Domus Aeliana - Peristyl

  • »Ich?« Caius hatte keinen Schimmer, was sie meinte. Dann kicherte sie ziemlich albern, und er konnte eins und eins zusammenzählen, kurz bevor Serrana ihm das quasi bestätigte. Caius kicherte nicht. Er lachte nicht mal. Er sah nur verkniffen drein.


    »Brei. Und er hatte es verdient«, grummelte er nur und verschränkte zusätzlich noch die Arme vor der Brust. Gut, das war nicht nur ein bisschen, sondern sogar ziemlich trotzig, aber das war ihm total egal.
    »Wie ich auf so eine... Na hör mal, der Kerl benutzt sie doch als Prestigeobjekt! Ist ja wohl klar. Und als ich ihm gesagt hab, dass er die Finger von ihr lassen soll, ist er frech geworden.« Caius zuckte mit den Schultern.
    »Na. Egal.« War's eigentlich nicht, aber Caius konnte eben auch nichts dran ändern. Wollte er auch gar nicht. Und Vala würde er im Auge behalten.


    Allmählich wurde es ziemlich kühl draußen. Vielleicht sollten sie reingehen. Caius war Serrana einen Blick zu und fragte sich, ob ihr wohl kalt war.

  • Es dauerte eine ganze Weile, bis Serrana das Kichern wieder unter Kontrolle hatte, und das, obwohl Archias jetzt so ärgerlich dreinsah, als hätte sie ihm auf dem Markt irgendwelche Leckereien vor der Nase weggekauft. Brei war es also gewesen, allerdings änderte dieses Detail auch nicht wirklich viel an der Geschichte.


    "Hm, ich sag ja gar nicht, dass du nichts machen durftest. Ich wundere mich nur ein wenig über...äh...die Methode." Serrana starrte angestrengt ihre Füße an, um nicht erneut loszuprusten und der Laune ihres Gastgebers endgültig den Todestoß zu versetzen. "Du hättest ihm ja auch eine reinhauen können, oder was man sonst so macht als Mann. Aber darüber hätte Septima sich sicher nicht gefreut." Ja, aus der Sicht der unbeteiligten Beobachterin ließ es sich leicht und angenehm spekulieren, wie man einen baumlangen und alles andere als schwächlichen Konkurrenten in seine Schranken weisen konnte.
    Dann kam ihr ein hoffentlich aufbauender Gedanke, und Serrana knuffte den schmollenden Aelier leicht in die Seite.


    "Mit dem Prestigeobjekt hast ja vielleicht recht, aber das kann dir doch von jetzt an vollkommen wurscht sein. Schließlich heiratet Axilla dich und nicht Vala, und du bist ein Verwandter des Kaisers und er nur ein Germane." Zufrieden lächelnd sah Serrana zu ihm hinüber und stellte fest, dass er sie gerade musterte. Hatte sie noch irgendetwas übersehen oder überhört? Vielleicht wurde ihm auch nur ihr Besuch allmählich lästig, schließlich war sie unangemeldet aufgetaucht und hatte bereits deutlich mehr Zeit hier verbracht, als sie ursprünglich vorgehabt hatte.


    "Nun ähm..." ein kurzes Räuspern und Zupfen an ihrer Palla folgten, "ich denke, ich sollte mich jetzt mal wieder auf den Heimweg machen. Ich hab dich schon viel zu lange aufgehalten, du möchtest sicher noch ein wenig an deiner Wiege weiterarbeiten." Und die hatte es wahrlich nötig, wie ein weiterer Blick in Richtung des blauen Bettchens deutlich ans Licht brachte.

  • Ein Brief war heute zu Axilla gebracht worden. Es dauerte lange, bis sie sich wirklich traute, das Siegel zu brechen und ihn zu öffnen. Das Zeichen im Siegel und die Tatsache, von wo er gekommen waren, sagten ihr schon, von wem er war, und Axilla hatte ein klein wenig Angst, ihn einfach zu öffnen. Es war der erste Brief, den sie nach ihrer Hochzeit von ihrem Cousin erhielt, und sie wusste nicht, was darin stehen würde. Zögerlich öffnete sie das Siegel und setzte sich in einen der bequemen Korbsessel, die hier und da standen, ehe sie zu lesen anfing.




    ANTE DIEM X KAL IUL DCCCLX A.U.C. (22.6.2010/107 n.Chr.)




    An
    Iunia Axilla
    Domus Aeliana
    Roma



    Liebe Axilla!


    Zu Beginn meines Briefes muss ich mich bei euch entschuldigen, dass ich so überstürzt aufgebrochen bin. Ich weiß, dass mein Weggang aus Rom für einigen Unmut gesorgt hat, aber es war nötig geworden.


    Meine Gesundheit erholt sich immer noch nicht, trotz der Landluft hier in Misenum. Der Medicus meinte, es liegt an der zu feuchten Luft, weswegen meine Lunge sich nicht erholen will. Daher habe ich beschlossen, wegen der trockeneren Luft nach Hispania zu gehen und dort erst einmal zu bleiben.


    Ich bitte dich, meine Grundstücke zu verwalten, die ich dir hiermit auch überschreibe.


    Vale bene




    Sie las es nochmal. Und nochmal. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit sowas. Es klang so... so... sachlich. Fast abweisend. Gut, er war ihr wieder aus dem Weg gegangen, aber dennoch. Axilla hätte gedacht, dass er vielleicht doch ein paar persönliche Worte an sie hätte. Dass er vielleicht sagte, was er von ihrer Ehe hielt. Ob er ihr noch immer böse war, weil sie ihn nicht hatte heiraten wollen. Ob er es verstand. Ob er sie noch liebte. Aber da war nichts.
    Auf der anderen Seite übertrug er ihr seine Grundstücke. Das hieß doch auch etwas, oder nicht? Vor allem, wenn es ihm wirklich so schlecht ging, wie es klang. Wenn er starb, hatte sie damit seine Grundstücke, ohne dass sie sie erben musste. Aber Axilla hoffte, dass er nicht SO krank war.


    Verwirrt lehnte sie sich zurück und schaute in den Himmel hoch. Sie wusste einfach nicht, was sie denken sollte, es war so verwirrend.

  • Als Caius zufällig ins Peristyl kam, weil er sich durch den Garten auf den Weg ins Büro machen wollte, stutzte er erstmal, denn Axilla saß da auf einer Bank, hatte etwas in der Hand und sah in den Himmel. Irgendeinen Brief offensichtlich. Wenn Caius an den gestrigen Tag dachte, war ihm immer noch ganz elend. Am liebsten wäre er rumgedreht, um damit Axilla und einer weiteren Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Aber sein Gewissen meldete sich mit einer Art riesigem Gong, sodass ihm der Schädel dröhnte und seine Schritte schleppend weiter in Richtung Axilla schlappten. Er setzte sich neben sie, ohne zu fragen und ohne überhaupt etwas zu sagen Er linste auch nicht neben sich und auf den Brief, den sie hielt, sondern sah sich nur das einfache Fugenmuster der kleinen Steinchen vor ihm auf dem Boden an.


    Es brauchte einen Moment, ehe er das Wort ergriff, einfach weil ihm kein Anfang einfiel, und deswegen platzte er dann auch ohne Einleitung und ziemlich plötzlich damit heraus.
    »Das mit gestern, das tut mir leid. Ich wollte das nicht sagen. Eigentlich hab ich auch nicht mal wirklich dran gedacht.«

  • Axilla lag da und starrte die Wolken an. Als sie merkte, dass sich jemand näherte, blickte sie nur kurz danach. Sie erkannte ihren Mann und schaute wieder hoch an die Decke. Der Schmerz saß noch immer tief, und eigentlich hatte sie keine Lust, schon wieder zu streiten. Oder auch nur darüber zu reden. Ein Teil von ihr hoffte sogar, er würde einfach weiter gehen – auch wenn das den anderen Teil verletzt hätte, aber das war ersterem Teil egal. Aber Archias kam her, setzte sich zu ihr auf die Kline. Axilla zog ihre Beine leicht an, damit sie einander nicht berührten, und starrte weiterhin in den Himmel.
    Er entschuldigte sich. Es tat ihm leid. Ein Klos bildete sich in Axillas Hals, aber sie wollte ihn nicht zulassen. Sie wollte nicht einmal darüber nachdenken. Absolut gar nicht. Auch nicht über die Entschuldigung, die damit ja zusammen hing. Sie schaute nur weiter den Wolken zu, wie diese vertraute und verträumte Gebilde bildeten, während sie vorüber zogen. In ihr fühlte sich alles schwer und gleichzeitig leer an. Und das Schweigen zwischen ihnen beiden breitete sich aus, so dass es beinahe einen räumlichen Platz forderte.


    “Silanus Gesundheitszustand hat sich verschlechtert. Er ist nach Tarraco gereist.“ Themen zu wechseln konnte Axilla schon immer gut. Und über das andere Thema wollte sie nicht reden. Gar nicht. Nichtmal ansatzweise. Auch wenn ihrer Stimme durchaus anzuhören war, dass sie eben darüber nachgedacht hatte, denn unsicher, beinahe brüchig klang sie in diese greifbare Stille hinein.

  • Caius sagte erstmal nichts, als Axilla endlich antwortete. Er hatte nur den Kopf umgewandt und sah Axilla jetzt an, aber sie hatte nur Augen für den Himmel. Caius sah sogar die Wolken, wie die sich in ihren Augen spiegelten. Und dann sah er wieder weg und überlegte. Sie ging gar nicht auf ihn ein. Bestimmt hatte sie das sehr getroffen gestern. Manchmal war er aber auch ein Esel! Er wackelte abwesend mit einem Zeh. Mit den Händen hatte er rechts und links neben sich das Sitzpolster umschlossen. Er grübelte. Es wäre wirklich verlockend, das Thema jetzt sein zu lassen und einfach über was anderes zu reden. Aber damit steckte man das Problem nur in eine Kiste, bis es so groß war, dass es selbst da nicht mehr rein passte. Wollte er das?


    Die Antwort war fast schneller da als die Frage. Ja, wollte er. Weil nämlich das Problem ihm tierisch auf die Nerven ging! Und in der Kiste wäre es erstmal weg, und wer wusste schon, ob es sich nicht da drin einfach auflöste? Als Caius wieder aufsah, streifte sein Blick ihre Hand, die einfach nur da lag. Er nahm sie nicht. Gestern hatte sie ihn nicht mal bei sich im Zimmer haben wollen. Vielleicht sollte er einfach kleine Brötchen backen vorerst.


    »Oh«, sagte er ein bisschen verspätet.
    »Was hat er denn? Bestimmt geht's ihm bald wieder besser.« In Tarraco war es warm und klebrig, Caius konnte sich nicht vorstellen, warumman da hinreisen sollte. Aber Axilla kam aus Tarraco, und deswegen sagte er da nicht seine Meinung. Er wäre nach Griechenland gefahren, irgendwo da ans Meer. Aber er war ja auch nicht krank.

  • Das Schweigen breitete sich wieder aus. Selbst die Vögel in den nahen Bäumen schienen nach und nach zu verstummen, bis schließlich ein lauter Flügelschlag verriet, dass sie fortgeflogen waren. Axilla sah nur weiter zu den Wolken hoch und versuchte, ihren Geist damit zu beschäftigen, wie diese wohl aussahen. War das da oben ein Pferd? Ein wenig sah es danach aus, auch wenn der Hals gerade immer länger wurde, und die Nase sich in Rauch auflöste. So sah es mehr aus wie eine Giraffe ohne Kopf...


    Archias fragte noch einmal nach Silanus, und Axilla zuckte leicht abwesend mit den Schultern. “Husten...“, antwortete sie tonlos. Ihre Mutter war an Husten gestorben. Erst war es nur ein trockener Husten gewesen, der sie von innen ausbrannte, doch später hatte sie Blut gehustet. Und schließlich war sie daran gestorben. Ob Silanus dasselbe plagte? Vielleicht lag es ja an ihr, dass er nun auch krank war? Vielleicht hatten die Götter sie wirklich verflucht...
    “Er vermacht mir seine Ländereien...“ Diese Information sollte wohl auch Archias sagen, dass es unwahrscheinlich war, dass Silanus lebend wieder zurückkehren würde. Warum sonst sollte er ihr sein Land vermachen?

  • Wenn Caius auch nicht gewusst hatte, dass Axillas Vater in dieser Rüstung gestorben war (gut, da der Soldat gewesen war, hätte er sich das denken können), an den Grund für den Tod von Axillas Mutter erinnerte er sich. Dementsprechend gab es einen schnellen seitenblick nach links, wo Axillas Kopf sich befand, und ehrliche Bestürzung war auf seinem Gesicht zu lesen. Besonders, als Axilla den Teil mit dem Land noch erwähnte. Er kannte den Iunier zwar, war aber nie besonders dicke mit ihm gewesen. Immerhin hatte er der Hochzeit nicht im Weg gestanden. Und er war ein angenehmer Kollege gewesen. Caius hing diesen Gedanken kurz nach. Dann rutschte sein Blick wieder hin zu Axillas schlaffer Hand. Als nächstes sah er auf den Brief, den er so nicht lesen konnte.


    »Darf ich lesen?« fragte er sie. Im nächsten Augenblick hatte er den Brief in der Hand und las, was Silanus geschrieben hatte. Er fand es nicht melodramatisch. Eher neutral. Sogar ziemlich neutral. Fast schon lieblos. Entweder hatte er extra auf alle netten Formulierungen verzichtet wegen der Vorgeschichte mit Axilla...oder es ging ihm so schlecht, dass er nur das Nötigste verpackt hatte oder...keine Ahnung. Caius legte den Brief beiseite und widmete sich wieder Axilla, indem er sie ansah. Nur sie machte gar nichts, und das war beängstigender als wenn sie mit ihm stritt. Caius suchte nach Worten. Bestimmt wollte sie auch nicht über Silanus reden. Nur worüber denn dann? Was konnte er sagen, das nicht falsch war?


    »Hm. Sind das Ländereien hier, in Italien?« fragte er sie. Und zwar nicht, weil er scharf drauf gewesen wäre, sondern aus Interesse.
    »Wir könnten dort nach dem Rechten sehen.« Die Iunier hatten bestimmt ein Landgut oder sowas, und Caius glaubte, dass es gut wäre für Axilla, wenn sie mal raus kam aus Rom. Und dem Palast.

  • Wortlos reichte Axilla ihm den Brief, als er danach fragte. Es stand nichts persönliches darin, weshalb sie sich hätte weigern können. Im Gegenteil, der Brief war so unpersönlich, wie er nur hatte sein können. Da gab es nichts, weswegen sie sich daher Gedanken machen müsste. Sie hatte Archias ja davon erzählt, und auch, dass es lange vorbei war und Silanus sie deshalb mied.


    Eine ganze Weile sagten sie beide wieder nichts, und Axilla wurde es langsam müde, die Wolken anzustarren. Sie waren so unendlich weit weg, und so sehr sie sich dorthin sehnte, sie konnte sie nicht erreichen. Sie blieben dort oben und sie hier unten, gefangen in diesem Käfig aus Gold und Marmor. Sie atmete einmal tief und ruhig durch.
    Archias fragte schließlich etwas, und Axilla blinzelte einmal, ehe sie sich aufsetzte. Sie sah an ihm vorbei, aber jetzt saß sie da, die Knie wie so häufig leicht mit den Armen umschlungen, die nackten Füße auf die Sitzfläche aufgesetzt. Im Grunde sah sie nirgendwohin, nur eben auch nicht zu Archias.
    “Ich weiß es nicht. Ich muss das erst herausfinden. Und ich muss seinem Patron schreiben. Vielleicht weiß der ja auch mehr darüber.“ Axilla wusste nichtmal genau, wie viele Grundstücke das denn nun waren. Das würde sie alles erst herausfinden müssen. Mit der Verwaltung der Finanzen ihres Vetters hatte sie nie irgendwas zu tun gehabt.
    Den Vorschlag, dahin zu fahren und es sich anzuschauen, bekam sie gar nicht wirklich bewusst mit.

  • So langsam wurde Caius nervös. Es war ja eine Sache, dass sie ihn nicht anschauen wollte, aber Axilla wirkte regelrecht apathisch. Caius hätte sie so gerne in den Arm genommen und einfach nur gedrückt, und das Bedürfnis, ihr mit dem ganzen Kram zu helfen, war riesig. Nur war Caius sich nicht sicher, ob sie dann wieder sauer werden würde. Er hatte noch gut in Erinnerung, dass sie ihm gestern an den Kopf geworfen hat, seine Hilfe nicht zu wollen, sondern Dinge allein zu schaffen. Gestern hatte er dabei gehässig an Leanders Beerdigung gedacht und daran, dass sie da froh gewesen war, jemanden zu haben. Aber da war er auch sauer gewesen. Heute dachte er auch an Leander, aber nicht gehässig, sondern daran, wie gut es ihnen beiden getan hatte, füreinander da zu sein. Nur ließ Axilla das nicht mehr zu. Ob sie damit zeigen wollte, wie stark sie war? Caius wusste das nicht, und er würde auch nicht fragen.


    Caius lehnte sich ein wenig nach vorn und legte jetzt doch seine Hand auf Axillas, die irgendwo an ihrem Unterschenkel lag. Sie wirkte nämlich noch mehr als eben irgendwie verloren, und das tat ihm richtig weh, das mitanzusehen.
    »Dann lass uns trotzdem irgendwo hinfahren. Vielleicht nach Ravenna, zu meinen Eltern. Oder wo anders hin, wenn du möchtest«, schlug er vor. Ganz langsam kam er sich ratlos vor. Er mochte sie so nicht sehen, das war schlimm, wenn er ihr nicht helfen konnte. Dabei wollte er doch, auf der Stelle. Immerhin war er ihr Mann, und da sollte man doch nicht alles alleine durchstehen. Aber Caius hätte das auch getan, wenn sie nicht geheiratet hätten. Damals war Axilla noch glücklich gewesen. Ob es wirklich nur an ihm lag, dass sie so traurig war?

  • Mit einem Mal fühlte sie eine Hand auf ihrer. Es fühlte sich seltsam heiß an, fast brennend, und Axilla senkte den Blick auf die Stelle, von wo das Gefühl her kam. Da lag Archias Hand, eine Pranke fast im Vergleich zu ihren Händen. Ihr fiel jetzt erst auf, dass sie noch immer braungebrannter war als er, obwohl sie nun schon ein halbes Jahr nicht mehr in Ägypten war. Und obwohl sie seitdem auch immer blasser geworden war.


    Er sprach von Ravenna und seinen Eltern. Axilla lag die Frage auf der Zunge, was mit seiner Arbeit war, aber sie sprach es nicht aus. Das letzte Mal war er deswegen furchtbar wütend geworden, auch wenn sie es ja gar nicht böse gemeint hatte. Sie blickte von der Hand wieder auf in Richtung der Säulen, die das Perystil ausmachten. “Und wann?“ fragte sie so also nur stattdessen.

  • Immerhin sah sie auf seine Hand runter, das war schon mal was. Und sie reagierte diesmal auf seine Frage. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen. Wie damals. Das schien ihm unendlich lange her zu sein. Weil sie ihn nicht weggeschubst hatte, als er seine Hand auf ihre legte, nahm er ihre kleine Hand jetzt in seine. Kleine Brötchen backen, Caius!


    »Ich könnte morgen den scriba einweisen. Übermorgen? Oder ist dir das zu früh?« erwiderte er und fragte sich, ob das überhaupt so eine gute Idee war, zu seinen Eltern zu fahren. Er hatte es ja immer vor sich her geschoben, denen mal einen Brief zu schreiben. Mam, Pa...übrigens, ich hab geheiratet. Tut mir leid, dass ich nix gesagt hab. Ach und übrigens, sie heißt nicht Seiana. Caius sah ein wenig besorgt aus deswegen.
    »Wir nehmen Pferde, was hältst du davon? Und dann reiten wir, bis die Sonne untergeht.« Caius fand, dass das ziemlich kitschig klang, aber es klang auch nach Freiheit, und Axilla war es ja nicht müde geworden zu betonen, dass ihr das fehlte. Er rückte ein wenig näher an sie heran. Nur ein paar Zentimeter.

  • “Nein, klingt gut...“
    Axilla fühlte seine Hand in ihrer. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Zwei Seelen wohnten, ach, in ihrer Brust, und jede zerrte sie in eine andere Richtung. Axilla wollte Nähe. Axilla brauchte Nähe. Sie brauchte dieses Gefühl, sich fallen lassen zu können, und dennoch aufgefangen zu werden. Aber diese Nähe machte es gleichzeitig so unendlich schwer für sie. Wenn jemand nur nahe genug an sie heran kam, der sah, was mit ihr war. Dass sie bei weitem nicht so fröhlich und ausgelassen war, wie sie sich gab. Dann war es schwieriger, das alles zu verbergen. Schwieriger, diese Mauer um sie herum aufrecht zu halten, die den ganzen Schmerz und die Befürchtungen draußen ließ.
    Und im Moment war der Schmerz einfach größer als das Bedürfnis nach Nähe, und Axilla entzog ihm ganz langsam ihre Hand. Sie brauchte jetzt ein wenig Raum für sich, um mit sich selbst klarzukommen. Und Abstand, von dem allem hier. Da war es vielleicht wirklich gut, wenn sie aus der Stadt einmal hinauskämen.
    “Reiten klingt gut. Aber kriegen wir denn da alles nötige mit?“ Sie konnten ja nicht zu Archias Eltern kommen mit nichts als vom Reisestaub verdreckten Klamotten am Leib. Und auch, wenn ihre Geographiekenntnis etwas mangelhaft war, was genaue Entfernungen anging, sie meinte, Ravenna läge mehr als eine Tagesreise entfernt.

  • Caius konnte seine Enttäuschung nicht verbergen, als Axilla ihre Hand wegzog. Unterschwellig brodelte es in ihm. Er dachte wieder an das Gespräch mit Serrana. Dann kochte Resignation hoch. Und zum Schluss war da gar nichts mehr. Die letzten Wochen hatten ihn eh schon verändert. Caius war nicht mehr so ausgeglichen, er nahm das meiste ernster und ging bei weitem nicht mehr auf jeden Spaß ein. Woran das lag, konnte er nur raten, aber er glaubte, dass es an der Verantwortung lag, die er jetzt hatte. Mit Axilla. Und an Axilla und der Ehe an sich. Er seufzte lautlos, und jetzt war er es, der in die Wolken starrte, nachdem er die Hand zurückgenommen und zu der anderen in den Schoß fallen gelassen hatte.


    »Wir nehmen einfach Packpferde mit«, sagte Caius einen Moment später zu einer besonders hässlich unförmigen Wolke in tristem Weißgrau. Dass nicht nur sie beide reisen würden, war ja eh klar. Katander würde mitkommen, Firas, Perisander. Und Levi auch. Und zwei Leute vielleicht, die bewaffnet waren. Obwohl Caius zwanzig lieber gewesen wären angesichts der Gefahr einer Reise, aber das war vielleicht doch zu viel des Guten.
    »Wir übernachten in mansiones der Post, da gibt es genug auf dem Weg. Und dann sind wir in ein paar Tagen da.« Jetzt sah die Wolke aus wie ein hämisch grinsender Totenkopf. Caius sah in den Garten.

  • Packpferde... das hieß, sie würden langsam reiten. Einfach die Straße entlang trotten, bis sie da waren. Axilla atmete einmal durch und blickte weiter in den Garten. Er sah so geordnet und richtig aus. Keine Pflanze wuchs irgendwie wild, wie sie nicht sollte. Alles hatte seinen Platz, und nur an diesem Platz durfte es sein. Selbst die Fische, die in dem kunstvollen, kleinen Teich schwammen, schienen sich in exakt vorherbestimmten Bahnen zu bewegen.
    “Gut, ich sag dann Levi bescheid, dass er alles für mich einpackt.“ Dem würde es gar nicht gefallen, zu reiten. Levi war noch nie auf einem Pferd gesessen. Die Reise würde also etwas länger dauern. Aber vielleicht konnten sie vorreiten und die anderen kamen mit dem Packzeug nach? Axilla sah einmal ganz kurz zu Archias, der in die Wolken starrte. Nein, vermutlich ging das nicht. Er würde nicht zulassen, dass sie nur zu zweit über die Lande preschten, die um einiges gefährlicher waren als Spaziergänge in der Stadt. Das kurz aufkeimende Gefühl der Hoffnung erlosch sofort wieder, und Axilla räusperte sich einmal, nahm die Füße von der Kline. “Ich werde dann einen Brief an Silanus Patron schreiben. Und alles vorbereiten.“
    Sie zögerte noch kurz, dann erhob sie sich, um zu gehen. Diese Nähe und diese Stimmung hier schienen sie sonst zu zerreißen.

  • Packpferde. Das hatte sich Caius so vorgestellt, dass ein Teil der Begleiter in der Nähe von Axilla und ihm blieb (und zwar der mit den Waffen) und der andere mit den Packpferden hinterher zockelte. Wobei sie ja so viel vielleicht auch gar nicht brauchen würden. Notfalls kauften sie unterwegs was, und wenn's neue Tuniken waren. Dass Axilla da an was anderes dachte, kam ihm nicht in den Sinn.


    Caius nickte. Und dann rutschte Axilla von der Liege. Caius wollte ihr sagen, dass das doch auch noch bis zum Abend Zeit hatte, aber er hielt die Klappe und sah sie nur an. Sie schien ewig weit fort zu sein, zu weit, als dass er sie erreichen konnte. Caius schob einen Mundwinkel nach hinten, als Axilla losging.


    »Ich liebe dich«, sagte er zu dem nächsten akkurat geschnittenen Busch, der ihm unter kam.

  • Axilla war erst einige Schritte gegangen, als Archias noch sagte, dass er sie liebte. Ihr Schritt stockte, sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um. Sie konnte nicht. Sie konnte ihn nicht ansehen. Das war jetzt einfach zu viel. Zu viel Nähe, zu viel Schmerz, zu viel Erinnerung, zu viel Gedanken. Einfach zu viel. Und ihr wurde ganz übel davon.
    “Ich weiß...“, meinte sie nur in einem tonlosen Flüstern, aus Angst, jedes lautere Wort würde die Tränen doch hervorbrechen lassen. Und sie konnte ihm im Moment nicht sagen, sie würde ihn auch lieben. Es ging einfach nicht.
    Schnell, bevor doch noch diese Welt über ihr zusammenbrechen konnte, ging sie davon, immer schneller, bis sie schließlich durch die Gänge rannte. Auch wenn sie nur bis in ihr Zimmer rennen konnte und diese Freiheit, zu rennen, bis die Lungen brannten, ihr hier fehlte.

  • Axillas Schritte hatten einen Aussetzer. Caius wandtre den Kopf und heftete den Blick zwischen ihre Schulterblätter. Sie war hübsch, selbst wenn man ihr Gesicht nicht sah, so wie Caius grad. Aber sie war auch verdammt stolz für ihre Größe, und mindestens genausp halsstarrig. Er hätte eigentlich damit rechnen müssen, dass sie gar nichts sagte. Ein Teil von ihm hoffte aber, dass sie sich umdrehte und zu ihm kam, wie früher. Dass sie ihr Gesicht an seinem Hals barg und die Arme um ihn legte, richtig schön kitschig und romantisch, auch wenn er das nie freiwillig zugegeben hätte. Axilla hatte ihn nämlich soweit: Er würde alles für sie tun, wenn sie nur aufhörte, so viel Trübsal zu blasen.


    Aber nichts davon passierte. Er meinte, sie etwas sagen zu hören, aber das konnte genauso gut der Wind gewesen sein. Und dann ging sie einfach weiter und ließ ihn da sitzen, auf der Liege. Caius sah ihr hinterher und konnte sich erst wieder losreißen, als er irgendwo tief drinnen im Haus leise eine Tür hörte. Und dann war er es, der zur Seite kippte und den Blick zu den Wolken richtete, die immer mehr wurden und immer dunkler. Das gab noch ein Gewitter, wenn sie kein Glück hatten.

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