Beiträge von Manius Flavius Gracchus

    Um ihn und in ihm war alles gänzlich anders als Gracchus den Tod sich stets hatte imaginiert - insbesondere jenen durch das kalte Metall des Gladius -, denn kein stechender Schmerz durchfuhr seinen Leib, keine grausame Kälte umfasste, keine Marter, Qual und Pein erwarteten ihn - und einen Augenblick befiel ihn entsetzliche Panik in der Erkenntnis, dass eben dies die Realität seines Todes war, dass eben schlichtweg nichts sich transformierte, da er gefangen war in dieser Dimension, verdammt dazu für alle Ewigkeiten als Larve über die Erde zu wandeln.
    Mein Schwert ist viel zu gut für dich.
    Es waren Serapios Worte, welche ihn erlösten, auf welche hin derangiert er seine Augen wieder öffnete, blinzelnd ob der Feuchtigkeit in seinen Augen. Er war nicht tot - und Gracchus wollte nicht bestimmen, was mehr ihn schmerzte, eben diese Tatsache oder die Wahrheit, welche in Form Faustus' Worten kaum weniger vexierend als die Klinge in sein Bewusstsein sich bohrte - dass er nicht einmal mehr den Tod durch ein römisches Gladius hatte verdient. Noch ehedem indes weitere Gedanken sich konnten in seinen Sinnen formulieren schleuderte Faustus seine Lampe an die Wand neben ihm und sogleich fluteten ob dieser brutalen Vehemenz, wiewohl der daraus entstehenden Fährnis wieder Furcht und Panik durch seinen Leib, welche Bruchteile eines Augenblickes später ihren Kulminationspunkt fanden in einem mehr als schmerzhaften Aufprall Serapios Faust auf die Knochen seiner Wange. Selten zuvor in seinem Leben hatte der Flavier einen solchen Schmerz verspürt, selten im Leben war er Teil, war er Ziel solcherlei roher Gewalt gewesen, und die Tränen, welche nun aus seinen Augen rannen waren Reaktion auf die Heftigkeit dieses Augenblickes. Bis auf einen erstickten Laut des Schmerzes war er nicht einmal mehr fähig zu einer Reaktion, konnte nurmehr aus einem tiefen Winkel seines Selbst perzipieren, die Tirade der Anklage Serapios über sich ergehen lassen, konnte allen Vorhaltungen ohnehin nur sich ergeben, da eine Entkräftung der Wahrheit kaum möglich war. Nur ein einziger Brocken seiner Integrität war letztlich noch übrig, welchen er verzweifelt suchte zu ergreifen.
    "Nein"
    , frondierte er leise.
    "Alle … alles … habe ich ver..raten, aber … aber nicht … unsere Liebe."
    Einige schreckliche Augenblicke suchte er sich zu entsinnen, doch er wusste nicht, ob dies tatsächlich die Wahrheit war, war sich nicht dessen sicher, was er alles mochte getan haben, traute nicht seiner Erinnerung, nicht seinen Gedanken.
    "Das … das wollte ich nie."
    Vor ihm zerbrachen Zorn und Ingrimm, zerfielen in endlose Enttäuschung, welche weitaus schlimmer war zu ertragen als aller Hass, wandelte der aggressive Soldat sich zu einem Veteran des Krieges - seines Krieges. Erst nun, im Schein des brennenden Öls auf Wand und Boden, sah Gracchus vollends, was dieser Krieg, was er aus Serapio hatte gemacht, zu was der einst strahlende Heroe verkommen war, wurde dessen sich bewusst wie absurd marginal seine eigene Pein sich gestaltete, wie lächerlich sein eigener Verlust war im Angesichte dessen, was Serapio hatte erdulden müssen, was Serapio hatte verloren. Langsam streckte Gracchus seine Hand, zögerte einen Augenblick als fürchtete er durch die geringste Berührung diesen fragilen Rest Mensch vor sich zu zerbrechen, allfällig den Traum der vor ihm stand, fasste schlussendlich jedoch Faustus' Schulter, trat - noch immer ein wenig unsicher - einen Schritt auf ihn zu, und zog, als endlich diese Distanz überwunden war, den einstigen Geliebten an sich, um einen Arm um ihn zu legen. Ein Schaudern überkam ihn, doch er hatte kein Recht darauf, diese Berührung zu genießen, so sehr es ihn auch danach dürstete.
    "Ich bin so froh, dass du am Leben bist!"
    hauchte er und sog den Augenblick in sich ein. Ein eigentümlich fremder Geruch umgab Serapio, sein Leib wirkte mager und knochig, ausgezehrt und schwach verglichen mit dem einstigen Helden, doch all dies war nur äußerer Schein und Gracchus wusste, wie wenig auf diesen Verlass war. In dieser faden, glanzlösen Hülle war Faustus verborgen, sein carbunculus, und er wusste, so sehr dieser Faustus ihn auch würde hassen, er würde nicht aufhören können, ihn zu lieben. Er hatte sein Herz und seine Seele berührt, hatte sein Leben verändert, hatte bewiesen, dass Liebe blind machte - war sein Herz doch derart von Faustus' Glanz überstrahlt gewesen, dass er gar sein Familie, gar sich selbst darüber hatte vergessen wollen -, er hatte seine Lippen geküsst, seinen Leib liebkost, hatte Träume und Bett mit ihm geteilt, hatte jedes Detail an ihm erforscht und war süchtig nach ihm geworden..
    "Ich habe dich nicht fallen lassen, … du ... du bist mir beständig durch die Finger geglitten ... bis dass du zuletzt gänzli'h abgängig warst."
    Zu einem anderen Zeitpunkt hätte dies allfällig ein Lächeln auf Gracchus' Lippen gespült, denn so war es oft zwischen ihnen gewesen, so oft hatten sie sich verpasst, so oft hatten sie ihre Nachrichten zu spät erhalten, so oft war Faustus auf einmal fort gewesen, unterwegs in klandestiner Mission der Prätorianer - doch in diesem Augenblicke war ihm nicht nach Lächeln zumute. Er hatte alles zerstört, daran bestand kein Zweifel, er wusste nicht einmal mehr, wie er dem hatte zustimmen können, wie er je an die Zukunft dessen hatte glauben können, was er hatte getan.
    "Ich … habe keine Re'htfertigung, keine Apologie und keine Ausrede. Ich … ich wollte dies alles nicht … nicht so, doch ... es ist auf irgendeine Weise geschehen, eins ums andere ... eins ums andere. Alles … alles ist mir durch die Finger geglitten und … und nichts kann ich halten."
    Mit mehr Ruhe als er selbst verspürte strich er über Faustus' Nacken.
    "Nur dich ..."
    , flüsterte er leise.
    "Lass mich dich auffangen ... und halten."

    Neuerlich seufzte Gracchus. All diesen Fragen quälten ihn kaum weniger als dass sie ihn beschäftigten, war Durus doch weit mehr als ein beliebiger Patrizier, ein bedeutsamer Mann gewesen - ein Freund, einer der wenigen Männer, welche der Flavier überhaupt je mit diesem für ihn überaus intimen Titel hatte benannt, einer der wenigen Männer außerhalb seiner eigenen Familie, welchen er im Falle des Falles bedenkenlos eben diese zum Schutze hätte anvertraut. Der Verrat dieses Freundes schmerzte ihn noch immer zutiefst, hatte das Vertrauen in dieses gesamte Konzept restlos in ihm zerstört.
    "Nun"
    , begann er darob ein wenig zögerlich.
    "Eben dies ist es, was ich nicht vermag na'hzuvollziehen. Vescularius Salinator muss etwas gegen Tiberius oder seine Familie in der Hand gehabt haben, etwas überaus abominables, so vermute ich."
    Gracchus konnte sich in seiner regen Phantasie durchaus einige Varianten imaginieren - von einem furchtbaren Familiengeheimnis bis hin zum Wissen um ein Verbrechen, welches die Tiberier in den Abgrund hätte gestürzt - doch nichts davon wollte er näher ausführen solange ihm die Wahrheit nicht einmal im Ansatze bekannt war, solange der einzig gesicherte Hinweis das Ausmaß dieser Tragödie war – denn unbezweifelt war es eine solche, und hätte nicht letztendlich auch ein jeder andere noch so integre Mann, zweifelsohne jedoch er selbst, um seine eigene Familie zu retten seine Freunde, die gesamte Welt gar verraten? Hatte nicht so all dies begonnen, dass er hatte geglaubt, Rom seiner Kinder wegen vor dem Niedergang bewahren zu müssen? Er winkte mit einer laschen Bewegung aus dem Handgelenk alle Bedenken beiseite - spätestens des Nachts würden sie ihn ohnehin wieder torquieren.
    "Selbstredend verstehe ich dies, Aurelius. Letztlich können wir die Vergangenheit nicht mehr ändern, ins..besondere nicht jene, welche wir selbst haben gestaltet."
    Schlussendlich konnten sie kaum Durus öffentlich anklagen, ihre Konspiration zur Ermordung Ulpius Valerianus' verraten zu haben.
    "Und diese Wahrung des Scheines wird auch niemals ein Ende finden, wir werden stets jene Realität weiterspinnen müssen, welche wir initiiert haben."
    Es war ihm dies ein schrecklicher Gedanke.

    In eine schlichte Tunika gekleidet schritt Gracchus an den wächsernen Masken seiner Vorväter und Ahnen vorbei, krampfhaft darum bemüht, seinen Leib aufrecht zu halten, nicht seinen Blick zu senken unter dem gestrengen Blicke, welchen hinter jeder der Masken er witterte, welche dieser Tage noch durchdringender waren als ohnehin.
    "Divi parentes, euch gehören diese Tage der Parentalia, wie unsere Aufmerksamkeit euch gehört, divi parentes, welche ihr euren Schutz und euer Wohl..wollen über dieses Haus und seine Bewohner breitet."
    'Kaisermörder!'
    hauchte es von der Seite her.
    'Verräter!'
    aus einer anderen Ecke.
    "Diese Gaben bringe ich euch, divi parentes, zu eurem Wohlgefallen, ehrwürdige Vorväter"
    , rezitierte Gracchus stoisch weiter die rituellen Worte während er in das Lararium des Hauses eintrat, welches einem sicheren Hort glich - getaucht in das honiggoldfarbene Licht der Kerzen und Öllampen, geschwängert von dem Odeur mannigfacher Räuchergaben und ausgefüllt von der Präsenz gütiger Hausgeister und huldvoller Ahnen - obgleich Gracchus durchaus sich dessen bewusst war, dass auch dies nur Trug war, denn vor dem Spuk seiner Sinne gab es nirgends Zuflucht.
    'Schandbringer!'
    "Divi parentes"
    , hob er seine Stimme ein wenig, um das Geflüster, Gekeife und Gekicher in seinem Kopf, um ihn herum zu übertönen und streute einige trockene Kräuter über die Schale mit glühenden Kohlen, welche auf dem Hausaltar stand.
    "Diese Gaben zu eurem Wohle, ehr..würdige Vorväter, kostbares Salz, frisches Brot aus dem Herd dieses Hauses und bester Wein, auf dass ihr, divi parentes, euer Wohlwollen und euren Schutz uns möget gewähren!"
    Sorgsam platzierte er die Gaben, welche ein Sklave ihm anreichte, auf dem Altar, goss mit zitternden Händen den Wein aus einer Kanne in eine Schale hinein, und suchte das Gekreische und Gejohle zu ignorieren, welches um ihn herum aus den tanzenden Schatten sich erhob. Sie würden nicht ruhen in diesen Tagen, die Geister seiner Ahnen, sie würden ihn jagen, ihn quälen und torquieren, keinen Augenblick ablassen ihn zu martern mit Erinnerung und Mahnung.
    "Nehmt diese Gaben, divi parentes, und nehmt meinen Geist, doch ich bitte euch, lasst ab von den übrigen Be..wohnern dieses Hauses"
    , fügte er leise hinzu, ehedem er sich umwandte und unter den Augen der Vorväter, gleitet von ihrem Flüstern und Raunen das Lararium verließ.

    Da es kaum anders zu erwarten war als dass Gracchus die Kandidatur seines Neffen unterstützte, ergriff er nicht direkt nach Scatos Rede das Wort, wiewohl ihm nach den ersten Meldungen regelrecht die Worte fehlten, respektive er nicht geneigt war, sich selbst zu vergessen und jene Worte, welche in die Sinne ihm strebten auszusprechen. Wodurch auch immer Senator Duccius in der vergangenen Zeit die Akzeptanz und Achtung des flavischen Senators hatte gewonnen, innerhalb weniger Augenblicke war dies durch die Kompromittierung des jungen Flavius, gar der gesamten Familie dahin - nicht einmal so sehr durch die Essenz des Gesagten, welche einem Homo Novus durchaus nachzusehen war, sondern durch die Art und Weise wie er dies formuliert, wiewohl den aufkommenden Disput, welcher Scatos Kandidatur zur Bühne eines für Gracchus höchst befremdlichen Possenspieles reduzierte. Nachdem der Consul zum eigentlichen Inhalt der Sitzung zurückrief, ergriff er schlussendlich das Wort.
    "Zweifelsohne wenig überraschend unterstütze ich die Kandidatur des Flavius Scato - auch weil er mein Neffe ist, doch nicht nur aufgrund dessen, denn würde ich ihn nicht für viabel und tauglich für dieses Amt era'hten, so würde ich lieber schweigen als mich für ihn auszusprechen. Flavius Scato brauchte nicht erst an der Seite eines Senators seine ersten, wackeligen Schritte auf dem Wege in die imperialen Politik zu gehen - er wurde von Kindesbeinen an auf diesen Weg vor..bereitet, denn nichts anderes war ihm bisherig auferlegt als sich um Bildung und Studium zu bemühen, die Zusammenhänge von Politik und Staat, des Lebens im Allgemeinen na'hzuvollziehen, sich in Rhetorik zu üben, mit der Historie unseres, sowie vorangegangener Reiche vertraut zu machen, mit begangenen Fehlern, aber auch Glanzstunden der Vergangenheit, die Weisheit der Welt in sich aufzunehmen, und nicht zuletzt seinen Verstand zu schulen, um dies alles miteinander in Verb..indung zu setzen, um mit den Pflichten des Staates betraut stets die bestmöglichste Entscheidung treffen zu können. Ich bin überzeugt davon, dass Caius Flavius Scato dieses Fundament, aber auch seine Zuverlässigkeit und seinen Fleiß klug einsetzen wird, um seine Pflicht als Vigintivir mehr als zufriedenstellend zu erfüllen."

    "Senator Duccius"
    , begann Gracchus seine Frage einzuleiten, nachdem das Wort ihm erteilt worden war, obgleich es zweifelsohne eindeutig war, wem diese galt.
    "Erst kürzlich hast du die Reform der Schola Atheniensis, respektive deren Abschaffung propagiert, und damit auch das Entfallen der zur Zulassung für die Kandidatur zur Praetur not..wendigen Prüfung des Cursus Iuris an eben dieser Schule. Ein künftiger Kandidat wird darob wohl vermehrt durch die Anführung seiner als Advocatus bestrittenen Prozesse seine juristische Qualifikation fundieren müssen, darob würde ich gerne auch von dir erfahren, inwieweit du deine Kenntnisse der Re'htsprechung als Advocatus vertieft hast?"

    Zitat

    Original von Titus Duccius Vala
    "Ich hatte auch mit einem etwas früheren Termin gerechnet...", gab Vala frei zu, dem der neue Termin aber aus ganz profan-praktischen Gründen nicht passte: er verzögerte seinen Zeitplan um drei Monate, "...ob die Verantwortlichen sich etwas dabei gedacht haben entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Eigentlich war von einem Termin zu den Ludi Palatini zu rechnen, warum das ganze sich nun allerdings um ganze drei Monate verschob: ich weiß es nicht. Nichtsdestotrotz setzt dieser sicherlich etwas unglückliche Termine alle Candidati unter Zugzwang, jünger werden wir nun auch nicht. Dementsprechend kann auch ich nur hoffen, dass die Götter, so zerknirscht sie auch sein mögen, uns zumindest nicht mit schlechten Zeichen bedenken. Wenn ich gerade schon so hochkarätig religiösen Rat zur Verfügung habe: in welcher Form könnte ich um eine solche Kulanz am effektivsten bitten?"
    Dass Vala beileibe kein Fachmann über das Alltagswissen und die religiösen Pflichten eines Magistrats/Offiziers hinaus war, daraus hatte er nie einen Hehl gemacht.
    'Ein Reh springt hoch, ein Reh springt weit. Und das Pferd? Springt nur so hoch wie es muss.' - war zumindest in dieser Hinsicht Valas Devise.
    ...


    Die Antwort des Duccius konvenierte Gracchus nicht übermäßig, obgleich die Terminwahl selbstredend nicht dessen Schuld und dies somit wohl mehr auf Gracchus‘ generellen Unmut über eben diese zurückzuführen war. Er sann einige Augenblicke über die Frage des Senators bezüglich der göttlichen Kulanz nach, ehedem er dazu antwortete.
    "Nun, insbesondere gilt es die divi parentes zu besänftigen, ist mit deren Unmut doch unbezweifelt nicht zu spaßen, doch letztendlich ist es ein einfacher Fall von do ut des - du nimmst dir heraus, an einem der ihnen zugesi'herten Tage deine eigenen Interessen zu verfolgen, darob schuldest du ihnen einen deiner Tage. Ein Tag zu Ehren deiner Vorväter, ein Opfer adäquater Gaben inkludierend, ist darob zweifelsohne angebracht - nicht in den Zeiten der parentalia, in welchen dies ihnen ohnehin zusteht, sondern ex..plizit an einem Tage vor dieser Zeit, mit der Bitte darum, diesen Tag anzunehmen als den ihren im Ausgleich zu jenem Tage, welchen du ihnen während der parentalia für die Wahl abspri'hst."
    Obgleich Gracchus insgeheim wohl annahm, dass dies im Falle Valas allfällig nicht gar so aufwändig würde sein, da die Angelegenheiten des römsichen Cultus seine germanischen Vorväter vermutlich nicht würden tangieren, so dass die Reihe der zu besänftigenden parentes nicht allzu weit mochte zurück reichen, sprach er diesen Gedanken nicht aus - denn weder wollte er den duccischen Senator kompromittieren, noch war er dieser Tatsache sich gewiss, hatte er sich doch stets nur mit zentralrömischer Religio beschäftigt und nicht mit all den Problemen und Fragen, welche die Interpretatio Romana mit sich brachte.
    "Der Unmut der Götter indes wird Angelegenheit des Staates und darob kaum durch die Gaben eines Einzelnen aufzu..wiegen sein."
    Durchaus befürchtete Gracchus eine Anhäufung schlechter Omen, allfällig gar prodigia ob dieser Vermessenheit.

    Sim-Off:

    ...


    Da weitere Vorschläge ausblieben, sowie auch von Cornelius Palma keine Ablehnung des Ancharius Antonius zu vernehmen war, stimmte schlussendlich das Collegium Pontificum über die Aufnahme von Lucius Tiberius Lepidus und Aulus Ancharius Antoninus ab und kooptierte beide Männer mit ausreichender Stimmzahl zu Pontifices des Imperium Romanum*.
    "Somit können wir also zum nä'hsten Punkt unserer Agenda voranschreiten, der Bestimmung des Pontifex pro magistro."
    Gracchus wandte sich Cornelius zu.
    "Obgleich alle Pontifices dieses Collegiums über einen tadellosen Leumund, sowie vortreffliche Kompetenz verfügen und darob zweifelsohne glei'hermaßen geeignet für dieses Amt sind, so ist der pro magistro doch in allen kultischen Angelegenheiten dein Stellvertreter, Pontifex maximus, ob dessen es dir allein zusteht, diesen Mann frei zu erkiesen. Sofern deine Wahl indes noch nicht determiniert ist, kann das Collegium dir auch hierfür Vorschläge unter..breiten, wiewohl selbstredend alle Pontifices dir bereitwillig etwaige Fragen beantworten werden."


    Sim-Off:

    * da der Imperator sich zuvor für Lepidus ausgesprochen hat, können wir uns diese weder narrativ, noch rollenspielerisch sonderlich herausfordernde Abstimmung wohl sparen ...

    Der duccische Senator schien gut vorbereitet auf seine Gäste, was Gracchus durchaus zu schätzen wusste, obgleich die beiläufige Schmeichelei bezüglich seiner eigenen Person ihm ein wenig unangenehm war, insbesondere nachdem auch sein Neffe Fusus dies aufgriff, indes solcherlei zweifelsohne zu Gelegenheiten wie diesen dazugehörte. Nach und nach trafen schlussendlich weitere Gäste ein - Senator Purgitius, Tiberius Lepidus, weitere Vigintiviri, deren Namen Gracchus nicht mehr geläufig waren, und Senator Germanicus Sedulus. Eine politische Runde zweifelsohne, doch überaus divers - und wenig aussagekräftig in Hinblick auf die Intention des Abends, deren Enthüllung schlussendlich die Vorspeise garnierte.
    "Ich bezweifle, dass die Götter auch nur einem der Kandidaten dieser Wahl wohlgesonnen sein werden, doch selbst so dies zutreffen wird, die divi parentes werden es zweifel..sohne nicht"
    , griff er den Wunsch des Purgitius auf. Er verstand nicht, wie der Palast diesen Wahltermin hatte ratifizieren können, war doch davon auszugehen, dass ein solcher Termin von den Palastbeamten gegen den Kalender würde geprüft werden. Einem Kandidaten war - aus Gracchus' durchaus ehrfürchtiger, bisweilen gar abergläubischen Sicht - darob wohl eher zu herausragendem Wagemut und Furchtlosigkeit zu gratulieren.

    Einige Augenblicke lächelte Gracchus still in sich hinein über Priscas formvollendete, makellose Art und es dauerte ihn einmal mehr, dass sie nicht mehr im flavischen Hause beheimatet war, gleichwohl legte über ihr Einverständnis des Schweigens ein Hauch von Erleichterung sich über sein Gemüt.
    "Mein Dank sei dir gewiss"
    , versicherte er darob ihr noch einmal auf ihre Zusage hin, so dass jene Causa erfreulicherweise als abgeschlossen zu betrachten war, zudem recht abrupt aus seinen Gedanken wurde verdrängt durch die ungestüme Reaktion der Aurelia auf die bloße Erwähnung Serapios, auf welche hin sie gar ein wenig die Contenance verlor, was indes die Ursache dessen und die ihr zugemuteten und widerfahrenen Vorkommnisse um so abominabler erscheinen ließ. Gracchus wusste nicht, was ihn mehr schmerzte - die Titulierung Faustus als einen Irren oder die Widrigkeiten, mit welchen dieser Prisca augenscheinlich aus der Sorglosigkeit ihres Lebens hatte hinausgerissen. Ein Schauder kroch über sein Rückgrat bei dem Gedanken, was die Aurelia mochte erlebt haben in dieser Zeit, denn in der ausschweifenden Blüte seiner Phantasie mochten Gräuel und Schrecken gar noch größer sein als sie es in der Realität ohnehin gewesen waren.
    Kaisermörder!
    stachen schlussendlich die Larven und Lemuren die Wahrheit ihren spitzen Klauen gleich ihm in den Leib während Prisca über den Vescuarier und dessen Verbrechen sich echauffierte - und gleichwohl schien diese - die seine - Schuld Gracchus diesen Tages gering im Vergleich zu seiner Schuld an der mannigfachen Zerrüttung unzähliger Leben, von welchen es schien, dass tagtäglich einige weitere in das Register seines Bewusstsein mussten aufgelistet werden. Ein wenig wich die Farbe aus seinem Antlitz, ganz so als würde all sein Lebenssaft benötigt werden in der Muskulatur seiner Schultern, mit welchen er verzweifelt suchte all die Last zu stützen, welche ob dessen auf ihm lag, sein Blick weilte in unergründlicher Ferne, zum wiederholten Male evaluierend, ob der Freitod nach alledem, was geschehen war, ihm zur Ehre würde gereichen, oder letztlich als feige Flucht gewertet den verbliebenen Rest seiner Ehre würde hinfort wischen, da er somit nicht geneigt würde sein, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen, respektive zu nivellieren versuchen. Der Ausgleich war eines der höchsten Prinzipien römischen Lebens - do ut des mit den Göttern, Patronat und Klientel in der Politik, Strafgesetze der Rechtsprechung, Geben und Nehmen in allen Bereichen täglichen Schaffens - doch wie sollte er jemals abgelten, was er hatte getan?
    "Ich ... bedaure sehr, was dir wider..fahren ist"
    , sprach er leise, ohne Prisca dabei anblicken zu können, als diese geendet hatte.
    "Dies sind ... die schlimmsten Übel des Bürgerkrieges, dass ... dass niemand eine Wahl hat hinsichtlich seiner Pfli'hten, ... dass niemand gefeit ist, sich inmitten der Fährnis vorzufinden und ... gleich auf welcher Seite ein einzelner mag stehen, er ist stets ebenso im Recht wie im Unre'ht."
    Gracchus blickte auf, und nur in dem dunklen, braunfarbenen Schimmer seinen Augen mochte allfällig die Qual zu erblicken sein, welche sein Herz torquierte.
    "Bis auf wenige Ausnahmen hatte ein jeder Römer in diesem Kriege - auch Decimus Serapio - zweifels..ohne gute Gründe, zu tun, was er tat - seine Pflicht gegenüber Rom -, denn ... es gab wohl nur sehr wenige Männer, welche von Beginn an, oder auch später, in alle Wahrheit waren eingeweiht, welche ob dessen die vollumfängli'he Verantwortung tragen für dies alles, was geschehen ist."
    Obgleich es allfällig schien als spreche er über Vescularius und dessen gefälschtes Testament, sprach Gracchus de facto von Palma und dem Kreis der Konspiranten um Tiberius Durus, eingeschlossen sich selbst.
    "Cornelius Palma zeigt sich darob überaus gnädig gegenüber jenen, welche der Fluss aus Lügen, Halb..wahrheiten und falschen Beweisen, aber auch aus Gewalt und Pression mit sich hat gerissen, und letztlich ist dies wohl auch eine strategische Entscheidung, wäre er anderenfalles doch gezwungen einen Großteil aller Einheiten neu auszuheben, sowie die Hälfte des ohnehin ausgedünnten Senates und des staatli'hen Verwaltungsapparates neu zu besetzen. Jenen Männern, welche die Treue ihm schwören oder ihre Unterstützung ihm zusichern, ist er ob dessen gewillt eine Chance zu gewähren, jene welche hierzu nicht bereit sind, entbindet er schli'htweg ihrer Aufgaben."
    Und sandte sie nach Hause, von wo aus sie verschwanden, sich buchstäblich in Luft auflösten ohne ein Lebenszeichen - wie in Faustus' Falle.
    "Denn mit dem Tode des Vescularius verbleibt letztlich nurmehr eine Seite des Imperium Romanum."
    Und damit nurmehr eine Wahrheit, nurmehr eine Geschichte.
    "Der Senat indes wird voraussichtlich nur die in der Zeit des Bürgerkrieges gefällten offiziellen Entscheidungen auf ihre Re'htmäßigkeit hin prüfen, sie revidieren oder bestätigen, gegebenenfalls dem Imperator zur neuerlichen Entscheidung vorlegen. Gerichtliche Prozesse im Namen des Staates werden wohl eher die Ausnahme darstellen, sofern überhaupt noch Männer aus des Vescularius' Ver..trautenkreis arripiert werden können, und an privaten Prozessen scheint mit Blick auf die vergangenen Monate glückli'herweise wenig Notwendigkeit zu bestehen."
    Es war beinahe ein wenig beruhigend, derart rational über die Folgen des Krieges zu berichten, die Harmlosigkeit der letztendlichen Konsequenzen dabei hervorzuheben, so als wäre dies alles nur ein nächtlicher Albtraum, welcher während seiner Existenz zwar über alle Maßen gräulich und entsetzlich mochte erscheinen, nach dem Erwachen indes schlichtweg aus der Erinnerung wurde verdrängt, um schnellstmöglichst zu vergessen und zur Normalität zurückzukehren. Deplorablerweise indes konnte Gracchus sich selbst keinen noch so winzigen Augenblick lang täuschen, denn sein Erwachen war gegenteilig mehr von einem Traum in einen Albtraum geschehen.

    Bedächtig nickte Gracchus, fuhr anschließend jedoch fort als wäre diese Reform längst beschlossen.
    "Ich gehe davon aus, dass das pekuniäre Vermögen der Schola Atheniensis der Erhaltung der ausgegliederten Bibliothek zugutekommen wird. Doch in absehbarem Zeitraum wird dieses Vermögen, welches derzeitig durch Gebühren von Kursen und Prüfungen eingebra'ht wird, zur Neige gehen. Beinhaltet deine Reform auch ein Konzept, wie diese Institution sich künftig tragen soll, oder wird sie durch anderweitige staatliche Einnahmen gegenfinanziert werden müssen?"
    Obgleich die Finanzierung einer Bibliothek in den Augen des flavischen Senators nicht im Geringsten als Verschwendung zu betrachten war, gegenteilig ihm weit sinnvoller erschien als manch andere öffentliche Einrichtung, so war staatliches Vermögen doch stets ein knappes Gut.

    Es gab kaum Diskussionsthemen, welche Gracchus mehr ennuyierten denn jene über die Abänderung oder Erweiterung von solch faden Paragraphen und Gesetzen wie etwa Verfahrensanweisungen, Protokollregularien oder Verhaltenscodizes - gleich welchen Gremiums. Zwar wurde im Imperium Romanum seit jeher in allen Bereichen des alltäglichen Lebens jedes noch so marginale Detail schriftlich erfasst, wurde minutiös protokolliert, umfänglich reguliert und verfügt, doch hatte er noch nie Gefallen an dererlei Wortverwendung gefunden, welche in seinen Augen bisweilen mehr einer Wortverschwendung glich in Anbetracht dessen, was sonstig damit alles hätte erschaffen werden können. Wer mochte wissen, welch großartige Epen, Dramen und Lyrik Rom war bereits verlustig gegangen einzig dadurch, dass eine unermessliche Zahl an Worten gebunden war in gehaltlosen Registern, öden Regularien und umfassenden Codizes? Und auch an diesem Tage verschwand eine kleine Kulmination kreativer Ergüsse - allfällig hätte das Distichon eines neuen Kaiserepos daraus entstehen können, gewiss jedoch zumindest der furiose Anklang nächtlicher Agonie - in den unendlichen Weiten schnöder Politik.
    "Eine Auflistung der angängigen Maßnahmen erscheint mir ebenfalls überaus suffizient, denn eine allzu starre, rigide Reglementierung würde die Arbeit des Senates wohl eher obstruieren als ihr förderli'h zu sein."

    "Vale bene, Tiberius"
    , verabschiedete der Senator den Besucher und blickte hernach mit überaus gemischten Gefühlen auf die Türe, welche hinter Lepidus sich schloss.
    "Ti-be-ri-us ..."
    , prüfte er leise abwägend Klang und Gusto des Namens, so als könne dieser allein bereits ein Schicksal besiegeln, als wäre jeder Tiberius darin definiert, gefangen, gleich ob er längstens vergangen, gegenwärtig oder erst zukünftig war.
    'Er kann ebenso wenig für seine Herkunft wie du für die deine.'
    Obgleich Gracchus nicht einmal den Kopf wandte, den sinistren Schemen seines Vaters zu suchen, hob er missmutig eine Braue, enerviert durch die mahnende Stimme, welche Zeit seines Lebens ihn nicht in Ruhe mochte lassen, ihm derart realiter durch die Sinne zog, dass sie weit mehr war als nur ein bloßer Gedanke.
    "Dies mag dur'haus zutreffen, doch was sollte es ändern?"
    fragte er dennoch herausfordernd, da der Adhortation ohnehin nicht zu entkommen war.
    'Dass sein Name ebenso wenig Garant ist für den Verrat, wie der deine für den Ruhm.'
    "Allfällig nicht für den Ruhm, doch für den Wahn zweifels..ohne!"
    wandte Gracchus unwirsch zur Seite sich hin, doch die Stimme in seinem Kopfe, die Stimme der Larve hatte bereits ihren imaginären Standort gewechselt, flüsterte nun zur Rechten in sein Ohr.
    'Außer Domitianus und Calvaster fiel niemand in unserer Familie dem Wahnsinn anheim.'
    "Ach nein?"
    knurrte Gracchus, die Kiefer aufeinander gepresst.
    "Woher kommt es dann, dass all deine Kinder früher oder später den Verstand ver..lieren?"
    'Das ist lächerlich, Manius. Suche nicht deine eigenen Makel in allen anderen.'
    Indigniert begann Gracchus mit den Fingerspitzen seine Schläfen zu reiben, gleichwohl um die Aussichtslosigkeit dieser Handlung wissend.
    "Lä'herlich? Das einzige, das in diesem Raume lächerlich ist, bist du! Du bist tot! Tot, Vater, tot! Und noch immer sitzt du mir im Nacken und sagst mir, was ich tun soll! Warum lässt du mich nicht endli'h in Ruhe?!"
    'Erst wenn du aufhörst, die Familie beständig in Schande zu stürzen!'
    "Ah! Darauf läuft es hinaus, nicht wahr? Darauf läuft es doch immer hinaus!"
    Wütend schlug Gracchus seine Hände auf den Tisch, erhob sich und wandte sich um, feindselig die Wand anvisierend, deren Schatten in seinen Augen die Züge des väterlichen Antlitzes ihm formten.
    "Doch hast nicht du hierfür die Grund..lagen geschaffen, dafür Sorge getragen, dass ich geworden bin, was ich bin!? Du hast mich in dieses Leben gedrängt und dich selbst daraus retiriert als es spinös sich gestaltete! Hättest du einen anderen Weg gewählt, allfällig hätte ich niemals das Imperium in einen Bürgerkrieg ge..stürzt, Tiberius Durus hätte nie eine Chance erhalten, unsere Freundschaft zu verraten, und Tiberius Lepidus könnte ich un..eingeschränkt unterstützen!"
    Zornig wandte er sich um und verließ den Raum, stieß die Türe hinter sich mit lautem Krachen zu, dass dies zweifelsohne in weiten Teilen des Hause noch zu vernehmen war. Allfällig war es naiv zu glauben, dass eine Kreatur, welche einzig in seiner Vorstellung war existent - denn Gracchus war nicht derart von Sinnen, zu glauben, dass dies anders sich gestaltete ,- sich durch eine Türe würde aussperren lassen, doch manches mal funktionierte es, und er wünschte, er könnte sich selbst ebenso leicht aus seinem Leben aussperren - aus diesem Leben, in welchem jegliche Wahl ihm bereits diktiert zu sein schien, selbst jene der Magistrate, aus diesem Leben, dessen Existenz er bisweilen nurmehr leid war.

    ~~~ finis ~~~

    Zustimmendes Gemurmel machte sich zwischen den Sodales breit.
    "Ich könnte mir kaum einen Mann vorstellen, der geeigneter wäre unsere Reihe aufzufüllen! Meine Zustimmung hat Tiberius Lepidus!"
    konstatierte Atilius Propertius durch die Worte und Taten überzeugt.
    "Dem kann ich mich nur anschließen"
    , bestätigte auch Sempronius Evander, und nach ihm folgten Stimme um Stimme alle anwesenden Sodales bis dass die Blicke zuletzt auf Gracchus ruhten, dessen Zustimmung oder Ablehnung noch ausstand - obgleich sie nichts mehr am Ergebnis der Abstimmung würde ändern können. Der Flavier blickte zu Lepidus hin, welcher nichts - nicht den geringsten Anlass - ihm hatte geboten, auf welchen er seine Ablehnung hätte begründen können, im Gegenteil. Tiberius Durus war alles, was gegen ihn sprach, doch dies war unmöglich zu nennen, unmöglich zu erklären.
    "Ich stimme ebenfalls für Tiberius' Kooptation"
    , erklärte Gracchus darob letztendlich, wenn auch weniger enthusiastisch als die übrigen Sodales. Die Aufnahme des Tiberius Lepidus in die Reihen der Salii Palatini war somit beschlossen.*


    Sim-Off:

    * da Aurelius Lupus Lepidus vorgeschlagen hat, können wir wohl von seiner Zustimmung ausgehen.

    Schweigend folgte Gracchus dem Gespräch, welches sich nun unter den jungen Flaviern entwickelte, erfreut darüber, dass Scato augenscheinlich bereits festen Fuß hatte gefasst in der römischen Gesellschaft, und auch Fusus auf bestem Wege dorthin war. Gedanklich vermerkte der ältere Flavier sich, den jüngeren Milonen bei passenden gesellschaftlichen Anlässen mit sich zu nehmen, denn augenscheinlich fiel ihm dieser Anschluss noch ein wenig schwer, während sein Bruder zweifelsohne als Tiro des Furianus in diese Kreise würde eingeführt werden. Ein wenig abgelenkt wurden seine gedanklichen Erwägungen schlussendlich durch den Hinweis auf einen Zwischenfall, einen anderen Zwischenfall mit dem Pöbel noch dazu, so dass seine Aufmerksamkeit gänzlich wieder Scatos Bericht galt, er nicht konnte verhindern, dass zuerst ein sublimes Schmunzeln sich um seine Lippen kräuselte - jene Naivität, welche der junge Flavius eingestand, schien ihm durchaus nicht unbekannt -, alsbald jedoch im Fortgang der Erzählung dies sich löste, sein Antlitz regelrecht erstarrte, die Farbe daraus zu weichen schien. Der Bürgerkrieg. Römische Soldaten. Prügelnde Soldaten. Mitten in Rom. Randalierende Soldaten. Schlachtende Soldaten. Mitten in Rom. Mitten. In. Rom.
    "Wenn in Friedenszeiten der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, so ist er in Zeiten des Krieges ein weitaus schlimmeres Monster, voll..kommen gleich, wo seine Wurzeln liegen"
    , kommentierte Gracchus trocken, ehedem er seinen Weinbecher hob und diesen zur Gänze leerte - obgleich das Gefäß etwa bis zur Hälfte noch angefüllt war mit purem Wein, dessen Nachhall dem Flavius nunmehr überaus bitter erschien. Wenn der einfache Soldat, welcher vorwiegend Befehlen folgte, im Krieg zu einem Monster wurde, was war dann er, welcher diesen Krieg hatte mit angezettelt? Auffordernd hielt Gracchus den Becher zur Seite, dass ein emsiger Sklave sogleich ihm nachschenkte, das grünfarbene Glas sich durch die Flüssigkeit dunkel färbte, konnte indes derart an sich halten, nicht augenblicklich erneut anzusetzen, sondern das Gefäß zurück auf den Tisch zu stellen. Bisweilen beneidete Gracchus jene Männer, welche fähig waren, ihre Sorgen in den Armen des Bacchus zu ertränken, erlag er selbst in solchem Falle doch mit jedem Becher mehr der Melancholie, alsbald der Übelkeit und spätestens am nächsten Morgen unendlicher Tortur und Qual. Flucht, stets blieb der einzige Ausweg die Flucht - Flucht vor Menschen, vor Ereignissen, vor Handlungen, vor Gefühlen, vor Themen, vor der Wahrheit - an allem Ende stets nur Flucht.
    "Früher einmal war die taverna apicia ein überaus empfehlenswertes Etablissement, von den besten Köchen Galliens betrieben, welche die er..lesensten Speisen servierten und nicht selten Angehörige der Nobilitas und Senatorenschaft zu ihren Kunden konnten zählen, zumindest jedoch gut betagte Bürger. Doch ich entsinne mich, dass es schon während meines Aedilates"
    , er wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie lange dies bereits zurücklag,
    "nurmehr eine durchschnittli'he taberna war. Vermutlich haben die letzten Jahre das Ihrige dazu beigetragen, den Pöbel anzuziehen."

    Eine Woge der Erleichterung überkam Gracchus mit Priscas Eröffnung, dass sein kleiner Schatz ihr nicht nur bekannt war, sondern gleichsam gar in ihrer Obhut sich befand, und für einige Herzschläge war er beinahe in Versuchung ihr dankend um den Hals zu fallen - indes nur bis zu jenem Augenblicke da sie begann von seinem guten Ruf zu sprechen, letztlich gar Serapios Namen nannte. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass die Briefe für niemanden einen Sinn mochten ergeben haben - war er doch nicht mehr gänzlich sicher, welche Namen tatsächlich auf ihnen waren festgeschrieben, hatte gehofft, die offiziellen Schreiben des Decimus nicht gemeinsam mit den Liebesbriefen aufbewahrt zu haben, obgleich er tief im Innersten hatte gewusst, hatte befürchtet, jeden einzelnen Buchstaben, dessen er von Faustus war habhaft geworden, beieinander verwahrt zu haben, so dass mit jedem Buchstaben mehr die Nähe zu seinem Geliebten wuchs, als müsse er eine Straße pflastern zu Faustus hin und jedes Zeichen wäre ein weiterer Stein, seinem Ziel näher zu gelangen. Welch Leichtsinn, augenscheinlich ausgelöst durch die Narretei der Liebe! Gewöhnliche Urbaner wussten nun um die intimsten Geheimnisse, welche er mit Faustus hatte ausgetauscht, verlachten allfällig dies hehre Gefühl zwischen ihnen, beschmutzten diese Liebe - zu sehr hielt er noch immer an diesem Glauben fest - mit ihren Worten und Gedanken. Und schlimmer noch, Aurelia Prisca hatte ebenfalls Kenntnis dessen, was indes nicht in Hinblick auf die Reinheit des Gefühls als eine Katastrophe war anzusehen - sie selbst war viel zu hehr, dem Schaden zufügen zu können -, sondern gegenteilig in Hinblick auf ihre eigene Reinheit. Gleich seiner Gemahlin Antonia war Prisca Gracchus stets erschienen wie die makellose Perfektion der römischen Gemahlin, gänzlich untadelig, unschuldig und vollkommen, ein lebendes Abbild der Iuno - darob war es nicht einmal die Liebe zwischen Männern, welche schlussendlich nicht allzu ungewöhnlich war, sondern schlichtweg die Tatsache eines Geliebten, welche zweifelsohne nicht Teil des perfekten römischen Hausstandes war. Nicht auszudenken, würde diese Tatsache an die Öffentlichkeit gelangen, so dass auch Antonia dies würde erfahren - Gracchus würde nie wieder seiner Gemahlin gegenüber treten können! Zwischen Prisca und ihm war indes zweifellos nun aller Anschein perfekter Vollkommenheit dahin.
    "Ich … würde gerne hier verweilen, ... sofern dir dies nicht zur Last fällt"
    beantwortete er zuvorderst ihre Frage, da dies der einfachste Teil aller Worte zu sein schien. Nun, da er dem Zeugnis Faustus' Liebe so nahe war, wollte er nicht die Distanz erneut vergrößern, indem er zur Villa Flavia zurückkehrte, wollte nicht auf die Sklaven der Aurelia vertrauen, das Wagnis nicht eingehen, dass zwischen ihrem Hause und dem seinen noch ein Unglück geschah, gleichwohl schien es ihm ohnehin unter der erdrückenden Last der Wahrheiten augenblicklich unmöglich, seinen Körper auch nur empor zu heben, geschweige denn einen Fuß vor den anderen aus der Villa hinaus zu setzen. Zuguterletzt blieben einige Fragen unbeantwortet, musste er gleichsam suchen, den Schaden zumindest einzudämmen, welcher nicht mehr abzuwenden war. Er wartete bis dass die Sklaven das Tablinum hatten verlassen, suchte, sammelte derweil seine Worte.
    "Es gerei'ht dir zur Ehre, wiewohl ich dir überaus dankbar bin, dass du … dass du diese Dokumente, wiewohl ihren Inhalt bewahrt hast. Indes ..."
    Letzlich war sein gesamtes Leben ohnehin weit entfernt von perfekter Vollkommenheit, so dass die öffentliche Kompromittierung seiner Ehe, seiner Beziehung und seiner Neigungen kaum wohl einen ernsthaften Schaden hätte anrichten können, dies gegenteilig kaum nur an jenen Wert konnte heranreichen, welchen das Leben der Aurelia besaß - welches genau genommen letztlich auch nur ob seiner Schuld am Bürgerkriege wegen in Gefahr war geraten.
    "Sofern das Wissen darum hätte ausgereicht, auch nur einen Bru'hteil dazu beizutragen, deine Unversehrtheit zu garantieren, so wäre jeglicher Verlust meines Rufes leichthin zu verschmerzen gewesen."
    Er atmete tief ein und aus, ehedem er fortfuhr.
    "Da dies jedoch nun nicht mehr von Belang ist, so möchte ich dich gleichsam darum bitten, diese Angelegenheit fürderhin in der Ver..gangenheit zu belassen."
    Einige Augenblicke zögerte er, ob er Antonia explizit sollte benennen, doch widerstrebte es ihm ihren Namen im gleichen Atemzuge auszusprechen, mit welchem er über Faustus sprach, selbst wenn dies nun ein offizieller Faustus war, über welchen er kaum nur etwas wusste.
    "Gab es ... gab es denn einen konkreten Grund, weshalb Decimus Serapio auf den Gedanken kam, selbst dich des Ho'hverrates zu inkriminieren?"
    Hatte es schlichtweg genügt, dass ihre Verwandten Lupus und Urusus auf der Liste der Proskription waren genannt worden - von Serapios Standpunkt aus durchaus zurecht -, oder hatte einer der beiden Prisca am Ende gar eingeweiht? In diesem Falle würde sie zweifelsohne auch von Gracchus' Beteiligung an der Konspiration wissen, und dies Wissen wäre letztlich für ihn weitaus gefährlicher als jede klandestine Liaison.

    Obgleich Gracchus keine genaue Vorstellung davon hatte, was von diesem Abend in der Casa Accia, zu welchem Senator Duccius Vala, hatte geladen, zu erwarten war, so hatte er doch sich dazu entschieden, dieser Invitation zu folgen. Mehr noch, er hatte sich zudem dazu entschieden, seinen jungen Verwandten Fusus mit sich zu nehmen, waren solche 'informellen Rahmen' doch eine gute Möglichkeit für einen jungen Mann, erste Einblicke in die politischen Strukturen Roms zu erhalten. Da sein Sohn Minor ihm - seines Erwachsenenstatus zum Trotze - noch ein wenig jung für diese Dinge schien, er gleichsam die nie endenden Fragen dessen fürchtete, und sein Neffe Scato bei seinem Vetter Furianus als Tiro war untergekommen, hatte er schlussendlich Fusus eingeladen, ihn zu geleiten - nicht gänzlich uneigennützig indes, denn insofern der Abend sich als Ansammlung farbloser Speisen und dröger Thematiken würde herausstellen, würde zumindest Fusus' Anwesenheit ihm eine angenehme Gesellschaft bieten, wiewohl für diesen allfällig sich die Gelegenheit ergab, die anderen Tirones kennenzulernen und einige Kontakte zu knüpfen. Zwar war der Sohn seines Großneffen nicht offiziell sein Tiro - ein politisches Anhängsel, für welches Gracchus sich nicht im mindesten präpariert, wie prädestiniert fühlte -, doch galt in patrizischen Kreisen die verwandtschaftliche Beziehung zweifelsohne als gleichwertig, was der Duccius schlichtweg würde hinnehmen müssen. Von einem Sklaven des Hauses wurden die beiden Flavier in das Atrium geführt, welches zum Speisezimmer war umfunktioniert worden, und in welchem Senator Duccius der Gäste harrte - von welchen sie augenscheinlich die ersten waren.
    "Salve, Senator Duccius! Ich danke dir für deine Einladung und bin bereits voller Er..wartung, was der Abend uns bringen wird."
    Obgleich diese Intention Gracchus nicht bewusst - ihm lediglich von Geburt an inhärent - war, so klang doch unterschwellig in der Couleur seines Tonfalles mit, dass diese gespannte Erwartung sich vorwiegend darauf bezog, was ein Homo Novus aus Germania diesbezüglich zu bieten imstande war. Sodann wies der flavische Senator auf den jungen Mann, welcher ihm folgte.
    "Dies ist Iullus Flavius Fusus, Sohn des Titus Milo und Enkel meines Vetters Secundus Felix. Er ist erst kürzlich nach Rom zurückgekehrt, um in die Fuß..stapfen seines Großvaters zu treten."
    Dass diese Fußstapfen enorm groß waren und Fusus mitnichten die Absicht hatte geäußert, in diese allzu bald hineinzutreten, war für seine Vorstellung gänzlich irrelevant, denn letztlich hatte ein Flavius nun einmal zu sein - oder zumindest darzustellen -, was er war - ein Flavius.

    Bereits als Duccius Vala bei ihm für seine Kandidatur zum Aedil hatte vorgesprochen, hatte Gracchus ihn seiner Unterstützung versichert, denn obgleich es - für die alteingesessen Senatoren - ein wenig blamabel war, dass ein Homo Novus aus der germanischen Provinz nach Rom kommen musste, um eine Reform des staatlichen Bildungswesens hin zum römischen Ursprung zu initiieren, so konnte Gracchus dieser Idee sich doch voll und ganz anschließen. Zwar hatte seine Familie ohnehin stets Privatlehrer in ihrem Hause oder sandte die Kinder zu freien Lehrern, doch letztlich blieb auch einem Flavius derzeit wenig übrig, als die Schola Atheniensis zu besuchen, wollte er politisch vorankommen. Mit seiner ersten Wortmeldung indes wollte Gracchus diese Zustimmung noch nicht allzu deutlich werden lassen, gleichsam jedoch in diesem Augenblick allfällig ein wenig überrumpelten Senatskollegen keinerlei Gelegenheit lassen, diese Thema in Ressentiments zu ersticken.
    "Wie soll diese Reform im Detail aussehen, Senator Duccius?"