Beiträge von Manius Flavius Gracchus

    "Nein"
    , schüttelte Gracchus bedauernd den Kopf, wurde er doch sich wieder einmal dessen sich bewusst, wie sehr er jenen Quintus in seinem Leben misste - denn zweifelsohne wäre dies der Gracchus geworden, welchen sein Vater stets hatte erhofft, zweifelsohne hätten sie gemeinsam viel einfacher all die Pflichten erfüllen können, zweifelsohne hätten sie alle Bedenken und Schrecken gemeinsam tragen, gleichwohl alle Freude und alles Glück - welches selten genug sich zutrug - gemeinsam teilen können. Stets hatte Gracchus nach diesem Bruder sich gesehnt, welchen er in seinem verbliebenen Bruder Lucullus nie hatte finden können, welchen er bisweilen mehr noch in Caius Aquilius und Marcus Aristides hatte gefunden.
    "Quintus ist leider schon vor langer Zeit von uns ge..gangen. Er war so alt wie ich, auf den Tag genau."
    Tatsächlich war er für Gracchus gar zweimalig verstorben, doch das Kapitel des Quinus Tullius in seinem Leben war eines, welches er ungern nur eröffnete - obgleich ein Freibeuter in seiner Familie den kleinen Titus zweifelsohne weniger verschreckt oder beschämt, denn mehr begeistert hätte.
    "Gut"
    , konstatierte er sodann auf die wenigen Worte seines Sohnes bezüglich seiner Reise, welche den Vater durchaus zufrieden stellten - nichts von Furcht war darin zu vernehmen, kein Gram und keine Traurigkeit -, glaubte er doch, dass Titus andernfalls mehr Inkonvenienz hätte geäußert - womit diese Thematik für ihn abgeschlossen war. Er begutachtete das Schlachtfeld, folgte überaus interessiert Titus' Ausführungen zu den vorherrschenden Gegebenheiten auf dem Fußboden.
    "Klepatata"
    , wiederholte er leise und ein Hauch von Sehnsucht schwang in diesem Namen mit, denn während 'Kleopatra' und damit der Atem der Geschichte ihm doch recht dröge und alltäglich erschien, so barg 'Klepatata, Königin des Nils' doch einen Anklang von fantastischem Abenteuer in sich, einen Traum nach fernen, märchenhaften Ländern und Begebenheiten, eine phantasievolle Imagination prächtigen, bunten Lebens - weshalb es dem Vater keinesfalls befremdlich schien, dass Titus seiner Königin einen solchen Namen gab.
    "Nein, ich war noch nie in Aegyptus, was dur'haus deplorabel ist, da es mir nun niemals mehr erlaubt sein wird. Das gesamte Land ist Eigentum des Imperators, weshalb es keinem Senatoren gestattet wird, es zu betreten."
    Da Gracchus ob der inkommoden Positur allmählich ein Ziehen in seinen Knien verspürte, ließ er sich schlussendlich gänzlich auf den Fußboden hinab, so dass er nun neben dem Mittelmeer saß. Er pickte ein Getreidekorn auf und betrachtete es nachdenklich.
    "Was hat die Königin getan, dass der Augustus sie be..strafen muss?"

    Einige Augenblicke ließ Gracchus seine Braue empor wandern, hatte er doch keinesfalls beabsichtigt, Fusus von dessen Informationsgewinnung abzuhalten, sich darob allfällig ein wenig missverständlich ausgedrückt, konnte jedoch bereits in diesem Moment schon nicht mehr in Erinnerung rufen, was genau dieser Fehlschluss mochte gewesen sein, ob dessen er letztlich nur nickend seine Zustimmung gab, gleichsam darüber erfreut, dass Minor sich als Ratgeber profilierte, wiewohl ein wenig bedauernd, den jungen Verwandten augenscheinlich in solch innere Konflikte gestürzt zu haben. Apoll schien ihm durchaus passend für Fusus - der schöne, junge Apollon ...
    "Nun, die salischen Sodalitäten mögen dur'haus kriegerisch erscheinen, doch letztendlich ist dies nicht die gesamte Essenz. Es geht um den Rhythmus des Krieges, den Rhythmus der Jahreszeiten, und somit letztlich um den Rhythmus des Lebens, um die Ehrer..bietung und Preisung der kriegerischen Prinzipien, welche Rom zu dem gemacht haben, was es ist, um die Wertschätzung dessen, was unsere Vorfahren erreicht haben und die Erinnerung daran, wie sie es errei'ht haben - mit Hilfe der Götter. Wir mögen nicht mehr eine Nation der Krieger sein - die Verdrängung Quirinus' und Mars' aus der höchsten Trias ist zweifelsfreies Indiz hierfür -, doch es ist wichtig, sich dessen zu ent..sinnen, wo wir herkommen. Es geht darob mehr um die Vergangenheit, um Tradition, um das Bewahren unseres Erbes."
    Er schmunzelte in Erinnerung an seine eigene Rückkehr nach Rom.
    "Als ich damals zurück nach Rom kam war ich voll von hehren Idealen über den Staat und die Politik - damals habe ich noch davon ge..träumt, eines Tages Flamen Dialis zu werden. Interessanterweise kam ich jedoch dem kriegerischen Prinzip, respektive Mars viel näher - ich verri'htete einige Zeit Dienst im templum des Mars Ultor und trat den Sodales Palatini bei. Die göttlichen Prinzipien müssen sich immer auf die ein oder andere Weise ausglei'hen. Manches mal fühlst du dich einem Gott verbunden, weil du diese Prinzipien in dir trägst, doch manches mal auch gerade deshalb, weil sie dir fehlen."
    Zweifelsfrei traf in Hinblick auf Gracchus und die kriegerischen Prinzipien eher letzteres zu. Bezüglich Fusus' Vorstellungen über die Factiones musste er indes ein wenig schmunzeln.
    "Nun, es tummeln sich durchaus Vertreter sämtlicher Stände in den Factiones, doch es ist auch für Patrizier nicht selten, sich dort zu beteiligen. Einige werden tatsächlich schli'htweg deshalb dort sein, um Kontakte zu pflegen oder ein gewisses Maß an Ansehen aufzubauen dadurch, dass sie als finanzielle Gönner sich geben. Ich schätze die Factiones sind ein wenig wie Rom im Kleinen - du kannst nicht pauschalisieren, dass Rom kein ge..eigneter Umgang ist, nur weil sich dort aller Arten Pöbel tummelt. Doch mit Bestimmtheit konstatieren kann ich es nicht, diese Art des Amüsements konnte mich ebenfalls nie begeistern."
    Ein wenig wehmütig entsann Gracchus sich an jene Kreise, welche zu früheren Zeiten sich in der Villa Flavia hatten eingefunden, um über die schönen Künste zu parlieren. Damals war er noch frei von Pflichten gewesen, hatte Mußestunden weit mehr goutieren können als es in diesen Tagen noch möglich war.
    "Ich hatte wohl solche Kontakte"
    , gab er ein wenig schwermütig zu und dachte an die eigene Verwandtschaft - etwa Piso, Epicharis, Leontia, Leontia in besonderem Maße - und andere - Tiberius Durus, Cornelius Scapula, Callista-Calliope, Tiberia Livia und ihr Bruder -, selbst seinen Vetter Felix oder seine Gemahlin hätte er zu einem solchen Literatenkreis einladen mögen.
    "Doch ich für'hte, keiner von ihnen weilt noch in Rom."
    Einige weilten nicht einmal mehr im Leben selbst und bisweilen schien es Gracchus gar, als treffe dies auch in gewissem Maße auf ihn zu.
    "Ich bin jedoch sicher, nach einiger Zeit in Rom wirst du un..vermeidlich auf adäquate Bekanntschaften treffen."

    Der Scherz seines Sohnes gereichte dazu, Gracchus' linke Braue ein wenig empor wandern zu lassen, war dies doch eine Art von Humor, welchem er nicht konnte folgen, er einige Augenblicke tatsächlich darüber sinnierte, ob Minors Frage einer Antwort bedurfte. Der Einwurf seines Vetters indes erübrigte dies, so dass er darüber ebenso über die tatsächlich relevante Frage seines Sohnes bezüglich der Germanen und ihres Beitrages zum Bürgerkrieg hinweg ging, waren die Worte Furianus' in Hinblick auf den Augustus doch weitaus informativer. Während Gracchus' Zähne einen Bissen Schweinefleisch zermahlten, mahlten gleichsam die Mühlen seiner Gedanken, hatte er die Reaktionen und Aktionen des Cornelius in Hinblick auf seine eigene Person bisweilen doch eher für eine Ausnahme angesehen. Doch allfällig steckte tatsächlich noch mehr dahinter, was wiederum nicht unbeträchtliche Fährnis für seine Familie mochte bedeuten.
    "Cornelius ist dur'haus ein honoriger Mann, seine eigenen, aber auch die Taten der anderen verständig reflektierend und evaluierend. Wie Furianus bereits konstatierte, zeigt er sich über..aus gnädig mit seinen einstigen Gegnern - was wahrhaftig zu einer Gefahr sich könnte erheben. Auch Caesars Gnade war sprichwörtlich, doch letztlich war sie sein Ver..derben."
    Er unterdrückte ein Seufzen, mochte er dies alles doch nurmehr hinter sich lassen.
    "Rom dürstet es nach Eintra'ht und Sorglosigkeit, und obgleich auch ich diesem Wunsch mich gerne möchte anschließen, so sollten wir als Familie dennoch weiterhin wa'hsam bleiben - in alle Richtungen."
    Nicht zuletzt in Richtung des Imperators, welchem durchaus daran mochte gelegen sein, die Mitwisser seiner Konspiration früher oder später beseitigt zu wissen, doch selbstredend konnte Gracchus dies derart deutlich nicht aussprechen - nicht einmal gegenüber seinen Verwandten.

    Ein wenig verunsichert ließ Gracchus seine linke Braue ein Stück weit empor wandern, war ihm doch, als hätte er durchaus schon einmal Kenntnis von diesem Artikel in der Acta Diurna erlangt, doch war ihm der Inhalt dessen gänzlich verlustig, respektive hatte er ihn allfällig schlichtweg aus seinem Leben verdrängt.
    Mörder
    , hauchte es für einige Augenblicke durch die Flure seines Gedankengebäudes, als wäre die Türe einen Spalt geöffnet, so dass ein klandestiner Windhauch - der Septentrio allfällig - durch das gesamte Haus wehte. Gracchus suchte dies zu ignorieren, doch wie stets krallte es sich in seinem Nacken fest, einem kleinen Nagetier gleich, welches genussvoll an seinem Fleische kaute.
    "Nun, dass der Bürgerkrieg nicht nur den Staat zer..reißt, sondern bisweilen auch die Menschen - dies ist augenscheinlich einer seiner größten Schrecken"
    , gab er in Hinblick auf Serapio zu bedenken, sprach doch dabei gleichsam auch von sich selbst, obgleich er mit den laut ausformulierten Worten suchte die unausgesprochenen zu überdecken.
    "Zudem scheint noch immer niemand zu wissen - außer Decimus selbst allfällig -, welche Verleumdungen der Vescularier ihm gegenüber als Tatsa'hen hat vorgegeben, welche Beweise er noch mag fingiert haben neben dem Tes..tament des Valerianus, welches schlussendlich gar dazu hatte gereichen können, den gesamten Senat zu düpieren. Weiters hat Serapio zweifelsohne auf diverse Befunde seines Vorgängers Terentius sich verlassen, unter dessen Ägide die Er..mordung Durus', wiewohl die Verhaftungen und die Vortäuschung der Prämissen für die Proscriptionen stattfanden. Auch dieser Mann spielte im aufkommenden System des Vescularius fraglos eine tragende Rolle, hatte bereits Beweise konstatiert, fingiert allfällig, auf welche Decimus Serapio letztli'h nurmehr hat aufgebaut."
    Ein leises Seufzen entwich Gracchus' Kehle, denn schlussendlich trug Serapio nur jene Folgen, welche er selbst und andere hatten evoziert - doch dies war eine Wahrheit, welche er niemals würde aussprechen können ohne dabei bereits einen Schritt über den Grad des tarpeischen Felsens hinaus getan zu haben.
    "Wie dem auch sei, es ist gut, dass es noch immer redli'he Männer gibt, welche bereit sind, ihren Weg in Rom zu gehen, und somit dazu beitragen werden, dass dies alles irgendwann einmal nurmehr Geschi'hte sein wird."
    Dabei hatte der Flavier beinahe schon darauf vergessen, dass sein Gegenüber einzeln gesehen zwar durchaus solch ein redlicher Mann mochte sein, im Netz seiner Familie indes in diese Geschichte war eingewoben.

    Zitat

    Original von Decima Seiana
    Seiana hatte zu lange für die Acta gearbeitet, zu lange dort sowohl mit Informanten als auch mit Mitarbeitern zu tun gehabt, und sie hatte nicht zuletzt zu lange und zu viel Erfahrung mit ihrer eigenen Fassade, um nun nicht zu erkennen, dass jene des Flaviers Risse bekam. Dass es ihn traf zu hören, wie schlecht es ihrem Bruder ging. Merkwürdigerweise mischte sich in ihre leichte Verwunderung darüber so etwas wie Dankbarkeit... dafür, dass es da noch jemanden gab, der sich wirklich um Faustus zu sorgen schien. Jemanden außerhalb der Familie. Es minderte das Gefühl, so unendlich allein zu sein.
    „Das werde ich“, versprach sie leise, als er um Nachricht bat. „Sobald sich etwas ändert.“ Sie wusste nicht so recht, was sie noch sagen sollte, wie sie das Gespräch weiter führen sollte – ob sie noch mehr über ihren Bruder sagen oder das Thema wechseln sollte. Aber der Senator nahm ihr die Entscheidung ab und lenkte die Aufmerksamkeit auf ihre beiden Sklaven, die schweigsam im Hintergrund gewartet hatten. Seiana warf ihnen einen kurzen Blick zu, als der Flavius sie erwähnte, und zwang sich dann zu einem Lächeln, als sie sich wieder dem Senator zuwandte. „Für mich war es selbstverständlich, das zu tun, was mein Bruder wohl getan hätte, wäre er selbst hier gewesen“, erwiderte sie. „Es freut mich, dass sie dich schützen konnten... ich hoffe, sie waren auch in den Tagen danach noch von Nutzen für dich und die deinen.“


    Mit einem zustimmenden Nicken bestätigte Gracchus die Hoffnung der Decima.
    "In der Tat, das waren sie fürwahr."
    Insbesondere Raghnall - dessen Name Gracchus längst hatte vergessen, welcher für ihn stets schlicht als der Sklave der Decima disponibel war gewesen - hatte sich als überaus nutzbringend erwiesen, hatte er doch sich nach dem Verbleib der Decima erkundigen können ohne dabei einen ersichtlichen Rückschluss auf das flavische Interesse zu bieten. Ein Moment der Stille hing im Raume, währenddessen der Senator bereits in Gedanken auf dem Nachhauseweg, respektive der notwendigen Bitte an die Götter weilte, vermochte er doch niemanden zu benennen, welcher allfällig sonstig an Faustus' Zustand etwas würde ändern können - welcher nicht aus seinen Sinnen mochte weichen. Schlussendlich räusperte er sich.
    "Nun, ich möchte deine Zeit nicht über Gebühr in Anspru'h nehmen. Sofern es etwas geben sollte, was ich für dich oder Faustus tun kann, so lasse es mich bitte um..gehend wissen."

    Selbstredend hatte auch der Vater seinem Sohn ein Präsent zu überreichen, doch er wartete damit bis dass der Andrang um Minor sich ein wenig hatte gelöst, denn letztlich war seine Gabe ohnehin erwartbar. Von Sciurus nahm er das kleine, samtene Päckchen entgegen und trat sodann vor Minor hin.
    "Nun da du ein Mann bist, zu allen Re'hten eines römischen Bürgers legitimiert, ist es selbstredend von essentieller Relevanz, dass du dir nicht nur deiner Herkunft bewusst bist, sondern diese gegenüber anderen autorisieren kannst."
    Sorgsam schlug er das samtene Tuch auseinander, auf welchem ein edler Ring zum Vorschein kam - golden, besetzt mit einer Gemme aus dunkelfarbenem Karneol, welche den flavischen Caduceus zeigte und ob dessen Symmetrie nicht nur als Siegelring taugte, sondern auch als Schmuckstück überaus ansehnlich war.
    "Dieser Ring gehörte einst deinem Großvater, und nun soll er dich auf deinem Wege geleiten."
    Da der Ring schon einige Jahre hinter sich hatte gebracht, war er selbstredend ein wenig aufpoliert worden, zudem an Minors Ringfinger angepasst. Gracchus selbst hatte seinen eigenen Siegelring bereits vor dem Tod seines Vaters besessen - ihn zwischenzeitlich gar ersetzt, hatte er sein Siegel doch einst seinem Bruder Quintus ins Reich der Toten mitgegeben -, so dass er den Ring des Vespasianus über all die Jahre hatte aufbewahrt für seinen Erben.

    Es war nicht weiter verwunderlich, dass Aurelius Lupus in Vertretung seines Verwandten die Sitzung hatte einberufen, doch als er nun den Grund dessen Ablebens offenbarte - im Zuge der früheren Gräueltaten des Usurpators Vescularius getötet - schloss Gracchus einen Herzschlag lang die Augen, atmete tief ein und wieder aus. Aurelius Avianus - ein weiterer Mann, dessen Blut an seinen Händen klebte, denn da nichts davon zu vernehmen war gewesen, dass der Vescularier den Aurelier hatte hinrichten lassen, so musste dieser im Laufe des Bürgerkrieges verschieden sein. Einem dunklen, dräuenden Gewitter gleich hing dieser Bürgerkrieg noch immer über allem und jedem - selbst in diesen Reihen, denn auch der weitere Punkt auf der Agenda der Sodales gereichte dazu, Gracchus einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen, obgleich der junge Mann, welcher der Kultgemeinschaft beizutreten suchte, schlichtweg den falschen nomen gentile trug.

    Es war kaum wohl verwunderlich, dass an diesem Tische in diesem Hause Homines Novi im generellen und jene germanischer Abstammung im speziellen nicht eben die besten Voraussetzungen besaßen, allzu großen Überschwang zutage zu fördern.
    "Ein römischer Bürger germanischer Abstammung"
    , entgegnete Gracchus auf die Frage der Domitilla mit einem süffisanten Lächeln.
    "Indes muss ich konzedieren, dass der Duccius für einen Mann aus der Provinz recht vernunftvoll anmutet. Er scheint keiner dieser Männer, welche er..hoben durch die Gunst des Kaisers in die römische Politik mit einem Male dem Glauben anheimfallen, sich anmaßen zu können, Jahrhunderte alte Riten, Traditionen und Rechte infrage und im gleichen Atemzuge eigene Ansprü'he stellen zu können. Er präsentierte sich durchaus soziabel, moderat und scheint zumindest zu wissen, wo er steht."
    Letztlich war auch Gracchus Homines Novi gegenüber recht reserviert, doch Aversionen baute er grundsätzlich erst dann auf, sobald sein Gegenüber ihm Grund dazu gab - was Duccius Vala nicht getan hatte, respektive der Flavier dies annahm, hatte er doch auf den Affront vergessen, welchen der Germane im Gericht seinem Neffen Flaccus gegenüber hatte begangen.
    "Bezüglich der Germanici befürchte ich, dass deren Familie bereits zu lange Teil des Imperium ist, als dass sie noch als römische Bürger germanischer Ab..stammung gelten, doch da sie dies Erbe fraglos in ihrem Blute tragen, mag durchaus die ein oder andere ihrer Attitüden auf diese Provenienz zurückzuführen sein."
    Zur Anzahl germanischer Senatoren konnte Gracchus indes nichts beitragen, hatte er doch seit der Flucht aus Rom nicht mehr die Hallen der Curia Iulia betreten. Beständig reflektierte er darüber, wie lange er diesen Zustand noch würde hinauszögern können, während gleichsam jener Tag, an welchem sein Fernbleiben nicht mehr würde zu diskulpieren sein, unaufhaltsam näher rückte.
    "Während der Vescularischen Ära ist zweifel..sohne der ein oder andere Provinzielle in die Reihen des Senats emporgefallen, und sofern jene nicht freiwillig retiriert sind, so werden wir uns deplorablerweise mit ihnen arrangieren müssen, zeigt sich Cornelius in Hinblick auf solche und similäre Entscheidungen des Usurpators doch überaus milde."
    Während hinwieder die Revision anderer Entscheidungen, welche den Kombattanten des Cornelius zum Nachteile gereichten, wochenlang geprüft werden mussten - doch Gracchus hatte sich damit arrangiert, die vollständige Wiederherstellung seiner Reputation schlichtweg zu seinem Vorteile gewandelt - denn wie sollte er reinen Gewissens den Senat betreten, solange augenscheinlich noch immer Zweifel an seiner Redlichkeit bestand.

    Noch immer das feine Lächeln um seine Lippen tragend, trat Gracchus auf seinen Sohn zu, sorgsam darauf bedacht, nicht im Mittelmeer zu versinken, noch Ägypten zu zerstören, wischte - ohne dessen sich gewahr zu sein - mit einer fahrigen Bewegung den Schatten über dem Kopf seines Sohnes hinfort, dass der verirrte Geist vorerst bleichem Rauch gleich kräuselnd in der Luft des Raumes sich zerstreute.
    "Selbstredend, Titus. Doch wurde einen Augenblick lang mir dein Onkel Quintus präsent, welchem du überaus ähnlich bist."
    Er ging ein wenig in die Hocke, nahm einen der kleine Stöcke, auf welchen eine trockene Traube gespießt war, und betrachtete diesen durchaus interessiert - indes konnte er nicht imaginieren, was Titus damit tat, denn dass der Junge derart war ausgehungert, sich an trockenen Trauben gütlich zu tun, war schlussendlich ausgeschlossen.
    "Ich hoffe, du befindest dich wohl, und die Reise nach Rom war nicht allzu uner..quicklich?"
    Der Vater wagte nicht, nach den Geschehnissen im Bürgerkrieg sich zu erkunden, nicht nach den Eindrücken des Knaben von der Flucht, der beschwerlichen Reise, dem kargen Ausharren in Patavium oder der Trennung von seiner Mutter - zu groß war seine Furcht vor dem, was Titus würde berichten können. Stattdessen hob er den Stock ein wenig empor.
    "Was ist das?"

    Während Gracchus dazu war übergegangen, Cenae außerhalb des eigenen Hauses sofern möglich weitestgehend zu meiden, bot das Mahl in familiärem Kreise doch eine gewisse traute Sicherheit, welche er ab und an durchaus zu ästimieren wusste. Die Speisen waren - auch ohne Gäste und trotz des partiellen, nach-bürgerkriegszeitlichen Mangels in der Stadt - stets exquisit und selbstredend immer nach seinem Geschmack, zumindest in ausreichendem Maße. Nachdem er einen Schluck Wein seine Kehle hatte hinabgespült, beantwortete er die Frage seines Sohnes.
    "Senator Duccius ist ein Homo Novus aus einer der germanischen Provinzen, ich meine mich zu ent..sinnen, dass es Superior ist."
    Nachdem der junge Senator vor seiner Kandidatur zum Aedilat ihm seine Aufwartung hatte gemacht, hatte Gracchus einige Erkundigungen eingezogen, das meiste davon allerdings bereits wieder vergessen.
    "Insofern ist es wohl kaum frappant, dass seine Spiele nicht übermäßig observabel ausfallen, und es mag ihm durchaus zugute gerei'hen - sofern eben dies nicht gar sein Kalkül war -, dass das Volk nach der Zeit des Darbens sich überaus modest zeigt."

    Mit einem leichten Nicken affirmierte der Vater das Bedauern des Sohnes, lehnte sich hernach ebenfalls zurück und betrachtete neuerlich Titus. Minor hatte er an diesem Tage als Kind verloren, doch Titus war noch so jung, hatte noch so viel zu lernen und zu erfahren. All die Zeit war er seinem Jüngsten gegenüber distanziert gewesen, erinnerte ihn sein Anblick doch stets an den Tag seiner Geburt, an den unberechtigten Vorwurf seiner Gemahlin gegenüber, welcher unsäglich war gewesen, den er doch hatte ausgesprochen, an das tote Sklavenkind - das entleibte Sklavenkind - und dessen rastlosen Schatten. Doch wollte er die Chance ergreifen, all jene Fehler zu vermeiden, welche er Minor gegenüber hatte begangen, so würde er sich allfällig daran gewöhnen müssen. An diesem Tage jedoch galten seine Gedanken weiterhin seinem Ältesten, dessen Liberalia in offizieller Weise ihr Ende hatte gefunden, im familiären Kreise indes noch einige weitere Stunden würde andauern.

    Während Gracchus sich nicht gänzlich sicher war über die genauen Beweggründe seiner Gemahlin, noch immer in Patavium zu verbleiben, so war die konkrete Frage, welche Minor seinem initialen Fragewort hernachstellte, ein wenig einfacher zu beantworten, konnte er diese erste Entscheidung seiner Gemahlin doch durchaus nachvollziehen, obdessen er versuchte beides in seine Antwort zu inkludieren.
    "Nun, die Implikationen und Folgen des Bürgerkrieges werden auch nach dessen Ende noch eine lange Zeit spürbar sein - nicht nur in politischer Dimension, auch das alltägliche Leben wird davon tangiert. Noch immer etwa sind Güter in Rom knapp - obgleich wir selbst davon aufgrund unseres Standes nichts bemerken mögen - und sofern etwa vor dem Winter nicht re'htzeitig die Getreidelieferungen aus den Provinzen eintreffen, so mag es durchaus zu Not in den ärmeren Schichten und in Konsequenz dessen zu Unruhen oder gar Aufständen kommen. Ins..besondere für Flamma ist dies kein optimaler Rahmen, wiewohl für sie und deine Mutter keine zwingende Notwendigkeit besteht, hier in Rom zu sein - deine Schwester kann in Patavium alles von ihrer Mutter lernen, was wichtig für sie ist."
    Zwar war Gracchus nicht mehr davon gänzlich überzeugt, seine Tochter zu geeigneter Zeit den Sacerdotes Vestales zu überantworten, doch hatte er bisherig noch mit niemandem darüber gesprochen - doch auch unabhängig davon war die Ausbildung eines römischen Mädchens in jeglichem Zuhause möglich, auch fernab der Hauptstadt.
    "Titus indes ist ein Flavius, es ist essentiell für ihn, am römischen Leben teilzuhaben. Er ist nun in einem Alter, in welchem es allmähli'h Zeit wird, dass er seine ersten Schritte im Cultus absolviert, dass er den Salutationes beiwohnt, und die Riten, Traditionen und Kon..ventionen rezipiert, welche später einmal sein Leben konstituieren. Es mag auch andere Orte geben, an welchen solcherlei für ihn - wenn auch in eingeschränktem Maße - durchaus möglich wäre, doch ein Landgut in Patavium, bar jeder Lehrer und Lehrmeister, ist zweifels..ohne kein adäquater Ort."
    Gleichwohl der beste Platz für einen jungen Römer an der Seite seines Vaters war, indes Gracchus bisweilen zweifelte, dass dies auch für seine Söhne galt.

    Ich gebe noch nicht auf. ;)


    Wäre es eine Option, die ID als Furianus' Adoptivsohn ohne den Cornelianus-Namenszusatz anzulegen und den leiblichen Vater im Stammbaum schlichtweg nicht zu besetzen? Oder muss eine Adoptiv-ID zwangsläufig einen tabularischen Vater besitzen?


    Als letzte Alternative, da dies immerhin nun Catilinas und Furianus' Familienplanung die Grundlage entzieht, wäre es - sofern die Beteiligten dies überhaupt wollen - mit Zustimmung der SL in Ordnung die SimOn-Vergangenheit für Catilina "anzupassen" und aus dem Cornelius einen Angehörigen eines anderen Geschlechtes zu machen (respektive die einmalige Erwähnung dieses Mannes zu editieren)? Sofern möglich, müsste dies zwingend ein NSC-Angehöriger einer im IR bespielten patrizischen Gens sein (was die Auswahl auf ganze zwei Gentes beschränkt) oder käme in diesem Falle auch eine NSC-Gens in Frage (vermutlich nicht, da die Auflösung der Adoption dann zur Neueinführung einer patrizischen Gens würde führen, doch allfällig könnten wir diesbezüglich einen Präzedenzfall generieren unter der Prämisse, dass diese Adoption niemals aufgelöst werden darf?).

    Da viele patrizische Familien während der vescularischen Herrschaft sich aus Rom hatten zurückgezogen, hatte Gracchus keinen Einblick in die Gegebenheiten derzeitig möglicher, adäquater Eheverbindungen, darob vertiefte auch er diese Thematik nicht weiter, beschloss im Stillen, dies ohnehin primär Furianus, dem Onkel Fusus', zu überlassen.
    "Nun, Fusus, es wird kaum wohl derart gegeben sein, dass eine jede Kultgemeinschaft nur deiner wird harren."
    Er legte ein feines Lächeln um seine Lippen, um die Ernsthaftigkeit seiner Worte ein wenig zu mildern.
    "Zwar mögen die Reihen dieser Tage allerorten ein wenig ausge..dünnt sein, und zweifelsohne wird es einer jeden Sodalität gut zu Gesichte stehen, einen Flavius zu kooptieren, doch die eigentliche Intention zum Beitritt sollte deinem inneren Streben entspringen, wiewohl du dich an diesem bei Ansu'hen um Kooptation wirst messen lassen müssen. Obgleich es durchaus die ein oder andere Cena innerhalb der Kultgemeinschaft geben mag, während der nicht nur Offizielles besprochen wird, so steht die religio doch stets im Vordergrund. Sofern du etwa zu den Prinzipien des Quirinus oder Mars wenig Bezug ver..spürst, ist dir kaum anzuraten, dich den Saliern anzuschließen, gleich welche Kontakte du dir davon erhoffst."
    Selbstredend war Gracchus bewusst, dass die Auswahl nicht immer nach diesem Kriterium des inneren Strebens wurde getroffen, doch sofern ein Mann die Wahl besaß und nicht schlichtweg den Sitz seines Vaters beerbte, sollte er durchaus seinen eigenen Neigungen Rechenschaft tragen.
    "Dich mit den diversen Kultgemeinschaften vertraut zu machen ist darob durchaus ein adäquates Ansinnen, allerdings solltest du dabei mehr Acht legen auf die Art ihres Dienstes als darauf, welche Männer ihr bereits angehören. Kontakte lassen sich zu anderen Gelegenheiten müheloser knüpfen, etwa in den von dir erwähnten Thermen, allfällig auch in einer Factio, sofern dir sol'herlei liegt."
    Obgleich Gracchus für letzteres nicht den geringsten Sinn hatte, so war es durchaus auch für Patrizier nicht unüblich, sich in Factiones zu engagieren - sei es schlichtweg als finanzielle Gönner des Ansehens oder der Kontakte wegen, oder aber aus echter Leidenschaft.
    "Felix war in einer Factio aktiv und ich glaube auch Furianus ist es noch."
    Bei beiden wusste er nicht, welche Factio genau dies war, denn ihm selbst schien dies stets nebensächlich, da ihm alle Gespanne stets äquivalent erschienen. Ohnehin war ihm schlichtweg ein Rätsel, wie jemand sich dafür konnte begeistern einer Ansammlung dieser Gespanne zuzusehen, welche ohne ersichtlichen Handlungsablauf beständig nur im Kreise - respektive Oval - herumfuhren, bisweilen aleatorisch sich gegenseitig überholten, ab und an gar aneinander stießen, was im schlimmsten Falle zu schweren Unfällen konnte führen - dies konnte weder mit dem mitreißenden Spannungsbogen eines Theaterstückes konkurrieren, noch mit der Ästhetik und daraus gewonnener Pläsier einer musikalischen oder poetischen Darbietung.

    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus Minor
    Die Frage des Knaben wurde rasch repliziert, wobei mehr Taten denn Worte folgten. Unter den Kolonnaden des Heiligtums endlich ging er dann noch seiner frisch erworbenen Toga Virilis verlustig, ehe man ihn ein letztes Mal in die Sänfte bugsierte, wo Vater und Bruder bereits ihn erwarteten.
    Und nun endlich ließ Manius Maior sich zu einer Ansprache hinreißen, sprudelten diverse Floskeln aus seinem Munde, welche ihre Wirkung indessen verfehlten, denn obschon Manius Minor sich dank seiner neuartigen Interpretation von Adoleszenz, welche sich über die souveräne Wahl der Protektoren ihm definierte, durchaus jener Herausforderung als gewachsen erachtete, so war er doch nicht geneigt, seitens seines Erzeugers Bezeugungen des Stolzes oder gar Selbstkonfirmationen der Entscheidung, ihn aus seinem Schutze zu entlassen, zu akzeptieren, weshalb er sein Gegenüber lediglich mit großen Augen fixierte und seine Appetenz dann doch eher dem Bedauern über die maternale Absenz zuwandte, welche zu kommentieren er durchaus in der Lage war:
    "Wann kommt Mama nach Hause?"
    Trotz der leise aufkommenden Satisfaktion mit den Geschehnissen des Tages wurde ihm nun nur allzu bewusst, dass ein wesentliches Element seiner infantilen Geborgenheit ihm heute fehlte, dass bei all jenen Stationen in der Schar der Gratulanten und des Publikums doch stets seine geliebte Mutter, welche er konträr zu seinem Vater noch immer mit dem weitaus vertrauteren 'Mama' denn dem distanzierteren 'Mutter' titulierte, ihm schmerzlich abgegangen war und abging, ja vielmehr schon seit seiner Retoure aus Cremona wohl eben jener Mangel ihn diskomfortierte und wohl die Verantwortung trug, dass er sich trotz allem einsam und in gewisser Weise nur unvollständig zu Hause fühlte.


    "Ich weiß es nicht"
    , beantwortete Gracchus die Frage seines Sohnes ein wenig beklommen. Obgleich er in Anwesenheit Antonias stets auch ein wenig Unwohlsein, ein wenig Furcht gar empfand, so war ihre Ehe letztlich doch zu einer trauten Konstante seines Lebens geworden, hatte doch die Claudia all die Aufgaben, welche einer römischen Matrone zukamen, stets geflissentlich ausgefüllt, hatte bei offiziellen, aber auch familiären Gelegenheiten stets verlässlich an seiner Seite ihre Position eingenommen. Obgleich er dies zweifelsohne niemals würde eingestehen, weder sich selbst gegenüber, noch einem anderen, so vermisste Gracchus ihre Anwesenheit tatsächlich. Er hatte ihr eine Nachricht nach Patavium gesandt, auch mit der Frage nach ihrer Rückkehr, doch sie hatte dies nur erwidert mit der Ankündigung, dass Flamma und sie noch einige Zeit auf dem Landgut ihrer Familie würden verweilen. Ohne Angabe von Gründen, ohne ein Wort darüber, wann sie nach Rom würde zurückkehren.
    "Im Frühjahr allfällig."
    Der Winter war bereits nah, und weder die wetterlichen Verhältnisse, noch die reichliche Absenz der Sonne in dieser Jahreszeit, welche Straßenräubern und Banditen aller Art ihr Handwerk erleichterte, trugen zur Sicherheit einer Reise in dieser Zeit bei - kaum nur würde Antonia dies Wagnis eingehen. Gracchus wandte den Blick von Minor, zog die provisorische Decke über Titus zurecht, welcher durch das rhythmische Schaukeln der Sänfte eingeschlafen war, und stich über ihm den Schatten hinfort, welchen er beständig um das Kind herum sah, den verirrten Geist des Sklavenjungen, welchen er bei dessen Geburt an seinen Sohn hatte gebunden.

    Aufnahme in die Flavia ist in Ordnung.


    Die familiäre Einordnung soll folgende sein:
    Mutter: Claudia Catilina
    leiblicher Vater: Marcus Cornelius Proximus
    Adoptivvater: Lucius Flavius Furianus


    Die SimOn-Vorbereitung dieser Konstellation, die Unterstützung der Kinder aus erster Ehe der Claudia durch Furianus, sowie der Ehemann wurden bereits ausgespielt, noch bevor Cornelius Palma als Kaiser gesetzt war. Die erste Erwähnung des Cornelius fand hier statt, der Hintergrund an sich dürfte bereits vorher irgendwo deklariert sein (im Zweifelsfall können Furianus und Catilina weiterhelfen).


    Soweit ich informiert bin, wurde nirgendwo erwähnt, dass Cornelius Proximus in einer Beziehung zu Palma steht, und es war dies auch nicht die Absicht - die patrizischen Cornelier waren schlichtweg schon lange vor Palma eine Gens, zu welcher patrizische Familien sich gerne NSC-Beziehungen schufen. Es wäre somit auch nicht notwendig, Proximus in den offiziellen Cornelier-Stammbaum aufzunehmen. Ein losgelöster NSC in unserem Stammbaum wäre gänzlich ausreichend.

    "Ich danke dir, Imperator Caesar Augustus"
    , umfasste Gracchus die Gelegenheit zur Audienz, die Freilassung des Decimus Serapio - wenn auch nicht erst auf seine Bitte hin -, die Prüfung des Pontificates, sowie den Ausblick auf weitere Gelegenheiten ganz allgemein, und verabschiedete schlussendlich sich gebührlich mit einem Gruße, welcher das Wohl des Imperators und seiner Familie im Schutze der Götter wünschte, verließ sodann das Officium des Kaisers. Bereits auf dem Weg aus dem Palast hinaus härmte er ob des Schicksals Faustus', spürte noch immer eine gewaltige Unruhe in sich - nun nicht mehr ob der Inhaftierung, sondern da er nicht wusste, wo der Decimus gegenwärtig sich aufhielt.

    Ohne dass der Tiberius dies konnte wissen, schlug er ein unangenehmes Kapitel nach dem nächsten auf, ersuchte nach der Auskunft über Durus nun auch noch die Zeit des Bürgerkrieges zu elaborieren. Für einige Augenblicke war Gracchus gewillt, den Gast mit harschen Worten des Hauses zu verweisen, doch letztlich trug Lepidus seine Fragen mit solch argloser Neugier vor, dass der Flavier sich ob dessen wurde gewahr, dass diese und ähnliche Fragen in den kommenden Monaten wohl wieder und wieder an ihn würden herangetragen werden, und dass es an der Zeit, wenn nicht gar längst zu spät war, seine eigene Geschichte parat zu halten.
    "Nun, dass Vescularius Salinator Ressentiments gegen die patrizischen Familien hegte, dies war kein Geheimnis, doch seine Familie und die meine … - der letzte flavische Kaiser ließ die Seinen ent..eignen, verbannte sie ins Exil. Obgleich dies lange zurück liegt und seine Familie schlussendlich ihren Stand hatte zurückerhalten, so gab es bereits vor dem Bürgerkrieg Anzei'hen dafür, dass Salinator ob dessen einen tiefen Groll gegen uns Flavier hegte. Aufgrund seiner Position war ihm nichts zu beweisen, doch wir halten dafür, dass er für den Tod meines Vetters Aulus Piso sich verantwortlich zei'hnete. Als er nach dem Tod Kaiser Valerianus' sich der praetorianischen Garde bediente, um angesehene, doch ihm unliebsame Männer inhaftieren zu lassen, darunter auch meinen Vetter, Senator Furianus, doch spätestens nach der Er..mordung Tiberius Durus' entschied ich, kein Risiko für meine Familie und mich einzugehen. Wir verließen Rom noch in den Tagen der Ausgangssperre, meine Gemahlin und meine Kinder getrennt von meinem Neffe Flaccus, meinem ältesten Sohn und mir. Wir schlugen den Weg gen Mantua ein, in der Hoffnung, Aurelius Ursus, als ein Freund unserer Familie, würde uns, wenn auch allfällig nur für kurze Dauer, Obda'h gewähren. Aurelius indes gewährte uns nicht nur Obdach, er entschied sich alsbald, den Vescularier nicht als rechtmäßigen Kaiser anzuerkennen, welcher zwischenzeitlich den Thron usurpiert und die ersten Pro..skriptionen hatte erlassen, welche auch meinen Namen inkludierten."
    Die Worte flossen in gänzlich sachlichem Tonfall über seine Lippen, ganz so als wäre dies alles nur eine Geschichte - oder etwa ein Senatsbericht über das Geschehen in einer fernen Provinz, welches ihm selbst nur schriftlich war übermittelt worden. Bisweilen war Gracchus sich selbst nicht mehr sicher, wie es genau gewesen war, in der Erinnerung verschwand bisweilen alle Furcht, alles Grauen, alle Mühsal und Entbehrung, so dass nur ein schemenhaftes Durcheinander blieb, über welches man mit viel gutem Willen sogar einmal würde schmunzeln können: Weißt du noch, damals, als wir uns des Nachts vor Wölfen fürchteten? Römer, die sich vor Wölfen fürchten, man stelle sich dies nur vor! Allfällig würde all dies aber auch einmal Teil eines großartigen Heldenepos werden, in der Erzählung gegenüber Enkeln und Urenkeln zu einer glorifizierten, adventurösen Reise verkommen: Mit barem Fuße haben wir Rom verlassen, um für das Imperium Romanum zu kämpfen, mit nichts am Leib als unseren Tuniken! Bis Mantua sind wir gezogen, halb verhungert, halb verzweifelt, doch am Leben erhalten von dem Gedanken, dass Rom uns noch braucht! Gracchus zögerte. Nein, würde Rom ihn in Ruhe lassen, so würde er all dies schlichtweg vergessen wollen, aus seinem Leben negieren, den vergänglichen Buchstaben auf einer Wachstafel gleich ausmerzen.
    "Einige Zeit verblieb ich bei der ersten Legion, dann jedoch erhob Vescularius Decimus Serapio zu seinem Praefectus Praetorio, was für mich Anlass war, nach Rom zurück zu kehren. Ich war Decimus in Freundschaft ver..bunden, darob suchte ich, ihm die Agitation und Niedertracht des Vescularius vor Augen zu führen - doch letztlich war er nur deshalb so arriviert, da er einer der besten Soldaten Roms war, da er seine Pfli'ht stets überaus ernst nahm. Wie viele andere vertraute er auf den Senat, welcher Vescularius Salinators Rechtmäßigkeit hatte anerkannt, gleichsam indes war er jedoch nicht glei'hgültig gegenüber den skrupellosen Machenschaften dieses Kaisers, den zu schützen seine wichtigste Aufgabe war, wusste er, dass die Pro..skriptionen Vescularius' jeglicher Grundlage entbehrten. Er gewährte mir Protektion in seinem eigenen Hause, und noch ehe ich mein weiteres Vorgehen konnte re..flektierten, wurde die Garde gen Norden ausgesandt. Wenig später erreichten Cornelius' Truppen Rom und ... nun, der Rest ist dir zweifelsohne bekannt."
    Ganz so schnell war die Zeit letztlich selbstredend nicht vergangen, doch Gracchus war nicht gewillt im Detail über seinen Aufenthalt in der Casa Decima zu sprechen.
    "Ich bezweifle indes, dass Rom allzu bald bereit ist für einen echten Neuanfang. Rom wird noch lange gespalten bleiben, und gleich auf wel'her Seite ein Mann im Bürgerkrieg mag positioniert gewesen sein - für oder gegen Vescularius, für oder gegen Cornelius, oder auch nichts von alledem - man wird immer einen Grund finden, ihm dies vor..zuwerfen."