Der Weg nach dem Gespräch mit Decima Seiana von der Casa Decima her, dem Caelimontium hinab in das Tal war nicht sonderlich weit, doch selbst in einer Sänfte getragen enervierte dies Gracchus bereits über alle Maßen. Er suchte die Geräusche der Welt um sich achtlos an sich vorbeiziehen zu lassen, doch unbarmherzig drängte sich das Leben in seinen Geist, mehr noch als Sciurus vor dem Tempel des Apoll die schützenden Vorhänge der Sänfte zur Seite zog. Bunte Gewänder, bemalte Hauswände, Waren aller Art, Tiere, Lebensmittel, Tonkrüge, graufarbener Himmel, graufarbene Straße, schreiende Kinder, schnatternde Frauen, brüllende Männer, kalter Wind, surrende Tauben, eine Ahnung von Feuchtigkeit in der Luft, das Klirren von Scherben, welche einen Augenblick zuvor noch einen Teller hatten geformt, das Bellen eines Hundes, spielende Knaben, jammernde Bettler, knarrende Balken, lachende Mädchen, qualvolle Normalität. Wie konnte das Leben schlichtweg weitergehen, wie konnte die Welt nicht stillstehen, während Faustus sich quälte, allfällig im Sterben lag? Hastig trat Gracchus die Stufen zum Tempel des Apollo Medicus empor, um den mannigfaltigen Eindrücken zu entfliehen, sog unter dem gewaltigen Tor des aedes stehend tief die würzige Luft ein, welche aus dem Inneren der cella hinaus wehte. Würde er je wählen müssen zwischen einem Schlafgemach in der Domus Augustana und der cella eines Tempels, er würde aus seinem tiefsten Inneren heraus letztere wählen - ganz ohne dabei einem Gott sein Haus streitig machen zu wollen. Sorgfältig wusch Gracchus seine zitternden Hände in dem Becken neben dem Eingang, murmelte die rituellen Formeln mehr als dass er sie aussprach, zog eine Falte seiner Toga sich über das Haupt und trat in das Innere des Heiligtums ein. Von Kindheit an hatte er eine besondere Beziehung zu Apollo, welcher von den Flavier besonders innig wurde verehrt - die Gründe hierfür indes waren kaum noch bekannt -, war stets fasziniert gewesen von dem apollonischen Prinzip der Wahrheit, von dem Gott, welcher nicht im Stande war zu lügen. Nun stand er hier, durchzogen von einem Geflecht aus Lügen, seine gesamte Existenz nurmehr auf Unwahrheiten fußend, seine Vergangenheit, seine Gegenwart und Zukunft eine einzige große Lüge, welche Tag um Tag aufs neue ihm die Seele quälte. Doch er war nicht seinetwegen gekommen.
"Apollo Medicus"
, begann er ruhig, obgleich eine gewaltige innere Unruhe ihn umtrieb, nahm von Sciurus, welcher wie stets als Schatten bei ihm weilte, für alle Notwendigkeiten Sorge trug, das Säckchen mit getrockneten Kräutern entgegen und streute eine Hand voll davon über die Räucherkohlen, auf welchen sie mit leisem Knistern verbrannten.
"Als namenloser Supplikant stehe ich vor Dir, denn es ist nicht mein Wohl, um welches ich Dich möchte bitten. Dir, Apollo Medicus, gebe ich bereitwillig mein Opfer, Deine Kraft und Deine Gunst zu er..bitten für Faustus Decimus Serapio, Sohn des Marcus Livianus, welcher im Haus des Decimus Mercator auf dem Caelius Mons wohnt."
Noch einige Kräuter streute er über das Kohlebecken bis dass ein wohliger Duft nach sattem, überbordendem Sommer den Raum um den Altar herum füllte.
"Du, Apollo Medicus, gibst und nimmst dem Menschen Krankheit und Leiden, Du, Apollo Medicus, gibst und nimmst dem Menschen Gesundheit und Kraft. Nimm diese Gaben, wel'he ich Dir bringe, und nehme dafür Krankheit und Leid von Faustus Decimus Serapio, Sohn des Marcus Livianus. So wie ich Dir diese Gaben gebe, gebe Du, Apollo Medicus, Gesundheit und Kraft dem Faustus Decimus Serapio."
Aus einem Korb nahm der flavische Vilicus eine Amphore hervor und öffnete sie, so dass Gracchus den rubinrotfarbenen Wein in die Vertiefung auf dem Altarstein konnte gießen, von wo die schimmernde Flüssigkeit langsam durch ein dünnes Loch am Grund abfloss. Es folgten dem einige frische Speltkekse, welche noch warm waren, da der Sklave die Gaben erst auf dem Weg zum Tempel noch hatte gekauft, und einige Münzen in die Opferschale zu Füßen des steinernen Apollon.
"Do ut des, Apollo Medicus, ich gebe Dir einen Eber, damit Du Gesundheit und Vitalität gibst dem Faustus Decimus Serapio, Sohn des Marcus Livianus, welcher im Haus des Decimus Mercator auf dem Caelius Mons wohnt."
Zwar hatte Gracchus den Eber noch nicht gesehen, da indes die Sklaven die Anweisung hatten, das beste Schwein zu erstehen, ungeachtet jeder Kosten, gab es kaum einen Zweifel, dass es vor dem Tempel würde bereit stehen. Darob beschloss Gracchus das Voropfer durch die Wendung nach rechts, schritt durch das Schimmern der Kerzenflammen hindurch aus dem aedes hinaus. Am Ende der Stufen, vor dem Opferaltar, stand bereits ein victimarius neben dem Eber, dessen pastellene Haut zusätzlich rasch mit Kalkstaub war geweißt worden, die Zehen mit einer goldfarbenen Schicht überzogen und auf dem Rücken die obligatorische dorsula. Neuerlich reichte Sciurus eine Amphore, eine etwas kleinere diesmalig, und Gracchus ließ ein wenig Flüssigkeit über den Kopf des Ebers fließen, vollführte sodann mit dem angereichten Opfermesser die rituelle Entkleidung, nahm dabei die Wolldecke vom Rücken des Tieres.
"Apollo Medicus, Deine Gunst er..bitte ich mit meinen Gaben für Faustus Decimus Serapio, Sohn des Marcus Livianus, welcher im Haus des Decimus Marcator auf dem Caelius Mons wohnt! Strahlender Apollo Medicus, Du gibst und nimmst Gesundheit, Du gibst und nimmst Leid, darum bitte ich Dich, nimm das Leid von Faustus Decimus Serapio und gib Ge..sundheit dem Faustus Decimus Serapio wie ich Dir diesen Eber gebe zu Deinen Ehren!"
Der victimarius zog den Kopf des Schweines am Rüssel für einen kurzen Augenblick empor, welcher ausreichte, dass Gracchus das Messer in dessen Kehle konnte stoßen. Augenblicklich rann ein Strahl rotfarbenes Blut aus der Wunde des Tieres, welches noch zu Quieken versuchte und einige Herzschläge lang zappelte, sodann den letzten Atem aushauchte. Ein kleiner See aus Blut blieb am Boden zurück, in welchem Gracchus einen Moment lang seine Spiegelung betrachtete. Ohne Bedauern hatte er den Eber abgestochen, hatte ohne einen Anflug von Bedauern dabei zugesehen wie er starb - gleich dem Soldaten in der Casa Decima, welcher den Veteranen hatte abgestochen, ohne einen Anflug von Bedauern hatte dabei zugesehen wie er gestorben war, wie ein rotfarbener See aus menschlichem Blut sich über die Fliesen des Atrium hatte ausgebreitet. Ohne Bedauern. Ohne Regung. Geduldig wartete der Opferdiener, so dass es länger als üblich dauerte bis dass Gracchus zur Seite trat, herausgerissen aus seiner Starre durch das Scheppern eines Handkarrens unweit entfernt. Mit geübter Hand schnitt der victimarius sodann die vitalia aus dem toten Tier, drapierte sie auf einer bronzenen Platte, dass sie schlussendlich dem Flavier konnten präsentiert werden, welcher die Lesung selbst übernahm. Stück um Stück prüfte Gracchus die vitalia, hoffte dabei die Gunst der Götter zu prüfen, war sich doch nicht sicher, ob all dies würde ausreichen, um Faustus zu retten, war sich doch nicht sicher, ob der Ausgleich der göttlichen Prinzipien überhaupt noch einen Sinn hatte. Zumindest jedoch die Organe des Ebers waren äußerlich akzeptabel - äußerlich, wie auch Gracchus eigenes Leben allfällig akzeptabel war, so dass auch der Zustand der Organe letztlich nur bloßer Anschein mochte sein -, so dass er schlussendlich leise verkündete:
"Litatio."
Er wollte so sehr daran glauben, dass die Hoffnung nicht vergebens war, wollte so sehr daran glauben, dass Faustus würde wieder gesund werden. In Gedanken versunken wusch er sich seine Hände in der angereichten Schüssel Wasser vom Blut des Tieres rein - könnte er nur vom Blute der Menschen ebenfalls so einfach sich reinwaschen -, während der Kulthelfer die Stücke für Apollon dem Feuer übergab. An den ungustiösen, beißenden Geruch des brennenden Fleisches war Gracchus gewohnt, dennoch zog er seine Toga zurück vom Kopf kaum dass die Stücke verbrannt waren, trat mit dem Weg nach Hause gleichsam die Flucht an vor der qualvollen Normalität um ihn her.
Beiträge von Manius Flavius Gracchus
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Zitat
Original von Decima Seiana
Die plötzliche Frage nach ihrem Bruder überraschte Seiana ein wenig, obwohl sie sich ja eigentlich schon gedacht hatte, dass das Verhältnis zwischen dem Flavier und Faustus enger sein musste, eng genug, dass es den Senator lebhaft interessieren dürfte, wie es ihrem Bruder ging. Vielleicht, weil Flavius Gracchus sonst immer einen sehr zurückhaltenden, beherrschten Eindruck machte.
„Ja, er ist hier“, antwortete sie nichtsdestotrotz auf die Frage, ohne ihrer leichten Überraschung Ausdruck zu verleihen. Stattdessen huschte ein Schatten über ihr Gesicht. Sie sollte froh sein, dass er überhaupt hatte heimkommen können, das wusste sie, und sie war auch froh – aber sein Zustand machte ihr Sorgen. „Besuch kann er noch keinen empfangen. Er ist...“ Sie presste kurz die Lippen aufeinander und suchte nach Worten. „Die Zeit im Carcer hat ihm sehr zugesetzt, er leidet unter heftigen Fieberschüben. Und... wenn das Fieber niedriger ist, ist er...“, fügte sie zögerlich hinzu, stockte und setzte erneut an: „...leidet sein Geist fast noch mehr, als es sein Körper tut.“ Sie wusste nicht so genau, warum sie das sagte. Vielleicht, weil letztlich deutlich war, dass den Flavius etwas mit ihrem Bruder verband, etwas, dass dazu geführt hatte dass Faustus ihn hier versteckt hatte, etwas, dass dazu geführt hatte dass der Flavier nun hier war, nach ihrem Bruder fragte, sich Sorgen machte. Vielleicht auch, weil Seiana Tag für Tag fast nur an der Seite ihres Bruders verbrachte, weil sie versuchte ihn zu schützen, weil sie versuchte, nach wie vor und trotz der Rückkehr ihres Onkels, stark zu sein, der Familie Rückhalt zu geben – und damit mehr und mehr an ihre eigenen Grenzen kam.
Ja, er ist hier, hallte es mannigfach durch die weiten Gänge Gracchus' Gedankengebäude, wurden die Worte einem Echo gleich wieder und wieder von den Wänden zurück geworfen, akkumulierten, intensivierten sich, dass es kein Entrinnen gab. Hier. In diesem Haus. Nur wenige Schritte entfernt. Zugesetzt… Fieberschübe … leidet sein Geist … sein Körper ... Mit jedem Wort, das die Decima aussprach, mit jedem Schatten, jedem Suchen, Zögern und Stocken konnte Gracchus spüren wie eine Hand sich in seine Brust hineinwandt, wie sie um sein Herzen sich legte, zur Faust ballte und sein Innerstes nach außen zog.
"Nein ..."
, entfleuchte ihm ein leises Aufbegehren über die Lippen, während er vergeblich suchte das Geröll seiner Gedanken zu halten, welche einer Lawine gleich über ihn hinweg zu rollen drohten. Vorbei - der Bürgerkrieg war vorbei, doch er war nie grauenvoller gewesen als in diesem Augenblicke, in welchem Gracchus bewusst wurde, dass seine Politik, dass das goldene Zeitalter, die Zukunft seiner Kinder, die Idee Roms allfällig das Leben seiner Liebe würde fordern, und er konnte nicht verhindern, dass ein feuchter Glanz sich über seinen Blick legte.
"Wenn … wenn sich dies ändert ..."
Zum Positiven, wie zur Katastrophe, doch Gracchus wollte, konnte dies nicht aussprechen.
"Kannst du ... mir bitte eine Na'hricht zukommen lassen?"
Er blinzelte einige Male, drängte sich selbst weit zurück und suchte sich an die Fassade zu erinnern, welche in Augenblicken wie diesen nicht nur Illusion, sondern gleichsam Protektion bot, jene Fassade, deren Aufrechterhaltung er früher einmal perfektioniert hatte, welche indes in den letzten Monaten und Jahren mehr und mehr Risse hatte erhalten, deren Wahrung mehr und mehr an ihm zehrte, deren Abbild er sich nicht mehr sicher war. Gracchus, Aton, Flavius, Manius, Flavius Gracchus, Papa, Senator Flavius, Manius Flavius Gracchus - als wäre jeder Name und jeder Name ausgesprochen in jedem Klang ein anderer Mensch, als wären unzählige von ihm in eine Hülle gesteckt, welche bereits zu eng war für einen einzigen, in welcher ein beständiger Kampf tobte um die Vorherrschaft über Leib, Herz und Verstand. Er war sich nicht einmal mehr sicher, wer hier erwartet wurde, wer in diesem Augenblicke adäquat war, wer überhaupt um die Vorherrschaft sich musste bemühen, denn die Welt um ihn - allfällig auch nur in ihm - war derart inkohärent geworden, dass mit rationalen Überlegungen dem nicht mehr beizukommen war.
"Deine Sklaven ..."
, riss letztlich einer der publiken Protagonisten das Wort an sich, drängte jede Intimität aus dem Raume, verbannte Emotionalität und Vulnerabilität zurück in die tieferen Sphären seines Selbst. Alltägliche, gehaltlose Angelegenheiten wie Sklaven dies waren, boten keine Angriffsfläche für unbeherrschbare Affekte.
"Ich bin auch gekommen, um dir meinen Dank auszuspre'hen für diese Unterstützung - die beiden haben mich zuverlässig nach Hause geleitet. Selbstredend wurden sie hernach in der Villa Flavia gut ver..sorgt."
Zumindest hatte er dies so angewiesen und es war wohl davon auszugehen, dass dieser Anweisung nachgekommen war. -
Ein Sklave betrat den Raum und servierte den beiden Senatoren den Gruß aus der Küche, ein kleines Tellerchen aus grünfarbenem Glas, auf welchem die Hälften eines Wachteleis drapiert waren, aus denen das Eigelb entfernt und die so verbliebenen Vertiefungen mit einer Creme aus Maronen waren gefüllt worden. Gracchus wartete bis der Sklave die Türe hinter sich hatte geschlossen, und somit nur Aurelius und er im Raume verblieben, zudem dezent im Hintergrund sein Vilicus Sciurus und der schöne, vertrauenswürdige Cleomedes, welche während der einzelnen Gänge an diesem Abend alle anfallenden Aufgaben würde übernehmen.
"Nun, als die Ereignisse sich zuspitzten, die praetorianische Garde zu diversen Häusern ausgesandt worden war, unter anderem auf der Suche nach meinem Vetter Furianus, wiewohl mit der Er..mordung Tiberius' ihren ersten Höhepunkt erreichten, trug ich dafür Sorge, dass meine Familie in Si'herheit wurde gebracht, und verließ schlussendlich mit meinem Ältesten und meinem Neffen Flaccus ebenfalls die Stadt. Wir wandten uns gen Norden, in der Hoffnung, Aurelius Ursus würde uns ein wenig Unterstützung gewähren. Dass dein Vetter letztlich sich gar gegen Vescularius stellte, erlei'hterte unsere Reise höchlichst, respektive setzte ihr in Mantua ein Ende."
Der Begriff der Reise wurde ihrer Flucht selbstredend nicht im Mindesten gerecht, doch war dies ein Kapitel in Gracchus' Leben, welches er nicht gewillt war, außerhalb der Familie zu resümieren, selbst innerhalb der Familie eher dazu tendierte, es zu supprimieren.
"Im Castellum der Legio indes gab es nichts für mich beizu..tragen - ich bin kein Stratege, militärisches Kalkül liegt mir nicht, wir waren zu weit von Rom entfernt, um jedwede Entscheidungen dort beeinflussen zu können, die Pro..skriptionen waren zudem verhängt, und die aufoktroyierte Untätigkeit, während wir Rom einem Bürgerkrieg hatten preisgegeben, behagte mir nicht. Als uns die Nachri'ht erreichte, dass der Vescularier Decimus Serapio zum Praefectus Praetorio hatte erhoben, war dies für mich der Anstoß, nach Rom zurück zu kehren zu dem Behuf, Faustus zu konvinzieren, dass Salinator den Thron unre'htmäßig hatte an sich gerissen."
Dass er Decimus Serapios Praenomen nannte, war Gracchus in diesem Augenblick nicht bewusst. Es drängte ihn danach, sich dem Wachtelei zu widmen, doch zweifelsohne würde er nicht umhin kommen, auch den Rest seines Berichtes auszuführen, so dass er vorerst auf den zwar kurzen, doch umso delektableren Genuss verzichtete. Allfällig würde er ihn am Ende seiner Worte noch benötigen, um den bitteren Nachgeschmack der Ereignisse zu vertreiben.
"Summa summarum mochte diese Idee nicht sonderli'h elaboriert gewesen sein, doch stelle dir nur vor, was alles hätte abgewendet werden können, so sie gefruchtet hätte! Der Bürgerkrieg hatte bereits be..gonnen, es war kein schnelles Ende mehr abzusehen - hätte Decimus das Imperium von dem Ursupatoren befreit - wozu er ob seiner Position wegen fraglos eine Gelegenheit hätte finden können -, sich uns angeschlossen und die Tore Roms geöffnet - die restli'hen Provinzen wären dem zweifelsohne gefolgt ohne dass noch ein einziger Mann hätte sein Leben lassen, dass noch ein einziger Tropfen Blut hätte ver..gossen werden müssen - nicht ein einziger Tropfen! Die Hoffnung darauf war jedes Risiko wert."
Ehrliches Bedauern lag in Gracchus' Stimme, denn mit der geringsten Chance, das Blutvergießen verhindert zu haben, würde er dieses Wagnis stets aufs neue wieder eingehen.
"Wie du indes in Rückblick auf das Geschehen der Vergangenheit un..bezweifelt bereits konkludiert hast, war dies Ansinnen nicht von Erfolg gekrönt. Im Grunde hatte ich es nicht weiter reflektiert als bis zu jenem Augenblicke da ich vor Decimus würde stehen und ihn zu überzeugen suchen."
Erst in diesem Moment realisierte Gracchus, dass dies augenscheinlich ein Muster seines Denkens war, dass vorausschauende Planung augenscheinlich nicht mehr zu seinen Stärken gehörte. Erst war die Konspiration gescheitert, da sie außer dem günstigsten Verlauf keinen alternativen Hergang hatten angedacht, seine Fluchtpläne hatten nicht weiter als bis Mantua gereicht, und auch dies vorschnelle Ansinnen hatte in seiner Planung weder einen Erfolg, noch einen Misserfolg bedacht.
"Er ist durch und durch ein Soldat Roms, es gab keinen Grund für ihn, die Entscheidung des Senates anzuzweifeln, keinen Grund gegen den augenscheinlich re'htmäßigen Kaiser vorzugehen - relevante Beweise war ich indes nicht in der Lage, anzuführen, schlussendlich war es aus..geschlossen darauf zu verweisen, dass das Testament, auf welches der Vescularier sich stützte, unbestreitbar ein Falsifikat war, da ich das Original kannte."
Er seufzte. Nein, er war in keinem Augenblick der letzten Jahre gut vorbereitet gewesen. Auf nichts.
"Er mochte mir nicht glauben, zu viel sprach gegen meine Worte - das Testament und insbesondere auch der Senat, dennoch zweifelte er gleichsam an der Re'htmäßigkeit der Proskription, … wollte allfällig auch nur daran zweifeln. Er gewährte mir Protektion in seinem eigenen Hause, in welchem ich bis zum Tage … der ..."
Ein eiskalter Schauer überflutete seinen Leib, jeder Partikel seines Selbst sträubte sich dagegen, das Wort, welches auf seiner Zunge lag, auszusprechen. Sein Blick wandte sich von Lupus ab, suchte an der geraden Linie der Tischkante halt zu finden.
"Der … so genannten … Be..freiung ..."
Hitze substituierte die Kälte, denn mit einem Male schien alles ihm wieder deutlich, viel zu deutlich - all die Tage, welche er versucht hatte zu vergessen, all das Verstecken und Verleugnen seiner Selbst, alle Erniedrigung und Schmach, alles Darben und Zweifeln, alle Furcht und alles Grauen, die brutale Unmenschlichkeit, das Abschlachten des Mannes im Atrium der Casa Decima -, all dies flutete über ihn zum wiederholten Male hinweg, als lebte er seitdem in einem Perpetuum mobile, welches bis ans Ende seiner Tage würde in Bewegung bleiben, um ihn in zyklischem Turnus der Vergangenheit zu erinnern. Verglichen mit anderen Beteiligten mochte der Flavier in dem zurückliegenden Bürgerkrieg nur wenig Schrecken erlebt haben, doch hatte dies zweifelsohne ausgereicht, jenes filigrane, harmonische und idealisierte - zweifelsohne auch naive - Konstrukt seiner Welt zu zerbrechen, jenen formvollendeten Rahmen, welcher seinem eigenen insuffizienten und makelbehaftenen Selbst hatte bisherig Halt gegeben, zu zerstören. Einige Augenblicke vergingen, ohne dass Gracchus den Satz beendete, sodann ergriff er die thematische Flucht, nötigte dem Aurelius die Preisgabe seines eigenen Weges auf.
"Du selbst bist mit der Legion gezogen?"
Er mied den Blick seines Gegenübers, griff - mit einem leichten Zittern in seiner Hand - nach dem kleinen Teller mit dem Wachtelei, um seinem Leib eine Beschäftigung zu verschaffen. -
Da Gracchus bereits seit der Eröffnung, dass Faustus nicht mehr im Kerker saß, seine Schwierigkeiten hatte, weitere Anliegen anzudenken, schüttelte er ohne langes Überlegen den Kopf.
"Nein, Imperator, von meiner Seite aus gibt es kein weiteres Anliegen zu bespre'hen."
Vermutlich war er somit entlassen, doch da sich vor dem Kaiser niemand selbst entließ, wartete auch Gracchus auf das offizielle Ende der Audienz. -
Obgleich an diesem Tage ihm kaum eine aktivere Rolle zugekommen war als jene der Einleitung und Bezeugung, so fühlte auch Gracchus Maior sich von den zurückliegenden Stunden recht ausgelaugt, war mehr als froh, dass er nach der Opferung seinen Sohn - seinen erwachsenen Sohn - konnte endlich zurück in die Villa Flavia geleiten. Zum wiederholten Male also strebte die Liberalia-Gesellschaft den Sänften zu, musste sich die Stufen des Tempels hinab neuerlich mit zahllosen Regentropfen bedecken lassen. Vor der Sänfte der Gracchen warteten bereits die Sklaven, ihren Herren die durchnässten Stoffbahnen der Togen abzunehmen, dass diese im Inneren sich mit trockenen Mänteln vor der Kälte konnten schützen. Gracchus Maior strich sich die nassen Haare zurück und betrachtete ein wenig schmunzelnd wie Titus einen Mantel um seinen Leib hüllte als wäre es eine Decke und in den weichen Kissen sich zusammen rollte. Sodann wanderte sein Blick zu Minor, und obgleich es ihn durchaus Überwindung mochte kosten, rang er sich schlussendlich doch zu einigen Worten durch, welche aus seinem Inneren sich empor drängten.
"Ich bin sehr stolz auf dich, Minimus. Du hast die Riten und Pfli'hten dieses Tages mit Bravour gemeistert, jede Aufgabe souverän erfüllt, dass ich keinen Zweifel mehr daran hege, die richtige Ent..scheidung getroffen zu haben. Ich bedaure einzig, dass deine Mutter dem nicht konnte beiwohnen, doch ich werde ihr in allen Details von deinem großen Tage beri'hten, und ich bin sicher, sie wird darüber ebenso großen Stolz verspüren wie ich selbst." -
Die augenscheinliche Leichtigkeit, mit welcher Fusus um das Wohl des Reiches sich sorgte, verleitete Gracchus für einige Herzschläge dazu, dem Trug sich hinzugeben, dass es eben nur einer solchen Leichtigkeit bedurfte, die Zeit zurück in ihre Fugen zu setzen, die Welt zurück in ihr Gleichgewicht zu bringen, alles wieder an seinen rechten Platz zu rücken und mit einem passenden Rahmen zu versehen, so dass eine perfekte kleine Szenerie daraus würde entstehen. Doch derart einfach war es nicht - die Zeit ließ sich nicht fügen, die Welt nicht bewegen, die rechten Plätze waren zerstört und kein Rahmen war groß genug, um das vorherrschende Chaos gänzlich zu fassen. Gracchus seufzte. Was sonst hätte er schlussendlich tun oder sagen können, so dass er die Thematik ohne einen weiteren Kommentar beschloss.
"Ich persönli'h bevorzuge das Alleinsein, um meine Gedanken zu pflegen, allenfalls ein anregendes Zwiegespräch. Die Thermen erscheinen mir hierfür stets zu ... belebt, die Reize zu vielfältig, um sich auf gehaltvolle Kon..versationen konzentrieren zu können."
Die Doppeldeutigkeit dieser Reize war Gracchus dabei nicht bewusst, hatte er doch Stimuli wie zahllose Gesprächsfetzen, das Plätschern des Wassers, das Flappen nasser Füße auf dem Fliesenboden, das Knistern von Kohle, Kälte und Wärme auf der Haut, Nässe und Trockenheit, Öl und Schaber, das Flackern der Lampen, das Spiegeln der Lichtes auf der Beckenoberfläche, die Dunstwolken der Hitze und vieles mehr im Sinne. Zudem mochte er das kalte Wasserbecken, welches schlichtweg zum Standard des Thermenbesuches gehörte, nicht, versank viel lieber nur in warmem, gerade zu heißem Wasser und kostete dies ausgiebig aus.
"Nun, du musst zweifelsohne nichts über..stürzen, doch früher oder später wirst du deiner Prädestination folgen müssen"
, quittierte er sodann Fusus' nicht vorhandene Pläne und meinte dies aufrichtig. Gerade erst in Rom angekommen blieb dem jungen Mann zweifelsohne noch genügend Zeit, sich ein wenig umzusehen und den angenehmen Dingen des Lebens zu widmen, und selbstredend gab es immer wieder Flavier, welche zeitlebens den Schritt in die richtige Richtung nicht wagten - Gracchus' Bruder Lucullus war eines jener gänzlich unambitionierten Exemplare, welches die Familie nur allzu gerne verschwieg -, doch gerade als Enkel des Flavius Felix würde Fusus nicht umhin kommen, irgendwann den Weg der Politik zu beschreiten.
"Du bist ein Flavius, ein Patrizier, dazu geschaffen, für das Wohl des Imperium Romanum Sorge zu tragen - nichts sonst liegt in deiner Ver..antwortung, nichts sonst ist dir aufoktroyiert als dies."
Es war der Fluch ihrer Geburt, welcher ihr Leben bestimmte, davon war Gracchus überzeugt - und obgleich die Vergangenheit ihn hatte gelehrt, dass letztlich alle Prädisposition nicht vor Irrglauben und Fehlentscheidungen schützte, so gab es nichts, was von dieser Überzeugung ihn würde abbringen können.
"Allfällig wäre es zu..mindest ein guter Anfang, dich in einer der kultischen Sodalitäten zu engagieren." -
Das politische Selbstverständnis des Tiberius kommentierte der Flavier nicht weiter, stellte es doch sich nicht anders dar als erwartet, einzig die religiösen Bestrebungen verleitete beinahe ihn zum Heben seiner Augenbraue, beinahe jedoch nur.
"Es sind durchaus große Fußspuren, in welche du zu treten gedenkst - doch letztli'h ist dies wohl bei uns allen komparabel, letztlich werden wir immer an den Herausragendsten unserer Vorfahren gemessen und müssen uns in Relation zu diesen setzen lassen."
Wir bezog sich dabei selbstredend auf den Stand der Patrizier, denn homines novi hatten selten mit großen Vorfahren zu kämpfen. Einen Augenblick indes war Gracchus dazu angetan, einen Anflug von Mitleid für Lepidus zu empfinden, war es doch in Rom niemals einfach gewesen, das Ansehen einer Familie zu mehren, um so schwerer mochte es gleichwohl sein, dies als einziger Rest einer Familie zu erreichen, welche letztlich, auch nach Palmas Sieg, nicht mehr als gänzlich tadellos galt - gleich ob zu Recht oder Unrecht, gleich ob offiziell oder hinter vorgehaltener Hand. Zu einer anderen Zeit allfällig wäre er durchaus bereit gewesen, den Tiberier ein wenig zu protegieren, doch gegenwärtig wäre es ihm zweifelsohne gefälliger, würde die Welt Tiberius Durus und die Seinen schlichtweg gänzlich vergessen, statt beständig die Erinnerung an ihn wachzurütteln.
"Nun, so hoffe ich das Beste für Ahala, dass die Götter ihn un..gefährdet nach Rom mögen zurück geleiten."
Nicht zum ersten Mal stellte Gracchus sich die Frage, ob auch Durus' Sohn mochte eingeweiht gewesen sein in das tatsächliche Ausmaß der Konspiration, in das ihrer eigenen Verschwörung vorausgegangene Behuf. Hatte allfällig der Vescularier angeordnet, auch diesen Mitwisser zu beseitigen, hatten allfällig andere Mitwisser ihn beseitigt, um ihren eigenen Status zu wahren - jene Männer, welche in Salinators klandestine Machenschaften waren verstrickt gewesen, nun Gefahr liefen, benannt zu werden und ihre Unschuld im Zeitalter des Cornelius einzubüßen? Ebenso indes mussten die Mitwisser ihrer eigenen Konspiration in Betracht gezogen werden, sich possibler Schwachstellen entledigen zu wollen. Der Imperator mochte durchaus ein Interesse daran haben, den ein oder anderen zu beseitigen, welcher ihn als Usurpator würde identifizieren können - insbesondere sofern dies fern von Rom geschah und kein Aufsehen erregte. Aurelius allfällig ebenso, womöglich hatte Ahala diesem gegenüber gar eine Unachtsamkeit erwähnt, welche dieser als Bedrohung hatte aufgefasst, und auch Gracchus selbst - doch zumindest hatte er solcherlei nicht angeordnet, obgleich er wusste, dass Sciurus jede Option würde in Betracht ziehen, sofern Gefahr für ihn bestand.
"Durus."
Gracchus sog nachdenklich seine Unterlippe zwischen die Zähne - es gab kein Entkommen. Ein wenig verstohlen, ohne seinen Kopf zur einen oder anderen Seite zu drehen, blickte er rechts und links an Lepidus vorbei, um sich dessen zu versichern, dass die Larve des verstorbenen Tiberius nicht mit ihnen im Raume weilte.
"Er war ... pfli'htbewusst, konsequent, ehrgeizig, … im Senat stets befleißigt, das Wohl des Staates, wie auch unseres Standes zu fördern. Selten trat er aggressiv auf, selten unüberlegt, stets positioniert, durchaus energisch und be..harrlich, doch nicht borniert. Im Cultus Deorum war er ebenfalls stets überaus tatkräftig."
Einzig, weshalb er das Amt des pro magistro hatte angenommen, hatte Gracchus nie nachvollziehen können, doch womöglich war dem Tiberius schlichtweg eine andere Sichtweise auf den Cultus inne gewesen als ihm selbst.
"Im Privaten …nun, er hatte eine vorzügliche Bildung genossen, war dementspre'hend stets bereit für eine profunde Diskussion, verstand sich zudem auf die Auswahl adäquater Gäste, um dies in seinem eigenen Hause zu forcieren. Ich glaube, er war darüberhinaus in einer Factio, allfällig können dir die Mitglieder dort mehr über ihn beri'hten." -
Erst nach des Imperators Worten bemerke Gracchus, dass er für einige Augenblicke die Luft hatte angehalten, ließ diese - ein wenig erleichtert durchaus - durch die Nase entweichen.
"Die gravierendste Aufgabe scheint mir zu sein, den Cultus zur Normalität zu..rückzuführen und den Bürgern offen zu zeigen, dass der Staat für das Wohl der Götter wieder Sorge trägt, so wie es diesen zusteht. Sobald mir als Mitglied des Collegiums dies wieder möglich ist, werde ich selbst..redend die Einberufung einer Contio initiieren, in welcher über die Neubesetzung der verwaisten Sitze und die anstehenden Causae entschieden werden kann." -
Zu ähnlichen Gelegenheiten wie dieser, als Gracchus einige Jahre zuvor selbst als Praetor auf der anderen Seite des Schreibtisches hatte gesessen, waren ihm solche Augenblicke stets nur recht formal erschienen. Salve, ein Kind, eine Behauptung, eine Forderung nach Bestätigung, Zeugen, Bestätigung, ein Mann, Vale, nächstes Anliegen. Auf dieser Seite des Schreibtisches jedoch war das Anliegen weit mehr, ein bedeutsamer Akt innerhalb der Familie, die erste rechtliche Handlung seines Sohnes, die Aufgabe eines gewissen Teils seines eigenen Rechtes, seiner eigenen Verantwortung zudem. Als die Bestätigung eingefordert wurde und Gracchus Minor seine Zeugen benannte, trat er als ebensolcher vor den Praetor hin.
"Ich, Manius Flavius Gracchus, Sohn des Titus Flavius Vespasianus, be..stätige hiermit die Mannbarkeit meines Sohnes, Manius Flavius Gracchus."
Es war so einfach. Einige Worte nur, eine Bestätigung, eine Behauptung, gänzlich ungeachtet all seiner Unsicherheit, seines Zauderns und seiner Zweifel. Doch nichts geschah, weder Iuppiter, noch Apollo oder Veritas ließen ihre Blitze in ihn einfahren, straften die Lüge aus seinem Munde, so dass die Behauptung allfällig doch der Wahrheit mochte entsprechen. -
Gracchus Maior genoss das Prasseln des Regens auf das Dach der Sänfte, genoss die monotone Symphonie, welche daraus erwuchs, vergaß für einigen Augenblicke ihr Ziel, welches ihm unweigerlich sein Kind würde entreißen. Letztlich jedoch erreichten sie die Basilica Ulpia, und auch dem Vater wurde noch einmal die toga praetexta, welche er selbstredend an diesem Tage trug, gerichtet.
"Bist du bereit?"
fragte er sodann seinen Sohn, obgleich eine Antwort jedweder Art nicht würde ändern können, was nun würde folgen. -
Als die Sklaven die toga virilis um seinen Sohn herum drapierten überkam Gracchus mit einem Male der Zweifel über die Richtigkeit seiner Entscheidung. Zwar war Minor schon immer ein wenig kleiner gewesen als die meisten seiner Altersgenossen, doch schien die Männertoga auch ungeachtet seiner körperlichen Konstitution schlichtweg zu groß für ihn zu sein. Still seufzte der Vater in sich hinein. Letztlich war auch dies keine echte Entscheidung gewesen, sondern eine Folge der viel früheren Entscheidung zur Teilnahme an Tiberius' Konspiration, eine Folge des Versagens in Hinblick auf die adäquate Planung dieser, und die dadurch notwendig gewordene Flucht. Noch immer war er dessen überzeugt, dass kein Kind jene Dinge konnte sehen, konnte durchleben, welche hinter Minor lagen, und darob war es schlichtweg unausweichlich, dass dieser schon in der Nacht des Aufbruchs kein Kind mehr gewesen war. Quod erat demonstrandum. Sich mit dererlei Gedankengängen selbst blendend, brachte Gracchus es gar über sich, seinem Sohn ein aufmunterndes Lächeln zukommen zu lassen als sie in der Sänfte in Richtung der Basilica Ulpia aufbrachen.
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Pläne für die Zukunft waren eine Causa, welche Gracchus bisherig nicht hatte reflektiert, nicht hatte durchdenken wollen - nicht einmal zu dieser Gelegenheit der Audienz, denn tatsächlich hatte er all sein Bestreben auf die Freilassung Serapios fixiert. Ob dessen verstrichen erneut einige Augenblicke, in welchen er seine Gedanken zu sortieren suchte. Sein Verhältnis zum Senat war derzeitig überaus ambivalent, denn letztlich hatte dieses Gremium gänzlich versagt in Hinblick auf den Usurpator, hatte nur zugesehen wie Vescularius sich des Throns hatte bemächtig, den Staat und seine Traditionen mit Füßen getreten. Andererseits indes - was hätten die Senatoren tun sollen, hätten sie überhaupt tun können? Hätten sie ein falsches Testament erkennen müssen und gegen den augenscheinlich rechtmäßigen Nachfolger Valerianus' aufbegehren, während schlussendlich auch die Konspiranten um Tiberius Durus eben darauf hatten vertraut, dass sie dies nicht taten? Weiters hatte Gracchus selbst nach dem Scheitern ihres Planes ebenfalls nichts lohnendes getan, um diesen Zustand zu ändern, hatte ebenso wie viele Senatoren dem Hasen gleich in seiner Höhle ausgeharrt, darauf wartend, dass der Jäger den Fuchs erlegte. Ungeachtet dessen jedoch, wie auch immer er den Senat einschätzte, so war Gracchus sich auch seines eigenen Platzes nicht mehr sicher. Zwar war er noch nie überzeugt gewesen, zur Politik zu taugen, doch die Verschwörung hatte ihn augenscheinlich vollends dafür disqualifiziert, denn während er zu Beginn noch hatte geglaubt, dazu beitragen zu können, das Imperium in ein goldenes Zeitalter zu führen, hatte er letztlich dazu beigetragen, es an den Rande des Ruins zu treiben, wo er es verwundbar und ungeschützt hatte liegen lassen. Dass Rom sich nun wieder einem goldenen Zeitalter annäherte, dazu hatte er nicht das geringste beigetragen. Letztlich jedoch mochte dies alles nicht relevant sein, war dies ohnehin nicht seine eigene Entscheidung.
"Ich habe einst geschworen, die Aufgaben, Rechte, Pfli'hten und Verantwortungen anzunehmen, welche die Aufnahme in den Senat impliziert, darob ... werde ich selbst..redend fürderhin meinen Platz in der Curia Iulia wieder einnehmen."
Fürderhin. Früher oder später. Wobei es Gracchus selbst mehr nach einem Später als einem Früher drängte.
"Be..züglich des Collegium Pontificum ..."
Für einen Moment presste er seine Kiefer aufeinander, echauffierte ihn diese Causa doch tatsächlich weit mehr als jede Proskription, wenngleich sie auch eine Folge dieser mochte gewesen sein.
"Ich habe das Collegium Pontificum niemals verlassen, noch um eine Ent..lassung gebeten. Man hat mich exkludiert, und dies nicht zum ersten Male. Sofern du verfügst, die Kassation, welche vermutli'h auf Geheiß des Vesculariers geschehen ist, zu annullieren, werde ich auch in diesem Gremium meinen Platz wieder einnehmen wie es meine Pfli'ht ist. Doch ich werde nicht darum bitten, erneut - ein drittes Mal - in das Collegium auf..genommen zu werden."
Es war diese Formulierung zweifelsohne ein wenig heikel, denn würde der Imperator seinen Ausschluss aus dem Collegium Pontificum nicht für ungültig erklären, so würde dies unvermeidbar das Ende seiner kultischen Karriere bedeuten - jener einzigen, auf welche er je hatte hingearbeitet, welcher seine Verve und sein Streben galt. Doch er war ein Flavier. Man mochte ihn beleidigen können - so die Beleidigung zutreffen war, so traf sie ihn und er würde sie allfällig gar ergründen wollen, sofern sie jeder Grundlage entbehrt, konnte er sie schlichtweg ignorieren -, doch Demütigungen vertrug er nicht. Und der abermalige Ausschluss aus dem Collegium Pontificum - mochte er für die Pontifices aufgrund der Proscriptionen des Vescularius noch so triftig gewesen sein - war eine Demütigung, welche ihn zutiefst gekränkt hatte. -
Als Aurelius Lupus die Villa Flavia betrat, saß Gracchus bereits seit geraumer Weile auf seinem Bett und starrte gedankenverloren auf den Boden, obgleich er längst in Richtung des kleinen Tricliniums hatte aufbrechen wollen. In der Nacht zuvor hatte er schlecht geschlafen und den ganzen Tag lang fühlte er Verdruss und Desperation einer zweiten, bleiernen Haut um sich liegen, dass jede Regung - gleich im Geiste oder physischer Natur - ihm schwer fiel, insbesondere so er vorausdachte an die Cena mit dem Mitverschwörer. Beständig bereitete der Gedanke an dies Aufeinandertreffen ihm großes Unbehagen, würde es doch unvermeidlich sein, über den Bürgerkrieg zu sprechen, wiewohl die Konsequenzen daraus - schlussendlich war Nigrinas Scheidung eine der Veranlassung, weshalb der Aurelier an diesem Tage sich hatte eingefunden. Als jedoch Sciurus die Türe öffnete und ihn über das Eintreffen des Gastes in Kenntnis setzte, gab es schlussendlich keine Möglichkeit zu weiterem Aufschub, so dass Gracchus sich widerwillig erhob und nur kurz nach Aurelius das kleine Triclinium betrat.
"Salve, Senator Aurelius!"
begrüßte er ihn - nicht herzlich, nicht reserviert, mehr detachiert, allfällig gar ein wenig indifferent.
"Bitte, nimm Platz"
, wies er sodann auf den locus consularis, respektive den lectus medius, würde jedem von ihnen doch jeweilig die gesamte Kline zur freien Verfügung stehen.
"Da sich der..zeitig kein Agnat Nigrinas in Rom aufhält, werden wir alleine speisen - ich hoffe dies konveniert dir."
Während Gracchus sich anschickte, auf dem lectus summus Platz zu nehmen, trat bereits ein Sklave heran, um den beiden Senatoren verdünnten Wein einzuschenken. -
Zitat
Original von Decima Seiana
...
„Ich glaube dennoch, dass die Politik Idealen verpflichtet ist. Auch wenn es nicht alle Politiker sind, aber es gibt immer wieder die, die wie du denken. Wie du siehst, bin ich wohlbehalten nach Hause gekommen, und auch mein Bruder...“ Sie stockte ganz kurz. Wohlbehalten war etwas anderes. „... durfte heimkehren, auch wenn die Geschichte zeigt, dass Männer wie er schon ein ganz anderes Ende erfahren mussten.“ Seiana deutete ein zaghaftes Lächeln an. „Meine Verwandten verlieren auch nicht den Mut. Mein Onkel Livianus ist aus Hispania zurückgekehrt, und er stellt sich den Untiefen der römischen Politik, all denen, die meiner Familie einen Strick aus dem drehen wollen, was in der jüngsten Vergangenheit passiert ist. Er wird für das Consulat kandidieren... und einer meiner jüngeren Verwandten, Marcus Aquila, hat beschlossen sich für das Vigintivirat aufstellen zu lassen. Sie tun das beide in vollem Wissen über den Gegenwind, der sie wohl erwarten wird.“
Letztlich würde es immer so weitergehen - Lücken wurden geschlagen, Lücken wurden gefüllt, die Politik nahm niemals ein Ende, gleich welcher Art. Dennoch beunruhigte Gracchus, dass alsbald schon wieder eine Wahl anstand, dass schlichtweg Normalität einkehrte in Roms Kreislauf, obgleich seine eigene Welt noch immer derart war aufgewühlt, noch immer augenscheinlich in Trümmern lag. Doch womöglich würde er sich an diesen Zustand gewöhnen müssen.
"Faustus … ist er … ist er hier?"
Die Gewissheit war ebenso unerträglich wie die Ungewissheit, die Nähe, sofern Serapio in die Casa Decima war zurück gekehrt, war ebenso unerträglich wie die Ferne, so er sich auf einem Landgut außerhalb der Stadt befand.
"Wie … geht es ihm?"
Er wollte nichts mehr wissen als dies, und doch mochte er es nicht wissen, denn all diese Antworten würden unweigerlich nur zu einem Ende führen.
"Ist er … kann er ... Besuch empfangen?"
Würde er ihn empfangen? Mehr als alles andere fürchtete Gracchus Serapios Hass, welchen Cornelius Palma hatte erwähnt. -
Der erste Teil des Begehrs war politischer Natur, wie so oft in letzter Zeit. Tatsächlich beschlich Gracchus das Gefühl, viel zu oft nurmehr über Politik zu sprechen, was zweifelsohne daran mochte liegen, dass er weder die Villa verließ, noch Einladungen aussprach, um Gespräche jedweder Art zu suchen, politisch motivierte Bittsteller dagegen ihren Weg auch ohne Einladung zu ihm fanden, sein Pflichtgefühl indes stets zu groß war, dass er sie hätte abweisen können.
"Aurelius erwähnte dies bereits. Was ist es, glaubst du, das dich zu einer Laufbahn im Cursus Honorum prä..destiniert?"
Die Antwort war zweifellos einfach, doch Gracchus war neugierig darauf wie der Tiberius sich selbst würde präsentieren. Die nachfolgende Komponente des Begehrs des Tiberius' war ein wenig persönlicher. Eine Verbindung zwischen Tiberiern und Flaviern hatte es tatsächlich seit langem nurmehr auf freundschaftlicher Basis gegeben - den Grund hierfür sah Gracchus vorwiegend in der Heiratspolitik der ihm bekannten Zweige der Gens Tiberia begründet, welche oftmals plebejische Gentes in den Stammbaum inkludierte, was für die meisten Familienzweige der Gens Flavia undenkbar war, selbst so die entsprechenden Familien der Nobilitas angehörten. Gracchus' ganz persönliche Verbindung zur Gens Tiberia indes hatte zuletzt mehr als nur gelitten, war er doch davon überzeugt, dass Tiberius Durus die Konspiration hatte verraten, von Beginn an tatsächlich mit Vescularius Salinator hatte kooperiert - eine Überzeugung, welche sich durch zahllose Stunden der Reflexion und Introspektion mehr und mehr in ihm hatte gefestigt, bis daraus letztlich eine Wahrheit geworden war.
"In Hinblick auf deine Verwandten … nun, ich habe dur'haus mit einigen Tiberiern Bekanntschaft gemacht, jedoch kaum derart, dass ich dir viel über sie könnte erzählen, etwa Tiberia Livia, ihren Bruder Flaccus, Tiberia Albina, die Gemahlin des Senators Purgitius, Septima, Gemahlin des Aurelius Ursus, Senator Tiberius Vitamalacus, allfällig noch einige mehr, deren Namen mir ent..fallen sind, die meisten von ihnen bei Gastmählern, Eheschließungen oder anderen Festivitäten. Näher bekannt war ich wohl nur mit Tiberius Durus - wir haben unsere Laufbahn im Cursus Honorum im gleichen Jahr begonnen, er war damals zum Quaestor Consulum bestimmt, ich zum Quaestor Principis. Die Quaestur war zu dieser Zeit noch das Einstiegsamt in die politische Laufbahn. Und auch in den na'hfolgenden Jahren bis ... "
Er stockte kurzt. 'Bis zum Scheitern der Verschwörung' wäre wohl eine adäquate Zeitangabe gewesen.
"Bis zuletzt hatten wir durch den Senat und auch die cultischen Collegien immer recht viel miteinander zu tun, wiewohl wir we'hselseitig oft zu Gast im Hause des anderen waren."
Beinahe mochte Gracchus ein wenig wehmütig werden so er an die Convivia des Tiberius zurückdachte, welche stets Quell tiefsinniger Konversationen, wie Disputationen waren gewesen. Und auch sonstig erschien es augenscheinlich rückblickend nicht ungewöhnlich, dass Durus einer der wenigen Männer gewesen war, welche Gracchus als Freund hatte bezeichnen mögen. Umso tiefer schmerzte ihn der Verrat, um so weniger mochte er nachvollziehen, aus welchem Grunde der Tiberius sich mit dem Vescularier hatte eingelassen.
"Dennoch habe ich auch ihn wohl kaum wahrhaftig gekannt. Es war wohl schlussendlich eine jener Ver..bindungen, welche schlichtweg dadurch entstehen, dass man in identischen Kreisen verkehrt."
So nüchtern er dies auch auszusprechen suchte, ein wenig Trübsinn schlich sich doch in die Couleur seiner Stimme.
"Tiberius Ahala, seinen Sohn, habe ich ebenfalls in diesen Kreisen kennen gelernt. Ist er wieder zurück in Rom?" -
Fasziniert von der Eleganz, mit welcher Fusus seiner Bewegungen zu garnieren schien, folgte Gracchus jeder dieser Regungen aufmerksam, suchte dabei gleichsam den Inhalt seiner Worte nicht außer Acht zu lassen. Große Erleichterung überkam ihn in Hinblick auf den gegenwärtigen Aufenthaltsort der Aemilia, mehr noch über die Befürchtung ihres Sohnes - welche er nicht im Ansatze auch nur mochte teilen -, dass sie auch weiterhin gedachte, Rom fern zu bleiben. Indes ging er über dies leidige, wie glücklicherweise augenscheinlich unnötige Thema hinweg, um der wiederholten Titulatur Einhalt zu gebieten und damit direkt zu der Antwort auf die Frage seines Großneffen überzugehen.
"Senator magst du mich nennen wenn du dich zu deiner Kandidatur zum Cursus Honorum dem Senat in der Curia Iulia präsentierst"
, lächelte er süffisant mit einem kleinen Seitenhieb auf jene familiäre Forderung, welche jeden Flavier in Rom früher oder später erwartete.
"Sonstig sollte 'Gracchus' gänzlich auskömmli'h sein."
Seinen Praenomen gab Gracchus außerhalb der eigenen familia nur widerstrebend frei, knüpfte er ihn doch, wie auch jenen des Gegenübers, an ein gewisses Maß an Vertrauen. Nach einiger Zeit in der Villa Flavia mochte er dies Fusus gegenüber allfällig aufbringen, doch bis dahin würde zweifellos noch ein wenig Wasser den Tiber hinab fließen müssen.
"Einigermaßen unversehrt … "
, fuhr er sodann ein wenig gedankenverloren fort, senkte dabei den Blick.
"Fürwahr, un..versehrt an Leib und Leben."
Und doch war die Familie mit tiefen Wunden übersät an Herz und Seele, an Stolz und Prinzipien, an Ehre und Vertrauen. Nichts war mehr wie es vor jenen Unwägbarkeiten war gewesen, niemand mehr wie zuvor und obgleich das Wasser eines Flusses auch sonstig niemals das gleiche war, sofern man wiederholt dort hineinstieg, so war es nun allfällig nicht einmal mehr Wasser - womöglich war es Blut, das Blut derjenigen, welche in diesem vermaledeiten Bürgerkriege ihr Leben hatten gelassen. Seinetwegen.
Mörder!
wisperte es aus den Ecken in Gracchus' Geist,
Mörder!
Er musterte seine Hände, ein wenig verwundert, dass kein Blut daran klebte. Der Bürgerkrieg mochte vorbei sein, doch sein eigener Krieg würde niemals mehr ein Ende finden.
"Die Wunden, welche der Bürgerkrieg in das Imperium Romanum hat geschlagen, liegen glei'hsam zweifelsohne tiefer"
, suchte er abzulenken von persönlichen Belangen, blickte wieder auf in Fusus' braunfarbene Augen, in welchen die Unschuld der Jugend, der Unwissenheit sich abzuzeichnen schien.
"Es wird wohl noch ein wenig fortwähren, bis dass das öffentli'he Leben wieder gänzlich seine gewohnten Bahnen nimmt."
Einige Augenblicke war Gracchus irritiert, denn dies schien nicht mit Fusus' Worten in Bezug zu stehen, so dass er sich zu entsinnen suchte, was dessen eigentliches Thema gewesen war.
"Die Thermen?"
Allfällig war es eine Frage an sich selbst, allfällig auch nur die Rückbesinnung auf den Vorschlag seines Großneffen.
"Nein"
, schüttelte er sodann ablehnend den Kopf.
"Die Ge..gebenheiten unserer Villa sind mir gänzlich suffizient."
Er mied die Öffentlichkeit an allen Plätzen soweit dies möglich war, mied den Senat, mied das Forum, die Tempel, Feier- und Festtage, die Spiele der Aedilen, und die Thermen in besonderem Maße, denn letztlich waren dies alles nur Orte, um aufeinander zu treffen, zu konversieren, Vergangenes und Zukünftiges zu thematisieren und Politik zu betreiben. Gracchus wollte niemanden treffen, wollte nicht über Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges sprechen, und insbesondere keine Politik betreiben. Er war all dessen müde, überdrüssig, und die Tatsache, dass diese Ermattung ihm augenscheinlich gar anzusehen war, bestärkte ihn noch in seiner Intention.
"Doch du solltest sie dir nicht entgehen lassen, insbesondere nicht die Thermae Agrippae. Es gibt kaum einen besseren Ort, um auf unge..zwungene Art und Weise neue Bekanntschaften zu schließen, sei es bei der Auswahl eines Gegners in den Turnhallen oder in den Badebecken."
Ein wenig reizte ihn die Vorstellung des Panoramas in den Thermen durchaus, insbesondere so er den unbekleideten Fusus darin einschloss. Er räusperte sich, um seine eigenen Gedanken zu vertreiben.
"Hast du bereits Pläne gefasst, was du nun in Rom errei'hen möchtest? Wurden für euch, für dich und deinen Bruder, bereits Ehen arrangiert?"
Es war dies ein ebenso essentielles Thema wie die Politik, doch da Milos Söhne durch dessen Tod sui iuris standen, mochte niemand bisher dafür Sorge getragen haben. Erst nun wurde Gracchus sich dessen gewahr, dass er gegenüber Scato darauf gänzlich hatte vergessen, andererseits indes mochte solch ein Arrangement auch eher in Furianus' Verantwortung als Onkel der beiden liegen. -
Ohne große Umschweife wurde der Gast durch die prächtige Villa Flavia in das Officium des Senators geleitet.
-
Da Tiberius Lepidus nicht unangekündigt erschien, kam er selbstredend auch nicht überraschend. Dennoch wusste Gracchus noch immer nicht recht, wie er dem Tiberius gegenüber sich verhalten sollte, denn nach Durus' Verrat war er der gesamten Gens gegenüber ein wenig reserviert.
"Salve, Tibeius Lepidus"
, begrüßte er ihn dennoch gänzlich neutral als ein Sklave den Gast in sein Officium geleitete, in welchem er hinter dem wuchtigen Schreibtisch saß, welcher stets die notwendige Distanz zwischen ihm und seinen Gästen hielt.
"Bitte, nimm Platz. Dein Patron hat dich bereits ange..kündigt. Wie lange bist du schon Klient des Aurelius Lupus?"
ging Gracchus sodann in medias res, da belanglose Floskeln zum Äufwärmen eines Gespräches ihn schon immer enerviert hatten. -
Die überaus triste Wetterlage ließ auch in Gracchus Maior keine sonderlich große Begeisterung aufkommen, indes war er ohnehin zwiegespalten an diesem Tage, einerseits stolz und froh seinen Sohn bis zum Mannesalter geführt zu haben, andererseits auch durchaus mit Gewissensbissen und Schuldgefühlen beladen, dass er ihn letztlich so abrupt seiner Jugend hatte beraubt. Er wusste nicht mehr, weshalb er Minor überhaupt auf seiner Flucht aus Rom hatte mit sich genommen, weshalb er nicht ihn seinen Geschwistern gleich in einen Korb hatte gesteckt, den Deckel darauf platziert und samt seiner Mutter dem Vilicus hatte anvertraut - denn schlussendlich hatte für Minor kaum jene Gefahr bestanden wie für Flaccus und ihn selbst, und zweifelsohne hätte niemand in dieser Nacht nach einem Kind gefahndet. So weit als möglich suchte Gracchus diese Gedanken aus seinen Sinnen zu verdrängen, seinem Sohn zumindest an diesem Tage jenes erhebende Gefühl zu ermöglichen, welches der Schritt in das Dasein eines Erwachsenen sollte letztlich eröffnen, verbarg darob seine in letzter Zeit üblich verdrießliche Art und begrüßte die Gäste der Feierlichkeit, Freunde und Klienten mit Worten, wie es sich für den Herrn des Hauses gebot, so lange bis dass endlich Sciurus auch ihm das Zeichen gab, dass es an der Zeit war, die Zeremonie zu beginnen. Ob dessen positionierte Gracchus sich günstig vor der versammelten Menge.
"Werte Familie, geschätzte Freunde und Klienten der Gens Flavia! Der Anlass dieser Feierli'hkeit erfüllt mich mit Stolz wie augenscheinlich ihn nur ein Vater zu empfinden vermag. Vor mehr als einem Dutzend Jahren habe ich geglaubt, es könne keinen Tag geben, an welchem dieser Stolz könnte größer sein als in jenem Augen..blicke als ich das kleine Bündel Mensch, welchem meine teure Gemahlin kurz zuvor das Leben hatte geschenkt, vom Boden habe emporgehoben und meinen Namen an Manius Flavius Gracchus Minor weitergegeben."
Tatsächlich konnte Gracchus sich dieses Tages nicht mehr entsinnen. Es war irgendwann vor oder nach seiner ersten Wahl zur Praetur, welche er nie hatte angetreten, gewesen und diese Zeit war ihm zum größten Teil nurmehr ein leerer Raum. Andererseits mochte er sich durchaus vorstellen wie groß die Freude über einen Erben an diesem Tage gewesen sein mochte und als Inhalt einer Rede war dies zweifellos opportun.
"Doch die Zeit lässt uns weiser werden und so mag ich euch versichern, dass mein Stolz am heutigen Tage, da Gracchus Minor die Zeichen seiner Kindheit ablegt und in das öffentli'he Leben Roms eintritt, noch weitaus größer ist."
Am Abend zuvor noch hatte er überlegt, einige Worte über den unkonventionellen Zeitpunkt der liberalia zu erwähnen, über die Notwendigkeit erwachsen aus den Begebenheiten des Bürgerkrieges, doch er wollte Minors Feiertag nicht mit Erinnerungen an diese grauenvolle Zeit ausfüllen.
"Darob möchte ich euch Dank sagen, dass ihr dies be..deutsame Ereignis mit uns teilt, und es weiters nicht länger mit Worten hinauszögern."
Er nickte seinem Sohn aufmunternd zu und registrierte im gleichen Augenblicke das kräftige Prasseln der Regentropfen auf der Oberfläche des impluviums, welches just in diesem Augenblicke wieder sich ein wenig verstärkte. Obgleich Gracchus als (gewesener) Pontifex gewohnt war, die Zeichen der Götter selbst zu bestimmen oder seinen Präferenzen nach zu deuten, so schien ihm dies dennoch kein sonderlich vorteilhaftes Zeichen zu sein. -
Von der nahen Villa Flavia her überbrachte ein Sklave eine Nachricht für Aurelius Lupus.
Manius Flavius Gracchus Senatori Aurelio Lupo s.d.Es wäre mir eine überaus große Freude, dich am morgigen Tag zur cena in der Villa Flavia empfangen zu dürfen, um über Vergangenes und Zukünftiges zu sprechen.
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