Germania Magna – 9 n. Chr.
Im neunten Jahr nach Christi Geburt steht das Römische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Kaiser Augustus herrscht über ein gewaltiges Imperium. Seine Legionen sichern die Grenzen von Britannien bis zum Euphrat, von den Wüsten Afrikas bis zu den Wäldern Germaniens. Doch jenseits des Rheins wächst ein Widerstand, den die römischen Statthalter unterschätzen. Publius Quinctilius Varus, Statthalter der germanischen Gebiete, glaubt, die dort lebenden Stämme endgültig der römischen Herrschaft unterwerfen zu können. Er vertraut auf die Macht seiner Legionen und auf die Loyalität eines jungen germanischen Fürsten, der in Rom erzogen wurde und römisches Bürgerrecht besitzt. Sein Name ist Arminius. Was Varus nicht weiß: Arminius bereitet einen Aufstand vor, der das Schicksal Germaniens verändern wird.
PARS PRIMA – UMBRAE BELLI
CAPUT I – DER ADLER AM RHEIN
Mogontiacum, Provinz Germania Superior – Frühjahr 9 n. Chr.
Der Morgennebel lag schwer über dem Rhein.
Auf den hölzernen Wachtürmen des römischen Militärlagers standen Legionäre und beobachteten das gegenüberliegende Ufer. Dort begann eine Welt, die viele von ihnen nur aus den Erzählungen ihrer Kameraden kannten.
Germania Magna.
Ein Land gewaltiger Wälder, unberechenbarer Flüsse und unzähliger Stämme, deren Namen selbst erfahrene Offiziere kaum auseinanderhalten konnten.
Für die Männer der Legionen war Germanien kein Land des Ruhmes. Es war ein Land des Regens, der Kälte und der endlosen Märsche.
Titus Flavius Aquila stand auf dem Wehrgang und betrachtete die langsam vorbeiziehenden Lastkähne.
Er war zweiunddreißig Jahre alt, Centurio und seit beinahe fünfzehn Jahren Soldat.
Seine ersten Feldzüge hatte er in Pannonien erlebt. Später war er an den Rhein versetzt worden. Dort hatte er gelernt, dass ein Feind, den man nicht sehen konnte, gefährlicher war als ein Heer, das offen auf einem Schlachtfeld stand.
Neben ihm erschien Marcus Valerius Corvinus, ein junger Tribun aus einer angesehenen römischen Familie.
„Du siehst aus, als würdest du einen Angriff erwarten, Aquila.“
Der Centurio wandte sich nicht um.
„Ich erwarte keinen Angriff, Tribun. Ich frage mich nur, weshalb wir noch immer glauben, dieses Land erobern zu können.“
Corvinus lächelte.
„Weil Rom alles erobern kann.“
„Das haben die Männer des Crassus auch geglaubt.“
Das Lächeln verschwand.
Die Niederlage bei Carrhae lag mehr als sechzig Jahre zurück, doch der Verlust der römischen Feldzeichen war noch immer eine schmerzliche Erinnerung.
„Germanen sind keine Parther“, erwiderte Corvinus.
„Nein“, sagte Aquila. „Die Parther lassen uns wenigstens erkennen, wo der Feind steht.“
Ein Hornsignal unterbrach das Gespräch.
Ein Bote war eingetroffen.
Er brachte Befehle aus dem Norden.
Der Statthalter Publius Quinctilius Varus verlangte weitere erfahrene Offiziere für seine Streitkräfte im germanischen Operationsgebiet.
Aquila sollte sich unverzüglich auf den Weg machen.
Sein neues Kommando lag bei der Legio XVII, einer jener drei Legionen, die unter Varus standen.
Der Centurio nahm die versiegelte Wachstafel entgegen.
Noch ahnte er nicht, dass er seine Heimat niemals wiedersehen würde.
CAPUT II – DER FÜRST MIT ZWEI GESICHTERN
Im Gebiet der Cherusker – Frühsommer 9 n. Chr.
Arminius saß am Feuer seines Vaters Segimer.
Um ihn hatten sich mehrere Männer versammelt, die zu den angesehensten Familien der Cherusker gehörten.
Einige trugen römische Schwerter. Andere hatten ihre Waffen nach germanischer Sitte gefertigt. Ihre Kleidung bestand aus grober Wolle, Leder und schweren Umhängen.
Arminius unterschied sich von ihnen.
Er hatte in Rom gelebt, römische Offiziere kennengelernt und in römischen Diensten gekämpft.
Er kannte ihre Sprache, ihre Gesetze und ihre Art, Krieg zu führen.
Vor allem aber kannte er ihre Schwächen.
„Varus verlangt neue Abgaben“, sagte ein älterer Stammesführer. „Er lässt unsere Männer vor seine Richter bringen. Er behandelt uns, als wären wir längst römische Untertanen.“
„Weil er glaubt, dass wir es sind“, antwortete Arminius.
Ein junger Krieger schlug mit der Faust gegen seinen Schild.
„Dann sollten wir ihm zeigen, dass er sich irrt!“
Arminius hob die Hand.
„Und wie? Indem wir mit fünftausend Männern gegen drei Legionen marschieren?“
Niemand antwortete.
„Die Römer sind auf offenem Gelände beinahe unbesiegbar. Ihre Legionäre kämpfen in geschlossenen Formationen. Ihre Centurionen halten die Reihen zusammen. Ihre Reiterei verfolgt jeden, der flieht.“
„Dann können wir sie nicht schlagen“, murmelte einer der Männer.
Arminius lächelte kalt.
„Doch. Wir dürfen sie nur nicht dort bekämpfen, wo sie stark sind.“
Er nahm einen Ast und zeichnete Linien in die Erde.
„Hier verläuft der Weg durch die Wälder. Hier liegen die sumpfigen Niederungen. Und hier werden ihre Wagen nicht mehr nebeneinander fahren können.“
Ein alter Krieger beugte sich vor.
„Du willst sie in den Wald locken?“
„Ich will, dass Varus glaubt, er müsse einen Aufstand niederschlagen.“
„Und dann?“
Arminius blickte in die Gesichter der versammelten Männer.
„Dann werden seine Legionen marschieren. Nicht als Schlachtheer, sondern als lange Kolonne mit Gepäck, Dienern und Wagen.“
Er zog mit dem Ast eine tiefe Furche durch die Erde.
„Wir werden diese Kolonne zerreißen.“
Lange herrschte Schweigen.
Schließlich fragte Segimer:
„Und was geschieht, wenn dein Plan misslingt?“
Arminius sah seinen Vater an.
„Dann wird Rom unsere Dörfer niederbrennen.“
„Und wenn er gelingt?“
„Dann wird Rom lernen, dass Germanien nicht sein Eigentum ist.“
CAPUT III – DIE WARNUNG DES SEGESTES
Sommerlager des Varus, 9 n. Chr.
Publius Quinctilius Varus war ein Mann, der an Ordnung glaubte.
Er hatte in Syrien gedient und war daran gewöhnt, dass römische Befehle ausgeführt wurden.
Nun saß er in seinem Hauptquartier, umgeben von Schreibern, Offizieren und Vertretern germanischer Stämme.
Auf seinem Tisch lagen Wachstafeln mit Steuerforderungen, Beschwerden und Verwaltungsanordnungen.
Vor ihm stand Segestes, ein angesehener Cherusker.
„Du vertraust Arminius zu sehr“, sagte Segestes.
Varus blickte auf.
„Er hat Rom treu gedient.“
„Er dient zuerst seinem Volk.“
„Das ist kein Verbrechen.“
„Nein. Aber es wird eines werden, wenn du seine Absichten nicht erkennst.“
Varus legte den Schreibgriff beiseite.
„Sprich deutlich.“
Segestes trat näher.
„Arminius versammelt Krieger. Er spricht mit Männern, die Rom hassen. Er bereitet etwas vor.“
Der Statthalter schwieg.
Dann lehnte er sich zurück.
„Du hast persönliche Gründe, ihm zu misstrauen.“
Segestes presste die Lippen zusammen.
„Das macht meine Warnung nicht falsch.“
„Ich werde darüber nachdenken.“
Segestes erkannte, dass das Gespräch beendet war.
Als er das Zelt verließ, begegnete er Arminius.
Die beiden Männer blieben stehen.
„Du solltest vorsichtig sein“, sagte Segestes leise.
Arminius erwiderte seinen Blick.
„Das solltest du ebenfalls.“
Keiner von ihnen verneigte sich.
Im Inneren des Zeltes nahm Varus inzwischen die nächste Wachstafel entgegen.
Eine Meldung berichtete von Unruhen in einem entfernten Stammesgebiet.
Der Statthalter entschied, mit seinen Legionen dorthin zu marschieren.
Die Falle begann sich zu schließen.
Der Marsch in den Tod
CAPUT IV – DIE DREI LEGIONEN
September 9 n. Chr.
Die Marschkolonne erstreckte sich über mehrere Kilometer.
Vorn bewegten sich Kundschafter und Vortruppen. Dahinter folgten Legionäre, Reiter, Maultiere, Versorgungswagen und Menschen, die das Heer begleiteten.
Die Feldzeichen der drei Legionen ragten über die Köpfe der Soldaten hinaus.
Legio XVII. Legio XVIII. Legio XIX.
Drei Adler.
Drei Legionen.
Ein Heer, das sich für unbesiegbar hielt.
Titus Flavius Aquila ritt neben seiner Centurie.
Sein Optio, Gaius Atilius Naso, führte die hinteren Reihen.
„Die Wagen kommen nicht voran“, meldete Naso.
„Dann sollen die Fuhrleute schneller arbeiten.“
„Der Weg ist aufgeweicht.“
Aquila blickte zum Himmel.
Dunkle Wolken hingen über den Baumwipfeln.
„Es wird regnen.“
„Es regnet seit drei Tagen.“
„Dann wird es eben noch einen vierten Tag regnen.“
Naso lachte nicht.
„Centurio, gefällt dir dieser Marsch?“
Aquila schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum?“
„Weil ich zu wenig sehe.“
Naso betrachtete die Bäume.
„Ich sehe genug Wald.“
„Eben.“
Ein Stück weiter hinten ritt Marcus Valerius Corvinus.
Er hatte inzwischen ebenfalls den Verband des Varus erreicht.
Neben ihm bewegte sich ein germanischer Reiter aus einer römischen Hilfseinheit.
Sein Name war Hadumar.
Er stammte aus einer Familie, die seit Jahren mit Rom zusammenarbeitete.
„Diese Wälder sind gefährlich“, sagte Hadumar.
Corvinus sah ihn an.
„Wegen der Tiere?“
„Wegen der Menschen.“
„Unsere Kundschafter melden keine feindlichen Krieger.“
Hadumar deutete auf den Boden.
„Siehst du die Spuren?“
Corvinus betrachtete den schlammigen Weg.
„Wagenräder.“
„Und dort?“
Zwischen den Wurzeln eines Baumes waren frische Fußabdrücke zu erkennen.
Viele Fußabdrücke.
Sie führten nicht zum Weg.
Sie verliefen parallel dazu.
Hadumar sprach sehr leise.
„Wir werden beobachtet.“
CAPUT V – DER ERSTE SPEER
Am Nachmittag begann der Regen.
Zuerst fiel er in schweren Tropfen. Dann verwandelte sich der Wald in eine graue Wand aus Wasser.
Die Legionäre zogen ihre Umhänge enger um die Schultern.
Wagen blieben stecken.
Maultiere scheuten.
Die Kolonne verlor ihre Ordnung.
Aquila befahl seinen Männern, dichter zusammenzurücken.
Plötzlich ertönte ein Schrei.
Ein Legionär taumelte aus der Reihe.
Ein langer Speer steckte in seiner Brust.
Für einen Augenblick herrschte vollkommene Stille.
Dann brach die Hölle los.
Aus dem Wald flogen weitere Speere.
„SCUTA!“
Aquila riss seinen Schild hoch.
„SCHILDE HOCH! FORMATION HALTEN!“
Die Männer versuchten, ihre Schilde zu einer geschlossenen Front zusammenzuführen.
Doch der Weg war zu schmal.
Links standen dicht gedrängte Bäume.
Rechts fiel das Gelände zu einem sumpfigen Abschnitt ab.
Ein weiterer Speer traf einen Maultiertreiber.
Ein Wagen kippte um.
Pferde schrien.
Aus dem Wald erklangen germanische Kriegsschreie.
Dann stürmten die ersten Krieger zwischen den Bäumen hervor.
Aquila zog sein Gladius.
„LEGIO XVII! STEHT!“
Seine Männer hielten die Stellung.
Der erste Angreifer prallte gegen die römischen Schilde.
Ein Legionär stieß mit seinem Kurzschwert zu.
Ein zweiter Germane sprang über einen umgestürzten Baum.
Aquila fing dessen Schlag mit dem Schild ab und drängte ihn zurück.
Doch immer neue Angreifer erschienen.
Und plötzlich verstand der Centurio.
Dies war kein gewöhnlicher Überfall.
Es war der Beginn einer sorgfältig vorbereiteten Vernichtung.
CAPUT VI – DER VERRAT
Varus saß auf seinem Pferd, als die ersten Meldungen eintrafen.
„Angriff auf die Vorhut!“
„Die Wagenkolonne ist unterbrochen!“
„Feindliche Krieger auf beiden Seiten!“
Der Statthalter blickte zu seinen Offizieren.
„Wo ist Arminius?“
Niemand antwortete.
„Ich habe gefragt, wo Arminius ist!“
Ein Reiter trat vor.
„Er hat das Heer mit seinen Männern verlassen, Herr. Er erklärte, weitere Hilfstruppen heranführen zu wollen.“
Varus erstarrte.
Langsam wandte er sich zu dem Offizier.
„Wann?“
„Heute Morgen.“
Der Regen lief über das Gesicht des Statthalters.
Er erinnerte sich an Segestes.
An dessen Warnungen.
An die Gespräche über Verrat.
Und zum ersten Mal erkannte er, dass er möglicherweise einen verhängnisvollen Fehler begangen hatte.
Aus der Ferne drangen die Schreie kämpfender Männer.
Varus zog sein Schwert.
„Die Legionen sollen sich sammeln! Wir müssen freies Gelände erreichen!“
Doch freies Gelände gab es nicht.
Nur Wald.
Sumpf.
Regen.
Und einen Feind, der jeden Weg kannte.
Die Adler fallen
CAPUT VII – DIE NACHT DER ÜBERLEBENDEN
Als die Dunkelheit hereinbrach, gelang es Teilen des römischen Heeres, ein notdürftiges Lager zu errichten.
Die Männer waren erschöpft.
Viele waren verwundet.
Andere hatten ihre Einheiten verloren und suchten verzweifelt nach bekannten Gesichtern.
Titus Flavius Aquila saß neben einem kleinen Feuer.
Sein Schild war beschädigt.
Sein Schwert trug die Spuren des Kampfes.
Neben ihm lag ein junger Legionär namens Lucius Petronius.
Er war kaum zwanzig Jahre alt.
„Centurio?“
„Was ist?“
„Werden wir morgen den Rhein erreichen?“
Aquila betrachtete den jungen Mann.
„Nein.“
Petronius schwieg.
„Werden wir überleben?“
Der Centurio antwortete nicht sofort.
Schließlich sagte er:
„Wenn wir zusammenbleiben, haben wir eine Chance.“
„Und wenn wir getrennt werden?“
Aquila blickte in das Feuer.
„Dann kämpfst du so lange, bis du wieder zu uns findest.“
Aus der Dunkelheit ertönte ein Horn.
Ein germanisches Horn.
Dann ein zweites.
Und ein drittes.
Die Geräusche wanderten durch den Wald, als würde ein unsichtbares Heer das Lager umkreisen.
Petronius zog seinen Umhang enger um die Schultern.
„Sie lassen uns nicht schlafen.“
Aquila nickte.
„Nein. Sie wollen, dass wir morgen müde sind.“
CAPUT VIII – DER WALL IM WALD
Am nächsten Tag erreichten die römischen Verbände einen besonders engen Abschnitt des Weges.
Auf der einen Seite erhob sich bewaldetes Gelände.
Auf der anderen erstreckten sich sumpfige Niederungen.
Zwischen Bäumen und Erdaufschüttungen hatten die Germanen Verteidigungsstellungen vorbereitet.
Aquila erkannte die Gefahr sofort.
„Sie haben uns erwartet.“
Naso blickte auf den Wall.
„Wie viele?“
„Genug.“
Wieder flogen Speere.
Wieder ertönten Kriegsschreie.
Doch diesmal griffen die Germanen nicht nur aus dem Wald an.
Sie stürmten von vorbereiteten Stellungen herab.
Die römischen Legionäre versuchten, ihre Reihen zu schließen.
Einige Centurionen führten Gegenangriffe.
Andere versuchten, die Verwundeten zurückzubringen.
Doch der Regen hatte den Boden in Schlamm verwandelt.
Die schweren Schilde wurden zur Last.
Die langen Marschkolonnen konnten sich nicht zu einer geschlossenen Schlachtordnung formieren.
Marcus Valerius Corvinus erreichte Aquilas Stellung.
Sein Pferd war verwundet.
Er selbst blutete an der Stirn.
„Der Statthalter verlangt, dass wir den Durchbruch erzwingen!“
Aquila sah ihn an.
„Mit welchen Männern?“
Corvinus deutete nach hinten.
Dort standen noch etwa hundert Legionäre.
Viele von ihnen waren erschöpft.
„Das ist alles?“, fragte Aquila.
Der Tribun nickte.
Aquila erhob sich.
Er hob sein Schwert.
„MÄNNER DER SIEBZEHNTEN!“
Die Legionäre wandten sich ihm zu.
„Wir haben einen Befehl erhalten. Wir werden diesen Weg öffnen.“
Ein Soldat fragte:
„Und wenn wir es nicht schaffen?“
Aquila blickte auf den germanischen Wall.
„Dann sollen sie wenigstens wissen, dass hier römische Soldaten gestanden haben.“
CAPUT IX – DER LETZTE ADLER
Der Kampf dauerte bis in den Nachmittag.
Die römischen Verbände zerfielen zunehmend in voneinander getrennte Gruppen.
Nach den überlieferten Berichten nahm sich Varus angesichts der aussichtslosen Lage das Leben.
Die Nachricht verbreitete sich unter den Überlebenden.
Manche verloren jeden Mut.
Andere kämpften weiter.
Titus Flavius Aquila gehörte zu ihnen.
Er hatte seine Centurie fast vollständig verloren.
Naso war gefallen.
Corvinus war verschwunden.
Nur zwölf Männer standen noch bei ihm.
Zwischen ihnen befand sich ein verwundeter Adlerträger.
Er hielt das Feldzeichen der Legion mit beiden Händen fest.
„Centurio“, flüsterte er, „sie dürfen ihn nicht bekommen.“
Aquila kniete neben ihm.
„Wie heißt du?“
„Publius Sestius.“
„Kannst du gehen, Publius?“
Der Mann schüttelte den Kopf.
Aquila sah den Adler an.
Das vergoldete Feldzeichen war von Schlamm und Regen bedeckt.
Für Rom war es mehr als ein Stück Metall.
Es war die Ehre der Legion.
Der Adlerträger drückte ihm die Stange entgegen.
„Nimm ihn.“
Aquila zögerte.
Dann ergriff er das Feldzeichen.
In diesem Augenblick brachen germanische Krieger durch die letzten römischen Reihen.
Aquila richtete sich auf.
„ZURÜCK!“
Die zwölf Männer bildeten einen Halbkreis.
Ein Speer traf den ersten Legionär.
Ein zweiter fiel unter einem Schwerthieb.
Aquila hielt den Adler hoch.
„ROMA!“
Seine Männer antworteten.
„AETERNA!“
Dann stürmten die Germanen vor.
Und der Adler verschwand im Kampfgetümmel.
EPILOG – DIE STIMME DES WALDES
Germania Magna – Einige Tage nach der Schlacht
Der Regen hatte aufgehört.
Zwischen den Bäumen lagen zerbrochene Schilde, verlassene Wagen und die Überreste eines Heeres, das einst zu den mächtigsten Streitkräften der bekannten Welt gehört hatte.
Arminius ritt schweigend über das Schlachtfeld.
Seine Krieger feierten den Sieg.
Drei römische Legionen waren vernichtet worden.
Doch Arminius jubelte nicht.
Er wusste, dass Rom zurückkehren würde.
Vielleicht nicht morgen.
Vielleicht nicht im nächsten Jahr.
Aber irgendwann.
Denn ein Reich, das seine Adler verlor, würde versuchen, sie zurückzuholen.
Am Rand des Schlachtfeldes fand ein junger germanischer Krieger einen römischen Helm.
Daneben lag ein beschädigter Schild.
Auf dessen Innenseite hatte jemand mit einem Messer einen Namen eingeritzt:
T. FLAVIVS AQVILA
Der Krieger betrachtete die Buchstaben.
Dann legte er den Schild wieder auf den Boden.
Er wusste nicht, wer dieser Mann gewesen war.
Er wusste nicht, ob er in Rom eine Familie hatte.
Er wusste nicht, ob jemand auf seine Rückkehr wartete.
Für ihn war es nur ein weiterer gefallener Feind.
Doch weit entfernt, jenseits des Rheins, würden Menschen auf Nachrichten warten, die niemals eintreffen sollten.
Und in Rom würde Kaiser Augustus vom Untergang seiner Legionen erfahren.
Die Namen der Siebzehnten, Achtzehnten und Neunzehnten würden zu Symbolen einer der schwersten Niederlagen der römischen Geschichte werden.
Aber die Geschichte der verlorenen Adler war noch nicht beendet.
Denn nicht jeder Legionär war gefallen.
Und nicht jeder Überlebende hatte den Weg nach Westen eingeschlagen.
Tief in den Wäldern Germaniens erwachte ein verwundeter römischer Offizier.
Sein Name war Marcus Valerius Corvinus.
Er war gefesselt.
Vor ihm saß ein germanischer Stammesführer.
„Du bist Römer“, sagte der Mann.
Corvinus hob mühsam den Kopf.
„Ja.“
„Dann wirst du uns erklären, weshalb dein Volk glaubt, über uns herrschen zu dürfen.“
Der Tribun schwieg.
Der Germane beugte sich vor.
„Und danach wirst du mir sagen, was Rom tun wird, wenn es von eurer Niederlage erfährt.“