VARUS – DIE ADLER DER VERLORENEN LEGIONEN

  • Germania Magna – 9 n. Chr.


    Im neunten Jahr nach Christi Geburt steht das Römische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Kaiser Augustus herrscht über ein gewaltiges Imperium. Seine Legionen sichern die Grenzen von Britannien bis zum Euphrat, von den Wüsten Afrikas bis zu den Wäldern Germaniens. Doch jenseits des Rheins wächst ein Widerstand, den die römischen Statthalter unterschätzen. Publius Quinctilius Varus, Statthalter der germanischen Gebiete, glaubt, die dort lebenden Stämme endgültig der römischen Herrschaft unterwerfen zu können. Er vertraut auf die Macht seiner Legionen und auf die Loyalität eines jungen germanischen Fürsten, der in Rom erzogen wurde und römisches Bürgerrecht besitzt. Sein Name ist Arminius. Was Varus nicht weiß: Arminius bereitet einen Aufstand vor, der das Schicksal Germaniens verändern wird.


    PARS PRIMA – UMBRAE BELLI

    CAPUT I – DER ADLER AM RHEIN

    Mogontiacum, Provinz Germania Superior – Frühjahr 9 n. Chr.

    Der Morgennebel lag schwer über dem Rhein.

    Auf den hölzernen Wachtürmen des römischen Militärlagers standen Legionäre und beobachteten das gegenüberliegende Ufer. Dort begann eine Welt, die viele von ihnen nur aus den Erzählungen ihrer Kameraden kannten.

    Germania Magna.

    Ein Land gewaltiger Wälder, unberechenbarer Flüsse und unzähliger Stämme, deren Namen selbst erfahrene Offiziere kaum auseinanderhalten konnten.

    Für die Männer der Legionen war Germanien kein Land des Ruhmes. Es war ein Land des Regens, der Kälte und der endlosen Märsche.

    Titus Flavius Aquila stand auf dem Wehrgang und betrachtete die langsam vorbeiziehenden Lastkähne.

    Er war zweiunddreißig Jahre alt, Centurio und seit beinahe fünfzehn Jahren Soldat.

    Seine ersten Feldzüge hatte er in Pannonien erlebt. Später war er an den Rhein versetzt worden. Dort hatte er gelernt, dass ein Feind, den man nicht sehen konnte, gefährlicher war als ein Heer, das offen auf einem Schlachtfeld stand.

    Neben ihm erschien Marcus Valerius Corvinus, ein junger Tribun aus einer angesehenen römischen Familie.

    „Du siehst aus, als würdest du einen Angriff erwarten, Aquila.“

    Der Centurio wandte sich nicht um.

    „Ich erwarte keinen Angriff, Tribun. Ich frage mich nur, weshalb wir noch immer glauben, dieses Land erobern zu können.“

    Corvinus lächelte.

    „Weil Rom alles erobern kann.“

    „Das haben die Männer des Crassus auch geglaubt.“

    Das Lächeln verschwand.

    Die Niederlage bei Carrhae lag mehr als sechzig Jahre zurück, doch der Verlust der römischen Feldzeichen war noch immer eine schmerzliche Erinnerung.

    „Germanen sind keine Parther“, erwiderte Corvinus.

    „Nein“, sagte Aquila. „Die Parther lassen uns wenigstens erkennen, wo der Feind steht.“

    Ein Hornsignal unterbrach das Gespräch.

    Ein Bote war eingetroffen.

    Er brachte Befehle aus dem Norden.

    Der Statthalter Publius Quinctilius Varus verlangte weitere erfahrene Offiziere für seine Streitkräfte im germanischen Operationsgebiet.

    Aquila sollte sich unverzüglich auf den Weg machen.

    Sein neues Kommando lag bei der Legio XVII, einer jener drei Legionen, die unter Varus standen.

    Der Centurio nahm die versiegelte Wachstafel entgegen.

    Noch ahnte er nicht, dass er seine Heimat niemals wiedersehen würde.

    CAPUT II – DER FÜRST MIT ZWEI GESICHTERN

    Im Gebiet der Cherusker – Frühsommer 9 n. Chr.

    Arminius saß am Feuer seines Vaters Segimer.

    Um ihn hatten sich mehrere Männer versammelt, die zu den angesehensten Familien der Cherusker gehörten.

    Einige trugen römische Schwerter. Andere hatten ihre Waffen nach germanischer Sitte gefertigt. Ihre Kleidung bestand aus grober Wolle, Leder und schweren Umhängen.

    Arminius unterschied sich von ihnen.

    Er hatte in Rom gelebt, römische Offiziere kennengelernt und in römischen Diensten gekämpft.

    Er kannte ihre Sprache, ihre Gesetze und ihre Art, Krieg zu führen.

    Vor allem aber kannte er ihre Schwächen.

    „Varus verlangt neue Abgaben“, sagte ein älterer Stammesführer. „Er lässt unsere Männer vor seine Richter bringen. Er behandelt uns, als wären wir längst römische Untertanen.“

    „Weil er glaubt, dass wir es sind“, antwortete Arminius.

    Ein junger Krieger schlug mit der Faust gegen seinen Schild.

    „Dann sollten wir ihm zeigen, dass er sich irrt!“

    Arminius hob die Hand.

    „Und wie? Indem wir mit fünftausend Männern gegen drei Legionen marschieren?“

    Niemand antwortete.

    „Die Römer sind auf offenem Gelände beinahe unbesiegbar. Ihre Legionäre kämpfen in geschlossenen Formationen. Ihre Centurionen halten die Reihen zusammen. Ihre Reiterei verfolgt jeden, der flieht.“

    „Dann können wir sie nicht schlagen“, murmelte einer der Männer.

    Arminius lächelte kalt.

    „Doch. Wir dürfen sie nur nicht dort bekämpfen, wo sie stark sind.“

    Er nahm einen Ast und zeichnete Linien in die Erde.

    „Hier verläuft der Weg durch die Wälder. Hier liegen die sumpfigen Niederungen. Und hier werden ihre Wagen nicht mehr nebeneinander fahren können.“

    Ein alter Krieger beugte sich vor.

    „Du willst sie in den Wald locken?“

    „Ich will, dass Varus glaubt, er müsse einen Aufstand niederschlagen.“

    „Und dann?“

    Arminius blickte in die Gesichter der versammelten Männer.

    „Dann werden seine Legionen marschieren. Nicht als Schlachtheer, sondern als lange Kolonne mit Gepäck, Dienern und Wagen.“

    Er zog mit dem Ast eine tiefe Furche durch die Erde.

    „Wir werden diese Kolonne zerreißen.“

    Lange herrschte Schweigen.

    Schließlich fragte Segimer:

    „Und was geschieht, wenn dein Plan misslingt?“

    Arminius sah seinen Vater an.

    „Dann wird Rom unsere Dörfer niederbrennen.“

    „Und wenn er gelingt?“

    „Dann wird Rom lernen, dass Germanien nicht sein Eigentum ist.“

    CAPUT III – DIE WARNUNG DES SEGESTES

    Sommerlager des Varus, 9 n. Chr.

    Publius Quinctilius Varus war ein Mann, der an Ordnung glaubte.

    Er hatte in Syrien gedient und war daran gewöhnt, dass römische Befehle ausgeführt wurden.

    Nun saß er in seinem Hauptquartier, umgeben von Schreibern, Offizieren und Vertretern germanischer Stämme.

    Auf seinem Tisch lagen Wachstafeln mit Steuerforderungen, Beschwerden und Verwaltungsanordnungen.

    Vor ihm stand Segestes, ein angesehener Cherusker.

    „Du vertraust Arminius zu sehr“, sagte Segestes.

    Varus blickte auf.

    „Er hat Rom treu gedient.“

    „Er dient zuerst seinem Volk.“

    „Das ist kein Verbrechen.“

    „Nein. Aber es wird eines werden, wenn du seine Absichten nicht erkennst.“

    Varus legte den Schreibgriff beiseite.

    „Sprich deutlich.“

    Segestes trat näher.

    „Arminius versammelt Krieger. Er spricht mit Männern, die Rom hassen. Er bereitet etwas vor.“

    Der Statthalter schwieg.

    Dann lehnte er sich zurück.

    „Du hast persönliche Gründe, ihm zu misstrauen.“

    Segestes presste die Lippen zusammen.

    „Das macht meine Warnung nicht falsch.“

    „Ich werde darüber nachdenken.“

    Segestes erkannte, dass das Gespräch beendet war.

    Als er das Zelt verließ, begegnete er Arminius.

    Die beiden Männer blieben stehen.

    „Du solltest vorsichtig sein“, sagte Segestes leise.

    Arminius erwiderte seinen Blick.

    „Das solltest du ebenfalls.“

    Keiner von ihnen verneigte sich.

    Im Inneren des Zeltes nahm Varus inzwischen die nächste Wachstafel entgegen.

    Eine Meldung berichtete von Unruhen in einem entfernten Stammesgebiet.

    Der Statthalter entschied, mit seinen Legionen dorthin zu marschieren.

    Die Falle begann sich zu schließen.

    Der Marsch in den Tod

    CAPUT IV – DIE DREI LEGIONEN

    September 9 n. Chr.

    Die Marschkolonne erstreckte sich über mehrere Kilometer.

    Vorn bewegten sich Kundschafter und Vortruppen. Dahinter folgten Legionäre, Reiter, Maultiere, Versorgungswagen und Menschen, die das Heer begleiteten.

    Die Feldzeichen der drei Legionen ragten über die Köpfe der Soldaten hinaus.

    Legio XVII. Legio XVIII. Legio XIX.

    Drei Adler.

    Drei Legionen.

    Ein Heer, das sich für unbesiegbar hielt.

    Titus Flavius Aquila ritt neben seiner Centurie.

    Sein Optio, Gaius Atilius Naso, führte die hinteren Reihen.

    „Die Wagen kommen nicht voran“, meldete Naso.

    „Dann sollen die Fuhrleute schneller arbeiten.“

    „Der Weg ist aufgeweicht.“

    Aquila blickte zum Himmel.

    Dunkle Wolken hingen über den Baumwipfeln.

    „Es wird regnen.“

    „Es regnet seit drei Tagen.“

    „Dann wird es eben noch einen vierten Tag regnen.“

    Naso lachte nicht.

    „Centurio, gefällt dir dieser Marsch?“

    Aquila schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Warum?“

    „Weil ich zu wenig sehe.“

    Naso betrachtete die Bäume.

    „Ich sehe genug Wald.“

    „Eben.“

    Ein Stück weiter hinten ritt Marcus Valerius Corvinus.

    Er hatte inzwischen ebenfalls den Verband des Varus erreicht.

    Neben ihm bewegte sich ein germanischer Reiter aus einer römischen Hilfseinheit.

    Sein Name war Hadumar.

    Er stammte aus einer Familie, die seit Jahren mit Rom zusammenarbeitete.

    „Diese Wälder sind gefährlich“, sagte Hadumar.

    Corvinus sah ihn an.

    „Wegen der Tiere?“

    „Wegen der Menschen.“

    „Unsere Kundschafter melden keine feindlichen Krieger.“

    Hadumar deutete auf den Boden.

    „Siehst du die Spuren?“

    Corvinus betrachtete den schlammigen Weg.

    „Wagenräder.“

    „Und dort?“

    Zwischen den Wurzeln eines Baumes waren frische Fußabdrücke zu erkennen.

    Viele Fußabdrücke.

    Sie führten nicht zum Weg.

    Sie verliefen parallel dazu.

    Hadumar sprach sehr leise.

    „Wir werden beobachtet.“

    CAPUT V – DER ERSTE SPEER

    Am Nachmittag begann der Regen.

    Zuerst fiel er in schweren Tropfen. Dann verwandelte sich der Wald in eine graue Wand aus Wasser.

    Die Legionäre zogen ihre Umhänge enger um die Schultern.

    Wagen blieben stecken.

    Maultiere scheuten.

    Die Kolonne verlor ihre Ordnung.

    Aquila befahl seinen Männern, dichter zusammenzurücken.

    Plötzlich ertönte ein Schrei.

    Ein Legionär taumelte aus der Reihe.

    Ein langer Speer steckte in seiner Brust.

    Für einen Augenblick herrschte vollkommene Stille.

    Dann brach die Hölle los.

    Aus dem Wald flogen weitere Speere.

    „SCUTA!“

    Aquila riss seinen Schild hoch.

    „SCHILDE HOCH! FORMATION HALTEN!“

    Die Männer versuchten, ihre Schilde zu einer geschlossenen Front zusammenzuführen.

    Doch der Weg war zu schmal.

    Links standen dicht gedrängte Bäume.

    Rechts fiel das Gelände zu einem sumpfigen Abschnitt ab.

    Ein weiterer Speer traf einen Maultiertreiber.

    Ein Wagen kippte um.

    Pferde schrien.

    Aus dem Wald erklangen germanische Kriegsschreie.

    Dann stürmten die ersten Krieger zwischen den Bäumen hervor.

    Aquila zog sein Gladius.

    „LEGIO XVII! STEHT!“

    Seine Männer hielten die Stellung.

    Der erste Angreifer prallte gegen die römischen Schilde.

    Ein Legionär stieß mit seinem Kurzschwert zu.

    Ein zweiter Germane sprang über einen umgestürzten Baum.

    Aquila fing dessen Schlag mit dem Schild ab und drängte ihn zurück.

    Doch immer neue Angreifer erschienen.

    Und plötzlich verstand der Centurio.

    Dies war kein gewöhnlicher Überfall.

    Es war der Beginn einer sorgfältig vorbereiteten Vernichtung.

    CAPUT VI – DER VERRAT

    Varus saß auf seinem Pferd, als die ersten Meldungen eintrafen.

    „Angriff auf die Vorhut!“

    „Die Wagenkolonne ist unterbrochen!“

    „Feindliche Krieger auf beiden Seiten!“

    Der Statthalter blickte zu seinen Offizieren.

    „Wo ist Arminius?“

    Niemand antwortete.

    „Ich habe gefragt, wo Arminius ist!“

    Ein Reiter trat vor.

    „Er hat das Heer mit seinen Männern verlassen, Herr. Er erklärte, weitere Hilfstruppen heranführen zu wollen.“

    Varus erstarrte.

    Langsam wandte er sich zu dem Offizier.

    „Wann?“

    „Heute Morgen.“

    Der Regen lief über das Gesicht des Statthalters.

    Er erinnerte sich an Segestes.

    An dessen Warnungen.

    An die Gespräche über Verrat.

    Und zum ersten Mal erkannte er, dass er möglicherweise einen verhängnisvollen Fehler begangen hatte.

    Aus der Ferne drangen die Schreie kämpfender Männer.

    Varus zog sein Schwert.

    „Die Legionen sollen sich sammeln! Wir müssen freies Gelände erreichen!“

    Doch freies Gelände gab es nicht.

    Nur Wald.

    Sumpf.

    Regen.

    Und einen Feind, der jeden Weg kannte.

    Die Adler fallen

    CAPUT VII – DIE NACHT DER ÜBERLEBENDEN

    Als die Dunkelheit hereinbrach, gelang es Teilen des römischen Heeres, ein notdürftiges Lager zu errichten.

    Die Männer waren erschöpft.

    Viele waren verwundet.

    Andere hatten ihre Einheiten verloren und suchten verzweifelt nach bekannten Gesichtern.

    Titus Flavius Aquila saß neben einem kleinen Feuer.

    Sein Schild war beschädigt.

    Sein Schwert trug die Spuren des Kampfes.

    Neben ihm lag ein junger Legionär namens Lucius Petronius.

    Er war kaum zwanzig Jahre alt.

    „Centurio?“

    „Was ist?“

    „Werden wir morgen den Rhein erreichen?“

    Aquila betrachtete den jungen Mann.

    „Nein.“

    Petronius schwieg.

    „Werden wir überleben?“

    Der Centurio antwortete nicht sofort.

    Schließlich sagte er:

    „Wenn wir zusammenbleiben, haben wir eine Chance.“

    „Und wenn wir getrennt werden?“

    Aquila blickte in das Feuer.

    „Dann kämpfst du so lange, bis du wieder zu uns findest.“

    Aus der Dunkelheit ertönte ein Horn.

    Ein germanisches Horn.

    Dann ein zweites.

    Und ein drittes.

    Die Geräusche wanderten durch den Wald, als würde ein unsichtbares Heer das Lager umkreisen.

    Petronius zog seinen Umhang enger um die Schultern.

    „Sie lassen uns nicht schlafen.“

    Aquila nickte.

    „Nein. Sie wollen, dass wir morgen müde sind.“

    CAPUT VIII – DER WALL IM WALD

    Am nächsten Tag erreichten die römischen Verbände einen besonders engen Abschnitt des Weges.

    Auf der einen Seite erhob sich bewaldetes Gelände.

    Auf der anderen erstreckten sich sumpfige Niederungen.

    Zwischen Bäumen und Erdaufschüttungen hatten die Germanen Verteidigungsstellungen vorbereitet.

    Aquila erkannte die Gefahr sofort.

    „Sie haben uns erwartet.“

    Naso blickte auf den Wall.

    „Wie viele?“

    „Genug.“

    Wieder flogen Speere.

    Wieder ertönten Kriegsschreie.

    Doch diesmal griffen die Germanen nicht nur aus dem Wald an.

    Sie stürmten von vorbereiteten Stellungen herab.

    Die römischen Legionäre versuchten, ihre Reihen zu schließen.

    Einige Centurionen führten Gegenangriffe.

    Andere versuchten, die Verwundeten zurückzubringen.

    Doch der Regen hatte den Boden in Schlamm verwandelt.

    Die schweren Schilde wurden zur Last.

    Die langen Marschkolonnen konnten sich nicht zu einer geschlossenen Schlachtordnung formieren.

    Marcus Valerius Corvinus erreichte Aquilas Stellung.

    Sein Pferd war verwundet.

    Er selbst blutete an der Stirn.

    „Der Statthalter verlangt, dass wir den Durchbruch erzwingen!“

    Aquila sah ihn an.

    „Mit welchen Männern?“

    Corvinus deutete nach hinten.

    Dort standen noch etwa hundert Legionäre.

    Viele von ihnen waren erschöpft.

    „Das ist alles?“, fragte Aquila.

    Der Tribun nickte.

    Aquila erhob sich.

    Er hob sein Schwert.

    „MÄNNER DER SIEBZEHNTEN!“

    Die Legionäre wandten sich ihm zu.

    „Wir haben einen Befehl erhalten. Wir werden diesen Weg öffnen.“

    Ein Soldat fragte:

    „Und wenn wir es nicht schaffen?“

    Aquila blickte auf den germanischen Wall.

    „Dann sollen sie wenigstens wissen, dass hier römische Soldaten gestanden haben.“

    CAPUT IX – DER LETZTE ADLER

    Der Kampf dauerte bis in den Nachmittag.

    Die römischen Verbände zerfielen zunehmend in voneinander getrennte Gruppen.

    Nach den überlieferten Berichten nahm sich Varus angesichts der aussichtslosen Lage das Leben.

    Die Nachricht verbreitete sich unter den Überlebenden.

    Manche verloren jeden Mut.

    Andere kämpften weiter.

    Titus Flavius Aquila gehörte zu ihnen.

    Er hatte seine Centurie fast vollständig verloren.

    Naso war gefallen.

    Corvinus war verschwunden.

    Nur zwölf Männer standen noch bei ihm.

    Zwischen ihnen befand sich ein verwundeter Adlerträger.

    Er hielt das Feldzeichen der Legion mit beiden Händen fest.

    „Centurio“, flüsterte er, „sie dürfen ihn nicht bekommen.“

    Aquila kniete neben ihm.

    „Wie heißt du?“

    „Publius Sestius.“

    „Kannst du gehen, Publius?“

    Der Mann schüttelte den Kopf.

    Aquila sah den Adler an.

    Das vergoldete Feldzeichen war von Schlamm und Regen bedeckt.

    Für Rom war es mehr als ein Stück Metall.

    Es war die Ehre der Legion.

    Der Adlerträger drückte ihm die Stange entgegen.

    „Nimm ihn.“

    Aquila zögerte.

    Dann ergriff er das Feldzeichen.

    In diesem Augenblick brachen germanische Krieger durch die letzten römischen Reihen.

    Aquila richtete sich auf.

    „ZURÜCK!“

    Die zwölf Männer bildeten einen Halbkreis.

    Ein Speer traf den ersten Legionär.

    Ein zweiter fiel unter einem Schwerthieb.

    Aquila hielt den Adler hoch.

    „ROMA!“

    Seine Männer antworteten.

    „AETERNA!“

    Dann stürmten die Germanen vor.

    Und der Adler verschwand im Kampfgetümmel.

    EPILOG – DIE STIMME DES WALDES

    Germania Magna – Einige Tage nach der Schlacht

    Der Regen hatte aufgehört.

    Zwischen den Bäumen lagen zerbrochene Schilde, verlassene Wagen und die Überreste eines Heeres, das einst zu den mächtigsten Streitkräften der bekannten Welt gehört hatte.

    Arminius ritt schweigend über das Schlachtfeld.

    Seine Krieger feierten den Sieg.

    Drei römische Legionen waren vernichtet worden.

    Doch Arminius jubelte nicht.

    Er wusste, dass Rom zurückkehren würde.

    Vielleicht nicht morgen.

    Vielleicht nicht im nächsten Jahr.

    Aber irgendwann.

    Denn ein Reich, das seine Adler verlor, würde versuchen, sie zurückzuholen.

    Am Rand des Schlachtfeldes fand ein junger germanischer Krieger einen römischen Helm.

    Daneben lag ein beschädigter Schild.

    Auf dessen Innenseite hatte jemand mit einem Messer einen Namen eingeritzt:

    T. FLAVIVS AQVILA

    Der Krieger betrachtete die Buchstaben.

    Dann legte er den Schild wieder auf den Boden.

    Er wusste nicht, wer dieser Mann gewesen war.

    Er wusste nicht, ob er in Rom eine Familie hatte.

    Er wusste nicht, ob jemand auf seine Rückkehr wartete.

    Für ihn war es nur ein weiterer gefallener Feind.

    Doch weit entfernt, jenseits des Rheins, würden Menschen auf Nachrichten warten, die niemals eintreffen sollten.

    Und in Rom würde Kaiser Augustus vom Untergang seiner Legionen erfahren.

    Die Namen der Siebzehnten, Achtzehnten und Neunzehnten würden zu Symbolen einer der schwersten Niederlagen der römischen Geschichte werden.

    Aber die Geschichte der verlorenen Adler war noch nicht beendet.

    Denn nicht jeder Legionär war gefallen.

    Und nicht jeder Überlebende hatte den Weg nach Westen eingeschlagen.

    Tief in den Wäldern Germaniens erwachte ein verwundeter römischer Offizier.

    Sein Name war Marcus Valerius Corvinus.

    Er war gefesselt.

    Vor ihm saß ein germanischer Stammesführer.

    „Du bist Römer“, sagte der Mann.

    Corvinus hob mühsam den Kopf.

    „Ja.“

    „Dann wirst du uns erklären, weshalb dein Volk glaubt, über uns herrschen zu dürfen.“

    Der Tribun schwieg.

    Der Germane beugte sich vor.

    „Und danach wirst du mir sagen, was Rom tun wird, wenn es von eurer Niederlage erfährt.“

  • Die Gefangenen Germaniens


    Germania Magna – Herbst 9 n. Chr., wenige Tage nach der Varusschlacht


    Die drei römischen Legionen XVII, XVIII und XIX waren vernichtet. Doch der Sieg des Arminius bedeutete nicht das Ende des Krieges.

    Während Rom noch nichts vom vollständigen Ausmaß der Katastrophe wusste, begannen die germanischen Stämme über ihre Zukunft zu streiten. Einige wollten den Rhein überschreiten und die römischen Stützpunkte angreifen. Andere wollten lediglich die Fremdherrschaft abschütteln und ihre Unabhängigkeit sichern.

    Inmitten dieser Auseinandersetzungen befanden sich Männer, deren Schicksal noch nicht entschieden war.

    Römische Gefangene.

    Überlebende Legionäre.

    Und ein junger Militärtribun, dessen Wissen für Arminius von unschätzbarem Wert werden konnte.

    CAPUT X – CATENAE

    Die Fesseln

    Als Marcus Valerius Corvinus erwachte, spürte er zuerst den Schmerz.

    Seine linke Schulter brannte. Sein Kopf pochte. Die Lippen waren aufgesprungen, und sein Mund fühlte sich an, als hätte er tagelang keinen Tropfen Wasser erhalten.

    Er lag auf einem Strohlager.

    Seine Hände waren mit Lederriemen gefesselt.

    Durch eine Öffnung im Dach drang schwaches Tageslicht.

    Corvinus versuchte sich aufzurichten, doch ein stechender Schmerz zwang ihn zurück.

    „Du solltest liegen bleiben.“

    Die Stimme sprach Latein.

    Corvinus drehte den Kopf.

    Neben der Tür saß ein älterer Germane. Sein graues Haar reichte bis zu den Schultern. Über seinem Wollgewand trug er einen schweren Mantel.

    „Wer bist du?“, fragte Corvinus.

    „Mein Name ist Hadubrand.“

    „Wo bin ich?“

    „Bei den Cheruskern.“

    Corvinus schloss kurz die Augen.

    Die Erinnerungen kehrten zurück.

    Der Regen.

    Die Schreie.

    Die zerbrochenen Schilde.

    Und die letzte Stellung der Legionäre.

    „Varus?“

    Hadubrand antwortete nicht sofort.

    „Tot.“

    „Die Legionen?“

    „Geschlagen.“

    Corvinus starrte ihn an.

    „Drei Legionen können nicht einfach verschwinden.“

    Hadubrand erhob sich.

    „Doch. Wenn ihre Anführer glauben, dass ein Wald nur aus Bäumen besteht.“

    Corvinus wollte antworten, doch seine Kraft reichte nicht.

    Der Germane trat zur Tür.

    „Du wirst leben, Römer. Zumindest vorerst.“

    „Warum?“

    Hadubrand blieb stehen.

    „Weil Arminius mit dir sprechen will.“

    CAPUT XI – INTER HOSTES

    Unter Feinden

    Zwei Tage später konnte Corvinus wieder gehen.

    Seine Bewacher führten ihn durch eine größere Siedlung.

    Zwischen den Langhäusern spielten Kinder. Frauen bereiteten Getreide zu, während Männer Waffen reparierten und Vieh versorgten.

    Corvinus hatte erwartet, ein Lager wilder Krieger vorzufinden.

    Stattdessen sah er eine Gemeinschaft, die sich kaum von den ländlichen Siedlungen unterschied, die er in anderen Provinzen kennengelernt hatte.

    Nur die Bauweise, die Kleidung und die Sprache waren anders.

    Vor einem großen Langhaus standen mehrere bewaffnete Männer.

    Einer von ihnen trat vor.

    Arminius.

    Er trug keinen römischen Brustpanzer mehr.

    Sein Mantel wurde von einer silbernen Fibel zusammengehalten.

    „Marcus Valerius Corvinus“, sagte er auf Latein. „Militärtribun der siebzehnten Legion.“

    Corvinus blieb stehen.

    „Du kennst meinen Namen.“

    „Ich kenne viele Namen.“

    „Dann weißt du auch, dass ich Offizier des römischen Volkes bin.“

    Arminius lächelte schwach.

    „Das warst du, als du noch ein Heer hattest.“

    Corvinus ballte die Fäuste.

    „Rom wird zurückkehren.“

    „Daran zweifle ich nicht.“

    „Dann solltest du dich fürchten.“

    Arminius trat näher.

    „Ich habe in Rom gelebt. Ich habe eure Offiziere kennengelernt. Ich habe mit euren Soldaten gekämpft. Glaubst du, ich weiß nicht, wozu Rom fähig ist?“

    Corvinus schwieg.

    „Ich will dir eine Frage stellen“, fuhr Arminius fort. „Warum muss Rom jedes Volk beherrschen, dem es begegnet?“

    „Weil Rom Frieden bringt.“

    Arminius betrachtete ihn lange.

    „Frieden?“

    Er deutete in Richtung Wald.

    „Dort liegen Tausende Tote. Deine Männer und meine. Und du nennst das Frieden?“

    „Ihr habt den Krieg begonnen.“

    „Nein“, antwortete Arminius. „Ihr habt entschieden, dass unser Land euch gehören soll.“

    Zum ersten Mal fand Corvinus keine unmittelbare Antwort.

    CAPUT XII – CONSILIUM PRINCIPUM

    Der Rat der Stammesführer

    Am Abend versammelten sich mehrere germanische Stammesführer.

    Arminius hatte Männer verschiedener cheruskischer Sippen sowie Vertreter verbündeter Gruppen eingeladen.

    Die Stimmung war angespannt.

    Ein Stammesführer namens Haganmar erhob sich.

    „Wir haben die Römer vernichtet! Jetzt müssen wir den Rhein überschreiten!“

    Zustimmendes Rufen erfüllte die Halle.

    Ein anderer widersprach.

    „Unsere Krieger sind erschöpft. Wir haben Tote zu beklagen. Unsere Vorräte reichen nicht für einen langen Feldzug.“

    Haganmar schlug mit der Faust auf den Tisch.

    „Wenn wir jetzt nicht handeln, kommen die Römer zurück!“

    Arminius erhob sich.

    „Sie werden ohnehin zurückkommen.“

    Die Männer verstummten.

    „Drei Legionen sind verloren. Augustus wird diese Niederlage nicht vergessen. Aber wenn wir den Rhein überschreiten, werden wir gegen die befestigten Lager und die dort stehenden Truppen kämpfen müssen.“

    „Dann greifen wir sie an!“

    „Mit welchen Belagerungsmaschinen?“, fragte Arminius.

    Haganmar schwieg.

    „Die Römer können neue Legionen aufstellen. Sie können Soldaten aus Gallien, Hispanien und Italien heranführen. Wir aber müssen unsere Felder bestellen und unsere Familien ernähren.“

    Ein älterer Stammesführer nickte.

    „Was schlägst du vor?“

    Arminius blickte in die Runde.

    „Wir müssen zusammenbleiben. Nicht nur bis zum nächsten Frühjahr. Nicht nur bis zur nächsten Ernte. Wir brauchen ein dauerhaftes Bündnis.“

    „Unter deiner Führung?“, fragte Haganmar misstrauisch.

    Arminius erwiderte ruhig:

    „Unter einer Führung, die wir gemeinsam bestimmen.“

    Doch in den Gesichtern der Anwesenden erkannte er, dass sein größter Kampf möglicherweise erst begonnen hatte.

    Nicht gegen Rom.

    Sondern gegen die Uneinigkeit der eigenen Stämme.

    CAPUT XIII – DUODECIM SUPERESTES

    Die zwölf Überlebenden


    Drei Tagesmärsche westlich des Schlachtfeldes bewegte sich eine kleine Gruppe durch den Wald.

    An ihrer Spitze ging Lucius Petronius.

    Der junge Legionär hatte die letzten Kämpfe nur durch Zufall überlebt.

    Als seine Einheit auseinandergebrochen war, hatte ihn ein verwundetes Pferd zu Boden gerissen. Zwischen gefallenen Soldaten war er liegen geblieben, bis die germanischen Krieger weitergezogen waren.

    Später hatte er elf weitere Überlebende gefunden.

    Unter ihnen befand sich Quintus Aelius Marcellus, ein erfahrener Optio.

    Marcellus hatte das Kommando übernommen.

    „Wir müssen nach Westen“, sagte er.

    Petronius nickte.

    „Zum Rhein.“

    „Wenn wir ihn erreichen.“

    Die Männer trugen kaum noch Vorräte.

    Einige hatten ihre Schilde verloren.

    Andere mussten sich auf selbst gefertigte Gehstöcke stützen.

    Am Abend fanden sie eine verlassene Hütte.

    Marcellus ließ zwei Wachen aufstellen.

    Petronius setzte sich neben ihn.

    „Glaubst du, dass Aquila noch lebt?“

    Marcellus blickte ins Feuer.

    „Ich habe ihn zuletzt beim Adler gesehen.“

    „Er wollte das Feldzeichen retten.“

    „Ja.“

    „Vielleicht hat er es geschafft.“

    Marcellus schwieg lange.

    Dann sagte er:

    „Wenn Titus Flavius Aquila noch lebt, wird er nicht ohne den Adler zurückkehren.“

    Petronius betrachtete seine Hände.

    „Dann müssen wir ihn suchen.“

    Marcellus wandte sich zu ihm.

    „Wir müssen zuerst selbst überleben.“

    CAPUT XIV – DIE FRAU AM FLUSS

    Am folgenden Morgen erreichten die Männer einen kleinen Fluss.

    Dort begegneten sie einer jungen Germanin, die Wasser schöpfte.

    Als sie die bewaffneten Römer sah, wollte sie fliehen.

    Petronius hob beide Hände.

    „Wir wollen dir nichts tun.“

    Die Frau verstand seine Worte offenbar nicht.

    Marcellus trat vor und sprach einige Sätze in einer germanischen Sprache, die er während seiner Dienstzeit gelernt hatte.

    Die Frau blieb stehen.

    Ihr Name war Albruna.

    Sie gehörte zu einer kleinen Siedlung, die sich nicht am Aufstand beteiligt hatte.

    Marcellus erklärte, dass sie lediglich den Weg zum Rhein suchten.

    Albruna betrachtete die verwundeten Männer.

    Schließlich deutete sie nach Norden.

    Dort befand sich eine Furt.

    Doch dann sprach sie einen Satz, der Marcellus erstarren ließ.

    Petronius fragte:

    „Was hat sie gesagt?“

    Marcellus blickte ihn an.

    „An der Furt lagern Krieger.“

    „Wie viele?“

    „Genug, um uns alle zu töten.“

    Albruna sprach erneut.

    Diesmal länger.

    Marcellus hörte aufmerksam zu.

    „Sie kennt einen anderen Weg“, erklärte er schließlich. „Aber sie verlangt, dass wir unsere Schwerter in den Scheiden lassen, solange wir in ihrer Siedlung sind.“

    Petronius sah die übrigen Männer an.

    „Können wir ihr vertrauen?“

    Marcellus antwortete:

    „Wir haben keine bessere Wahl.“

    CAPUT XV – NUNTIUS CALAMITATIS

    Die Nachricht der Niederlage

    Rom – Spätherbst 9 n. Chr.


    Im kaiserlichen Palast auf dem Palatin herrschte ungewöhnliche Stille.

    Ein Bote aus Germanien war eingetroffen.

    Seine Nachricht hatte die höchsten Amtsträger erschüttert.

    Augustus saß schweigend in seinem Arbeitszimmer.

    Vor ihm stand Tiberius, sein Adoptivsohn und erfahrener Feldherr.

    „Drei Legionen?“, fragte Augustus.

    Tiberius nickte.

    „Die Siebzehnte, die Achtzehnte und die Neunzehnte.“

    „Varus?“

    „Tot.“

    Augustus schloss die Augen.

    Lange sagte er nichts.

    Dann erhob er sich langsam.

    „Wie konnte das geschehen?“

    Tiberius antwortete vorsichtig.

    „Der Feind kannte das Gelände. Unsere Truppen wurden während des Marsches angegriffen. Die Verbände konnten keine geschlossene Schlachtordnung bilden.“

    Augustus trat zum Fenster.

    Unterhalb des Palastes lag Rom.

    Die Hauptstadt eines Reiches, das über Millionen Menschen herrschte.

    „Wir haben Gallien unterworfen“, sagte Augustus leise. „Wir haben Hispanien befriedet. Wir haben die Alpen gesichert.“

    Er wandte sich um.

    „Und nun vernichten Männer aus den Wäldern Germaniens drei unserer Legionen.“

    Tiberius schwieg.

    Augustus blickte auf die Karte der nördlichen Reichsgrenzen.

    „Was geschieht am Rhein?“

    „Die dortigen Truppen sichern die Übergänge. Wir müssen verhindern, dass die Germanen die Niederlage ausnutzen.“

    Augustus nickte.

    „Dann geh.“

    Tiberius hob den Kopf.

    „Nach Germanien?“

    „An den Rhein. Stelle die Ordnung wieder her. Sichere Gallien. Und sorge dafür, dass sich diese Katastrophe niemals wiederholt.“

    Tiberius verneigte sich.

    Als er den Raum verließ, blieb Augustus allein zurück.

    Sein Blick ruhte auf den Namen der verlorenen Legionen.

    XVII.

    XVIII.

    XIX.

    Drei Zahlen, die fortan für eine der schwersten Niederlagen seiner Herrschaft stehen würden.

    EPILOG – NON OMNES MORTUI SUNT

    Nicht alle sind tot

    Germania Magna – Winter 9 n. Chr.

    Schnee fiel auf die Dächer der cheruskischen Langhäuser.

    Marcus Valerius Corvinus saß in einer kleinen Kammer.

    Seine Fesseln waren inzwischen entfernt worden, doch zwei Krieger bewachten weiterhin den Eingang.

    Vor ihm lag eine Wachstafel.

    Arminius hatte sie ihm bringen lassen.

    Darauf stand ein einziger lateinischer Satz:

    ROMA REVERTETUR.

    Rom wird zurückkehren.

    Corvinus betrachtete die Worte.

    Dann nahm er den Schreibgriff und ergänzte:

    SED NON OMNES MORTUI SUNT.

    Aber nicht alle sind tot.

    Zur selben Zeit erreichten Lucius Petronius und seine Kameraden einen bewaldeten Höhenzug.

    Von dort konnten sie in der Ferne den Lauf eines großen Flusses erkennen.

    Den Rhein.

    Doch zwischen ihnen und dem rettenden Ufer lagen noch germanische Siedlungen und feindliche Patrouillen.

    Und weit im Osten, verborgen in einem abgelegenen Heiligtum, lag ein vergoldeter römischer Legionsadler.

    Ein Mann bewachte ihn.

    Sein Gesicht war von einer tiefen Narbe gezeichnet.

    Er trug die Reste einer römischen Offiziersrüstung.

    Es war Titus Flavius Aquila.

    Er lebte.

    Doch niemand wusste es.

  • Rom bereitet die Vergeltung vor


    Germania und das Römische Reich – Winter 9/10 bis Frühjahr 11 n. Chr.

    Drei Legionen waren vernichtet worden. Ihre Feldzeichen befanden sich in germanischer Hand. Tausende römische Soldaten waren gefallen, verschleppt oder in den Wäldern Germaniens verschwunden.

    Doch das Imperium Romanum war nicht besiegt.

    Kaiser Augustus hatte Tiberius mit der Wiederherstellung der Sicherheit an der Rheingrenze beauftragt. Die militärischen Kräfte sollten neu geordnet, die befestigten Stützpunkte verstärkt und die germanischen Stämme sorgfältig beobachtet werden.

    Gleichzeitig versuchte Arminius, seinen Sieg in eine dauerhafte politische Ordnung zu verwandeln.

    Zwischen beiden Welten lebten Menschen, deren Schicksal noch immer mit der Varusschlacht verbunden war.

    Marcus Valerius Corvinus befand sich weiterhin in germanischer Gefangenschaft.

    Lucius Petronius und seine Kameraden kämpften um ihre Rückkehr nach Rom.

    Und Titus Flavius Aquila bewachte unter Zwang einen der verlorenen Legionsadler.

    CAPUT XVI – IMPERIUM NON CADIT

    Das Imperium fällt nicht

    Mogontiacum – Frühjahr 10 n. Chr.

    Der Rhein führte Hochwasser.

    Seine Strömung trug entwurzelte Bäume und Treibholz an den römischen Befestigungen vorbei. Auf den Wachtürmen standen Legionäre, deren Blicke unablässig auf das östliche Ufer gerichtet waren.

    Seit der Vernichtung der drei Legionen hatte sich die Stimmung verändert.

    Früher hatten die Soldaten den Rhein als Ausgangspunkt ihrer Feldzüge betrachtet.

    Jetzt war er wieder eine Grenze.

    Eine Grenze, hinter der ein Feind lebte, der bewiesen hatte, dass er römische Heere vernichten konnte.

    Tiberius stand im Hauptquartier vor einer großen Karte.

    Neben ihm befanden sich mehrere Legaten, Tribunen und erfahrene Centurionen.

    Ein Schreiber verlas die Berichte aus den verschiedenen Garnisonen.

    „Die Befestigungen werden verstärkt. Die Versorgungslager verfügen über ausreichende Getreidevorräte. Die Patrouillen melden vereinzelte Bewegungen germanischer Krieger am östlichen Ufer.“

    Tiberius hob die Hand.

    „Wie viele?“

    „Keine größeren Verbände, Herr.“

    „Und was wissen wir über Arminius?“

    Ein Legat trat vor.

    „Er versucht, die Cherusker und ihre Verbündeten zusammenzuhalten. Unsere Kundschafter berichten von Versammlungen mehrerer Stammesführer.“

    Tiberius betrachtete die Karte.

    „Das ist gefährlicher als ein einzelner Überfall.“

    Der Legat runzelte die Stirn.

    „Warum, Herr?“

    „Weil ein vereinigtes Germanien mehr Soldaten aufbieten könnte, als wir an einem einzigen Abschnitt der Grenze einsetzen können.“

    Er deutete auf den Rhein.

    „Unsere erste Aufgabe ist nicht die Vergeltung. Unsere erste Aufgabe ist die Sicherheit der Provinzen.“

    Ein jüngerer Tribun widersprach vorsichtig.

    „Aber Rom erwartet eine Antwort auf die Niederlage des Varus.“

    Tiberius wandte sich ihm zu.

    „Rom wird eine Antwort erhalten. Doch wir werden nicht denselben Fehler begehen wie Varus.“

    Er trat näher.

    „Ein Feldherr, der nur an Rache denkt, führt seine Soldaten in den Tod. Ein Feldherr, der an den Sieg denkt, sorgt zuerst dafür, dass seine Soldaten überleben.“

    Niemand widersprach.

    Tiberius gab seine Befehle.

    Die Grenzbefestigungen sollten überprüft werden. Die Kundschafter mussten zuverlässigere Nachrichten liefern. Die Nachschubwege waren zu sichern. Bewegungen größerer Verbände jenseits des Rheins sollten unverzüglich gemeldet werden.

    Erst danach würden weitere Unternehmungen vorbereitet.

    „Und noch etwas“, sagte Tiberius.

    Alle Offiziere blickten auf.

    „Ich will die Namen der Männer, die aus den drei Legionen zurückgekehrt sind.“

    „Wozu, Herr?“

    „Weil sie wissen, was in diesen Wäldern geschehen ist.“

    CAPUT XVII – DUODECIM TESTES

    Die zwölf Zeugen

    Ein römischer Grenzposten am Rhein – Frühsommer 10 n. Chr.

    Als Lucius Petronius die römischen Wachtürme sah, konnte er kaum glauben, dass er tatsächlich überlebt hatte.

    Hinter ihm bewegten sich elf Männer.

    Ihre Kleidung war zerrissen. Die meisten hatten lange Bärte. Ihre Waffen waren beschädigt, und einige konnten nur mühsam gehen.

    Sie hatten den Winter in abgelegenen Siedlungen, verlassenen Hütten und unter freiem Himmel überstanden.

    Zweimal waren sie germanischen Patrouillen begegnet.

    Einmal hatten sie sich mehrere Tage in einem Sumpfgebiet verborgen.

    Nun standen sie endlich vor einem römischen Außenposten.

    Ein Wachposten hob seinen Speer.

    „Halt! Wer seid ihr?“

    Quintus Aelius Marcellus trat vor.

    „Soldaten Roms.“

    Der Wachposten betrachtete die Männer misstrauisch.

    „Zu welcher Einheit gehört ihr?“

    Marcellus richtete sich auf.

    „Legio XVII.“

    Der Wachposten erstarrte.

    „Das ist unmöglich.“

    Petronius trat neben Marcellus.

    „Dann sag uns, weshalb wir noch leben.“

    Wenig später wurden die Männer in das Lager geführt.

    Sie erhielten Wasser, Brot und saubere Kleidung.

    Ein Militärarzt untersuchte ihre Verletzungen.

    Doch noch bevor sie sich ausruhen konnten, erschienen zwei Offiziere.

    Einer von ihnen stellte sich als Lucius Cornelius Severus vor, ein erfahrener Militärtribun.

    „Ihr habt unter Varus gedient?“

    Marcellus nickte.

    „Ja, Herr.“

    „Dann werdet ihr uns alles erzählen.“

    Die Befragung dauerte bis tief in die Nacht.

    Marcellus berichtete von den engen Wegen, den aufgeweichten Straßen, den Angriffen aus den Wäldern und den Versuchen der Legionäre, sich zu sammeln.

    Petronius erzählte vom letzten Kampf seiner Centurie.

    Als er den Namen Titus Flavius Aquila erwähnte, unterbrach Severus ihn.

    „Dieser Centurio führte den Adler der Siebzehnten?“

    „Zuletzt, ja.“

    „Hast du seinen Tod gesehen?“

    Petronius schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Severus beugte sich vor.

    „Dann besteht die Möglichkeit, dass er überlebt hat.“

    „Ja, Herr.“

    „Und der Adler?“

    „Ich weiß es nicht.“

    Severus schwieg.

    Dann schrieb er einen Namen auf eine Wachstafel.

    TITUS FLAVIUS AQUILA – STATUS INCERTUS.

    Schicksal ungeklärt.

    CAPUT XVIII – VICTORIA SINE PACE

    Ein Sieg ohne Frieden

    Gebiet der Cherusker – Sommer 10 n. Chr.

    Arminius hatte den Krieg gewonnen.

    Doch den Frieden hatte er nicht gewonnen.

    In den Monaten nach der Varusschlacht waren die Spannungen zwischen den germanischen Stammesführern gewachsen.

    Einige verlangten weitere Angriffe auf römische Stützpunkte.

    Andere wollten die erbeuteten Waffen und Wertgegenstände unter ihren Gefolgschaften verteilen.

    Wieder andere fürchteten, Arminius könnte aus seinem militärischen Erfolg eine dauerhafte Herrschaft über die übrigen Stämme ableiten.

    An diesem Abend versammelten sich die wichtigsten Männer der Cherusker in einem großen Langhaus.

    Haganmar, der bereits während der ersten Beratungen eine Fortsetzung des Krieges gefordert hatte, erhob sich.

    „Seit einem Jahr sprechen wir von Freiheit. Aber was haben wir erreicht?“

    Einige Männer murmelten zustimmend.

    „Die Römer stehen noch immer am Rhein. Ihre Lager sind stärker befestigt als zuvor. Und wir sitzen hier und reden.“

    Arminius antwortete ruhig.

    „Weil unsere Krieger nicht unerschöpflich sind.“

    „Wir haben drei Legionen vernichtet!“

    „Wir haben ein Heer vernichtet, das sich unter ungünstigen Bedingungen befand.“

    Haganmar lachte verächtlich.

    „Du sprichst, als hättest du Angst vor ihnen.“

    Arminius erhob sich.

    „Ich habe Respekt vor einem Gegner, der nach einer solchen Niederlage noch immer über zahlreiche Legionen verfügt.“

    Ein älterer Stammesführer namens Beromar mischte sich ein.

    „Was willst du also tun?“

    Arminius blickte in die Runde.

    „Wir brauchen gemeinsame Absprachen über die Verteidigung unserer Gebiete. Wir brauchen Kundschafter, die Nachrichten zwischen unseren Siedlungen übermitteln. Und wir müssen verhindern, dass einzelne Häuptlinge eigenmächtig einen Krieg beginnen, der alle anderen hineinzieht.“

    Haganmar verschränkte die Arme.

    „Du willst uns Befehle geben.“

    „Nein. Ich will verhindern, dass wir unseren Sieg durch Uneinigkeit verlieren.“

    „Und wer entscheidet, was gut für uns ist?“

    Arminius schwieg einen Augenblick.

    „Die freien Männer unserer Stämme.“

    Haganmar lächelte.

    „Dann solltest du sie fragen, ob sie einen König wollen.“

    Das Wort blieb im Raum stehen.

    König.

    Arminius hatte es nicht ausgesprochen.

    Doch plötzlich begriff er, dass manche Männer bereits genau das in ihm sahen.

    Nicht den Befreier Germaniens.

    Sondern einen möglichen neuen Herrscher.

    CAPUT XIX – DER RÖMISCHE GEFANGENE

    Marcus Valerius Corvinus hatte inzwischen einen Teil seiner Bewegungsfreiheit zurückerhalten.

    Er durfte sich innerhalb der Siedlung bewegen, solange ihn ein bewaffneter Krieger begleitete.

    Arminius hatte entschieden, ihn am Leben zu lassen.

    Nicht aus Freundschaft.

    Sondern weil Corvinus über militärisches Wissen verfügte.

    An einem Nachmittag wurde der Tribun in das Haus des Arminius gerufen.

    Auf einem Tisch lagen mehrere römische Ausrüstungsgegenstände.

    Ein beschädigter Helm.

    Ein Gladius.

    Eine metallene Gürtelschnalle.

    Und ein kleiner hölzerner Kasten mit Wachstafeln.

    Arminius deutete darauf.

    „Wir haben diese Gegenstände bei einem römischen Versorgungstrupp gefunden.“

    Corvinus betrachtete sie.

    „Was erwartest du von mir?“

    „Ich will wissen, welche Befestigungen die Römer am Rhein verstärken.“

    Corvinus lachte bitter.

    „Du erwartest, dass ich dir militärische Geheimnisse verrate?“

    „Nein.“

    Arminius setzte sich.

    „Ich erwarte, dass du mir erklärst, was Rom als Nächstes tun wird.“

    Corvinus blickte ihn lange an.

    „Tiberius wird den Rhein sichern.“

    Arminius nickte.

    „Das weiß ich.“

    „Er wird die verbliebenen Legionen neu ordnen und zusätzliche Truppen heranführen.“

    „Auch das weiß ich.“

    „Dann wird er versuchen, eure Bündnisse zu zerstören.“

    Arminius hob den Kopf.

    „Wie?“

    Corvinus antwortete langsam.

    „Nicht jeder germanische Stammesführer ist dein Freund. Nicht jeder teilt deine Ziele. Rom wird versuchen, diese Unterschiede auszunutzen.“

    Arminius schwieg.

    Corvinus fuhr fort:

    „Wir müssen euch nicht alle besiegen. Es reicht, wenn ihr euch gegenseitig bekämpft.“

    Arminius stand auf.

    „Du sprichst offen.“

    „Du hast mich gefragt.“

    „Vielleicht sollte ich dich töten lassen.“

    Corvinus erwiderte seinen Blick.

    „Dann hättest du nur einen weiteren toten Römer.“

    Arminius ging zur Tür.

    Dort blieb er stehen.

    „Und wenn ich dich freilasse?“

    Corvinus antwortete sofort.

    „Dann werde ich nach Rom zurückkehren.“

    „Und wieder gegen uns kämpfen?“

    „Wenn Rom es befiehlt.“

    Arminius nickte langsam.

    „Dann verstehst du vielleicht, weshalb ich dich nicht freilassen kann.“

    CAPUT XX – AQUILA CAPTIVA

    Der gefangene Adler

    Ein abgelegenes Heiligtum im Cheruskergebiet – Herbst 10 n. Chr.

    Titus Flavius Aquila war am Leben.

    Doch seine Rettung hatte einen hohen Preis.

    Nach dem letzten Kampf seiner Centurie war er schwer verwundet in germanische Gefangenschaft geraten.

    Die Krieger, die ihn gefunden hatten, hatten zunächst beabsichtigt, ihn zu töten.

    Doch ein älterer Stammesführer hatte erkannt, dass Aquila den Adler der siebzehnten Legion getragen hatte.

    Seitdem wurde der Centurio in einem abgelegenen Heiligtum festgehalten.

    Dort bewahrten die Germanen erbeutete römische Waffen und Feldzeichen auf.

    Aquila musste bei der Pflege und Instandhaltung der Gegenstände helfen, weil er ihre Bedeutung und ihre empfindlichen Bestandteile kannte.

    Jeden Morgen sah er den Adler.

    Das vergoldete Feldzeichen stand auf einem hölzernen Gestell.

    Seine Flügel waren ausgebreitet.

    Die Metalloberfläche war an einigen Stellen beschädigt, doch die Gestalt des Adlers blieb unverkennbar.

    Eines Abends erschien der Wächter des Heiligtums.

    Sein Name war Wulfgar.

    „Warum ist dieser Vogel für euch so wichtig?“, fragte er.

    Aquila betrachtete das Feldzeichen.

    „Weil er unsere Legion verkörpert.“

    Wulfgar runzelte die Stirn.

    „Eine Legion besteht aus Männern.“

    „Ja.“

    „Und die Männer sind tot.“

    Aquila schwieg.

    Wulfgar trat näher.

    „Dann ist dieser Adler nur noch Metall.“

    Der Centurio hob den Kopf.

    „Nein.“

    „Warum nicht?“

    Aquila antwortete leise:

    „Weil die Erinnerung an einen Menschen nicht mit seinem Tod endet.“

    Wulfgar betrachtete ihn.

    „Du glaubst also, dass eure Toten noch immer zu euch gehören?“

    „Ich glaube, dass wir ihnen etwas schulden.“

    „Was?“

    Aquila blickte auf den Adler.

    „Dass wir sie nicht vergessen.“

    Zum ersten Mal antwortete Wulfgar nicht.

    CAPUT XXI – DAS GEHEIMNIS DES HEILIGTUMS

    In den folgenden Wochen bemerkte Aquila eine Veränderung.

    Immer häufiger trafen bewaffnete Krieger am Heiligtum ein.

    Sie brachten Nachrichten aus anderen Siedlungen.

    Einige sprachen von Arminius.

    Andere von Haganmar.

    Offenbar war der Besitz des römischen Adlers zu einem politischen Streitpunkt geworden.

    Haganmar wollte das Feldzeichen öffentlich zur Schau stellen.

    Er hoffte, damit seinen Anspruch auf eine führende Stellung unter den Kriegern zu stärken.

    Arminius hingegen betrachtete die erbeuteten Adler als Beweis des gemeinsamen Sieges und wollte verhindern, dass einzelne Stammesführer sie für ihre persönlichen Machtansprüche nutzten.

    Eines Abends belauschte Aquila ein Gespräch zwischen Wulfgar und zwei Kriegern.

    „Haganmar verlangt, dass der Adler zu seiner Siedlung gebracht wird.“

    „Und Arminius?“

    „Er widerspricht.“

    „Dann werden wir uns entscheiden müssen.“

    Aquila saß hinter einer hölzernen Trennwand.

    Sein Herz schlug schneller.

    Zum ersten Mal seit seiner Gefangennahme erkannte er eine Möglichkeit.

    Wenn die Germanen über den Adler stritten, könnte sich eine Gelegenheit ergeben, ihn zurückzugewinnen.

    Doch allein konnte er nichts unternehmen.

    Er brauchte Verbündete.

    Und er wusste nicht, ob irgendwo jenseits der Wälder noch ein einziger Soldat seiner Legion lebte.

    CAPUT XXII – CONSILIUM TIBERII

    Der Kriegsrat des Tiberius

    Germania Inferior – Frühjahr 11 n. Chr.

    Tiberius hatte die Berichte der Überlebenden sorgfältig auswerten lassen.

    Die Niederlage des Varus hatte gezeigt, dass selbst erfahrene Legionen in unübersichtlichem Gelände verwundbar waren, wenn Marschordnung, Aufklärung und Nachschub zusammenbrachen.

    Diese Fehler sollten sich nicht wiederholen.

    In seinem Hauptquartier versammelte Tiberius mehrere hochrangige Offiziere.

    Unter ihnen befand sich Lucius Cornelius Severus, der die Überlebenden der siebzehnten Legion befragt hatte.

    Severus trat vor.

    „Wir haben Hinweise, dass mindestens einer der Legionsadler im Gebiet der Cherusker aufbewahrt wird.“

    Tiberius blickte auf.

    „Wie zuverlässig sind diese Nachrichten?“

    „Noch nicht ausreichend, Herr.“

    „Dann handelt es sich um eine Vermutung.“

    „Ja.“

    Severus zögerte.

    „Allerdings gibt es Berichte über römische Gefangene, die noch am Leben sein sollen.“

    Tiberius legte die Hände auf den Tisch.

    „Wie viele?“

    „Unbekannt.“

    „Namen?“

    „Marcus Valerius Corvinus, Militärtribun. Sein Schicksal ist ungeklärt. Außerdem Titus Flavius Aquila, Centurio der siebzehnten Legion.“

    Tiberius betrachtete die Wachstafel.

    „Und was schlägst du vor?“

    „Wir sollten Kundschafter aussenden und versuchen, ihren Aufenthaltsort festzustellen.“

    Ein anderer Offizier widersprach.

    „Wir können nicht für jeden vermissten Soldaten einen Feldzug beginnen.“

    Severus wandte sich zu ihm.

    „Es geht nicht nur um die Soldaten. Es geht um die Adler.“

    Tiberius erhob sich.

    „Die Adler werden eines Tages nach Rom zurückkehren.“

    Er ließ den Blick über die Versammelten wandern.

    „Aber ich werde keine Legion opfern, nur um ein Feldzeichen zurückzuholen.“

    Dann wandte er sich an Severus.

    „Du erhältst die Erlaubnis, Nachrichten zu sammeln. Keine eigenmächtigen Angriffe. Keine Unternehmung, die unsere Grenzsicherung gefährdet.“

    Severus verneigte sich.

    „Verstanden, Herr.“

    Tiberius deutete auf die Karte.

    „Zuerst müssen wir wissen, wer jenseits des Rheins unser Feind ist. Und wer vielleicht bereit wäre, mit uns zu sprechen.“

    CAPUT XXIII – DIE MÄNNER DER SIEBZEHNTEN

    Noch am selben Abend ließ Severus Lucius Petronius und Quintus Aelius Marcellus zu sich rufen.

    Die beiden Männer hatten inzwischen ihre Kräfte zurückgewonnen.

    Sie trugen wieder römische Uniformen.

    Doch die Erlebnisse der Varusschlacht hatten Spuren hinterlassen.

    Severus zeigte ihnen eine Karte.

    „Ihr habt den Rückweg durch germanisches Gebiet gefunden.“

    Marcellus nickte.

    „Ja, Herr.“

    „Ihr kennt einige Wege, die unseren Kundschaftern unbekannt sind.“

    „Das ist möglich.“

    Severus legte eine Wachstafel auf den Tisch.

    Darauf standen zwei Namen.

    Titus Flavius Aquila.

    Marcus Valerius Corvinus.

    Petronius starrte darauf.

    „Ihr glaubt, dass sie leben?“

    „Wir wissen es nicht.“

    „Aber es gibt Hinweise?“

    „Es gibt Gerüchte.“

    Marcellus verschränkte die Arme.

    „Und was erwartet Ihr von uns?“

    Severus antwortete:

    „Ich möchte wissen, ob ihr bereit seid, uns bei der Suche nach Informationen zu helfen.“

    Petronius trat einen Schritt vor.

    „Wenn Aquila noch lebt, werde ich ihn nicht im Stich lassen.“

    Marcellus betrachtete den jungen Legionär.

    „Wir haben bereits genug Männer verloren.“

    Petronius erwiderte seinen Blick.

    „Eben deshalb.“

    Severus ließ die beiden einige Augenblicke allein.

    Schließlich sagte Marcellus:

    „Wenn wir gehen, dann nicht als blindlings marschierende Soldaten. Wir brauchen ortskundige Führer, sichere Kontakte und einen Rückweg.“

    Petronius nickte.

    „Einverstanden.“

    Als Severus zurückkehrte, erklärte Marcellus:

    „Wir sind bereit, Herr. Aber wir werden zuerst herausfinden, ob die Männer tatsächlich leben.“

    Severus lächelte kaum merklich.

    „Genau das hatte ich vor.“

    CAPUT XXIV – LIBERTAS ET FIDES

    Freiheit und Treue

    Cheruskergebiet – Sommer 11 n. Chr.

    Marcus Valerius Corvinus saß mit Hadubrand vor dessen Langhaus.

    Zwischen ihnen lag ein kleines Feuer.

    Inzwischen hatten sich die beiden Männer aneinander gewöhnt.

    Hadubrand war kein Freund Roms.

    Aber er behandelte Corvinus nicht mehr wie einen gewöhnlichen Feind.

    „Du hast mir einmal gesagt, dass Rom Frieden bringt“, begann der Germane.

    Corvinus nickte.

    „Ja.“

    „Und dennoch haben eure Soldaten unsere Dörfer betreten, Abgaben verlangt und unsere Männer vor fremde Richter gestellt.“

    „Rom braucht Gesetze.“

    „Wir haben eigene Gesetze.“

    Corvinus betrachtete das Feuer.

    „Eure Stämme bekämpfen sich gegenseitig.“

    Hadubrand lachte leise.

    „Und eure Römer nicht?“

    Der Tribun schwieg.

    „Ich habe von euren Bürgerkriegen gehört“, fuhr Hadubrand fort. „Von Caesar und Pompeius. Von Antonius und Octavian. Ihr sprecht von Frieden, aber eure eigenen Feldherren haben gegeneinander gekämpft.“

    Corvinus nickte langsam.

    „Das stimmt.“

    Hadubrand sah ihn überrascht an.

    „Du gibst es zu?“

    „Ich bin Römer, Hadubrand. Kein Lügner.“

    Der Germane lächelte.

    „Vielleicht gibt es doch einen Unterschied.“

    Eine Weile schwiegen beide.

    Dann fragte Corvinus:

    „Was wird mit mir geschehen?“

    Hadubrand blickte in Richtung der anderen Häuser.

    „Das hängt von Arminius ab.“

    „Und was würdest du tun?“

    Der alte Germane antwortete nicht sofort.

    „Ich würde dich gehen lassen.“

    Corvinus sah ihn an.

    „Warum?“

    „Weil ein Mann, der lange genug unter seinen Feinden gelebt hat, vielleicht anders über sie denkt.“

    Corvinus blickte in die Flammen.

    „Und wenn ich zurückkehre, werde ich wieder Soldat sein.“

    Hadubrand nickte.

    „Das weiß ich.“

    „Vielleicht stehen wir uns eines Tages auf einem Schlachtfeld gegenüber.“

    Der Germane antwortete leise:

    „Dann hoffe ich, dass wir einander rechtzeitig erkennen.“

    EPILOG – AQUILAE NON OBLIVISCUNTUR

    Die Adler werden nicht vergessen

    Rheingrenze – Spätsommer 11 n. Chr.

    Drei Männer standen an drei verschiedenen Orten.

    Tiberius betrachtete im römischen Hauptquartier die Karten Germaniens.

    Er wusste, dass die Sicherheit der Grenze noch lange nicht gewährleistet war. Die germanischen Stämme waren nicht besiegt, und der Name Arminius würde Rom noch beschäftigen.

    Marcus Valerius Corvinus stand in einer cheruskischen Siedlung und blickte nach Westen.

    Er dachte an Rom, an seine Familie und an die Männer seiner Legion.

    Zum ersten Mal fragte er sich jedoch auch, ob ein dauerhafter Frieden zwischen Römern und Germanen möglich sein könnte.

    Titus Flavius Aquila stand in einem abgelegenen Heiligtum vor dem Adler der siebzehnten Legion.

    Er wusste, dass seine Kameraden tot waren.

    Er wusste nicht, ob Rom jemals von seinem Schicksal erfahren würde.

    Aber er hatte einen Entschluss gefasst.

    Er würde nicht sterben, solange er noch eine Möglichkeit sah, das Feldzeichen zurückzubringen.

    Zur selben Zeit bereitete Lucius Cornelius Severus am Rhein eine kleine Aufklärungsunternehmung vor.

    Lucius Petronius und Quintus Aelius Marcellus gehörten zu den ausgewählten Männern.

    Ihr Auftrag war begrenzt.

    Sie sollten Nachrichten sammeln, mögliche Gefangene ausfindig machen und den Aufenthaltsort eines verlorenen Legionsadlers überprüfen.

    Noch wussten sie nicht, dass sich im Cheruskergebiet ein Streit entwickelte, der ihnen vielleicht eine Gelegenheit eröffnen würde.

    Und sie wussten nicht, dass ein römischer Militärtribun namens Marcus Valerius Corvinus bereits begonnen hatte, die politischen Schwächen des germanischen Bündnisses zu erkennen.

    In Rom war Kaiser Augustus inzwischen alt geworden.

    Doch die Erinnerung an die Varusschlacht blieb.

    Die Adler der drei Legionen waren verloren.

    Nicht aber der Wille, sie zurückzuholen.

    ROMA NON OBLIVISCITUR.

    Rom vergisst nicht.

  • Die Söhne des Adlers


    Germania Magna und die römische Rheingrenze – 12 bis 14 n. Chr.

    Drei Jahre waren seit der Vernichtung der Legionen XVII, XVIII und XIX vergangen.

    Das Römische Reich hatte die Niederlage nicht vergessen. Unter Tiberius waren die Truppen an der Rheingrenze neu geordnet worden. Die Grenzbefestigungen waren verstärkt, die Versorgung gesichert und die Aufklärung über die germanischen Stämme verbessert worden.

    Doch die drei verlorenen Legionsadler befanden sich weiterhin in germanischer Hand.

    Jenseits des Rheins hatte Arminius Mühe, die Bündnisse aufrechtzuerhalten, die seinen Sieg erst möglich gemacht hatten. Einige Stammesführer betrachteten ihn als Befreier, andere fürchteten seinen wachsenden Einfluss.

    Inmitten dieser Spannungen begann eine Unternehmung, die in keiner offiziellen römischen Chronik verzeichnet werden sollte.

    Eine kleine Gruppe ehemaliger Soldaten der siebzehnten Legion wollte herausfinden, ob ihre verschollenen Kameraden noch lebten.

    Ihr Ziel war zunächst nicht der Krieg.

    Es war die Wahrheit.

    CAPUT XXV – FRATRES ARMORUM

    Waffenbrüder

    Vetera, am Niederrhein – Frühjahr 12 n. Chr.

    Der Regen hatte aufgehört, doch der Boden des Exerzierplatzes war noch feucht.

    Lucius Petronius stand neben Quintus Aelius Marcellus und beobachtete eine Einheit junger Legionäre bei ihrer Ausbildung.

    Die Männer übten das Vorrücken in geschlossener Formation. Ihre Ausbilder korrigierten die Abstände zwischen den Schilden und ließen die Soldaten immer wieder dieselben Bewegungen ausführen.

    Petronius betrachtete die Szene schweigend.

    „Sie erinnern mich an uns“, sagte er schließlich.

    Marcellus nickte.

    „An uns, bevor wir nach Germanien marschierten.“

    „Damals glaubten wir, dass die Legionen unbesiegbar wären.“

    „Das glauben die Jungen noch immer.“

    Petronius wandte sich zu ihm.

    „Sollten wir ihnen erzählen, was geschehen ist?“

    Marcellus blickte auf die übenden Soldaten.

    „Ja. Aber nicht, um ihnen Angst zu machen.“

    „Sondern?“

    „Damit sie lernen, dass Disziplin allein nicht genügt, wenn ihre Offiziere die Gefahr falsch einschätzen.“

    Ein Hornsignal unterbrach das Gespräch.

    Ein Bote näherte sich.

    „Quintus Aelius Marcellus? Lucius Petronius?“

    Beide Männer bestätigten ihre Namen.

    „Der Militärtribun Lucius Cornelius Severus erwartet euch im Hauptquartier.“

    Marcellus sah Petronius an.

    „Dann ist es so weit.“

    Der geheime Auftrag

    Severus erwartete sie in einem kleinen Raum neben der Schreibstube des Legaten.

    Auf einem Tisch lagen Wachstafeln, eine Karte des östlichen Rheinufers und mehrere Berichte von Kundschaftern.

    „Wir haben neue Nachrichten“, begann Severus.

    Petronius trat näher.

    „Über Aquila?“

    „Möglicherweise.“

    Severus nahm eine Wachstafel.

    „Ein Händler, der zwischen den germanischen Siedlungen und dem Rhein verkehrt, hat von einem römischen Gefangenen berichtet. Ein Mann mittleren Alters, mit einer auffälligen Narbe im Gesicht.“

    Marcellus verschränkte die Arme.

    „Das könnte jeder sein.“

    „Der Mann soll Latein sprechen und sich mit römischen Feldzeichen auskennen.“

    Petronius hob den Kopf.

    „Aquila.“

    „Vielleicht“, antwortete Severus. „Aber wir dürfen Vermutungen nicht mit Gewissheit verwechseln.“

    Er deutete auf einen Punkt der Karte.

    „Der Händler erwähnt ein Heiligtum im Gebiet der Cherusker. Dort sollen römische Waffen und ein vergoldeter Adler aufbewahrt werden.“

    Marcellus betrachtete die Karte.

    „Das liegt weit jenseits des Rheins.“

    „Ja.“

    „Und Ihr wollt, dass wir dorthin gehen?“

    Severus schüttelte den Kopf.

    „Ich will zunächst wissen, ob die Nachricht stimmt. Ihr kennt einige Wege und habt bereits Kontakte zu germanischen Bewohnern geknüpft.“

    Petronius erinnerte sich an Albruna, die ihnen während ihrer Flucht geholfen hatte.

    „Wir könnten versuchen, sie wiederzufinden.“

    Severus nickte.

    „Aber ihr werdet nicht als römische Soldaten reisen.“

    Marcellus blickte ihn an.

    „Als was dann?“

    „Als Begleiter eines Händlers.“

    „Und unsere Waffen?“

    „Nur das Nötigste. Ihr sollt beobachten, nicht kämpfen.“

    Petronius schwieg einen Augenblick.

    Dann fragte er:

    „Und wenn wir Aquila finden?“

    Severus antwortete:

    „Dann werdet ihr versuchen, eine Nachricht über seinen Zustand zurückzubringen. Keine eigenmächtige Befreiung.“

    Marcellus nickte.

    Doch Petronius dachte an seinen ehemaligen Centurio.

    Er hatte ihm einst versprochen, die Legion nicht im Stich zu lassen.

    Und dieses Versprechen galt noch immer.

    CAPUT XXVI – TRANS RHENUM

    Jenseits des Rheins

    Drei Wochen später überquerte ein kleines Handelsschiff den Rhein.

    An Bord befanden sich fünf Männer.

    Der Händler Gaius Licinius Varro, ein erfahrener Kaufmann aus Gallien, führte Waren mit sich, die bei den germanischen Stämmen begehrt waren: Metallwerkzeuge, Glasgefäße, Salz und fein gearbeitete Fibeln.

    Petronius und Marcellus begleiteten ihn als angebliche Gehilfen.

    Zwei weitere Männer waren ortskundige Führer.

    Der ältere von ihnen hieß Adalric.

    Er sprach fließend Latein und hatte viele Jahre Handel mit römischen Grenzsiedlungen betrieben.

    „Ihr solltet eure römische Haltung ablegen“, sagte er, als das Boot das östliche Ufer erreichte.

    Petronius runzelte die Stirn.

    „Was meinst du?“

    Adalric lächelte.

    „Ihr geht, als würdet ihr auf einen Befehl warten. Und ihr beobachtet jeden Baum, als könnte dahinter ein Feind stehen.“

    Marcellus erwiderte trocken:

    „Das hat uns bisher am Leben gehalten.“

    „Hier könnte es euch verraten.“

    Sie verließen das Boot.

    Vor ihnen erstreckte sich ein schmaler Weg, der zwischen niedrigen Hügeln und dichtem Wald nach Osten führte.

    Petronius blieb einen Augenblick stehen.

    Er erinnerte sich an den letzten Marsch der siebzehnten Legion.

    An die Schreie.

    An den Regen.

    An die Männer, die niemals zurückgekehrt waren.

    Marcellus bemerkte sein Zögern.

    „Alles in Ordnung?“

    Petronius nickte.

    „Ja.“

    Doch als sie den Wald betraten, hatte er das Gefühl, wieder in jene Tage zurückzukehren, die sein Leben für immer verändert hatten.

    CAPUT XXVII – INTER DUOS POPULOS

    Zwischen zwei Völkern

    Cheruskergebiet – Frühsommer 12 n. Chr.

    Marcus Valerius Corvinus war inzwischen kein gewöhnlicher Gefangener mehr.

    Er lebte im Haus Hadubrands, durfte sich innerhalb der Siedlung bewegen und wurde nicht mehr ständig bewacht.

    Doch seine Freiheit blieb begrenzt.

    Er durfte das Gebiet der Cherusker nicht verlassen.

    Arminius hatte ihm deutlich gemacht, dass jeder Versuch, den Rhein zu erreichen, als Flucht betrachtet würde.

    An einem warmen Morgen saß Corvinus vor dem Langhaus und reparierte einen beschädigten Lederriemen.

    Hadubrand beobachtete ihn.

    „Du arbeitest inzwischen wie einer unserer Männer.“

    Corvinus lächelte.

    „In Rom hätte mein Vater einen Sklaven dafür gerufen.“

    „Dann hast du hier etwas gelernt.“

    „Offenbar.“

    Hadubrand setzte sich neben ihn.

    „Vermisst du Rom?“

    Corvinus legte den Riemen beiseite.

    „Jeden Tag.“

    „Was vermisst du am meisten?“

    Der Tribun dachte nach.

    „Die Straßen. Die Bibliotheken. Die Stimmen auf dem Forum.“

    Er schwieg kurz.

    „Und meine Mutter.“

    Hadubrand nickte.

    „Lebt sie noch?“

    „Als ich Rom verließ, ja.“

    „Dann wartet sie vielleicht auf dich.“

    Corvinus blickte nach Westen.

    „Vielleicht glaubt sie längst, dass ich tot bin.“

    Hadubrand wollte antworten, als ein Reiter in die Siedlung kam.

    Er trug das Zeichen eines Boten des Arminius.

    Der Mann stieg ab und fragte nach Corvinus.

    „Arminius verlangt deine Anwesenheit.“

    „Weshalb?“

    „Es gibt Streit unter den Stammesführern.“

    Corvinus erhob sich langsam.

    Er wusste inzwischen, dass solche Einladungen selten etwas Gutes bedeuteten.

    CAPUT XXVIII – DER STREIT UM DIE BEUTE

    Im großen Versammlungshaus hatten sich mehrere Häuptlinge eingefunden.

    Haganmar stand neben einem Tisch, auf dem römische Waffen und Schmuckstücke lagen.

    Arminius saß ihm gegenüber.

    Die Stimmung war angespannt.

    „Du hast kein Recht, über die Beute aller Stämme zu entscheiden!“, rief Haganmar.

    Arminius antwortete ruhig:

    „Ich habe nicht über die Beute entschieden. Ich habe verlangt, dass die Feldzeichen nicht zum Gegenstand persönlicher Streitigkeiten werden.“

    Haganmar schlug mit der Faust auf den Tisch.

    „Der Adler gehört den Männern, die ihn erobert haben!“

    „Er gehört zum gemeinsamen Sieg.“

    „Das sagst du, weil du ihn selbst besitzen willst!“

    Mehrere Krieger murmelten zustimmend.

    Corvinus blieb am Eingang stehen.

    Arminius bemerkte ihn.

    „Komm näher.“

    Der Tribun trat vor.

    Haganmar musterte ihn verächtlich.

    „Warum lässt du einen Römer an unserer Beratung teilnehmen?“

    „Weil er uns erklären kann, was diese Feldzeichen für Rom bedeuten.“

    Arminius wandte sich an Corvinus.

    „Sprich.“

    Corvinus betrachtete die versammelten Männer.

    „Ein Legionsadler ist das höchste Feldzeichen einer römischen Legion. Er steht für ihre Ehre, ihre Geschichte und ihre Gemeinschaft.“

    Haganmar lachte.

    „Dann haben wir Rom seine Ehre genommen.“

    „Einen Teil davon“, erwiderte Corvinus.

    „Und was wird Rom tun?“

    „Versuchen, sie zurückzugewinnen.“

    Haganmar lächelte triumphierend.

    „Dann sollen sie kommen.“

    Corvinus sah ihn an.

    „Du verstehst nicht.“

    „Was verstehe ich nicht?“

    „Solange ihr die Adler besitzt, wird Rom sie nicht vergessen. Jeder römische Feldherr, der einen von ihnen zurückbringt, kann großen Ruhm gewinnen.“

    Arminius nickte langsam.

    „Also werden sie eines Tages wiederkommen.“

    „Ja.“

    Haganmar trat näher.

    „Dann können wir sie erneut vernichten.“

    Corvinus antwortete:

    „Vielleicht. Aber Rom kann Niederlagen ersetzen. Könnt ihr das ebenfalls?“

    Ein unruhiges Schweigen entstand.

    Haganmar griff nach seinem Schwertgriff.

    Arminius erhob sich sofort.

    „Genug.“

    Die beiden Männer blickten einander an.

    Zum ersten Mal erkannte Corvinus deutlich, wie tief die Spaltung unter den Cheruskern bereits geworden war.

    CAPUT XXIX – CUSTOS AQUILAE

    Der Hüter des Adlers

    Ein Heiligtum im Cheruskergebiet – Sommer 12 n. Chr.

    Titus Flavius Aquila hatte gelernt, geduldig zu sein.

    Seit beinahe drei Jahren lebte er in Gefangenschaft.

    Seine Wunden waren verheilt, doch die Narbe an seiner rechten Wange erinnerte ihn jeden Morgen an den Untergang seiner Legion.

    Die Germanen hatten ihn nicht getötet.

    Sie betrachteten ihn als wertvollen Gefangenen, weil er mit römischen Waffen, Metallarbeiten und Feldzeichen vertraut war.

    Wulfgar, der Wächter des Heiligtums, hatte inzwischen eine gewisse Achtung vor ihm entwickelt.

    An diesem Morgen reinigte Aquila vorsichtig die metallene Stange des Legionsadlers.

    Wulfgar beobachtete ihn.

    „Du behandelst dieses Feldzeichen, als wäre es ein lebendiges Wesen.“

    Aquila antwortete:

    „Es ist die Erinnerung an Männer, die mir vertraut haben.“

    „Deine Männer sind tot.“

    „Nicht alle.“

    Wulfgar hob die Augenbrauen.

    „Woher willst du das wissen?“

    Aquila hielt inne.

    „Weil ich selbst überlebt habe.“

    Wulfgar schwieg.

    Dann setzte er sich auf eine Bank.

    „Haganmar will den Adler holen lassen.“

    Aquila blickte auf.

    „Wann?“

    „Bald.“

    „Wohin?“

    „In seine Siedlung. Er will ihn bei einer großen Versammlung zeigen.“

    Aquila legte das Tuch beiseite.

    „Und Arminius?“

    „Er widerspricht.“

    Der Centurio betrachtete das Feldzeichen.

    Er wusste, dass ein Transport eine Gelegenheit bieten könnte.

    Doch er wusste ebenso, dass ein Fluchtversuch ohne Hilfe kaum Aussicht auf Erfolg hatte.

    Wulfgar bemerkte seinen Blick.

    „Du denkst daran, ihn zu stehlen.“

    Aquila antwortete nicht.

    Der Germane lächelte schwach.

    „Ich kenne dich inzwischen gut genug.“

    „Dann weißt du, dass ich es versuchen werde.“

    Wulfgar wurde ernst.

    „Und ich werde dich aufhalten müssen.“

    Die beiden Männer sahen einander lange an.

    Zwischen ihnen bestand keine Freundschaft.

    Aber etwas, das vielleicht noch schwieriger war.

    Gegenseitiger Respekt.

    CAPUT XXX – DIE ENTSCHEIDUNG

    In der folgenden Nacht konnte Aquila nicht schlafen.

    Er saß auf seinem Strohlager und dachte über seine Möglichkeiten nach.

    Wenn er allein floh, könnte er vielleicht den Rhein erreichen.

    Doch der Adler bliebe zurück.

    Wenn er versuchte, das Feldzeichen mitzunehmen, würde seine Flucht sofort bemerkt werden.

    Er kannte die Wege nicht gut genug.

    Er besaß keine Vorräte.

    Und sein Körper war nach den Jahren der Gefangenschaft nicht mehr so kräftig wie früher.

    Schließlich erhob er sich.

    Er trat an die kleine Öffnung in der Wand und blickte hinaus.

    Über den Baumwipfeln stand der Mond.

    Aquila dachte an Lucius Petronius.

    An Quintus Aelius Marcellus.

    An die Männer seiner Centurie.

    Und an den Eid, den er einst vor dem Adler geschworen hatte.

    Er legte die rechte Hand auf seine Brust.

    „Per aquilam“, flüsterte er.

    Beim Adler.

    Dann traf er seine Entscheidung.

    Er würde nicht allein fliehen.

    Er würde warten, bis sich eine Gelegenheit bot, den Adler mitzunehmen.

    Selbst wenn er dafür noch länger in Gefangenschaft bleiben musste.

    CAPUT XXXI – ALBRUNA

    Eine germanische Siedlung – Spätsommer 12 n. Chr.

    Petronius erkannte die Siedlung sofort wieder.

    Es war derselbe Ort, an dem Albruna den Überlebenden der siebzehnten Legion einst geholfen hatte.

    Die Häuser standen noch an denselben Stellen.

    Kinder spielten zwischen den Gebäuden.

    Am Rand der Siedlung arbeiteten Männer an einem beschädigten Wagen.

    Adalric führte die Händlergruppe zum Haus des Dorfältesten.

    Wenig später erschien Albruna.

    Sie blieb stehen, als sie Petronius erkannte.

    „Du?“

    Petronius lächelte.

    „Ja.“

    Sie betrachtete seine Kleidung.

    „Du bist zurückgekommen.“

    „Ich habe dir damals versprochen, dass ich deine Hilfe nicht vergessen werde.“

    Albruna sah zu Marcellus.

    „Und du auch.“

    Der ehemalige Optio nickte.

    „Wir leben noch. Auch dank dir.“

    Albruna führte sie in ihr Haus.

    Dort erklärte Petronius vorsichtig, weshalb sie zurückgekehrt waren.

    Als er den Namen Titus Flavius Aquila erwähnte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

    „Ein römischer Offizier?“

    „Ja.“

    „Mit einer Narbe im Gesicht?“

    Petronius richtete sich auf.

    „Du kennst ihn?“

    „Nicht persönlich.“

    „Aber du hast von ihm gehört?“

    Albruna nickte.

    „Ein Händler erzählte von einem Römer, der in einem Heiligtum lebt.“

    Marcellus beugte sich vor.

    „Wo?“

    Albruna zögerte.

    „Das Gebiet gehört Männern, die Arminius unterstützen. Aber Haganmar beansprucht inzwischen die dort aufbewahrten Waffen.“

    Petronius spürte, wie sein Herz schneller schlug.

    „Dann könnte es Aquila sein.“

    Albruna sah ihn ernst an.

    „Wenn ihr dorthin geht, werdet ihr möglicherweise nicht zurückkehren.“

    Marcellus antwortete:

    „Das wissen wir.“

    Sie schwieg lange.

    Dann sagte sie:

    „Ich kenne jemanden, der euch helfen könnte.“

    CAPUT XXXII – DER MANN ZWISCHEN DEN STÄMMEN

    Am nächsten Morgen führte Albruna die Männer zu einem abgelegenen Hof.

    Dort lebte ein älterer Germane namens Beromar.

    Er war einst ein angesehener Krieger gewesen, hatte sich jedoch nach mehreren Streitigkeiten aus den politischen Versammlungen zurückgezogen.

    Beromar hörte sich ihre Geschichte an.

    Dann fragte er:

    „Warum wollt ihr diesen Adler zurückholen?“

    Petronius antwortete:

    „Weil er zu unserer Legion gehört.“

    „Eure Legion existiert nicht mehr.“

    „Ihre Männer haben existiert.“

    Beromar betrachtete ihn.

    „Du bist jung.“

    „Ja.“

    „Und du bist bereit, für ein Stück Metall zu sterben?“

    Petronius schüttelte den Kopf.

    „Nicht für das Metall.“

    „Wofür dann?“

    „Für die Männer, die unter diesem Zeichen gestorben sind.“

    Beromar schwieg.

    Schließlich wandte er sich an Marcellus.

    „Und du?“

    „Ich will zuerst wissen, ob unser Centurio noch lebt.“

    Beromar nickte.

    „Das ist wenigstens ein vernünftiger Grund.“

    Er trat zum Fenster.

    „Ich kann euch nicht zum Heiligtum führen. Aber ich kenne einen Mann, der dort ein- und ausgeht.“

    Petronius fragte:

    „Wer?“

    „Hadubrand.“

    Marcellus runzelte die Stirn.

    „Wer ist das?“

    „Ein alter Cherusker. Er hält einen römischen Gefangenen in seinem Haus.“

    Petronius erstarrte.

    „Einen römischen Gefangenen?“

    Beromar nickte.

    „Einen Offizier.“

    Marcellus und Petronius blickten einander an.

    „Corvinus“, flüsterte Petronius.

    CAPUT XXXIII – HERES IMPERII

    Der Erbe des Imperiums

    Rom – 13 n. Chr.

    Germanicus Julius Caesar gehörte zu den bekanntesten jungen Männern der römischen Führungsschicht.

    Er war der Adoptivsohn des Tiberius und stand in enger Verbindung zur Familie des Augustus.

    Seine militärische Laufbahn hatte ihn bereits in verschiedene Teile des Reiches geführt.

    Nun richtete sich sein Blick zunehmend nach Norden.

    Germanien.

    Der Name allein erinnerte Rom an die verlorenen Legionen.

    In einem Gespräch mit einem erfahrenen Offizier betrachtete Germanicus eine Karte des Rheingebietes.

    „Drei Legionen“, sagte er.

    Der Offizier nickte.

    „Ja.“

    „Und ihre Adler sind noch immer verloren.“

    „Soweit wir wissen.“

    Germanicus schwieg.

    Dann fragte er:

    „Was hat Varus falsch gemacht?“

    Der Offizier antwortete vorsichtig:

    „Er vertraute seinen germanischen Verbündeten. Er unterschätzte das Gelände. Und er ließ seine Truppen in einer Marschordnung vorrücken, die für einen plötzlichen Angriff ungeeignet war.“

    Germanicus betrachtete die Karte.

    „Dann dürfen wir seine Fehler nicht wiederholen.“

    „Nein.“

    „Aber wir dürfen auch nicht glauben, dass die Germanen unbesiegbar sind.“

    Der Offizier nickte.

    Germanicus trat zum Fenster.

    „Eines Tages wird Rom diese Wälder wieder betreten.“

    Er sprach nicht laut.

    Doch seine Worte klangen wie ein Versprechen.

    CAPUT XXXIV – DIE LETZTEN TAGE DES AUGUSTUS

    Rom – Sommer 14 n. Chr.

    Kaiser Augustus war alt geworden.

    Seine Kräfte schwanden.

    In den letzten Monaten seines Lebens beschäftigte ihn zunehmend die Frage, wie das Reich nach seinem Tod weiterbestehen würde.

    Tiberius war als Nachfolger vorgesehen.

    Germanicus sollte eine wichtige Rolle in der nächsten Generation der kaiserlichen Familie spielen.

    Doch die Erinnerung an Germanien blieb.

    In einer fiktiven letzten Unterredung fragte Augustus seinen Adoptivsohn:

    „Ist der Rhein sicher?“

    Tiberius antwortete:

    „Unsere Legionen halten die Grenze.“

    „Und Arminius?“

    „Er lebt. Seine Bündnisse bestehen noch, aber sie sind nicht ohne Spannungen.“

    Augustus schloss kurz die Augen.

    „Dann wird Germanien noch lange eine Aufgabe für uns bleiben.“

    Tiberius nickte.

    „Ja.“

    Augustus sah ihn an.

    „Versprich mir, dass du die Soldaten nicht für Ruhm opferst.“

    Tiberius antwortete:

    „Ich werde tun, was für Rom notwendig ist.“

    Wenig später, am 19. August 14 n. Chr., starb Augustus.

    Mit seinem Tod endete eine Epoche.

    Tiberius wurde Kaiser.

    Und Germanicus erhielt eine neue Bedeutung für die Zukunft des Reiches.

    CAPUT XXXV – SIGNUM VIVIT

    Das Feldzeichen lebt

    Cheruskergebiet – Herbst 13 n. Chr.

    Die Suche nach Aquila hatte länger gedauert als erwartet.

    Petronius und Marcellus hatten sich mehrfach zurückziehen müssen.

    Haganmars Männer kontrollierten die Wege zum Heiligtum.

    Erst durch die Vermittlung Beromars gelang es ihnen, eine Nachricht an Hadubrand zu übermitteln.

    Der alte Cherusker reagierte zunächst misstrauisch.

    Doch als er erfuhr, dass die beiden Männer nach einem römischen Offizier suchten, ließ er sie heimlich zu sich kommen.

    In seinem Haus begegneten sie Marcus Valerius Corvinus.

    Für einen Augenblick sagte niemand etwas.

    Dann trat Petronius vor.

    „Tribun?“

    Corvinus starrte ihn an.

    „Petronius?“

    „Ja, Herr.“

    Corvinus erhob sich.

    „Bei allen Göttern ...“

    Er griff nach den Schultern des jungen Mannes.

    „Du lebst.“

    Petronius nickte.

    „Und Marcellus ebenfalls.“

    Der ehemalige Optio trat näher und grüßte.

    Corvinus erwiderte den Gruß.

    Für einen kurzen Augenblick waren sie wieder Soldaten derselben Legion.

    Dann setzte sich Corvinus.

    „Wie viele haben überlebt?“

    Marcellus antwortete:

    „Von unserer Gruppe zwölf.“

    Corvinus senkte den Blick.

    „Zwölf.“

    Lange schwieg er.

    Dann fragte Petronius:

    „Habt Ihr etwas von Aquila gehört?“

    Corvinus hob den Kopf.

    „Ja.“

    Petronius hielt den Atem an.

    „Er lebt?“

    „Nach allem, was ich erfahren habe, ja.“

    Marcellus beugte sich vor.

    „Wo?“

    Corvinus deutete nach Osten.

    „In einem Heiligtum. Dort wird ein römischer Adler aufbewahrt.“

    Petronius schloss die Augen.

    Aquila lebte.

    Der Adler existierte noch.

    Und zum ersten Mal seit der Varusschlacht schien es möglich, beide zurückzubringen.

    CAPUT XXXVI – CONSILIUM OCCULTUM

    Der geheime Plan

    Corvinus erklärte den beiden Männern die politische Lage.

    Arminius versuchte, die Stammesführer zusammenzuhalten.

    Haganmar hingegen wollte die erbeuteten Feldzeichen nutzen, um seinen eigenen Einfluss zu vergrößern.

    „Der Adler soll verlegt werden“, sagte Corvinus.

    Marcellus blickte auf.

    „Wann?“

    „In wenigen Wochen, wenn die Wege wieder besser passierbar sind.“

    Petronius fragte:

    „Können wir den Transport überfallen?“

    Corvinus schüttelte den Kopf.

    „Das wäre Wahnsinn. Wir wissen nicht, wie viele Krieger ihn begleiten.“

    „Dann müssen wir Aquila vorher erreichen.“

    „Vielleicht.“

    Hadubrand, der bisher schweigend zugehört hatte, mischte sich ein.

    „Es gibt einen anderen Weg.“

    Alle blickten ihn an.

    „Wulfgar, der Wächter des Heiligtums, ist ein Mann, der sein Wort hält. Er steht nicht unter Haganmars unmittelbarem Befehl.“

    Corvinus runzelte die Stirn.

    „Du kennst ihn?“

    „Seit vielen Jahren.“

    „Würde er uns helfen?“

    Hadubrand antwortete:

    „Nicht, wenn ihr ihn bestehlen wollt.“

    Petronius fragte:

    „Und wenn wir ihm anbieten, den Gefangenen freizulassen?“

    Hadubrand dachte nach.

    „Dann könnte er zumindest zuhören.“

    Corvinus blickte auf die Karte.

    „Wir brauchen eine Möglichkeit, mit Aquila zu sprechen. Ohne dass Haganmar davon erfährt.“

    Marcellus nickte.

    „Und wir brauchen einen sicheren Rückweg.“

    Petronius sah die Männer an.

    „Dann haben wir einen Plan.“

    Corvinus schüttelte den Kopf.

    „Nein, Petronius.“

    Er deutete auf die Karte.

    „Wir haben erst eine Möglichkeit. Ein Plan entsteht, wenn wir wissen, wie wir alle lebend zurückkommen.“

    EPILOG – ANTE TEMPESTATEM

    Vor dem Sturm

    Germania Magna – Frühjahr 14 n. Chr.

    Der Winter wich langsam dem Frühling.

    Die Flüsse führten Schmelzwasser.

    Die Wege wurden wieder passierbar.

    In den germanischen Siedlungen bereiteten sich die Menschen auf die Aussaat vor.

    Doch der Frieden blieb unsicher.

    Arminius wusste, dass Rom seine Niederlage nicht vergessen hatte.

    Haganmar versuchte weiterhin, die Unzufriedenheit einzelner Stammesführer für seine eigenen Ziele zu nutzen.

    Marcus Valerius Corvinus stand vor einer Entscheidung.

    Er konnte versuchen, mit seinen ehemaligen Kameraden zu fliehen.

    Oder er konnte bleiben und darauf hoffen, dass sein Wissen über die germanischen Bündnisse eines Tages einen größeren Krieg verhindern würde.

    Titus Flavius Aquila ahnte noch nicht, dass seine Kameraden nach ihm suchten.

    Doch eines Morgens erschien Wulfgar im Heiligtum.

    Der Germane wirkte ungewöhnlich ernst.

    „Aquila.“

    Der Centurio wandte sich um.

    „Was ist?“

    Wulfgar trat näher.

    „Es gibt Männer, die dich sehen wollen.“

    Aquila runzelte die Stirn.

    „Welche Männer?“

    Wulfgar antwortete nicht sofort.

    Dann sagte er auf Latein:

    „Filii Aquilae.“

    Aquila erstarrte.

    Die Söhne des Adlers.

    Er kannte diese Worte.

    Es war die Bezeichnung, mit der seine Legionäre sich gelegentlich selbst bezeichnet hatten.

    Langsam erhob er sich.

    „Wer hat dir diese Worte gesagt?“

    Wulfgar betrachtete ihn.

    „Ein junger Römer.“

    „Sein Name?“

    „Lucius Petronius.“

    Aquila schloss die Augen.

    Für einen Augenblick war er wieder auf dem Schlachtfeld.

    Er hörte die Schreie seiner Männer.

    Er sah die zerbrochenen Schilde.

    Und er erinnerte sich an den jungen Legionär, der ihn einst gefragt hatte, ob sie den Rhein jemals wiedersehen würden.

    Dann öffnete er die Augen.

    „Er lebt?“

    Wulfgar nickte.

    „Ja.“

    Aquila blickte auf den goldenen Adler.

    Zum ersten Mal seit fast fünf Jahren spürte er Hoffnung.

    Doch gleichzeitig wusste er, dass die schwierigste Entscheidung noch vor ihm lag.

    Denn eine Flucht konnte sein Leben retten.

    Aber die Rückgewinnung des Adlers konnte das Leben aller Beteiligten kosten.

    Er wandte sich zu Wulfgar.

    „Dann richte ihm aus, dass ich auf ihn warte.“

    Der Germane nickte.

    „Und der Adler?“

    Aquila trat vor das Feldzeichen.

    Er legte die Hand auf die Stange.

    „Der Adler kommt mit uns.“

    AQUILA REVERTETUR.

    Der Adler wird zurückkehren.

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