Die Bibliotheca Annaea
Ein Gesicht, das nicht verschwinden wollte
Titus Aurelius Romanus hatte in seinem Leben gelernt, dass Gefühle gefährlich sein konnten. Nicht die Gefühle anderer Menschen. Diese hatte er im Laufe der Jahre zu erkennen und gelegentlich auch zu seinem Vorteil zu nutzen gelernt. Es waren seine eigenen Empfindungen, denen er misstraute. Seit seiner Kindheit wusste er, wie schnell Zuneigung zu einer Schwäche werden konnte und wie grausam Menschen mit jenen umgingen, die ihre innersten Wünsche offenbarten. Sein Vater Marcus Aurelius Iustus hatte ihm niemals jene Geborgenheit vermittelt, die ein Sohn von seinem Vater erwarten durfte. Seine Mutter Aquillia Nocturna hatte ihn häufig als Enttäuschung betrachtet, während seine älteren Brüder Paullus und Lucius jede Gelegenheit genutzt hatten, ihn zu erniedrigen. Titus hatte sich deshalb früh eine unsichtbare Rüstung geschaffen. Er zeigte, was er zeigen wollte. Er sprach, wenn es notwendig war. Und er schwieg, wenn seine Gefühle drohten, die Oberhand zu gewinnen. Doch seit einigen Tagen schien diese sorgfältig errichtete Ordnung nicht mehr zu funktionieren.
Schuld daran war eine junge Frau. Eine vollkommen unbekannte junge Frau.
Er hatte sie auf dem Esquilin gesehen, als er mit Selina und Massad an einem prächtigen Anwesen vorbeigegangen war. Sie hatte gerade die Villa betreten wollen und sich für einen flüchtigen Augenblick umgewandt.
Ihre Blicke hatten sich getroffen. Titus erinnerte sich an diesen Augenblick mit einer Deutlichkeit, die ihn selbst überraschte. Dunkelblondes Haar, das im Sonnenlicht golden geschimmert hatte. Ein ebenmäßiges Gesicht, feine Züge und eine natürliche Anmut, die keiner besonderen Anstrengung bedurfte. Aber es war nicht allein ihre Schönheit gewesen. Es war ihr Blick. Offen, neugierig und für einen kurzen Moment ebenso überrascht wie sein eigener. Titus hatte damals geglaubt, die Zeit sei stehen geblieben. Selina hatte seine ungewöhnliche Reaktion sofort bemerkt. Massad hatte sich später einige wenig hilfreiche Bemerkungen erlaubt, die Titus mit betonter Gleichgültigkeit übergangen hatte. Doch in den folgenden Tagen war ihm die Unbekannte immer wieder in den Sinn gekommen. Beim Frühstück. Während der Arbeit. Sogar nachts, wenn er über den geheimnisvollen Aufzeichnungen des Gaius Septimius Largus saß und versuchte, die verschiedenen Identitäten des Lucius Cassius Varro miteinander in Verbindung zu bringen. Er kannte ihren Namen nicht.
Er wusste nichts über ihre Familie, ihre Interessen oder ihren Charakter. Und dennoch konnte er sie nicht vergessen. Das ärgerte ihn. Ein Mann, der komplizierte finanzielle Verbindungen aufdecken und die Absichten gefährlicher Gegner erkennen konnte, sollte eigentlich imstande sein, eine flüchtige Begegnung mit einer hübschen Frau zu vergessen.
Aber sein Herz schien sich nicht für die Vernunft zu interessieren.
Der Weg zur Bibliotheca Annaea
An diesem Morgen hatte Titus beschlossen, die Villa Aurelia für einige Stunden zu verlassen. Die Ermittlungen um Lucius Cassius Varro waren an einen Punkt gelangt, an dem er ältere juristische und verwaltungstechnische Abhandlungen benötigte. Besonders interessierte ihn die Übertragung von Vollmachten und die Frage, unter welchen Umständen ein Mann rechtsgültig im Namen eines anderen handeln konnte.
Die Bibliotheca Annaea erschien ihm dafür als geeigneter Ort. Selina hatte zunächst darauf bestanden, ihn zu begleiten. Titus hatte abgelehnt.
„Ich beabsichtige, Schriftrollen zu lesen, Selina. Keine feindliche Festung zu erstürmen.“
Sie hatte ihn mit jenem Blick betrachtet, der ihm deutlich machte, dass sie seine Bemerkung nicht besonders überzeugend fand.
„Gefahren kündigen sich selten vorher an.“
„Das weiß ich.“
„Und trotzdem gehst du allein.“
„Für einige Stunden.“
Massad hatte sich eingemischt.
„Lass ihn gehen. Vielleicht findet er zwischen all den alten Schriftrollen endlich eine Erklärung dafür, weshalb er seit Tagen so merkwürdig dreinschaut.“
Titus hatte ihn scharf angesehen. Der Syrer grinste.
„Oder vielleicht eine Abhandlung über die Heilung gebrochener Herzen.“
Selina hatte ein Lächeln unterdrückt. Titus hingegen war wortlos aufgestanden. Nun bewegte er sich durch die belebten Straßen Roms. Die Stadt war erfüllt vom Lärm der Händler, dem Rumpeln schwerer Wagen und den Rufen der Menschen. Aus einer Bäckerei drang der Duft frisch gebackenen Brotes. An einer Straßenecke stritten zwei Männer über den Preis eines Maultieres. Titus nahm all dies kaum wahr. Er dachte an seine Ermittlungen. Zumindest versuchte er es. Doch als er an einer jungen Frau mit dunkelblondem Haar vorbeikam, wandte er unwillkürlich den Kopf. Sie war es nicht. Er ärgerte sich über sich selbst. Du benimmst dich wie ein unerfahrener Knabe. Er beschleunigte seine Schritte. Die Bibliothek würde ihm guttun. Dort gab es Bücher, Ordnung und vernünftige Gedanken. Und vor allem keine Veranlassung, sich mit einer unbekannten Schönheit zu beschäftigen. Wie sehr er sich darin täuschte, sollte er wenige Augenblicke später erfahren.
Die Stille der Gelehrten
Die Bibliotheca Annaea lag in einem ruhigeren Teil der Stadt. Ihr Eingangsbereich wurde von hellen Säulen getragen, zwischen denen das Licht des Vormittags auf den steinernen Boden fiel. Im Inneren herrschte jene gedämpfte Geschäftigkeit, die Titus an solchen Orten besonders schätzte. Schreiber ordneten Schriftrollen. Ein älterer Gelehrter diskutierte leise mit einem jüngeren Mann. Zwei Bibliotheksdiener trugen einen schweren Kasten mit neu eingetroffenen Werken in einen Nebenraum. Titus begrüßte den Bibliotheksverwalter, der ihn von früheren Besuchen kannte.
„Salve, Titus Aurelius Romanus.“
„Salve. Ich benötige einige Abhandlungen über Stellvertretung und die Verwaltung fremden Vermögens.“
Der Verwalter nickte.
„Die juristischen Werke befinden sich im westlichen Lesebereich. Soll ich Euch die entsprechenden Schriftrollen bringen lassen?“
„Ich danke dir. Ich werde zunächst selbst nachsehen.“
Titus begab sich in den Lesesaal. Er fand mehrere Werke, die seinen Interessen entsprachen, und nahm an einem Tisch nahe einem hohen Fenster Platz. Vor ihm lag bald eine kleine Sammlung juristischer Schriften.
Er begann zu lesen. Die ersten Abschnitte beschäftigten sich mit der Verantwortung eines Bevollmächtigten gegenüber seinem Auftraggeber. Titus machte sich Notizen. Er verglich die beschriebenen Rechtsverhältnisse mit den Unterlagen des Gaius Septimius Largus und den wiederkehrenden Unterschriften des Lucius Cassius Varro. Eine Weile gelang es ihm tatsächlich, sich vollständig auf seine Arbeit zu konzentrieren. Dann hörte er eine Stimme.
„Verzeiht, ich suche eine Abhandlung des Plutarch über die Erziehung junger Menschen.“
Titus hielt mitten in einer Zeile inne. Die Stimme war weiblich. Jung. Angenehm klar. Er hörte, wie der Bibliotheksverwalter antwortete.
„Die Werke des Plutarch befinden sich im griechischen Bestand, Domina.“
„Dort habe ich bereits gesucht. Vielleicht wurde die Schrift anders eingeordnet.“
Titus hob den Blick. Und vergaß zu atmen.
Die Unbekannte vom Esquilin
Sie stand nur wenige Schritte entfernt. Die junge Frau. Die Unbekannte, die er seit Tagen nicht aus seinen Gedanken verbannen konnte. Für einen Augenblick glaubte Titus, seine Sinne täuschten ihn.
Er betrachtete sie genauer. Nein. Es bestand kein Zweifel. Es war dieselbe Frau. Ihr dunkelblondes Haar war kunstvoll hochgesteckt. Einige feine Strähnen umrahmten ihr Gesicht. Sie trug eine helle Stola aus kostbarem Stoff, deren schlichte Eleganz ihre Schönheit noch stärker hervorhob. Titus bemerkte, dass sie sich mit einer selbstverständlichen Sicherheit bewegte. Sie war offenbar daran gewöhnt, sich in gebildeter Gesellschaft aufzuhalten. Aber nichts an ihrem Verhalten wirkte überheblich. Sie sprach höflich mit dem Bibliotheksverwalter und hörte dessen Erklärungen aufmerksam zu. Titus konnte den Blick kaum von ihr lösen. Bei Jupiter.
Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er empfand eine Wärme, die sich von seiner Brust bis in sein Gesicht auszubreiten schien. Noch nie hatte ihn die bloße Anwesenheit eines Menschen so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht. Er senkte hastig den Blick. Vor ihm lag die juristische Abhandlung. Er versuchte, weiterzulesen. Doch die Buchstaben verloren ihre Bedeutung. Er sah die Schriftrolle, ohne ein einziges Wort zu erfassen. Sein Verstand befahl ihm, sitzen zu bleiben. Sein Herz verlangte das Gegenteil. Er musste sie ansprechen. Aber wie? Er konnte schlecht aufstehen und erklären, dass er seit Tagen an sie dachte.
Sie würde ihn für einen Narren halten. Vielleicht sogar für einen aufdringlichen Mann, der seine gesellschaftliche Stellung dazu benutzte, fremde Frauen zu belästigen.
Das wollte Titus unter keinen Umständen. Er betrachtete sie erneut. Sie suchte noch immer nach der gewünschten Schriftrolle. Plutarch. Titus kannte das Werk. Sein Lehrer Sokrates hatte ihm einst mehrere Gedanken daraus erläutert und mit eigenen Überlegungen zur Erziehung und Entwicklung des menschlichen Charakters verbunden. Er wusste sogar, wo eine entsprechende Schriftrolle aufbewahrt wurde. Damit besaß er einen vollkommen vernünftigen Grund, die junge Frau anzusprechen. Er erhob sich. Dann blieb er stehen. Was, wenn sie sich nicht an mich erinnert? Ein beinahe schmerzlicher Gedanke. Für ihn war die Begegnung auf dem Esquilin unvergesslich gewesen. Für sie konnte sie vollkommen bedeutungslos gewesen sein. Er atmete tief durch. Dann ging er auf sie zu.
Die ersten Worte
„Verzeiht, Domina.“
Die junge Frau wandte sich um. Ihre Augen begegneten seinen. Titus empfand einen Schlag gegen sein Herz. So jedenfalls kam es ihm vor. Für einen Augenblick sah sie ihn schweigend an. Er glaubte, Überraschung in ihrem Gesicht zu erkennen. Vielleicht sogar ein kurzes Aufleuchten ihrer Augen. Doch er war sich nicht sicher.
„Ich konnte nicht umhin, Eure Frage nach Plutarch zu hören“, sagte er.
Seine Stimme klang ruhig. Das überraschte ihn selbst.
„Ihr kennt die gesuchte Schrift?“, fragte sie.
Titus nickte.
„Ich glaube, ich kann Euch helfen. Die Abhandlung wird hier nicht unter den pädagogischen Schriften geführt, sondern bei den moralphilosophischen Werken.“
Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. Titus spürte, wie sich etwas in seinem Inneren löste.
„Dann habe ich offenbar am falschen Ort gesucht.“
„Das ist verständlich. Die Ordnung dieser Sammlung ist nicht immer besonders einleuchtend.“
Sie lachte leise. Es war ein angenehmes Lachen. Nicht laut. Nicht gekünstelt. Titus hätte es gern noch einmal gehört.
„Würdet Ihr mir die entsprechende Stelle zeigen?“
„Selbstverständlich.“
Er führte sie zu einem Regal im angrenzenden Bereich. Während sie neben ihm ging, nahm Titus ihren zarten Duft wahr. Eine Mischung aus Blüten und einem kaum erkennbaren Hauch kostbaren Öls.
Er bemühte sich, nicht zu nahe an sie heranzutreten. Vor dem Regal blieb er stehen.
„Hier müsste die Schriftrolle liegen.“
Er suchte zwischen mehreren beschrifteten Behältern. Dann fand er das gewünschte Werk.
„Da ist sie.“
Er griff danach. Im selben Augenblick streckte auch die junge Frau ihre Hand aus. Ihre Finger berührten sich. Nur flüchtig. Kaum länger als einen Herzschlag. Titus zog seine Hand zurück.
„Verzeiht.“
„Nein, ich bitte Euch um Verzeihung.“
Sie lächelte. Er lächelte ebenfalls. Und plötzlich empfand Titus etwas, das er beinahe vergessen hatte. Unbeschwerte Freude. Nicht die Befriedigung über ein gelungenes Geschäft. Nicht die Genugtuung, einen Gegner überlistet zu haben. Sondern einfache, beinahe kindliche Freude. Weil eine junge Frau ihn anlächelte.
Ein Gespräch über die menschliche Seele
Titus reichte ihr die Schriftrolle.
„Plutarch beschäftigt sich darin mit der Frage, wie die Erziehung den Charakter eines Menschen beeinflusst.“
Sie betrachtete das Werk.
„Gerade deshalb interessiert es mich.“
„Dann beschäftigt Euch die Entwicklung des menschlichen Wesens?“
„Sehr sogar.“
Sie blickte ihn an.
„Ich frage mich häufig, weshalb Menschen, die unter ähnlichen Umständen aufwachsen, später so unterschiedliche Persönlichkeiten entwickeln.“
Titus wurde aufmerksam. Diese Frage war ihm nur allzu vertraut. Er dachte an seine Brüder. Paullus und Lucius. Sie waren unter demselben Dach aufgewachsen. Sie hatten dieselben Eltern gehabt. Und dennoch waren ihre Lebenswege vollkommen unterschiedlich verlaufen.
„Vielleicht“, antwortete er langsam, „liegt es daran, dass Menschen dieselben Ereignisse unterschiedlich erleben.“
Sie betrachtete ihn interessiert.
„Ihr glaubt also, dass nicht allein die Umstände entscheidend sind?“
„Nein. Auch die Art, wie ein Mensch sie verarbeitet.“
„Und kann er sich später von diesen Erfahrungen befreien?“
Titus schwieg einen Augenblick. Eine einfache Frage. Doch für ihn besaß sie eine Bedeutung, von der die junge Frau nichts ahnen konnte.
„Ich glaube“, sagte er schließlich, „dass ein Mensch lernen kann, mit seiner Vergangenheit zu leben.“
„Aber nicht, sie zu vergessen?“
Er sah sie an.
„Nicht immer.“
Sie wurde ernst.
„Das klingt, als sprächet Ihr aus eigener Erfahrung.“
Titus verspürte einen kurzen Stich. Er hätte ausweichen können. Er hätte eine unverbindliche Bemerkung machen können. Stattdessen antwortete er:
„Vielleicht tue ich das.“
Sie drängte ihn nicht. Sie fragte nicht nach.Sie betrachtete ihn nur einen Augenblick mit einem Ausdruck, den Titus nicht kannte. Es war kein Mitleid. Auch keine bloße Neugier. Es war Verständnis. Oder zumindest der Versuch, ihn zu verstehen. Und das berührte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte.
Eine unerwartete Vertrautheit
Das Gespräch entwickelte sich beinahe von selbst. Sie sprachen über griechische Philosophen, über die Bedeutung von Bildung und über die Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern.
Titus stellte fest, dass die junge Frau nicht nur schön, sondern außerordentlich gebildet war. Sie kannte die Werke, über die sie sprach. Sie konnte eigene Gedanken formulieren. Und sie besaß den Mut, ihm höflich zu widersprechen. Das gefiel ihm. Mehr noch. Es faszinierte ihn. Er hatte in seinem Leben viele Frauen kennengelernt, deren Schönheit von ihren Familien bei jeder gesellschaftlichen Gelegenheit hervorgehoben wurde.
Doch häufig hatte er das Gefühl gehabt, dass man von ihnen vor allem erwartete, hübsch auszusehen und angenehme Gespräche zu führen. Diese junge Frau war anders. Sie wollte verstehen. Sie wollte lernen. Und sie erwartete offenbar, dass man sie als Gesprächspartnerin ernst nahm. Titus bemerkte, wie sehr er ihre Gegenwart genoss. Er wollte, dass das Gespräch weiterging. Er wollte ihre Gedanken kennenlernen. Und irgendwann vielleicht auch ihre Träume. Dieser letzte Gedanke überraschte ihn. Seit wann interessierten ihn die Träume eines anderen Menschen? Er betrachtete sie. Sie hatte den Kopf leicht geneigt und hörte ihm aufmerksam zu. Ihre Augen waren lebendig. Ihr Lächeln warm. Titus empfand plötzlich einen Wunsch, der ihm fremd geworden war. Er wollte ihr gefallen. Nicht wegen seines Namens. Nicht wegen seines Vermögens.
Nicht wegen seiner gesellschaftlichen Stellung. Sondern einfach als Mensch.
Ein Name für die Schönheit
Erst nach einiger Zeit fiel Titus auf, dass sie sich noch immer nicht vorgestellt hatten. Er ärgerte sich über seine Nachlässigkeit.
„Verzeiht meine Unhöflichkeit. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“
Er verneigte sich leicht.
„Titus Aurelius Romanus.“
Sie lächelte.
„Claudia Calvina.“
Titus wiederholte den Namen in Gedanken. Claudia Calvina. Endlich wusste er, wer sie war. Die Gens Claudia. Eine der ältesten und angesehensten Familien Roms. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Die Villa auf dem Esquilin. Ihre elegante Kleidung. Ihre Bildung. Die selbstverständliche Sicherheit, mit der sie sich bewegte.
„Dann gehört Ihr zur Familie, deren Villa am Nordwesthang des Esquilin liegt?“
Sie sah ihn überrascht an.
„Ja. Kennt Ihr unser Anwesen?“
Titus spürte erneut jene ungewohnte Unsicherheit. Jetzt konnte er nicht länger so tun, als sei diese Begegnung vollkommen zufällig. Er musste entscheiden, ob er ihr von jenem Augenblick erzählen wollte.
„Ich bin vor einigen Tagen dort vorbeigekommen“, antwortete er.
Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Tatsächlich?“
„Ja.“
Er hielt ihrem Blick stand.
„Und ich glaube, Euch dort gesehen zu haben.“
Claudia senkte für einen Augenblick die Augen. Titus befürchtete bereits, zu weit gegangen zu sein. Doch dann sah sie ihn wieder an.
„Ich erinnere mich.“
Er spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Ihr erinnert Euch?“
Sie nickte.
„Ja.“
Dann lächelte sie.
„Ihr wart nicht allein.“
Titus war verblüfft. Sie hatte ihn tatsächlich bemerkt. Nicht nur flüchtig. Sie erinnerte sich sogar an seine Begleiter.
„Das stimmt“, antwortete er. „Ich war mit zwei vertrauten Menschen unterwegs.“
„Einer Frau und einem Mann.“
„Ja.“
Titus konnte seine Freude kaum verbergen. Sie hatte ihn wiedererkannt. Er war ihr also nicht völlig gleichgültig gewesen.Vielleicht hatte sie sogar ebenso an ihn gedacht wie er an sie. Er wagte nicht, diese Hoffnung weiterzudenken. Noch nicht.
Ein Gefühl, das keinen Namen brauchte
Titus bemerkte, dass er Calvina ansah, ohne etwas zu sagen. Er zwang sich, den Blick kurz abzuwenden. Doch sie schien seine Verlegenheit nicht unangenehm zu finden. Im Gegenteil. Sie lächelte.
„Dann ist es wohl ein bemerkenswerter Zufall, dass wir uns hier wiedersehen.“
Titus nickte.
„Ein sehr angenehmer Zufall.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, fragte er sich, ob sie zu persönlich gewesen waren. Claudia antwortete jedoch:
„Das finde ich ebenfalls.“
Titus empfand eine Wärme, die sich nicht mehr unterdrücken ließ. Er war glücklich. Einfach glücklich. Und das war für ihn etwas Außergewöhnliches. Er dachte an seine Kindheit. An die langen Jahre, in denen er gelernt hatte, niemandem zu vertrauen. An die sorgfältig errichteten Mauern, hinter denen er seine Gefühle verborgen hielt. Nun stand er vor einer jungen Frau, die diese Mauern nicht einmal kannte. Und dennoch hatte sie in wenigen Augenblicken etwas erreicht, das anderen Menschen in vielen Jahren nicht gelungen war. Sie hatte ihn zum Lächeln gebracht, ohne dass er darüber nachdenken musste. Sie hatte ihn neugierig gemacht. Nicht auf ein Geheimnis. Nicht auf eine Intrige. Sondern auf einen Menschen. Titus wusste nicht, ob man das bereits Liebe nennen durfte. Er kannte Claudia kaum. Er wusste nichts über ihre Wünsche, ihre Ängste oder ihre familiären Verpflichtungen. Aber er wusste, dass er sie wiedersehen wollte. Und dass ihm dieser Wunsch wichtiger erschien, als er vernünftigerweise sein sollte.
Der Abschied
Die Zeit war schneller vergangen, als Titus bemerkt hatte. Schließlich nahm Claudia die Schriftrolle fester in die Hand.
„Ich fürchte, ich muss mich verabschieden.“
Titus empfand eine unmittelbare Enttäuschung. Er verbarg sie.
„Natürlich.“
Sie lächelte.
„Ich danke Euch für Eure Hilfe.“
„Es war mir eine Freude.“
Er zögerte. Sollte er sie nach einem Wiedersehen fragen? Wäre das zu aufdringlich? Er wollte nicht den Eindruck erwecken, die zufällige Begegnung ausnutzen zu wollen. Doch bevor er sich entscheiden konnte, fragte Calvina:
„Besucht Ihr diese Bibliothek häufiger?“
Titus spürte, wie sein Herz einen freudigen Sprung machte.
„Wann immer meine Verpflichtungen es erlauben.“
„Dann begegnen wir uns vielleicht wieder.“
Er lächelte.
„Das würde mich sehr freuen.“
Claudia sah ihn an.
„Mich ebenfalls.“
Für einen Augenblick standen sie schweigend voreinander. Titus hatte das Gefühl, dass sie beide noch etwas sagen wollten. Etwas, das über die gewöhnlichen Höflichkeiten hinausging. Aber keiner sprach es aus.
Schließlich verneigte er sich.
„Vale, Claudia Calvina.“
Sie erwiderte seine Verabschiedung.
„Vale, Titus Aurelius Romanus.“
Dann wandte sie sich ab. Titus sah ihr nach. Er beobachtete, wie sie durch den Säulengang ging. Kurz vor dem Ausgang drehte sie sich noch einmal um. Ihre Blicke begegneten sich. Claudia lächelte. Titus erwiderte das Lächeln. Dann war sie verschwunden. Er blieb stehen. Lange. Viel länger, als es notwendig gewesen wäre.
Ein Mann, der nicht mehr derselbe war
Als Titus schließlich zu seinem Lesetisch zurückkehrte, lag die juristische Abhandlung noch immer geöffnet vor ihm. Er setzte sich. Nahm den Griffel. Versuchte, seine Arbeit fortzusetzen. Doch nach wenigen Augenblicken musste er aufgeben. Er konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder erschien vor seinem inneren Auge das Gesicht Claudia Calvinas. Er hörte ihre Stimme. Er erinnerte sich an ihre Fragen. An ihre Berührung. Und an ihr Lächeln beim Abschied. Titus lehnte sich zurück. Was geschieht nur mit mir? Er hatte geglaubt, seine Gefühle längst unter Kontrolle zu haben. Er hatte gelernt, seine Wünsche zu verbergen. Er hatte sich eingeredet, dass die Vernunft stets über dem Herzen stehen müsse. Doch nun genügte der Gedanke an eine junge Frau, um all diese Überzeugungen ins Wanken zu bringen. Er erinnerte sich an die Worte seines Lehrers Sokrates. Dieser hatte ihm einst erklärt, dass die größte Herausforderung des Menschen nicht darin bestehe, andere zu beherrschen. Sondern sich selbst zu erkennen. Titus hatte damals geglaubt, diese Aufgabe bereits verstanden zu haben. Nun musste er feststellen, dass er sich selbst weit weniger kannte, als er angenommen hatte. Er wusste, was er wollte. Er wollte Calvina wiedersehen. Er wollte erneut mit ihr sprechen. Er wollte erfahren, was sie bewegte. Und er wollte herausfinden, ob das Lächeln, das sie ihm geschenkt hatte, tatsächlich mehr bedeutete als bloße Höflichkeit. Zum ersten Mal seit langer Zeit war seine Zukunft nicht ausschließlich von Pflichten, Ermittlungen und familiären Erwartungen bestimmt. Es gab einen neuen Gedanken. Eine neue Hoffnung. Und einen Namen. Claudia Calvina.
Die Rückkehr in die Villa Aurelia
Als Titus am späten Nachmittag die Villa Aurelia erreichte, bemerkte Selina seine veränderte Stimmung sofort. Sie stand im Peristylgarten und beobachtete, wie er durch den Säulengang trat.
„Du bist ungewöhnlich guter Laune.“
Titus blieb stehen.
„Bin ich das?“
„Ja.“
Er lächelte.
„Vielleicht war mein Besuch in der Bibliothek erfolgreicher als erwartet.“
Selina betrachtete ihn aufmerksam.
„Hast du die gesuchten Unterlagen gefunden?“
„Einige.“
„Und sonst?“
Titus sah sie an.
„Was meinst du?“
Selina verschränkte die Arme.
„Du lächelst.“
„Das soll gelegentlich vorkommen.“
„Bei dir nicht ohne Grund.“
In diesem Augenblick erschien Massad. Er trug einen Becher Wein und betrachtete Titus mit unverhohlener Neugier.
„Was ist geschehen?“
„Nichts.“
Massad grinste.
„Dann muss es etwas sehr Erfreuliches gewesen sein.“
Titus schüttelte den Kopf.
„Ihr beide seid unerträglich.“
„Und du bist verliebt“, erwiderte Massad.
Titus erstarrte. Selina hob überrascht die Augenbrauen. Massad lachte.
„Bei allen Göttern! Ich habe recht!“
„Du weißt überhaupt nichts.“
„Das stimmt. Aber dein Gesicht erzählt mehr, als du offenbar beabsichtigst.“
Titus wollte etwas erwidern. Doch er fand keine überzeugende Antwort. Selina betrachtete ihn eine Weile. Dann fragte sie leise:
„Die junge Frau vom Esquilin?“
Titus sah sie an. Seine Überraschung verriet ihn endgültig. Massad schlug sich vor Vergnügen auf den Oberschenkel.
„Ich wusste es!“
Titus seufzte.
„Ihr werdet mich damit vermutlich noch wochenlang verfolgen.“
„Nur wenn du uns ihren Namen nicht verrätst“, erwiderte Massad.
Titus schwieg einen Augenblick. Dann sagte er:
„Claudia Calvina.“
Selina wurde ernst.
„Aus der Gens Claudia?“
„Ja.“
Massad pfiff leise.
„Dann hast du dir eine bemerkenswerte Schönheit ausgesucht.“
Titus betrachtete ihn.
„Ich habe mir niemanden ausgesucht.“
Massad grinste.
„Natürlich nicht.“
Selina lächelte.
„Und wie habt ihr euch kennengelernt?“
Titus blickte hinaus in den Garten.
„Durch Zufall. In der Bibliotheca Annaea.“
Er schwieg kurz. Dann fügte er hinzu:
„Sie suchte eine Schriftrolle des Plutarch.“
Massad starrte ihn an.
„Du hast dich also tatsächlich in einer Bibliothek verliebt.“
Titus musste lachen. Zum ersten Mal an diesem Tag sprach er das Wort aus, das ihn seit seiner Begegnung beschäftigte.
„Vielleicht.“
Selina betrachtete ihn lange. Dann lächelte sie. Es war ein seltenes, warmes Lächeln.
„Dann hoffe ich, dass sie dir guttut, Titus.“
Er sah sie an. In ihrer Stimme lag keine Belustigung. Nur ehrliche Zuneigung.
„Das hoffe ich ebenfalls.“
Die Nacht der Erkenntnis
Später saß Titus allein in seinem Arbeitszimmer. Die alten Unterlagen des Lucius Cassius Varro lagen vor ihm. Die geheimnisvollen Zeichen. Die sieben Namen. Die Verbindung zu Gaius Septimius Largus. All jene Fragen, die ihn seit Wochen beschäftigten. Doch an diesem Abend wollte er nicht arbeiten. Er trat ans Fenster. Über den Gärten der Villa Aurelia lag die Dunkelheit. Ein leichter Wind bewegte die Zypressen. In der Ferne schimmerten die Lichter Roms. Irgendwo in dieser gewaltigen Stadt befand sich Claudia Calvina. Vielleicht saß sie in ihren Gemächern. Vielleicht las sie inzwischen die Abhandlung des Plutarch. Vielleicht dachte sie an das Gespräch in der Bibliothek. Vielleicht dachte sie sogar an ihn. Titus lächelte bei dieser Vorstellung. Dann wurde er nachdenklich. Er hatte sein Leben lang geglaubt, dass Stärke darin bestehe, niemandem die Macht zu geben, ihn verletzen zu können. Er hatte sich gegen Enttäuschungen geschützt, indem er nur wenige Menschen wirklich an sich heranließ. Selina. Massad. Sein alter Freund Faustus. Und einst sein Lehrer Sokrates.
Mehr Menschen hatte er kaum vertraut. Nun aber verspürte er den Wunsch, einer jungen Frau näherzukommen, deren Leben er erst an diesem Tag wirklich berührt hatte. Das machte ihn verwundbar. Er wusste es.
Vielleicht würde Claudia seine Gefühle nicht erwidern. Vielleicht würde ihre Familie andere Pläne für sie haben. Vielleicht würde sich herausstellen, dass sie nicht zueinanderpassten. All diese Möglichkeiten waren ihm bewusst. Und dennoch empfand er keine Reue. Er hatte Calvina kennengelernt. Er hatte ihr Lächeln gesehen. Er hatte ihre Stimme gehört. Und sie hatte sich an ihn erinnert. Das genügte, um ihm Hoffnung zu geben. Titus kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Er nahm eine kleine Wachstafel.
Langsam schrieb er:
CLAUDIA CALVINA.
Darunter setzte er:
AMOR PRIMO CONSPECTU?
Liebe auf den ersten Blick?
Er betrachtete die Worte lange.
Dann strich er mit dem Griffel über das Fragezeichen. Er zögerte. Schließlich ließ er es stehen. Noch wusste er nicht, ob das, was er empfand, tatsächlich Liebe war. Vielleicht war es nur die erste Begeisterung.
Vielleicht die Sehnsucht eines Mannes, der sich jahrelang vor seinen eigenen Gefühlen verborgen hatte. Oder vielleicht war es der Anfang von etwas, das sein Leben für immer verändern würde. Titus legte den Griffel nieder. Er löschte die Lampe. Doch bevor er das Arbeitszimmer verließ, nahm er die Wachstafel noch einmal in die Hand. Er lächelte.
„Claudia Calvina“, flüsterte er.
Es war ein schöner Name. Und er hoffte von ganzem Herzen, ihn bald wieder aussprechen zu dürfen.
EPILOG – COR INCIPIT LOQUI
Das Herz beginnt zu sprechen In jener Nacht schlief Titus Aurelius Romanus besser als in den vergangenen Wochen. Nicht, weil die Geheimnisse um Lucius Cassius Varro gelöst waren. Nicht, weil die Gefahren verschwunden wären, die sich langsam um seine Ermittlungen zusammenzogen. Sondern weil er zum ersten Mal seit langer Zeit etwas empfand, das mit all diesen Dingen nichts zu tun hatte.
Hoffnung. Er träumte nicht von falschen Namen, verschwundenen Dokumenten oder den dunklen Machenschaften unbekannter Männer. Er träumte von einer Bibliothek. Von hohen Säulen. Von Schriftrollen.
Und von einer jungen Frau mit dunkelblondem Haar, die ihn anlächelte. Claudia Calvina. Er hatte sie durch Zufall wiedergefunden. Doch er war entschlossen, eine weitere Begegnung nicht allein dem Zufall zu überlassen. Noch wusste Titus nicht, welchen Platz Claudia eines Tages in seinem Leben einnehmen würde. Er wusste nicht, dass diese Begegnung in der Bibliotheca Annaea der Beginn einer Geschichte sein konnte, die weit über eine flüchtige Schwärmerei hinausging. Aber eines wusste er. Er wollte diesen Menschen wiedersehen. Nicht, weil er ihre Schönheit bewunderte, sondern weil er in ihrer Gegenwart für einen kurzen Augenblick vergessen hatte, weshalb er sein Herz so lange verschlossen gehalten hatte. Und während über Rom die Nacht hereinbrach, begann Titus Aurelius Romanus zu begreifen, dass ein Mensch nicht jede Schlacht mit einem Schwert gewinnen musste. Manche Schlachten wurden im eigenen Herzen geschlagen. Und manchmal bestand der größte Mut darin, sich auf einen anderen Menschen einzulassen.