Beiträge von Manius Flavius Gracchus

    Es war das erste Jahr nach dem Bürgerkrieg, in welchem die Saturnalien in der Villa Flavia wieder traditionell begangen wurden. Dies bedeutete zwar keinen Rollentausch, wie er in manch anderen Familien zelebriert wurde, so dass die Herren die Sklaven bedienten, doch die Sklavenschaft hatte einige freie Zeit für sich, während bezahlte Handlanger ihre alltäglichen Dienste übernahmen. Bis auf einen Tag, an welchem die Herren dafür Sorge mussten tragen, dass für sie selbst gesorgt war - etwa sich selbst anzukleiden oder auch ihr eigenes Essen zuzubereiten. Und irgendjemand musste an der Porta stehen. In diesem Jahr war dies Gracchus' Aufgabe. Es war eine recht dröge Angelegenheit, da kaum Besuch kam - die meisten Sklaven trafen sich mit ihresgleichen in irgendwelchen Tavernen oder an den öffentlichen Opferfesten -, so dass er mehrmals bereits auf dem Schemel hinter der Türe war eingenickt - trotz der schmerzhaften Tatsache, dass dieses Sitzmöbel überaus unbequem war. Dracon jedoch hatte Glück, denn einige Augenblicke zuvor war Gracchus im Halbschlaf beinahe von dem Schemel gerutscht und dadurch wieder erwacht, so dass er zwar einige Augenblicke benötigte, um das Klopfen als solches wahrzunehmen, sodann jedoch den pilleus auf seinem Kopfe zurecht rückte und die Türe öffnete. Noch ehe er indes seinen Mund konnte öffnen, um die Fragen, welche Acanthus, der eigentliche Ianitor der Villa ihn hatte gelehrt, zu stellen, sprach bereits der Besucher.
    "Bona Saturnalia ..."
    , antwortete Gracchus erst einmal, um ein wenig Zeit zu schinden. Außer Sciurus konnte er kaum einen Sklaven des Hauses mit Namen benennen, doch zweifelsohne war Candace Teil der Sklavenschaft.
    "Sofern sie anwesend wäre, wen dürfte ich in diesem Falle als ihren Besu'her melden?"

    Es war nun ebenfalls an Gracchus, ein gewisses Maß an Derangement in sich zu verspüren, andererseits indes wog seine Überzeugung der Tathergänge weitaus schwerer, ob dessen er von dem Vogel auf seinem Teller abließ und seine Gegenüber fixierte.
    "Jemand hat uns verraten, Aurelius, und Tiberius Durus ist die einzig logische Schlussfolgerung. Er war es, der uns zusammen bra'hte. Er wählte die Beteiligten aus, ebenso wie er den Augustus erkor. Er war es, der Vinicius' Consulatskandidatur mit Matinius sekundierte, obgleich ihm zweifellos hatte bewusst sein müssen, dass dies keine Zukunft hatte, dass es ob der pre..kären Lage weitaus rationaler wäre gewesen, auf zwei Kandidaturen zu bauen. Er war es, der uns in die eine oder andere Richtung lenkte, wenn Stagnation emergierte. Er war es, der jedes Detail des Planes kannte - ebenso wie Vescularius Salinator, der genau wusste, wann er agieren, wen er eliminieren, wen er in Haft setzen und wen er in Ver..bannung senden musste."
    Letztlich schien all dies Gracchus gänzlich offensichtlich, so dass er in voller Ernsthaftigkeit fortfuhr.
    "Weshalb sonst hätte der Vescularier Tiberius entleiben sollen, wenn nicht, um seines ewigli'hen Schweigens sich zu versichern? Ein weiterer Malefikant im Carcer, welcher wie Vinicius früher oder später alle Taten hätte gestanden, wäre ihm nur zugutegekommen. Doch er konnte nicht das Wagnis eingehen, dass Tiberius ihn würde unter Druck setzen, oder gar preisgeben, dass die gesamte Strategie von Beginn an nur des Vescularius' Komplott war, um nicht nur des Augustus, sondern gleichsam einiger einflussreicher Männer sich zu en..tledigen ohne sein geringstes Zutun, dass die Konspiranten letztlich nur Marionetten waren in seinem Possenspiel. Nein, Durus musste sterben noch ehe der Tod des Valerianus' war bekannt gegeben worden, noch ehe Tiberius auch nur ein Wort zum Todes des Imperators konnte postulieren. Denn alles andere - Verhaftungen und Ver..bannungen - war nurmehr eine unaufhaltsame Konsequenz, Zierde und Beigabe eines perfekten Planes."
    Eines Planes, welcher - wie Gracchus neidlos musste eingestehen - zweifelsohne weitaus raffinierter und ausgeklügelter war gewesen als die dilettantische Ausführung ihrer - wie sie glaubten - eigenen Kabale. Er nahm sich ein Stück Geflügel und ließ das zarte Fleisch sich munden, obgleich dem allem noch immer ein schaler Beigeschmack anhaftete.

    Erwartungsvoll blickte Gracchus zu seinem Vilicus auf als dieser mit einer Tabula in der Hand die Türe des Officium schloss, nachdem es kurz zuvor daran hatte geklopft.
    "Eine Nachricht, Herr", begann Sciurus, wurde jedoch abrupt unterbrochen.
    "Von der Decima?"
    suchte Gracchus begierig zu wissen, und unmerklich spannte sein Leib sich an.
    "Nein, Herr, aus dem Palast."
    Enttäuscht ließ Gracchus seine Schultern sinken und gab dem Sklaven mit einem lustlosen Wink zu verstehen, dass er die Nachricht verlesen solle, was dieser tat.
    "Mit sofortiger Wirkung wieder ... re'htmäßig zuerkannt"
    , repetierte der Senator missfällig.
    "Also auch rechtmäßig ab..erkannt."
    Nachdenklich musterte Gracchus die Oberfläche des wuchtigen, hölzernen Schreibtisches, hinter welchem er saß. Längst war jede Linie darin ihm vertraut, längst kannte er alle Wege durch dieses Labyrinth, doch noch immer besaß der Anblick einen kalmierenden Effekt, welcher an diesem Tage jedoch nicht ausreichte, so dass der Flavier seinen Kopf auf die Tischplatte ließ sinken.
    "Dieser … abgefeimte ..."
    Er suchte ein Wort, doch Schimpfworte mochte er zu dieser Gelegenheit noch nicht in den Mund nehmen, wiewohl ihm nichts anderes zu Sinnen kam, was in diesem Falle adäquat wäre gewesen. Darob schnaubte er schlussendlich nur unwirsch durch die Nase, bevor er seinen Kopf wieder hob und mit den Fingern der Linken auf die Tischplatte trommelte. Er konnte nicht ablehnen, denn es würde seinen politischen, wie kultischen Tod bedeuten - und so wenig ersterer ihm von Bedeutung war, um so mehr fürchtete er letzteren.
    "So findet der Fall kein Ende, war der Boden nur trügerische Illusion ..."
    , murmelte er vor sich hin.
    "Herr?"
    "Nichts, nichts von Belang."
    Nur der beständige Niedergang seiner Würde.
    "Sorge dafür, dass eine Contio einbe..rufen wird, zeitnah - doch nicht schneller als die Mühlen des Augustus mahlen, allfällig ist der Palast sonstig überfordert, dem Pontifex Maximus den entpre'henden Termin zu konzedieren."

    Es war recht lange her, seitdem Gracchus zuletzt in der Villa Aurelia zu Gast war gewesen, tatsächlich konnte er sich dessen nicht einmal mehr entsinnen - wie so vieles indes war es noch vor dem Bürgerkriege gewesen, welcher noch immer ein beständig dräuender Fixpunkt, respektive Fixperiode, in seinem Leben schien. Er wählte einen verdünnten Wein zur Erfrischung, lehnte Speise und musikalische Untermalung ab, und nahm Platz. Während der kurzen Zeit, welche er der Aurelia harrte, betrachtete er die Linien eines Mosaiks, ohne dies indes zur Kenntnis zu nehmen, formulierte er doch gleichsam in Gedanken zum wiederholten Male seine Worte, arrangierte sie neu, strich das ein oder andere, wählte sie alternativ, bis dass Prisca das Atrium betrat. In ihr Kleid aus hellem Stoff gehüllt, ein entwaffnendes, offenes Lächeln auf den Lippen haftete ihr ein Anflug von epiphaner Leichtigkeit an, und einige Augenblicke war Gracchus schlichtweg erleichtert, dass sie die Wirren der Vergangenheit augenscheinlich unversehrt hatte überstanden.
    "Salve, Aurelia Prisca"
    , erwiderte er darob die Begrüßung nicht minder erfreut und erhob sich.
    "Die Ehre und Freude liegt ganz auf meiner Seite!"
    Er wartete bis dass die Aurelia saß und nahm dann ebenfalls wieder Platz, um ihre Frage mit einem knappen Rapport zu beantworten, welcher allfällig ein wenig unpersönlich mochte ausfallen, doch immerhin dazu geeignet war, seine eigene Wenigkeit dabei nicht in Betracht ziehen zu müssen.
    "Meine Familie be..findet sich wohl, meine Gemahlin und meine Tochter weilen auf einem Landgut im Norden Italias, meine Söhne sind hier bei mir in Rom. Erst vor kurzem haben wir Minimus' Liberalia gefeiert."
    Obgleich die Not, welche zu diesem Ereignisse hatte geführt, nicht sonderlich erfreulich gewesen war, so huschte doch ein Anflug von Stolz über sein Antlitz.
    "Es ist wahrhaft erstaunlich mit den Kindern - im einen Augenblicke werden sie gerade geboren, im nä'hsten sind sie bereits erwachsen."
    Insbesondere wenn ein Bürgerkrieg sie aus der Kindheit riss.
    "Ich hoffe, du und die deinen, ihr be..findet euch ebenfalls wohl?"
    Gracchus war kein Freund von belangloser Konversation, welche oftmals nur dazu diente, das eigentliche Thema eines Gespräches hinauszuzögern, doch dem Wohl der Aurelia galt sein Interesse durchaus ernsthaft, schlussendlich war sie die Witwe seines Vetters und hatte lange genug in der Villa Flavia gewohnt, um noch immer auf eine etwas weiter gefasste Art und Weise Teil der Familie zu sein.

    Nachdem Sciurus seinem Herrn hatte mitgeteilt, dass Prisca ihn empfangen würde, verließ dieser die Sänfte und betrat die Villa Aurelia, nicht ohne ein wenig Nervosität in sich zu verspüren. Wortlos folgte Gracchus der jungen Sklavin in das Innere des Hauses hinein.

    ~~~ Gefangen in Morpheus' Reich ~~~

    Schweißgebadet erwachte er in die Dunkelheit der Nacht hinein, dass seine Augen weit aufgerissen einen Fixpunkt suchten, nicht finden konnten bis dass er sich aufsetzte und aus dem Bette wandt. Er wollte rufen nach einem Sklaven, doch er konnte den Mund nicht öffnen, konnte keinen Laut von sich geben. Fahrig hob er seine Hände und fühlte unter der Berührung seines Antlitzes nichts als ebene Haut, keine Lippen, kein Mund - nichts, das es hätte ihm ermöglicht sich zu äußern, dem aufbegehrenden Ruf der Wahrheit in sich Ausdruck zu verschaffen. Zittrig fuhren seine Finger über seine Wangen hinweg, suchten etwas zu fassen, fanden die Ohren und begannen daran zu zerren und reißen bis dass die Haut sich endlich von seinem Fleische löste. In regelrechte Panik verfallen schälte er Schicht und Schicht der Membrane, kratzte das Fleisch von seinem Leibe bis dass nurmehr ein knöchernes Gerüst von ihm blieb, welches endlich mit einem befreienden Klirren in sich zusammenfiel und der eingeschlossenen Wahrheit zur Freiheit verhalf, die sich in lautstarker Kakophonie ihren Weg in die Welt hinaus bahnte...

    ~~~


    "Neiiiin!"
    Schweißgebadet erwachte Gracchus in die Dunkelheit der Nacht hinein, dass seine Augen weit aufgerissen einen Fixpunkt suchten, nicht finden konnten bis dass er sich aufsetzte und aus dem Bette wandt. Fahrig hob er seine Hände und berührte seine Lippen, erleichtert sie eben dort vorzufinden, wo sie erwartungsgemäß sich befinden sollten. Er spürte in sich das Drängen der Wahrheit, schloss die Augen und atmete tief ein und aus.
    "Nein"
    , flüsterte er leise und ließ sich zurück auf die Bettkante sinken.
    "Bitte … lasst mich in Ruhe … bitte …"
    Er öffnete seinen Augen, doch Sciurus war nicht auf seinem gewohnten Platz neben der Türe. Gracchus war allein, vollkommen allein, doch er konnte die larvae spüren obgleich ihre Schatten mit der Dunkelheit verschwommen - sie ruhten niemals, auch nicht des Nachts. Langsam legte er sich zurück in sein Bett, zog die Decke eng um sich und versuchte, so wenig wie möglich zu atmen - wenn sie nur glaubten, dass er tot wäre wie sie selbst, so würden sie allfällig das Interesse an ihm verlieren. Doch die larvae tanzten noch lange in dieser Nacht um ihn her, dass Gracchus erst am frühen Morgen gänzlich ermatten zurück in einen unruhigen Schlaf verfiel.

    Die Entfernung zwischen Villa Aurelia und Villa Flavia auf dem Quirinal war überaus gering - für einen Vogel mit nur wenigen Flügelschlägen zu überbrücken, für einen Fußgänger ein wenig umständlicher, da jenem der direkte Weg durch die Servianischen Mauer wurde verwehrt, er somit einen kleinen Umweg über die Porta Quirinalis musste auf sich nehmen, welcher indes hinsichtlich des Ausmaßes der Stadt Rom noch immer als überaus gering zu bewerten war. Die Alta Semita hinab, durch die Porta Salutaris, um anschließend von Nordwesten her auf die Villa Aurelia zuzukommen, war allerdings unbezweifelt für einen flavischen Besucher, welcher nichts anders als diesen Besuch anstrebte, ein Umweg - welchen Gracchus seinen Sklaven vorsätzlich hatte aufgetragen, so dass ein Beobachter vor - oder auch in - dem aurelischen Anwesen den Eindruck würde erhalten, dass er nur zufällig diesen Weg nahm, von einem nicht näher zu bestimmenden, vorherigen Ziel zurückkommend die Villa passierte, und aus einer Laune heraus oder einem spontanen Einfalle folgend die Gelegenheit nutzte, seine Aufwartung zu machen. Dass dies zu einer Tageszeit geschah, zu welcher es zudem überaus wahrscheinlich war, dass die geschäftigen Männer des Hauses eben außerhalb dieses weilten, war indes ebensowenig aleatorisch wie der Weg selbst. Ob dessen blieb auch die Sänfte vorab an der Straße stehen, während der Sklave Sciurus zur Porta der Villa trat, um den zufälligen Besucher anzukündigen und sich zu erkundigen, ob zufällig auch die Dame des Hauses anwesend war.
    "Salve! Mein Herr, Senator Flavius Gracchus, lässt anfragen, ob die Dame Aurelia Prisca zuhause weilt und gewillt ist, ihm ein wenig von ihrer Zeit zu gewähren", trug der Sklave also das Begehr dem Ianitor vor, während von dem Senator selbst hinter den Vorhängen der Sänfte noch nichts zu sehen war.

    Es war lange her seitdem Gracchus zuletzt die Hallen des Senates hatte betreten - seine letzte Sitzung war jene gewesen, in welcher Vescularius den Tod Valerianus' hatte verkündet -, und auch an diesem Tage war er nur der Pflicht gefolgt, nicht jedoch seinem eigenen Antrieb. Seine Sichtweise auf das Gremium an sich, auf die einzelnen Senatoren, wiewohl auf seine eigene Tauglichkeit und Berechtigung, ein Teil dessen zu sein, waren überaus ambivalent, doch hatte er seine Rückkehr in die Halle der Curia Iulia letztlich nicht viel länger hinauszögern können - nicht, nachdem bereits Cornelius Palma in seiner Position als Imperator Caesar Augustus ihm zu verstehen gegeben hatte, dass er eben dies erwartete. Nicht zu spät, doch gerade rechtzeitig vor Beginn der Sitzung hatte Gracchus mit den letzten eintreffenden Senatoren die Curia Iulia betreten, so dass er nicht etwa in Gefahr geriet, Gespräche jedweder Art führen zu müssen. Als nach der Eröffnung der Sitzung der kürzlich gewählte Consul Decimus sein Ansinnen präsentierte, bereute der Flavier seine Anwesenheit bereits wieder, schien es ihm doch als stießen die strigae ihre Klauen in seinen Leib, drehten und zerrten an seinen Organen - denn der Ankündigung umfassender Aufarbeitung der vescularischen Herrschaft haftete in seinen Ohren ein überaus bedrohlicher Beiklang an. Zumindest ein wenig relativierte die nachfolgende Aufzählung des anvisierten Inhaltes jedoch diese Beklemmung, umfassten die Pläne des Decimus doch augenscheinlich vorwiegend amtliche Vorgänge, wiewohl dies von Cornelius selbst war ratifiziert worden - welcher kaum wohl würde zulassen, dass jemand allzu detailliert die Ereignissen kurz vor Valerianus' Tod würde beleuchten. Einige Augenblicke zögerte Gracchus nachdem der Consul ein Ende hatte gefunden, doch da sonstig niemand das Wort wollte ergreifen, entschloss er sich schlussendlich zu einer Meldung.
    "Da die Berichtspfli'ht per Gesetz verfügt und damit gleichsam Teil der Magistratur ist, scheint bereits determiniert zu sein, dass diese ohne den Bericht auch nicht erfolgreich beendet werden kann. Da jedoch die Form dieses Berichtes - soweit ich mich ent..sinne - derzeit weder inhaltlich, noch in Hinblick auf die Art und Weise der Ausführung festgeschrieben ist, wird es schwer sein, dies rückwirkend von den dir genannten Männern einzufordern, Consul Decimus. Für künftige Magistrate indes würde es allfällig genügen, diesen Bericht vor einem staatlichen Gremium ein..zufordern, die res gestae vom Forum Romanum hinweg in die Curia Iulia zu verlegen, den Reden der Wahlkandidaten similär zu einem einheitlich vorgegebenen Termin - in Ausnahmen, bei Entsendung in eine Provinz etwa, auch nur in schriftli'her Form. Durch ein Versäumnis dieser Pflicht wäre letztlich die Magistratur nicht gesetzmäßig beendet, so dass damit auch nicht die Voraussetzung für ein höheres Amt wäre gegeben - deren Überprüfung wiederum Angelegenheit des dann amtierenden Consuls ist."
    Summa summarum würde dies nur eine geringfügige Änderung, respektive Erweiterung des § 47 bedingen.

    Der Flavier hatte bereits in eine Pastete gebissen und zuckte ob dessen zunächst nur unspezifisch mit den Schultern, schluckte den Bissen hinab, um sodann zu einer Erklärung anzusetzen - welche ihm keinesfalls erstaunlich oder sonderbar mochte anmuten, da er all dies zu oft hatte durchdacht, zu oft hatte in Gedanken nachvollzogen - bis hin zu jenem verhängnisvollen Treffen, bei welchem der Vescularier seinen eigenen Kopf mochte eingefordert haben, allfällig seine fleischige Hand auf den Tisch hatte geschlagen, Durus mit stierendem Blicke fixiert und cholerisch skandiert: 'Die Flavier, ich will in jedem Falle die Flavier liquidiert wissen!' -, ob dessen all dies längst als Fakt in sein Denken war übergegangen, letztlich auch, da es in seinem Weltkonstrukt die einzig schlüssige Erklärung für alles, was geschehen war, bot.
    "Nun, dass er sich mit dem Vescularier hat eingelassen, dass er uns nicht nur schli'htweg denunziert, sondern betrogen hat, von Beginn an, ... dass er letztlich ganz Rom dem Vescularier hat preisgegeben."
    Sein Blick war fest von ernsthafter Überzeugung, gleichsam voller Unverständnis für diese Tat.
    "Was muss Salinator ihm verspro'hen, was ihm angedroht haben, dass Tiberius dazu bereit war?"
    Er begann nun ebenfalls sich dem Filetieren seiner Feigendrossel zu widmen, schüttelte dabei leicht den Kopf, ungläubig noch immer.
    "Ich ... verstehe es einfach nicht. Ich meine, wenn er dies für Rom hätte getan - wie er uns glauben machte -, für seine Prin..zipien und Ideale ... aber ... Vescularius' Rom war nicht das Rom des Tiberius - zumindest davon bin ich noch immer überzeugt."

    "Quintus ist ... gestorben, schon vor langer Zeit."
    Zumindest Quintus Gracchus - andererseits indes lag auch der Tod des Quintus Tullius bereits länger zurück als Titus an Jahren zählte, so dass für den Jungen beide Ereignisse augenscheinlich lange Zeit würden zurückliegen.
    "Er wurde am selben Tage ge..boren wie ich, nur wenige Augenblicke vor mir. Wir waren … Zwillinge - wie Remus und Romulus."
    Unbezweifelt wäre Quintus die Rolle des Romulus zugefallen, hätte er Flavius Gracchus werden sollen, wäre zweifelsohne ein besserer Flavius Gracchus geworden, hätte er nur die Chance dazu erhalten - dessen war Gracchus sich sicher.
    "Er wurde nicht alt genug, um ein Soldat zu werden. Irgendwann einmal werde ich dir diese Geschi'hte erzählen, aber … aber nicht heute."
    Er wollte an diesem Tage nicht über Verrat sprechen, über die Sklavin, welche den flavischen Sohn hatten geraubt, nicht über das Feuer, in welchem alle den Jungen tot hatten geglaubt, über den Patrizier, welcher ohne seine Herkunft zu erahnen als Peregriner herangewachsen war, über das eigentümliche Zusammentreffen der Zwillinge, die List des Quintus Tullius, den Raub der Leontia und das Ende dieser beiden - und doch gemahnte der Vater sich ehern, dies alles einmal Titus zu berichten. Gedankenverloren rückte Gracchus das maritime Tuch ein wenig zurecht, so dass die Amplitude der Wellen entlang der Küstenlinie ein wenig gleichförmiger sich darbot.
    "Wenn etwas deplorabel ist, so ist es sehr bedauerlich. Ich wäre zu gerne einmal nach Aegyptus gereist … nein"
    , er stockte kurz, um sich zu korrigieren.
    "Nein, die Reise an sich hätte ich beileibe nicht gerne unternommen, denn diese Reise dauert lange und um..fasst eine Fahrt über das Meer."
    Er wies unbestimmt auf den blaufarbenen Stoff.
    "Ich finde keinen Gefallen am Meer - wie du ganz recht erkannt hast, ist es wild und unbere'henbar."
    Über dieses tückische Wasser vergaß Gracchus gänzlich auf den Rest Ägyptens, welchen er gerne hätte gesehen - Alexandria, das Museion, der alte Palast, die fremden Tempelanlagen und all die anderen exotischen Orte, von welchen er nur gelesen oder gehört hatte. Er deutete auf die auf einen Stock gespickte Olive.
    "Dein Lehrer nannte ihn zweifelsohne Marcus Antonius, und zur Frau hatte er Cleopatra gewählt - sie hatten entschieden, miteinander zu leben, ähnlich wie deine Mutter und ich, auch wenn Antonius und Cleopatra nicht verheiratet waren."
    Letztlich war dieses Detail der Historie umstritten, wie auch der Vergleich nicht sonderlich treffend war, hatten sich Antonius und Cleopatra doch aus freien Stücken füreinander entschieden, während Antonia und Gracchus mit ihrer Ehe rein relationalen Überlegungen waren gefolgt.
    "Allerdings ist diese Geschichte Ver..gangenheit."
    Der ältere Gracchus mochte Historie gerne lesen - respektive verlesen lassen -, sich hinfort tragen lassen vom Klang der Worte, von der Ästhetik der geschilderten Bilder, von epischen Umschreibungen und detaillierten Berichten eines vergangenen, doch realen Geschehens, welche er parallel dazu in seinem Geiste imaginierte - doch befreit von den Strängen determinierter Sätze drängte es ihn in seiner Phantasie weitaus mehr danach, neue, unnachahmliche Abenteuer zu spintisieren, wenn auch bisweilen auf Basis eines Teil der Historie - etwa als Heroe dieser Geschichten selbst der Kleopatra zu verfallen, Octavian zu besiegen und das römische Reich zu beherrschen - obgleich dies sich nur in Tagträumereien äußerte und nicht in spielerischer, plastischer Realität.
    "Darob ist es zweifelsohne weitaus interessanter zu explorieren, was mit Klepatata und Aurelius und … den Nilpferden geschieht."
    Er äußerte dies vollkommen ernsthaft, blickte suchend über den Getreide-Sand hinweg, konnte indes noch keine Nilpferde entdecken - vermutlich da sie noch gefangen waren.
    "Wären Nilpferde Götter, so müssten sie kaum wohl befreit werden, nicht wahr? Es sind schli'htweg Tiere, ident zu anderen Pferden - allerdings sind sie weitaus dickleibiger, groß wie die größten Rinder, mit Stoßzähnen und flacher Nase, zumeist graufarben und mit einer sehr dicken Haut."
    Ein Hippopotamus zu Gesichte zu bekommen war in Rom durchaus nicht alltäglich, wiewohl Gracchus dazu tendierte, im Anblick des leibhaftigen Tieres dies ob seiner massigen Gestalt mit einem Nashorn zu verwechseln - welchem er ebenso selten war angesichtig geworden - und in Folge dessen nicht genau wusste, wie ein Nilpferd hatte auszusehen, sich darob halbwegs an die Beschreibung des Herodot hielt, welche ihm jedoch gleichfalls nicht mehr im Detail präsent war.
    "Sofern du dies wünschst, so können wir einmal die scholae bestiarum visitieren, denn ich meine mich zu ent..sinnen, dass sie dort auch Nilpferde halten."
    In Erinnerung an die Tiere des Ludus Matutinus wurde er sich dessen gewahr, dass er für Minors Löwe würde Sorge tragen müssen, denn mit dessen Mannwerdung stand ihm ein solcher im flavischen Familienrudel zu - und auch sein eigener Löwe musste ersetzt werden, war dieser doch während des Bürgerkrieges verendet - ein Umstand, welchen Gracchus nicht allzu sehr bedauerte, war es doch ein überaus klägliches Tier gewesen.

    Fasziniert von der sublimen Mimik, mit welcher Fusus' Gedankengänge auf dessen Antlitz sich abzeichneten, betrachtete Gracchus den jungen Verwandten, während dieser seine Überlegungen verbalisierte, sann beiläufig darüber nach, ob auch schon seinem Vetter Milo jene anmutige Art und Weise der Bewegung - im kleinen, wie im großen, war eigen gewesen, konnte sich dessen doch nicht entsinnen. Der rasche Stimmungsumschwung indes derangierte ihn einige Augenblicke, ehedem Fusus selbst diesen bereits wieder relativierte, und er zu dessen Vorschlag bezüglich würdiger Bekanntschaften den linken Mundwinkel zu einem ein wenig verschmitzten Lächeln hob - tatsächlich pflegte er vertrauliche Kontakte nur mit überaus ausgesuchten Personen, was indes nicht etwa auf Hoffart basierte, sondern schlichtweg daraus resultierte, dass Gracchus mit so machen in der Gesellschaft gängigen Charakteristiken Verständnisschwierigkeiten hatte oder davon überfordert war - mochte dies die Art des Humors betreffen, temporale Moden und Gesprächsthemen, oder auch nur ein Übermaß an Impressionen. Etwa gab es kaum wohl unangenehmere Situationen als jene, in welchen eine versammelte Gesellschaft über eine amüsante Bemerkung in Gelächter ausbrach, während er den Scherz nicht im Ansatze konnte nachvollziehen. Solcherlei mochte für politische Konversationen oder gesellschaftliche Verpflichtungen durchaus akzeptabel sein - er hatte bereits früh gelernt, in diesen Situationen das Gebaren der Gesellschaft zu adaptieren -, doch auf persönlicher Ebene präferierte er die Freiheit seines Selbst soweit als möglich.
    "Ich fühle mich bereits jetzt geehrt, diesem er..lesen Kreise beiwohnen zu dürfen"
    , antwortete er darob, wenn auch mit einem etwas süffisanten Unterton.
    "Zudem sei dir versichert, dass kultivierte und niveauvolle Dialoge in der Villa Flavia zu jeder Zeit willkommen sind, und sofern du Einladungen dazu ausspre'hen möchtest, so zögere nicht, die Sklavenschaft hierfür einzubinden."
    Dies inkludierte selbstredend auch die finanziellen Mittel, worüber Gracchus sich indes keinerlei Gedanken zu machen pflegte, und darob auch nicht davon ausging, dass Fusus dies tat.
    "Was indes deinen Wunsch betreffend des Cultus Deorum an..belangt, so muss ich diesen leider verwehren."
    Er zögerte kurz, während seine Kiefer sich aufeinander pressten, ehedem Gracchus mit einer Erklärung fortfuhr, und der Anblick Fusus' bittenden Gebarens ließ ihn noch ein wenig mehr dem Initianten dieser Gegebenheit gram sein.
    "In Koinzidenz zu den Pro..scriptionen des Vescularius wurde ich auch aus dem Collegium Pontificum exkludiert, und während die Proscriptionen aller Betroffenen kurz nach Cornelius' Ankunft in Rom bereits annulliert wurden, so scheint die Prüfung dieser kultischen Causa bezügli'h meiner Person von ... überaus exzeptioneller Art zu sein, ob dessen der Augustus dies augenscheinlich besonders umfänglich, zu..mindest jedoch langwierig examinieren lässt."
    Kaum wohl ließ sich aus der Couleur seiner Stimme verbergen, dass dies ein Umstand war, welcher ihm zu erhöhter Indignation gereichte, indes bestand gegenüber einem Flavius auch kein Anlass, dies dissimulieren zu wollen - selbst in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich noch so gut wie nicht kannten. Doch sollte diese Exklusion von Bestand sein, würde es für Gracchus keinen Weg zurück in den Cultus Deorum geben, würde gleichsam auch seine politische, wie auch gesellschaftliche Zukunft mehr als nur fragwürdig werden, es in diesem Falle für Fusus nur opportun wäre, sich nach einem adäquateren Lehrmeister umzusehen.

    Beifällig nickte Gracchus zu den Worten des Tiberius obgleich er sich bis dato keinerlei intensivere Gedanken über den Terentius hatte gemacht - in diesem Augenblicke überhaupt erst realisierte, dass er nicht einmal wusste, aus welchem Grunde dieser Rom hatte verlassen - indes war es derzeit wohl ohnehin müßig sich damit auseinanderzusetzen. Auch die Redlichkeit des Tiberius nahm er nur mit einem Nicken zur Kenntnis, ein wenig zerrissen durch das generelle Misstrauen, welches dieses nomen gentile in seinen Gedanken evozierte, und den Wunsch, dies alles nurmehr hinter sich zu lassen, Lepidus schlichtweg als ehrgeizigen Spross einer beliebigen patrizischen Familie anzusehen. Erst dessen Rückfrage nötigte ihn schlussendlich zu weiteren Worten - welche jedoch ebenfalls kein sonderlich erbauliches Thema betrafen.
    "Ich gehe kaum davon aus, dass eine Kandidatur für das Amt des Consuls meinerseits in den kommenden Jahren sonderlich erfolgverspre'hend wäre, habe ich in Hinblick auf die jüngst vergangenen Jahre doch nichts vorzuweisen."
    Er zögerte kurz, setzte dann trocken hinzu:
    "Außer einer Proskription."
    Obgleich diese zwischenzeitlich war annulliert worden, so war dies letztlich doch das einzige, was mit seinem Namen noch verknüpft war - abgesehen allfällig von seiner Flucht aus Rom, welche indes ebenso kaum als vorteilhaft war anzusehen. Weitaus gravierender jedoch - was er indes nicht würde aussprechen - wog die Tatsache, dass er durch sein unreflektiertes Handeln nicht unwesentlich dazu hatte beigetragen, Rom in einen Bürgerkrieg zu stürzen, was zweifelsohne keine gute Grundlage war, dem Cursus Honorum vorzustehen.
    "Meine Zuge..hörigkeit zum Cultus dagegen ... liegt in Händen des Augustus."
    Obgleich er suchte, seinen Unmut darüber nicht aufsteigen zu lassen, so mochte doch eine Spur davon aus seinen Worten hinauszuhören sein. Die Prüfung seiner Exklusion dauerte nun schon recht lange an, und Gracchus beschlich bisweilen das Gefühl, dass Cornelius dies absichtlich derart hinauszögerte, um den letzten Rest seiner Reputation zu untergraben - denn so die Prüfung des Sachverhaltes derart lange fortwährte, ließ dies von außen betrachtet unweigerlich darauf schließen, dass dieser Ausschluss nicht etwa in Zusammenhang mit der Willkür des Vesculariers hatte in Verbindung gestanden und ob dessen ohne einen langwierigen Prozess würde entkräftet werden können, sondern dass fürwahr berechtigter Zweifel an der Person des Flaviers oder seiner Tauglichkeit bestand, welche darob eingehend inspiziert werden mussten. Allfällig war dies Palmas Strategie - das Ansehen seiner Mitwisser Stück um Stück zu demontieren, so dass er nicht mehr genötigt war, sich ihrer zu entledigen, da ohnehin keine Gefahr mehr von ihnen würde ausgehen können.
    "Sei es wie es sei, ich präferiere es ohnehin nicht, das Prinzip des do ut des in den Cursus Honorum zu über..tragen, und sofern ich dich sekundieren werde, wird dies nicht von einer Gegenleistung abhängen, sondern schli'htweg aus meiner Überzeugung resultieren, dass dies zum Vorteile Roms gereicht"
    , fügte er schlussendlich seine Auffassung an - eine jener wenigen Geisteshaltungen, welche den Verlust eines Großteiles seiner Integrität und Prinzipien hatte überdauert, allfällig dadurch gar noch ein wenig mehr an Bedeutung hatte gewonnen. Ohne dass beide dies wussten, waren an diesem Tage jedoch ohnehin alle Worte diesbezüglich ohne Relevanz, würde Gracchus doch weder zu den Kandidaturen, noch zur eigentlichen Wahl den Senat betreten.

    Während Gracchus die Klinge in seinem Leibe schlichtweg zu ignorieren suchte, bohrte sein Sohn - wenn auch in gänzlicher Unwissenheit - jene noch einmal ein wenig tiefer in sein Fleisch, ruckte und rüttelte daran, dass die Wunde mehr und mehr aufriss.
    Dein Vater war an einer Konspiration beteiligt, welche zum Ziel hatte, Vescularius zum Kaisermörder zu deklarieren und ihn aufgrund dieser Tatsache hinzurichten, zu welchem Zwecke auch der Kaiser sein Leben musste lassen. Dies war wohl Salinators vorrangigster Grund, welcher zweifellos für ihn nicht einmal ungerechtfertigt war.
    So oder similär hätte seine Antwort allfällig lauten können, wäre diese Wahrheit nicht noch immer derart perniziös, dass Gracchus sie selbst vor seiner Familie mehr als fürchtete. Er hoffte auf eine - durch dessen Unkenntnis weitaus ehrlichere - Antwort seines Vetters, doch Furianus schien nicht gewillt, von seinen Trauben abzulassen.
    "Die Prämisse für des Vesculariers generelle Aversion gegenüber unserem Stande und im spe..ziellen unserer Familie liegt wohl in der Historie begründet"
    , begann er darob recht unspezifisch, doch zumindest der Wahrheit getreu.
    "Die exakte Ursa'he Domitianus' Intention ist mir nicht bekannt, doch als die Familie des Vesculariers sich gerade erst aus dem Schlamm der Provinz hatten emporgearbeitet, enteignete und ver..bannte er sie ins Exil."
    Mochte der Name des dritten flavischen Kaisers auch offiziell der damnatio memoriae anheimgefallen sein, so wurde er im Kreise der Familie doch in beinahe gleicher Art und Weise ästimiert wie die Namen Titus' und Vespasianus', wurde hier doch die Wahrheit über Domitianus und dessen heimtückische Ermordung bewahrt, welche mit der Geschichte, welche dessen Gegner hatten festgeschrieben, wenig nur hatte gemein.
    "Obgleich dies nach Domitianus' Ermordung annulliert wurde, so hatte Salinator die Jahre der Ä'htung augenscheinlich nie gänzlich verkraftet, und die Saat der Abneigung, welche damals war gelegt worden, wuchs über die Jahre hinweg zu einem kräftigen Ge..wächs aus Feindseligkeit heran."
    Gracchus sog einen Atemzug durch die Nase ein, neuerlich abwiegend, ob er sich noch auf dem Pfad der Wahrheit bewegte, oder bereits in den Fäden seines Lügengeflechtes eingewoben war - ob dessen der nachfolgende Satz ein wenig langsamer, zögerlicher über seine Lippen kam.
    "Dass unsere Familie auf seiner Liste jener, welcher er nur allzu bereitwillig sich wollte ent..ledigen, weit oben stand, ist darob kaum verwunderlich, insbesondere nicht in Hinblick darauf, dass wir ihm und seinen Ma'henschaften gegenüber uns auch nie subsidiär haben gezeigt - eher ... gegenteilig."

    Mit ernsthaftem, doch stillem Interesse folgte Gracchus den Ausführungen des Aurelius, hatte er bisweilen doch noch immer nicht alle Bruchstücke beisammen, um ein komplettes Bild aller Geschehnisse - insbesondere jener, in welche die Konspiranten waren verstrickt gewesen - während des Bürgerkrieges sich abbilden zu können - würde dies zwar vermutlich auch nie, doch zumindest jene Bereiche, welche für den Fortgang und Verlauf des Krieges entscheidend gewesen waren, mochte er halbwegs beisammen wissen. Als hernach eine kurze Pause zwischen den beiden Senatoren entstand, öffnete Sciurus die Türe, vor welcher bereits zwei Sklaven mit Speisen harrten, um diese in das Triclinium hinein zu tragen. Sie kredenzten zur Vorspeise Feigendrosseln, mit Honig und Nüssen gefüllte Pasteten und dazu einen trockenen Caecuber von der Küste Latiums - aus den unerschöpflichen Vorräten des Flavius Felix.
    "So gereichte das Unglück augenscheinlich zumindest dir noch zu einer an..sehnlichen Karriere - und eines Tages mag dir dies militärische Wissen noch von großem Nutzen sein."
    Zu der Befreiung mochte Gracchus sich nicht weiter äußern, wartete bis dass die Sklaven den Raum wieder hatten verlassen und schnitt sodann eine Causa an, welche noch immer ihn umtrieb, da er bis zu diesem Tage keine plausible Antwort darauf hatte finden können, es gleichsam nur wenige Menschen überhaupt gab, mit welchen er darüber würde sich austauschen können.
    "Was glaubst du, welch menschli'hes Verlangen war es, welches Durus zum Verrat trieb? Hat er dir gegenüber jemals insinuiert, welchem Ziel sein Streben galt? Oder allfällig eine Be..drohung signalisiert, welche für ihn oder seine Familie bestand?"
    Er schüttelte langsam den Kopf, in Gedanken im Versuche jede Erinnerung bezüglich des Tiberiers zu prüfen.
    "Ich kann schlichtweg nicht na'hvollziehen, wie er sich zu solcherlei konnte herablassen. Ich habe immer geglaubt ..."
    An Freundschaft hatte er geglaubt. Niemals hätte er einer solchen Konspiration zugestimmt, hätte er Durus nicht gänzlich vertraut, hätte er nicht auf diese vermeintliche Freundschaft sich verlassen. Ratlos hob Gracchus seine Schultern und ließ sie wieder senken - er wusste nicht mehr, ob er wirklich geglaubt hatte, oder einfach nur hatte glauben wollen.

    Da augenscheinlich in diesem Augenblicke keine weiteren Gratulanten oder Gabenbringer mehr dem frisch ermannten Knaben gegenüber wollten vorstellig werden, ergriff der Vater die Gelegenheit, zu dem ausklingenden Teil der Feierlichkeit überzuleiten - einem kleinen Gastmahl für Familie und Freunde. Im großen Triclinium des Hauses waren hierfür mehrere Tische vorbereitet worden, zudem warteten dort bereits einige Artisten zur kurzweiligen Unterhaltung - Musikanten, zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer, ein Rezitator und zwei Akrobaten - einer von diesen ein Schlangenmensch, welcher während und zwischen der Mahlzeit seinen Leib auf überaus kuriose Weise zu verbiegen wusste. Die Gespräche bei Tisch drehten sich vorwiegend um Minor, dessen glänzende Zukunftsaussichten, die Exklusivität einiger weitere Geschenke, welche dem Knaben noch wurden überreicht, Erinnerungen an frühere Liberaliae - die eigene oder jene von Söhnen oder Verwandten - und andere Festivitäten - das Thema der Politik und der erst kurz zurückliegenden Vergangenheit indes wurde an diesem Abend weitgehend überaus erfolgreich vermieden. Da die Sklaven des Hauses nie müde wurden - respektive nie müde werden durften - und beständig Speisen und Getränke auf Wunsch nachlegten und schenkten, zog sich das Fest noch einige Stunden in die Nacht hinein, ehedem die letzten Öllampen gelöscht wurden und der erste Tag im Leben des Civis Manius Flavius Gracchus Minor ein Ende fand.

    Einige Augenblicke lang betrachtete Gracchus sinnierend den nun leeren Teller vor sich, suchte seine Gedanken zu sortieren und abzuwägen - denn einmal umsponnen von einem Netz aus Lügen musste jedes Wort sorgsam gewählt werden, um nicht versehentlich einen der Fäden zu zerreißen, das gesamte Konstrukt in Gefahr zu bringen. Jeder Gedanke musste somit doppelt bedacht werden, was wiederum mit jedem neuen Gedanken das Netz verkomplizierte, letztlich jeden diesbezüglichen Denkprozess zu einer rechten Mühewaltung werden ließ.
    "Es mag nach der vergangenen Zeit überaus kommod er..scheinen, Vescularius zum alleinigen Malefikanten zu erheben, darob dem Gedanken sich hinzugeben, dass mit seinem Tode auch aller Konflikt beseitigt ist - doch er hätte niemals diese Position erlangt, niemals sie derart mühelos über jenen Zeitraum beibehalten, niemals des Rückhaltes von Legionen sich versi'hert sein können, hätte er nicht auch Rückhalt in den Reihen mächtiger Männer gehabt. Einige dieser Männer mögen ebenfalls den Tod gefunden haben, einige haben Rom verlassen, doch andere sind un..bezweifelt noch immer hier, und niemand weiß, wie ihre Pläne aussehen oder sich noch entwickeln mögen, denn der einem Menschen innewohnende Groll - sei er aus Zorn, Demütigung, dem Wunsch nach Vergeltung, bloßem Ma'htstreben oder anderem erwachsen - ist eine gänzlich unberechenbare Konstante in allen zwischenmenschlichen Bereichen, doch insbesondere in jenem der Politik."
    Die entspannte Atmosphäre der familiären Cena war damit augenscheinlich ein wenig dahin, doch es war Gracchus durchaus ein essentielles Anliegen, seine Familie vor jeglicher Fährnis zu schützen, darob gleichwohl essentiell, sie für eben diese Bedrohungen zu sensibilisieren.
    "Im Augenblicke scheint die Gefahr allfällig gering, und auch wir sollten diese Zeit des Friedens für uns nutzen. Dennoch möchte ich, dass wir achtsam bleiben, zumindest bis die Ungewissheit, welche allerorten noch immer über Rom schwebt, ein wenig sich verflü'htigt hat, die Fronten und Positionen geklärt sind, und wir wissen, auf welche Grundlagen wir wahrhaftig vertrauen, auf welche Fundamente wir bauen können."
    Gracchus bemühte sich um ein sorgloses Antlitz, um die Wahrheit in seinem Geiste zu überdecken, doch seine Fragen dem jungen Fusus gegenüber mochten nicht gar so verwundert klingen, wie es für einen Manne, welcher seine Hände in Unschuld wusch, wäre angebracht.
    "Weshalb hatte der Vescularier unsere Familie destruieren wollen? Weshalb hat er unseren Vetter er..morden lassen, Furianus ins Exil verbannt und meine Person pro..skribiert? Letztlich lässt sich für alles ein Grund finden."
    Mörder!
    , wisperten die Schatten diesen Grund aus ihren Verstecken im rissigen Mauerwerk seines Gedankengebäudes, und Gracchus griff nach dem Glas voll Wein, seine Hand dabei unmerklich zitternd.
    "Es gibt immer einen Grund"
    , repetierte er leise und setzte das Glas an.
    Mörder!
    Auch der kalte Fluss der blutrotfarbenen Flüssigkeit durch seine Kehle hindurch konnte nicht dem zischenden Geflüster Einhalt gebieten, dass er das Gefäß auffordernd zur Seite hielt, es durch einen der Sklaven wurde wieder aufgefüllt, er es noch einmal hälftig leerte, im vergeblichen Versuche, die larvae zum Schweigen zu bringen.

    "Vale bene, Decima"
    , erwiderte Gracchus den Abschiedsgruß, und verließ sodann mit zwei Sklaven weniger als er gekommen war das Haus. Während auf dem Weg in das Tablinum ihm die Ereignisse der Vergangenheit waren im Nacken gesessen, so geleitete ihn nun ein seltsames Zerren, als wäre sein Leib ein geleerter Weinschlauch, aus welchem man suchte den letzten Tropfen Flüssigkeit herauszusaugen. Der Gedanke, dass Faustus nur einige Mauern entfernt war, zerrte an seinem Geiste, der Gedanke, dass Faustus allfällig gar mit dem Tode rang, an seinem Herzen. Noch auf der Schwelle der Casa Decima wies er Sciurus an, stante pede den Weg zum Templum Apollinis Medici einzuschlagen und dafür Sorge zu tragen, dass bei seiner Ankunft dort alles für eine Opfergabe wäre bereitet.

    Dicke, opaque Regentropfen sanken aus dem tristen, graufarbenen Himmel hinab, schienen einige Augenblicke - sobald sie aus endloser Ferne sichtbar wurden - reglos zu schweben, um sodann in rasanter Geschwindigkeit an Gracchus' Blick vorbei hinab in den Garten zu fallen, um dort zu sterben, sich einzufügen in den endlosen Kreislauf irdischen Seins. Seit geraumer Weile bereits saß er am geöffneten Fenster seines Cubiculums, ungeachtet der in das Haus ziehenden Kälte - in ihm war ohnehin längst alles erkaltet -, betrachtete stumm den Tanz des Regens, während in seinem Geiste die Gedanken in altgewohnten Bahnen sich drehten. Seit Tagen - Wochen allfällig? - wartete er auf Nachricht ob Faustus' Zustand, bangte mit jedem Tage mehr, sein geliebter Hephaistion könne den Folgen der Kerkerhaft erliegen. Jeden Morgen stellte er dem Apollo Medicus einen Becher köstlichsten Weines - aus den unerschöpflichen Vorräten des Felix, welche noch immer in den Eingeweiden des endlosen flavischen Kellers lagerten - auf den Hausaltar, jeden Abend dem Dis Pater einen Becher frische Milch - dem einen, dass er die Genesung Serapios möge vorantreiben, dem anderen, dass er seinen Griff um Serapio möge lösen, noch einige Zeit von ihm ablassen. Tausende Male hatte er in Gedanken versucht zu ergründen, wie dies würde sein, Faustus wiederzusehen, und tausende Male war dies Aufeinandertreffen different verlaufen, ob dessen er gleichsam mit Euphorie, Sehnen und Verlangen, wie auch mit Bangen, Sorge und grenzenloser Furcht diesem Augenblicke harrte. Rom fiel allmählich zurück in Normalität, suchte das Grauen des Bürgerkrieges endgültig abzuschütteln - doch Gracchus schien es mit jedem Tage mehr, dies Grauen würde niemals mehr enden können. Obgleich er geschützt war vor dem kühlen Nass des Himmels durch das überstehende Dach des Hauses wurden seine Wangen allmählich feucht, und er wünschte sich, diese Flut könne genügen, alle Erinnerungen hinfortzuschwemmen, alle Erinnerung an Scheitern und Verfehlungen, an Lügen und Verrat, an all die Devastation, welche er nicht mehr konnte zurücknehmen - gleichsam wusste er, dass keine Flut würde je groß genug sein, dies alles mit sich zu reißen ohne dass er desgleichen darin ertrank.