Der neue Vorposten
Germania Superior – Im Grenzgebiet jenseits des Rhenus
Der Befehl zur Auflösung
Faustus Iunius Rupa stand vor dem Eingang des alten Vorpostens und betrachtete die hölzernen Befestigungen, die ihm während der vergangenen Monate beinahe zur Heimat geworden waren.
Der Morgen war kühl. Feuchtigkeit lag über dem Waldboden, und zwischen den hohen Bäumen hingen noch die letzten Nebelschwaden. Aus der kleinen Feuerstelle neben dem Mannschaftsgebäude stieg dünner Rauch auf. Dreißig Soldaten hatten hier ihren Dienst versehen. Dreißig Männer der Exploratio Imperii, deren Aufgabe darin bestanden hatte, die Bewegungen der germanischen Stämme zu beobachten, Nachrichten zu sammeln und ungewöhnliche Entwicklungen an die übergeordneten Dienststellen der Legio XXII Primigenia in Mogontiacum zu melden. Faustus kannte jeden einzelnen dieser Männer. Er kannte ihre Fähigkeiten, ihre Schwächen und ihre Eigenheiten. Er wusste, wer bei Regen schlechte Laune bekam, wer zu viel redete und auf welchen Mann er sich verlassen konnte, wenn es gefährlich wurde. Nun sollte dieser Vorposten aufgelöst werden. Der entsprechende Befehl war am Vortag eingetroffen. Die kleine Anlage genügte den Anforderungen nicht mehr. Ihre Gebäude waren zu eng, die Vorräte konnten nur unzureichend gelagert werden, und die zunehmenden Beobachtungsaufgaben machten eine Verstärkung der Besatzung notwendig. Die Entscheidung war in Mogontiacum gefallen. Die Exploratio Imperii sollte einen neuen, größeren Vorposten erhalten.
Vierzig Soldaten. Nicht mehr. Nicht weniger. Faustus hatte den Befehl mehrfach gelesen. Die zusätzliche Mannschaftsstärke war willkommen. Dennoch gefiel ihm die Entwicklung nicht. Nicht wegen der Römer. Wegen der Germanen. Seit einiger Zeit verhielten sie sich anders. Nicht feindselig. Nicht aggressiv. Ganz im Gegenteil. Sie schienen auffallend friedlich geworden zu sein. Und genau das bereitete Faustus Sorgen.
Das ungute Gefühl
„Du siehst aus, als hätte dir jemand schlechten Wein verkauft.“
Faustus drehte sich um. Lucan stand hinter ihm und hielt eine hölzerne Schreibtafel in der Hand.
„Schlechter Wein wäre mir lieber“, antwortete Faustus.
Lucan grinste.
„Dann ist es also wieder dein Gefühl.“
Faustus schwieg. Lucan kannte ihn gut genug, um zu wissen, wann ihn etwas beschäftigte.
„Die Germanen?“, fragte er schließlich.
Faustus nickte.
„Sie verhalten sich merkwürdig.“
„Sie greifen uns nicht an. Sie bedrohen unsere Patrouillen nicht. Sie lassen unsere Händler in Ruhe. Was willst du mehr?“
„Genau das ist es.“
Lucan runzelte die Stirn.
„Dass sie friedlich sind?“
„Dass sie uns beobachten.“
„Das haben sie schon immer getan.“
„Nicht so.“
Faustus trat einige Schritte auf den freien Platz vor dem Vorposten.
„Früher verschwanden sie zwischen den Bäumen, wenn sie unsere Männer bemerkten. Sie beobachteten aus der Entfernung. Manchmal folgten sie unseren Patrouillen, ohne sich zu zeigen.“
„Und jetzt?“
„Jetzt sitzen sie am Wegesrand und schauen uns an.“
Lucan lachte.
„Eine schreckliche Bedrohung.“
Faustus blieb ernst.
„Sie grüßen unsere Soldaten. Sie treiben Vieh an den Wegen entlang. Sie stehen auf den Märkten und betrachten unsere Ausrüstung, als wären wir eine wandernde Schaustellertruppe.“
„Vielleicht gewöhnen sie sich an uns.“
„Vielleicht.“
Faustus sprach das Wort langsam aus. Er hatte keine Beweise für eine feindliche Absicht. Keine Meldung über eine Zusammenziehung bewaffneter Krieger. Keine Hinweise auf geplante Überfälle. Keine Angriffe auf Händler oder römische Reisende. Und dennoch hatte er das Gefühl, dass sich etwas veränderte. Er konnte es nicht erklären. Das ärgerte ihn. Faustus vertraute gewöhnlich auf Beobachtungen, nicht auf Ahnungen.
Sein eigener Leitsatz lautete schließlich: Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun. Doch was taten die Germanen? Sie verhielten sich friedlich. Sie gingen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach.
Und sie beobachteten die Römer. Ganz offen.
„Vielleicht“, sagte Faustus schließlich, „ist es gerade das, was mich beunruhigt.“
Lucan betrachtete ihn fragend.
„Was?“
„Dass ich keinen Grund finde, ihnen zu misstrauen.“
Die vierzig Männer
Noch am selben Vormittag ließ Faustus die gesamte Besatzung antreten. Die dreißig bisherigen Soldaten standen in zwei Reihen auf dem kleinen Exerzierplatz. Neben ihnen warteten zehn neu eingetroffene Männer aus Mogontiacum. Es waren überwiegend erfahrene Legionäre, die bereits im Grenzdienst gestanden hatten. Einige kannten die germanischen Gebiete aus früheren Einsätzen. Andere waren mit der Sicherung von Verkehrswegen und der Durchführung längerer Beobachtungsaufträge vertraut. Faustus musterte die Männer aufmerksam. Dann trat er vor die Formation.
„Milites!“
Die Gespräche verstummten.
„Unser bisheriger Vorposten wird aufgelöst. An seiner Stelle errichten wir eine neue Anlage, die künftig vierzig Mann aufnehmen wird.“
Er ließ seinen Blick über die Reihen schweifen.
„Ich will eines von Anfang an klarstellen.“
Seine Stimme wurde fester.
„Wir sind keine Angriffstruppe.“
Einige der neu eingetroffenen Soldaten blickten auf.
„Wir haben nicht den Auftrag, germanische Siedlungen zu überfallen, Krieger zu verfolgen oder Streitigkeiten mit den Bewohnern dieses Landes zu beginnen.“
Faustus machte eine kurze Pause.
„Unsere Aufgabe lautet weiterhin: beobachten.“
Er hob die rechte Hand.
„Beobachten. Feststellen. Melden.“
Dann fuhr er fort:
„Wir sollen wissen, was in unserem Einsatzgebiet geschieht. Welche Wege benutzt werden. Ob sich größere Gruppen bewegen. Ob neue Siedlungen entstehen. Ob ungewöhnliche Veränderungen auftreten.“
Er sah die Männer ernst an.
„Aber wir werden keine feindlichen Absichten unterstellen, solange wir dafür keine Anhaltspunkte besitzen.“
Ein Soldat hob die Hand.
„Biarchus, was geschieht, wenn uns Germanen folgen?“
„Dann lasst sie folgen, solange sie friedlich bleiben und die Sicherheit der Abteilung nicht gefährden.“
„Und wenn sie uns offen beobachten?“
„Dann dürfen sie das.“
Ein leises Murmeln ging durch die Reihen. Faustus hob die Stimme.
„Ich wiederhole: Ein Germane, der uns ansieht, ist kein Feind.“
Er ließ die Worte wirken.
„Ein Mann, der seine Rinder hütet, ist kein Feind. Ein Jäger, der aus dem Wald kommt, ist kein Feind. Und ein Händler, der unsere Soldaten neugierig betrachtet, ist ebenfalls kein Feind.“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Wir werden uns gegenüber diesen Menschen anständig verhalten.“
Er ging langsam an der ersten Reihe entlang.
„Keine Beleidigungen. Keine unnötigen Drohungen. Keine Gewalt gegen Unbewaffnete. Niemand zieht sein Schwert, nur weil ihm ein Germane zu lange in die Augen sieht.“
Einige Männer lächelten. Faustus blieb stehen.
„Wenn sie friedlich sind, bleiben wir friedlich.“
Dann fügte er hinzu:
„Sollten sie uns tatsächlich angreifen, werden wir uns selbstverständlich verteidigen. Aber ich werde keinen Mann dulden, der durch Leichtsinn einen Kampf provoziert.“
Er trat zurück.
„Ist das verstanden?“
„Ita, Biarchus!“
Vierzig Stimmen antworteten gleichzeitig. Faustus nickte.
„Gut. Dann beginnen wir mit der Arbeit.“
Der Standort des neuen Vorpostens
Der neue Vorposten sollte nicht weit vom bisherigen Standort entstehen. Faustus hatte das Gelände bereits mehrfach untersucht. Etwas weiter südlich befand sich eine leicht erhöhte Fläche, die von einem schmalen Bach begrenzt wurde. Der Boden war vergleichsweise trocken, und ein vorhandener Weg ermöglichte die Versorgung mit Wagen. Der Standort besaß mehrere Vorteile. Er bot genügend Platz für zusätzliche Mannschaftsunterkünfte, Vorratsräume und einen kleinen Verwaltungsbereich. Zugleich lag er nahe genug an den bisherigen Beobachtungswegen, sodass die Soldaten ihre gewohnten Aufgaben ohne größere Veränderungen fortsetzen konnten. Faustus wollte keine mächtige Festung errichten. Ein solcher Bau hätte den Germanen möglicherweise den Eindruck vermittelt, Rom bereite eine größere militärische Unternehmung vor. Stattdessen plante er eine zweckmäßige, befestigte Anlage. Ein Erdwall mit hölzerner Palisade sollte die Unterkünfte schützen. Ein einfacher Graben würde die Zugänge sichern. Zwei kleine Wachplattformen sollten einen Überblick über das unmittelbare Gelände ermöglichen. Im Inneren waren Mannschaftsunterkünfte, ein Magazin, ein Raum für Ausrüstung und ein kleiner Arbeitsbereich vorgesehen, in dem Meldungen geschrieben und Karten verwahrt werden konnten. Faustus betrachtete die Zeichnung, die der zuständige Vermesser auf einer Wachstafel angefertigt hatte.
„Keine unnötigen Türme“, sagte er.
Der Vermesser nickte.
„Und keine Befestigungen, die aussehen, als wollten wir von hier aus ein ganzes Stammesgebiet unterwerfen.“
„Verstanden, Biarchus.“
„Der Vorposten soll vierzig Männer aufnehmen können. Er soll sicher sein, aber nicht bedrohlicher wirken als notwendig.“
Lucan, der neben ihm stand, betrachtete die Zeichnung.
„Du willst, dass die Germanen den Bau sehen.“
„Natürlich werden sie ihn sehen.“
„Und du willst sie nicht daran hindern?“
Faustus schüttelte den Kopf.
„Weshalb sollten wir?“
Er deutete auf den Plan.
„Wir bauen einen neuen Vorposten. Das ist kein Geheimnis.“
Dann blickte er zu Lucan.
„Was wir dort besprechen, welche Nachrichten wir erhalten und welche Schlüsse wir daraus ziehen, geht sie allerdings nichts an.“
Die Auflösung des alten Vorpostens
Die nächsten Tage waren von Arbeit geprägt. Zunächst wurden die Vorräte gezählt. Getreide, Salz, Öl, Trockenfleisch und andere Lebensmittel mussten in den neuen Vorposten gebracht werden. Anschließend folgten Werkzeuge, Waffen, Ersatzteile und persönliche Ausrüstungsgegenstände. Die Schriftrollen und Wachstafeln aus dem kleinen Verwaltungsraum ließ Faustus persönlich überprüfen. Er wollte nicht, dass wichtige Aufzeichnungen verloren gingen. Besonders die Berichte über germanische Bewegungen sollten vollständig erhalten bleiben. Einige Soldaten begannen damit, nicht mehr benötigte Einrichtungen abzubauen.
Andere bereiteten die neue Anlage vor. Die Arbeiten wurden so organisiert, dass die Beobachtung des Umlandes nicht unterbrochen wurde. Faustus bestand darauf.
„Nur weil wir unsere Unterkunft wechseln, werden die Germanen nicht aufhören, ihren täglichen Beschäftigungen nachzugehen“, erklärte er Lucan.
„Und wir werden nicht aufhören, sie zu beobachten.“
Lucan nickte.
„Wie viele Männer bleiben bis zum Schluss hier?“
„Genügend, um die alte Anlage zu sichern und die letzten Vorräte zu übernehmen.“
„Und die Patrouillen?“
„Laufen weiter.“
Faustus betrachtete die Männer, die gerade schwere Holzbalken auf einen Wagen luden.
„Ich will keinen einzigen Tag, an dem wir nicht wissen, was in unserem gewöhnlichen Beobachtungsgebiet geschieht.“
Lucan machte eine entsprechende Notiz. Dann fragte er:
„Und wenn die Germanen uns beim Umzug beobachten?“
Faustus lächelte schwach.
„Dann haben sie wenigstens etwas Interessantes zu sehen.“
Die Germanen am Waldrand
Am dritten Tag der Arbeiten bemerkte ein Wachposten zwei Männer am Rand des südlichen Weges. Es waren Germanen. Einer führte ein kleines Pferd, auf dessen Rücken mehrere Bündel befestigt waren. Der andere trug einen Korb und einen langen Wanderstab. Sie blieben stehen und betrachteten die römischen Soldaten, die Holz und Ausrüstung transportierten. Der Wachposten meldete die Beobachtung. Faustus ließ sich den Standort zeigen. Von einer kleinen Anhöhe aus konnte er die beiden Männer erkennen. Sie standen vollkommen ruhig. Keiner trug einen Speer. Keiner zeigte eine feindselige Geste. Der ältere der beiden Germanen hob sogar die Hand, als er bemerkte, dass die Römer zu ihm hinübersahen. Lucan trat neben Faustus.
„Da sind sie wieder.“
„Ich sehe sie.“
„Soll ich zwei Männer hinschicken?“
„Wozu?“
„Um zu fragen, was sie wollen.“
Faustus betrachtete die beiden Gestalten.
„Sie stehen auf einem Weg.“
„Und beobachten unseren Bau.“
„Das dürfen sie.“
Lucan verschränkte die Arme.
„Du hast selbst gesagt, dass dir ihr Verhalten nicht gefällt.“
„Das habe ich.“
„Und trotzdem willst du nichts unternehmen?“
Faustus wandte den Kopf.
„Was soll ich unternehmen? Zwei friedliche Männer festnehmen, weil sie Augen besitzen?“
Lucan schwieg.
„Nein“, fuhr Faustus fort. „Solange sie sich friedlich verhalten, werden wir ihnen keinen Anlass geben, etwas anderes von uns zu erwarten.“
Er sah wieder zu den Germanen.
„Aber ich möchte wissen, ob sie häufiger hier vorbeikommen.“
„Soll ich sie beobachten lassen?“
„Nur im Rahmen unserer gewöhnlichen Aufgaben. Keine Verfolgung. Keine Provokation.“
Lucan nickte.
„Verstanden.“
Faustus blieb noch eine Weile stehen. Die beiden Germanen unterhielten sich miteinander. Dann setzten sie ihren Weg fort. Sie blickten nicht mehr zurück. Faustus folgte ihnen mit den Augen, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden. Ein merkwürdiges Gefühl blieb zurück. Es war keine Angst. Auch keine unmittelbare Warnung vor Gefahr. Eher das Empfinden, dass er ein Geschehen beobachtete, dessen eigentliche Bedeutung ihm verborgen blieb.
Ein Gespräch über Misstrauen
Am Abend saßen Faustus und Lucan vor dem provisorischen Verwaltungsraum. Auf dem Tisch lagen mehrere Berichte der vergangenen Tage. Lucan nahm eine Wachstafel zur Hand.
„Keine Angriffe. Keine Drohungen. Keine ungewöhnlichen Waffenbewegungen.“
Faustus nickte.
„Das ist erfreulich.“
„Die Händler berichten ebenfalls von ruhigen Verhältnissen.“
„Gut.“
„Und unsere Patrouillen melden, dass die Germanen freundlich grüßen.“
Faustus sah auf.
„Du willst auf etwas hinaus.“
Lucan lächelte.
„Ich frage mich nur, weshalb du noch immer so unzufrieden aussiehst.“
Faustus lehnte sich zurück.
„Weil ich nicht weiß, was ich davon halten soll.“
„Vielleicht gibt es nichts, was du davon halten musst.“
„Vielleicht.“
Lucan betrachtete ihn nachdenklich.
„Du hast in den vergangenen Wochen genug mit falschen Namen, verschwundenen Männern und rätselhaften Nachrichten zu tun gehabt. Vielleicht siehst du inzwischen hinter jedem Baum ein Geheimnis.“
Faustus antwortete nicht sofort. Er dachte an Aquae Mattiacorum. An den Mann, der sich Marcus Vettius genannt hatte. An Aulus Sergius Falco. An den eisernen Schlüssel. Und an die sieben Namen auf jener Liste, von denen vier angeblich zu Toten gehörten. NON OMNES MORTUI SUNT. Nicht alle sind tot. Die Worte hatten sich seinem Gedächtnis eingeprägt. Doch er wusste ebenso gut, dass diese Vorgänge nicht ohne Beweise mit dem Verhalten der Germanen in Verbindung gebracht werden durften.
„Du könntest recht haben“, sagte er schließlich.
Lucan hob überrascht die Augenbrauen.
„Das höre ich selten.“
Faustus lächelte.
„Gewöhn dich nicht daran.“
Dann wurde er wieder ernst.
„Ich habe keine Beweise dafür, dass die Germanen etwas gegen uns planen. Also werde ich auch nicht so handeln, als hätten wir solche Beweise.“
Lucan nickte.
„Aber du wirst sie weiterhin beobachten.“
„Ja.“
„Auch wenn sie friedlich bleiben?“
„Gerade dann.“
Lucan schwieg einen Augenblick.
„Du traust ihnen nicht.“
Faustus betrachtete das Licht der kleinen Öllampe.
„Ich traue ihnen nicht genug, um unaufmerksam zu werden.“
Er hob den Kopf.
„Aber ich misstraue ihnen auch nicht genug, um sie ungerecht zu behandeln.“
Die neue Besatzung
Nach mehreren Tagen waren die wichtigsten Gebäude des neuen Vorpostens bezugsfertig. Die Anlage war größer als ihr Vorgänger, blieb aber eine überschaubare militärische Einrichtung. Vierzig Soldaten bildeten nun die vollständige Besatzung der Exploratio Imperii. Faustus ließ die Männer erneut antreten. Vor ihnen standen die neuen Unterkünfte. Im Hintergrund erhoben sich die hölzernen Palisaden, und über dem Tor befand sich eine einfache Wachplattform. Der Biarchus trat vor seine Soldaten.
„Milites!“
Die Männer nahmen Haltung an.
„Mit dem heutigen Tag ist der alte Vorposten außer Dienst gestellt. Unsere Aufgaben werden von dieser Anlage aus fortgesetzt.“
Er ließ seinen Blick über die Reihen schweifen.
„Unsere Besatzung besteht aus vierzig Mann. Das bedeutet mehr Möglichkeiten, längere Beobachtungen und eine bessere Ablösung der einzelnen Gruppen.“
Dann hob er die Stimme.
„Aber es bedeutet keine Änderung unseres Auftrags.“
Er wartete einen Augenblick.
„Wir sind hier, um zu beobachten.“
Ein Windstoß bewegte die kleinen Stoffstreifen an den Speeren einiger Soldaten.
„Wir werden keine germanischen Dörfer angreifen. Wir werden keine Menschen ohne Anlass festsetzen. Wir werden keine Auseinandersetzungen beginnen, nur um unsere Stärke zu zeigen.“
Faustus ging langsam vor der Formation entlang.
„Die Germanen haben sich in den vergangenen Wochen friedlich verhalten. Solange das so bleibt, werden wir ihnen mit derselben Friedfertigkeit begegnen.“
Er blieb stehen.
„Ich erwarte von jedem Mann Disziplin.“
Dann fügte er hinzu:
„Wer einen friedlichen Germanen beleidigt, bedroht oder misshandelt, wird sich vor mir verantworten müssen.“
Seine Stimme wurde schärfer.
„Und glaubt mir: Ihr wollt euch nicht wegen einer solchen Dummheit vor mir verantworten müssen.“
Einige Männer unterdrückten ein Lächeln. Faustus ließ es geschehen. Dann sagte er:
„Vergesst niemals, weshalb wir hier sind. Nicht jeder Mann, der uns beobachtet, ist ein Feind. Nicht jeder Fremde, der uns freundlich begegnet, ist ein Freund.“
Er hob die rechte Hand.
„Unsere Aufgabe ist es, den Unterschied zu erkennen.“
Die erste Nacht im neuen Vorposten
Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, kehrte Ruhe ein. Die Männer bezogen ihre Unterkünfte. Die Wachen nahmen ihre Plätze ein. Im Verwaltungsraum brannte noch eine Lampe. Faustus saß allein an seinem Tisch. Vor ihm lag der erste Bericht des neuen Vorpostens. Er hatte die Personalstärke, die Versorgungslage und die abgeschlossenen Bauarbeiten vermerkt. Dann begann er mit dem Abschnitt über die Lage im germanischen Gebiet. Er schrieb langsam: Die einheimische Bevölkerung zeigt weiterhin kein feindseliges Verhalten. Begegnungen zwischen römischen Soldaten und Germanen verlaufen überwiegend friedlich. Mehrfach wurden einzelne Germanen beobachtet, die unsere Patrouillen und Arbeiten offen betrachteten, ohne sich zu verbergen oder eine Bedrohung erkennen zu lassen. Faustus hielt inne. Er las die Worte noch einmal.
Dann schrieb er weiter:
Es liegen derzeit keine hinreichenden Anhaltspunkte für feindliche Vorbereitungen vor. Die Beobachtung wird fortgesetzt. Provokationen gegenüber der einheimischen Bevölkerung sind ausdrücklich untersagt.
Er legte den Griffel nieder.
Der Bericht war sachlich.
Korrekt.
Und entsprach genau dem, was seine Männer festgestellt hatten.
Trotzdem war Faustus unzufrieden.
Er konnte nicht sagen, weshalb.
Schließlich stand er auf und trat vor die Tür. Die Nacht war still. Von den Wachplattformen aus blickten die Soldaten über die dunklen Wälder. Irgendwo dort draußen lagen die germanischen Siedlungen. Vielleicht saßen ihre Bewohner jetzt ebenfalls an ihren Feuerstellen. Vielleicht sprachen sie über die Römer. Vielleicht betrachteten sie den neuen Vorposten als eine belanglose Veränderung. Oder vielleicht bedeutete er ihnen mehr, als Faustus ahnte. Er wusste es nicht. Und er hasste es, etwas nicht zu wissen.
Der Schatten einer Ahnung
Lucan trat aus dem Mannschaftsgebäude.
„Du solltest schlafen.“
Faustus blickte nicht auf.
„Später.“
Lucan stellte sich neben ihn.
Gemeinsam betrachteten sie den dunklen Wald.
„Der neue Vorposten ist fertig“, sagte Lucan.
„Ja.“
„Vierzig Männer. Gute Vorräte. Sichere Unterkünfte. Die Beobachtung läuft.“
„Ja.“
„Dann könntest du eigentlich zufrieden sein.“
Faustus lächelte schwach.
„Eigentlich.“
Lucan schwieg. Nach einer Weile fragte er:
„Was glaubst du, was dort draußen geschieht?“
Faustus betrachtete die Baumkronen, die sich dunkel gegen den Himmel abhoben.
„Ich weiß es nicht.“
„Aber du glaubst, dass etwas geschieht.“
Faustus antwortete erst nach einigen Augenblicken.
„Ich habe das Gefühl, dass die Germanen etwas verstanden haben, was wir noch nicht verstehen.“
Lucan sah ihn an.
„Was denn?“
„Vielleicht gar nichts.“
Faustus verschränkte die Arme.
„Vielleicht sind sie einfach klüger geworden. Vielleicht haben sie erkannt, dass friedliches Verhalten ihnen mehr nützt als Streit mit unseren Patrouillen.“
„Das wäre doch gut.“
„Ja.“
Faustus nickte langsam.
„Das wäre sehr gut.“
Dann wandte er sich seinem Kameraden zu.
„Aber solange ich nicht weiß, was hinter dieser Veränderung steht, werde ich aufmerksam bleiben.“
Lucan lächelte.
„Also beobachten wir weiter.“
„Genau.“
„Und bleiben friedlich.“
„Solange sie friedlich bleiben.“
Faustus betrachtete noch einmal den dunklen Wald. Dann sprach er leise, beinahe zu sich selbst:
„Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun.“
Lucan nickte.
„Und was tun die Germanen?“
Faustus schwieg einen Augenblick.
Dann antwortete er:
„Sie beobachten uns.“
„Genau wie wir sie.“
„Ja.“
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Genau wie wir sie.“
EPILOG – DUO OCULI IN SILVA
Zwei Augen im Wald Am folgenden Morgen verließ eine kleine römische Beobachtungsgruppe den neuen Vorposten. Die Soldaten bewegten sich auf einem bekannten Weg, der an mehreren Weideflächen vorbeiführte. Nicht weit entfernt saßen zwei Germanen unter einer großen Eiche. Sie hatten die Römer schon früh bemerkt. Als die Soldaten näher kamen, hob einer der Männer die Hand. Der römische Patrouillenführer erwiderte den Gruß. Niemand sprach ein Wort. Niemand zog eine Waffe. Die Römer gingen weiter. Die Germanen blieben sitzen. Später würden beide Seiten über die Begegnung berichten.
Die Römer würden festhalten, dass die Germanen friedlich gewesen waren. Die Germanen würden Dankwart erzählen, dass die römischen Soldaten sie unbehelligt gelassen hatten. Und Dankwart würde diese Nachricht seinem Vater Markwart überbringen. Zwei Männer, die einander nicht gut kannten, hatten damit beinahe dieselbe Entscheidung getroffen. Markwart wollte die Römer beobachten, ohne sie zu provozieren. Faustus wollte die Germanen beobachten, ohne sie zu bedrohen.
Beide wollten Frieden.
Beide wollten ihre Leute schützen. Und beide wussten, dass sie die Absichten der anderen Seite nicht vollständig kannten. Noch war zwischen ihnen kein Krieg.
Noch gab es keinen Anlass, die Waffen zu erheben. Aber auf beiden Seiten der Grenze hielten Männer ihre Augen offen. Und irgendwo zwischen den dunklen Wäldern Germaniens und den befestigten römischen Vorposten entstand eine eigentümliche Form des gegenseitigen Misstrauens. Nicht aus Hass. Nicht aus Feindschaft. Sondern aus Vorsicht.
Faustus Iunius Rupa konnte nicht wissen, dass ein germanischer Stammesführer namens Markwart seinen Männern nahezu dieselben Anweisungen gegeben hatte wie er selbst.
Und Markwart ahnte nicht, dass der römische Biarchus im neuen Vorposten saß und über genau dieselben Fragen nachdachte.
Zwei Männer. Zwei Völker. Zwei Beobachter.