Obgleich es wenige Entscheidungen gab, welche Sciurus nicht eigenmächtig zu treffen hatte, so war bisweilen notwendig, dass der Vilicus seinen Herrn mit diversen Angelegenheiten behelligte - Entscheidungen, wichtige Termine oder aber auch persönliche Nachrichten. So trug er auch die Worte des Aurelius Lupus seinem Herrn vor, welcher noch immer zumeist vorzog, Schriftstücke sich verlesen zu lassen, statt in umständlicher Art und Weise sie selbst zu entziffern, obgleich die Laute dabei oftmals nur einem dahinfließenden Bächlein gleich an ihm vorüber plätscherten ohne dass er tatsächlich Interesse daran zeigte.
"Sextus Aurelius Lupus Senatori Flavio Graccho s.d. In letzter Vergangenheit kam ich leider nicht dazu, mit dir Kontakt aufzunehmen. Ich hoffe, du und die Deinen haben sich von den Schrecknissen der vergangenen Monate soweit wieder erholt und du hast die Zeit für ein Treffen mit mir. Es steht noch die Mitgift Flavia Nigrinas im Raum, über deren Rückabwicklung nach ihrer Scheidung von mir ich gerne mit dir in loco parentem sprechen würde."
"Was?"
unterbrach Gracchus seinen Leibsklaven derangiert und blickte auf.
"Nigrinas Mit..gift? Rückab..wicklung? Was … weshalb … Scheidung?"
Sciurus ließ die Nachricht sinken und schaute unverwandt seinen Herrn an. "Deine Base Nigrina hat sich nach seiner Proskription von Aurelius Lupus scheiden lassen, um einen Günstling des Vescularius, Lucius Domitius Scordiscus, zu ehelichen. Dies wurde durch Vescularius arrangiert, sein gesamter Dunstkreis war auf der Hochzeit anwesend. Allzu lange bestand die Ehe jedoch nicht, Domitius Scordiscus verstarb im Laufe des Bürgerkrieges - eines natürlichen Todes, so heißt es -, und Nigrina hat danach die Stadt verlassen."
Fassungslos starrte Gracchus seinen Sklaven an, die Augen in Entsetzen geweitet, den Mund geöffnet zu einem stummen Protest, welcher doch erstickt worden war von der Ungeheuerlichkeit dieser Information, und es dauerte einige Augenblicke bis dass sein Verstand wieder einsetzte.
"Dieser … dieser ... "
, suchte er blinzelnd einen passenden Ausdruck.
"… dieser abominable ..."
Es fehlten Gracchus schlichtweg die Worte, gehörten Verbalinjuren doch nicht zu seinem gängigen Repertoire.
"Dieser abominable Kretin!"
Es war das schlimmste, was ihm augenblicklich wollte einfallen, ob dessen er zornig darüber seine Faust auf den Tisch schlug, um den verbalen Effekt ein wenig zu erhöhen. Indes wurde ihm durch den Aufprall und den daraus resultierenden dumpfen Schmerz in seiner Hand bewusst, dass dies alles nicht geschehen wäre ohne ihn. Der Bürgerkrieg mochten vorbei sein, und doch ereilten Gracchus noch immer beständig jene Schreckensnachrichten, deren Ursache er initiiert hatte. Nun auch noch Nigrina! Aetius würde ihn umbringen, würde er je die Wahrheit erfahren - und vermutlich war er nicht der einzige Kandidat dieser Art. Seufzend ließ Gracchus seinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Es würde nie ein Ende nehmen. Und allfällig war dies nur gerecht.
"Lies weiter"
, murmelte er, die Stirn noch immer auf dem kühlen Holz abgelegt und nicht im mindesten gewillt, diesen Zustand zu ändern.
"Es steht noch die Mitgift Flavia Nigrinas im Raum, über deren Rückabwicklung nach ihrer Scheidung von mir ich gerne mit dir in loco parentem sprechen würde. Dies erscheint mir einfacher als lange Reisen und Kontaktaufnahmen zu ihrem Vater, wo es so weit unbürokratischer wird abgewickelt werden können. Desweiteren möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich mit dir noch einmal auszutauschen und die guten und langjährigen Beziehungen unserer beider Gentes so erneut aufblühen zu lassen. Gerne würde ich dich hierzu zur Cena einladen, aufgrund des rechtlichen Charakters der Mitgiftfrage sehe ich es aber als statthafter, wenn ich hierfür die Villa Flavia besuche. Allerdings überlasse ich die Entscheidung hierüber gerne dir als erfahreneren Mann von uns beiden."
Von Gracchus war nur ein Brummen zu vernehmen, ob dessen der Sklave fortfuhr.
"Darüber hinaus habe ich noch eine persönliche, kleine Bitte. Einer meiner Klienten, Tiberius Lepidus, ein entfernter Verwandter unserer beider Freund Tiberius Durus, wird dich in den nächsten Tagen um einen Termin bitten, um sich dir kurz vorzustellen, Kontakt zu deiner Gens zu knüpfen und dich um dein Wohlwollen zu seiner Kandidatur zum Vigintivir zu bitten. Er ist ein tüchtiger, junger Mann voller Pietas und Pflichtgefühl, und ich bitte dich, empfange ihn und höre ihn an, damit du dich selbst von seiner Eignung überzeugen kannst. Vale."
"Freund!"
Der Flavier spuckte das Wort beinahe aus und richtete sich wieder auf.
"Dieser Tiberius sollte sich um so mehr freuen, je weiter ent..fernt er mit Durus verwandt ist."
Ein tiefes Seufzen echappierte Gracchus' Kehle. Es war weniger Ingrimm, welcher ihn bei dem Gedanken an Tiberius überfiel, sondern vielmehr eine tiefe Enttäuschung und Traurigkeit über die Desillusionierung des Konzeptes der Freundschaft.
"Sende Aurelius eine Einladung zur cena, morgen oder übermorgen, und lasse das kleine Triclinium vorbereiten. Ich möchte, dass wir nicht gestört werden. Und wenn der Tiberius er..scheint, gewähre ihm einen Termin."
Der Sklave nickte, verließ sodann den Raum, um die Antwort an Aurelius Lupus aufzusetzen.
Beiträge von Manius Flavius Gracchus
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Zitat
Original von Decima Seiana
„Nun... Mein Bruder ist nicht irgendjemand. Er war Praefectus Praetorio... das allein dürfte Grund genug sein“, erwiderte Seiana. Es wunderte sie ein wenig, dass dem Flavius das nicht ausreichend schien dafür, dass die Decimi nun einen schwereren Stand hatten. Männer in weniger hohen Militärpositionen hatten es ja schon nicht einfach, nachdem sie in einem Bürgerkrieg auf der falschen Seite gestanden waren – und ihr Bruder hatte den höchsten Posten des Reichs bekleidet. Es wäre wohl eher verwunderlich gewesen, wenn dies zu keinerlei Reaktion geführt hätte.
Darüber, dass der Flavier ihren Bruder beim Praenomen nannte, wunderte sie sich hingegen kaum. Zwar begann sich ein kleiner Teil von ihr zu fragen, welcher Art die Freundschaft zwischen den beiden wirklich war, aber wirklich wichtig war ihr nur, dass die beiden befreundet waren – gut genug, dass Faustus trotz aller Inbrunst, mit der er sich für Vescularius eingesetzt hatte, sich dazu entschlossen hatte ihn hier aufzunehmen. „Und er ist nicht der einzige, der sich in den letzten Monaten... sagen wir unglücklich positioniert hat. Dass wir dafür den Preis zahlen, ist wohl Politik.“ Seiana unterdrückte ein Seufzen und versuchte stattdessen zu lächeln. „Aber es freut mich sehr zu hören, dass du es anders siehst.“
"Letztli'h ist es alles nur Politik, nur ... fade Politik, und die Verantwortung tragen einzig jene Männer, welche diese Politik realisieren."
Was ihn selbst deplorablerweise in diesem Falle mehr als nur inkludierte.
"Faustus ist ein Soldat Roms, nicht mehr und nicht weniger. Er war Praefectus Praetorio und war bemüht exakt das zu tun, was dessen Aufgabe ist - den Im..perator Caesar Augustus zu schützen. Darin mag er versagt haben, im Schutze des Kaisers, doch niemand kann ihm vorwerfen dem Vescularier gedient zu haben, denn es ist eben dies, was von der kaiserlichen Garde erwartet wird! Er hat den Vescularier nicht zum Kaiser erhoben, er hat dessen Ma'htergreifung nicht protegiert, dies war eine Angelegenheit der Politik, respektive des Senates. Keinem Soldaten, keinem Bürger kann zum Vorwurfe gemacht werden in diesem Orlog sich falsch positioniert, die falsche Seite er..koren zu haben, denn es gab keine richtige Seite, es gab einzig Rom. Alles andere war nur Politik."
Resigniert schüttelte Gracchus den Kopf.
"Früher einmal habe ich geglaubt, Politik sei ein Weg Rom zu seinem Ideal zu führen, dass eben aus diesem Grunde mein Stand für dies prä..destiniert ist, da uns die Independenz vergönnt ist, unseren Verstand in profunden Studien mit Idealen anzufüllen. Doch das Gegenteil ist der Fall, wir haben den Bezug zur Realität verloren, denn die Politik steht längst nicht mehr in Ver..bindung mit Idealen, so dass all unsere Strategien, welche auf diesen Idealen fußen, von Beginn an zum Scheitern verurteilt sind."
Er senkte seine Stimme ein wenig.
"Allfällig war Politik auch niemals den Idealen verpfli'htet, allfällig war dies stets nur ein Irrglaube meinerseits, allfällig ging es schon immer nur um das eigene Wohl, um Macht und Besitz."
Dieser Politik war er längst überdrüssig, doch erwähnte er dies nicht. Ohnehin wusste er nicht genau, weshalb er Seiana gegenüber derart offen war. Womöglich da sie seine einzige Verbindung zu Faustus darstellte, womöglich da es ihn nach einer Abbitte drängte, einer Entschuldigung, welche er niemandem gegenüber konnte aussprechen, welche stets nur irgendwo zwischen seinen Worten würde verborgen liegen können.
"Faustus und du ..., ihr habt beschlossen, über diese Politik hinwegzusehen, als ich auf der falschen Seite stand. Dies ebenfalls zu tun ist darob das mindeste, was ich tun kann." -
[Blockierte Grafik: http://s1.directupload.net/images/131011/hrl5vb44.jpg] | Acanthus
Acanthus, Ianitor der Villa Flavia, betrachtete auf seinem Schemel hinter der Türe gedankenverloren seine Hände und versuchte sich auszumalen, wie es im Inneren seines Körpers aussah, welche Vorgänge sich dort ereigneten und wie es möglich war, dass alles in ihm funktionierte. Da dies ein sehr komplexes Gedankenspiel war, störte der Anklopfende nur um so mehr, und so trat er dem Boten des Tiberius gegenüber noch abweisender auf als es ohnehin seine Art war.
"Warte", entgegnete er nur auf dessen Begehr und schloss die Porta wieder.
Kurz darauf steckte er seinen Kopf noch einmal heraus.
"Der Senator wird deinen Herrn morgen ad meridiem empfangen." *
Sim-Off: * Morgen, heute, wann immer du willst ...
IANITOR - VILLA FLAVIA -
Die Türe wurde geöffnet und innerhalb weniger Augenblicke wandelte das mäßige Interesse für eine unangekündigte Störung sich in reizvolle Erwartung, dass jegliche Desperation und Schwermut, welche seit Monaten ihn hatte im Besitz, von Gracchus abfiel, dass seine Sinne überschwemmt wurden von einer kaum noch gekannten Leichtigkeit, sein Leib indes von erwartungsvoller Exzitation. Augenblicklich spannten seine Muskeln sich, nahm er eine aufrechte Haltung an und musterte den schönen, fremden Jüngling, welcher den Raum hatte betreten, in allen Details - von den schimmernden, dunklen Haaren, über den zarten Schwung der Brauen, die strahlend braunfarbenen Augen, die fein geschnittene Nase und pointierten Wangenknochen, bis hin zu den sinnlich geschwungenen Lippen, an welchen sein Blick hängen blieb. Bezwungen von den Gesetzen der menschlichen Natur zog die Schwermut von Dannen, nahm all ihre Tristes, ihre Ödnis und Finsternis mit sich fort, ließ die Verzückung Einzug halten mit ihrer bunten Couleur, ihrer Vitalität und ihrem Schwung, welche noch vorangetrieben wurde durch die unverblümte Offenherzigkeit des Gastes - um schlussendlich nur um so erbarmungsloser erdrückt zu werden unter der desolaten Erkenntnis, wer dieser schöne Jüngling war. Fusus, Sohn des Titus Milo, sein Großneffe. Kurz schloss Gracchus die Augen, suchte mit seinem Atem jedes aufwallende Begehren aus sich zu exhalieren, seine Gedanken in ein andere Richtung zu zwingen als es sie trieb. Milos Sohn. Scatos Bruder. Selbstredend hatte Sciurus ihn über dessen Eintreffen informiert, indes war Gracchus' Interesse an der Realität derzeitig zu gering, etwas aus eigenem Elan heraus zu tun, sofern dies nicht unumgänglich war - und zu alledem hatte er, ohne zu bedenken, dass auch Scato kein Kind mehr war, einen Knaben erwartet, keinen jungen Mann. Schlussendlich erhob er sich mit einem Lächeln auf den Lippen - und nur, wer ihn überaus gut kannte, mochte den Hauch von Bedauern darin erkennen -, um den Schreibtisch zu umrunden und Fusus zu begrüßen.
"Willkommen in Rom, Fusus. Du bist … groß geworden."
Und überaus ansehnlich, ganz anders als sein Vater, welcher zwar nicht unattraktiv gewesen war, doch nie Gracchus' Aufmerksamkeit hatte erregt. Er wies auf einen der beiden Stühle, welche vor dem Schreibtisch standen, kehrte selbst nicht auf seinen Platz dahinter zurück sondern zog sich den anderen Besucherstuhl heran.
"Du störst keinesfalles, für die Familie habe ich immer Zeit. Bitte, nimm Platz."
Womöglich war es ein Fehler, den Schreibtisch nicht zwischen sich und den jüngeren Flavius zu bringen, doch obgleich sein Verstand unmissverständlich konstatierte, dass sein Neffe unter keinen Umständen ein potentielles Objekt seiner Begierde würde werden, so nahm sein Leib schlichtweg die Freiheit sich heraus, sich auf den Stuhl neben ihn zu setzen.
"Selbst..redend ist deine Anwesenheit hier willkommen. Bist du deinem Bruder gleich eurer Mutter ent..flohen oder hat sie dich auf sein Drängen hin endlich ebenfalls entlassen? Sie … sie ist doch nicht etwa mit dir nach Rom gereist?"
Der Gedanke an die Aemilia ließ ihn kurz schaudern. Auf seiner Skala der personifizierten Megären rangierte sie recht weit an der Spitze, ein wenig hinter Agrippina, Aristides' Mutter, doch nicht allzu weit entfernt von dieser. -
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Original von Decima Seiana
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Allerdings, immerhin eines sagten ihr seine Worte: ihre Hoffnung hatte sich erfüllt. Der Flavius fühlte sich ein wenig verantwortlich und hatte sich für sie einsetzen wollen... auch wenn Seiana für sich sowieso nichts erwartet hätte, sondern nur gehofft hatte, sein Wort könnte für Faustus etwas bewirken. „Hab Dank für deine Anteilnahme, Senator“, erwiderte sie, nur um im Anschluss an seine folgenden Worte zu versichern: „Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen. Im Gegenteil, ich muss mich bedanken, dass du dich einsetzen wolltest für mich. Derzeit ist es nicht unbedingt risikolos, sich offen auf die Seite meiner Familie zu stellen. Umso wichtiger sind diejenigen, die es dennoch tun.“ Diesmal gelang ihr das Lächeln schon ein bisschen besser. „Ich wurde verhältnismäßig gut untergebracht in der Castra, insofern kann ich mich sicher nicht beklagen. Die Eintönigkeit war mein größtes Problem dort.“ Was so nicht ganz zutraf, vor allem nicht für die Anfangszeit dort, aber das war nun nicht gerade das richtige Gesprächsthema.
In seinem gesamten Leben hatte Gracchus noch keinen Fuß in den Carcer der Castra Praetoria gesetzt, darob war er nicht sicher, ob verhältnismäßig gut untergebracht tatsächlich einem Zustand entsprach, welcher einer unbescholtenen, römischen Bürgerin zustand, gleichwohl war dies in seiner Vorstellung zweifelsohne nicht der Fall, galt ihm doch der Carcer als noch grauenvoller als der flavische Keller. Allfällig hätte er darüber oder die erwähnte Eintönigkeit noch einige Worte verloren, doch der vorangehende Satz der Decima beschäftigte ihn weit mehr.
"Ich kann noch immer nicht gänzlich na'hvollziehen, was deiner Familie zum Vorwurfe gemacht wird, ob dessen mir auch nicht begreiflich ist, weshalb es ein Risiko sollte dar..stellen, sich für dich oder Fau…"
Er stockte. Es war Gracchus eine Gewohnheit, nur Männer seiner Familie und Liebhaber mit ihrem Praenomen zu nennen, selbst enge Freunde sprach er stets nur mit Cognomen an, und da Faustus nicht Teil seiner Familie war, wurde sein Status durch Nennung seines Namens unbeirrbar festgelegt. Indes würde Seiana dies nicht erkennen, war diese Art der Vertrautheit in der römischen Gesellschaft allgemeinhin doch durchaus auch unter Freunden nicht ungewöhnlich, und dass Serapio und ihn eine enge Beziehung - welcher Art im Detail auch immer – verband, verbunden hatte, würde die Decima ohnehin ob der vergangenen Ereignisse erahnen können.
"Oder … für Faustus einzusetzen"
, schloss er darob. -
Einen kurzen Augenblick lang wollte Gracchus protestieren auf die Worte des Kaisers hin, denn hätten sie nicht den Verrat Tiberius' im Wissen darum verhindern können, hätten sie nicht mehr Acht legen können auf die Art, Valerianus und seine Familie zu beseitigen, um den Zeitpunkt besser zu planen, hätten sie im Wissen um des Vesculariers eigene Testamentsfälschung im Senat nicht weitere Stimmen für ihre Sache gewinnen können, hätten Strategien anders planen, Schlachten anders schlagen können, um das Ausmaß des Bürgerkrieges zu verringern? Doch letztlich war Cornelius nun Kaiser - und zweifelsohne wäre er kein geeigneter Mann für dieses Amt, würde er seine Entscheidungen beständig in Zweifel ziehen, sich in hätte, könnte und würde verlieren, nicht zu dem stehen, was er entschlossen und getan hatte. Zu alledem war ohnehin ungewiss, ob eine divergente Entscheidung zu einem früheren Zeitpunkt zwangsläufig zu einem divergenten Ergebnis hätte geführt, vertrat doch so manch ein Philosoph die Ansicht, dass die Ergebnisse des Lebens längst feststanden, dass es keine Möglichkeit gab, dem erkorenen Schicksal zu entgehen, wie dies auch die religo nicht mochte ausschließen. Darob nickte Gracchus schlussendlich nur, wenn auch nicht gänzlich überzeugt - doch Überzeugung war etwas, an dem es in seinem Leben derzeitig ohnehin stets mangelte.
"Nun, so möchte ich dir noch einmal versi'hern, dass du auch bei deinen künftigen Entscheidungen auf meine Unterstützung ver..trauen kannst."
Es fiel ihm nicht leicht, diesen Worten lautliche Gestalt zu verleihen, doch letztlich war es zu spät für Reue, zu spät für Zweifel, zu spät für andere Beschlüsse, denn er hatte sich für diese Zukunft Roms längst entschieden und musste nun ebenso wie Cornelius Palma mit dieser Entscheidung und ihren Konsequenzen leben. -
Nachdem die Besucher den Raum hatten verlassen, zog Gracchus einige Zeit noch gedankenverloren mit seinem linken Zeigefinger die Holzmaserung auf der Tischplatte nach, zeichnete Muster, welche außer ihm niemand konnte sehen und dachte über Titus Duccius Vala und den Cursus Honorum nach. Irgendwann schüttelte er brummelnd den Kopf, erhob sich und entschied, dass es keinen Sinn hatte, weiter darüber zu sinnieren, ob und wie der Politik zu entkommen war.
~~~ finis ~~~
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Absent bis mindestens Sonntag.
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Ohne sonderlich großen Elan war Gracchus der Einberufung der Sodalität der Salii Palatini gefolgt, doch letztlich war dies tatsächlich das einzige Gremium, aus welchem man ihn nicht - noch nie - hatte exkludiert, was allfällig darin mochte begründet sein, dass nur Patrizier partizipierten, was er dennoch den Männern dieser Runde durchaus zugute hielt. Als er die Curia betrat nickte er den Anwesenden nur kurz zu, ehedem er Platz nahm und in sich verschlossen das Mosaik des Fußbodens betrachtete, um nicht in die Verlegenheit zu gelangen, mit irgendjemandem ein Wort wechseln zu müssen.
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"Du kannst dich absentieren"
, gewährte er die Bitte seines Sohnes, wartete stumm darauf, dass jener sich erhob, blickte ihm nachdenklich hernach wie er den Raum verließ, ehedem seine Aufmerksamkeit abgelenkt wurde zur Wand neben der nun geschlossenen Türe, vor welcher stumm ein Schatten verharrte, ein trauriges Lächeln um seine blassen Lippen.
Eines Tages wirst du erwachen und nicht nur feststellen, dass du tot bist, sondern dass dein eigener Sohn dich um das Leben gebracht hat. Alles wiederholt sich, Manius, du und ich, er und du.
Müde schüttelte Gracchus den Kopf, suchte das Trugbild seines Vaters aus seinen Gedanken zu verscheuchen, doch blieb es hartnäckig bestehen.
"Das ist nicht gerecht … ich ... ich habe doch nur versucht …"
Ganz recht
, field die Larve des Vespasianus ihm ins Wort.
Du hast immer nur versucht. Du hast es nie geschafft, Manius, nie. Und so wird es immer sein, du wirst immer eine Stufe vor dem Ziel scheitern. Du wirst deinen Sohn niemals zu Größe führen, du wirst niemals Consul werden, du wirst niemals Flamen werden, du wirst niemals selbst in irgendetwas Größe erlangen. Beinahe ist Teil deines Fluches - beinahe hättest du dem Imperium eine goldene Zukunft verschafft, doch sieh nur, was du angerichtet hast!
"Hätte nicht Tiberius ..."
Hätte! Wäre! Könnte! Soll dies deine Apologie sein? Eine Ansammlung von Konjunktiven? Du bist noch tiefer gesunken, Manius, als ich es je hätte für möglich gehalten. Wäre ich nicht schon tot, ich würde mich an deiner statt vom tarpeischen Felsen stürzen!
"Das ist nicht gerecht!"
suchte Gracchus ein wenig rabiater sich zu verteidigen, doch sein Vater lachte nur - ein wenig klang dies nun mehr nach Quintus. Erbost nahm Gracchus die Tabula, auf welcher der Name der Decima stand, und schleuderte diese quer durch den Raum zur gegenüberliegenden Wand hin, wo sie krachend auf den bemalten Putz traf, klappernd zu Boden fliel. Es war niemand da, den er hätte treffen können, niemand, der hätte verstummen können. Vereinzelte Tränen rannen über seine Wangen - der Wut, doch viel mehr noch der Desperation, wusste er doch, dass sein Vater, dass er selbst, Recht hatte - das Scheitern war in seinem Charakter inbegriffen. Er wünschte sich, dies alles wäre nur ein Traum, ein Traum in einem Traum allfällig, so dass er nur würde erwachen müssen, oder nur eine schlechte Geschichte, geschrieben von einem mittelmäßigen Autor, welcher die letzten Kapitel seines Lebens einfach würde entsorgen können, noch einmal neu schreiben, umschreiben zu einem besseren Ende, oder allfällig seinen Charakter revidieren, einen anderen, einen besseren Manius Flavius Gracchus erschaffen. Doch die Götter hatte augenscheinlich kein Mitleid mit ihm - sein Leben blieb die Realität, und in dieser hatte er seinen Sohn verloren. -
Da Gracchus nie gänzlich sicher konnte sein, ob er angekündigten Besuch erwartete oder nicht - Sciurus kümmerte sich endlich wieder um diese Angelegenheiten und selbst so er es am Morgen erwähnte, hatte Gracchus zumeist bald bereits wieder darauf vergessen -, waren ihm unerwartete Störungen nicht besonders ungewöhnlich. Zwar missfiel es ihm durchaus in seinem Tun innezuhalten - Zeile um Zeile schob er ein hölzernes Lineal über Die Sieben gegen Theben des Aischylos, um das Stück, welches er in der Casa Decima zu lesen hatte begonnen, zur Gänze zu studieren -, dennoch blickte er auf und quittierte das Klopfen mit einem mehr oder minder interessierten
"Ja?" -
Zitat
Original von Decima Seiana
Im Tablinum angekommen, wurde Flavius Gracchus von dem Sklaven eine Erfrischung angeboten. Seiana indes brauchte nicht lange, bis sie ebenfalls kam. Einen Senator warten zu lassen wäre ihr kaum eingefallen, schon gar nicht diesen. „Salve, Senator Flavius“, grüßte sie ihn, als sie eintrat. „Es freut mich zu sehen, dass du wohlauf bist.“
Als würde er selbst neben sich gehen durchquerte Gracchus das Atrium der Casa Decima, als wäre er nur ein Zuschauer, welcher in die eigenen fremden Schritte trat, welcher im Schatten eines anderen folgte. Dies waren Atons Gefilde, dies war das Reich, in welchem Leidenschaft und Feigherzigkeit aufeinander waren getroffen, dies war der Bau des Hasen, welcher zitternd darauf wartete, dass der Fuchs unverrichteter Dinge vorüber zog. Gleichwohl war dies der Raum, in welchem Gracchus jeglicher Glaube an Rom, allfällig gar an die Menschheit war genommen worden, in welchem rückwirkend noch das Ausmaß seiner Schuld in all seiner Gänze deutlich geworden war. Blass betrat Gracchus das Tablinum, ein leises Zittern hatte von seinen Händen Besitz ergriffen, denn der Geruch des Todes verfolgte ihn, das Wimmern der Sklavin am anderen Ende des Raumes, der Anblick des rotfarbenen Blutes, in dessen Zentrum ein abgeschlachteter Leib lag einer Insel im Oceanos gleich. Nur um seinen Händen einen Anker zu bieten ergriff er den angebotenen Becher, trank einen Schluck, um seine trockene Kehle zu befeuchten. Ein wenig erschrak er indes als Decima Seiana den Raum betrat, als hätte er bereits wieder darauf vergessen, dass er Gast in diesem Hause war, um ein Gespräch mit ihr hatte gebeten.
"Salve, ... Decima Seiana"
, erwiderte er ein wenig derangiert ihren Gruß, ehedem er seine Gedanken hastig wieder beisammen sammelte.
"Weitaus essentieller ist, dass du wohlbehalten nach Hause zurück..kehren konntest."
Er versuchte sich in einem Lächeln, doch wollte es ihm nicht gelingen. Er spürte gleichsam Furcht, wie Hoffnung in sich, fürchtete sich vor Decima Seiana und ihren Worten, gleichwohl wie er auf sie hoffte. Mochte auch eine Toga um seine Schultern drapiert sein - nicht die praetexta, doch aus dünn gewebter, grünfarbener Wolle mit roten Zierstickereien am Saum, wie nur ein gut betuchter Römer sie sich konnte leisten -, so fühlte er sich doch in diesem Hause nur einem Eindringling gleich, einem Kinde allfällig, welches durch seine Unachtsamkeit ein Unheil hatte angerichtet und nun musste Rechenschaft ablegen.
"Und ich muss um Exkulpierung bitten, denn es war mir deplorablerweise nicht möglich, darauf Einfluss zu nehmen. Selbst..redend empfängt unser neuer Imperator Caesar Augustus alle Supplikanten ihrer Relevanz nach, so dass eine Intervention zum re'hten Augenblicke mir verwehrt blieb." -
Ebenso wie Gracchus hatte gehofft, die Decima anzutreffen, hatte er darauf gehofft, sie wäre nicht anwesend, er könnte einfach ihre Sklaven samt eines Schriftstückes abgeben und wieder zurück in die Eingeweide der Villa Flavia flüchten. Er atmete noch einmal durch, schob sodann den Vorhang der Sänfte beiseite, um diese zu verlassen und die Casa Decima zu betreten. Der flavische Vilicus zeigte Raghnall und Álvaro an, seinem Herrn zu folgen, und setzte sich selbst an das Ende der flavischen Delegation.
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"Nun, so sehen wir uns zu den Wahlen wieder"
, beschloss Gracchus das Gespräch, ohne dessen sich sicher zu sein, ob die Wahlen ihm würden derart bedeutsam erscheinen, dass er dafür seine Absenz im Senat würde aufgeben und die curia iulia aufsuchen. Doch letztlich floss bis zu diesem Tage noch viel Wasser den Tiber hinab, so dass es müßig war, sich zu diesem Punkt bereits darüber Gedanken zu machen.
"Ich hoffe, deine Ambitionen werden von Erfolg ge..krönt sein." -
Seit Beginn der Konspiration hatte das Wohl seiner Familie Gracchus dazu gezwungen, ein feines Konstrukt aus Lügen zu weben, die fragilen Fäden Stück um Stück zu verstärken, zu einem tragfähigen Rahmenwerk auszubauen, alsbald dies mit Mauerwerk zu füllen, mit einem Dach zu bedecken und es zu möblieren. Da sein Gedankengebäude ohnehin devastiert war, seine Vorstellungen eine neue Behausung benötigten, schien es nur folgerichtig, dies neue Bauwerk zu beziehen - und bisweilen genoss er es gar, durch die (T)Räume aus falscher Erinnerung, Illusion und Schwindel zu wandeln, in welchen all die Pein seiner Vergangenheit verborgen war im Hintergrund der Dinge, in welchen aus einem faden Feiertage seiner Kindheit ein rauschendes Fest wurde, in welchem sein Bruder kein Freibeuter, sondern ein Freigeist geworden war, welcher mit seiner geliebten Base Leontia war hinfortgesegelt, um die Schönheit der Welt zu entdecken, noch immer mit ihr die Wunder an fernen Küsten des endlosen Oceanus bestaunte, in welchen Antonia ihm nicht fremd und unheimlich war, sondern eine liebevolle, verständige Gemahlin mit welcher er eine Ehe der seiner Eltern similär führte, in welchen auch Aton noch immer gemeinsam mit Hephaistion auf der Sonnenbarke über das Meer glühender Leidenschaft dahinglitt. Er hatte jeglichen Boden unter seinen Füßen verloren, und deplorablerweise war er sich dessen nur allzu bewusst, ob dessen er sich nicht gänzlich sicher war, ob Minor allfällig recht hatte. Was, wenn sein kläglicher Versuch, Rom zu retten, nur eine Ausbund seiner Imagination gewesen war? Wäre dieses Unterfangen gelungen, hätte Flaminius Cilo Rom nicht erobern müssen, und wäre er gescheitert, hätte man ihn zweifelsohne inhaftieren müssen. War er niemals zu Faustus aufgebrochen, da Hephaistion nur ein Hirngespinst war? Nein, Faustus war real! Ihre Liebe, ihre Leidenschaft füreinander war real. War. Er hatte die Briefe, die Faustus ihm gesandt hatte. Hatte. Nicht mehr. Was blieb waren nur Erinnerungen, Gedanken - Träume allfällig, Trug einer Sehnsucht. Suchend blickte er in Minors Augen, welche so seltsam fremd ihn anblickten als würden sie ihn nicht erkennen, als würde sein eigener Sohn seinen Vater nicht mehr erkennen, da dieser längst ein anderer war. Dem nicht länger stand halten könnend senkte er seinen eigenen Blick, welcher auf eine Tabula am Rande der Schreibfläche fiel, auf welcher er in krakeligen Buchstagen "DECIMA" notiert hatte, so als könnte er sonstig auf sie vergessen. Zwei Sklaven der Decima Seiana weilten in der Villa Flavia - ein jeder würde sich von deren Existenz überzeugen können -, sie hatten ihn aus der Casa Decima begleitet, sie waren der Beweis, dass er dort gewesen war, dass Faustus' Liebe keine Einbildung gewesen war, dass all sein Sentiment real war. Und mit der Erkenntnis dieser Tatsache, dass Minor ihn der Lüge bezichtigte, obgleich er die Wahrheit sprach, wallte auch in Gracchus der flavische Ingrimm empor, welcher keine Unterstellungen konnte dulden. Ein wenig verengte sich Gracchus' Blick und ein Knurren stieg seine Kehle empor, welches zweifelsohne seinem Bruder Quintus Tullius zur Ehre hätte gereicht.
"Du solltest Vorsi'ht walten lassen bezüglich deiner Worte."
Die Couleur seiner Stimme war trocken, ein sublimes Drohen allfällig als feine Nuance dem beigemengt.
"Denn obgleich du nun ein Mann sein magst, so bin ich noch immer dein Vater."
Der Tradition seines Familienzweiges folgend, würde Minor kaum wohl eher der patria potestas entkommen können als bis dass Gracchus den Tod fand.
"Wiewohl dieser Schritt nichts aussagt über das Ausmaß deiner Er..fahrung. Es gibt mehr Dinge zwischen Tartaros und Elysium als du dir vorstellen magst, mehr als nur Schwarz oder Weiß. Faustus ... Decimus Serapio und mich verbindet eine Freundschaft, welche genügend tragfähig war, das Wagnis einzugehen, und wenn ich auch nicht ihn davon konnte überzeugen, gegen den durch den Senat legitimierten Kaiser vorzugehen, so fehlte diesem Kaiser doch ebenso jegliche Grundlage für die ausgespro'hene Proskription, was wohl kaum jemand besser konnte beurteilen als der Praefectus Praetorio."
Zu einer anderen Zeit hätte Gracchus womöglich seinem Sohn über Freundschaft referiert, doch seit Tiberius Durus' Verrat glaubte er nicht mehr an dieses Konzept, war nicht einmal mehr bereit, jener Handvoll Männer, welche er überhaupt jemals als Freund hatte titulieren mögen, sein Vertrauen zu gewähren. Über die Liebe indes, welche Konventionen, Politik und gar Bürgerkriegsgrenzen überwand, konnte er nicht mit seinem Sohn sprechen. -
Wie der follis in einem Ballspiel wurde das Erstaunen zwischen den beiden Spielern Palma und Gracchus hin- und hergespielt, denn auch auf die Worte des Kaisers erwuchs in dem Senator neuerlich Verblüffung. Selbstredend hatte er vor seiner Rückkehr nach Rom daran geglaubt, dass ihre Liebe dazu würde ausreichen, dass Serapio ihn zumindest würde anhören - doch dass es nicht Unsicherheit war gewesen, sondern diese Liebe letztlich derart gewaltig, dass er ihn geschützt hatte im gänzlichen Wissen um seine Beteiligung an der Konspiration, dies war ein gänzlich neuer Gedanke. Er versuchte sich an den Tag zu erinnern als er nach Rom zurückgekehrt war, als er Serapio versucht hatte, zu überzeugen, ohne ihm das gänzliche Ausmaß der Tatsachen zu schildern, und er musste wohl sich eingestehen, dass Amor es nicht mochte gewesen sein, welcher ihn hatte unter seinen Schutz genommen, sondern eher Angerone. Serapio war anfangs durchaus nicht gänzlich sicher gewesen, ob er dem Verschwörerkreis hatte zugehörte, doch Gracchus hatte seine Worte derart verwoben, hatte Faustus' Gedanken in andere Richtungen gelenkt, ihn so lange verunsichert, bis sie die Politik hatten Politik sein lassen. Selbst wenn er ihn hatte gefragt, ob er am Mord an Valerinaus war beteiligt gewesen, so hatte er dies verneint, hatte es vorgezogen, die Frage wortwörtlich aufzufassen, allfällig auch, um sich nicht selbst damit befassen zu müssen, obgleich sein ganzes Leben doch in einer gänzlich anderen Art verlief. Wie oft hatte er seine Sandalen geschlossen ohne einen einzigen Riemen zu berühren, wie oft hatte er Dinge bezahlt ohne eine Münze in die Hand zu nehmen, wie oft hatte er Amtsaufgaben ausgeführt, ohne einen einzigen Finger zu krümmen. Sein ganzes Leben bestand aus Taten, welche er nie selbst hatte getan, welche er mit Worten vorgab, dass Sklaven oder subalterne Beamte sie ausführten. Er hatte auf den Tod Valerianus' beharrt - welchen Unterschied machte es, dass er zur Ausführung der Tat nicht einmal in seine Nähe gelangt war?
"Ich glaube nicht, dass er zum damaligen Zeit..punkt über alles ... über meine Partizipation ... Bescheid wusste"
, warf er ob dessen gedankenverloren ein.
"Sofern er heute dessen bewusst ist, so mag sein Urteil anders divergent, so mag dies auch unsere ... Freundschaft ändern. Ich habe ihn nicht mehr gesehen seit die praetorianische Garde nach Norden aufgebro'hen ist."
Er senkte seinen Blick, denn dies alles klang so schrecklich nüchtern. So mag dies auch unsere Freundschaft ändern.. In guter Hoffnung zerstören, devastieren, negieren, doch Palmas Worte ließen eher auf eine Kehrtwendung schließen - Liebe zu Hass. Wie sollte dies sein, wenn Faustus ihn würde hassen?
"Seine Schwester, Decima Seiana, sicherte hernach meine Protektion innerhalb der Casa Decima."
Was hatte sie gewusst? Weshalb hatte sie ihn nicht verraten? Gracchus hatte bis zu diesem Augenblick keine Antwort auf diese Frage gefunden, doch allfällig hatte sie schlichtweg nur getan, was ihr Bruder von ihr hatte verlangt. Er schaute wieder auf.
"Wenn du heute alles würdest wissen, wenn du würdest absehen können, dass am Ende unser Ziel würde errei'ht werden, doch dass der Weg dorthin durch den Verrat all dies mit sich bringt, was nun hinter uns liegt - würdest du noch einmal all dem zu..stimmen?"
Dieses beständige hätte, würde, könnte zermürbte Gracchus, lag einer endlos bleiernen Müdigkeit über ihm, doch er konnte nicht davon ablassen, wieder und wieder diese gleichen Gedanken zu denken. -
"Frei..lassung?"
, echote Gracchus mehr als nur perplex, seine Schultern sackten ein wenig herab, sein ganzes Wesen verfiel in Starre gleich dem Schiff, welchem buchstäblich der Wind aus den Segeln genommen war. All die Sorge, die quälenden Gedankengänge, die schlaflosen Nächte, nicht zuletzt das schlechte Gewissen und die Ungeduld - gänzlich vergebens? Und obgleich der Imperator versuchte seine Ahnungslosigkeit ein wenig zu relativieren, so schien Gracchus die Kompromittierung ob dessen doch allzu bewusst. Wie oft im Leben erhielt ein Mann die Option auf eine Audienz bei seinem Kaiser? War nicht etwa von einem Senator zumindest zu erwarten, dass er sich für solcherlei bestens präparierte, dass er die Zeit des Imperators nicht mit Belanglosigkeiten in Anspruch nahm? Schmerzlich wurde Gracchus gewahr, dass auch Sciurus' Rückkehr nach Rom nichts daran hatte geändert, dass er mit der Wirklichkeit nicht mehr konnte Schritt halten, dass jener Zustand, welcher seit Beginn des Bürgerkrieges von ihm hatte Besitz genommen - in welchem die Zeit divergent zur Realität zu fließen schien, in welchem ein Tag sich bot wie der andere, in welchem Tage, Wochen und Monate sich bündelten zu einer Einheit, in welchem das Gestern und das Morgen nicht relevant waren, ebensowenig wie das Selbst -, dass jener Zustand noch immer andauerte. Allfällig wurde er einfach alt, überholt von den Ereignissen der Gegenwart, überrannt von der Geschwindigkeit der Jugend, allfällig indes hatte er auch einfach nur die rechte Spur verloren - einem Wanderer gleich, welcher auszehrend sich durch unwegsames Gelände schlug, mit Steinbrocken, Sumpflöchern und widerborstigem Gestrüpp kämpfte, während ein stadium entfernt all die anderen Wanderer ihn mühelos auf der gepflasterten Straße überholten. Das beständige Gefecht, welches Gracchus auf diesem Pfade schlug, hatte ihn gar derart ausgezehrt, dass er in diesem Augenblicke nicht einmal mehr Erleichterung oder gar Freude über die gute Nachricht in sich verspürte, denn letztlich warf dies alles nur neue Ungewissheit auf. Er hatte sich so sehr auf Serapios Freilassung fixiert, dass er keinen Augenblick daran hatte verschwendet, was hernach würde notwendig werden.
"Ich schulde ihm mein Leben, allfällig mehr"
, setzte er sodann zu einer Erklärung an. Es hatte keinen Zweck, diese Tatsache zu leugnen, schlussendlich war diese Reputation das Mindeste, was er Faustus' Familie konnte vergelten, zudem wusste er schlichtweg nicht, was er anderes sollte nun tun als Cornelius' Fragen zu beantworten, da der Zweck seines Audienzgesuches sich bereits welken Blätter im Herbstwind gleich hatte zerstreut.
"Er hat mir Obda'h gewährt in seinem Haus, hier in Rom als Vescularius' Pro..scriptionen längst verhängt waren." -
"Nun, dieser Ansicht bin ich ebenfalls, so dass ich auch diese Kon..sequenz sekundieren kann."
Es verwunderte Gracchus doch ein wenig, wie ein Homo Novus auf solcherlei Vorhaben konnte verfallen - denn letztlich war er wie viele Patrizier davon überzeugt, dass eben jene das Recht auf treffliche politische Vorschläge gepachtet hatten. Indes war er nicht in ausreichendem Maße dünkelhaft, um auf dieses Recht zu beharren, sofern dies dem Wohle des Imperium Romanum, wiewohl seiner Familie zugute kam. So zumindest war es früher einmal gewesen, wie er sich in diesem Augenblicke schmerzlich bewusst wurde, denn wie konnte er sich noch anmaßen, über das Wohl des Imperium Romanum bestimmen zu wollen, da seine Verve zuletzt in nicht unerheblichem Maße dazu hatte beigetragen, es ins Verderben zu stürzen?
"Gibt es weitere Vorhaben, welche du umzusetzen gedenkst?"
Zweifelsohne war dies durchaus genügend für eine Amtszeit, schlussendlich inkludierte das Aedilat an sich bereits eine Vielzahl an Aufgaben. -
Obgleich die vielen Fragen ihn allmählich ein wenig ermüdeten - beständige, beharrliche Neugierde, gepaart mit der Fähigkeit eine schier infinite Anzahl an Fragen daraus zu formulieren war einer der Gründe, weshalb Gracchus mit Kindern seine Schwierigkeiten hatte, neigte er doch dazu, ihnen all ihre Fragen vollumfänglich beantworten zu wollen, was ihn bisweilen ob der Kindlichkeit der Fragen wiederum in arge Bedrängnis brachte - so bedeutete er Minor mit einer Bewegung aus dem Handgelenk heraus, seine Frage zu stellen - eine Tat, welche er zweifelsohne alsbald im nächsten Augenblicke wieder bereute. Nervös zuckte sein linker Mundwinkel, er fixierte seinen Sohn auf eine Weise, als würde er dessen angesichtig werden wie aus Minors Haut sich ein anderer Mensch schälte, um sodann abrupt aufzustehen, sich dem Fenster zuzuwenden, welches zum hortus hinaus ging. Niemand hatte das Recht, eine Erklärung von ihm zu verlangen, niemandem gegenüber würde er je sich verargumentieren für das, was er hatte getan, niemandem war er eine Erklärung schuldig - bis auf seine Kinder. Ihnen hatte er geglaubt, eine Zukunft schaffen zu müssen, ihretwegen war er bereit gewesen, seine eigene Zukunft zu opfern, ihnen hatte er ein Rom bieten wollen, in welchem die Traditionen und Tugenden wieder gewahrt wurden, in welchem sie sich auf das Imperium Romanum konnten verlassen, welches ihnen die Zukunft offerierte, für welche sie geschaffen waren. Zu seinem eigenen Missfallen hatte Minor alles Recht dazu, Fragen zu stellen, und es lag in seiner Obliegenheit, ihm eine Antwort zu entbieten.
"Was sonst hätte ich tun können - dich mit nach Rom, zurück in die Höhle des Löwen nehmen?"
begann er leise, betrachtete die lorbeerähnlichen Blätter eines Rhododendronbusches vor dem Fenster, beiläufig darüber sinnierend, ob es dem römischen Volk würde auffallen, wenn ihr Kaiser statt eines Lorbeerkranzes einen Rhododendronkranz würde tragen?
"Es war bereits mehr als diffizil, un..bemerkt von hier nach Mantua zu gelangen, ich wollte nicht …"
Er zögerte kurz. Dem Volk würde es zweifellos nicht auffallen, doch würde der Senat einen Unterschied von Lorbeer zu Rhododendron bemerken?
"Ich wollte nicht, dass du dies alles noch einmal erdulden musst. Zudem … die Pro..skription war ausgesprochen und ich war mir selbst meines Ansinnens nicht gänzli'h sicher, der Misserfolg hätte ebenso gut den Tod oder Schlimmeres bedeuten können."
Er drehte sich um und fixierte Minor.
"Du bist der Erbe der Flavia Graccha, du wirst unseren Familienzweig kontinuieren - und obgleich ich bisweilen nicht hö'hlichst arriviert darin mag anmuten, so ist doch seit deiner Geburt eine meiner gravierendsten Obliegenheiten, dein Wohl und deine Zukunft zu gewährleisten."
Zweifelsohne war dies generell gesehen eine eher schwache Bekundung väterlichen Zuneigung und Liebe, doch es war wohl mehr als Gracchus seinem Sohn je gegenüber hatte zum Ausdruck gebracht, und wahrlich kostete es ihn einige Mühe, jene Worte über seine Lippen dringen zu lassen, ob dessen er sogleich in einen Versuch der Erklärung auswich.
"Ich bin kein Feldherr, nicht einmal ein sonderlich viabler Taktiker. Ich werde kaum je der Kriegsführung inne werden, ganz abgesehen von der Dislozierung ver..schiedener Einheiten, davon Schlachten zu schlagen oder Belagerungen zu koordinieren."
Er vermied zu erwähnen, dass allein der Gedanke an die Anwesenheit in einem Lager der Legion Beklemmungen in ihm assoziierte, welche wohl nur deswegen in Mantua nicht zu seinem Unwohlsein hatten beigetragen, da es ob der vorangegangenen Ereignisse wohl kaum noch eine Steigerung seiner seelischen Indisposition hatte geben können.
"Die einzige Option, das Geschehen zu beeinflussen, lag für mich in Rom."
Die einzige Möglichkeit, jene Misere auszugleichen, welche er dort hatte verursacht - doch dies war etwas, was er nicht einmal seinen Kindern würde preisgeben.
"Ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, was einst Caligulas Verderben war, würde auch uns von Vescularius befreien können, und würde ich nur den richtigen Mann an der ri'htigen Position persuadieren, so würde ich weitere Kalamitäten annihilieren können."
Er seufzte, kehrte zurück an den Schreibtisch und nahm wieder dahinter Platz. Würde er noch einmal an diesem Punkt stehen, würde er noch immer glauben, Faustus überzeugen zu können? Allfällig nicht, doch was wäre die Alternative dazu es zu versuchen, wenn nur die geringste Chance würde bestehen, all den darauffolgenden Schrecken verhindern zu können?
"Deplorablerweise habe ich die Loyalität und Vortreffli'hkeit römischer Soldaten verkannt, ebenso wie die Klein..mütigkeit des Senates."
Womit sich durchaus die berechtigte Frage stellen ließ, was somit als Ressort noch übrig blieb, da er auch in dieser Hinsicht kaum mehr Talent besaß als für den Kriegszug. -
Seit den Tagen, welche der unsäglichen Nacht, in welcher er Rom hatte verlassen, vorangegangen waren, hatte Gracchus die toga praetexta nicht mehr getragen, doch er war sich nicht dessen sicher, ob sie ihm nur dieser langen Zeitspanne wegen am heutigen Tage derart hinderlich schien, derart voluminös, derart massig, als wäre sie zu groß für ihn, als wäre er ihrer Verantwortung nicht mehr gewachsen. Einige Augenblicke war er ob dessen konsterniert als er nach dem Platznehmen die Stoffbahnen wieder ein wenig richtete, sann flüchtig über die Worte des Kaisers bezüglich seines Platzes im Senat nach und fasste nur dies als subtilen Hinweis auf - dass seine Absenz dort nicht würde geduldet werden -, während die intendierte Anspielung des Imperators bezüglich der Essenz der Audienz ihm gänzlich verborgen blieb. Ohnehin blieben diese Überlegungen nur marginale, belanglose Gedanken, welche ob der Bedeutsamkeit seines eigentlichen Anliegens jegliche Relevanz einbüßten. Gracchus sog scharf durch die Nase Luft ein, öffnete den Mund, hielt die Luft an - und hatte den Anfang seiner zurechtgelegten, vielmals einstudierten und immer wieder nachgebesserten Worte, mit welchen er Cornelius Palma hatte überzeugen wollen, vergessen.
"Ich ..."
, versuchte er eine alternative Lösung, bemerkte jedoch, dass es keinen Fortgang für sie gab, und ließ die angehaltene Luft tonlos entweichen. Es war nicht wie einst, als sein Leib sich schlichtweg hatte geweigert, die gedanklich gefassten Worten in eine klangliche Realität zu transferieren, denn tatsächlich war in seinen Gedanken nicht mehr zu finden als Laute aus seiner Kehle drangen. Er versuchte sich an dem festzuhalten, was all sein Denken dominierte, begann ob dessen noch einmal.
"Es ..."
Zweifelsohne war dies der rechte Beginn, doch in diesem Augenblicke war auch jenem der Sinn verlustig. Blinzelnd blickte Gracchus den Kaiser an. Cornelius Palma. Die Konspiration. Vescularius Salinator. Die Flucht. Mantua. Zurück nach Rom. Caligula. Aton. Faustus. Faustus!
"Faustus Decimus Serapio!"
perlte es endlich über seine Lippen als wäre der Name ein einziges Wort.
"Der ... Praefectus Prae..torio"
, fügte er an, als könnte es möglich sein, dass Palma nicht würde wissen, von wem er sprach.
"Er wurde in Haft genommen und sitzt im Car..cer der Castra Praetoria ein. Ich mö'hte dich um seine ... Freilassung ... bitten."
In diesem Augenblicke wurde Gracchus bewusst, dass er noch immer nicht wusste, was genau man Serapio hatte vorgeworfen, dass er ob dessen nicht einmal wusste, ob dies eine sehr geringe, ein mäßige oder allfällig gar ein sehr gewichtige Bitte war. Tatsächlich war dies indes für ihn nicht von Belang, denn hätte er nur einen einzigen Gefallen, welchen Cornelius jemals ob ihrer gemeinsamen Vergangenheit ihm würde gewähren, so wäre es dieser eine.