiser geworden.

    „Ja?“

    „Ich habe seit unserer letzten Begegnung sehr häufig an dich gedacht.“

    Sie sah ihn an.

    „Wie häufig?“

    Titus lächelte schwach.

    „Häufiger, als ich zuzugeben bereit bin.“

    „Dann solltest du vielleicht schweigen.“

    „Das wäre vernünftig.“

    „Du bist doch ein vernünftiger Mann.“

    „Gewöhnlich.“

    „Und heute?“

    Er schüttelte langsam den Kopf.

    „Heute nicht.“

    In seinen Armen

    Eine Weile später erhoben sie sich. Calvina wollte eine weitere Schriftrolle aus einem der oberen Fächer holen. Titus trat neben sie und nahm die Rolle herunter. Als er sie ihr reichen wollte, standen sie einander plötzlich so nahe, dass er den feinen Duft ihres Haares wahrnahm. Sie hob den Kopf. Er blickte in ihre Augen. Keiner von beiden bewegte sich. Titus spürte sein Herz schlagen. Schneller als gewöhnlich. Ein absurder Zustand. Er hatte Männern gegenübergestanden, die ihn töten wollten. Er hatte Entscheidungen getroffen, von denen das Leben anderer abhing. Und nun brachte ihn der Blick einer jungen Frau vollständig aus der Fassung.

    „Calvina“, flüsterte er.

    „Titus?“

    „Darf ich?“

    Seine Hand berührte vorsichtig ihren Oberarm. Sie sah ihn an, dann nickte sie kaum merklich. Er zog sie langsam zu sich. Zunächst legte er nur einen Arm um ihre Schultern. Als sie sich nicht zurückzog, schloss er auch den anderen um sie. Claudia stand in seinen Armen. Titus schloss für einen Augenblick die Augen. Es war ein vollkommen neues Gefühl. Nicht der Triumph, eine Frau für sich gewonnen zu haben. Nicht das Bewusstsein männlicher Überlegenheit. Sondern eine Wärme, die ihm tief in die Brust stieg und die er kaum ertragen konnte. Er spürte ihre Hände an seiner Tunika. Zunächst zögernd. Dann fester. Sie legte ihre Wange gegen seine Brust. Titus senkte den Kopf. Sein Kinn berührte beinahe ihr Haar. So also fühlt es sich an. Er wusste nicht, ob dieser Gedanke ihn glücklich oder ängstlich machte.

    Vielleicht beides. Er hatte sein ganzes Leben damit verbracht, sich gegen Verletzungen zu schützen. Nun hielt er eine Frau in den Armen, der er mit einer einzigen unbedachten Bewegung die Macht geben konnte, ihn tiefer zu verletzen als jeder Feind. Und trotzdem wollte er sie nicht loslassen.

    Der Kuss, der noch nicht geschah

    Claudia hob langsam den Kopf. Ihre Gesichter waren einander so nahe, dass Titus ihren Atem auf seiner Haut spürte. Er sah auf ihre Lippen. Dann wieder in ihre Augen. Sie bemerkte es.

    Natürlich bemerkte sie es. Ihre Wangen färbten sich.

    „Titus …“

    Es war kaum mehr als ein Flüstern. Er hob eine Hand und strich ihr die gelöste Locke aus dem Gesicht. Seine Finger verweilten an ihrer Wange. Claudia schloss für einen Herzschlag die Augen. Er hätte sie küssen können. Ein geringfügiges Senken seines Kopfes hätte genügt. Er wollte es. Mit einer Heftigkeit, die ihn selbst erschreckte.Doch er tat es nicht. Nicht, weil er die gesellschaftlichen Regeln fürchtete. Nicht, weil er unsicher war, ob sie ihn begehrte. Sondern weil ihm plötzlich bewusst wurde, dass dieser Augenblick für sie vielleicht eine Bedeutung besaß, die weit über einen flüchtigen Kuss hinausging. Er wollte nichts erzwingen. Er wollte, dass sie sich später an diesen Augenblick erinnerte, ohne ihn jemals bereuen zu müssen.

    „Ich möchte dich küssen“, sagte er leise.

    Claudia atmete hörbar ein. Ihre Finger schlossen sich fester um seine Tunika.

    „Dann … warum tust du es nicht?“

    Titus lächelte.

    „Weil ich fürchte, danach nicht mehr aufhören zu wollen.“

    Sie senkte verlegen den Blick. Doch sie entfernte sich nicht. Für einige kostbare Augenblicke standen sie einfach so da. In einer stillen Nische der Bibliotheca Annaea. Zwischen alten Schriften und den Gedanken längst verstorbener Philosophen. Und Titus Aurelius Romanus erkannte, dass keiner dieser Philosophen ihm jemals erklärt hatte, was gerade mit ihm geschah.

    Das Geständnis

    Schließlich löste Calvina sich ein wenig aus seiner Umarmung. Nicht vollständig. Nur so weit, dass sie ihn ansehen konnte.

    „Titus, was geschieht hier eigentlich mit uns?“

    Es war eine einfache Frage. Eine Frage, die er sich selbst seit Tagen stellte. Er hätte ausweichen können. Er hätte scherzen können. Er hätte ihr eine jener eleganten Antworten geben können, mit denen römische Männer ihre wahren Absichten verbargen. Doch zum ersten Mal in seinem Leben wollte er sich nicht verstecken. Er nahm ihre beiden Hände.

    „Ich weiß es nicht, Calvina.“

    Sie wirkte überrascht.

    „Du weißt es nicht?“

    „Nein. Ich weiß nur, dass ich morgens an dich denke, bevor ich überhaupt die Augen geöffnet habe. Dass ich in Gesprächen deinen Namen zu hören glaube. Dass ich Wege suche, dich wiederzusehen, und mich dabei benehme wie ein törichter Jüngling.“

    Sie lächelte unsicher. Er fuhr fort.

    „Ich habe mein Leben lang geglaubt, ich könnte meine Gefühle beherrschen. Ich habe mich geirrt.“

    Claudias Lächeln verschwand. Nicht aus Enttäuschung. Sondern weil sie begriff, dass er vollkommen ernst sprach. Titus sah ihr tief in die Augen. Seine Stimme wurde ganz ruhig.

    „Ich liebe dich, Claudia.“

    Stille. Er hatte es gesagt. Diese drei Worte, die er niemals zuvor mit solcher Aufrichtigkeit ausgesprochen hatte. Claudia starrte ihn an. Ihre Lippen öffneten sich. Doch kein Laut kam hervor. Titus wartete. Er sah, wie sich ihre Wangen röteten. Wie ihre Augen größer wurden. Wie sie offenbar versuchte, einen Gedanken zu fassen, der sich jeder Ordnung entzog.

    „Du …“

    Sie brach ab.

    „Ich …“

    Wieder schwieg sie. Dann entzog sie ihm plötzlich eine Hand und presste sie gegen ihre Brust.

    „Bei allen Göttern, Titus!“

    Er lächelte vorsichtig.

    „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

    „Falsch?“

    Sie stieß ein vollkommen ungläubiges Lachen aus.

    „Du kannst doch nicht einfach … hier … mitten in einer Bibliothek …“

    Sie verstummte. Ihre Augen glänzten. Titus machte einen kleinen Schritt auf sie zu.

    „Calvina?“

    „Nein!“

    Sie hob abwehrend eine Hand, obwohl sie dabei lächelte.

    „Bitte. Sag jetzt nichts mehr. Nicht ein einziges Wort.“

    Titus gehorchte. Zum ersten Mal seit langer Zeit tat er genau das, was ein anderer Mensch von ihm verlangte. Und er tat es gern.

  • AMOR OMNIA TURBAT – Die Liebe bringt alles durcheinander

    Claudia Calvina hatte sich an diesem Morgen fest vorgenommen, nicht an Titus Aurelius Romanus zu denken. Dieser Vorsatz hielt ungefähr so lange, bis ihre Zofe ihr beim Ankleiden die Frage stellte, welches Gewand sie tragen wolle.

    „Das cremefarbene.“

    „Das mit der feinen Stickerei?“

    „Ja.“

    „Und welche Spangen?“

    „Die goldenen.“

    Die Zofe hob eine Augenbraue.

    „Ihr geht heute wieder in die Bibliothek, Herrin?“

    Claudia betrachtete ihr Spiegelbild.

    „Selbstverständlich.“

    „Wie gestern?“

    „Ich war gestern nicht dort.“

    „Vorgestern.“

    Claudia drehte sich um.

    „Was möchtest du damit sagen?“

    „Nichts, Herrin.“

    Doch das Lächeln der Zofe verriet etwas anderes. Claudia wandte sich wieder dem Spiegel zu. Sie ärgerte sich über sich selbst. Seit ihrer zweiten Begegnung mit Titus hatte sie sich immer wieder dabei ertappt, dass sie seine Worte im Gedächtnis wiederholte. Seine Stimme. Seine ungewöhnliche Art, sie anzusehen. Und diese irritierende Mischung aus Selbstsicherheit und Zurückhaltung. Er war anders als die jungen Männer, die sie aus den Häusern ihrer Verwandten kannte. Diese Männer sprachen gern über ihre Herkunft, ihre zukünftigen Ämter, ihre Pferde und die politischen Verbindungen ihrer Familien. Titus hingegen schien überhaupt nicht daran interessiert, Eindruck zu machen. Gerade deshalb machte er Eindruck. Einen viel zu großen. Es ist lächerlich, dachte Claudia. Ich kenne ihn kaum. Und dennoch hatte sie in der vergangenen Nacht von ihm geträumt. Das allein war schon unerhört. Noch unerhörter war, dass sie beim Erwachen enttäuscht gewesen war, ihn nicht mehr vor sich zu sehen.

    Eine Begegnung, auf die sie gehofft hatte

    Als Claudia die Bibliotheca Annaea betrat, schlug ihr Herz bereits schneller. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie begrüßte den Bibliothekar, erkundigte sich nach einer philosophischen Schrift und begab sich zu einem der Regale. Doch ihre Aufmerksamkeit galt nicht den Schriftrollen. Sie lauschte. Auf Schritte. Auf Stimmen. Auf das Öffnen der Eingangstür. Er wird nicht kommen. Dieser Gedanke versetzte ihr einen kleinen Stich. Warum sollte er auch? Sie war gerade dabei, sich für ihre eigene Torheit zu schelten, als sie eine vertraute Stimme hörte.

    „Claudia Calvina.“

    Sie drehte sich um. Und da stand er. Titus Aurelius Romanus. Groß. Breitschultrig. Mit jener ruhigen Haltung, die ihm etwas beinahe Unnahbares verlieh. Doch seine Augen verrieten etwas anderes. Er freute sich, sie zu sehen. Claudia erkannte es sofort. Und plötzlich wurde ihr warm.

    „Titus Aurelius Romanus“, erwiderte sie.

    Sie war stolz darauf, wie gelassen ihre Stimme klang. Dabei hätte sie am liebsten gelächelt wie ein kleines Mädchen. Er ist gekommen. Sie musste sich beherrschen, diesen Gedanken nicht laut auszusprechen.

    Ein Mann, der sie aus dem Gleichgewicht brachte

    Während ihres Gesprächs stellte Claudia fest, dass ihre sorgfältig vorbereitete Zurückhaltung allmählich verschwand. Titus war aufmerksam. Er hörte ihr zu. Er widersprach ihr. Und er tat dies auf eine Weise, die sie nicht herabsetzte, sondern herausforderte. Sie liebte es, mit ihm zu sprechen. Dieser Gedanke erschreckte sie. Liebte? Sie korrigierte sich sofort. Sie genoss es. Das war etwas vollkommen anderes. Natürlich. Doch als er plötzlich seine Hand auf ihre legte, vergaß sie jede vernünftige Unterscheidung. Seine Finger waren warm. Seine Hand groß.

    Sie hätte ihre Hand zurückziehen müssen. Eine wohlerzogene Tochter der Gens Claudia ließ sich nicht von einem Mann berühren, mit dem sie weder verlobt noch verheiratet war.

    Sie wusste das. Ihre Mutter hatte es ihr oft genug erklärt. Und dennoch blieb ihre Hand liegen. Mehr noch. Sie verspürte den Wunsch, seine Finger festzuhalten. Was geschieht nur mit mir? Als Titus gestand, dass er seit ihrer letzten Begegnung häufig an sie gedacht hatte, schien ihr Herz einen Schlag auszusetzen. Sie wollte ihn fragen, ob er wirklich die Wahrheit sagte. Ob er ebenso unruhig schlief wie sie. Ob er ebenfalls auf der Straße nach einem vertrauten Gesicht Ausschau hielt. Ob er manchmal mitten in einem Gespräch verstummte, weil ihm plötzlich eine Erinnerung an den anderen durch den Kopf ging. Doch sie wagte keine dieser Fragen. Stattdessen neckte sie ihn. Das war einfacher. Und ungefährlicher. Jedenfalls glaubte sie das.

    Die erste Umarmung

    Als Titus später neben sie trat, um eine Schriftrolle aus dem Regal zu nehmen, bemerkte Claudia plötzlich, wie groß er war. Sie hatte es natürlich schon zuvor gesehen. Doch niemals hatte sie so dicht vor ihm gestanden. Sie musste den Kopf heben, um ihm in die Augen zu sehen. Sein Gesicht war nur wenige Fingerbreit von ihrem entfernt. Sie roch einen schwachen Duft von Leder und sauberem Leinen. Und darunter etwas, das sie nicht benennen konnte. Etwas, das einfach zu ihm gehörte. Dann berührte er ihren Arm.

    „Calvina. Darf ich?“

    Sie wusste sofort, was er meinte. Und gerade das machte ihr Angst. Nicht vor ihm. Sondern vor ihrer eigenen Antwort. Sie hätte Nein sagen können. Sie hätte einen Schritt zurücktreten und ihn mit einem empörten Blick zurechtweisen können. Stattdessen nickte sie. Ganz leicht. Und dann zog er sie in seine Arme. Claudia vergaß zu atmen. Sein Arm legte sich um ihre Schultern. Dann der andere. Plötzlich war sie von seiner Wärme umgeben. Sie hörte sein Herz schlagen. Oder war es ihr eigenes? Sie wusste es nicht mehr. Für einen Moment stand sie vollkommen steif da. Dann legte sie langsam die Hände an seine Brust. Der Stoff seiner Tunika fühlte sich fest unter ihren Fingern an. Sie spürte seine Muskeln.

    Seine ruhige Atmung. Und vor allem diese unerwartete Geborgenheit. Ich möchte hierbleiben. Der Gedanke kam so plötzlich, dass sie beinahe erschrak. Ich möchte, dass er mich nicht mehr loslässt. Sie schloss die Augen. Es war unglaublich. Sie, Claudia Calvina, Tochter eines angesehenen patrizischen Hauses, stand mitten am helllichten Tag in den Armen eines Mannes.

    In einer öffentlichen Bibliothek! Jederzeit hätte jemand die Nische betreten können. E ine Bekannte ihrer Mutter. Ein Verwandter. Einer der zahlreichen Männer, die ihre Familie regelmäßig besuchten. Es hätte einen Skandal geben können. Doch in diesem Augenblick erschien ihr die gesamte römische Gesellschaft vollkommen unwichtig. Sie wollte nur eines. Titus näher sein.

    Seine Lippen

    Als sie den Kopf hob, sah sie, dass Titus sie betrachtete. Nicht so wie die Männer bei den gesellschaftlichen Empfängen. Nicht mit jener selbstgefälligen Gewissheit, dass eine schöne Frau nur darauf wartete, bewundert zu werden. Er sah sie an, als wäre sie etwas Kostbares. Etwas, das er nicht verlieren wollte. Claudia spürte, wie ihre Knie weich wurden. Seine Hand strich ihr eine Haarlocke aus dem Gesicht. Dann berührten seine Finger ihre Wange. Sie schloss unwillkürlich die Augen. Jetzt. Sie war sicher, dass er sie küssen würde. Ihr Herz begann so heftig zu schlagen, dass sie glaubte, er müsse es hören. Sie öffnete die Augen wieder. Sein Blick ruhte auf ihren Lippen. Claudia spürte, wie sie unwillkürlich den Kopf ein wenig hob. Nur ein winziges Stück. Sie wartete. Doch er küsste sie nicht. Stattdessen sagte er, dass er es gern tun würde. Dann tu es doch! Der Gedanke war so heftig, dass Calvina erschrak. Sie hätte niemals geglaubt, zu einer solchen Ungeduld fähig zu sein. Als sie ihn fragte, warum er es nicht tat, antwortete er, er fürchte, danach nicht mehr aufhören zu wollen. Calvina fühlte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Bei Juno! Sie hätte ihn ohrfeigen können. Oder küssen. Im Augenblick erschien ihr die zweite Möglichkeit erheblich verlockender. Doch sie tat weder das eine noch das andere. Stattdessen blieb sie in seinen Armen. Und begann zu begreifen, dass sie sich in einer gefährlichen Lage befand. Nicht wegen ihrer Familie. Nicht wegen der gesellschaftlichen Erwartungen. Sondern weil sie diesen Mann offenbar viel mehr mochte, als sie sich bisher eingestanden hatte.

    Drei Worte, die alles veränderten

    Schließlich fragte sie ihn, was eigentlich mit ihnen geschah. Es war eine Frage, auf die sie keine Antwort erwartete. Zumindest keine ernsthafte. Vielleicht würde er lächeln. Vielleicht würde er eine jener klugen Bemerkungen machen, mit denen er sie immer wieder zum Lachen brachte. Vielleicht würde er ihr sagen, dass sie schön sei. Doch Titus tat nichts dergleichen. Er nahm ihre Hände. Und begann zu sprechen. Claudia hörte ihm zu. Zunächst überrascht. Dann zunehmend atemlos. Er erzählte ihr, dass er morgens an sie dachte. Dass er nach Gelegenheiten suchte, sie wiederzusehen. Dass sie seine Gedanken beherrschte. Das kann nicht sein. Er empfindet dasselbe wie ich. Claudia spürte eine Freude, die so überwältigend war, dass sie beinahe lachen musste. Dann sah Titus ihr direkt in die Augen. Und sagte:

    „Ich liebe dich, Calvina.“

    Die Welt blieb stehen. Jedenfalls empfand Calvina es so. Sie hörte keine Schritte mehr. Kein Rascheln von Papyrus. Keine Stimmen aus den angrenzenden Lesesälen. Sie hörte nur diese drei Worte.

    Ich liebe dich.

    Ich liebe dich.

    Ich liebe dich.

    Sie sah Titus an. Seine Augen waren ernst. Er lächelte nicht. Er hatte keinen Scherz gemacht. Er meinte es. Vollkommen. Und das war zu viel. Viel zu viel. Calvina öffnete den Mund. Sie wollte etwas sagen. Etwas Schönes. Etwas Kluges. Etwas, das diesem Augenblick gerecht wurde. Doch ihr fiel nichts ein. Absolut nichts. Sag etwas, Claudia! Sie starrte ihn an. Du kannst doch nicht einfach schweigen!

    „Du …“

    Mehr brachte sie nicht hervor. Großartig. Wirklich großartig. Sie versuchte es erneut.

    „Ich …“

    Wieder versagte ihre Stimme. Sie hätte vor Scham im Boden versinken können. Stattdessen begann sie zu lachen. Ein vollkommen unpassendes, nervöses Lachen. Dann spürte sie plötzlich Tränen in den Augen. Was ist nur los mit mir? Sie war glücklich. Erschrocken. Verlegen. Überwältigt. Und vor allem vollkommen durcheinander. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie befürchtete, ohnmächtig zu werden.

    „Bei allen Göttern, Titus!“

    Er sah sie besorgt an.

    „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

    Falsch?

    Claudia hätte beinahe aufgeschrien. Dieser unmögliche Mann! Er sagt mir, dass er mich liebt, und fragt anschließend, ob er etwas Falsches gesagt hat! Sie hob die Hand.

    „Bitte. Sag jetzt nichts mehr.“

    Er schwieg. Und ausgerechnet dieses gehorsame Schweigen machte alles noch schlimmer. Denn nun musste sie selbst etwas sagen. Sie sah auf ihre Hände. Dann auf seine. Dann wieder in sein Gesicht. Ich liebe dich auch. Die Worte standen plötzlich klar und deutlich in ihren Gedanken. Sie erschrak darüber. Tue ich das wirklich? Sie kannte ihn erst seit wenigen Begegnungen.

    Sie wusste wenig über seine Vergangenheit. Sie wusste nicht, welche Absichten seine Familie für ihn hegte. Sie wusste nicht einmal, ob ihr Vater einer Verbindung mit dem Haus Aurelia zustimmen würde.

    Und dennoch …

    Wenn sie ihn ansah, wurde ihr warm. Wenn er lächelte, wollte sie ebenfalls lächeln. Wenn er sie berührte, vergaß sie alles andere. Und als er ihr seine Liebe gestanden hatte, war ihr erster Gedanke nicht gewesen, dass er zu weit ging. Sondern dass sie niemals glücklicher gewesen war. Bei Venus. Ich glaube, ich liebe ihn tatsächlich. Diese Erkenntnis erschütterte sie beinahe noch mehr als sein Geständnis.

    Eine vollkommen verwirrte Claudia

    „Titus“, begann sie schließlich.

    „Ja?“

    „Du musst mir etwas versprechen.“

    „Was immer du möchtest.“

    Sie hob warnend einen Finger.

    „Sag so etwas nicht.“

    „Warum nicht?“

    „Weil du mich damit noch mehr verwirrst!“

    Er lächelte. Sie funkelte ihn an.

    „Und hör auf, so zu lächeln!“

    Sofort wurde sein Gesicht ernst. Claudia starrte ihn an. Dann begann sie erneut zu lachen.

    „Nein! Nicht so!“

    Titus sah vollkommen ratlos aus. Und das war endgültig zu viel. Claudia legte beide Hände vor das Gesicht.

    „Oh, ihr Götter! Ich benehme mich wie eine Närrin!“

    „Calvina…“

    „Nein, bitte! Ich muss nachdenken.“

    Sie nahm die Hände herunter. Er stand noch immer vor ihr. Geduldig. Aufmerksam. Und so unglaublich anziehend, dass sie am liebsten wieder in seine Arme geflüchtet wäre.

    Sie atmete tief ein.

    „Du hast mich sehr überrascht.“

    „Das habe ich bemerkt.“

    „Titus!“

    „Verzeih.“

    Sie biss sich auf die Unterlippe. Dann trat sie plötzlich vor und legte ihm beide Hände auf die Brust. Er sah sie überrascht an. Calvina hob den Kopf. Wieder waren ihre Gesichter einander nahe. Wieder spürte sie dieses beinahe unerträgliche Verlangen, ihn zu küssen. Doch diesmal war sie es, die innehielt.

    „Ich kann dir heute noch nicht antworten“, flüsterte sie.

    Titus nickte.

    „Das verlange ich nicht.“

    „Aber …“

    Sie verstummte.

    „Aber?“

    Calvina lächelte. Ein kleines, unsicheres, vollkommen glückliches Lächeln.

    „Du sollst wissen, dass deine Worte mir sehr viel bedeuten.“

    Er hob ihre Hand und berührte mit den Lippen sanft ihre Finger. Claudia glaubte, ihr Herz müsse zerspringen. Dieser Mann bringt mich noch um den Verstand.

    „Wirst du wiederkommen?“, fragte sie.

    „Wenn du es möchtest.“

    Sie schüttelte fassungslos den Kopf.

    „Titus Aurelius Romanus, du bist ein unerträglicher Mensch.“

    „Das hat man mir ebenfalls schon gesagt.“

    „Natürlich möchte ich, dass du wiederkommst!“

    Kaum hatte sie es ausgesprochen, erschrak sie über ihre eigene Offenheit. Titus lächelte. Und Calvina wusste, dass er diesen Satz niemals vergessen würde.

    Der Heimweg

    Als Claudia die Bibliotheca Annaea verließ, war sie nicht mehr dieselbe Frau, die sie am Vormittag betreten hatte. Sie ging durch die Straßen Roms, ohne ihre Umgebung wirklich wahrzunehmen. Ein Händler rief ihr etwas zu. Sie hörte ihn nicht. Ein Wagen musste anhalten, weil sie unachtsam über die Straße trat. Sie bemerkte es kaum. Ihre Zofe, die sie am vereinbarten Treffpunkt erwartete, sah sie verwundert an.

    „Herrin? Ist alles in Ordnung?“

    Claudia nickte. Dann schüttelte sie den Kopf. Dann nickte sie wieder.

    „Ich weiß es nicht.“

    Die Zofe betrachtete sie aufmerksam.

    „Ihr seht sehr glücklich aus.“

    Claudia blieb stehen.

    „Wirklich?“

    „Ja, Herrin.“

    Sie lächelte. Dann lachte sie plötzlich.

    „Oh, das ist schrecklich!“

    „Was denn?“

    „Alles!“

    „Alles?“

    „Ja! Nein! Ach, ich weiß es doch selbst nicht!“

    Die Zofe schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie vorsichtig:

    „Hat das etwas mit Titus Aurelius Romanus zu tun?“

    Claudia wurde schlagartig rot.

    „Wie kommst du darauf?“

    Die Zofe lächelte.

    „Nur eine Vermutung.“

    Claudia wandte den Blick ab. Sie versuchte, ernst zu bleiben.Es gelang ihr nicht.

    „Er hat mir etwas gesagt“, flüsterte sie schließlich.

    „Was denn, Herrin?“

    Claudia sah ihre Zofe an. Ihre Augen glänzten.

    „Er hat gesagt, dass er mich liebt.“

    Die Zofe blieb stehen.

    „Er hat was?“

    Claudia presste beide Hände gegen ihre glühenden Wangen.

    „Ja! Genau das! Und ich habe überhaupt nichts Vernünftiges erwidert! Ich habe gestammelt und gelacht und ihm verboten, weiterzusprechen!“

    Die Zofe konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

    „Und was empfindet Ihr für ihn?“

    Claudia öffnete den Mund. Diesmal wusste sie die Antwort. Doch sie wagte nicht, sie auszusprechen. Stattdessen blickte sie zurück in die Richtung der Bibliotheca Annaea. Dort irgendwo war Titus. Der Mann, der sie in seine Arme genommen hatte. Der sie beinahe geküsst hätte. Der ihr gesagt hatte, dass er sie liebte. Sie schloss die Augen. Und flüsterte so leise, dass ihre Zofe die Worte kaum verstand:

    „Ich fürchte, ich habe mein Herz verloren.“

    EPILOG – Zwei Herzen, eine unausgesprochene Antwort

    In der Villa Aurelia saß Titus am Abend allein in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm lagen die Unterlagen aus Ostia und die Nachrichten über Aquae Mattiacorum. Doch er las keine einzige Zeile. Er dachte an Claudia. An ihre Verlegenheit. An ihre Hände auf seiner Brust. An den Augenblick, in dem ihre Lippen nur wenige Fingerbreit voneinander entfernt gewesen waren.

    Und an sein Geständnis. Er bereute es nicht. Zum ersten Mal seit vielen Jahren empfand Titus Aurelius Romanus keine Notwendigkeit, eine einmal getroffene Entscheidung nachträglich zu überprüfen. Er liebte Claudia Calvina. Das genügte ihm. Zur selben Stunde lag Claudia in der Villa Claudia auf ihrem Bett. Ihre Zofe hatte ihr längst das Haar gelöst.

    Die Lampen brannten bereits. Doch Claudia dachte nicht daran zu schlafen. Sie hatte ein Kissen an sich gedrückt und starrte an die bemalte Decke. Immer wieder hörte sie seine Stimme.

    Ich liebe dich, Claudia. Sie lächelte. Dann verbarg sie das Gesicht im Kissen. Dann setzte sie sich plötzlich auf.

    „Oh, bei allen Göttern!“

    Die Zofe, die gerade das Zimmer verlassen wollte, drehte sich erschrocken um.

    „Herrin?“

    Claudia sah sie mit großen Augen an.

    „Er hat mir gesagt, dass er mich liebt!“

    „Ja, Herrin. Das habt Ihr mir bereits erzählt.“

    „Aber verstehst du denn nicht?“

    „Was soll ich verstehen?“

    Claudia ließ sich rücklings auf das Bett fallen. Sie lachte. Und weinte beinahe gleichzeitig.

    „Ich glaube, ich liebe ihn auch!“

    Die Zofe lächelte still. Claudia zog das Kissen über ihr Gesicht. Und darunter erklang eine gedämpfte, verzweifelt glückliche Stimme:

    „Was soll ich denn jetzt nur machen?“


    ENDE DES DRITTEN TREFFENS

    Der erste Kuss ist noch nicht gefallen. Doch für Titus ist seine Liebe bereits Gewissheit geworden, während Claudia in jener wundervollen, erschreckenden Unordnung gefangen ist, die entsteht, wenn das Herz längst entschieden hat und der Verstand noch verzweifelt nach einer Erklärung sucht.

  • TITUS AURELIUS ROMANUS – Die Gewissheit seines Herzens

    Ein Mann, der seine Ruhe verloren hatte

    Titus Aurelius Romanus hatte in seinem Leben viele unangenehme Erfahrungen gemacht. Er hatte Männer kennengelernt, die ihn verraten wollten, andere, die ihn fürchteten, und wieder andere, die glaubten, ihn durch Schmeicheleien für ihre eigenen Zwecke gewinnen zu können. Er hatte gelernt, Menschen zu beobachten, ihre Schwächen zu erkennen und ihre Absichten zu durchschauen. Nur bei einer einzigen Frau versagten plötzlich alle diese Fähigkeiten. Claudia Calvina. Seit ihrem letzten Zusammentreffen in der Bibliotheca Annaea hatte Titus kaum einen ruhigen Augenblick gefunden. Immer wieder erinnerte er sich an den Moment, als er sie in seine Arme genommen hatte. An die Wärme ihres Körpers, an ihren Duft und an die Art, wie sie zu ihm aufgeblickt hatte. Vor allem aber erinnerte er sich an ihre Augen. Diese großen, wunderschönen Augen, in denen er für einen Augenblick etwas gesehen hatte, das ihn zutiefst berührte. Zuneigung. Vielleicht sogar Liebe. Doch er wusste es nicht. Er hatte ihr seine Gefühle gestanden. Ich liebe dich, Claudia. Diese vier Worte hatten ihn mehr Mut gekostet als manche gefährliche Unternehmung während seiner Dienstzeit in Germanien. Und sie hatte ihm nicht geantwortet. Nicht mit Worten. Allerdings hatte sie sich auch nicht von ihm abgewandt. Sie war in seinen Armen geblieben, hatte ihn angesehen und schließlich nur seinen Namen geflüstert.

    „Titus ...“

    Mehr nicht. Seitdem fragte er sich, was dieses eine Wort bedeutet hatte. War sie erschrocken gewesen? Überfordert? Oder hatte sie vielleicht genau dasselbe empfunden wie er?

    Titus stand am Fenster seines Arbeitszimmers in der Villa Aurelia und blickte über die Dächer Roms. Auf dem Tisch hinter ihm lagen mehrere Schriftrollen und Wachstafeln. Unterlagen, die seine Aufmerksamkeit eigentlich dringend erforderten. Doch heute interessierten sie ihn nicht. Er wollte Claudia wiedersehen. Nicht irgendwann. Heute.

    Selina erkennt die Veränderung

    „Du wirst noch ein Loch in die Stadtmauer starren.“

    Titus drehte sich um. Selina stand im Türrahmen. Ihre dunklen Augen musterten ihn mit jener Mischung aus Aufmerksamkeit und unverhohlenem Spott, die er an ihr so gut kannte.

    „Was meinst du?“

    „Du stehst seit einer halben Stunde am Fenster.“

    „Ich denke nach.“

    „Das sehe ich.“

    Sie trat näher.

    „Allerdings bezweifle ich, dass deine Gedanken irgendetwas mit den Unterlagen auf deinem Tisch zu tun haben.“

    Titus verzog das Gesicht.

    „Du wirst zunehmend unverschämt.“

    Selina lächelte.

    „Ich lerne von dir.“

    Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dann wurde sie ernst.

    „Du willst wieder in die Bibliothek.“

    Titus betrachtete sie überrascht.

    „Woher weißt du das?“

    „Weil du seit Tagen ständig dorthin gehst.“

    „Ich lese gern.“

    Selina lachte.

    „Natürlich. Und zufällig interessiert dich seit Kurzem immer genau der Teil der Bibliothek, in dem sich eine bestimmte junge Römerin aufhält.“

    Titus schwieg.

    Selina trat an seine Seite.

    „Du liebst sie wirklich.“

    Es war keine Frage.

    Titus blickte wieder aus dem Fenster.

    „Ja.“

    Selina betrachtete ihn lange. Sie kannte diesen Mann besser als die meisten Menschen. Sie wusste, wie schwer es ihm fiel, anderen zu vertrauen. Und sie wusste, dass er seine Gefühle gewöhnlich hinter einer Mauer aus Spott, Stolz und beherrschter Gleichgültigkeit verbarg. Doch diese Mauer war verschwunden. Zumindest dann, wenn er an Calvina dachte.

    „Dann geh zu ihr“, sagte Selina schließlich.

    Titus wandte sich um.

    „Und wenn sie mich nicht liebt?“

    Selina lächelte sanft.

    „Dann wirst du es erfahren.“

    „Eine ausgesprochen tröstliche Antwort.“

    „Ich bin deine Leibwächterin, Titus. Nicht deine Wahrsagerin.“

    Sie legte ihm kurz die Hand auf den Arm.

    „Aber ich glaube nicht, dass eine Frau einen Mann so ansieht, wenn er ihr gleichgültig ist.“

    Titus blickte sie an.

    „Du hast es bemerkt?“

    „Titus, ich bemerke vieles.“

    Dann trat sie zurück.

    „Und jetzt geh. Bevor du noch anfängst, Liebesgedichte zu schreiben.“

    Die Bibliotheca Annaea

    Am späten Vormittag betrat Titus die Bibliotheca Annaea. Der vertraute Geruch von Papyrus, Holz und Öl empfing ihn. Durch die hohen Fenster fiel warmes Sonnenlicht auf die steinernen Fußböden. Zwischen den Regalen bewegten sich einige Gelehrte, Schreiber und Besucher. Titus begrüßte den Bibliothekar mit einem knappen Nicken. Dann begann er, die Räume abzusuchen. Er wollte sich einreden, dass er zufällig hier war. Doch dieser Versuch scheiterte bereits nach wenigen Augenblicken. Er suchte Calvina. Er suchte ihr Gesicht, ihre Gestalt, das dunkle Haar, das sie beim letzten Treffen so kunstvoll aufgesteckt getragen hatte. Schließlich entdeckte er sie. Sie stand an einem Regal im hinteren Teil der Bibliothek. Ein helles, fein gearbeitetes Gewand umschloss ihre schlanke Gestalt. Ein schmaler Gürtel betonte ihre Taille. Einige dunkle Haarsträhnen hatten sich aus ihrer Frisur gelöst und fielen weich an ihre Wangen. Sie hielt eine Schriftrolle in den Händen. Doch sie las nicht. Ihr Blick war auf eine Stelle gerichtet, die irgendwo weit hinter den geschriebenen Zeilen zu liegen schien.

    Titus blieb stehen. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Bei allen Göttern, dachte er. Wie kann eine einzige Frau einen erwachsenen Mann derart aus der Fassung bringen?Er trat näher.

    „Calvina.“

    Sie hob den Kopf. Für einen Augenblick schien sie nicht zu atmen. Dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Ein Lächeln, das Titus augenblicklich jede Unsicherheit vergessen ließ.

    „Titus!“

    Sie sprach seinen Namen mit einer Freude aus, die sie offenbar selbst überraschte. Er trat vor sie.

    „Ich hatte gehofft, dich hier zu finden.“

    Claudia senkte verlegen den Blick.

    „Und ich hatte gehofft, dass du kommst.“

    Titus betrachtete sie.

    „Wirklich?“

    Sie nickte.

    „Ja.“

    Es war nur ein einziges Wort. Doch für Titus bedeutete es mehr als alle schmeichelhaften Reden, die er jemals gehört hatte.

    Eine stille Ecke zwischen den Schriftrollen

    Sie gingen langsam durch die Bibliothek. Zunächst sprachen sie über gewöhnliche Dinge. Über eine Schrift, die Calvina gelesen hatte. Über einen griechischen Philosophen, dessen Gedanken Titus für bemerkenswert, aber stellenweise vollkommen weltfremd hielt. Über das warme Wetter und die ungewöhnliche Ruhe in der Bibliothek. Doch beide wussten, dass sie nicht gekommen waren, um über Bücher zu sprechen. Schließlich erreichten sie einen abgelegenen Bereich zwischen zwei hohen Regalen. Dort befand sich eine kleine Nische mit einer steinernen Sitzbank. Durch ein schmales Fenster fiel ein Streifen Sonnenlicht auf den Boden. Von den übrigen Besuchern war hier kaum etwas zu hören. Calvina blieb stehen. Titus wandte sich zu ihr. Einen Augenblick betrachteten sie einander schweigend. Dann sagte er:

    „Calvina, ich muss mit dir sprechen.“

    Sie lächelte unsicher.

    „Das tust du doch bereits.“

    „Du weißt, was ich meine.“

    Ihr Lächeln verschwand nicht, wurde aber zarter.

    „Ja.“

    Titus trat näher.

    „Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich dir etwas gesagt.“

    Claudia senkte den Blick.

    „Ich erinnere mich.“

    „Ich habe dir gesagt, dass ich dich liebe.“

    Ihre Wangen färbten sich rot.

    „Ja.“

    Titus holte tief Luft.

    „Ich möchte nicht, dass du glaubst, ich hätte diese Worte leichtfertig ausgesprochen.“

    Sie hob den Kopf.

    „Das glaube ich nicht.“

    „Ich habe viele Menschen kennengelernt, Calvina. Manche haben mich beeindruckt, andere enttäuscht. Aber niemand hat mich jemals so berührt wie du.“

    Er zögerte. Dann sprach er leiser weiter.

    „Wenn ich morgens erwache, denke ich an dich. Wenn ich arbeite, ertappe ich mich dabei, dass meine Gedanken zu dir wandern. Und wenn ich abends allein bin, wünsche ich mir, du wärst bei mir.“

    Calvina sah ihn unverwandt an. Titus lächelte beinahe hilflos.

    „Ich weiß nicht, wie du das geschafft hast.“

    Sie lachte leise.

    „Ich habe doch gar nichts getan.“

    „Eben das ist das Erstaunliche.“

    Er nahm vorsichtig ihre Hand. Sie ließ es geschehen.

    „Calvina, ich liebe dich. Und ich werde dich nicht drängen, mir etwas zu sagen, das du nicht empfindest.“

    Sie blickte auf ihre ineinanderliegenden Hände. Dann flüsterte sie:

    „Titus ...“

    Er wartete. Doch diesmal wollte er nicht versuchen, ihr Schweigen zu deuten. Er wollte ihr Zeit lassen.

    „Ja?“

    „Ich muss dir etwas sagen.“

    Er spürte, wie sein Herz erneut schneller schlug.

    „Ich höre.“

    Claudia holte tief Luft.

    „Als du mir bei unserem letzten Treffen gesagt hast, dass du mich liebst, wusste ich nicht, was ich antworten sollte.“

    Titus nickte.

    „Das habe ich bemerkt.“

    Sie lächelte verlegen.

    „Ich war vollkommen durcheinander.“

    „Das war nicht meine Absicht.“

    „Ich weiß.“

    Sie nahm seine Hände.

    „Aber seitdem habe ich ständig an dich gedacht. Ich habe mich gefragt, wann ich dich wiedersehen würde. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich auf jedes Geräusch an der Tür achtete, weil ich hoffte, du könntest es sein.“

    Titus sagte nichts. Claudias Stimme wurde leiser.

    „Und als du heute plötzlich vor mir standest, war ich so glücklich, dass ich beinahe vergessen hätte, wie man spricht.“

    Titus lächelte.

    „Dann ging es uns beiden ähnlich.“

    Claudia blickte ihm direkt in die Augen. Diesmal wich sie seinem Blick nicht aus.

    „Titus Aurelius Romanus ...“

    Sie zögerte nur einen Herzschlag. Dann sagte sie:

    „Ich liebe dich auch.“

    Titus erstarrte. Nicht, weil er ihre Worte nicht verstanden hatte. Sondern weil er sie so sehr ersehnt hatte, dass ihre Erfüllung ihn beinahe überwältigte.

    „Calvina ...“

    Sie lächelte unter Tränen.

    „Ja, Titus. Ich liebe dich.“

    Er zog sie erneut in seine Arme. Für einen Augenblick schloss er die Augen. In seiner Kindheit hatte er oft geglaubt, Zuneigung müsse verdient werden. Dass Liebe etwas sei, das man durch Gehorsam, Stärke oder besondere Leistungen erlangen müsse. Nun stand eine Frau vor ihm, die ihn liebte, ohne dass er etwas beweisen musste. Einfach, weil er Titus war.

    Er küsste sie auf die Stirn. Dann auf die Lippen.

    „Du ahnst nicht, wie glücklich du mich gerade gemacht hast.“

    Claudia lächelte.

    „Vielleicht doch.“

    Ein Versprechen ohne große Worte

    Als sie sich schließlich wieder voneinander lösten, nahm Titus ihre Hand.

    „Ich möchte dich wiedersehen.“

    Claudia lachte.

    „Das hoffe ich doch.“

    „Nicht nur zufällig in dieser Bibliothek.“

    Sie sah ihn aufmerksam an.

    „Was meinst du?“

    „Ich möchte Zeit mit dir verbringen. Mit dir sprechen, spazieren gehen, dich kennenlernen. Nicht nur die Claudia, die Bücher liebt, sondern die Frau, die du wirklich bist.“

    Claudia wurde ernst.

    „Das möchte ich auch.“

    Titus lächelte.

    „Dann werden wir einen Weg finden.“

    Sie nickte.

    „Ja.“

    Er hob ihre Hand an seine Lippen und küsste sie.

    „Bis bald, meine Calvina.“

    Sie errötete.

    „Deine Calvina?“

    Titus betrachtete sie erschrocken.

    „Verzeih. Ich wollte nicht ...“

    Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen.

    „Doch.“

    Er verstummte. Calvina lächelte.

    „Das darfst du sagen.“

    Titus lachte leise. Dann küsste er sie noch einmal. Als er wenig später die Bibliothek verließ, hatte sich die Welt nicht verändert. Rom war noch immer laut, voller Intrigen, Verpflichtungen und Gefahren. Doch für Titus Aurelius Romanus war nichts mehr wie zuvor. Denn irgendwo in dieser Stadt lebte eine Frau, die ihn liebte.


    EIPILOG – DUO CORDA, UNA VOLUNTAS

    Zwei Herzen, ein Wille Am Abend saß Titus Aurelius Romanus im Garten der Villa Aurelia. Selina hatte ihn bereits zweimal gefragt, weshalb er ununterbrochen lächelte.

    Er hatte ihr keine Antwort gegeben. Nicht, weil er ihr misstraute. Sondern weil er dieses Glück zunächst für sich behalten wollte. Schließlich hatte sie sich mit einem vielsagenden Lächeln zurückgezogen. Titus blickte zu den ersten Sternen. Er dachte an Calvina. An ihren ersten Kuss. Und an ihre Worte. Ich liebe dich auch. Er schloss die Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfand er eine tiefe, beinahe ungewohnte Zufriedenheit. Nicht die Genugtuung eines gewonnenen Streites. Nicht den Stolz über einen militärischen Erfolg. Sondern das stille Glück eines Mannes, der erfahren hatte, dass seine Liebe erwidert wurde.

  • Der erste Kuss

    Eine schlaflose Nacht in der Villa Claudia

    Claudia Calvina hatte schlecht geschlafen. Eigentlich hatte sie überhaupt nicht richtig geschlafen. Immer wieder war sie aufgewacht, hatte sich auf die andere Seite gedreht und versucht, ihre Gedanken zur Ruhe zu bringen. Vergeblich. Denn jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie Titus. Sein Gesicht. Seine dunklen, aufmerksamen Augen. Sein Lächeln. Und vor allem erinnerte sie sich an seine Stimme. Ich liebe dich, Calvina. Diese Worte hatten sich tief in ihr Herz eingegraben. Noch niemals hatte ein Mann so mit ihr gesprochen. Natürlich hatte es bereits Verehrer gegeben. Junge Männer aus angesehenen Familien, die bei gesellschaftlichen Zusammenkünften ihre Aufmerksamkeit gesucht hatten. Manche hatten ihr Komplimente gemacht. Andere hatten ihre Schönheit gepriesen oder ihre Bildung bewundert. Doch Clalvina hatte immer das Gefühl gehabt, dass diese Männer vor allem eine geeignete Ehefrau suchten.

    Eine Tochter der Gens Claudia. Eine Frau aus einer angesehenen Familie. Eine Verbindung, die gesellschaftliche Vorteile versprach. Titus hingegen hatte sie angesehen, als gäbe es in diesem Augenblick keinen anderen Menschen auf der Welt. Und er hatte ihr gesagt, dass er sie liebe. Nicht ihren Namen. Nicht ihre Herkunft. Nicht die Stellung ihrer Familie. Sie. Claudia Calvina. Sie zog die Decke höher und lächelte in die Dunkelheit.

    „Ach, Titus“, flüsterte sie.

    Dann vergrub sie ihr Gesicht im Kissen. Wie hatte dieser Mann es nur geschafft, sie innerhalb so kurzer Zeit derart durcheinanderzubringen?



    Die Nähe, nach der sie sich gesehnt hatte


    Sie gingen gemeinsam durch die Bibliothek. Claudia versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Titus sprach über einen Philosophen. Sie antwortete. Er machte eine scherzhafte Bemerkung. Sie lachte. Doch eigentlich nahm sie nur wahr, wie nahe er neben ihr ging. Wie seine Stimme klang. Wie seine Hand gelegentlich beinahe die ihre berührte. Jedes Mal verspürte sie ein kleines, aufregendes Kribbeln. Warum nimmt er nicht einfach meine Hand? Kaum hatte sie diesen Gedanken gefasst, erschrak sie über sich selbst. Calvina! Sie war eine wohlerzogene junge Römerin aus angesehenem Hause. Sie sollte sich beherrschen. Sie sollte vernünftig sein. Sie sollte nicht ständig darüber nachdenken, wie es sich anfühlen würde, von einem Mann geküsst zu werden. Doch genau das tat sie. Und dieser Mann ging unmittelbar neben ihr. Als sie schließlich eine abgelegene Nische zwischen den Regalen erreichten, bemerkte Calvina, dass Titus ungewöhnlich ernst wurde.

    „Claudia, ich muss mit dir sprechen.“

    Ihr Herz begann heftig zu schlagen. Jetzt. Sie wusste es. Er würde wieder über seine Gefühle sprechen. Und diesmal musste sie ihm antworten.

    Seine Worte treffen ihr Herz

    Titus nahm ihre Hand. Claudia spürte sofort die Wärme seiner Finger. Sie wollte etwas sagen. Irgendetwas. Doch ihre Gedanken gerieten vollkommen durcheinander. Dann begann er zu sprechen. Er erinnerte sie an sein Liebesgeständnis. Er erklärte ihr, dass er diese Worte ernst gemeint hatte. Dass er ständig an sie dachte. Dass sie ihm mehr bedeutete als jeder andere Mensch. Calvina hörte zu. Und mit jedem Satz wurde es schwieriger, die Tränen zurückzuhalten. Nicht aus Traurigkeit. Sondern weil sie sich noch niemals so sehr gewünscht hatte, einen Menschen in die Arme zu nehmen. Er liebt mich wirklich. Der Gedanke war überwältigend. Dieser Mann liebt mich. Sie betrachtete sein Gesicht. Die Entschlossenheit in seinen Augen. Aber auch die Unsicherheit, die er nicht vollständig verbergen konnte. Und plötzlich erkannte sie etwas, das sie zutiefst berührte. Titus hatte Angst. Nicht vor ihr. Sondern davor, sie zu verlieren.

    Ein Mann, der so selbstsicher wirkte, der offenbar gewohnt war, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen, stand vor ihr und fürchtete sich vor ihrer Antwort. Calvina hätte ihn am liebsten sofort umarmt. Doch noch immer brachte sie kein vernünftiges Wort hervor.

    Der Augenblick, den sie niemals vergessen würde

    Dann berührte Titus ihre Wange. Claudia schloss die Augen. Seine Hand war warm. Seine Berührung so sanft, dass ihr beinahe schwindelig wurde. Sie öffnete die Augen wieder. Sein Gesicht war ganz nahe. Sie konnte jede kleine Veränderung in seinem Ausdruck erkennen. Seinen Atem spüren. Und sie wusste plötzlich mit vollkommener Gewissheit, was sie wollte. Bitte, Titus. Bitte küss mich. Doch sie wagte nicht, es auszusprechen. Dann hörte sie seine leise Frage.

    „Claudia, darf ich dich küssen?“

    Für einen Augenblick glaubte sie, ihr Herz müsse stehen bleiben. Er hatte tatsächlich gefragt. Nicht einfach gehandelt. Nicht angenommen, dass sie seine Nähe selbstverständlich erwidern würde. Er hatte ihr die Entscheidung überlassen. Und gerade das machte ihn ihr noch lieber. Sie lächelte.

    „Ja, Titus.“

    Dann schloss sie die Augen. Seine Lippen berührten ihre. Calvina hatte sich diesen Augenblick bereits unzählige Male vorgestellt. Doch keine ihrer Vorstellungen kam der Wirklichkeit auch nur nahe. Der Kuss war sanft. Warm. Vorsichtig. Und von einer Zärtlichkeit erfüllt, die sie bis tief in ihr Innerstes erschütterte. Für einen Augenblick vergaß sie alles. Die Bibliothek. Die Menschen. Die Erwartungen ihrer Familie. Sogar ihre eigene Unsicherheit. Es gab nur noch Titus. Sie legte eine Hand auf seine Brust. Unter dem Stoff seiner Tunika spürte sie seinen Herzschlag. Er war schnell. Beinahe ebenso schnell wie ihr eigener. Er ist genauso aufgeregt wie ich. Dieser Gedanke machte sie auf eine seltsame Weise glücklich. Dann erwiderte sie seinen Kuss. Nicht mehr zögernd. Nicht mehr unsicher. Sondern mit all der Zuneigung, die sie seit Tagen in sich getragen hatte. Als Titus sie näher an sich zog, schlang sie ihre Arme um ihn. Sie wollte diesen Augenblick festhalten. Für immer.

    Die schönste Erkenntnis ihres Lebens

    Als sie sich schließlich voneinander lösten, wagte Claudia kaum, die Augen zu öffnen. Sie fürchtete beinahe, alles könnte nur ein Traum gewesen sein. Doch Titus stand noch immer vor ihr.

    Seine Arme lagen um ihre Taille. Und er lächelte. Dieses wunderbare, etwas verlegene Lächeln. Calvina musste lachen. Nicht, weil etwas komisch gewesen wäre. Sondern weil sie so glücklich war, dass sie nicht wusste, wohin mit diesem Gefühl. Titus lachte ebenfalls. Und plötzlich erschien ihr alles so einfach. Warum hatte sie sich so viele Gedanken gemacht?

    Warum hatte sie gezögert? Warum hatte sie versucht, ihre Gefühle mit Vernunft zu erklären? Sie liebte diesen Mann. Das war die einzige Wahrheit, die jetzt noch zählte.

    Doch dann wurde ihr bewusst, dass Titus es noch immer nicht wusste. Er hatte ihr seine Liebe gestanden. Sie hatte ihn geküsst. Aber die Worte, auf die er wartete, hatte sie noch nicht ausgesprochen. Calvina holte tief Luft.

    „Titus?“

    Er sah sie aufmerksam an.

    „Ja?“

    Sie nahm beide seine Hände. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, er müsse es hören können.

    „Ich muss dir etwas sagen.“

    Sie sah die gespannte Erwartung in seinem Gesicht. Und plötzlich verschwand ihre Angst. Sie wollte nicht länger schweigen. Nicht vor diesem Mann. Nicht über das, was sie empfand.

    Sie blickte ihm direkt in die Augen.

    „Titus Aurelius Romanus ...“

    Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.

    „Ich liebe dich auch.“

    Da war es. Ausgesprochen. Endlich. Clalvina spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Doch sie lächelte.

    „Ich liebe dich, Titus. Ich glaube, ich habe dich schon geliebt, bevor ich überhaupt verstanden habe, was mit mir geschieht.“

    Sie sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Wie seine Anspannung verschwand. Wie aus Unsicherheit ein Glück wurde, das er nicht verbergen konnte. Und in diesem Augenblick wusste Claudia, dass sie ihm das schönste Geschenk gemacht hatte, das sie ihm geben konnte. Die Gewissheit, geliebt zu werden.

    In seinen Armen

    Titus zog sie erneut an sich. Claudia schmiegte sich an seine Brust. Sie schloss die Augen. Hier, in seinen Armen, fühlte sie sich geborgen. Nicht, weil sie Schutz brauchte. Sondern weil sie zum ersten Mal das Gefühl hatte, einem Menschen vollkommen nahe sein zu dürfen. Sie lauschte seinem Herzschlag. Seine Hand strich sanft über ihren Rücken. Eine Weile sprachen sie nicht. Dann flüsterte Calvina:

    „Titus?“

    „Ja, meine Liebe?“

    Sie lächelte bei diesen Worten. Meine Liebe. Wie wunderschön das klang.

    „Du darfst mich nicht auslachen.“

    Er senkte den Kopf.

    „Warum sollte ich?“

    „Weil ich seit unserem letzten Treffen beinahe jede Nacht von dir geträumt habe.“

    Titus lachte leise.

    „Dann müsste ich mich selbst ebenfalls auslachen.“

    Sie hob überrascht den Kopf.

    „Du auch?“

    „Ja.“

    Claudia betrachtete ihn.

    Dann begann sie zu lachen.

    „Wir sind beide vollkommen töricht.“

    „Vermutlich.“

    „Und du findest das nicht schlimm?“

    Titus küsste ihre Stirn.

    „Nicht im Geringsten.“

    Claudia lächelte. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Diesmal war sie es, die den ersten Schritt machte. Und als Titus ihren Kuss erwiderte, wusste sie, dass sie sich niemals mehr vor ihren eigenen Gefühlen fürchten wollte.

    Der Abschied fällt schwer

    Irgendwann mussten sie die kleine Nische verlassen. Calvina wusste das. Titus wusste es ebenfalls. Doch keiner von beiden schien es besonders eilig zu haben.

    Schließlich seufzte sie.

    „Ich sollte zurück zur Villa Claudia.“

    Titus nickte.

    „Ich weiß.“

    Sie betrachtete ihn.

    „Du siehst nicht besonders glücklich darüber aus.“

    „Bin ich auch nicht.“

    Claudia lächelte.

    „Das beruhigt mich.“

    Er hob eine Augenbraue.

    „Dass ich unglücklich bin?“

    „Dass du mich ebenso wenig gehen lassen möchtest, wie ich dich verlassen will.“

    Titus lachte. Dann nahm er ihre Hand. Gemeinsam gingen sie langsam zurück in den vorderen Teil der Bibliothek. Dort blieben sie stehen. Calvina blickte sich kurz um. Einige Besucher waren mit ihren Schriftrollen beschäftigt. Niemand schien auf sie zu achten.Sie trat näher zu Titus.

    „Wann sehe ich dich wieder?“

    „So bald du möchtest.“

    „Morgen?“

    Titus lächelte.

    „Morgen.“

    Claudia senkte verlegen den Blick.

    „Gut.“

    Er küsste ihre Hand.

    „Bis morgen, Calvina.“

    Sie wollte sich abwenden. Doch dann hielt sie inne. Sie drehte sich noch einmal zu ihm um.

    „Titus?“

    „Ja?“

    Claudia lächelte.

    „Ich liebe dich.“

    Er erwiderte ihr Lächeln.

    „Und ich liebe dich, Calvina.“

    Erst dann brachte sie es fertig, die Bibliothek zu verlassen.

    Die Rückkehr in die Villa Claudia

    Auf dem Heimweg konnte Claudia nicht aufhören zu lächeln. Die Straßen Roms erschienen ihr heller als gewöhnlich. Die Stimmen der Händler klangen freundlicher.

    Selbst der Lärm der Wagen und die Rufe der Lastträger störten sie nicht. Sie dachte nur an Titus. An seine Hände. Seine Umarmung. Seine Lippen. Und an den Augenblick, in dem sie ihm endlich ihre Liebe gestanden hatte. Als sie die Villa Claudia erreichte, eilte sie beinahe durch das Atrium. Eine Dienerin kam ihr entgegen.

    „Domina?“

    Calvina blieb stehen.

    „Ja?“

    Die Dienerin betrachtete sie überrascht.

    „Ist etwas geschehen?“

    Claudia versuchte, ernst zu bleiben. Es gelang ihr nicht.

    „Warum fragst du?“

    „Weil Ihr so glücklich ausseht.“

    Claudia lachte. Dann schüttelte sie den Kopf.

    „Ach, wenn du wüsstest ...“

    Sie ging weiter. In ihrem Schlafgemach blieb sie vor dem Spiegel stehen. Sie betrachtete ihr Gesicht. Ihre geröteten Wangen. Das Leuchten ihrer Augen. Dann berührte sie mit den Fingerspitzen ihre Lippen. Und plötzlich musste sie wieder lächeln. Titus hat mich geküsst. Sie schloss die Augen. Und ich habe ihn geküsst. Ein leises, glückliches Lachen entwich ihr.

    Dann ließ sie sich auf ihr Bett sinken. Sie zog ein Kissen an sich und blickte zur Decke.

    „Titus Aurelius Romanus“, flüsterte sie.

    „Was hast du nur mit mir gemacht?“

    Doch sie kannte die Antwort längst. Er hatte ihr Herz gewonnen. Und sie hatte ihm ihres geschenkt.

    EPILOG – DUO CORDA, UNA VOLUNTAS

    Zur selben Stunde lag Claudia Calvina in ihrem Schlafgemach in der Villa Claudia. Sie hatte die Öllampe noch nicht löschen lassen. Immer wieder erinnerte sie sich an den Augenblick in der kleinen Nische der Bibliothek. An Titus' vorsichtige Frage. Darf ich dich küssen? Und an ihre eigene Antwort. Ja, Titus. Sie lächelte in die Dunkelheit. Morgen würde sie ihn wiedersehen. Allein dieser Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Noch wussten weder Titus noch Claudia, welche Herausforderungen ihre Liebe eines Tages bestehen musste. Die römische Gesellschaft kannte feste Regeln. Familien hatten Erwartungen. Ehen wurden nicht immer aus Liebe geschlossen.Und Titus Aurelius Romanus war ein Mann, dessen Vergangenheit weit komplizierter war, als Calvina bislang ahnte. Doch an diesem Abend beschäftigten sich beide nicht mit diesen Fragen. Titus dachte an Claudia. Calvina dachte an Titus. Und beide waren glücklich. Aus einer zufälligen Begegnung war Neugier geworden. Aus Neugier war Sehnsucht entstanden. Aus Sehnsucht war Liebe erwachsen. Und in einer stillen Ecke der Bibliotheca Annaea hatte diese Liebe ihren ersten Kuss gefunden. AMOR PRIMO CONSPECTU. Liebe auf den ersten Blick.



Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!