Beiträge von Manius Flavius Gracchus

    Träge floss die Zeit dahin gleich dickflüssigem Honig und spie nur widerwillig ab und an einen Sodalis durch die Pforte der Curia. Zwölf Männer, zwölf Sitze, noch immer war mehr als die Hälfte davon unbesetzt, auch abzüglich derjenigen, welche im fernen Parthia weilten, war die Zahl zu groß, um zu Beginnen. Als würde ihn dies alles nur marginal tangieren, saß Gracchus geduldig, hielt die Tafel in seiner Hand, jederzeit bereit zu Beginnen, als hätte die Zeit selbst inne gehalten und würde nur ihr Fluss seinen Lauf wieder aufnehmen, so würden denn auch Gracchus' Worte zur Eröffnung augenblicklich aus seiner Kehle ihm dringen. Mit einem Knarzen öffnete sich eine der schmalen Seitentüren und unangenehm von der Zerstörung der Stille berührt tippelte ein ältlicher Sklave heran, um den bereits anwesenden Sodales Wein auszuschenken. Iulius Castus, ein gut aussehender Mann mittleren Alters, welcher das Vermögen seiner Familie vorwiegend in die Fischzucht steckte, griff sich einen Becher und stürzte dessen Inhalt in einem Zug hinab. "Besser im Herbst zu warten, als im Frühling. Ich bin ohnehin gegen das armilustrium, ich sehe keine Notwendigkeit, die Kriegszeit zu beenden. Früher mag das eine sinnvolle Angelegenheit gewesen sein, der italische Winter eignet sich nicht immer zum Kampf und es war schwer genug, für Nachschub zu sorgen. Aber heute sind wir ein Weltreich! In Parthien wird kaum Schnee fallen und Nachschub ist ganz sicher das geringste Problem in diesem Krieg."
    "Wir sind nicht hier, um über die Sinnhaftigkeit der Feiertage zu beraten, Iulius. Feiertage sind Tradition und ihr Sinn ist die rituelle Gliederung des Jahreskreises in feste Abschnitte. Sie bieten den Menschen Halt."
    Längst war ohnehin nicht sicher, dass die Kriegszeit eine Unterbrechung finden würde, jene Tradition war bereits in früheren Kriegen ausgesetzt worden.
    "Mir wäre es lieb, wir würden überhaupt mit der Beratung beginnen. Weshalb ist der Rest so spät?" warf der alte Cornelius ein, welcher bereits seit seiner Ankunft unruhig auf seinem Sitz herum rutschte, als würden ihn dringendere Angelegenheiten fort ziehen, doch womöglich lag dies nur an seiner schwachen Blase, wofür auch sein Verzicht auf einen Becher Wein sprach.
    "Womöglich sind auch wir nur zu früh."
    Erneut kehrte Stille ein in den Raum, unterbrochen nur durch gelegentliches Raschel, Knarzen oder Räuspern.

    Aber niemand ist frei von Fehlern, Gracchus! Es schallte in seinem Kopfe, als wolle die Bedeutung der Worte gewaltsam durch die dicke Mauer seiner Welt brechen, als könne dies tatsächlich eine Rechtfertigung sein für alles, von Beginn an, vom ersten Sonnenstrahl des Tages, bis zu seinem unabwendbaren Ende in Dunkelheit. Doch Gracchus' Mauer gab kein Stück weit nach, sie war Stein um Stein über die Jahre gewachsen, sorgfältig durch harten Mörtel verbaut, in exorbitanter Weise in Höhe und Breite expandiert in den letzten Wochen und Monaten, ein gewaltiger Schutzwall vor dem Unbill der Welt, doch gleichsam ein steinernes Gefängnis. Welche Freude brachte ein wärmender Sonnenstrahl, wenn man ihn nicht konnte mit demjenigen Menschen teilen, für welchen er bestimmt war, da dieser zu eng mit dem eigenen Schicksal war verwoben? Welcher Sommertag bot verträumte Idylle, wenn all jene, welche in Entzücken zu Teilen fähig waren im fernen Elysium weilten? Wo war das Gefühl, gebraucht zu werden, so gleichsam Pflicht und Schuldigkeit in ihm mitschwang, welche gleichsam dem eigenen Empfinden konträr wirkten? Was, wenn Stolz und Liebe mit einem Messer im Rücken am Grunde des Mare Internum lagen, durch Feindeshand geraubt? Wo waren die angenehmen Dinge des Lebens, wenn nur mehr diejenigen blieben, denen die eigene Existenz nur mehr Schmerz konnte bereiten? Es kam nicht einzig darauf an, die Dinge um sich herum bewusst wahrzunehmen, es mussten zudem die richtigen Dinge in der richtigen Wahrnehmung sein, doch Gracchus fand nur mehr Tristesse und Disharmonie um sich herum und mit jeder Todesnachricht sank er tiefer darin ein. Wäre nicht die Pflicht noch immer der stärkste Strang gewesen, an welchem sein Leben hing, viel stärker noch als die Hoffnung, vermutlich hätte er es längst seiner Mutter gleich getan und die Lebensfäden von eigener Hand gekappt. Epicharis' Betrachtung seiner Selbst war ihm indes unangenehm, Scham kroch in ihm empor, ohne dass er gleichsam genau wusste aus welchem Grunde. Womöglich darob, dass er sich in solcher Weise hatte vor ihr gehen lassen, womöglich, da sie noch immer aller Irrationalität entgegen an das winzige Quäntchen Hoffnung glaubte, während er seinen Vetter bereits zu Grabe trug, was ihn wiederum zu seiner Frage zurück führte, weshalb sie dies tat. Wer war Claudia Epicharis? Sie war ein Mensch zumindest, welcher Glaube, Hoffnung und Liebe allen Tugenden voran stellte, ein Mensch der darum nur um so mehr dem strengen Bild Gracchus' Erwartung - geprägt durch Dignitas, Pietas, Severitas, Firmitas und Industria- entgegen stand, obgleich jenes Bildnis selbst seinem eigenen Hang entgegen wirkte, der er viel eher Clementia, Honestas, Humanitas und Veritas wollte folgen, weshalb es ihm womöglich so leicht fiel, ihrem Drang nachzugeben, obgleich es eben jene Hoffnungslosigkeit und vermutlich auch der Verlust eines Großteils eben jenes Glaubens gewesen war, welcher dafür hatte Sorge getragen, dass Gracchus nicht mehr Priester war.
    "Zu einem Opfer braucht es keinen Priester, einem jedem Römer ist die Fähigkeit zu kultischem Handeln gegeben."
    Ein wenig Überwindung kostete es ihn trotz alledem, sich ein feines Lächeln abzuringen.
    "Möchtest du dies in einem Tempel vollziehen oder gereicht dir die Purität unseres Anwesens zur Zufriedenheit?"
    In keinem Falle war es verkehrt, ein Opfer dem Kriegsfürsten angedeihen zu lassen, mochte es den verstorbenen Marcus vor maliziöser Feindesschändung bewahren oder einen unwahrscheinlicherweise noch lebenden Marcus vor dem maliziösen Feind an sich.

    Zitat

    Original von Flavia Minervina


    Scheinbar indifferent saß Gracchus regungslos hinter dem Schreibtisch, die Hände ineinander verschränkt darauf liegend, und ließ die Reaktion seiner Schwester an sich vorüber ziehen. Innerlich jedoch fiel es ihm äußerst schwer, ruhig zu bleiben, es drängte ihn danach, aufzustehen, ihr Trost zu spenden, ihr subsidiär den Halt ihrer Familie zu bieten, für ihr Wohl Sorge zu tragen, wie sein Vater es ihm einst hatte aufgetragen. Doch er konnte nicht vergessen, was sie getan hatte, zweifelte, ob denn sie überhaupt noch Teil ihrer Familie war, und zudem konnte er längstens keinen Trost mehr bieten, da er ihn selbst kaum mehr konnte finden. Minervina, seine Schwester, war ihm so fremd wie jedwede Person draußen in den Straßen Roms.
    "Möchtest du, dass ich dich alleine lasse?"
    Er wusste nicht, wie fremd er ihr war, doch der Gedanke, selbst solch eine Last an Nachrichten in Gegenwart eines Fremden ertragen zu müssen, war ein wenig indignierend.

    Obgleich kaum zu Erwarten gewesen war, dass die Sklavin sein Angebot würde ablehnen, so erfreute es Gracchus doch, als sie dies nicht tat, denn damit war einerseits die Suche nach einer geeigneten Alternative obsolet - obgleich jene Aufgabe ohnehin nicht die Seine wäre gewesen, denn die seines Leibsklaven - andererseits stand der Tat nichts mehr im Wege, des Abends bereits ihren Lauf zu nehmen. Zudem gefiel es Gracchus tatsächlich, in welcher Weise Salambo ihn mit dem Ausspruch 'oh Gebieter' betitelte, was die gesamte Angelegenheit bereits agreabler erscheinen ließ, als die Aussicht Antonias 'Manius' gegenüber zu treten, obgleich seine Gemahlin während der Beiwohnung selten einen Laut von sich gab, geschweige denn ein Wort sprach.
    "Gut, so erwarte ich dich zum heutigen Abend. Sciurus wird dir eine Schlafstatt in meinen Räumlichkeiten herrichten, ich möchte nicht, dass du während dieser Zeit in den Sklavenunterkünften nächtigst. Zudem lasse dir ein Bad angedeihen, Sciurus wird auch hierfür Sorge tragen und dass deine Anweisungen befolgt werden. Ich werde indes einen Brief an Aetius' verfassen, doch dies sollte kaum mehr denn eine Formsache sein."
    Natürlich würde dies mehr sein, Leontias Vater in einem Atemzug vom Tode seiner Tochter zu berichten, im anderen um die Sklavin zu bitten, doch vermutlich würde Gracchus Salambo am Rande nur einflechten, so dass Aetius' letztlich nicht einmal würde wissen, was ihm verlustig ging.

    Dem jungen Türsklaven nachfolgend, betrat auch Gracchus das Triclinium der tiberischen Villa, welchem noch immer der leise Nachhall der Reminiszenz an das Convivium des Tiberius anlässlich seiner Erhebung in den Senat anhaftete, welches durchaus äußerst interessante Einblicke in verschiedene Denkweisen hatte geboten. Wie zu erwarten war der Gastgeber bereits anwesend, neben ersten Gästen zu Gracchus' Verwunderung ebenso eine Dame. Augenblicklich sann er über die Einladung nach, ob er womöglich den Namen seiner Gemahlin von deren Oberfläche hatte verdrängt - frappierend wäre dies in keinstem Maße, hatte er es doch regelrecht perfektioniert, Antonia aus seinem Geiste zu verbannen, wann immer dies möglich war - doch in solchem Falle hätte ihn selbstredend sein Sklave auf das Versäumnis aufmerksam gemacht. Gracchus entschied, die Situation vorerst zu ignorieren, im Bedarfsfall konnte er sie noch immer ob des legendären weiblichen Unwohlseins als abwesend entschuldigen. Neben der ihm unbekannten Dame gewahrte sich Gracchus augenscheinlich in illustrer Runde, konnte er doch den älteren der beiden bereits anwesenden Gäste als Senator Decimus ausmachen, dessen Person ihm von der Verlobung seines Vetters Aristides her vage bekannt war, sonstig nur weitläufig aus der alltäglichen Politik. Auch der jüngere Mann neben diesem schien ihm aus der Öffentlichkeit bekannt, obgleich er dessen Gesicht keinem Namen konnte zuordnen, doch zu zahlreich waren wichtige Gesichter in Rom, als dass ein Mann, welcher ohnehin lieber tiefer zu Blicken beliebte, sich all diese konnte einprägen und mit einem passenden Namenzug in seinem Gedächtnis versehen. Ohnehin war es die Pflicht eines jeden Gastes, den Gastgeber zuvorderst zu begrüßen, im Anschluss würden sich namentliche Lücken sicherlich selbsttätig füllen.
    "Salve, Senator Tiberius! Es ist mir immer eine überaus große Freude, deinen Einladungen zu folgen, und ich möchte dir für diese Dank sagen."
    In seiner üblich defätistischen Art ging Gracchus nicht davon aus, ob seiner selbst Willen geladen zu sein, denn viel mehr als derzeitiger Repräsentant der Flavia in Rom, würden die Stimmen der senatorischen Flavia doch maßgeblich von dem abhängen, was ihnen brieflich aus der Hauptstadt oder auch persönlich bei der Rückkehr in jene würde zugetragen werden.
    "Senator Decimus"
    , grüßte er sodann eben jenen knapp, neigte höflich seinen Kopf zum Gruße vor dem ihm unbekannten Aurelius und bedachte auch die Tiberia mit einem freundlichen Nicken.

    ~~~ Gefangen in Morpheus' Reich ~~~

    Silbrigfarben glänzte das Meer aus verwaschenen Tränen, umspülte die Gestade Tausender lebloser Körper mit sanftem Hauch, während noch sich die fahlen Schatten Fischen gleich an ihren Resten labten. Schwer war sein Körper, leblos und erhaben, ohne Sinne und ohne Last, von Defätismus getragen wie eine Feder, welche im Atem der Fortuna verweilte in endlosem Tanz. Schlieren gleich zogen schwarzfarbene Tauben über den Himmel, zerpflügten das Meer mit ihren scharfkantigen Krallen, durchwühlten die unbeständige See und entließen die traurigen Silhouetten in stummem, kakophonischen Ruf.
    "Du hast sie gerufen! Rufe, laut, schreie! Ich vertraute dir, einen Tag nur, ach, Manius, kein Fluch war geboren. Die Unterirdischen, Manius, warum hast du das Chaos, das Vergehen erschaffen? Einen Tag nur wollte ich, keine andere Absicht haftete mir an, aus deinem Leben. Du hast den Fluch, teuerster Vetter, bis dass du die Larven an mein Genick bandest, geschaffen! Wach auf! Sie erhängten mich, doch wohin? Wieso hast du dies getan, aus welchem Grunde, weshalb hast du das getan? Du musst mit diesem Strick sie zurückschicken. Auf meinen Weg. Hast du mich geführt, Manius? Du bist doch sonst in die Tiefen so brilliant, aus denen Du gekrochen bist, in welche Du stießest mich hinab. Ich habe dir, Vetter, sie hergeholt aus diesen Tiefen. Hast du mir je vertraut? Warum musstest du diesen Fluch in diese verfluchte Familie, über uns bringen? Ich habe dir geglaubt, bin dir gefolgt. Dorthin, auf dass ich wirklich, an deiner Statt, Manius, den Tod finde. Wie konntest du? Du hast mich belogen. Musst du mein Leben zurückschicken, sie zurückschicken, obgleich dir anvertraut? Du, bei deinem Genie, hast alles zerstört."
    Schlingen gleich zog sich der Schmerz um seine Glieder, blendete die Wahrheit in allgegenwärtigem Scham, kein Weg war zu finden als die Dunkelheit verschwand, denn die Morgendämmerung brach die Stille, welche in endlosem Kampfe mit der Wahrheit focht. Nicht alles konnte hinfort gespült werden vom endlosen Ozean, nicht alles konnte in Sehnsucht erlöschen, doch wo das Land im Sterben inbegriffen war, dort war die Made ein König.

    ~~~

    Angespannt wartete Gracchus, bis Caecilius den Raum verlassen hatte, bis schließlich auch die Geräusche aus dem Atrium her dringend verstummt waren, alsdann ließ er sich mit einem tiefen, aufatmenden Seufzen zurück auf die Kline sinken.
    "Mehr Wein. Und du"
    , er umfasste den blonden Jüngling, welcher augenscheinlich nicht zum Gefolge des Caeciliers hatte gehört, sondern Interieur der Villa Flavia war, mit einer laxen Handbewegung.
    "Komm her und massiere mir den Nacken. Sciurus,"
    Augenblicklich trat der Sklave herbei.
    "Sieh nach, wie viel es ist. Wenn es keine unverschämte Summe ist, so will ich sie nicht wissen. Kümmere dich darum, dass sie Caecilius ausgehändigt wird."
    Mit diesen Worten war im Grunde bereits gesichert, dass Gracchus die Summe nicht würde erfahren, denn welche Summe wäre in einem Atemzug mit einer Flavia unverschämt? Dennoch blieben Gracchus' Sehnen und Muskeln angespannt, bis sein Leibsklave endlich die Tafel hatte geöffnet, mit keiner Regung der Miene Erstaunen zeigte, sondern sie wieder zu klappte und nickte. "Ich werde mich darum kümmern, Herr." Nun endlich sank Gracchus gänzlich in sich zusammen, drehte den Kopf ein wenig, und brummte zufrieden, da die Hände des blonden Sklaven sich bereits mit seinem Nacken beschäftigten, auf nicht die schlechteste Art und Weise gar. Er ließ den seltsamen Abend auf diese Weise ausklingen und begab sich wenig später in sein Cubiculum.


    ~ finis ~

    Dunkle Flecken leckten über die Vorhänge der Sänfte, deren originäres Weinrot noch in den Falten sich verborgen hielt, und kündeten auch demjenigen, welcher nicht in tragender Weise durch den leichten, doch beständigen und allmählich sich aufdrängenden Nieselregen des vergehenden Tages lief, von den für Sklaven in tragendem Amte suboptimalen Wetterverhältnissen - obgleich, es tangierte ihn kaum. Einzig vor der Villa Tiberia angelangt und beim Zurückschlagen der Stoffbahnen mit den schimmernden Tropfen konfrontiert, hob sich Gracchus' Blick einen Herzschlag lang suchend zum wolkenverhangenen Himmel empor, sodann wandte er ihn die Straße hinauf und hinab, doch der Regen war längstens nicht stark genug, um sie rein zu waschen. Eilig sprang ein Sklave heran, um ihm den Weg bis zur Pforte der Villa Tiberia trockenen Fußes zu ermöglichen, während ein weiterer bereits zur Türe eilte, um ihn zum Gastmahl des Tiberius Durus anzukündigen. Gracchus indes konnte nicht dem Drang widerstehen, seine Hand über den Schutz hinaus zu halten, und mit einem sublimen Lächeln einige Tropfen des glänzenden Nass aufzufangen.

    Da Gracchus dieser Tage fast nurmehr in der Villa zubrachte, so las er ankommende Schreiben bald schon nach ihrer Ankunft und nicht erst des Abends in seinem Officium, wie er es früher zu tun gepflegt hatte. Der Tag hatte noch nicht an Helligkeit verloren, noch schien die Sonne durch das Fenster herein und befleckte den Boden mit hellen Schlieren, nur durchbrochen von Gracchus' Füßen, der eben das Zimmer hatte betreten, um nach einer Schrift zu suchen. Sciurus trat hinter ihm in den Raum, brachte einen graufarbenen Schatten mit sich herein. "Ein Brief, Herr, von Flavia Agrippina aus Baiae."
    Der Name allein ließ Gracchus aufhorchen, zumeist in der Hoffnung, seine Schwester würde ein Schreiben ihm senden, doch kaum je hatte sich diese Hoffnung der Wahrheit müssen ergeben, kaum je war es nicht seine Tante, welche ihre Worte sandte. Er erschauderte allein ob des Gedankens an sie, vermutlich enthielt ihr Brief nur ein vernichtendes Urteil.
    "Lies ihn vor."
    Der Sklave tat, wie ihm geheißen, begann mit dem aufrichtigen Gruße, ob dessen von Gracchus' nur ein leises Schnauben zu vernehmen war, fuhr fort mit schlimmer Kunde und elysischen Feldern. Längst war Gracchus auf die endgültige Bestätigung Aristides' Tod vorbereitet, doch ein junges Mädchen durchbrach alle Vorbereitung, durchbrach jede Beherrschung und innere Ruhe.
    "Arrecina!? Gib mir den Brief!"
    Noch ehe Sciurus eine Gelegenheit hatte, seinem Herrn das Schreiben auszuhändigen, hatte dieser es ihm entrissen.
    "Hinaus!"
    Allein zurückbleibend ließ sich Gracchus auf sein Bett sinken, hielt das Pergament in Händen und musste sich schwer zwingen, die Zeilen zu lesen. Nicht ob Aristides' Tod trug Agrippina Trauer, denn um den ihrer Enkelin, gleichsam schien sie nichts von Marcus' Dahinscheiden zu wissen. Marcus. Arrecina. Leontia. Quintus. Langsam breitete sich ein feines, subliminales Zittern über Gracchus' Körper aus, als wäre jedes Leben aus ihnen einer eisigen Kälte gewichen lösten seine Finger den Griff um das Pergament, so dass es mit leisem Rascheln zu Boden glitt. Sukzessive kroch die Kälte über seine Haut, umfasste von ihm Besitz, von seinem Äußeren wie Inneren, bis hin in seinen Geist, löschte Flamme um Flamme aus seinem Herzen, bis dass kein Funke mehr war geblieben. Mit trübem, leeren Blick starrte Gracchus zwischen seinen Händen hindurch auf den Boden vor sich, durch diesen hindurch, in eine Welt, in welcher nichts konnte bestehen, in welcher nichts konnte sein, denn endlose Abwesenheit allens. Er hatte keine Kraft mehr zu Trauern. Nichts war mehr in ihm geblieben, was konnte zerbrechen, nichts, was ihm noch konnte genommen, geraubt werden. Ein Herz war gleich eines Herdfeuers, nahm man dort einen Teil hinfort, so regenerierten sich die Flammen mit der Zeit da sie neuen Brennstoff erhielten, so dass später man konnte erneut einen weiteren Teil davon nehmen, um sie in die Dunkelheit zu tragen. Doch entriss man dem Feuer zu bald zu viele seiner Flammen, so war es letztlich nicht mehr überlebensfähig, so blieb keine Glut mehr übrig, um sich zu neuem Leben zu entfachen. Von Gracchus' Flammen war längst nichts geblieben, Leontia hatte einen Teil mit sich getragen, Quintus einen weiteren, bald darauf Marcus den letzten, so war ihm nurmehr eine tiefe, schwarzfarbene Düsternis im Herzen geblieben. Endlose Schwärze schob sich in seinen Geist, begann die Erinnerung an Arrecina hinfort zu wischen, aufzufressen. Trotz Aquilius' Worte konnte und wollte Gracchus nicht an dessen Bild seiner Nichte glauben, er hielt an der Erinnerung des unschuldigen, jungen Mädchens fest, welches fast noch ein Kind war, viel zu jung, um zu sterben, jene verängstigte, wie eine Pappel im Winde zitternde, schmale Person, welche er in seinen Armen hatte gehalten, da sie aus Furcht vor den rachsüchtigen larvae bald vergangen war. Ihr würde keine Gelegenheit mehr gewährt sein, ihr Verhalten in Zusammenhang mit dem germanischen Sklaven zu erklären, darob würde Gracchus an ihrer Unschuld festhalten, würde ihre makellose Persönlichkeit im Geiste bewahren. Nicht mehr nur der Tod war Fluch der Familie, doch gleichsam augenscheinlich auch, dass ein Flavia erst musste das Leben lassen, um ein untadeliges Mitglied dieser Gens zu sein. Der Fluch, die Larven, der rachsüchtige Geist einer striga - war es am Ende all dies gewesen, welches Arrecina hatte dem Leben entrissen? War nicht Gracchus selbst es gewesen, welcher hatte versagt, den Fluch von ihr zu nehmen, der gleichsam womöglich die Bindung zu seinen eigenen Dämonen nur hatte verstärkt, statt zu lösen? Wie ein schwarzfarbener Schleier aus Rauch hatte sich der Fluch über die Familie gelegt, sie wie ein fürsorgliches Wohlwollen umhüllt - sein Fluch - und er war nicht im Stande, dies abzuwenden, dies zu novellieren. Die Familie zerbrach nicht ob seiner Schuld, viel schlimmer löste sie sich langsam auf, zerfiel sukzessive zu Staub und Erinnerung. War dies sein Fluch, zurück zu bleiben, während um ihn herum all jene aus dem Leben wurden gerissen, welche ihm wertvoll waren, oder hatte er den Fluch über sie gebracht, dass sie an ihm zu Grunde gingen? Vermutlich war es beides. Langsam ließ Gracchus seinen Kopf herab sinken, zwischen seine Hände, schloss die Augen und kämpfte still seinen Schmerz in sich hinab.

    Sim-Off:

    Dies ist durchaus am vorteilhaftesten.


    "Das war es, zudem sind die Nachrichten zahlreicher geworden, gleichsam jedoch noch desolater denn bisherig. Bitte setze dich."
    Ein wenig ungeduldig wartete er, bis sie seiner Anweisung nachgekommen war und auf einem Stuhl hatte Platz genommen - andernfalls befürchtete er, sie später vom Boden aufsammeln zu müssen - gleichsam konnten ihre Bewegungen ihm nicht langsam genug sein, denn jede Verzögerung würde dazu gereichen, die Wahrheit ein wenig länger nicht aussprechen zu müssen.
    "Ich bedaure, dich nun mit all dem auf solch endgültige Art und Weise konfrontieren zu müssen, doch glaube mir, auch durch zeitliche Abstände durchbrochen sind die Nachrichten weder angenehmer, noch der Prozess des Annehmens einfacher."
    Er holte tief Luft, um sich selbst zu wappnen, all die Nachrichten auf einmal auszusprechen. Seine Stimme war dennoch tonlos, die Sätze eine Aneinanderreihung ohne Emotion, abgehackt, ohne Pause und nur auf die Vermittlung der Fakten hin ausgelegt.
    "Leontia ist nicht von ihrer Reise zurück gekehrt. Ihr Schiff wurde vom endlosen mare internum verschlungen. Die Bestattung fand indessen noch nicht statt, ich wollte warten, bis du und Serenus wieder hier seid. Aristides wird ebenfalls nicht mehr wiederkommen. Er fiel in Parthia. Seine Bestattung wird sich verzögern, bis seine sterblichen Überreste in Italia angelangt sind. Er hat indes nicht einmal mehr Kenntnis davon erlangen können, dass seine Tochter bei einem Unglück verstarb. Arrecinas Großmutter wird für eine Beisetzung in Baiae Sorge tragen."
    Mit jedem Wort verlor seine Stimme mehr an Lautstärke und Ton, bis dass er die letzten Worte beinahe verschluckte, das letzte Satzzeichen gänzlich verlor. Es war dies alles zu viel für einen Redeblock. Ein einzelner Tod allein war längst zu viel, doch das Dahinscheiden der Flavia wie Nachtfalter im Feuer der Vulcanalia, dies war weit mehr als ein Mensch konnte an einem Tage ertragen. Mühsam presste Gracchus seine Kiefer zusammen, starrte nur seine Schwester an, bemüht einen Anschein von Stärke und Unerschütterlichkeit zu wahren, selbst vor ihr, gerade vor ihr.

    Es kostete Gracchus nur Sekunden der Überlegung, ob der frühe Aufbruch des Gastes mit Worten zu bedauern sei, doch gleich es die Erwartung der Höflichkeit würde womöglich bedingen, so würde der Caecilier ebenso gut wie er wissen, dass es mehr noch als bloße Floskel pure Heuchelei würde sein, darum sich Gracchus dem entgegen entschied. Er erhob sich ebenfalls, um den Gast zu verabschieden.
    "Ich danke dir, Caecilius, für deine Anwesenheit und dieses klärende Gespräch, obgleich es für uns beide vermutlich nicht in eben jener Weise seinen Lauf nahm, wie erhofft. Ich nehme an, deine Begleitung ist ausreichend, um dir einen sicheren Weg nach Hause zu gewährleisten?"
    Dies nun war tatsächlich mehr eine Frage der Höflichkeit, denn es stand kaum zu erwarten, dass der Praefectus Preatorio zu einem solchen Mahl alleine war erschienen.
    "So bleibt mir denn nur, dir eine angenehme Nacht mit auf den Weg zu geben. Ob der noch ausstehenden Saldierung erwarte einen Scriba in den kommenden Tagen."
    Ein kurzer Blick strich über die Schrifttafel, auf welcher der Betrag noch immer darauf wartete, von Gracchus in Augenschein genommen zu werden. Der unangenehme Teil des Abends war darob für ihn selbst mit dem Aufbruch des Gastes noch nicht beendet.

    Dem verdeckten Wagen gleich schoben sich zarte Schlieren hauchdünner Wolkenfetzen über den blaufarbenen Himmel Roms und zogen über die Menge der Menschen hinweg, welche sich auf dem mons Capitolinus hatte versammelt, um der Gabe an die uralte, weißhaarige fides beizuwohnen. Mochte ihre Schwester spes oftmals trügerisch sein, so war der gute Glaube doch eine gutmütige, beständige Frau, über alle Zeitalter erhalten und älter noch als der Göttervater Iuppiter selbst. Dieser Tage nun waren guter Glaube und Treue unabdingbar, schon hatte die imperiale Zeitung über Feindeskontakt im parthischen Reich berichtet, schon bangten Familien um ihre Angehörigen, welche sich als Soldaten bei den Legiones verdingten, und nicht zuletzt ruhte aller besorgter Blick auf dem Imperator Caesar Augustus, welcher selbst mit in den Krieg gezogen war, und dessen halb göttliches Wohl stellvertretend für das gesamte Imperium Romanum stand. Zudem war nichts hoffnungsvoller als der gute Glaube, die römische Streitmacht könnte noch vor Ende der Kriegszeit im späten Oktober den Feldzug für sich entscheiden, denn würde sie erst einmal den Winter über ausharren müssen, so war der Krieg um ein halbes Jahr verzögert, ohne dass auch nur eine entscheidende Schlacht würde geschlagen werden. Für Gracchus selbst war sowohl Hoffnung als auch guter Glaube längst verloren, doch bedingte sein privater Defätismus nicht die Abkehr von fides gegenüber dem Staate, weshalb auch er inmitten der Menschenmenge stand, um dem Opfer zu harren, welches vor dem kleinen Tempel nahe des tarpeischen Felsens seinen Lauf nahm.

    Wie ein Schleier feiner Regentropfen hing weißfarbener Nebel über dem Tiber, zog sich wie eine gewaltige, schimmernde Schlange durch die Stadt, zwischen den Hügeln hindurch. Rotfarben brach sich die untergehende, spätabendliche Sonne in diesem unscheinbaren Nass, leckte zaghaft über die Dächer der Häuser und bedeckte sie mit der letzten, sanften Wärme ihrer Strahlen. Karg und leer lag bereits die Straße vor dem Anwesen der Villa Flavia, kaum fuhren des Nachts Karren in dieser Gegend, kaum eilten Händler spätabends auf diesen Wegen aus der Stadt und längst hatten sich mit Anbruch der Nacht jegliche Schatten vorüberziehender Passanten verflüchtigt. Einzig ein merkwürdiger Tross störte das friedliche Bildnis der allabendlichen Ruhe, welcher sich soeben durch das Tor vor der Villa schob - eine Bahre, getragen von vier Männern, zwei dahinter in kapuzengekrönte, dunkle Mäntel gehüllt, geleitet von zwei Sklaven mit Fackeln in Händen, nicht nur, um die aufziehende Düsternis zu vertreiben. Trügerisch eingenäht in weißfarbenes Leinen schien der Körper auf der Bahre derjenige eines Toten zu sein, selbst das Gesicht bedeckt durch undurchsichtiges Tuch, und einzig die nicht ganz perfekt anatomischen Proportionen, einzig winzige Halme, welche sich verräterisch in den Stoff drückten, mochten einen sehr achtsamen Beobachter darauf aufmerksam machen, dass auf dieser Totenbahre nicht der Körper eines Verstorbenen ruhte. Doch kein Mensch in Rom, welcher bei Sinnen war, betrachtete den alltäglichen Tod, kein Mensch wendete forschend seinen Blick des Abends auf eine verhüllte Leiche, wollte doch niemand sehen, was verborgen lag, denn nur der Tod konnte dort zu erblicken sein. Manches mal jedoch gab es tatsächlich nichts zu sehen, dann, wenn nichts Stoffliches war geblieben, dessen begaffen sich würde lohnen, und abgesehen davon, dass Gracchus nicht wollte, dass irgendwer den zu Bestattenden würde erkennen, so war dies einer jener Fälle, da es nichts zu Sehen und nichts zu Erkennen gab. Nichts war geblieben von Quintus Flavius Gracchus oder auch Quintus Tullius, nichts außer bloßer Erinnerung im Kopfe des Mannes, welcher ihm so similär war gewesen und doch so disparat. Und dennoch machte gerade diese Erinnerung, mochte sie noch so gering sein, gepaart mit irrationaler Furcht ob rastloser Seelen, die Bestattung des Mannes notwendig, welcher einst Gracchus' Zwilling gewesen war und welchen dieser nun neben seiner Base ertrunken am Grunde des Meeres glaubte. Dennoch war Quintus nicht nur Gracchus' Bruder gewesen, sondern gleichsam ein Schatten auf der Ehre der Familie, eine Person wohl, ob welcher er durfte Trauer tragen in seinem Herzen, ob deren Existenz jedoch kein Wort durfte bekannt sein und werden. Einzig Aquilius begleitete ihn darum an diesem düsteren Tage zur Bestattung, selbst auf die Klageweiber hatte er verzichtet, waren diese doch ohnehin nur Mittel und Zweck, die Trauer der Frauen zu verbergen, was in diesem Falle jedoch entbehrlich war. Schweigend verließen die Männer mit der aufgebahrten Leiche aus Stroh den Hof der Villa Flavia und schlugen den kürzesten Weg ein aus der Stadt hinaus und zur Straße der Gräber hin. Obgleich er sich nicht konnte erinnern, so wusste Gracchus, dass er diesen Gang schon einmal hatte angetreten, seinen Bruder zu Grabe zu tragen, und schon damals war es ein falscher Leichnam gewesen, ein Gedanke der tatsächlich hätte amüsant sein können, wäre nicht die Gesamtsituation so unglaublich deplorabel gewesen.

    Im Grunde wusste Gracchus kaum etwas über Felix' Zustand oder Intentionen, es war kaum mehr als eine Randnotiz gewesen, dass sein Vetter sich in persistenter Weise zurück nach Sardinia zog, gleichsam war dies kaum unvermittelt geschehen, da er zuletzt ohnehin nur auf Weisung des Imperators war zurück nach Rom gereist, und da eben dieser nun in Parthia weilte, so war Felix Anwesenheit kaum mehr von Nöten. Dennoch war zu vermuten, dass die praetorianische Garde weit besser über Felix' Abreise und vielleicht gar sein Ansinnen wusste Bescheid, denn seine eigene Familie.
    "In der Tat, eben jener Senator. Nun, er befindet sich derzeit auf Sardinia, doch viel eher als dem Rosengewächs widmet er sich der Pflege seiner Salubrität, obgleich den Rosen er sicherlich ebenfalls große Aufmerksamkeit schenkt. Allerdings steht nicht zu befürchten, dass sein Zustand ernsthaften Anlass zur Besorgnis müsste bieten."
    Nachdem die Nachspeise war verzehrt, reichten erneut Sklaven Schüsseln mit warmem Wasser, um darin die Hände zu reinigen. Mit der Aufmerksamkeit des Gastgebers registrierte Gracchus ebenfalls am Rande, dass sich die Sklaven zum Schnüren der praetorianischen Stiefel bereit hielten, obgleich natürlich der Gast mit dem Ende seines Weinkonsumes den Ende des Abends würde einleiten.

    ~~~ Gefangen in Morpheus' Reich ~~~

    Fliederfarben, durchzogen von einem Hauch von Purpur hing der abendliche Himmel über der goldfarbenen Ebene aus Wüstenstaub. Weit in der Ferne gellte ein braunfarbener Habicht seinen markerschütternden Schrei die die Welt hinaus, doch der Wind kam von Nordnordwest, so dass der Vogel kaum von einer Handsäge zu unterscheiden war. Träge wölbten sich kleine Hügel aus dem Staube empor, Korn um Korn kullerte von den silbrigen Helmen der Milites, welche sich aus dem Sande erhoben, ihm entstiegen in endlosem Marsch, Paradebeispiel eines perfekten Soldaten, gefallener Krieger. Ein Einzelner bot den Anblick der Masse, nur ein einzig Gesicht zierte die Körper zu Tausend und Abertausend, Tausend ein Einzelner mit lachender Miene und schalkhaftem Blitzen in seinen braunfarbenen Augen.
    „In Formation!“
    schrie der Centurio und die Masse gehorchte, stand stramm in Reih und Glied. Einzig Gracchus' Erscheinung wollte nicht recht sich einordnen lassen, nicht in die Reihen Aristides rechts von ihm, nicht in die Reihen Aristides Links von ihm, auch nicht in diejenigen hinter ihm, er stach aus seinem tausendfachen Vetter hervor wie ein Fremdkörper, so dass er letztlich auch dem Centurio nicht verborgen blieb.
    „Manius, Manius, so wird doch nie ein Soldat aus dir“
    , schüttelte Aristides verzweifelt den Kopf.
    „Brust raus“
    , er packte ihn am Halsausschnitt des ledernen Brustharnisch und zog nach vorn.
    „Und Bauch rein!“
    Mit einem brummigen Lachen schlug er mit der vitis gegen Gracchus' Unterleib.
    „Dazu die Schultern gerade und den Kopf hoch halten! Versuchen wir es, auf in die Schlacht! Vorwärts, age!“
    Blass und fahlfarben wehte der Dunst über das Heer hinweg, zog die graufarbenen Wolken in schmächtigen Fetzen über das dunkle Himmelsgewölbe. Schimmernd blitzen die Rüstungen im heißen Schein der erbarmungslosen Luna, fern glomm der verheißungsvolle Glanz des nahenden Sieges. Unerschrocken marschierten sie vorwärts, furchtlos, zu allem entschlossen, voll Mut und Ehre, doch den Feind konnten sie nicht erblicken. Schatten gleich kroch er aus der Wüste hervor, wie ein vermeintlicher Lufthauch umschlich er ihre Silhouetten, streifte leise kichernd ihr Ohr und liebkoste mit zaghafter Berührung ihren Leib, messerscharf, eisig kalt und deletär. Ein ums andere Mal fiel Aristides, starb mit entsetzter Miene, ließ sein Leben mit einem Schrei, verendete ungesehen, ging leise aus der Welt, schied dahin mit einem Seufzen, erlitt den Tod unwiederbringlich, lebte heroisch ab, kam unspektakulär ums Leben, erstarb weinend, erlosch flackernd, atmete seinen letzten Hauch mit einem Lächeln, beendete seine Existenz mit Paukenschlag, entschlief zufrieden, ging honorig zugrunde und schloss für immer seine Augen - zu Tausenden, bis auch der letzte Mann wurde getroffen durch tödlichen Streich, qualvoll verendend zurück taumelte, von Pein überkommen in Gracchus' Arme, welcher ihn fest umschlungen hielt.
    "Marcus, tue das nicht!"
    Verzweifelt entriss Gracchus den schartigen, rostigen Helm von Aristides' Kopf, wischte die von Schweiß durchtränkten Haare seines Vetters aus dessen Stirne, strich über sein Haupt und über seine Wangen, versuchte den Tod von ihm abzustreifen, drückte Aristides' Körper an seine Brust.
    "Geh nicht, Marcus, geh nicht!"
    Früh morgens war es, der Tau spiegelte sich silbrigfarben glänzend auf den Halmen der grünfarbenen Gräser, blass und bleich lag der bloße Körper in Gracchus' Armen, ein einfacher Dolch nur in seinem Rücken, und doch blutüberströmt nach dieser gewaltigen Schlacht.
    "Marcus ..."
    Desperat rüttelte noch einmal Gracchus den längst erkalteten Leichnam, versuchte ihn zu erwecken, während klandestin schimmernde Perlen salzigen Wassers den Weg in seine Augen suchten. Doch der Tod war endgültig, ließ sich nicht negieren. Exhaustiert ließ Gracchus schlussendlich seinen Körper zur Seite fallen, blieb reglos im sandigen Grase liegen, den toten Körper Aristides' eng umschlungen, dessen Kopf an seine Brust gebettet, zitternd in seinen Armen.

    ~~~

    Über die Unabdingbarkeit von Vorsorge hatte sich Gracchus kaum je Sorgen machen müssen, denn die Versorgung der flavischen Familie glich einem seit Jahrzehnten rotierenden Perpetuum mobile, aufgrund dessen niemand von ihnen je würde Not leiden, sofern nicht die eigene Familie dafür würde Sorge tragen, was durchaus nicht gar so abwegig war, wie man dies womöglich konnte meinen. Ohnehin lag Wirtschaftlichkeit ihm nur in geringem Interesse, in dieser Hinsicht war seine Ehe eine mehr als favorable Angelegenheit, schien Antonia doch um so mehr an Zahlenwachstum gelegen. Die Information über Erwirtschaftung eigener Erträge in fremden Besitztümern indes registrierte Gracchus mit der Aufmerksamkeit eines Jägers, welcher seiner Beute nachschlich, denn eines Tages mochte dies noch von Bedeutung sein.
    "Meinem Bruder Lucullus obliegt die Sorge über die Ländereien unseres Familienzweiges, welche sich vorwiegend in Oberitalia befinden, zudem erwirtschaftet auch mein Vetter Aquilius einige Erträge auf den flavischen Gütern in Hispania. Indes gelangt kaum je etwas von dem Wein unserer besten Trauben auf den freien Markt, denn die Erträge sind ob der geringen Anzahl und besonderen Pflege der Rebstöcke begrenzt und zu kostbar. Ich muss gestehen, mir selbst liegt nicht sonderlich viel am Wein, doch gerade mein Vetter Felix besitzt in dieser Hinsicht einen Gaumen, welcher die Lese zweier aufeinanderfolgender Tage allein am Geschmack des daraus entstehenden Weines unterscheiden kann."
    Zumindest behauptete er dies, Gracchus hatte nie versucht herauszufinden, ob dies der Wahrheit entsprach, doch in jedem Falle war sein Vetter äußerst penibel und anspruchsvoll bei der Auswahl seines Weines.
    "Doch natürlich ist auch der Vorrat unseres Hauses längst nicht nur auf unsere eigenen Erträge beschränkt, nicht beim Wein und nicht bei den Speisen. Der Alltag wäre ob dessen doch allzu insipide."
    Vergnügt tat sich Gracchus an den eingelegten Trauben gütlich, denn obgleich er nicht gar so exzessiv schlemmte wie sein Vetter Aristides, so war ihm der Genuß auserlesener Speisen seit jeher eine Freude.

    So heftig wie das Gewitter die Stadt Rom mit Lichtblitz und Donnergrollen hatte überzogen, so unspektakulär musste es letztlich doch weichen, fort getrieben vom stetigen Wind, vergehend in der Ferne der sabbatinischen Berge, wo es sich noch einmal aufbäumte zu einem letzten gewaltigen Staccato, schließlich mit Herannahen des Tages doch in sich zerfiel. Zaghaft strich die erste Helligkeit der Sonne über den Himmel, obgleich jene noch längstens nicht den Horizont hatte überschritten, wischte den feinen Schleier aus Regentropfen hinfort, welcher allmählich an Intensität hatte verloren, zu einem dunstgleichen Fetzten von Erinnerung war verkommen. Mit dem Erwachen des Tages erwachte auch die Welt in ihm zu neuerlichem, immer wiederkehrendem Leben, zartes Zwitschern der früh erwachenden Vögel durchbrach das Säuseln des abflauenden Windes, klandestin raschelten Blätter und Gräser, als Baum- und Erdenbewohner ihre Nester verließen, um die wärmenden Strahlen der Sonne zu fetieren. Mit ihnen kehrte auch Gracchus endgültig aus den Fängen der Nacht zurück, war er doch gewohnt den Tag früh zu beginnen, geweckt durch das leise Rascheln sklavischer Tätigkeit um ihn herum, eine gar ungewöhnliche Geräuschkulisse ob der sonstigen Stille seines Cubiculums, in welcher Sciurus es längst hatte perfektioniert, sich ohne einen Laut zu bewegen. Ohnehin wollte die Szenerie sich nicht dem alltäglichen Ritual des Erwachens zuordnen lassen, war gänzlich fremd und doch gleichsam seltsam vertraut. Weshalb war er hier? Dies war Gracchus' erste Frage an diesem merkwürdigen Tag, welcher auf eine gar seltsame Nacht gefolgt war, doch mitnichten lag es in seinem Ansinnen, ihn mit philosophischen Erwägungen zu beginnen und auf die allgemeine Existenz seiner Person in dieser Welt abzuzielen, sondern einzig darin, zu ergründen, was genau ihn dazu getrieben hatte, den Tag im Oecus der Villa Flavia zu beginnen, oder eher, den vorherigen Tag dort zu beenden. Nebulöser Dunst zog sich durch die Gänge seines Gedankengebäudes, doch es fehlte jener fahle, ungustiöse Belag auf Zunge und Kehle, welcher von einem weinlastigen Abend würde künden, der solcherlei Örtlichkeit zwar nicht zur Gänze erklärbar, doch immerhin plausibel erscheinen würde lassen. Vorsichtig drehte Gracchus seinen Kopf, ließ die Wirbel seines Halses leise knacken und drückte die Schultern durch, um sie zu lockern.
    "Geh und suche Sciurus!"
    herrschte er eine ältliche Sklavin an, welche es gewagt hatte ihrer Aufgabe nachzugehen und sich allzeit bereit im Oecus zu postieren, gleichsam mit der Räumlichkeit zu verschmelzen. Sie eilte hinfort. Langsam setzte sich Gracchus auf, schwang die Füße über den Rand der Kline und stützte die Ellenbogen auf den Knien ab. Auch sein Kopf zeigte nicht jene merkwürdige Art der Benommenheit, welche dem übermäßigen Fetieren alsbald folgen musste, obgleich ein Stück über seinem Nacken ein leises Pochen zu vernehmen war. Unsicher hob er die Hand, berührte seinen Hinterkopf und zuckte augenblicklich zurück, als er jene Stelle erreichte, welche des Nächtens den Aufprall seines Leibes auf dem steinernen Grund des Hortus hatte abgefangen. Gleichsam durchzuckte ihn mit dem Schmerz die Erinnerung, Bilder flackerten auf in seinem Geiste, wechselten Schlag auf Schlag, Leontia und Quintus, der Hortus, das Gewitter, der larva des germanischen Sklaven, die geisterhafte Fratze, der Fluch, die Unterirdischen, das Grauen der Nacht! Hatte er den Wiedergänger bannen können? Unsicher ließ Gracchus seinen Blick durch den Oecus gleiten, horchte nicht nur in den erwachenden Tag, horchte auch tief in sich hinein, ob noch jegliche Teile seines Selbst vorhanden oder womöglich ihm etwas abhanden gekommen war, und blieb schließlich mit seinen Augen an Sciurus hängen, welcher in beinah unheimlich stiller Weise den Raum hatte betreten, mit gekonnter Präzision jeglichen Anschein von Missbilligung hinter seiner maskenhaften Miene verbarg.
    "Eine düstere Nacht, nicht?"
    "Ja, Herr." Niemals wäre dem Sklaven in Sinne gekommen, seinem Herrn zu widersprechen.
    "Ein Schrecken jagte den nächsten, selbst die frische Luft konnte jene horriblen Träume nicht vertreiben, dabei schien das Grauen so furchtbar real. Wahrlich, wenn nur der Tag niemals der Dämmerung müsste weichen, welche nur mehr fähig ist düstere Schatten zu gebären."
    Er erhob sich von der Kline, schwankte einen Moment ob der Zermürbung in seinen Gliedern, welche durch die halbe Nacht auf der Kline herrührte, welche zum nächtlichen Schlaf nicht gerade kommod war, und streckte seine Zehen in die Luft.
    "Mir ist kalt."
    "Ein Bad, Herr?"
    "Hm,"
    brummte Gracchus zustimmend und schlurfte in Richtung seines Cubiclums hinfort, wo er sich noch einmal in seine warme Decke würde einrollen, bis dass das Wasser heiß war.

    Nicht nur, dass Epicharis kein Orakel war und ob dessen keinen Protest konnte gegen Gracchus' Gedanken erheben, war für diesen ein äußerst günstiger Umstand, sondern gleichsam ebenso, dass jener sich nicht dessen gewahr war, welch Glück ihm an diesem Tage durch diesen Umstand beschieden war, denn Glück war ein Gut, welches in seinem Leben kaum eine Berechtigung zur Existenz genoss, und welches er noch weniger geneigt war anzunehmen als seine Person lobpreisende oder auch nur schätzende Worte. Ohnehin war es vermutlich von Vorteil, dass ein Mensch nicht in den Geiste eines anderen konnte blicken, denn hätte Gracchus jenen Geist der Claudia geblickt, er wäre ob ihrer Gedanken wahrlich nur mehr verwundert, verwirrt und verloren gewesen als ohnehin. Doch zurück zum Geschehen, in welchem die Claudia nicht des Flaviers Gedanken, noch der Flavier der Claudias Gedanken blickte, und somit die entstandene Verwirrung sich nur auf je eigene Derangierung bezog, und fort von Eventualitäten zu Tatsachen. Tatsächlich schwankte Gracchus augenblicklich zwischen der Sehnsucht nach seinem stillen Cubiculum, dem Wunsch von all dem nichts zu wissen - auch von Epicharis nicht und gerne auch nicht von sich selbst - und der durch seine Herkunft genährten Erwartung, die Kontrolle über das Geschehen und allem voran sich selbst zu be-, die Familie beisammen zu halten und jegliche Last und Verantwortung von ihr abzuwenden und auf seine eigenen Schultern zu laden, was auch Epicharis' Trauer und Leid zu inkludieren suchte. Instinktiv und ohne einen Gedanken daran zu verschwenden hob er seine Hand und schob Epicharis' Palla zurück über deren Schulter, um die Harmonie ihrer Erscheinung wiederherzustellen, zumindest soweit dies möglich war. Mit der gleichen Bewegung nahm er ihre Hand von seiner Schultern, legte sie zwischen seine eigenen Hände und blickte der Claudia sodann tief in die durch die zuvor vergossenen Tränen schimmernden Augen, so als könne er durch ihre Pupillen hindurch bis weit in ihren Geist vordringen, als würde eben dort ein kleiner Schalter darauf warten, umgelegt zu werden, so dass Epicharis sich der unvermeidlichen Wahrheit würde stellen. Denn wie sinnlos schien es ihm noch zu Hoffen, der er nurmehr gar das schlimmste allen Übels erwartete, der er kaum noch um sich herum mehr denn Vergehen und Verblühen sah, kaum mehr denn Trostlosigkeit, Endgültigkeit, Vergessenheit und Leere.
    "Es tut mir leid, Claudia ..."
    Er blinzelte kurz, schüttelte marginal den Kopf, als wolle er eine Blockade daraus vertreiben, welche noch immer und trotz allem allzu vertrauten Umgang zu verhindern suchte.
    "Epicharis. Doch es besteht kaum Hoffnung. Die Legio ist nicht einfach ein Kampfverbund, es ist eine disziplinierte und straff organisierte Einheit, mit einer beinahe unfehlbaren Verwaltung. Bis ein Mann endgültig als verlustig nach Rom gemeldet wird, werden umfassende Prüfungen getätigt, allein um den Verdacht der Fahnenflucht zu exkludieren. Ein Irrtum ist daher gänzlich ausgeschlossen. Der Glaube indes mag essentieller Anteil unseres Lebens sein und durchaus so manches Ereignis oder manche Tat bewirken können, welche kaum je als möglich gelten."
    Es war ihm selbst nur allzu bewusst, welche Macht dem Glauben inne wohnte, denn obgleich er sich dieser Konsistenz in Bezug auf sein eigenes Leben nur selten gewahr war, so hatte ihn doch seit jeher das Machtgefüge im Hintergrund des Cultus Deorum fasziniert und seinen Drang genährt, eben in jenem Gefüge die Fäden in Händen zu halten.
    "Doch der stoffliche Tod hat nichts mit Glauben zu tun, und so sehr wir uns auch danach sehnen, die Endgültigkeit des Vergehens durch unseren festen, unerschütterlichen und bisweilen irrealen, doch dadurch nur um so menschlicheren Glauben zu negieren, so ändert dies nichts an der Tatsache, gleich wie stark er sein mag. Es ist eine harte Erkenntnis, Claudia, doch dies ist das Leben, hart und unbarmherzig."
    Es war ihm ein Gräuel, ihr dies zu eröffnen, jedoch war es unvermeidlich. Gracchus löste seine Augen von den ihren, kehrte seinen Blick in sich und senkte seine Stimme, welche von einer Traurigkeit überlagert wurde, welche seit einiger Zeit ihm tief innewohnte.
    "Doch das wahrlich Entsetzlichste daran ist, dass das Leben um dich herum trotz allem nur einfach weiter seinen Lauf nimmt, seine gewohnten Bahnen zieht als wäre nichts geschehen, obgleich doch ein Leben erloschen ist, welches für seinen Träger einzigartig war, obgleich doch eine Welt in sich kollabiert ist, für immer vergangen, obgleich doch ihre Anwesenheit für uns verloren ist, obgleich doch wir zurück bleiben mit leerem Platz in unserem Herzen, welcher durch nichts niemals wieder zu füllen sein wird. Die Zeit heilt alle Wunden, so sagt man, doch der Tod ist keine Wunde und auch die Zeit ist gegen ihn machtlos."
    Längst sprach er nicht mehr nur von Aristides.

    Ermattet wischte ein Reinigungsfachsklave mit einem fahlfarbenen Tuch über den Sockel einer marmornen Säule und seufzte hernach zufrieden auf. Natürlich wurde die curia saliorum palatinorum auch dann in reinlichem Zustand gehalten, wenn keine Versammlungen dort wurden abgehalten, doch eine angekündigte Zusammenkunft der sodales erforderte natürlich gesonderte Maßnahmen. Für diesen Tag nun, an welchem eine solche Versammlung anberaumt war, war die Arbeit für den Sklaven, welcher bereits seit den frühen Morgenstunden am Werk war, doch endlich beendet, gerade rechtzeitig, denn eben öffnete sich die Pforte und der derzeitige magister der salii palatini, Flavius Gracchus, wurde eingelassen. Ein anderer Sklave sputete sofort heran, um seinen Mantel in Empfang zu nehmen, bevor Gracchus sich auf dem Platz des magisters nieder ließ, welcher sich in keinster Weise von jenen der übrigen sodales unterschied. Er klappte eine kleine, in edles rotfarbenes Holz eingefasste Wachstafel mit goldfarbenem Verschluss auf und überflog noch einmal die heutigen Tagespunkte. Die Wahl des neuen Magisters stand an, so denn sich ein neuer Magister würde finden, zudem die Planung des kommenden armilustrium. Den Platz seines scheinbar in Parthia gefallenen Vetters Aristides bereits neu zu besetzen, dazu konnte Gracchus sich nicht überwinden, nicht solange dessen Bestattung nicht hinter ihm lag. Zudem war es seit jeher Tradition, dass jene Plätze der salii, deren Inhaber im Namen des Imperium Romanum in einem Krieg stritten, auch an den Tagen des öffentlichen Tanzes vakant blieben, somit würde diese Neubesetzung Angelegenheit des neuen Magisters nach dem armilustrium sein.