VIGILLIA IN RHENO POST LIMES IN GERMANIA EXTERNA (Die Wacht am Rhein hinter dem Limes im fremden Germanien)

  • 584-speculatores-im-einsatz



    Der neue Vorposten

    Germania Superior – Im Grenzgebiet jenseits des Rhenus

    Der Befehl zur Auflösung

    586-zeltlager-speculatores


    Faustus Iunius Rupa stand vor dem Eingang des alten Vorpostens und betrachtete die hölzernen Befestigungen, die ihm während der vergangenen Monate beinahe zur Heimat geworden waren.

    Der Morgen war kühl. Feuchtigkeit lag über dem Waldboden, und zwischen den hohen Bäumen hingen noch die letzten Nebelschwaden. Aus der kleinen Feuerstelle neben dem Mannschaftsgebäude stieg dünner Rauch auf. Dreißig Soldaten hatten hier ihren Dienst versehen. Dreißig Männer der Exploratio Imperii, deren Aufgabe darin bestanden hatte, die Bewegungen der germanischen Stämme zu beobachten, Nachrichten zu sammeln und ungewöhnliche Entwicklungen an die übergeordneten Dienststellen der Legio XXII Primigenia in Mogontiacum zu melden. Faustus kannte jeden einzelnen dieser Männer. Er kannte ihre Fähigkeiten, ihre Schwächen und ihre Eigenheiten. Er wusste, wer bei Regen schlechte Laune bekam, wer zu viel redete und auf welchen Mann er sich verlassen konnte, wenn es gefährlich wurde. Nun sollte dieser Vorposten aufgelöst werden. Der entsprechende Befehl war am Vortag eingetroffen. Die kleine Anlage genügte den Anforderungen nicht mehr. Ihre Gebäude waren zu eng, die Vorräte konnten nur unzureichend gelagert werden, und die zunehmenden Beobachtungsaufgaben machten eine Verstärkung der Besatzung notwendig. Die Entscheidung war in Mogontiacum gefallen. Die Exploratio Imperii sollte einen neuen, größeren Vorposten erhalten.

    Vierzig Soldaten. Nicht mehr. Nicht weniger. Faustus hatte den Befehl mehrfach gelesen. Die zusätzliche Mannschaftsstärke war willkommen. Dennoch gefiel ihm die Entwicklung nicht. Nicht wegen der Römer. Wegen der Germanen. Seit einiger Zeit verhielten sie sich anders. Nicht feindselig. Nicht aggressiv. Ganz im Gegenteil. Sie schienen auffallend friedlich geworden zu sein. Und genau das bereitete Faustus Sorgen.

    Das ungute Gefühl

    „Du siehst aus, als hätte dir jemand schlechten Wein verkauft.“

    Faustus drehte sich um. Lucan stand hinter ihm und hielt eine hölzerne Schreibtafel in der Hand.

    „Schlechter Wein wäre mir lieber“, antwortete Faustus.

    Lucan grinste.

    „Dann ist es also wieder dein Gefühl.“

    Faustus schwieg. Lucan kannte ihn gut genug, um zu wissen, wann ihn etwas beschäftigte.

    „Die Germanen?“, fragte er schließlich.

    Faustus nickte.

    „Sie verhalten sich merkwürdig.“

    „Sie greifen uns nicht an. Sie bedrohen unsere Patrouillen nicht. Sie lassen unsere Händler in Ruhe. Was willst du mehr?“

    „Genau das ist es.“

    Lucan runzelte die Stirn.

    „Dass sie friedlich sind?“

    „Dass sie uns beobachten.“

    „Das haben sie schon immer getan.“

    „Nicht so.“

    Faustus trat einige Schritte auf den freien Platz vor dem Vorposten.

    „Früher verschwanden sie zwischen den Bäumen, wenn sie unsere Männer bemerkten. Sie beobachteten aus der Entfernung. Manchmal folgten sie unseren Patrouillen, ohne sich zu zeigen.“

    „Und jetzt?“

    „Jetzt sitzen sie am Wegesrand und schauen uns an.“

    Lucan lachte.

    „Eine schreckliche Bedrohung.“

    Faustus blieb ernst.

    „Sie grüßen unsere Soldaten. Sie treiben Vieh an den Wegen entlang. Sie stehen auf den Märkten und betrachten unsere Ausrüstung, als wären wir eine wandernde Schaustellertruppe.“

    „Vielleicht gewöhnen sie sich an uns.“

    „Vielleicht.“

    Faustus sprach das Wort langsam aus. Er hatte keine Beweise für eine feindliche Absicht. Keine Meldung über eine Zusammenziehung bewaffneter Krieger. Keine Hinweise auf geplante Überfälle. Keine Angriffe auf Händler oder römische Reisende. Und dennoch hatte er das Gefühl, dass sich etwas veränderte. Er konnte es nicht erklären. Das ärgerte ihn. Faustus vertraute gewöhnlich auf Beobachtungen, nicht auf Ahnungen.

    Sein eigener Leitsatz lautete schließlich: Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun. Doch was taten die Germanen? Sie verhielten sich friedlich. Sie gingen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach.

    Und sie beobachteten die Römer. Ganz offen.

    „Vielleicht“, sagte Faustus schließlich, „ist es gerade das, was mich beunruhigt.“

    Lucan betrachtete ihn fragend.

    „Was?“

    „Dass ich keinen Grund finde, ihnen zu misstrauen.“

    Die vierzig Männer

    Noch am selben Vormittag ließ Faustus die gesamte Besatzung antreten. Die dreißig bisherigen Soldaten standen in zwei Reihen auf dem kleinen Exerzierplatz. Neben ihnen warteten zehn neu eingetroffene Männer aus Mogontiacum. Es waren überwiegend erfahrene Legionäre, die bereits im Grenzdienst gestanden hatten. Einige kannten die germanischen Gebiete aus früheren Einsätzen. Andere waren mit der Sicherung von Verkehrswegen und der Durchführung längerer Beobachtungsaufträge vertraut. Faustus musterte die Männer aufmerksam. Dann trat er vor die Formation.

    „Milites!“

    Die Gespräche verstummten.

    „Unser bisheriger Vorposten wird aufgelöst. An seiner Stelle errichten wir eine neue Anlage, die künftig vierzig Mann aufnehmen wird.“

    Er ließ seinen Blick über die Reihen schweifen.

    „Ich will eines von Anfang an klarstellen.“

    Seine Stimme wurde fester.

    „Wir sind keine Angriffstruppe.“

    Einige der neu eingetroffenen Soldaten blickten auf.

    „Wir haben nicht den Auftrag, germanische Siedlungen zu überfallen, Krieger zu verfolgen oder Streitigkeiten mit den Bewohnern dieses Landes zu beginnen.“

    Faustus machte eine kurze Pause.

    „Unsere Aufgabe lautet weiterhin: beobachten.“

    Er hob die rechte Hand.

    „Beobachten. Feststellen. Melden.“

    Dann fuhr er fort:

    „Wir sollen wissen, was in unserem Einsatzgebiet geschieht. Welche Wege benutzt werden. Ob sich größere Gruppen bewegen. Ob neue Siedlungen entstehen. Ob ungewöhnliche Veränderungen auftreten.“

    Er sah die Männer ernst an.

    „Aber wir werden keine feindlichen Absichten unterstellen, solange wir dafür keine Anhaltspunkte besitzen.“

    Ein Soldat hob die Hand.

    „Biarchus, was geschieht, wenn uns Germanen folgen?“

    „Dann lasst sie folgen, solange sie friedlich bleiben und die Sicherheit der Abteilung nicht gefährden.“

    „Und wenn sie uns offen beobachten?“

    „Dann dürfen sie das.“

    Ein leises Murmeln ging durch die Reihen. Faustus hob die Stimme.

    „Ich wiederhole: Ein Germane, der uns ansieht, ist kein Feind.“

    Er ließ die Worte wirken.

    „Ein Mann, der seine Rinder hütet, ist kein Feind. Ein Jäger, der aus dem Wald kommt, ist kein Feind. Und ein Händler, der unsere Soldaten neugierig betrachtet, ist ebenfalls kein Feind.“

    Sein Gesicht wurde ernst.

    „Wir werden uns gegenüber diesen Menschen anständig verhalten.“

    Er ging langsam an der ersten Reihe entlang.

    „Keine Beleidigungen. Keine unnötigen Drohungen. Keine Gewalt gegen Unbewaffnete. Niemand zieht sein Schwert, nur weil ihm ein Germane zu lange in die Augen sieht.“

    Einige Männer lächelten. Faustus blieb stehen.

    „Wenn sie friedlich sind, bleiben wir friedlich.“

    Dann fügte er hinzu:

    „Sollten sie uns tatsächlich angreifen, werden wir uns selbstverständlich verteidigen. Aber ich werde keinen Mann dulden, der durch Leichtsinn einen Kampf provoziert.“

    Er trat zurück.

    „Ist das verstanden?“

    „Ita, Biarchus!“

    Vierzig Stimmen antworteten gleichzeitig. Faustus nickte.

    „Gut. Dann beginnen wir mit der Arbeit.“

    Der Standort des neuen Vorpostens

    Der neue Vorposten sollte nicht weit vom bisherigen Standort entstehen. Faustus hatte das Gelände bereits mehrfach untersucht. Etwas weiter südlich befand sich eine leicht erhöhte Fläche, die von einem schmalen Bach begrenzt wurde. Der Boden war vergleichsweise trocken, und ein vorhandener Weg ermöglichte die Versorgung mit Wagen. Der Standort besaß mehrere Vorteile. Er bot genügend Platz für zusätzliche Mannschaftsunterkünfte, Vorratsräume und einen kleinen Verwaltungsbereich. Zugleich lag er nahe genug an den bisherigen Beobachtungswegen, sodass die Soldaten ihre gewohnten Aufgaben ohne größere Veränderungen fortsetzen konnten. Faustus wollte keine mächtige Festung errichten. Ein solcher Bau hätte den Germanen möglicherweise den Eindruck vermittelt, Rom bereite eine größere militärische Unternehmung vor. Stattdessen plante er eine zweckmäßige, befestigte Anlage. Ein Erdwall mit hölzerner Palisade sollte die Unterkünfte schützen. Ein einfacher Graben würde die Zugänge sichern. Zwei kleine Wachplattformen sollten einen Überblick über das unmittelbare Gelände ermöglichen. Im Inneren waren Mannschaftsunterkünfte, ein Magazin, ein Raum für Ausrüstung und ein kleiner Arbeitsbereich vorgesehen, in dem Meldungen geschrieben und Karten verwahrt werden konnten. Faustus betrachtete die Zeichnung, die der zuständige Vermesser auf einer Wachstafel angefertigt hatte.

    „Keine unnötigen Türme“, sagte er.

    Der Vermesser nickte.

    „Und keine Befestigungen, die aussehen, als wollten wir von hier aus ein ganzes Stammesgebiet unterwerfen.“

    „Verstanden, Biarchus.“

    „Der Vorposten soll vierzig Männer aufnehmen können. Er soll sicher sein, aber nicht bedrohlicher wirken als notwendig.“

    Lucan, der neben ihm stand, betrachtete die Zeichnung.

    „Du willst, dass die Germanen den Bau sehen.“

    „Natürlich werden sie ihn sehen.“

    „Und du willst sie nicht daran hindern?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Weshalb sollten wir?“

    Er deutete auf den Plan.

    „Wir bauen einen neuen Vorposten. Das ist kein Geheimnis.“

    Dann blickte er zu Lucan.

    „Was wir dort besprechen, welche Nachrichten wir erhalten und welche Schlüsse wir daraus ziehen, geht sie allerdings nichts an.“

    Die Auflösung des alten Vorpostens

    Die nächsten Tage waren von Arbeit geprägt. Zunächst wurden die Vorräte gezählt. Getreide, Salz, Öl, Trockenfleisch und andere Lebensmittel mussten in den neuen Vorposten gebracht werden. Anschließend folgten Werkzeuge, Waffen, Ersatzteile und persönliche Ausrüstungsgegenstände. Die Schriftrollen und Wachstafeln aus dem kleinen Verwaltungsraum ließ Faustus persönlich überprüfen. Er wollte nicht, dass wichtige Aufzeichnungen verloren gingen. Besonders die Berichte über germanische Bewegungen sollten vollständig erhalten bleiben. Einige Soldaten begannen damit, nicht mehr benötigte Einrichtungen abzubauen.

    Andere bereiteten die neue Anlage vor. Die Arbeiten wurden so organisiert, dass die Beobachtung des Umlandes nicht unterbrochen wurde. Faustus bestand darauf.

    „Nur weil wir unsere Unterkunft wechseln, werden die Germanen nicht aufhören, ihren täglichen Beschäftigungen nachzugehen“, erklärte er Lucan.

    „Und wir werden nicht aufhören, sie zu beobachten.“

    Lucan nickte.

    „Wie viele Männer bleiben bis zum Schluss hier?“

    „Genügend, um die alte Anlage zu sichern und die letzten Vorräte zu übernehmen.“

    „Und die Patrouillen?“

    „Laufen weiter.“

    Faustus betrachtete die Männer, die gerade schwere Holzbalken auf einen Wagen luden.

    „Ich will keinen einzigen Tag, an dem wir nicht wissen, was in unserem gewöhnlichen Beobachtungsgebiet geschieht.“

    Lucan machte eine entsprechende Notiz. Dann fragte er:

    „Und wenn die Germanen uns beim Umzug beobachten?“

    Faustus lächelte schwach.

    „Dann haben sie wenigstens etwas Interessantes zu sehen.“

    Die Germanen am Waldrand

    Am dritten Tag der Arbeiten bemerkte ein Wachposten zwei Männer am Rand des südlichen Weges. Es waren Germanen. Einer führte ein kleines Pferd, auf dessen Rücken mehrere Bündel befestigt waren. Der andere trug einen Korb und einen langen Wanderstab. Sie blieben stehen und betrachteten die römischen Soldaten, die Holz und Ausrüstung transportierten. Der Wachposten meldete die Beobachtung. Faustus ließ sich den Standort zeigen. Von einer kleinen Anhöhe aus konnte er die beiden Männer erkennen. Sie standen vollkommen ruhig. Keiner trug einen Speer. Keiner zeigte eine feindselige Geste. Der ältere der beiden Germanen hob sogar die Hand, als er bemerkte, dass die Römer zu ihm hinübersahen. Lucan trat neben Faustus.

    „Da sind sie wieder.“

    „Ich sehe sie.“

    „Soll ich zwei Männer hinschicken?“

    „Wozu?“

    „Um zu fragen, was sie wollen.“

    Faustus betrachtete die beiden Gestalten.

    „Sie stehen auf einem Weg.“

    „Und beobachten unseren Bau.“

    „Das dürfen sie.“

    Lucan verschränkte die Arme.

    „Du hast selbst gesagt, dass dir ihr Verhalten nicht gefällt.“

    „Das habe ich.“

    „Und trotzdem willst du nichts unternehmen?“

    Faustus wandte den Kopf.

    „Was soll ich unternehmen? Zwei friedliche Männer festnehmen, weil sie Augen besitzen?“

    Lucan schwieg.

    „Nein“, fuhr Faustus fort. „Solange sie sich friedlich verhalten, werden wir ihnen keinen Anlass geben, etwas anderes von uns zu erwarten.“

    Er sah wieder zu den Germanen.

    „Aber ich möchte wissen, ob sie häufiger hier vorbeikommen.“

    „Soll ich sie beobachten lassen?“

    „Nur im Rahmen unserer gewöhnlichen Aufgaben. Keine Verfolgung. Keine Provokation.“

    Lucan nickte.

    „Verstanden.“

    Faustus blieb noch eine Weile stehen. Die beiden Germanen unterhielten sich miteinander. Dann setzten sie ihren Weg fort. Sie blickten nicht mehr zurück. Faustus folgte ihnen mit den Augen, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden. Ein merkwürdiges Gefühl blieb zurück. Es war keine Angst. Auch keine unmittelbare Warnung vor Gefahr. Eher das Empfinden, dass er ein Geschehen beobachtete, dessen eigentliche Bedeutung ihm verborgen blieb.

    Ein Gespräch über Misstrauen

    Am Abend saßen Faustus und Lucan vor dem provisorischen Verwaltungsraum. Auf dem Tisch lagen mehrere Berichte der vergangenen Tage. Lucan nahm eine Wachstafel zur Hand.

    „Keine Angriffe. Keine Drohungen. Keine ungewöhnlichen Waffenbewegungen.“

    Faustus nickte.

    „Das ist erfreulich.“

    „Die Händler berichten ebenfalls von ruhigen Verhältnissen.“

    „Gut.“

    „Und unsere Patrouillen melden, dass die Germanen freundlich grüßen.“

    Faustus sah auf.

    „Du willst auf etwas hinaus.“

    Lucan lächelte.

    „Ich frage mich nur, weshalb du noch immer so unzufrieden aussiehst.“

    Faustus lehnte sich zurück.

    „Weil ich nicht weiß, was ich davon halten soll.“

    „Vielleicht gibt es nichts, was du davon halten musst.“

    „Vielleicht.“

    Lucan betrachtete ihn nachdenklich.

    „Du hast in den vergangenen Wochen genug mit falschen Namen, verschwundenen Männern und rätselhaften Nachrichten zu tun gehabt. Vielleicht siehst du inzwischen hinter jedem Baum ein Geheimnis.“

    Faustus antwortete nicht sofort. Er dachte an Aquae Mattiacorum. An den Mann, der sich Marcus Vettius genannt hatte. An Aulus Sergius Falco. An den eisernen Schlüssel. Und an die sieben Namen auf jener Liste, von denen vier angeblich zu Toten gehörten. NON OMNES MORTUI SUNT. Nicht alle sind tot. Die Worte hatten sich seinem Gedächtnis eingeprägt. Doch er wusste ebenso gut, dass diese Vorgänge nicht ohne Beweise mit dem Verhalten der Germanen in Verbindung gebracht werden durften.

    „Du könntest recht haben“, sagte er schließlich.

    Lucan hob überrascht die Augenbrauen.

    „Das höre ich selten.“

    Faustus lächelte.

    „Gewöhn dich nicht daran.“

    Dann wurde er wieder ernst.

    „Ich habe keine Beweise dafür, dass die Germanen etwas gegen uns planen. Also werde ich auch nicht so handeln, als hätten wir solche Beweise.“

    Lucan nickte.

    „Aber du wirst sie weiterhin beobachten.“

    „Ja.“

    „Auch wenn sie friedlich bleiben?“

    „Gerade dann.“

    Lucan schwieg einen Augenblick.

    „Du traust ihnen nicht.“

    Faustus betrachtete das Licht der kleinen Öllampe.

    „Ich traue ihnen nicht genug, um unaufmerksam zu werden.“

    Er hob den Kopf.

    „Aber ich misstraue ihnen auch nicht genug, um sie ungerecht zu behandeln.“

    Die neue Besatzung

    Nach mehreren Tagen waren die wichtigsten Gebäude des neuen Vorpostens bezugsfertig. Die Anlage war größer als ihr Vorgänger, blieb aber eine überschaubare militärische Einrichtung. Vierzig Soldaten bildeten nun die vollständige Besatzung der Exploratio Imperii. Faustus ließ die Männer erneut antreten. Vor ihnen standen die neuen Unterkünfte. Im Hintergrund erhoben sich die hölzernen Palisaden, und über dem Tor befand sich eine einfache Wachplattform. Der Biarchus trat vor seine Soldaten.

    „Milites!“

    Die Männer nahmen Haltung an.

    „Mit dem heutigen Tag ist der alte Vorposten außer Dienst gestellt. Unsere Aufgaben werden von dieser Anlage aus fortgesetzt.“

    Er ließ seinen Blick über die Reihen schweifen.

    „Unsere Besatzung besteht aus vierzig Mann. Das bedeutet mehr Möglichkeiten, längere Beobachtungen und eine bessere Ablösung der einzelnen Gruppen.“

    Dann hob er die Stimme.

    „Aber es bedeutet keine Änderung unseres Auftrags.“

    Er wartete einen Augenblick.

    „Wir sind hier, um zu beobachten.“

    Ein Windstoß bewegte die kleinen Stoffstreifen an den Speeren einiger Soldaten.

    „Wir werden keine germanischen Dörfer angreifen. Wir werden keine Menschen ohne Anlass festsetzen. Wir werden keine Auseinandersetzungen beginnen, nur um unsere Stärke zu zeigen.“

    Faustus ging langsam vor der Formation entlang.

    „Die Germanen haben sich in den vergangenen Wochen friedlich verhalten. Solange das so bleibt, werden wir ihnen mit derselben Friedfertigkeit begegnen.“

    Er blieb stehen.

    „Ich erwarte von jedem Mann Disziplin.“

    Dann fügte er hinzu:

    „Wer einen friedlichen Germanen beleidigt, bedroht oder misshandelt, wird sich vor mir verantworten müssen.“

    Seine Stimme wurde schärfer.

    „Und glaubt mir: Ihr wollt euch nicht wegen einer solchen Dummheit vor mir verantworten müssen.“

    Einige Männer unterdrückten ein Lächeln. Faustus ließ es geschehen. Dann sagte er:

    „Vergesst niemals, weshalb wir hier sind. Nicht jeder Mann, der uns beobachtet, ist ein Feind. Nicht jeder Fremde, der uns freundlich begegnet, ist ein Freund.“

    Er hob die rechte Hand.

    „Unsere Aufgabe ist es, den Unterschied zu erkennen.“

    Die erste Nacht im neuen Vorposten

    Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, kehrte Ruhe ein. Die Männer bezogen ihre Unterkünfte. Die Wachen nahmen ihre Plätze ein. Im Verwaltungsraum brannte noch eine Lampe. Faustus saß allein an seinem Tisch. Vor ihm lag der erste Bericht des neuen Vorpostens. Er hatte die Personalstärke, die Versorgungslage und die abgeschlossenen Bauarbeiten vermerkt. Dann begann er mit dem Abschnitt über die Lage im germanischen Gebiet. Er schrieb langsam: Die einheimische Bevölkerung zeigt weiterhin kein feindseliges Verhalten. Begegnungen zwischen römischen Soldaten und Germanen verlaufen überwiegend friedlich. Mehrfach wurden einzelne Germanen beobachtet, die unsere Patrouillen und Arbeiten offen betrachteten, ohne sich zu verbergen oder eine Bedrohung erkennen zu lassen. Faustus hielt inne. Er las die Worte noch einmal.

    Dann schrieb er weiter:

    Es liegen derzeit keine hinreichenden Anhaltspunkte für feindliche Vorbereitungen vor. Die Beobachtung wird fortgesetzt. Provokationen gegenüber der einheimischen Bevölkerung sind ausdrücklich untersagt.

    Er legte den Griffel nieder.

    Der Bericht war sachlich.

    Korrekt.

    Und entsprach genau dem, was seine Männer festgestellt hatten.

    Trotzdem war Faustus unzufrieden.

    Er konnte nicht sagen, weshalb.

    Schließlich stand er auf und trat vor die Tür. Die Nacht war still. Von den Wachplattformen aus blickten die Soldaten über die dunklen Wälder. Irgendwo dort draußen lagen die germanischen Siedlungen. Vielleicht saßen ihre Bewohner jetzt ebenfalls an ihren Feuerstellen. Vielleicht sprachen sie über die Römer. Vielleicht betrachteten sie den neuen Vorposten als eine belanglose Veränderung. Oder vielleicht bedeutete er ihnen mehr, als Faustus ahnte. Er wusste es nicht. Und er hasste es, etwas nicht zu wissen.

    Der Schatten einer Ahnung

    Lucan trat aus dem Mannschaftsgebäude.

    „Du solltest schlafen.“

    Faustus blickte nicht auf.

    „Später.“

    Lucan stellte sich neben ihn.

    Gemeinsam betrachteten sie den dunklen Wald.

    „Der neue Vorposten ist fertig“, sagte Lucan.

    „Ja.“

    „Vierzig Männer. Gute Vorräte. Sichere Unterkünfte. Die Beobachtung läuft.“

    „Ja.“

    „Dann könntest du eigentlich zufrieden sein.“

    Faustus lächelte schwach.

    „Eigentlich.“

    Lucan schwieg. Nach einer Weile fragte er:

    „Was glaubst du, was dort draußen geschieht?“

    Faustus betrachtete die Baumkronen, die sich dunkel gegen den Himmel abhoben.

    „Ich weiß es nicht.“

    „Aber du glaubst, dass etwas geschieht.“

    Faustus antwortete erst nach einigen Augenblicken.

    „Ich habe das Gefühl, dass die Germanen etwas verstanden haben, was wir noch nicht verstehen.“

    Lucan sah ihn an.

    „Was denn?“

    „Vielleicht gar nichts.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Vielleicht sind sie einfach klüger geworden. Vielleicht haben sie erkannt, dass friedliches Verhalten ihnen mehr nützt als Streit mit unseren Patrouillen.“

    „Das wäre doch gut.“

    „Ja.“

    Faustus nickte langsam.

    „Das wäre sehr gut.“

    Dann wandte er sich seinem Kameraden zu.

    „Aber solange ich nicht weiß, was hinter dieser Veränderung steht, werde ich aufmerksam bleiben.“

    Lucan lächelte.

    „Also beobachten wir weiter.“

    „Genau.“

    „Und bleiben friedlich.“

    „Solange sie friedlich bleiben.“

    Faustus betrachtete noch einmal den dunklen Wald. Dann sprach er leise, beinahe zu sich selbst:

    „Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun.“

    Lucan nickte.

    „Und was tun die Germanen?“

    Faustus schwieg einen Augenblick.

    Dann antwortete er:

    „Sie beobachten uns.“

    „Genau wie wir sie.“

    „Ja.“

    Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

    „Genau wie wir sie.“

    EPILOG – DUO OCULI IN SILVA

    Zwei Augen im Wald Am folgenden Morgen verließ eine kleine römische Beobachtungsgruppe den neuen Vorposten. Die Soldaten bewegten sich auf einem bekannten Weg, der an mehreren Weideflächen vorbeiführte. Nicht weit entfernt saßen zwei Germanen unter einer großen Eiche. Sie hatten die Römer schon früh bemerkt. Als die Soldaten näher kamen, hob einer der Männer die Hand. Der römische Patrouillenführer erwiderte den Gruß. Niemand sprach ein Wort. Niemand zog eine Waffe. Die Römer gingen weiter. Die Germanen blieben sitzen. Später würden beide Seiten über die Begegnung berichten.

    Die Römer würden festhalten, dass die Germanen friedlich gewesen waren. Die Germanen würden Dankwart erzählen, dass die römischen Soldaten sie unbehelligt gelassen hatten. Und Dankwart würde diese Nachricht seinem Vater Markwart überbringen. Zwei Männer, die einander nicht gut kannten, hatten damit beinahe dieselbe Entscheidung getroffen. Markwart wollte die Römer beobachten, ohne sie zu provozieren. Faustus wollte die Germanen beobachten, ohne sie zu bedrohen.

    Beide wollten Frieden.

    Beide wollten ihre Leute schützen. Und beide wussten, dass sie die Absichten der anderen Seite nicht vollständig kannten. Noch war zwischen ihnen kein Krieg.

    Noch gab es keinen Anlass, die Waffen zu erheben. Aber auf beiden Seiten der Grenze hielten Männer ihre Augen offen. Und irgendwo zwischen den dunklen Wäldern Germaniens und den befestigten römischen Vorposten entstand eine eigentümliche Form des gegenseitigen Misstrauens. Nicht aus Hass. Nicht aus Feindschaft. Sondern aus Vorsicht.

    Faustus Iunius Rupa konnte nicht wissen, dass ein germanischer Stammesführer namens Markwart seinen Männern nahezu dieselben Anweisungen gegeben hatte wie er selbst.

    Und Markwart ahnte nicht, dass der römische Biarchus im neuen Vorposten saß und über genau dieselben Fragen nachdachte.

    Zwei Männer. Zwei Völker. Zwei Beobachter.





  • 634-speculatores-der-exploratio-imperii


    Das erste Gespräch


    Der Morgen am römischen Vorposten

    Der Morgen begann mit einem dünnen Nebelschleier, der zwischen den Bäumen hing und die niedrigen Hügel des Grenzgebietes in ein fahles Licht tauchte. Feuchtigkeit lag auf den Gräsern, und aus den umliegenden Wäldern drangen die ersten Rufe der Vögel.Faustus Iunius Rupa stand vor dem Eingang des neuen römischen Vorpostens und betrachtete die Landschaft. Seit mehreren Tagen hatte er die Berichte seiner Kundschafter sorgfältig ausgewertet. Immer wieder tauchten darin Hinweise auf germanische Männer auf, die sich in der Nähe römischer Patrouillen aufhielten. Sie versteckten sich nicht. Sie trugen keine auffälligen Waffen. Sie bedrohten niemanden. Und dennoch beobachteten sie die römischen Soldaten mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit. Faustus hatte zunächst vermutet, dass es sich um gewöhnliche Bauern und Viehhirten handelte. Doch die Häufigkeit dieser Begegnungen ließ ihn inzwischen daran zweifeln. Es war kein Zufall mehr. Jemand hatte diesen Männern offenbar Anweisungen gegeben. Neben ihm erschien einer seiner erfahrenen Speculatores.

    „Biarchus, die Männer sind bereit.“

    Faustus nickte.

    „Wie viele?“

    „Sechs, wie befohlen.“

    „Gut. Keine vollständige Gefechtsausrüstung. Wir unternehmen heute keinen Vorstoß gegen feindliches Gebiet.“

    Der Soldat betrachtete ihn fragend.

    „Was unternehmen wir dann?“

    Faustus blickte zum Wald.

    „Wir gehen spazieren.“

    Der Speculator lächelte.

    „Mit sechs bewaffneten Männern?“

    „In Germanien ist das eine vernünftige Anzahl für einen Spaziergang.“

    Dann wurde Faustus ernst.

    „Ich will wissen, weshalb uns diese Germanen beobachten. Und ich möchte es herausfinden, ohne dass irgendjemand dabei verletzt wird.“

    Wenig später verließ die kleine Gruppe den Vorposten. Faustus ging an der Spitze. Seine Männer folgten in lockerer Ordnung. Keiner hatte den Auftrag, einen Germanen festzunehmen oder zu bedrohen. Es war eine Erkundung. Und vielleicht, so hoffte Faustus, die Gelegenheit zu einem Gespräch.

    Dankwart erhält eine Nachricht

    Zur selben Zeit befand sich Dankwart im befestigten Dorf seines Vaters Markwart. Er stand auf der hölzernen Plattform über dem südlichen Tor und betrachtete die Wege, die zwischen den Feldern und Weiden in Richtung des Waldes führten. Seit der Versammlung der Stammeshäuptlinge hatte sich die Stimmung in der Gemeinschaft verändert. Die meisten Männer waren mit Markwarts vorsichtigem Vorgehen einverstanden. Doch nicht alle. Besonders die jüngeren Krieger sprachen immer häufiger darüber, ob die Römer eines Tages versuchen würden, die germanischen Siedlungen ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Dankwart verstand diese Sorgen. Er teilte manche davon.Aber er hatte inzwischen gelernt, dass die bloße Anwesenheit römischer Soldaten noch keinen Angriff bedeutete. Ein junger Germane näherte sich dem Tor.

    „Dankwart!“

    „Was gibt es?“

    „Unsere Männer haben wieder Römer gesehen.“

    Dankwart wandte sich um.

    „Wo?“

    „Am südlichen Waldweg. Sie kommen aus Richtung ihres neuen Vorpostens.“

    „Wie viele?“

    „Sieben.“

    „Ein gewöhnlicher Streifzug?“

    „Vielleicht. Aber einer der Männer scheint die anderen zu führen.“

    Dankwart überlegte.

    „Hat er etwas getan?“

    „Nein. Sie gehen langsam und betrachten die Wege.“

    „Dann werden wir sie ebenfalls betrachten.“

    Der junge Mann grinste.

    „Wie dein Vater es befohlen hat?“

    „Genau so.“

    Dankwart stieg von der Plattform.

    „Sattle mein Pferd. Und sag Wulfgar, dass er mitkommen soll.“

    Zwei Gruppen auf demselben Weg

    Die Sonne stand bereits höher, als Faustus und seine Männer einen schmalen Waldweg erreichten, der sich zwischen alten Eichen und Buchen hindurchzog. Der Boden war weich, stellenweise von Wurzeln durchzogen. Links des Weges öffnete sich eine kleine Lichtung. Einige Rinder grasten zwischen niedrigen Sträuchern. Faustus blieb stehen. Am Rand der Lichtung saßen zwei germanische Männer. Sie betrachteten die Römer. Einer hob die Hand. Faustus erwiderte den Gruß.

    „Schon wieder“, murmelte einer seiner Soldaten.

    Faustus blickte ihn an.

    „Was?“

    „Diese Germanen. Sie sitzen immer irgendwo und sehen uns zu.“

    „Vielleicht finden sie uns interessant.“

    „Oder sie zählen unsere Männer.“

    Faustus lächelte.

    „Dann haben sie heute keine schwierige Aufgabe.“

    Er setzte seinen Weg fort.

    Wenige Augenblicke später bemerkte einer der Speculatores eine Bewegung zwischen den Bäumen.

    „Biarchus.“

    Faustus blieb stehen.

    „Was ist?“

    „Reiter.“

    Zwischen den Stämmen erschienen drei germanische Männer. Sie kamen langsam näher. Keiner hatte eine Waffe gezogen. Der vorderste Reiter war jung, kräftig gebaut und trug einen dunklen Wollmantel über einer einfachen Tunika. Sein langes Haar war im Nacken zusammengebunden. An seiner Seite hing ein Schwert. Faustus betrachtete ihn aufmerksam. Der junge Mann saß aufrecht im Sattel und zeigte keine Unsicherheit. Auch seine beiden Begleiter wirkten ruhig. Das war keine zufällige Begegnung. Faustus hob die Hand. Seine Soldaten blieben stehen. Der germanische Reiter tat dasselbe. Für einen Augenblick betrachteten sich beide Gruppen schweigend. Dann stieg der junge Germane vom Pferd.

    Die erste Begrüßung

    Dankwart übergab die Zügel seines Pferdes an Wulfgar und trat einige Schritte vor. Faustus blieb stehen. Zwischen ihnen lagen kaum zehn Schritte. Dankwart sprach zuerst.

    „Seid gegrüßt, Römer.“

    Sein Latein war verständlich, wenn auch von einem deutlichen germanischen Akzent geprägt. Faustus antwortete in derselben Sprache.

    „Sei auch du gegrüßt.“

    Dankwart betrachtete die römischen Soldaten.

    „Ihr seid weit von euren Mauern entfernt.“

    Faustus lächelte schwach.

    „Nicht weiter, als wir gehen können.“

    Ein kurzes Lächeln erschien auf Dankwarts Gesicht.

    „Eine kluge Antwort.“

    „Ich hoffe es.“

    Dankwart trat einen Schritt näher.

    „Ich bin Dankwart, Sohn des Markwart.“

    Faustus bemerkte, wie einer seiner Soldaten den Kopf hob. Der Name Markwart war ihm aus den Berichten bekannt. Der Anführer einer größeren befestigten Siedlung. Ein Mann, über den seine Kundschafter bereits mehrfach Nachrichten gesammelt hatten. Faustus erwiderte ruhig:

    „Faustus Iunius Rupa. Biarchus der römischen Exploratio.“

    Dankwart wiederholte den Namen langsam.

    „Faustus Iunius Rupa.“

    „Ja.“

    „Ihr führt die Männer im neuen Vorposten?“

    „Einen Teil davon.“

    Dankwart nickte.

    „Dann seid Ihr also der Römer, der unsere Wege so aufmerksam betrachtet.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Und du bist offenbar der Germane, der dafür sorgt, dass wir dabei beobachtet werden.“

    Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann lachte Dankwart. Faustus lächelte ebenfalls. Die Anspannung zwischen den beiden Gruppen ließ etwas nach.

    Über Grenzen und Freiheit

    Dankwart deutete auf einen umgestürzten Baumstamm am Rand des Weges.

    „Wollt Ihr Euch setzen?“

    Faustus betrachtete den Platz.

    Dann nickte er.

    „Warum nicht?“

    Er gab seinen Soldaten ein Zeichen, zurückzubleiben. Dankwart bedeutete Wulfgar und seinem zweiten Begleiter, ebenfalls Abstand zu halten. Die beiden Männer setzten sich.

    Eine Weile schwiegen sie. Schließlich begann Dankwart.

    „Mein Vater sagt, dass die Römer unsere Wege beobachten, weil sie wissen wollen, wer hier lebt.“

    Faustus nickte.

    „Das ist nicht ganz falsch.“

    „Und weshalb wollt Ihr das wissen?“

    „Weil wir unsere Soldaten schützen müssen.“

    Dankwart sah ihn an.

    „Vor uns?“

    „Vor Gefahren.“

    „Sind wir eine Gefahr?“

    Faustus überlegte einen Augenblick.

    „Das weiß ich noch nicht.“

    Dankwart runzelte die Stirn.

    „Eine merkwürdige Antwort.“

    „Aber eine ehrliche.“

    Der junge Germane betrachtete ihn nachdenklich.

    Faustus fuhr fort.

    „Ich weiß, dass eure Leute hier leben. Dass ihr Felder bestellt, Vieh haltet und Handel treibt. Ich weiß auch, dass ihr Krieger habt.“

    „Natürlich haben wir Krieger.“

    „Das bezweifle ich nicht.“

    „Jeder freie Mann muss seine Familie verteidigen können.“

    Faustus nickte.

    „Das verstehe ich.“

    Dankwart beugte sich vor.

    „Aber weshalb errichten die Römer immer neue Befestigungen? Weshalb bauen sie Straßen und schicken Soldaten in die Wälder?“

    Faustus blickte zwischen die Bäume.

    „Weil Rom seine Grenzen sichern will.“

    „Eure Grenzen.“

    „Ja.“

    Dankwart schüttelte langsam den Kopf.

    „Und wer entscheidet, wo diese Grenzen liegen?“

    Faustus sah ihn an.

    „Das ist eine Frage, über die in Rom Männer entscheiden, die weit über mir stehen.“

    „Dann weißt du es nicht?“

    „Ich weiß, wo meine Befehle gelten.“

    Dankwart lächelte schwach.

    „Aber nicht, wo eure Kaiser eines Tages ihre Grenzen haben wollen.“

    Faustus schwieg einen Augenblick.

    Dann antwortete er:

    „Nein. Das weiß ich nicht.“

    Dankwart nickte.

    „Siehst du? Genau deshalb beobachten wir euch.“

    Faustus betrachtete den jungen Germanen.

    „Dann haben wir offenbar denselben Grund.“

    Der Schatten der Vergangenheit

    Faustus nahm einen kleinen Stein vom Boden und drehte ihn zwischen den Fingern.

    „Du weißt, dass es zwischen Römern und Germanen schon viele Kriege gegeben hat.“

    Dankwart nickte.

    „Unsere Alten erzählen davon.“

    „Und was erzählen sie?“

    „Dass die Römer mächtig sind. Dass sie große Heere besitzen. Dass sie aber auch besiegt werden können.“

    Faustus lächelte kaum merklich.

    „Das stimmt.“

    Dankwart betrachtete ihn überrascht.

    „Du gibst das zu?“

    „Warum sollte ich etwas bestreiten, das jeder weiß?“

    „Manche Römer sprechen, als könnten ihre Legionen niemals verlieren.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Dann haben diese Männer wahrscheinlich noch nicht genügend Schlachten gesehen.“

    Dankwart schwieg.

    Faustus fuhr fort.

    „Ein Soldat, der glaubt, unbesiegbar zu sein, wird leichtsinnig.“

    „Und ein Krieger, der seine Feinde unterschätzt, wird sterben“, ergänzte Dankwart.

    Faustus nickte.

    „Genau.“

    Die beiden Männer betrachteten einander. Zum ersten Mal entstand zwischen ihnen etwas, das über bloße Höflichkeit hinausging. Nicht Freundschaft. Noch nicht. Aber gegenseitiger Respekt.

    Markwarts Name

    Nach einer Weile fragte Faustus:

    „Dein Vater führt eine größere Gemeinschaft?“

    Dankwart nickte.

    „Ja.“

    „Man sagt, euer Dorf sei gut befestigt.“

    „Das ist es.“

    „Weshalb?“

    Dankwart lächelte.

    „Weil wir unsere Familien schützen wollen.“

    Faustus erwiderte das Lächeln.

    „Eine Antwort, die ich erwartet habe.“

    „Und ist sie falsch?“

    „Nein.“

    Dankwart wurde ernst.

    „Mein Vater hat keinen Krieg mit Rom begonnen. Er will auch keinen.“

    Faustus betrachtete ihn aufmerksam.

    „Das ist gut zu hören.“

    „Aber er wird niemals zulassen, dass fremde Soldaten über unser Dorf bestimmen.“

    „Das verlangt derzeit niemand von ihm.“

    „Derzeit.“

    Faustus nickte langsam.

    „Ja. Derzeit.“

    Dankwart bemerkte die Vorsicht in seiner Antwort.

    „Du versprichst also nichts.“

    „Ich kann nur für meine eigenen Entscheidungen sprechen.“

    Der junge Germane schwieg.

    Dann sagte er:

    „Mein Vater würde dich wahrscheinlich mögen.“

    Faustus lachte leise.

    „Warum?“

    „Weil du keine Versprechen machst, die du nicht halten kannst.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Dann ist dein Vater offenbar ein vernünftiger Mann.“

    Dankwart lächelte.

    „Das sagt er selbst auch.“

    Beide lachten.

    Die Einladung

    Die Sonne hatte inzwischen ihren höchsten Stand überschritten.

    Faustus erhob sich.

    „Wir sollten zurückkehren.“

    Dankwart stand ebenfalls auf.

    „Ich auch.“

    Einen Augenblick schwiegen beide.

    Dann sagte Dankwart:

    „Mein Vater würde vielleicht mit dir sprechen wollen.“

    Faustus sah ihn überrascht an.

    „Mit mir?“

    „Ja.“

    „In eurem Dorf?“

    Dankwart überlegte.

    „Vielleicht zunächst an einem anderen Ort.“

    Faustus nickte.

    „Das wäre vernünftig.“

    Dankwart betrachtete ihn aufmerksam.

    „Du würdest kommen?“

    „Wenn dein Vater ein Gespräch wünscht und wir einen sicheren Ort vereinbaren können.“

    „Ohne viele Soldaten?“

    „Ohne viele Krieger auf beiden Seiten.“

    Dankwart lächelte.

    „Du verhandelst bereits.“

    „Das gehört manchmal zu meinem Beruf.“

    Dankwart streckte ihm die Hand entgegen. Faustus betrachtete sie einen kurzen Augenblick. Dann ergriff er sie. Der Händedruck war fest.

    „Dann werde ich meinem Vater von dir erzählen“, sagte Dankwart.

    „Und ich werde meinen Männern berichten, dass wir heute einen vernünftigen Germanen getroffen haben.“

    Dankwart lachte.

    „Nur einen?“

    Faustus blickte zu Wulfgar und dem anderen Begleiter.

    „Die beiden kenne ich noch nicht gut genug.“

    Wulfgar, der genug Latein verstand, um den Scherz zu begreifen, grinste.

    Zwei Berichte über dieselbe Begegnung

    Als Faustus am späten Nachmittag in den Vorposten zurückkehrte, ließ er sich eine Wachstafel bringen. Er diktierte einen kurzen Bericht. Begegnung mit drei germanischen Männern am südlichen Waldweg. Einer identifizierte sich als Dankwart, Sohn des Stammesführers Markwart. Keine feindseligen Handlungen. Gespräch über die Bewegungen römischer Patrouillen und die Sicherheit der örtlichen Siedlungen. Der Germane zeigte sich ruhig, aufmerksam und gesprächsbereit. Möglichkeit eines weiteren Kontaktes mit seinem Vater. Keine besonderen Vorkommnisse. Faustus betrachtete die letzten Worte. Keine besonderen Vorkommnisse. Er lächelte. Vielleicht war das nicht ganz richtig. Denn die Begegnung hatte ihm etwas gezeigt, das in keinem gewöhnlichen Patrouillenbericht stand. Auf der anderen Seite der Grenze lebten Männer, die ähnliche Sorgen hatten wie er selbst. Männer, die ihre Familien schützen wollten. Männer, die ihre Freiheit bewahren wollten. Und Männer, die bereit waren, zunächst zu sprechen. Zur selben Zeit erreichte Dankwart das Dorf seines Vaters. Markwart erwartete ihn vor dem Langhaus.

    „Du bist spät zurück.“

    „Ich habe einen Römer getroffen.“

    Markwart hob den Kopf.

    „Einen Soldaten?“

    „Einen Anführer.“

    „Was für einen Anführer?“

    „Er nennt sich Faustus Iunius Rupa. Biarchus der Exploratio.“

    Markwart wurde aufmerksam.

    „Der Mann aus dem neuen Vorposten?“

    „Ja.“

    „Hat er dich bedroht?“

    „Nein.“

    „Hat er versucht, etwas über unsere Krieger herauszufinden?“

    Dankwart überlegte.

    „Er hat Fragen gestellt.“

    Markwart lächelte.

    „Natürlich hat er das.“

    „Aber ich habe ebenfalls Fragen gestellt.“

    „Und?“

    Dankwart setzte sich auf die Bank neben seinem Vater.

    „Er ist anders, als ich erwartet hatte.“

    Markwart betrachtete ihn.

    „Inwiefern?“

    „Er hört zu. Er spricht ruhig. Und er behauptet nicht, alles zu wissen.“

    Markwart schwieg. Dankwart fuhr fort.

    „Ich glaube, er will tatsächlich keinen Krieg mit uns.“

    „Glauben ist nicht wissen.“

    „Das hat er beinahe genauso gesagt.“

    Markwart lächelte.

    „Dann sollten wir uns vielleicht kennenlernen.“

    Dankwart nickte.

    „Ich habe ihm gesagt, dass du möglicherweise mit ihm sprechen möchtest.“

    Markwart betrachtete seinen Sohn lange.

    „Und was hat er geantwortet?“

    „Dass er kommen würde, wenn wir einen sicheren Ort vereinbaren.“

    Der alte Stammesführer stand auf. Er ging langsam zur Tür und betrachtete den Dorfplatz. Kinder spielten zwischen den Langhäusern. Frauen trugen Wasser von einem Brunnen. Aus der Schmiede erklangen die regelmäßigen Hammerschläge. Schließlich sagte Markwart:

    „Dann werden wir einen Ort finden.“

    Das Misstrauen bleibt

    Am Abend saß Faustus allein in seinem kleinen Arbeitsraum. Vor ihm lagen die Berichte seiner Kundschafter. Er dachte an Dankwart. Der junge Germane war mutig gewesen, aber nicht überheblich. Er hatte Fragen gestellt, ohne zu drohen. Und er hatte offen ausgesprochen, was viele seiner Landsleute vermutlich dachten. Die Römer waren mächtig. Vielleicht zu mächtig.

    Und niemand konnte sicher wissen, ob ihre Grenzen eines Tages weiter nach Osten verschoben werden sollten. Faustus verstand diese Sorge. Er wusste zugleich, dass seine eigenen Männer ähnliche Befürchtungen hegten. Sie sahen germanische Krieger, befestigte Dörfer und unbekannte Stammesbündnisse. Sie wussten nicht, ob aus diesen Gemeinschaften eines Tages ein Heer entstehen würde. Faustus legte die Wachstafel beiseite. Ein Gedanke ließ ihn nicht los. Vielleicht bestand die größte Gefahr nicht darin, dass Römer und Germanen einander hassten. Vielleicht bestand sie darin, dass beide Seiten zu wenig voneinander wussten. Und dass sie ihre Unwissenheit irgendwann mit Waffen beantworten würden. Er stand auf und trat vor die Tür. Die Nacht senkte sich über den Vorposten. Jenseits der Palisaden begann der dunkle Wald. Irgendwo dort lebte Dankwart. Und irgendwo hinter diesen Bäumen lag das befestigte Dorf seines Vaters. Faustus wusste nicht, ob er Markwart jemals vertrauen konnte. Aber er war bereit, mit ihm zu sprechen.

    EPILOG – INTER DUOS MUNDOS

    Zwischen zwei Welten In jener Nacht saßen zwei Männer an verschiedenen Feuern. Faustus Iunius Rupa im römischen Vorposten. Markwart in seinem germanischen Langhaus. Beide dachten über dieselbe Begegnung nach. Faustus fragte sich, ob Markwart tatsächlich ein friedlicher Stammesführer war oder lediglich ein geschickter Mann, der seine wahren Absichten verbarg. Markwart fragte sich, ob Faustus wirklich nur seine Soldaten schützen wollte oder ob er bereits Vorbereitungen für eine größere römische Unternehmung traf. Keiner kannte die Antwort. Und dennoch hatten beide einen ersten Schritt getan. Nicht durch einen Vertrag. Nicht durch einen Eid. Nicht durch ein Bündnis. Sondern durch ein Gespräch, das Dankwart und Faustus an einem gewöhnlichen Waldweg geführt hatten. Noch wussten sie nicht, dass unter den germanischen Stammesführern Männer lebten, die einen Krieg mit Rom herbeisehnten.

    Noch wussten sie nicht, welche politischen Entscheidungen eines Tages in Mogontiacum oder gar in Rom getroffen werden würden. Und noch ahnten sie nicht, wie schnell ein einzelner Zwischenfall den mühsam bewahrten Frieden zerstören konnte. Aber an diesem Tag war etwas geschehen, das weder die römischen Soldaten noch die germanischen Krieger erwartet hatten. Zwei Männer hatten einander zugehört. Und ein dritter, Markwart, war bereit, dasselbe zu tun. Drei Männer. Zwei Völker. Eine Grenze. Und die vorsichtige Hoffnung, dass Worte vielleicht erreichen konnten, wozu Waffen niemals imstande waren.

  • 582-speculatores-im-einsatz

    Der Schatten des Krieges

    PARS PRIMA – FAUSTUS IUNIUS RUPA: Die römischen Beobachtungsposten melden ungewöhnliche Bewegungen germanischer Krieger. Faustus versucht, die Absichten der Stammesführer zu verstehen, während aus Mogontiacum neue Anweisungen eintreffen. Zwischen militärischer Pflichterfüllung und seinem Wunsch, einen unnötigen Konflikt zu verhindern, gerät er zunehmend unter Druck.

    Die Augen Roms

    DER MORGEN IM VORPOSTEN

    Der Morgennebel lag schwer über den Wäldern östlich des römischen Grenzgebietes. Zwischen den hohen Buchen und Eichen drang nur wenig Licht auf den feuchten Waldboden. Der Geruch von Moos, nassem Holz und kalter Asche erfüllte die Luft. Im römischen Vorposten begann der Tag lange vor Sonnenaufgang. Die vierzig Soldaten, die Faustus Iunius Rupa unterstanden, hatten sich inzwischen an das Leben jenseits der befestigten Grenzanlagen gewöhnt. Der kleine Stützpunkt bestand aus mehreren hölzernen Gebäuden, einem Vorratsraum, einer Unterkunft für die Wachmannschaften und einem bescheidenen Kommandoraum. Ein Erdwall mit einer hölzernen Palisade umgab das Lager. Zwei erhöhte Beobachtungsstände ermöglichten den Blick auf die unmittelbar angrenzenden Waldwege. Die Anlage war nicht für eine längere Belagerung ausgelegt. Sie sollte beobachten. Melden. Und im Notfall rechtzeitig den Rückzug ermöglichen. Faustus hatte diese Grundsätze seinen Männern mehrfach eingeschärft. Niemand durfte ohne ausdrücklichen Befehl einen germanischen Siedlungsplatz betreten. Bewaffnete Zusammenstöße waren nach Möglichkeit zu vermeiden. Die Kundschafter sollten ihre Beobachtungen unauffällig durchführen und keine unnötigen Provokationen verursachen.

    Doch seit der Begegnung mit Dankwart hatte sich die Lage verändert. Zum ersten Mal hatte ein Angehöriger eines benachbarten Stammes freiwillig mit einem römischen Offizier gesprochen. Nicht als Gefangener. Nicht als Unterhändler nach einer Niederlage. Sondern als freier Mann, der wissen wollte, weshalb römische Soldaten in der Nähe seines Dorfes erschienen waren. Faustus erinnerte sich an das Gespräch. Dankwart hatte aufmerksam zugehört, aber keineswegs unterwürfig gewirkt. Er hatte Fragen gestellt, die zeigten, dass er die Absichten Roms nicht einfach hinnehmen wollte. Vor allem hatte er deutlich gemacht, dass sein Vater Markwart die Anwesenheit römischer Soldaten mit wachsender Sorge betrachtete.

    Faustus konnte das verstehen. Für die Bewohner des Grenzlandes waren römische Soldaten nicht nur Männer in Rüstung. Sie waren Vertreter eines Reiches, dessen Macht weit über die Grenzen ihrer eigenen Stammesgebiete hinausreichte. Ein Reich, das Straßen baute, Kastelle errichtete, Verträge schloss und gelegentlich ganze Völker unterwarf. Faustus wusste, dass selbst ein kleiner römischer Beobachtungsposten deshalb Misstrauen hervorrufen musste. Er stand vor dem Eingang des Kommandoraumes, als sich einer seiner Kundschafter näherte.

    „Biarchus.“

    Faustus wandte sich um.

    „Was gibt es?“

    „Unsere Männer sind zurück.“

    „Alle?“

    „Ja. Aber sie haben etwas beobachtet.“

    Faustus folgte dem Soldaten in den Kommandoraum.

    DIE BEWEGUNGEN IM WALD

    Auf einem groben Holztisch lag eine Wachstafel mit den bisherigen Beobachtungen. Daneben befand sich eine einfache Skizze des umliegenden Gebietes.

    Faustus hatte die wichtigsten Wege, Wasserläufe und Siedlungen eintragen lassen. Auch das Dorf Markwarts war verzeichnet, allerdings nur mit einer ungefähren Lageangabe.

    Zwei Kundschafter standen vor dem Tisch. Der ältere von ihnen, Marcus Flavius Celer, begann seinen Bericht.

    „Wir haben gestern gegen die neunte Stunde eine Gruppe bewaffneter Germanen beobachtet.“

    „Wie viele?“

    „Ungefähr dreißig.“

    Faustus runzelte die Stirn.

    „Aus welcher Richtung kamen sie?“

    Celer deutete auf die Karte.

    „Von Nordosten. Sie folgten einem alten Waldweg, der in Richtung der Siedlungen am oberen Bachlauf führt.“

    „Habt ihr sie erkannt?“

    „Nein. Ihre Schilde trugen unterschiedliche Zeichen. Es könnte sich um Männer mehrerer Siedlungen gehandelt haben.“

    Faustus dachte nach.

    „Waren sie auf dem Weg zu Markwarts Dorf?“

    „Möglicherweise.“

    „Haben sie euch bemerkt?“

    „Nicht, soweit wir feststellen konnten.“

    Der zweite Kundschafter ergänzte:

    „Wir haben außerdem Spuren weiterer Gruppen gefunden. Pferdehufe und zahlreiche Fußabdrücke.“

    „Wie alt?“

    „Nicht älter als zwei Tage.“

    Faustus betrachtete die Skizze. Dreißig bewaffnete Männer waren für sich genommen keine ungewöhnliche Erscheinung. Germanische Stammesführer reisten häufig mit bewaffneten Gefolgsleuten. Versammlungen, Streitigkeiten zwischen Sippen oder gemeinsame Jagden konnten größere Gruppen zusammenführen. Doch die gleichzeitige Bewegung mehrerer solcher Gruppen musste untersucht werden.

    „Habt ihr Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff entdeckt?“

    „Nein, Biarchus.“

    „Waffenlager?“

    „Nein.“

    „Vorbereitete Sammelplätze?“

    „Ebenfalls nicht.“

    Faustus nickte.

    „Dann werden wir vorerst auch nicht von einem bevorstehenden Angriff sprechen.“

    Celer sah ihn überrascht an.

    „Aber die Bewegungen sind ungewöhnlich.“

    „Ungewöhnlich bedeutet nicht feindlich.“

    Er blickte die beiden Männer ernst an.

    „Wir sind hier, um Tatsachen zu sammeln. Nicht, um aus jeder Beobachtung eine Bedrohung zu machen.“

    Die Kundschafter salutierten. Faustus gab ihnen den Auftrag, die betreffenden Wege weiterhin zu beobachten. Doch eine Anweisung fügte er ausdrücklich hinzu.

    „Keine Annäherung an bewaffnete Gruppen. Keine Verfolgung bis in ihre Dörfer. Und vor allem keine eigenmächtigen Festnahmen.“

    „Verstanden, Biarchus.“

    Als die Männer gegangen waren, blieb Faustus allein zurück. Er betrachtete die Karte. Wenn Markwart tatsächlich eine Versammlung benachbarter Häuptlinge vorbereitete, konnte das zwei Bedeutungen haben. Entweder wollte er die anderen Stammesführer über seine Begegnung mit den Römern informieren. Oder er suchte Unterstützung für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Vorposten. Faustus wusste nicht, welche Möglichkeit zutraf. Und gerade diese Ungewissheit bereitete ihm Sorgen.

    DIE NACHRICHT AUS MOGONTIACUM

    Gegen Mittag traf ein kleiner berittener Trupp aus Richtung der römischen Grenzanlagen ein. An seiner Spitze ritt ein erfahrener Unteroffizier der Legio XXII Primigenia.

    Er überbrachte ein versiegeltes Schreiben aus Mogontiacum. Faustus erkannte das Dienstsiegel sofort. Die Nachricht stammte aus dem militärischen Führungsbereich des Legionslagers.

    Er öffnete das Schreiben und begann zu lesen. Der Inhalt war knapp, aber eindeutig. Die Führung verlangte einen ausführlichen Bericht über die jüngsten Kontakte zu germanischen Stammesangehörigen. Besonders sollten die Identität der beteiligten Personen, die Stärke der benachbarten Siedlungen und mögliche politische Verbindungen zwischen den Häuptlingen untersucht werden. Außerdem wurde Faustus angewiesen, ungewöhnliche Bewegungen bewaffneter Gruppen unverzüglich zu melden. Der letzte Abschnitt erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Eine eigenmächtige Ausweitung militärischer Unternehmungen über den bestehenden Beobachtungsauftrag hinaus ist nicht gestattet. Gleichzeitig sind alle Maßnahmen zu treffen, die erforderlich erscheinen, um die Sicherheit der eingesetzten Soldaten zu gewährleisten.

    Faustus las den Satz zweimal. Die Anweisung war typisch für die römische Militärverwaltung. Er sollte keinen Konflikt auslösen. Aber er war für die Sicherheit seiner Männer verantwortlich.

    Sollte etwas geschehen, würde man später fragen, ob er rechtzeitig gehandelt hatte. Er setzte sich an den Tisch. Dann begann er seinen Bericht. Zunächst beschrieb er die Begegnung mit Dankwart. Er hielt fest, dass der junge Germane weder feindselig noch unterwürfig aufgetreten war. Dankwart hatte die Anwesenheit der Römer kritisch hinterfragt, zugleich aber Bereitschaft zu weiteren Gesprächen erkennen lassen. Faustus fügte hinzu, dass Markwart offenbar eine einflussreiche Stellung innerhalb seiner Siedlung innehatte.

    Über dessen Beziehungen zu anderen Stammesführern lagen bislang keine gesicherten Erkenntnisse vor. Dann beschrieb er die jüngsten Bewegungen bewaffneter Gruppen.

    Er vermied bewusst jede Formulierung, die einen unmittelbar bevorstehenden Angriff vermuten ließ. Am Ende seines Berichtes schrieb er: Die gegenwärtige Lage ist angespannt, jedoch nicht offen feindlich. Nach meiner Einschätzung besteht weiterhin die Möglichkeit, durch begrenzte und kontrollierte Kontakte zu den örtlichen Führungspersonen eine Eskalation zu vermeiden. Faustus legte das Schreibrohr beiseite. Er wusste, dass diese Einschätzung nicht überall Zustimmung finden würde. Manche Offiziere betrachteten jede selbstbewusste Haltung germanischer Stammesführer als Zeichen einer möglichen Rebellion. Andere hielten militärische Stärke für das einzige Mittel, um die Grenze dauerhaft zu sichern.

    Faustus teilte diese Auffassung nicht uneingeschränkt. Er hatte genügend Gewalt gesehen, um zu wissen, dass ein militärischer Sieg nicht zwangsläufig einen dauerhaften Frieden bedeutete.

    DIE BERATUNG DER OFFIZIERE

    Am Abend versammelte Faustus die erfahrensten Männer des Vorpostens. Neben Celer nahmen zwei Unteroffiziere und der für die Versorgung verantwortliche Soldat an der Besprechung teil. Faustus berichtete von den Beobachtungen und den Anweisungen aus Mogontiacum.

    „Wir müssen damit rechnen, dass sich mehrere germanische Gruppen in der Umgebung versammeln“, erklärte er.

    Einer der Unteroffiziere, Quintus Aelius Varus, verschränkte die Arme.

    „Dann sollten wir Verstärkung anfordern.“

    Faustus sah ihn an.

    „Weshalb?“

    „Weil vierzig Mann gegen mehrere Hundert Krieger kaum etwas ausrichten können.“

    „Wir wissen nicht, ob überhaupt mehrere Hundert Krieger zusammenkommen.“

    „Aber wir müssen damit rechnen.“

    Faustus nickte.

    „Mit der Möglichkeit müssen wir rechnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir bereits eine feindliche Absicht unterstellen dürfen.“

    Varus wirkte unzufrieden.

    „Wenn wir warten, bis sie uns angreifen, könnte es zu spät sein.“

    „Und wenn wir jetzt zusätzliche Soldaten heranführen, könnte Markwart glauben, dass wir einen Angriff vorbereiten.“

    „Dann soll er es glauben.“

    Faustus betrachtete den Unteroffizier lange.

    „Genau darin liegt das Problem.“

    Varus schwieg. Faustus trat an die Karte.

    „Stellt euch vor, ihr wärt Markwart. Ihr lebt mit euren Familien seit Jahren in diesem Gebiet. Eines Tages erscheinen fremde Soldaten. Sie errichten einen befestigten Posten und beobachten eure Wege.“

    Er blickte in die Runde.

    „Was würdet ihr denken?“

    Niemand antwortete.

    „Und wenn kurz darauf weitere Soldaten eintreffen?“

    Celer nickte langsam.

    „Dann würden wir annehmen, dass sie etwas vorbereiten.“

    „Eben.“

    Faustus legte die Hand auf den Tisch.

    „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Vorsichtsmaßnahmen selbst zur Ursache eines Konfliktes werden.“

    Er ordnete an, die Wachen zu verstärken, die Vorräte zu überprüfen und die Rückzugswege freizuhalten.

    Eine zusätzliche Truppenanforderung sollte jedoch vorerst unterbleiben.

    Varus akzeptierte die Entscheidung widerwillig.

    Als die Besprechung beendet war, blieb Celer zurück.

    „Biarchus, darf ich offen sprechen?“

    „Natürlich.“

    „Ihr vertraut diesem Dankwart.“

    Faustus überlegte.

    „Ich halte ihn für einen Mann, mit dem man sprechen kann.“

    „Das ist nicht dasselbe.“

    „Nein.“

    „Und seinem Vater?“

    Faustus blickte zur Tür hinaus.

    „Markwart kenne ich bisher nur aus Berichten und aus den Worten seines Sohnes.“

    „Dann wissen wir nicht, ob er Frieden will.“

    „Richtig.“

    Celer wartete.

    Faustus fuhr fort:

    „Aber wir wissen ebenso wenig, ob er Krieg will.“

    DER ZWEITE BOTE

    Zwei Tage später meldete ein Wachposten eine einzelne Gestalt am Waldrand. Der Mann trug keinen Schild und keine sichtbare Kriegswaffe. In der Hand hielt er einen langen Wanderstab.

    Er blieb in einiger Entfernung stehen und wartete. Faustus ließ ihn beobachten. Erst als deutlich wurde, dass der Fremde keine feindlichen Absichten zeigte, schickte er zwei Soldaten zu ihm. Wenig später wurde der Mann vor den Eingang des Vorpostens geführt. Es handelte sich um einen älteren Germanen, dessen Haar bereits von grauen Strähnen durchzogen war. Er sprach nur wenige Worte Latein. Doch er konnte sich verständlich machen.

    „Markwart“, sagte er und deutete nach Nordosten.

    Faustus trat näher.

    „Du kommst von Markwart?“

    Der Mann nickte. Dann zog er ein kleines, sorgfältig bearbeitetes Holzstück hervor. Darauf waren einfache Zeichen eingeritzt. Faustus erkannte eines davon.

    Es war dasselbe Zeichen, das Dankwart bei ihrer ersten Begegnung verwendet hatte, um seine Zugehörigkeit zu Markwarts Sippe kenntlich zu machen.

    Der Bote sprach langsam.

    „Markwart. Reden. Faustus.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Markwart möchte mit mir sprechen?“

    Der Germane nickte erneut. Dann deutete er auf den Wald.

    „Drei Tage.“

    Faustus ließ sich den Treffpunkt erklären. Es handelte sich um eine offene Stelle nahe einem Bachlauf, nicht weit von jenem Weg entfernt, an dem er Dankwart erstmals begegnet war.

    Der Bote machte deutlich, dass Markwart nur wenige Begleiter mitbringen würde. Faustus überlegte. Eine persönliche Begegnung mit dem Stammesführer konnte wertvolle Erkenntnisse liefern. Sie konnte aber auch gefährlich sein.

    „Sag Markwart“, antwortete er schließlich, „dass ich kommen werde.“

    Der Germane nickte.

    Faustus fügte hinzu:

    „Keine große bewaffnete Begleitung.“

    Der Bote verstand.

    Er hob drei Finger.

    „Drei.“

    Faustus nickte.

    „Drei.“

    Als der Mann gegangen war, trat Celer neben ihn.

    „Ihr wollt wirklich hingehen?“

    „Ja.“

    „Es könnte eine Falle sein.“

    Faustus betrachtete den Wald.

    „Das könnte es.“

    „Und trotzdem?“

    „Wenn wir jedes Gespräch aus Angst vor einer Falle vermeiden, werden wir niemals erfahren, was diese Männer tatsächlich wollen.“

    Celer schwieg.

    Dann fragte er:

    „Was soll ich vorbereiten?“

    Faustus antwortete:

    „Drei Männer. Leichte Ausrüstung. Keine unnötige Demonstration militärischer Stärke.“

    Er hielt kurz inne.

    „Und einen sicheren Rückweg.“

    DER SCHATTEN DES KRIEGES

    In der folgenden Nacht konnte Faustus lange nicht schlafen. Er saß vor einem kleinen Feuer innerhalb des Vorpostens. Die meisten Soldaten ruhten bereits. Nur die Wachmannschaften waren noch unterwegs. Faustus betrachtete die Flammen. Er dachte an Dankwart. An Markwart. An die bewaffneten Gruppen im Wald. Und an die Männer in Mogontiacum, die seine Berichte lesen und daraus politische oder militärische Schlussfolgerungen ziehen würden. Er wusste, dass er nicht allein über die Zukunft dieses Grenzabschnittes entscheiden konnte. Seine Aufgabe war begrenzt. Er sollte beobachten, berichten und die Sicherheit seiner Männer gewährleisten. Doch manchmal konnten Entscheidungen von geringer Bedeutung weitreichende Folgen haben. Ein unbedachtes Wort. Ein missverstandenes Zeichen. Ein nervöser Soldat, der im falschen Augenblick nach seiner Waffe griff. Faustus hatte oft genug erlebt, wie schnell aus Unsicherheit Gewalt entstehen konnte. Er nahm ein kleines Holzstück und warf es ins Feuer. Die Flammen schlugen kurz höher. Dann dachte er an die bevorstehende Begegnung mit Markwart. Vielleicht würde der Stammesführer ihm offen erklären, weshalb er die Römer misstrauisch betrachtete. Vielleicht würde er Forderungen stellen. Vielleicht würde er versuchen, Faustus über die tatsächliche Stärke seines Stammes zu täuschen. Doch wenigstens würden sie miteinander sprechen. Faustus erhob sich. Er war entschlossen, diesen Versuch zu wagen.

    Nicht weil er den Germanen vertraute. Sondern weil er wusste, dass Misstrauen allein niemals Frieden schaffen konnte.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!