Beiträge von Manius Flavius Gracchus

    Durchaus interessiert folgte Gracchus den Ausführungen des Duccius Vala und er musste wohl zugeben, dass der Homo Novus aus Germania sich augenscheinlich gut hatte geschlagen als Aedil, und auch in rhetorischer Hinsicht mit seiner res gestae durchaus zu überzeugen wusste. Nachdem er sich bereits im Bürgerkrieg hatte hervorgetan, war es zweifelsohne angebracht, diesen Mann im Auge zu behalten. Da indes auch Gracchus keinerlei Fragen hatte, meldete auch er sich nicht zu Wort.

    Neuerlich wollte der Konsul in der Herrschaftszeit des Vescularius herumstochern, und neuerlich bereitete Gracchus dieser Gedanke Unbehagen, wenngleich auch die Tätigkeiten der Magistrate des Cursus Honorum, sowie Vorgänge und Entscheidungen des Senates kaum wohl eine Gefahr für die Konspiration würden darstellen, denn augenscheinlich hatte der Senat an Salinators Untersuchungen diesbezüglich ebenso wenig Interesse gezeigt wie an seinen eigenen Machenschaften, hatte Proskriptionen und Verurteilungen ebenso stillschweigend und ohne Beweisforderungen hingenommen wie seine übrigen Anordnungen - so dass auch kaum einer der noch anwesenden Senatoren würde Details zu dieser heiklen Angelegenheit wissen. Da Gracchus allerdings ohnehin in keinem Falle eine stichhaltige Argumentation gegen eine solche Inquisitio Senatus würde vorbringen können, schwieg er, auf die Details des Konsuls wartend.

    "Auf bald, Fusus"
    , erwiderte Gracchus den Abschiedsgruß lächelnd, doch beinahe schon ein wenig abwesend. Da er noch immer auf dem Stuhl saß - nicht aus Unhöflichkeit, sondern da er in Gedanken bereits in einer anderen Sphäre weilte - war sein Ausblick auf das Hinterteil des Fusus geradezu phänomenal, und er genoss jeden Herzschlag lang die wohlgeformte, harmonische Bewegung des jungen Mannes aus seinem Officium hinaus. Als die Türe sich hinter seinem Neffen schloss, sog Gracchus scharf Luft ein, schloss die Augen, ließ seinen Kopf zurück in den Nacken fallen und atmete kräftig aus.
    "Denke nicht einmal daran, Manius, nicht einen Augen..blick ..."
    , gemahnte er sich leise, konnte sich indes schwer nur auf seine Adhortation konzentrieren, sah er doch vor seinem inneren Auge fortwährend Fusus' Gesäß. Ein langes Seufzen aus der Tiefe seiner Seele bahnte sich einen Weg in Freiheit, ehedem er die Augen wieder öffnete, sich erhob und mit den Fingerspitzen sich seine Schläfen massierte. Er wollte nicht Fusus, er wollte Faustus - und er würde in keinem Falle zulassen, dass er seinem Neffen gegenüber würde schwach werden, ihn als Interludium missbrauchte. In. keinem. Falle.


    ~ finis ~

    Nachdem der Imperator gesprochen hatte, gab es wohl kaum Zweifel an der Kooptatio des Tiberius, dennoch erhob auch der alte Flamen Dialis sein Wort, um nahtlos einen weiteren Vorschlag anzubringen.
    "Ich stimme der Aufnahme ebenfalls zu - was ich von Tiberius' Eifer selbst gesehen habe und was mir zugetragen wurde, ist nur positiv zu bewerten. Als weiteren Kandidaten möchte ich Senator Aulus Ancharius Antoninus* nennen, der unter dem göttlichen Valerianus als Magister der Augustales tätig war und sich stets für den Cultus Deorum und das Wohl der Götter eingesetzt hat. Auch seine Kooptation wurde durch den Usurpator unterbunden, er verbrachte die Zeit des Bürgerkrieges in der Provinz Iudaea und kehrte erst kürzlich nach Rom zurück."
    Cartilius Montanus, welcher vor dem Vescularier nach Aegyptus geflohen war, nickte energisch.
    "Wie man hört, hat er in Cesarea Maritima die Arbeit des Cultus Deorum immens vorangebracht, auch wenn dort kaum gegen die Christianer anzukommen ist."
    Auch Menenius Lanatus, der Rex Sacrorum, mochte dem beipflichten.
    "Ancharius wäre durchaus eine gute Wahl."
    Einige weitere Pontifices pflichteten dem nickend bei ohne Gegenargumente oder alternative Kandidaten anzuführen.


    *[NSC]

    Neuerlich ließ Gracchus seine Braue ein wenig empor wandern, enthielt sich jedoch eines weiteren Kommentars in Hinblick auf die Proskriptionen. Auch hernach war er zu keiner weiteren Replik bereit, fahndete er doch nach Anzeichen dafür, dass Tiberius Lepidus seinen Worten einen Hintergedanken hatte beigemengt, welchen er aufgrund der Fakten nicht zu denken berechtigt war, dies absichtlich hinter seinem Lächeln verbarg, den Flavier geradezu offen verhöhnte. Seine Kiefer aufeinander gebissen fixierte Gracchus seinen Besucher, doch weder brach dieser in schallendes Gelächter aus, noch setzte er zum finalen Stich an, leitete lediglich das Ende seiner Anliegen ein.
    "Nun, Zeit ist ein Gut, welches ich derzeit freigiebig zu offerieren habe"
    , antwortete Gracchus unbestimmt, zwar gänzlich ehrlich, doch ob dieser Tatsache ein wenig widerwillig, ehedem er fortfuhr:
    "Ich wünsche dir viel Erfolg, Tiberius, bei deiner Kandidatur. Mögen die Götter deinen Weg ebnen, und die Senatoren die re'hte Entscheidung treffen."

    Gerade wollte Gracchus erneut darauf hinweisen, dass Tiberius Lepidus ebensowenig verfügbar war, da er ein Vigintivirat ablegte - was zweifelsohne keine gute Voraussetzung war, im gleichen Jahr ein Pontificat zu beginnen -, als die Decima eine Äußerung tätigte, welche ihm tatsächlich ein Lächeln entlockte - welches äußerlich beinahe ein wenig spöttisch mochte erscheinen.
    "Tiberius Lepidus war als Aedituus tätig?"
    Als der Tiberius vor seiner Kandidatur bei ihm war vorstellig geworden, hatte er dies selbstredend erwähnt, doch an diesem Tage hatte Gracchus' Aufmerksamkeit gänzlich anderen Dingen gegolten.
    "In der Tat"
    , bestätigte Curiatius Fistus, der Flamen Quirinalis.
    "Wir haben schon einmal über seine Kooptatio beratschlagt, damals unter Vescularius Salinator, der dem natürlich nicht zugestimmt hat. Doch Tiberius Lepidus wandte sich nicht vom Cultus Deorum ab, wie es sicherlich viele andere Männer getan hätten, die nur nach ihren eigenen Interessen handeln, sondern verdingte sich geduldig im Tempel des Iuppiter Optimus Maximus."
    Es klang, als müsse Lepidus für diese Entscheidung in Schutz genommen werden, und tatsächlich mochte sie für einen Patrizier dieser Tage durchaus ein wenig demütigend sein. Das Lächeln auf Gracchus' Lippen indes wich nicht, konnte er sich doch allzu gut an seine eigene Dienstzeit im Tempel des Iuppiter Optimus Maximus entsinnen - zu einer Zeit, als die Arbeit als Aeditus noch eine Prämisse war, welche für einen jeden Mann, gleich welchen Standes, als notwendig galt, welcher auch nur in die Nähe eines der stadtrömischen Collegien wollte gelangen. Tatsächlich war Gracchus der Ansicht, dass dies eine der besten Vorbereitungen für eines der Collegien war.
    "Ich unterstütze den Vorschlag der Decima und spre'he mich ebenfalls für Tiberius Lepidus aus."

    Nachdem schlussendlich niemand mehr nach den Speisen griff, wurde alsbald das Hauptmahl abgetragen - selbstredend waren noch immer einige Reste davon übrig, wurde auf flavischen Tischen doch niemals zu wenig oder gerade genügend aufgetragen -, was Gracchus eine willkommene kurze Zeit von einer Antwort befreite. Nachdem ein jeder seine Hände in einer Schüssel warmen Wassers hatte abwaschen können, folgte bereits die Nachspeise - pochierte Birnen mit Mandeln garniert und umringt von einer Sauce aus diversen Beeren.
    "Nein"
    , beantwortete Gracchus schließlich mit einem missmutigen Blick auf das Dessert - er war kein Freund süßer Speisen - die Antwort seines Sohnes.
    "Zumindest wäre mir kein Zwist mit einer der cornelischen Familien bekannt."
    Lediglich die Beteiligung an einer subversiven Konspiration mit dem derzeitigen cornelischen Kaiserhaus, sowie einige freundschaftliche Bande zur Familie der benachbarten Cornelii. Doch Gracchus war dieses Thema, - welches, wenn auch für alle anderen unerkannt, wider und wider um die Konspiration kreiste, dem anhänglichen Satelliten eines Planeten gleich - leid, so dass er beschloss, das Gespräch selbst in eine andere Richtung zu lenken, ehedem sein wissbegieriger Sohn weiter konnte nachhaken - eine Eigenschaft, welche ihn zweifelsohne noch weit würde bringen, seinen Vater an diesem Abend jedoch ein wenig enervierte.
    "Scato, Fusus, habt ihr euch gut eingelebt in Rom? Wie weit konntet ihr eure Pläne bereits verwirkli'hen?"
    Das Leben anderer schien weitaus weniger verfänglich zu sein - so hoffte Gracchus zumindest.

    I-II


    Mit einem Male kam Bewegung in die Szenerie, der eine Mann teilte sich zu zweien, gleißendes Licht hüllte beide in einen Kokon, ein Brüllen durchriss die Nacht, dass Gracchus' Augen vor Furcht sich weiteten, er einen halben Schritt zurückwich, gänzlich überfordert mit dieser unerwarteten Situation. Er konnte nicht erkennen, was dort an der Mauer stand, war zu eingenommen von dem tobenden Manne, den er kannte, und doch nicht kannte.
    "Faustus ..."
    , entfleuchte ihm atemlos, zerrten und rissen die Emotionen an ihm, das überbordende Glück, seinen Geliebten am Leben zu sehen, die grenzenlose Furcht indes vor dem rasenden Furor, welcher ihm entgegen schlug, in Worten der Diskreditierung über ihm sich ergossen, als Affront indes an ihm mussten ob ihrer Wahrheit verpuffen. Mit offenem Munde, sprachlos, konsterniert, sein Herz rasend, starrte Gracchus auf Serapio, welcher sich ihm näherte, Wort um Wort ihm entgegen schlug, bis dass er endlich vor ihm stand in all seiner Pracht. Seine wunderschönen blaufarbenen Augen glühten vor Zorn, wie sie einst hatten vor Leidenschaft geglüht, und die Schatten der Nacht ließen seine Gesichtszüge ein wenig weicher erscheinen als sie es bei Tage vermutlich wären gewesen, konnten doch nicht überdecken, dass in diesem wunderschönenen Antlitz nurmehr Ingrimm für ihn zu finden war - und sofern nur der geringste Zweifel daran mochte bestehen, so stand doch das kalte Metall zwischen ihnen als Mahner der Wahrheit. Als wäre dies ein Ding aus einer gänzlich anderen Welt - und schlussendlich war es dies für ihn - blickte Gracchus auf das Gladius hinab, welches dazu gereichte, ihn in regelrechte Panik zu versetzen, dass die sublime Vibration seines Leibes sich ausweitete zu einem Zittern wie sonst nur das Laub einer Espe es vermochte zu tun, durch welche ein herbstlicher Strumwind hindurch fegte, dass er einen halben Schritt mehr noch zurückwich, ehedem er durch das kalte Mauerwerk des Hauses in seinem Rücken wurde gestoppt. Wenige Jahre zuvor noch hätte diese Szenerie - er allein in dunkelster Nacht, ein wütender Titan mit einem Gladius in der Hand, Schrecken und Entsetzen in all seinen Gliedern, die Wahrheit lauthals herausposaunt - dazu ausgereicht, dass er angesichts einer solchen Bedrohung in seiner Furcht alles hätte gestanden, alles und jedem die gänzliche Wahrheit von Beginn bis zum Ende berichtet, um sein Leben gebettelt, gewimmert, gejammert - doch Serapio war der einzige Mensch auf Erden, vor welchem er die Wahrheit, vor welchem er sich selbst musste weder verbergen, noch musste erklären, und dem unaufhaltsamen, scharfkantigen Geröll einer Lawine gleich rollte die Erkenntnis dieser längst verloren geglaubten Freiheit über ihn hinweg. Obgleich die Furcht vor dem Tode gewaltig in ihm war, ließ der Anblick der Waffe nurmehr Tränen in ihm emporsteigen, welche er vergeblich suchte zu unterdrücken. 'Ein Flavius heult nicht!' konnte er die barsche Stimme seine Vaters hören, die Hitze auf seiner Wange spüren, welche die Ohrfeigen dort hatten hinterlassen - doch allfällig war er ohnehin längst kein Flavius mehr, allfällig niemals ein solcher gewesen, und letztlich hatte dies alles wohl auch keine Bedeutung mehr. So presste er nur seine Kiefer aufeinander, suchte die nassen Tropfen hinfortzublinzeln, und seine Stimme zitterte gleich seinem Leibe als er sie schlussendlich - ein wenig larmoyant -, seinem Blicke gleich erhob.
    "Die Re'hnung … ist viel zu hoch, Faustus, als dass ich sie ... jemals noch könnte bezahlen."
    Als hätte er nicht selbst nach alledem längst den Wunsch in sich verspürt, still und klandestin aus dem Leben sich zu schleichen, die Flucht zu ergreifen wie stets - doch war er nicht fähig, diesen letzten Schritt zu gehen, war wie stets zu feige, seinem Leben ein Ende zu setzen aus Furcht vor dem Augenblick, wenn der Schmerz seinen Leib zerriss, aus Furcht vor dem Augenblick, da er würde erkennen müssen, dass alle Schuld, alle Pflicht auch nach dem Leben nicht von ihm würde weichen. Welcher Tod indes mochte willkommener sein als jener durch die Hand des Geliebten - selbst wenn dieser nicht mehr als Hass noch für ihn verspürte -, welches Ende ihrer Liebe mochte angemessener sein als der Tod? Ein kurzer Hauch von Wehmut zog die Straße entlang - bestärkt zweifelsohne von der trügerischen Schwermut des Saturnalienweines -, darüber, dass er sich nicht mehr von seinen Söhnen hatte verabschieden können - Minor nicht einmal noch hatte sagen können, wie stolz er auf ihn war, wie sehr er an seine Zukunft glaubte, Titus nicht von seinem Onkel Quintus hatte erzählen können, ihm nicht die Tiere in der schola bestiarum zeigen -, dass er nicht Antonia noch einmal hatte wiedergesehen - ihr versichern, dass alles ihm unendlich leid tat, dass sie die beste Gemahlin war, welche ein Mann sich nur konnte wünschen -, dass er nicht Marcus Arisitides noch einen letzten Brief hatte senden - ein letztes Glas Wein mit ihm trinken - können, dass er nicht Scato und Fusus noch eine Empfehlung hatte aufsetzen können, und allfällig sogar dass er nicht Sciurus hatte Dank sagen können. Doch letztlich war dies alles nun ohne Belang, letztlich galt nur die Wahrheit, und irgendwo am Grunde seines Verstandes registrierte Gracchus, dass die Tränen kein Rinnsal mehr waren, dass die Sturmflut unaufhaltsam über ihn hinwegrollte, dass er sein Schluchzen nicht länger konnte verbergen, dass die Jahre supprimierter Worte und Emotionen aus ihm herausbrachen ohne dass er dies konnte unterbinden. Und wozu? Es schien, als hätte er seit endlos langer Zeit nur auf diesen einen Augenblick gewartet, nur darauf, Faustus gegenüberzustehen. Endlich war die Wahrheit ausgesprochen, endlich musste er nicht mehr seine Worte abwägen, nicht mehr zurückhalten, verschleiern, vertuschen. Endlich konnte er für einen Augenblick zurückkehren zu dem, der er einst gewesen war.
    "Ich ... ich habe sie geliebt, die Wahrheit, … so wie ich dich geliebt habe, carbunculus meus, und … und wenn du gekommen bist, um zu be..enden, was ich nicht fähig bin zu beenden ..."
    Er blickte hinab auf das Gladius, welches einem verschwommenen Geiste glich, seine Stimme nurmehr ein Flüstern.
    "So beende es."
    Keine Sekunde glaubte Gracchus daran, dass Serapio würde zögern ihn in die Fluten des Styx zu befördern, hatte er doch die Glut der Leidenschaft erlebt, mit welcher er liebte, welche zweifelsohne gleich war der, mit welcher er hasste. Voller Furcht vor dem Tode schloss Gracchus die Augen, presste seine Lider fest aufeinander in Erwartung des gewaltigen Schmerzes, welcher die Klinge zweifelsohne würde evozieren. Sein Leib bebte, und seine Linke hielt noch immer den Haltegriff der Lampe umschlossen als wäre dies der letzte Rettungsanker, an welchem er sich konnte halten, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Entgegen all den Erzählungen der Literatur, in welchen der Protagonist im Augenblicke des Todes sein gesamtes Leben noch einmal an sich vorüberziehen glaubte, sah Gracchus nur tiefe, schwarzfarbene Dunkelheit - doch allfällig war dies sein Leben gewesen: tiefe, schwarzfarbene Dunkelheit - und tatsächlich konnte er nicht sich entscheiden, ob er nun glücklich war, dies alles endlich hinter sich zu lassen, oder trotzallem voller Wehmut.

    Selbstredend störte sich niemand daran, dass der Pontifex Maximus das Protokoll beugte, und dass er vorerst seine eigenen Vorschläge mochte zurückhalten, ließ zumindest deutlich werden, dass dies kein Vescularius war, welcher Ämter und Würden nach eigenem Gutdünken verteilte. Um so mehr indes mochte das nachfolgende Wort der Decima erstaunen, da die Sacerdotes Vestalis tatsächlich nur selten das Wort ergriffen. Die größte Verwunderung erwuchs indes zweifelsohne in Gracchus selbst über die Tatsache, dass die junge Frau seine eigene Person als pro magistro in die Waagschale warf, ob dessen deutlich ihm seine linke Braue empor wanderte. Für einige Augenblicke wusste er dem nichts entgegen zu setzen, hatte er zwar selbst keinen Vorschlag diesbezüglich zu tätigen, hatte indes auch nicht eine solche Nennung erwartet und war dementsprechend nicht darauf vorbereitet. Schlussendlich versuchte er sich an einer eher dürftigen Replik.
    "Ich ... fühle mich dur'haus geehrt, Decima, indes kann ich kaum dafürhalten, für diese Aufgabe ge..eignet zu sein."
    Zu viele Makel hafteten an seiner Person, welche er jedoch kaum geneigt war, innerhalb der Regia auszubreiten, so dass es angebracht war, rasch die Flucht in einen Themenwechsel anzutreten, zu welchem die Sacerdos glücklicherweise ebenfalls einen Auftakt hatte geboten.
    "Bezüglich deines Vor..schlages die Familie Tiberius' betreffend, gibt es meines Wissens nach nur zwei Männer, welche hierfür in Frage kämen - Tiberius Ahala Tiberianus, Sohn des Durus, welcher sich indes nicht in Rom befindet"
    , dies zumindest war Gracchus letzter Kenntnisstand,
    "Sowie Tiberius Lepidus, ein etwas weitläufiger Verwandter der Familie, welcher jedo'h derzeitig sein Vigintivirat absolviert."
    Da die Hinterbliebenen des Tiberius Durus, welche alle Voraussetzungen für ein Pontificat erfüllten, damit bereits erschöpft waren, hielt Gracchus es nicht für notwendig, sich weiter mit der Tradition dieser Familie, sowie der Anerkennung und Würdigung des Verstorbenen aufzuhalten - was ein überaus großes Unwohlsein in ihm evozierte, bestand dessen Leistung in seinen Augen doch noch immer aus Verrat an Freundschaft und der skrupellosen Auslieferung des Imperium Romanum in die Hände eines noch skrupelloseren Usurpators.

    Neuerlich fasziniert von dem Heranwehen, Aufbrausen, Vorüberstürmen und Abklingen Fusus' Sentiments, welche einem kleinen Schauspiel gleich auf seiner Miene sich darboten - wie lange war dies bereits her, dass Gracchus einem Theater hatte beigewohnt? Wie lange war es her, dass er dem Schwung weicher Lippen, dem leichten Beben fein geschnittener Wangenknochen, dem koketten Kräuseln einer Stirne sich hatte hingegeben? - fehlten Gracchus für einen Augenblick adäquate Worte, insbesondere als Fusus sein Lächeln mit einem Zwinkern garnierte, so dass er dem nur ein korrespondierendes Lächeln hatte entgegenzusetzten.
    "Das … werden sie zweifellos"
    , erwiderte er schlussendlich in Hinblick auf unvermeidliche Zusammenstöße auf ihrem Wege durch die Villa, dabei zögernd, ob dies nun ein erbaulicher Gedanke war, oder doch eher ein wenig erschreckend.
    "Ich danke dir für die willkommene Unterbre'hung, und sofern ich künftig etwas für dich tun kann, so lasse es mich nur wissen."
    Das feine Lächeln um seine Lippen verharrte noch immer dort, leicht wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, und scheinbar unmöglich zu verbannen im Anblick der distinguierten Leichtigkeit seines Neffen.

    Ad PONTIFEX MAXIMUS IMPERATOR CAESAR AUGUSTUS APPIUS CORNELIUS PALMA


    M' Flavius Gracchus Pontifex Pontifici Maximo Imp Caesari Augusto A Cornelio Palmae s.p.d.


    Gemäß Deines Wunsches findet das Collegium Pontificum sich ante diem VI KAL IAN DCCCLXIV A.U.C. in der Regia ein, um über organisatorische Entscheidungen, sowie die Belange der Religio Romana zu sprechen. Da personelle Neubesetzungen beratschlagt werden müssen, wäre auch Dein persönliches Erscheinen opportun.


    Mögen die Götter Dir stets wohlgesonnen sein!


    [Blockierte Grafik: http://img249.imageshack.us/img249/8396/maniusflaviusgracchus.png]


    Wie durch den Pontifex Maximus erwünscht, hatte Gracchus dafür Sorge getragen, dass das Collegium Pontificum zu einer Contio sich versammelte - der ersten Sitzung, nachdem die durch den Vescularier ausgeschlossenen Pontifices zurück in ihr Amt waren berufen worden. Gracchus hoffte, dass mit dieser Sitzung endlich die Routine des Collegium Pontificum wieder aufgenommen werden würde, denn obgleich es einige öffentliche Opferungen nach dem Bürgerkrieg hatte gegeben, so wurden die Riten der Jahresfeste doch noch immer nur in überaus kleinem Rahmen begangen, schien es als wäre der cultus publicus ein kopfloser Staat, in welchem jeder templum seinen Aufgaben mehr oder minder nachging, ohne indes dass irgendwer einen Überblick behielt oder gar Kontrolle darüber ausübte. Zweifelsohne war es gedeihlich, dass überhaupt etwas geschah, doch zu wahrer Größe würde Rom erst dann wieder zurückfinden können, wenn auch dem Cultus Deorum wieder jene Bedeutung würde zugestanden werden, welche die Götter verdienten. Nachdem der protokollführende Scriba ihm mitteilte, dass alle zu erwartenden Anwesenden anwesend waren, erhob Gracchus das Wort und eröffnete die Sitzung mit dem üblichen Ritus, ehedem er die Agenda der anstehenden Themen vorstellte.
    "Es gibt einige Angelegenheiten, welchen wir uns am heutigen Tage zu widmen haben. Nachdem der Cultus Deorum unter der Herrschaft des Usurpators Vescularius lange Zeit wurde verna'hlässigt, ist es längstens Zeit, die Götter wieder zu ehren, wie dies ihnen zusteht, gleichsam uns ihrer Gunst zu vergewissern, um Roms Größe und Stärke zu sichern. Aus diesem Grunde ist es von eminenter Relevanz, dass auch das Collegium Pontificum endlich aus der Starre herausfindet, in welche es durch den Vescularier wurde ge..zwungen. Der Pontifex Maximus hat dazu den ersten Schritt getan, hat jene Männer zurück in diese Halle gerufen, welche aus Willkür und zu Unrecht waren ausgeschlossen worden, doch noch immer sind wir nicht wieder vollständig. Zwei Pontifices haben durch den Tyrannen den Tod gefunden - Manius Tiberius Durus und Mamercus Autronius Laevus. Es werden uns diese Lücken nicht an unseren Aufgaben hindern, doch wir sollten erörtern, welche Männer viabel sind, in Bälde Aufnahme in das Collegium zu finden. Vor..schläge und die Diskussion dieser sollen unser erster Tagesordnungspunkt sein."
    Er ließ den Collegae keine Möglichkeit, an dieser Stelle bereits Namen zu nennen, sondern fuhr unvermittelt fort.
    "Darüber hinaus mangelt es an einem pro magistro, welcher den maximus in Hinblick auf seine kultischen Aufgaben unterstützt und ver..tritt, denn obgleich der Cultus Deorum und das Wohl der Götter unserem geschätzten Augustus Cornelius besonders am Herzen liegen, so wissen wir doch alle, dass auch zahlrei'he andere Aufgaben die Aufmerksamkeit unseres Imperators fordern. Vorschläge hierzu sollen der zweite Tagesordnungspunkt sein."
    Auch nun ließ Gracchus weder Gelegenheit zu Einwand, noch Zustimmung, war der Monolog ihm doch von allen Arten der Rede am ehesten noch sein Element, wiewohl jene vorgenannten Causae nur Präliminarien waren, um endlich zur Essenz des Collegium Pontificum vorzustoßen.
    "Hernach werden wir hoffentlich in der Lage sein, uns unseren originären Aufgaben zuzuwenden. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, so dass mit dem Beginn des neuen Jahres ein perfekter Zeitpunkt naht, den stadtrömischen Cultus zu inspizieren und zu situieren. Wir müssen ge..währleisten, dass nicht nur die offiziellen Riten begangen werden, sondern Opferungen und Zeremonieen sich über die Stadtteile hinweg harmonisch verteilen. Wir müssen nachprüfen, ob es personelle, infrastrukturelle, organisatorische oder kulturelle Defizite gibt, wobei wir nicht nur die Tempel und Opferstätten sollten betra'hten, sondern uns auch einen Überblick über die weiteren städtischen Collegien verschaffen, notfalls auch dort Wiederherstellung und Engagement initiieren. Da Vescularius es augenscheinlich nicht hat gewagt, sich am Eigentum der Götter zu vergreifen, stehen uns zumindest in finanzieller Hinsi'ht keine Barrieren im Weg, und wir sollten dies nutzen, um dem Volk von Rom zu zeigen, dass Cornelius Palma für das Wohl der Götter Sorge trägt, wiewohl die Götter wieder gänzlich auf Roms Seite stehen."
    Selbstredend hatte es auch für die Götter, wie für die Menschen, keine falsche oder richtige Seite gegeben, sondern einzig Rom - doch letztlich war nur die Gegenwart relevant und in dieser würden die Götter hinter Cornelius Palma stehen müssen, um die fragile Stabilität des Friedens zu wahren.
    "Doch genügend der einleitenden Worte, lasst uns mit dem ersten Punkt beginnen. Gibt es Vorschläge zur Neubesetzung der beiden ver..waisten Pontificatsplätze?"

    Sukzessive senkte Gracchus' Kinn sich seiner Brust entgegen, während seine Lider schwerer und schwerer wurden, sein Oberkörper allmählich sich nach vorn neigte. Seit dem frühen Morgen wachte er bereits auf dem Schemel hinter der Porta, um seinen Saturnaliendienst zu verrichten, und einige weitere Stunden noch würde er ausharren müssen, doch die Eintönigkeit dieser Aufgabe war nicht eben dazu angetan, ihn auf dem unbequemen Sitzmöbel wach zu halten. Als sein Körper vornüber kippte, schreckte er auf, schreckte einen Augenblick zurück vor den Schatten, welche die Fackeln an den Wänden des Ganges in den Raum hinein warfen und tanzen ließen, ehedem er seine Augen weit öffnete und tief ein- und ausatmete. Er gähnte, rieb sich die Augen und rückte schicksalsergeben den pileus auf seinem Haupte zurecht, wünschte sich dabei nicht zum ersten Male an diesem Tage, dass die Saturnalienfeiern nur alsbald ihr Ende mochten finden. Die andauernde Fröhlichkeit der Menschen enervierte ihn, die ausgelassene Freude konsternierte ihn, denn der December barg für ihn nicht mehr als die schwere moralische Last seines vergangenen Handelns, welches Rom beinahe in den Untergang hatte getrieben - und um so mehr er das Ende der Saturnalien herbeisehnte, um so mehr fürchtete er gleichsam den daran anschließenden Tag - jenen verhängnisvollen neunten Tage vor den Kalenden des Ianuarius, welcher einige Jahre zuvor die Katastrophe hatte unausweichlich werden lassen.
    "Vermaledeite Saturnalien ..."
    , murmelte er verdrießlich vor sich hin, griff nach der Kanne mit heißem Würzwein, welche am Boden stand - seine Söhne hatten ihm diese vorbeigebracht, ehedem Minor seinen Bruder Titus zu Bett hatte gebracht, und ein Blick in das Gefäß offenbarte, dass es bereits mehr als zur Hälfte war geleert -, und goss in den daneben stehenden Becher ein. Der Wein war längst kalt, dass Gracchus nach einem Schluck und einem unwirschen Brummen den Becher wieder abstellte und stattdessen beschloss, einige Augenblicke vor die Türe zu treten und frische Luft zu atmen, um seine Gedanken zu klären. Als hätte er seit Tagen auf dem hölzernen Schemel verharrt, stemmte er sich ungelenk empor, ächzte leise und drückte seinen Rücken durch - nahm sich dabei fest vor, im folgenden Jahre Minor für den Dienst an der Porta zu verpflichten, allfällig Rom für die Zeit ausgelassener Freude gänzlich den Rücken zu kehren. Langsam schob er den Riegel der Porta beiseite und erfreute sich an dem Schwall kalter Luft, welcher sogleich in die Villa hineindrang als er die Türe öffnete. Tief einatmend trat Gracchus über die Schwelle des Hauses und genoss einen Augenblick lang die Dunkelheit, welche über dem Himmel lag. Den Weg von der Alta Semita her klang ein bekanntes Sklavenlied - derart krumm und schief intoniert, dass er es nicht einmal hätte erkannt, wäre es ihm bekannt gewesen -, zur Servianischen Mauer hin dagegen schien alles ruhig und da seine Augen noch immer an das Licht im Inneren des Hauses waren gewohnt, hätte Gracchus beinahe das Geschehen übersehen, welches an der flavischen Grundstücksmauer sich zutrug. Er wollte sich bereits wieder umwenden, als er des feinen Schimmers wurde gewahr, welcher dort den Weg entlang tanzte, so dass er seine Augen zusammen kniff, den Kopf ein wenig nach vorn schob als würde dieser digitus an geringerer Distanz ihm zu besserer Sicht verhelfen. Irgendjemand stand dort an der Mauer und da Gracchus nicht genau konnte erkennen, was dort geschah, vermutete er einen Unhold, welcher sich nach dem Konsum reichlichen Saturnalienweines dort erleichterte - an einer flavischen Mauer, an seiner Mauer! Rasch trat er in den Eingang des Hauses zurück und nahm eine Laterne auf, ehedem er wieder hinaus trat und sich laut bemerkbar machte.
    "Heda!"
    rief er dem vermeintlichen Schmutzfink entgegen und hielt die Laterne empor, was indes mehr dazu gereichte, dass sein eigenes Antlitz erleuchtet wurde, als dass er mehr konnte erkennen.
    "Halte ein und schere dich hin..fort, dies ist Privateigentum!"

    Selbstredend konnte Gracchus den Drang des Aureliers durchaus nachvollziehen, den Wunsch andere Alternativen zu erwägen - doch er hatte zu viele Alternativen durchdacht, zu viele Alternativen verworfen, zu viele lose Enden auf dem Wege verloren, um selbst noch diesen Drang zu verspüren.
    "Keiner Tiberius' Sklaven hätte genügend Kenntnis erlangen können, Durus war in dieser Hinsicht überaus a'htsam. Darüber hinaus wäre ein solcher Sklave niemals bis zu Vescularius vorgedrungen, viel eher hätte er Tiberius selbst erpresst."
    Zudem widersprach dieser Gedanke gänzlich dem Bild, welches Gracchus von Sklaven zu haben pflegte - intelligent und darob kompliant, oder aber dumm und aufmüpfig. Erstere Art hätte keinerlei Anlass zu solch einer Tat, die zweite indes wäre nicht fähig, sie durchzuführen.
    "Was deine Einwände bezüglich Vescularius' Vorgehen anbelangt, so muss ich dir widersprechen. Der Vescularier hatte keinen obligaten Grund, uns zu liquidieren, nicht einmal, sich mit unserer Verhaftung zu eilen. Tiberius musste er schnellstmögli'hst eliminieren, so dass dieser sein Wissen mit in den Tod nahm. Vinicius Lucianus wurde inhaftiert, da er als Consular, insbesondere mit seinem Bruder Hungaricus an seiner Seite, allfällig ihm noch hätte gefährlich werden können, zudem musste Vescularius zügig einen Schuldigen vor..weisen, um seine eigene Unschuld zu pointieren - und hierfür nachgerade einen aus unserem Kreise zu wählen, war zweifelsohne eine kluge Entscheidung. In Hinblick auf die flavische Familie wählte er seine Ziele taktisch ebenso geschickt aus und trug dafür Sorge, dass zuerst mein Vetter Furianus wurde inhaftiert - ein weiterer Consular, welcher zweifelsohne gegen ihn hätte agiert, hätte er an seinesstatt mich in Gewahrsam genommen. Denn betra'hten wir es realistisch - bezüglich meiner eigenen Person gab es für den Vescularier wohl kaum Grund zur Eile, besteht mein Einfluss doch seit jeher wenn überhaupt nur auf den Cultus Deorum - welcher in Hinblick auf politische Ma'htverschiebungen durchaus das Zünglein an der Wage mag sein, mit welchem jedoch wohl kaum ein Orlog zu beginnen ist. Zudem, hätte der Vescularier uns alle stante pede verhaften lassen, so hätte seine eigene Glaubwürdigkeit darunter gelitten, dass er von all dem nichts hatte gewusst, dass auch er wie alle anderen vom Tode des Valerianus' über..rascht worden war. Dies Verbrechen Stück um Stück aufzuklären war zweifelsohne Teil seines Planes, so dass er sich zuerst auf jene Männer konzentrierte, welche ihm - aus gutem Grunde ob ihrer Position heraus - hätten am ehesten gefährlich werden können. Alle übrigen glaubte er schlussendlich durch die Ausgangssperre bereits in seinem Griffe zu halten."
    Ein Seufzen echappierte Gracchus' Kehle ob der Rationalität, mit welcher dies alles sich betrachten ließ. Exekution, Inhaftierung, Exil, Proskription - dies alles waren nur nüchterne Begriffe, nicht mehr oder weniger gehaltvoll als Subversion, Testamentsfalsifikation, Giftmord, Kaisermord.
    "Und du selbst, Aurelius, ... nun, womögli'h stand dein Name nicht einmal auf der Wunschliste des Vesculariers, allfällig bist du in diese gesamte Angelegenheit nur deswegen hineingeraten, da du ein aufstrebender Klient des Tiberius warst, ebenso wie mein Neffe. Und ... ich möchte gerne glauben, dass Durus zumindest jene Männer, welche er nicht gezwungen war, aus..zuliefern, nicht preisgegeben hat."

    Der Blick des Flaviers wurde undurchdringlich als die Aurelia von Tod und Verletzung berichtete, denn obgleich ersteres noch dem unabänderlichen Laufe der Natur folgte, so waren Kriegsverletzungen in diesem Falle doch eine direkte Konsequenz seines eigenen Handelns. Gleich wieviel Zeit auch verrann, nirgendwo gab es ein Entrinnen vor dieser Verantwortung - an welchen Ort, in welches Haus er auch seine Schritte lenkte, stets wartete bereits ein neues Quantum mehr an Schuld auf ihn.
    "Sei dir meines Beileides zum Tode deiner Cousine versichert. Und so sehr ich erlei'htert bin, dass du selbst dich wohl befindest, um so betrüblicher stimmt mich die Nachricht ob deines Vetters Ursus. Ich werde die Götter darum bitten, dass sie seiner Genesung Beihilfe leisten mögen."
    Der Drang hierzu trat nicht etwa aus Eigennützigkeit hervor, um sich der Schuld eines weiteren Opfers zu entledigen - es waren längst zu viele, als dass ein Toter mehr oder weniger noch mochte einen Unterschied bedeuten -, es war schlichtweg Gracchus' Verlangen, irgendetwas tun, irgendetwas noch ändern zu können, und nicht jedes Schicksal auf Gedeih und Verderb den Launen der Fortuna ausgeliefert zu wissen, nachdem seine eigenen Hände ihr Rad hatten angetrieben. In seiner Audienz bei Palma hatte der Augustus ihm zu verstehen gegeben, dass er selbst mit dem Wissen um die Zukunft nichts an ihrem Plan hätte ändern wollen, doch Gracchus war von diesem Standpunkt nicht überzeugt. Könnte er das Rad der Zeit zurückdrehen, noch einmal zum Beginn der Konspiration zurück springen, er würde einen Weg finden, die Notwendigkeit dieser zu verhindern, er würde einen Weg finden, den Vescularier selbst zu eliminieren, und mochte es auf noch so unehrenhafte Art und Weise geschehen, mochte er seine eigene Familie damit opfern - denn ohne Vescularius Salinator würde der Anlass zur Konspiration verlustig gehen. Mochte Rom hernach auch noch Jahrzehnte lang unter der Lethargie des Valerianus' verkümmern - alles wäre besser als auch nur ein einziger Tag des Bürgerkrieges. Doch Gracchus konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Er konnte nurmehr die Scherben der Devastation zusammenkehren, die Last der Schuld auf seinen Schultern zu balancieren, und ohne Hoffnung auf ein Ende dieser Tage an die kleinen Glücksmomente der Vergangenheit sich zu klammern suchen - ob dessen er auch nun die Flucht in medias res antrat.
    "Ich bitte dich gleichwohl, den Anlass meines Besu'hes zu exkulpieren, Aurelia, mag dies dich in Gedanken doch in jene unglückselige Zeit zurückführen - doch … dies Ansinnen ist … für mich von ... überaus bedeutsamer Relevanz."
    Gracchus' Blick hielt sich an der spiegelnden Oberfläche seines Weines fest, war ihm die gesamte Angelegenheit überaus unangenehm, doch ohne den schriftlichen Beweis würde sein Geist nie mehr zur Ruhe kommen, sich niemals mehr von seiner eigenen Vergangenheit überzeugen lassen.
    "Kurz nachdem meine Familie und ich Rom hatten ver..lassen, wurde unser Anwesen durch die Cohortes Urbane durchsucht"
    , begann er darob ohne seinen Blick zu heben, sorgsam seine Worte wählend, als müsse er ein jedes davon in Semantik und Dimension abwägen.
    "Selbstredend fand sich nichts als unser alltägliches Leben dort, doch … im Zuge dessen wurde aus meinem Cubiculum eine ... Schatulle entwendet. Eine Szene der Mythologie zierte das Holz, ge..arbeitet aus irisierendem Perlmutt."
    Ein flüchtiges Lächeln legte sich für einen Augenblick über Gracchus' Lippen, ehedem er seinen Blick hob und den der Aurelia suchte.
    "Augenscheinlich wurde es in deinem Beisein geöffnet, herna'h jedoch ward es nicht mehr gesehen - obgleich es laut unserer Sklavenschaft nicht Teil jener Dinge war, welche die Urbaner konfiszierten. Kannst du … kannst du allfällig dich noch dessen ent..sinnen, was mit dieser Schatulle ... und … und ihrem Inhalt hernach geschehen ist?"
    Er konnte spüren wie eine Hand um seine Innereien sich legte, zu zerren und reißen begann, fürchtete Gracchus doch das schlimmste Übel - dass die Urbaner dies Kleinod als wertlos erachtet, aus Zorn, keine Beweise zu finden, es samt seines Inhaltes in eine der Feuerschalen geworfen und für alle Zeiten vernichtet hatten - und mit ihm jeglichen Beweis an alle Hingabe und Leidenschaft seines Hephaistion.

    Beifällig nickte Gracchus zur Feststellung der deplorablen Tatsache und honorierte einige Herzschläge lang innerlich Fusus' Tatendrang, wurde im nächsten Augenblicke doch bereits von diesem ein wenig überrollt. Beschwichtigend hob er die Hände.
    "Dies ist ein überaus hehres Ansinnen, Fusus, welches dich ehrt, doch zweifels..ohne ist es nicht von Nöten. Der Imperator wird wohl seine Gründe haben, und solange unsere familiäre Position innerhalb des Imperiums nicht wieder gänzlich determiniert ist, sollten wir unsere Geduld nicht restringieren."
    Der einzige Vorteil lag schlussendlich in Gracchus' klandestinem Wissen, welches nicht publik durfte werden, denn offiziell waren die Flavier eine Gens, welche im Bürgerkriege sich weder besonders positiv, noch negativ hatte exponiert.
    "Und ich verspre'he dir, sobald es mir möglich sein wird, sollst du einer solchen Opferzeremonie nicht nur beiwohnen, sondern - sofern dies dir konveniert -, auch assistieren können."

    Da sein Teller bereits leer, sein Magen indes gefüllt war, ließ Gracchus sich nurmehr Wein nachschenken, unverdünnt, um den deliziösen Tropfen in der Gänze seines Bouquets auskosten zu können. Tief sog er den schweren Duft nach spätsommerlichem Gepränge der Natur durch die Nase, um sodann den ersten Schluck des unverfälschten Rebensaftes zu goutieren. Dies flüssige Vergnügen mochte aus apulischen Trauben gewonnen sein, doch die ausgewogene Harmonie und der lange Nachhall evozierte einen Hauch von rundem Ginstergelb, ließ Reminiszenzen an längst vergangene, unbeschwerte Tage - respektive Abende und Nächte - in Athena in Gracchus erwachen, aus welchen er nur ungern sich mit einem tiefen Seufzen zurück in die unerquickliche Thematik ließ zurückreißen.
    "Nun, einer der wohl bekanntesten Männer war Lucius Aelius Lamia, erster Ehemann der Domitia Longina, welcher nach dem Verlust seiner Gemahlin tiefen Groll gegen Domitianus hegte und zu dessen Kaiserzeit schlussendlich ein ra'hsüchtiges Komplott gegen ihn plante, welches indes glücklicherweise rechtzeitig konnte detektiert werden."
    Die Aelier selbst erzählten diese Geschichte selbstredenend ein wenig divergent.
    "Als der Aelier ob dessen ins Exil wurde ver..bannt, verloren auch seine Anverwandten das römische Bürgerrecht und musste mit ihm das Imperium verlassen - darunter sein Bruder Aelius Maccalus, Vater des Consularen Aelius Quarto und dessen Bruders, Aelius Valerianus, welcher bekanntermaßen später durch Imperator Iulianus adoptiert wurde, und ihm als Uplius Valerianus Aelianus als Kaiser na'hfolgte. Dass die Verbannung des Lamia zu Recht geschah, seine Hinrichtung indes eine weisere Wahl wäre gewesen, lehrt uns das Ende der flavischen Herrschaft, denn an der hinterlistigen Er..mordung Domitianus' waren die Aelier aus dem Exil heraus nicht unbeteiligt - obgleich sie dies bis heute selbstredend leugnen."
    Die Ironie des Schicksales, dass an dem Komplott, mit welchem Kaiser Valerianus letztlich eliminiert wurde, wiederum ein Flavius war beteiligt - so dass der Kreis sich schloss -, konnte Gracchus indes mit keinem der Anwesenden teilen.

    Nachdem Gracchus den Saturnaliengast im Atrium dem Vilicus Sciurus gemeldet hatte - welcher selbstredend nicht im geringsten nur zufällig dort verweilte -, suchte dieser den Sklaventrakt auf, in welchem das Leben an diesem Tag überaus gemütlich verlief. Die meisten Sklaven ruhten sich noch ein wenig für den bevorstehenden Nachmittag und Abend aus, oder bereiteten sich bereits darauf vor, das Haus in Richtung der öffentlichen Feiern zu verlassen. Da Sciurus im Gegensatz zu seinem Herrn jeden einzelnen Sklaven des Hauses beim Namen kannte, hatte er Candace schnell gefunden und davon unterrichtet, dass ein Sklave der Claudier auf sie im Atrium wartete.

    "Ähm... ja, selbstredend ... "
    , mühte Gracchus sich ein wenig mit seiner Rolle als Ianitor ab und sann darüber nach, wie nun weiter zu verfahren war. Es war lange her, seitdem er diese Aufgabe an den Saturnalien früher einmal hatte übernommen, wiewohl er auf das meiste, was Acanthus ihm zuvor hatte erklärt, bereits wieder vergessen hatte. Er selbst indes klopfte überaus selten irgendwo an eine Porta, war sich darob unschlüssig, was hernach folgte - sollte er den Besucher nun vor der Türe warten lassen, während er nach der Sklavin suchte, sollte er die Türe schließen oder geöffnet lassen, oder ihn allfällig in das Haus hinein bitten? Letzteres schien ihm schlussendlich adäquat - wer ließ einen Besucher schon vor der Türe in der kalten Dezemberluft warten?
    "Bitte tritt ein und gedulde dich einen Augen..blick."
    Er überließ es dem Besucher selbst, die Türe zu schließen oder sie geöffnet zu lassen - nicht aus Absicht, sondern da Gracchus schlichtweg darauf vergaß, war er doch bereits auf dem Weg in das Atrium hinein. Zufälligerweise traf er dort auf den Vilicus Sciurus und obgleich Gracchus sich ein wenig zierte, ihn nach der Sklavin zu fragen - Acante, Calace, Candace oder war es Adcace gewesen? -, tat er es schlussendlich aus purer Verzweiflung doch, und fügte an, dass ein claudischer Sklave - Craton, Dacon, Racon oder Dracon? - sie besuchen wolle. Ein wenig herrschaftlich - um den Schein zu wahren und seinen Herrn nicht weiter in Verzweiflung über seine Unfähigkeit als Ianitor zu stürzen - sandte Sciurus den Flavier zurück zur Porta mit dem Hinweis, dass er Candace würde Bescheid geben, da er ohnehin gerade auf dem Weg in den Sklaventrakt war. Gracchus also eilte zurück an die Porta.
    "Bitte folgte dem Gang hindurch in das Atrium, ... ähm ... "
    Calate, Actante, Candace, Calante?
    "Sie wird gleich dort sein."
    Gracchus wies in den Gang hinein der geradewegs in das Atrium der Villa führte und fragte sich, wie genau der Ianitor es üblicherweise bewältigte, den Besuch zu empfangen und in das Haus hinein zu geleiten, während er gleichsam die Porta musste bewachen - dass es für diese Aufgabe zumeist weitere Sklaven gab, entging übglicherweise gänzlich seiner Aufmerksamkeit.