Von einem freundlichen Nicken begleitet grüßte Gracchus zurück.
"Salve, Procurator Aelius. Ich erscheine auf Geheiß jenes Schriftstückes."
Eines Winkes bedurfte es nur, schon war das Schriftstück durch einen Sklaven an Aelius überreicht.
Beiträge von Manius Flavius Gracchus
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Hell und warm schimmerte die herbstliche Sonne Roms über den weitläufigen Garten der Villa Flavia hinweg, ließ die ersten Anzeichen jährlicher Vergänglichkeit der Flora in bunten Farben erstrahlen. Die Luft war erfüllt vom klandestinen Odeur der reifen Weinbeeren, welche in satten, vollen Trauben von den Dächern der porticen herab hingen. Eine solcher Trauben jedoch hing diesen Augenblickes nicht mehr an der sie nährenden Rebe, sondern ruhte in Gracchus' Hand, wo sie mehr und mehr an Konsistenz verlor, da Beere um Beere in seinen Mund wanderte. Die natürliche Säure der Frucht war geradezu ergötzlich, beinahe ebenso wie die vorherrschende Witterung. Ein wenig gedankenverloren streifte Gracchus durch den Garten, dachte über ein neues Ensemble an Statuen nach, ein kleiner Springbrunnen, nachempfunden einer natürlichen Quelle und darum gruppiert neun Nymphen, von welchen Kalliope das Gesicht seiner Base würde erhalten. Womöglich würden sie auch alle neun das Gesicht Leontias erhalten.
"Herr?" Sciurus Ton durchschnitt die besinnliche Ruhe, zerstörte das erhabene Bild, welches bereits vor Gracchus' innerem Auge hatte sich aufgetan und ruinierte somit gänzlich die Harmonie des Augenblickes.
"Ich hoffe, es ist wichtig, Sciurus."
Nicht drehte Gracchus sich um, blickte noch immer dort auf den grünfarben schimmernden Rasen, wo das Kunstwerk würde entstehen. Womöglich konnte man den Sculptor Parmenides aus Piraeus anwerben, schon in seiner Jugend hatte die Lebendigkeit, die Zartheit, mit welcher er seine Figuren schmückte, Gracchus entzückt.
"Es ist wichtig, Herr. Ein Brief deines Vetters Aristides."
"Marcus?!"
Hinfort waren alle Gedanken, endgültig zerrissen jede Gemütsruhe, achtlos fiel das beinahe geleerte Gerippe der Weintraube zu Boden, hastig drehte Gracchus sich zu dem Sklaven hin und nahm mit zittriger Hand den noch versiegelten Brief - die letzten Worte seines Vetters hatten ihn erreicht.
"Geh, ich möchte allein sein."
Zurück wandte sich Gracchus dem Garten zu, drehte dem Sklaven den Rücken hin und brach das Siegel. Schon als er die Anrede seines Vetters las, hätte er ausbrechen können in einen endlosen Fluss aus Tränen, denn nie wieder würde irgendwer ihn als brillant erachten oder als Genie titulieren, und obgleich er wusste, dass Aristides dies immer hatte im Scherze gesagt, so schmerzte es ihn doch tief, dies missen zu müssen. Doch gerade erst im Emporkommen inbegriffen, versiegte der Fluss der Tränen augenblicklich, als die Buchstaben sich weiter vor Gracchus' Auge aneinander reihten, als die Worte sich formten zu Sätzen, die Sätze Bedeutung erlangten und endlich auch die Bedeutung sein Bewusstsein erreichte.
"Ich bin gar nicht tot"
, wiederholte Gracchus die soeben gelesenen Worte und ließ hernach seinen Mund offen stehen vor Erstaunen. Nicht tot, dies ließ auf lebendig schließen, und noch während er dieser Konklusion versuchte zu folgen, las er sie bereits auf dem Pergament, denn Aristides war ebenfalls zu diesem Resümee gelangt, womit wieder einmal bewiesen war, dass er nicht halb so einfältig war, wie er bisweilen den Anschein zu Erwecken vermochte, so denn man ihn nicht besser kannte.
"Ich bin sogar noch sehr lebendig! Bona Bellona! Propitia Clementia! Lebendig!"
Von Freude und Erleichterung überwältigt, bahnten sich letztlich doch noch einige Tränen ihren Weg in die Freiheit, doch Gracchus blinzelte sie tapfer fort, um seinen verschwommenen Blick zu klären, klammerte sich an den Brief, als wäre sein Vetter dies selbst leibhaftig und las weiter fort. Selbst die Trauer um Arrecina, selbst das leise Kratzen des eigenen Vorwurfs ob der familiären Strafe konnten nicht seiner Euphorie mehr abträglich sein. Beschwingt, dies war es, was Gracchus' Emotio zuletzt sehr nahe kam, beschwingt wie nicht mehr seit Monaten und er fühlte sich, als könne er einen gesamten Tempel Stein um Stein mit eigenen Händen errichten. Nicht einen gesamten Tempel womöglich, doch der Sonne im freudigen Strahlen in Konkurrenz gegenüber tretend, wandte Gracchus den Blick empor.
"Duellona dia, höre meine Worte, höre meinen, des Manius Flavius Gracchus, Schwur. Halte schützend Deine Hand über meinen Vetter Marcus Flavius Aristides, welcher in Parthia kämpft als Teil der Legio I Traiana Pia Fidelis unter Führung des göttlichen Imperator Caesar Augustus. Über den Centurio Marcus Flavius Aristides halte schützend Deine Hand und führe siegreich ihm sein Schwert, Duellona dia, so will ich, Manius Flavius Gracchus, nach seiner lebenden Rückkehr Dir einen Schrein weihen, Duellona, zu Deinen Ehren, so Du meinen Vetter, Marcus Flavius Aristides, Centurio der Legio I Traiana Pia Fidelis im Feld im parthischen Kriegszug, unter Deinem Schutze lebend nach Hause zurück führen wirst."
In seinen Händen war das Schreiben Aristides' ein wenig zerknittert, so dass Gracchus in ungeschickter Art und Weise es versuchte wieder zu glätten und sich noch einmal am formvollendeten M seines Vetters goutierte, bevor er sich anschickte, ins Innere des Hauses zurück zu kehren. -
Wahrhaftig war sie es, die Auctrix der Acta Diurna, jene Frau, welche Worte beinahe ebenso schnell konnte über die Gefilde des Imperium Romanum streuen, wie dies sonstig einzig der Imperator Caesar Augustus vermochte zu tun. In einem Satz konnte sie die Spiele eines Aedilen in der Luft zerreißen, ihn zum Gespött des Imperium machen, in einem Abschnitt konnte sie den Senat ins Lächerliche ziehen oder mit einem Artikel den Betrieb eines Eques vernichten. Und doch, Umsicht und Sorgfalt mochten jene Tugenden sein, welche für einen Auctor der imperialen, kaiserlichen Zeitung zur Pflicht gereichte, und da Gracchus gewillt war, an das Gute im Menschen zu glauben, mehr noch seine Art war, sich verzweifelt an jeden noch so marginal glimmenden Funken Wahrhaftigkeit und Güte eines Menschen zu klammern, selbst dann noch, wenn jener Funke ihm längstens die Hände hatte verbrannt, so war er denn auch geneigt, nichts hinter den Absichten der Decima zu vermuten denn einzig das Interesse an Wahrheit. Ein Stück weit vor ihnen hatte Gracchus Senator Purgitius Macer gesichtet und mit ein wenig von Fortunens Glück war jener des deplorablen Zusammenstoßes der Decima mit ihm womöglich nicht gewahr geworden, so dass Gracchus auf den Senator wies und hernach Decima Lucilla bis zu jenem geleitete.
"Senator Purgitius, salve! Ein außerordentlich guter Ausgang des Opfers, nicht wahr? Wenig ist mehr bedeutsam für das Gedeihen des Imperium denn Treue und guter Glaube. Die Dame Decima Lucilla ist dir bekannt?"
Somit waren sowohl der Senator, als auch die Dame identifiziert, doch so Purgitius ihn nicht würde beim Namen nennen, mochte Gracchus noch immer im Auge der Auctrix ein anderer sein denn er selbst.
"In Hinsicht auf die Fides publica tat es sich, dass unser Gespräch sich eben auf die Provinz Hispania lenkte, in welcher des Volkes Treue zuletzt so schmerzlich geprüft worden war und welche nun wieder in Stille sich hüllt. Nun, ich bin ausnehmend guter Hoffnung, dass mein Neffe Furianus, welcher derzeitig dort als Proconsul sein Amt tätigt, jene desolate Situation durch seine Arbeit in Kürze vergessen machen wird, doch muss ich gestehen, dass auch bei uns in der Villa Flavia kaum Kunde von ihm eintrifft und nun, da mein Vetter Felix die Stadt und den Senat verlassen hat, mir auch die Existenz offizieller Berichte verborgen bleibt. Liegt denn dem Senat bereits Kunde vor, wie die Situation der Provinz sich augenblicklich gestaltet?"
Er hatte seinen Neffen und dessen Vater, seinen Vetter benannt, zudem die Villa Flavia als sein Heim, und so Purgitius nicht aus völlig unerfindlichen Gründen an diesem Tage die Existenz des Flavius Gracchus aus seinem Gedächtnis gestrichen haben mochte oder vehement dessen Zugehörigkeit zur Flavia würde bestreiten, so mochte die Insimulation der Decima damit hoffentlich entkräftigt sein. -
Von sanft schmeichelndem Wind wurde der graufarbene Rauch empor getragen, legte sich über die nahende Dämmerung und bedeckte das Land um das Feuer herum mit einer hauchzarten Patina aus Asche. Stumm stand der kleine, fast gänzlich unpersönliche flavische Tross um die tanzenden, sich windenden Flammen, durchbrach mit keinem Laut das Knistern der rotfarbenen Glut, das Knacken der sich verzehrenden Äste oder das ferne Geflüster des Windes. Fernes Geflüster, des Odems rastloser Seelen gleich, anklagende Worte im sanft über die Gräser dahin streichenden Hauch, eine zarte Berührung im Nacken, ein leises Wispern nur in Gracchus' Ohr, das kalte Metall einer Klinge an seiner Kehle, gleichsam die warme, zärtliche Berührung der Hand auf seiner Schulter. Länger und länger zogen sich die Schatten der Bäume als die zum Horizont eilende Sonne sich anschickte, den Tag zu verlassen, als der Tag sich anschickte der Nacht zu weichen, als mit einem erlösenden Seufzen Gracchus schlussendlich die Glut aus einer Amphore Wein heraus losch. Ungeachtet des schlammigen Grundes sank er erneut hinab auf die Knie, schob die fahlfarbene Asche, die letztlich gebliebenen Reste zusammen und schöpfte sie mit bloßen Händen in die prächtige Urne, welche Sciurus ihm geöffnet hielt.
"Unwirklichkeit"
, murmelte Gracchus leise, in tonloser Couleur.
"Ein Bruder aus Stroh, ein Bruder aus unzureichender Erinnerung. Der zweite, wie auch der Rest der Familie. Nebulöse Fetzen, fahle Fragmente sind alles, was von meiner Familie bleibt, nicht einmal Erinnerung."
Aufgeschreckt durch einen klandestin die Stille durchklingenden Ton, verursacht durch das Schließen der Urne, erhob sich Gracchus und nahm das Gefäß an sich.
"Ein Bruder, geformt aus einem Häufchen Asche."
Stille legte sich erneut um die Szenerie, der Weg zum flavischen Familiengrab war nicht weit, doch war er zu Gehen. Ein Schlüssel aus Silber öffnete die Gruft, ein Odeur nach Ewigkeit schlug daraus entgegen, nicht nach Tod und Vergehen, doch nach Vergessen. Da Gracchus nicht länger wollte verweilen, als die Notwendigkeit dies gebot, suchte er nicht nach jener kleinen Urne, welche bereits schon einmal den Körper seines Bruders hatte beherbergt, und welche ob dessen unrechtmäßig hatte in diese Gefilde Einzug gehalten, denn da sie so lange ihre Pflicht hatte getan, mochte er nicht sie nun aus dem sakralen Raume entwenden, ohnehin nicht wissend, was damit hernach zu tun sei. Nach der Urne, welche noch immer nicht den richtigen Körper barg, doch für das Labsal des Geistes würde Sorge tragen, fanden Gaben für ein weiteres Leben ihren Weg in die Kruft, all dies, was ein vergangener Mensch mochte im Elysium benötigen, sodann schloss das kleine Mausoleum seine Pforte, wurde verriegelt für viel zu kurze Zeit, da doch Leontiens Körper würde bald ihrem unbekannten Vetter müssen folgen. Hastig, doch sorgsam wurde die rituelle Reinigung zelebriert, dass nichts an ihnen bliebe haften von diesem defätistischen Ort.
"Unwirklichkeit"
, flüsterte leise noch einmal Gracchus und wand sich sodann, um mit Aquilius, gesäumt und gefolgt von den Sklaven, den Weg zurück zur flavischen Villa hin anzutreten. Kein Leichenmahl würde dort folgen, und doch würde die Existenz Quintus' Tullius' auf dieser Welt damit endgültig ihr Ende finden.~~~ finis ~~~
?
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Von einer Palastwache geleitet fand Gracchus den Weg zum Officium des Procurator a libellis. Dort klopfte einer seiner Sklaven an, während ein anderer einen indignierten Blick seines Herrn riskierte als er jenem erneut an der Toga herumzupfte, um den Faltenwurf zu perfektionieren.
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Gefolgt von den Sklaven folgte Gracchus dem neuen Prätorianer - der Mann glänzte geradezu, so neu schien er zu sein, was durchaus Gracchus' Augenmerk auf sich zog, der für einige Herzschläge ein wenig langsamer folgte, um den Abstand zu vergrößern und einen besseren Blick auf die strammen Waden zu erhaschen. In gewisser Hinsicht war es doch deplorabel, dass er sich nie zum Eintritt ins Militär hatte entschlossen und auch niemals mehr würde dies tun.
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Eine schlichte, doch ob dessen nicht minder elegante Sänfte näherte sich dem Palastgebäude, hielt kurz davor an und entließ Flavius Gracchus aus ihrem Inneren. Während jener noch sich die Falten der Toga nachrichten ließ, eilte ein Sklave bereits zum Eingang und einer der Torwachen hin.
"Salve, mein Herr, Manius Flavius Gracchus, wurde vom procurator a libellis vorgeladen." Er entrollte in formvollendeter Manier ein Schriftstück und präsentierte es. Gracchus trat neben den Sklaven und verbarg jene leicht Unruhe, welche von ihm hatte Besitzt ergriffen, seit der Inhalt des Briefes ihm zur Kenntnis gekommen war, da mit keinem Wort dort erwähnt war, aus welchem Grunde der procurator ihn hatte geladen. -
Gracchus et Corvinus
Einige Augenblicke verstrichen, ohne dass Gracchus zu einer Antwort auf die Frage bezüglich der zurückliegenden Erbfälle ansetzte, in welchen er nur den Becher mit verdünntem Wein in Händen hielt, welcher zu viel mehr nicht mochte gereichen, denn in Händen gehalten zu werden, um vorerst jene Gestikulation zu unterbinden, welche in rhetorischem Maße höchst erbaulich, für die seichten Anfänge eines Conviviums jedoch weit übertrieben waren. In seinem Gedankengebäude dagegen strich Gracchus in anderen Zeitdimensionen durch das Archiv der imperialen Zeitungen, besah sich jene kleinen Schilder, welche an den Schriftrollen waren sorgsam angebracht und zog schlussendlich tatsächlich einen passenden Artikel hervor.
"In der Tat",
stimmte er darum leztlich zu.
"Es ist tatsächlich gar unbegreiflich, wie ein solches Versäumnis innerhalb der römischen Verwaltung zu Existenz konnte gelangen, doch vermutlich ist es längstens die Masse römischer Verwaltung, welche solcherlei bedingt. Sonderbar war einzig die augenscheinliche Wahllosigkeit versäumter Angelegenheiten, denn nicht nur ein Jahrgang war betroffen, tatsächlich fanden sich darunter Namen wie der des Senators Claudius Macrinius oder auch des Scribonius Curio, gleich neben anderen Fällen, welche längstens ein Jahr auf Bearbeitung hatten geharrt oder aber noch um einiges länger zurück lagen."
Die Aufteilung des restlichen Vermögens seines bereits seit langem verstorbenen Bruders Animus' hatte sich ebenfalls unter diesen Akten befunden, doch so jene desavouierende Periode flavischer Gensgeschichte mit Führung der christianischen Gemeinde durch ein Mitglied der Familie Aurelius überhaupt würde bekannt sein, so wollte Gracchus nur ungern sein Augenmerk auf solcherlei lenken, weshalb er die Erwähnung dessen so denn unterließ.
"Hinsichtlich der Bedeutung des Bekanntheitsgrades müssen wir jedoch zugestehen, dass gerade die Änderungen bezüglich des Cursus Honorum selbst den unbekannteren Kandidaten einen Weg in das Amt geradezu ebnen. Wo ehemalig ein einzelner das halbe Volk musste von seiner Würde überzeugen, so genügt es in heutiger Zeit einen bekannten Fürsprecher vorweisen zu können, welcher dafür Sorgte trägt, dass die Pforte der Curia Iulia sich öffnet. Gewiss zählt auch dann, was ein Mann vorzuweisen hat, doch mit den richtigen Stimmen im Hintergrund möchte ich meinen, dass selbst ein Kandidat den Einstieg in den Cursus Honorum zu schaffen vermag, welcher im Imperium bis dato nicht von sich hat Reden gemacht. Dies mag auch unserem Stande zum Vorteil gereichen, denn selbst da die patrizischen Familien längst nicht mehr den überwiegenden Teil der Senatorenschaft stellen, so steht es uns doch heutzutage frei, einen agreablen Patron auch außerhalb unserer Reihen zu wählen."
Natürlich war dies in patrizischen Gentes viel einfacher gesagt, als getan. Gracchus selbst hatte kaum eine andere Wahl denn seinen Vetter als Patron anzuerkennen, obgleich ihm dies nicht immer unbedingt zum Vorteil mochte gereichen, doch den Affront gegen Felix im anderen Falle war unmöglich zu konzedieren. In diesem Augenblicke ließ der Gastgeber zu Tisch bitten, einer Aufforderung welcher Gracchus und sicherlich auch Aurelius gerne nachkamen. Agreablerweise stand der Fortführung des Gespräches zu gegebener oder auch späterer Zeit nichts im Wege, da Aurelius jenen mittleren Platz der Kline lectus summus, während Gracchus selbst jenen zu dessen Seite zum lectus medius hin ein nahm. Erfreut stellte Gracchus fest, den Senator Purgitius zur anderen Seite zu wissen - zwar über den Rand der Kline hinweg, doch mochte dies sofern sich die einzelnen Gespräche wieder auf kleinere Gruppen aufteilten, kein allzu tiefer, unüberwindlicher Abgrund sein - und grüßte jenen knapp, bevor bereits ein süßer Wein wurde kredenzt. -
Gerade erst hatte der Tag die Welt aus den Händen der Nacht entrissen, ein nebliger Dunst lag noch über der schlafenden Wölfin, hüllte sie in ein dumpfes Tuch und ließ nur widerwillig die langsam aufkommende Hektik ihrer Bewohner gewähren. Längst hatten am Tempel der Victoria die Vorbereitungen begonnen für den Festtag der siegbringenden Göttin, doch noch war die offizielle Feier fern, noch gehörten das templum den wenigen bedächtigen Bürgern Roms, welche schon zu solch früher Stunde ihre privaten Gaben der Göttin ließen angedeihen. Zu Fuß war Gracchus den palatinischen Hügel empor gekommen, hielt ein vor dem aedes und wandte den Blick der zaghaft emporsteigenden Sonne zu. Groß und rund schimmerte das zarte Orange durch den Schleier aus Nebel, strafte der Gebäude Dimensionen Lügen, welche sich vor ihr erhoben, und verwischte ihre zweidimensionalen Konturen zu schattenhaften Silhouetten. Geleitet von den Sklaven samt seinen Opfergaben stieg Gracchus die Stufen zum Tempel empor, zog eine Falte der Toga über seinen Kopf und betrat, nachdem er seine Hände am Eingang hatte gereinigt, das Innere des Heiligtums. Wahrhaftig und endlos blickte die Beflügelte erhaben von ihrem Thron, strahlender noch an diesem ihrem Tage, der bronzene Kranz aus Loorbeer mit lederartigen Blättern umrankt, der starre Palmzweig von grünfarbenen Zweigen umbunden, die Flügel überzogen von weißfarben schimmernden Schwanenfedern. Augenblicklich löste sich die Räucherung aus Gracchus' Händen auf den glühenden Kohlen in dunstigen Nebel auf, umspielte die nackten Füße der Göttlichen, umschmeichelte die Falten ihres Gewandes und ließ den Ahnungslosen Stofflichkeit erahnen.
"Dir, Victoria aeterna, wie es Dir zusteht, siegreiche Göttin, an diesem Deinen Tage, meine bescheidene Gabe als Teil einer viel größeren Bitte."
Ein wenig Wein goss er zu ihren Füßen, ein Kranz aus Blumen schmückte neben anderen den Sockel um sie herum, sodann wandte sich Gracchus dem fleischlichen Opfer zu, das in seiner Gänze zu geben war. Zurück vor dem Tempelgebäude hielt er inne, nahm umsichtig einen weißfarbenen Vogel aus einem Käfig heraus, während einer der Sklave Wein in einen Becher goss. Es war ein edles Tier, schimmernd sein Gefieder, als hätte ein Regenbogen sich darin verfangen, in zartem Rosé und makellos der Schnabel und die kleinen Klauenfüße, das matte Blauschwarz der Pupillen perlmuttfarben umrandet, mit Stammbaum gar und vom angesehensten Züchter dieser Zeit, wertvoll, dass eine einfache Familie wochenlang sich hätte davon ernähren können - nicht von seinem Fleisch, doch von seinem Preis. Behutsam hielt Gracchus die Taube in seiner Hand, tunkte den Daumen der anderen in den Becher und strich sodann einige Tropfen des Weines über den kleinen Kopf - einzig ein sanftes Gurren aus des Tieres Kehle fehlte zur Perfektion des Augenblickes.
"Dir, Victoria aeterna, wie es Dir geziemt, siegreiche Göttin, an diesem Deinen Tage, meine bescheidene Gabe als Teil der viel größeren Bitte unseres Volkes. Führe siegreich das Schwert unseres Imperators, führe Siegreich unsere Legionen aus dem Kampfe nach Hause und vergiss ... vergiss auch die Meinen nicht in Deiner Gunst."
Langsam hob Gracchus seine Hand empor, öffnete sie hernach und entließ das Geschöpf der Göttin in deren Gefilde hinaus. Als wäre sie erst in diesem Augenblicke erwacht, sich ihres Daseins bewusst geworden, streckte die Taube ihre Flügel, schlug ein, zwei Male, bevor sie sich in die Luft erhob, majestätisch die Welt unter sich lassend. Verzaubert, entzückt schickte ob dessen Gracchus seine Blicke ihr nach, mit jedem Flügelschlag schien der Fluss der Zeit sich zu verlangsamen als das schimmernde Tier im Licht der Sonne sich verlor, welche den Nebel in faserigen Fetzen zerteilte, bis dass es letztlich fern im Osten aus seiner Sicht verschwand, fern dort, wo die Schlachtreihen des römischen Imperium sich formierten, wo Schlag um Schlag die parthischen Feinde fielen und die römische Macht wieder einmal über ihre Feinde triumphierte - so hoffte Gracchus indes, als er sich nach dem Opfer wieder aufmachte, den Palatin zu verlassen. -
In kaum sichtbarer, sublimer Manier hob sich Gracchus' rechte Augenbraue ein marginales Stück, als der Sklave der Dame intervenierte. Beinahe beiläufig klang der Titel in seinen Ohren, unüberhörbar ob der angeschärften Sinne gleich der angespannten Nerven - Auctrix der Acta. Mochte dies am Ende jene Decima Lucilla sein, welche vor einiger Zeit schon hatte die Auctrix Tiberia an der Spitze der imperialen Berichterstattung abgelöst? Selten bestimmte körperliche Größe über die Wichtigkeit eines Amtes, noch umgekehrt, doch Gracchus hätte sich die Dame doch ein wenig größer vorgestellt, passend zu den im Imperium bekannten Decima - doch vermutlich waren ihm zu wenige Decima überhaupt persönlich bekannt, en détail waren dies nur Decimus Mattiacus, welcher gemeinsam mit ihm seine Quaestur hatte abgelegt, und der Senator Decimus Meridius, welcher ihm von Aristides' Verlobung marginal bekannt war, um die Familienmitglieder dieser Gens zu Rubrizieren - zumal, wer wollte so dreist zwischen den Geschlechtern mischen? So dies denn tatsächlich die Auctrix Decima Lucilla war, so gestaltete sich der gesamte Casus mit einem Male ungleich komplizierter als noch des Eingreifens des Sklaven zuvor. Desolaterweise schien sie zudem tatsächlich über Quintus Tullius viel mehr zu wissen als Gracchus selbst, und so denn sie nur einige jener grässlichen Details dessen Lebens würde kennen, so saß sie im Falle eines Falles an der Quelle, um jene Kompromittierung der Flavia schneller und weiter zu verbreiten, als alltäglich zu vernachlässigende Gerüchte dies konnten tun. Im Grunde wollte Gracchus nicht herausfinden, was genau sie wusste, ebenso wie er im Grunde seines Wesens nicht wollte wissen, wer Quintus Tullius wirklich war, wollte nicht die Wahrheit entdecken über einen Piraten in seiner Familie, wollte sich nach einem Götterleugner nicht eines Lügners und Betrügers gewiss sein, einen Räuber und Verräter als seinen Bruder, seinen Zwilling wissen. Doch er wusste genau, wenn er nicht sie würde fragen und die Wahrheit herausfinden, so würde er dies sein Leben lang bedauern, gleichsam würde sie womöglich beginnen, zu Detektieren. In all den Wochen zuvor, seit er Quintus Tullius zum ersten Mal war in der Subura begegnet, war Gracchus nie froh darüber gewesen, seinen Bruder tot zu wissen, doch in diesem Augenblick verspürte er einen Anflug von Erleichterung ob dessen. Ein wenig suchend blickte Gracchus sich in der Menge um, genügend Personen waren zu entdecken, welche seine Identität würden bestätigen können.
"Würde das Wort eines Senators dir zur Zufriedenheit gereichen? So du deinen Namen mir nennen magst, werde ich eine passende Erläuterung für jenen finden, da ungern ich der wahren Intention der Bestätigung meiner Person würde Ausdruck verleihen, und da du Quintus Tullius zu kennen schienst, wirst du sicherlich verstehen, dass unser gemeinsamer Ursprung mir nicht unbedingt zur Ehre gereicht." -
Kaum einen Menschen trafen sie an, bis sie zum Verbrennungsplatz gelangten, vielleicht nahm auch nur Gracchus kaum einen Menschen wahr, welchem sie begegneten. Er war gefangen in seinen Gedanken, welche wirr und gleichsam leer waren, gefüllt von devastativer Ödnis, vom unverständigen Verlangen Ordnung zu schaffen. Ein Scheiterhaufen war bereits errichtet worden, bedeckt mit den dunklen Blättern eines Nussbaumes, auf welchem der stroherne Körper nun wurde gebettet. Die Trägersklaven traten zur Seite, jene mit den Fackeln hielten diese bereit. Da aufgrund des fehlenden Leichnams auch ein Finger fehlte, den in der Erde zu begraben wäre möglich gewesen, um den Platz der Verbrennung rituell zu reinigen, da aufgrund des fehlenden Leichnams auch kein alternativer Teil davon konnte in der Erde begraben werden, kniete sich Gracchus nieder und hob mit seinen Händen eine kleine Kuhle aus, um darin einen Teil von sich selbst zu begraben, da er seinem Bruder im Körper doch so unglaublich ähnlich war, dass zumindest dies er würde für ihn tun können. Er zog eine kleine Schere aus einer Falte seines Gewandes und begann, seine Fingernägel damit zu kürzen. Erst als zehn schmale, halbmondförmige Nagelfragmente in der Kuhle lagen, steckte er die Schere fort, schob die ausgehobene Erde darüber und weihte die Erde.
"Dii inferiores, die Ihr auf diesen Orte Ansprüche erhebt, gebt diesen Boden frei für die Tat, welche folgen muss, wie es Sitte ist, wie es Pflicht ist, wie es dem Toten gebührt. Unterirdische, nehmt Euren Anteil, der Euch gegeben, wie es Euch gebührt, und gebt frei diesen Boden für die Tat, welche folgen muss."
Langsam erhob sich Gracchus, ein wenig Erde in der Hand, trat an den Scheiterhaufen heran, an das in Stoffe gehüllte Stroh, welches stellvertretend für seinen Bruder lag, und streute die Erde auf die symbolische Stirn. In einem feinen Kreis drückte sich der Abdruck einer Münze durch den Stoff, welche zwischen das Stroh war geschoben, auf dass der Tote würden den Fährzoll entrichten können. Es brauchte nicht viel für Gracchus, um sich vorzustellen, dass dort ein Körper lag, welcher ihm selbst so ähnlich, dass unter dem weißfarbenen Leinen ein Gesicht war verborgen, das kaum von dem seinen zu unterscheiden war.
"Nichts kann ich dir mitgeben, was dein Eigen war. Nichts kann ich dir mitgeben, was von dir geblieben ist. Im Leben blieb es dir verwehrt, im Tode wird es dir nichts nützen und doch will ich dir geben, was dir zusteht, was dein Erbe ist."
In einer andächtigen, fließenden Bewegung zog Gracchus einen Ring von seinem Finger, einen goldenen Ring mit dem Siegel der Flavia, und legte ihn dem stellvertretenden Leichnam auf die Brust. Sodann drehte er sich um und winkte den Sklaven mit der Fackel heran, um sie entgegen zu nehmen. Ein kurzes Zögern nur war in ihm, dann wandte er sein Gesicht ab und hielt die Flammen an den Scheiterhaufen, bis dass dieser Feuer fing.
"Leb wohl, Quintus. Eines Tages werden wir uns wieder sehen und dann werden wir all das können teilen, was uns in diesem Leben nicht möglich war."
Knisternd verbreiteten sich die züngelnden Flammen durch das Holz, griffen auf Stroh und Leinen über und verschlangen Ast um Ast, straften den Leichnam Lügen mit dem angenehmen Odeur nach abgestorbenem Fleisch der Bäume. Erst als die Hitze zu groß wurde trat Gracchus einen Schritt zurück, doch selbst die Hitze des Feuers hatte die Tränen nicht verdampfen lassen können, welche sich aus seinen Augen hatten gestohlen, kleine, transluzent glitzernde Perlen, welcher er sich nicht einmal bewusst war, geschweige denn, welche er hätte können erklären. -
Über Pergament gebeugt, mit einer Hand seine Unterlippe knetend, saß Gracchus hinter dem großen Schreibtisch, als Serenus in den Raum hinein platzte. Einige Herzschläge lang schloss Gracchus die Augen, atmete tief durch, bis er den Blick hob und die Hand sinken ließ. Seine rechte Braue kletterte beim Anblick des Jungen auf eine despektierliche Art und Weise in die Höhe, welche die Indignation hinter der Intention kaum verbarg. Es war eine ganz besondere Art des Brauen-Hebens, welche sich Gracchus nur zu äußerst seltenen Gelegenheiten gestattete, denn wer ihn kannte, würde sogleich um ihre Bedeutung wissen, doch Serenus kannte ihn lange nicht so gut, dass er die verschiedenen Arten seine Mimik würde deuten können.
"Salve, Serenus. Deine Sorge um meine Salubrität ehrt dich, doch ich assekuriere dir, ich befinde mich wohl. Dein Anblick lässt mich darauf schließen, dass dies dich bezüglich ebenso der Fall ist, doch dazu kommen wir noch. Zuerst einmal habe ich dir bereits schon einmal erklärt, dass du nach dem Anklopfen darauf warten sollst, bis du in einen Raum hinein gebeten wirst. Diese deine Unsitte zeugt nicht nur von schlechten Manieren, sondern gleichsam von mangelnder Reife und fehlendem Respekt, welche dir nicht würdig sind. Weiters möchte ich dich bitten, deinen Hund hinaus zu schicken, ich möchte ihn nicht in meinem Arbeitszimmer haben. Danach werden wir uns über die weiteren Angelegenheiten unterhalten".
Ob des Hundes war Gracchus sich nicht gänzlich sicher, ob er dies ebenfalls bereits schon einmal hatte erwähnt, doch so nicht, war es dringend angebracht. -
Es war die Frage, welche Gracchus sich nicht wollte stellen, nicht wieder und wieder, da sie bereits zur genüge seine Sinne hatte vergiftet, sein Gewissen mit eigener Schuld.
"Eine Reise an sich und insbesondere diejenige über das Mare Internum war seit jeher gefahrvoll. Allzu leicht wird dies vergessen, doch nichts daran hat sich geändert. Du selbst solltest dies wissen. Der Krieg raubt immer geliebte Menschen - Söhne, Brüder, Ehemänner, Väter und auch Vettern. Es ist das Wesen des Krieges und zu glauben, ein Mann würde dem entgehen können, nur weil er einen großen Namen trägt, wäre mehr als nur naiv. Was Arrecina betrifft, so weiß ich nicht, was genau geschehen ist, Agrippina schrieb nur von einem Unfall. Auch Unfälle geschehen, Minervina, niemand ist vor Fortunens Launen sicher und die Schnitterin kappt den Lebensfaden genau dann, wenn das bemessene Ende erreicht ist."
War es möglich, den Lebensfaden durch einen Fluch zu verkürzen, oder war der Lebensfaden von vorneherein bereits kürzer, da der Fluch im Gefüge des Schicksals bereits von Anfang an mit einverwoben war?
"Die Kummulierung all dessen ist nur ebenfalls eine Laune Fortunens, welcher wir nichts entgegen setzen können. Selbst die Götter mischen sich nicht in dererlei ein."
Zumindest nicht in Fällen Normalsterblicher und obgleich sie einem Kaisergeschlecht enstammen mochten, so waren die Flavia dennoch keine Heroen. Insgeheim glaubte Gracchus natürlich an mehr als nur die Launenhaftigkeit des Schicksals, doch dies war nichts, was mit seiner Schwester er zu besprechen gedachte. -
Zitat
Original von Marcus Aurelius Corvinus
Meridius, Gracchus, Corvinus
Mit einem wissenden Nicken quittierte Gracchus die Worte seines Gesprächspartners, die Unzahl an abzuschließenden Akten hatte auch ihn manches mal zu Überwältigen gedroht, vor allem dann, wenn sich ein aus dem einzelnen Fall heraus betrachteter unverzeihlicher Fauxpas hatte eingeschlichen, eine falsche Anrede in einem Brief oder ähnliches. Doch letztlich hatte auch er nur eine Struktur in das Chaos bringen müssen, ein Ordnungsprinzip, um die Disharmonie zu glätten.
"Ein geeignetes System ist das Alpha und das Omega dieses Amtes, obgleich es vermutlich kaum je ein allgemein gültiges Paradigma für diese Art der Arbeit wird geben, da die Herangehensweisen durchaus unterschiedlich sein können, ohne gleichsam in ihrer Güte voneinander abzuweichen. Dennoch ist es wohl wahr, dass Erfahrung dabei durchaus Hilfe sein kann, ich selbst war überaus froh, dass jene enorme Fülle an unbearbeiteten Erbfällen erst auf mich zu kam, als ich schon über die Hälfte der Amtszeit hinter mich gebracht hatte."
Das Lob seine Arbeit betreffend kommentierte Gracchus nicht weiter, da es ihm mehr als unangenehm war und er ob dessen ohnehin kein Wort wusste, was dem zu entgegen gewesen wäre, und quittierte es nur mit einem marginalen, dankbaren Nicken, während er sich bereits an die Namen der Männer zu erinnern suchte, welche gleichsam ihre Amtzeit mit ihm hatten abgelegt.
"Nun, einige der decemviri, welche während meiner Tätigkeit dies Amt ebenfalls ausfüllten, habe ich kaum zu Gesichte bekommen. Einerseits waren dies jene, welche ohnehin nur ihre Amtszeiten absaßen und welche es deplorablerweise wohl in jeder Legislaturperiode gibt, andererseits waren es jene decemviri, welche die Erbfälle der Peregrini bearbeiteten, deren Arbeit die meine also kaum nur tangierte. Einen äußerst guten Eindruck habe ich indes von Orphidius Pocycletus und Turpilius Lyso gewonnen. Orphidius leistet derzeit seine Quaestur ab, er ist Quaestor Pro Praetore in der Provinz Gallia, soweit ich weiß. Das Vigintivirat war seine erste Amtszeit."
Selbstredend war das Vigintivirat immer erste Amtszeit, doch andererseits auch nicht, denn eben während Gracchus' Vigintivirat war es jenen Männern frei gestellt, welche bereits die Quaestur abgelegt hatten, diese zu wiederholen oder das Vigintivirat nachzuholen. Während des Gespräches trafen weitere Gäste ein, Gracchus' unbekannte, doch daneben auch solch Größen des Imperium wie die Senatoren Vinicius und Purgitius.
"Ich bin durchaus gespannt, ob sich für die nächste Amtszeit einige Kandidaten finden werden, deren Namen im Vorhinein bereits etwas bekannter sind. Obgleich das Vigintivirat längst nicht geprägt ist, scheint es seit seiner Einführung doch nur sehr zögerlich angenommen zu werden, doch womöglich ist auch gerade die fehlende Prägung der Grund oder aber auch nur die allgemeine Zurückhaltung den Cursus Honorum betreffend." -
~~~ Gefangen in Morpheus' Reich ~~~
Sanft plätschernd rollten glitzernde Wellenkämme über die am Strande liegenden Kiesel hinweg, entlockten ihnen mit jeder Bewegung ein Geräusch, als würden Murmeln in großer Zahl über den Boden einer Schatulle kullern, sortierten sie gleichsam in immer neuer Ordnung, so dass kein Augenblick gleich dem nächsten war, obgleich die Zeit längst nicht verrann. Fern auf dem grünfarbenen Meer ruderte ein Schiff verzweifelt mit den Armen, suchte dem gewaltigen Sog der Unvermeidlichkeit zu entgehen, musste doch schließlich sich seinem Schicksal ergeben und sich verschlingen lassen vom allzeit hungrigen Geschöpf der See. Als der Ozean sich geschlossen, die Wogen sich geglättet hatten, blickte er auf, vom leisen Rascheln eines Gewandes angelockt.
"Nichts bleibt bestehen im Angesicht der Unendlichkeit"
, sprach er leise und erhob sich, um sie ein Stück ihres Weges zu geleiten.
"Die Unsterblichen sind ewig. Die Unsterblichen sind perfekt. In der Perfektion liegt das Immerwährende. Die Schönheit ist die Perfektion. Darum ist die Schönheit nicht vergänglich."
Wie das sanfte Wogen der Wellen brandeten ihre Worte über seine Ufer hinweg, glätteten die Spuren im nassen Sand, verwischten sie zur Unkenntlichkeit.
"Der Tod ist fern. Das Nichts unmöglich. Lass uns den Vogel erklimmen. Ich habe Dir viel zu erzählen."
Gewaltig schien der rotfarbene Felsen im Licht der nebulösen Sonnenstrahlen, welche wie ein Schleier den Staub durchzogen, scharfkantig ragten die schattigen Risse durch den graufarbenen Grund.
"Ist er nicht schön?"
Es war der sublime Hauch der Harmonie, der zarte Odeur einer zweisamen Einsamkeit, welcher ein feines Lächeln seine Lippen kräuseln ließ.
"Er ist Wahrheit und darum schön."
Sie überquerten einen mit weichem Moos überwachsenen Pfad, aus welchem pflanzengleich pergamentene Blätter erwuchsen. Eine einzelne Grille zirpte im Dickicht verloren ein warmes Lied, welches nach subkonszienter Entzückung und klandestiner Reminiszenz längst vergangener Tage schmeckte. Vorsichtig beugte er sich herab und pflückte eine der Pergamentrollen, hob sie empor und öffnete sie. Eine stille Freude strahlte aus seinen Augen und das Lächeln verbreiterte sich in einer Art, wie die Realität sie ihm kaum jemals konnte abringen.
"Es ist ein Epitheton ornans."
Zufrieden hielt er das flache Blatt in den blaufarbenen Himmel, betrachtete wie das rotfarbene Blut der Schrift hinab auf die grünfarbene Wiese tropfte, und blies es sodann mit zartem Hauch in die Welt hinaus, wo es zu einem bleichen Segel sich aufspannte und im Fluss der Gezeiten hinfort fuhr. Zufrieden. Er war zufrieden und eins. Schmal führte der Pfad hinauf auf den Rücken des Federgetiers, vorbei an luftigen Höhen, hinab durch endlose Tiefen, gesäumt von diffusem Rauch, genährt von den Flammen eines fernen Brandes, dessen Äste dürr und kahl vor dem schummrigen Himmel prangerten. Mühelos streckte er seine Hand und zupfte eine schimmernde Träne aus Tau vom Horizont. Er drehte sich zu ihr, faltete den Tropfen und steckte ihn unter ihr Herz.
"Ich wünschte, ich könnte sie dir schenken, denn nichts gibt es hier, was mehr zum Geschenk dir gereichte, doch gleichsam ist nichts mein Recht hier zu nehmen."
Perlmuttfarben schimmerte der ferne Glanz, bedeckte des Vogels Schwingen mit blaufarbener Fluoreszenz, wie nur der endlose Ozean sie zu schenken vermag.
"Mein Geschenk ist das Erkennen selber. Mein Hirte der Seele."
Ihre Augen schienen ihn einladen zu Verweilen, zu Blicken, zu Erkennen. Wie alles in dieser Welt gehörte auch sie genau an diesen Ort, war ihre Anwesenheit in seiner Existenz vollkommen indispensabel und indisputabel. Wahr. Er sah in ihre Augen und wusste um Vollkommenheit. Er sah in ihre Augen und erkannte, dass der Tod nicht das Ende war. Mochten Städte fallen, mochten Heerscharen zu Grunde gehen, mochten Schiffe vom Meer verschlungen und der Himmel von Feuer überzogen werden, nichts würde je das Ende sein in ihrem Anblick.
"Dir schenke ich, was niemand erfahren hat."
Gleichsam war ihr Anblick nur mehr der Anfang, wie Tropfen eisig kalten Wassers perlte die Erregung seiner Sinne aus seiner Haut, den Rücken hinab und schlug Tausende winziger Dolche dort hinein.
"Der Gott unter den Göttern. Der Kaiser unter den Kaisern. Der Strahlendste. Der Vollkommenste. Und der Schönste."
Niemals.
"Liebste. Du bist zurück gekehrt. Und einen Besucher hast Du mitgebracht?"
Fahl schimmerte der Marmor, geädert mit blutfarbenen Rissen, während sich der Himmel in fliederfarbenem Glanze verlor.
"Du"
, keuchte er, drehte sich fort von ihm, zu ihr. Er blickte in ihre Augen und sah eine Welt, welche nicht existierte. Er blickte in ihre Augen und sah eine Welt, in welcher er wünschte zu sein.
"Er?"
Erneut die Drehung, nicht um sich selbst, doch die Welt um ihn, einem Glockenspiel gleich in hauchdünnem Odeur.
"Warum sie?"
War es Eifersucht, war es Unverständnis oder gar nur Erstaunen, welches sich durch seine Adern zog, Abbild des harten Steines? Wohl kumulierte sich alles in diesem Augenblick zu einer glänzenden Kuppel, einem gläsernen Dach, filigran wie eine Seifenblase, welche sich über die Szenerie hinab senkte und ihr den strahlenden Schein raubte. Verständnislos setzte er sich nieder auf einen goldfarbenen Löwen, an welchem der Rost bereits begonnen hatte zu nagen, versuchte einen Sinn zu blicken, welcher ihm eben noch vor Augen schien. Niemals mehr würde er jemanden finden gleich ihr, niemals wieder, scharfe Klingen und sterbende Rosen flehten darum, nicht sich abzuwenden, Halbgötter und hungrige Geister, Götter wussten, dass er nicht zuhause war.
"Suchende suchen. Verlorene werden gefunden. Sie hat mich aufgespürt. Weil sie mich finden wollte."
Die Lichter erloschen im Hauch des verlorenen Flackerns, Gezeiten brachen über den sanften Fluss der Wellen hinein, nicht Flehen, nicht Bitten konnte das Unabwendbare verhindern.
"Erkennt das Theater des Lebens. Wir sind nur Puppen. Schatten der Götter. Sie lenken uns, sie führen uns. Das Schicksal ist finit."
Ungesagte Worte zerteilten den Horizont, geschlossene Wände und ratternder Sand trieben den Strom des Vergessens nach Hause, nichts konnte ihn stoppen.
"Keiner entrinnt dem Los, was uns beschieden wurde."
Aus den Meeren hinaus in verpasste Gelegenheiten war er Teil des Allheilmittels gleichsam wie auch der Krankheit, doch er war und nichts anderes war vergleichbar.
"Deus ex machina."
Er war.
Zu Hause.~~~
Die ersten Strahlen der frühmorgendlichen Sonne hatten den Horizont gerade erklommen, da erwachte Gracchus aus dem Schlafe, blickte blinzelnd in die farblose Welt über sich und sann darüber nach, was es gewesen war, welches er nicht wollte vergessen, sollte vergessen. Einer fernen Reminiszenz gleich wehten Fetzen der Erinnerung aus seinem Traume zu ihm, ein Vogel, ein Tautropfen auf blasser Haut, doch nichts ließ sich in Sinn bringen, nichts bot Halt. Es war wichtig gewesen, doch er hatte es vergessen. Der Platz neben ihm war leer, Sciurus also bereits aufgestanden, so dass auch Gracchus nun die Decke zurück schlug, sich langsam aufsetzte und seine Glieder streckte. Seit langem war sein Schlaf nicht mehr in dieser Art erholsam gewesen und es war darob ein guter Anfang für einen guten Tag. -
Frühstück war eine Angelegenheit, welcher Gracchus sich nur äußerst zögerlich annäherte. Er nahm etwas Obst zu sich oder auch eine kleine Schüssel Puls, so es denn sein musste, doch da ihn ohnehin niemand zwang, ließ er die Speisen oftmals unberührt und das Frühstück unbeachtet an sich vorüber ziehen. Einzig ein Glas Ziegenmilch fand Tag um Tag, Morgen um Morgen den Weg in seinen Magen und so dies nicht geschehen konnte, musste irgendwer für das Versäumnis Rechenschaft ablegen. Als die Kinder also Sciurus - welcher nicht eben gerade erst aufgestanden war, sondern bereits lange zuvor als die Sonne sich noch nicht einmal dazu bequemt hatte, ihre Strahlen über den Horizont zu senden - im Arbeitszimmer antrafen, war jener gerade dabei, einige Schriftstücke für seinen Herrn vor zu bereiten, welcher in diesem Moment das Frühstück hatte verschmäht und bereits auf dem Weg war, und nur deswegen den Kindern nicht in die Arme lief, da sein Weg ihn zuvor an der Latrine vorbei führte, wo ihn eine Schriftrolle 'Sklave Gaius ist der Beste' länger hielt, als notwendig. Gracchus betrat seine Arbeitszimmer und hob in erstaunter Weise eine Augenbraue, da eben sein Leibsklave sich einen knappen ledernen Schurz vor die Hüfte hielt. Augenblicklich beherrschte ein Knistern die Luft im Raum, welches mit einem Messer zu Durchschneiden gewesen wäre. Gracchus schloss die Türe hinter sich.
"Sciurus"
, gurrte er den Namen seines liebsten Sklaven und Bettgefährten, einen Winkel des Mundes entzückt erhoben, unter den halb gesenkten Lidern hervor lukend.
"Ja sind denn heut schon Saturnalia?"
"Nein, Herr, es war ein Geschenk des jungen Herrn Serenus", antworte ihm Sciurus regungslos in seiner üblich nichtssagenden Art.
"Serenus? Woher weiß er ... ?"
Augenblicklich versteifte sich Gracchus, jedoch nicht in den unteren Regionen, sondern im Rückgrad.
"Er weiß doch nicht etwa ... ?"
Mit der Andeutung eines Achselzuckens schüttelte der Sklave den Kopf. "Ich glaube nicht, Herr. Genau genommen war dies ein Geschenk für mich. Er verteilt diese sogenannten 'Mitbringsel' im gesamten Haushalt, nicht nur an seine Verwandten, auch an die Sklavenschaft. Im Übrigen wird er nach dem Frühstück noch einmal vorbeisehen, um dich zu sprechen, Herr."
Eine gewisse Erleichterung hatte sich auf Gracchus' Gesicht geschlichen. Natürlich war es ohnehin nicht einfach, solcherlei geheim zu halten, zudem war es nicht einmal zwingend notwendig, wenn auch ratsam. Doch es fiel ihm schwer genug, Serenus die einfachen Dinge der Welt zu erklären - Götter, Opfer, Religion, Tugenden und solcherlei - so dass er sich nicht auch noch mit diesem Themengebiet wollte auseinandersetzen müssen. Aquilius würde für dies weit mehr geeignet sein und den Jungen sicher auf einen Weg bringen, welcher weit einfach für ihn würde sein.
"Ah. Nun, so hebe dir dies für heute Abend auf."
"Du hast ebenfalls ein Geschenk, Herr. Es liegt auf dem Schreibtisch."
"So?"
Mit fragender Miene, was sein Neffe ihm wohl beschert haben mochte, trat Gracchus zu dem Möbelstück.
"Stutenmilch? Wie entzückend, so einen Feinsinn hätte ich dem Jungen nicht zugetraut."
"Nein, Herr, nicht die Amphore, diese ist für deine Gemahlin. Der Brief."
"Oh."
Ein wenig betrübt ob der verpassten Gelegenheit nahm Gracchus das Schreiben auf, las die Zeilen und blickte hernach erneut fragend auf.
"Wann wurde die Bibliothek umgezogen?"
"Herr?"
"Nun, hier steht Serenus' Arbeitszimmer, ehemals Bibliothek der Villa Flavia. Wo ist die Bibliothek nun?"
"Noch immer dort wo sie war, Herr. Doch der junge Herr beansprucht sie für sich."
"Das tut er?"
"Ja, Herr. Schon seit einiger Zeit."
"Tatsächlich? Hätte mir das nicht auffallen müssen?"
"Womöglich, Herr."
"Hättest du mich nicht darauf aufmerksam machen müssen?"
"Vermutlich, Herr."
"Ein Versäumnis also. Du weißt, was dies bedeutet. Aber bitte erst Morgen, heute Abend möchte ich dich unversehrt vorfinden."
"Ja, Herr."
"Gut. Davon abgesehen ist die Belegung der Bibliothek durch Serenus ausgeschlossen."
Es war ihm schleierhaft, wie dies an ihm konnte vorbei gegangen sein, war er in den letzten Tagen doch in der Bibliothek ein und aus gegangen, doch eine Veränderung war ihm nicht aufgefallen. Ein wenig nachdenklich ob dessen nahm er hinter dem Tisch Platz. -
Zitat
Original von Decima Lucilla
Wie in Zeitlupe schien die Szenerie unvermittelt sich dahin zu ziehen, ein eisiger Windhauch wehte über die Kuppe des kapitolinischen Hügels, ließ die bunten Fahnen und Girlanden am Tempel der Fides erzittern, zog hin durch das bereits im Ansatz herbstliche Laub der wenigen Bäume und ließ ein leises Rascheln ertönen. Schrill drang das Lachen einer Matrone über den halben Platz her, welche mit lautem 'pro fides!' den Inhalt eines Bechers zu Boden kippte, wo dieser Herzschläge später nur mit klatschendem Laut auftraf. In anderer Richtung ertönte wieder und wieder die halb gemurmelte Entschuldigung eines jungen Burschen, der vermeintlich die Feiernden unabsichtlich streifte, gleichsam jedoch jedem zweiten seine schmale Hand in die Gewandfalte steckte und ihn um einige Sesterzen erleichterte - ebenfalls eine Art von Opfer, doch auf andere Weise. Nicht weit war der tarpeischen Felsen entfernt, doch kaum jemand schien diesen Tages einen Gedanken daran zu verlieren, wie viele Verräter von hier oben in den Tod hinab waren geschmettert worden, kaum jemand gedachte derer, welche sich selbst des Verrates vor ihrem eigenen Gewissen schuldig gesprochen von den schroffen Steinen hatten gestürzt. Wie ein Blitzschlag durchzuckte der Name seines Bruders Gracchus' Geist - Verräter vor dem römischen Volke, womöglich gar vor eigener Familie, und doch mehr noch als ein Bruder, sein Ebenbild. Ein weiterer Schlag der Fluch, welchen er als den seinen zu erkennen glaubte und sich bereits in Schuld stehen sah, sich doch mit dem 'Piraten' musste wiederum korrigieren, welcher auf Quintus zurückführte und die Worte dessen fremdländischen Freundes in gar schmerzhafter Weise zu bestätigen suchte.
"Quintus ..."
Es war kaum mehr als ein Hauch, welcher seiner Kehle entfleuchte. Obgleich die Möglichkeit nicht übermäßig frappierend war, so hatte sich Gracchus doch stets in arglos unbedachter Weise der Hoffnung hin gegeben, es würde niemals zum Augenblick des Erkennens kommen, es würde sich niemals zutragen, dass irgendwer würde auf ihn treffen, dem Quintus Tullius bekannt war, gleichsam dass niemand würde wagen, seinen Bruder mit ihm zu verwechseln, sondern nur sich in Zweifel über die eigene Wahrnehmung würde abwenden. Zumal hatte er nicht seinem Bruder zugetraut, Bekanntschaften in den höheren, souveränen Kreisen gepflegt zu haben, auf welche zu Treffen in Rom unvermeidlich war, doch augenscheinlich hatte er ihn bei Weitem unterschätzt, obgleich die Bekanntschaft nicht sehr positiv verlaufen zu sein schien, wie Gracchus noch immer auf seiner Wange spürte. Solcherlei Versäumnisse war gleichsam bei zu fügen, dass er weiters niemals hatte bedacht, was in einem solchen Falle des Erkennens zu tun war, weshalb er augenblicklich ein wenig ratlos auf die Gesamtsituation reagierte, zudem überfordert von der Publizität all des Geschehens. Womöglich war in der Wahrheit der favorabelste Anfang zu suchen, insbesondere da eine Lüge ihn ohnehin nur unzweifelhaft zwischen Skylla und Charybdis hätte gebracht, da die Fähigkeit zur persönlichen Lüge in seinem Falle äußerst kümmerlich nur ausgeprägt war, gleichsam ihm mehr als nur schlaflose Nächte ob des schlechten Gewissens darum würde bereiten.
"Verzeih, doch mein Name ist Manius Flavius Gracchus. Quintus Tullius war mein Bruder. Wenn du mir dies gestattest, so werde ich dir dies erklären, doch, so möglich, gerne an einem anderen, ruhigeren Ort."
Nicht lag es in seiner Absicht, ihr weitläufige Erklärungen zu bieten, denn ihr zu entlocken, wie viel und was sie über Quintus wusste, zudem woher sie ihn kannte und ob ihr Kenntnisstand seiner Person konnte perniziös werden. -
Meridius, Gracchus, Corvinus
Selbstredend war der Name des Aureliers Gracchus geläufig, nicht nur von Amts wegen, sondern auch und allem voran als Magister der Salii collini, doch erblickten sich Collini und Palatini für Gewöhnlich nur aus einiger Disztanz, zudem war ob der traditionellen Rüstungen, welche bei öffentlichen Darbietungen wurde getragen, kaum ein einzelner von den anderen zu unterscheiden, und selbst dann kaum unter dem Helm zu erkennen.
"Salve, Aurelius Corvinus. Es ist mir ein große Freude, dich kennen zu lernen."
Es war dies in der Tat. Selbstverständlich hatte Gracchus ebenfalls von der Magistratur des Aurelius als decemvir litibus iucandis vernommen.
"Ein äußerst wichtiges Amt, welches du ausführst. Nun, zumindest weiß man am Ende der Amtszeit, wozu man im Amte eingesetzt war."
Ein subtiles, und ob dessen auf seinem Gesichte äußerst seltenes, Lächeln legte sich um Gracchus' Lippen bei eben jener Bemerkung, welches ohnehin nur für den Aurelier würde nachvollziehbar sein, denn mochten auch Senatoren sich im Raume befinden, so hatte keiner von ihnen je die Amtszeit eines decemvir durchlaufen.
"Immerhin dies bleibt"
, fügte er weiters an, ohne weiter zu erläutern, was er damit zum Ausdruck bringen wollte.
"Obgleich es natürlich ein wenig desolat ist, all die Namen dahin geschiedener Römer zu sichten, zumal in manchen Erbfällen die Beerbten noch nicht einmal vom Todesfall Kunde vernommen haben. Dies hat sich solcherlei bei einigen meiner Fälle zugetragen und ich werte dies doch als ein wenig befremdlich, vor allem jene Angelegenheiten betreffend, bei welchen die Todesfälle bereits weit zurück lagen."
Seit der Bearbeitung eben jener Erbfälle hatte sich Gracchus' die Furcht in den Nacken gesetzt, dass er eines Tages würde in die Gefilde des Elysiums einziehen und niemand würde darum bemerken, aus welchen Ursachen auch immer. Es war ihm ein Gräuel, auch nur an solcherlei Möglichkeit zu denken, und es sollte dies Schicksal nicht eines einzigen römischen Bürgers sein müssen. -
Alles um ihn herum hatte sich in viel zu hastiger Abfolge zugetragen, als dass Gracchus dem konnte folgen, geschweige denn es nachvollziehen oder auch zwischenzeitlich reagieren. Plötzlich stand die kleine Person mit ihren funkelnden, dunklen Augen vor ihm, und ehe er sich versah, verspürte er ihre Hand auf seiner linken Wange, welche dort ein heißes, schmerzhaftes Brennen hinterließ. Perplex und derangiert hob Gracchus seine Hand zur Wange, strich darüber und blickte die ihm völlig unbekannte Decima verwirrt blinzelnd an, versuchte zu verstehen, weshalb sie ihm nach dieser Gewalttat zudem mit den Stadtwachen drohte. Seinen Sklaven Sciurus, welcher bereits heran trat, um die Dame von ihm zu entfernen, wies er mit einer kaum sichtbaren Handbewegung inne zu halten, denn er wollte nicht mehr Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich lenken, als dies ohnehin bereits der Fall sein mochte, zumal die Dame nicht den Anschein erweckte aus den niederen Schichten zu stammen. Doch er konnte sie dennoch nirgendwo hin einordnen, war sich gänzlich sicher, ihre nähere Bekanntschaft noch nicht gemacht, sie nicht einmal bewusst auf irgend einer unbedeutenden oder bedeutenden Feierlichkeit bemerkt, geschweige denn eine Tat begangen zu haben, welche ihre Rage würde rechtfertigen. Er war auch nicht wie sein Vetter Aquilius, welcher in freimütiger Manier um die Häuser zog und dabei kaum vor ehelichen Gemächern halt machte, so dass die Dame ihm schwerlich würde um ihren Ehemann betrogen zürnen. Gleichsam hatte er kein Amt inne, des längeren bereits nicht mehr, so dass auch hier sich kein Grund würde finden für ihre Echauffage. Glaubte sie sich womöglich noch aus seiner letzten Amtszeit des Cursus Honorum um ein Erbe betrogen? Doch Gracchus war kein Erbfall bekannt, in welchem eine Anklage war erhoben worden, auch nicht Widerwort, so dass ihm dies ebenfalls von rationaler Seite her betrachtet reichlich unwahrscheinlich schien. In keinem Falle konnte er ihre Erzürnung und ihre Tat nachvollziehen, so dass ihm nichts blieb, als in ehrlicher Verwunderung ihr zu antworten.
"Verzeih, edle Dame, doch keiner Schuld bin ich im Angesichte deiner Person mir bewusst, obgleich, gewiss es liegt mir fern gar jene zu bestreiten. Doch um der Schuldigkeit genüge zu tun, so sage mir, um was sich dies handelt, denn nicht zögern will ich, von jener Schuld mich zu exkulpieren, welche ich auf mich geladen haben mag." -
Kaum anders zu erwarten, war das Opfer geglückt, denn trotz seiner gebeugten Haltung war der Flamen Dialis noch immer einer der mächtigsten Männer des Imperium. Mochte ein Legatus seine Legionen befehligen, mochte der Praefectus Urbi die Truppen der Stadt koordinieren, mochte ein Praefectus Praetorio seine Skorpione in jedes Nest setzen können, doch die Flamines und der Rex Sacrorum konnten das Volk ins Verderben reißen, konnten durch einen Wink Panik ausbrechen lassen oder sie zum Versiegen bringen, konnten Aufruhr auslösen oder beschwichtigen. Mochten all jene gut gestellten Bürger um Gracchus herum ob der Farce der Pontifices wissen, das Volk war es, welches noch immer am zahlreichsten war und das Volk war es, welches im Zweifelsfall in Scharen gutgläubig zu lenken war, denn gegen die Götter konnten auch die Mächtigen sich nicht stellen. An diesem Tage war das Volk besänftigt ob seiner Furcht vor den Auswirkungen des parthischen Krieges und nicht mehr zählte. Gracchus wandte sich um, um in der Menge der Menschen nach einem geeigneten Gesprächspartner ausschau zu halten, kaum etwas eignete sich mehr für zwanglose Plauderei mit tiefgehenden Absichten denn das Forum Romanum oder ein Festtag. Als er an einer kleinen Traube vorbei trat, welche zwei vornehme Personen umringte, als sein Blick für einen Herzschlag lang zwischen den Schultern der Sklaven hindurch ihr Gesicht streifte, flackerte für einem marginalen Moment subliminales Erkennen in seinen Augen auf, es schien ihm tief in sich, als müsse er sich erinnern, als würde er sie kennen, sie zuordnen können müssen. Doch mit dem nächsten Schritt war er an ihr vorbei, die leise Reminiszenz war verblüht und nichts mehr wies darauf hin, dass der Augenblick in Unkenntnis war vergangen.